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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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»Ich kenne sie«, versetzte Leibgeber, »wie meinen Puls; erzähl aber lieber jetzo nichts – ich muß sonst so lange stille sitzen und aufpassen. Heb alles auf, bis wir im warmen Schoß Abrahams sitzen, in der Eremitage«; welches nach Fantaisie der zweite Himmel um Baireuth ist, denn Fantaisie ist der erste, und die ganze Gegend der dritte. – Sie hielten nun eine Himmelfahrt durch alle Materien und Gassen, worein sie kamen. »Du sollst mir – (sagte Leibgeber, da Siebenkäs leider eine ebenso unregelmäßige Lüsternheit nach dessen Geheimnis verriet, als ich am Leser bemerken muß) – eher den Kopf wegschlagen, wie von einem Mohnstengel, als daß ich dir schon heute oder morgen oder übermorgen meine Mysterien aus meinem in deinen setzte; nur so viel darf ich dir entdecken, daß deine Auswahl aus des Teufels Papieren (dein Abendblatt enthält schon mehr von Krankheitmaterie) ganz göttlich ist und sehr himmlisch und recht gut und nicht ohne Schönheiten, sondern vielleicht passabel.« – Leibgeber deckte ihm nun seine ganze freudige Überraschung auf, daß er, der Advokat, in einem Kleinstädtchen, das nur Krämer- und Juristenseelen samt einiger darangehängter hoher Obrigkeit beleben, sich in seiner Satire zu solcher Kunstfreiheit und Reinheit habe erhöhen können; und in der Tat hab' ich wohl selber, wenn ich die Auswahl aus des Teufels Papieren las, zuweilen gesagt: ich hätte nicht einmal in Hof im Voigtland, wo ich sonst manches scherzend geschrieben, dergleichen machen können.

Leibgeber setzte dem Lorbeerkranze die Krone auf durch die Versicherung, er könne leichter laut und mit beiden Lippen lachen über sämtliche Welt als leise und mit der Feder und nach erprobten Kunstregeln. – Siebenkäs war über das Lob außer sich vor Lust; aber es verdenke die Freude doch niemand dem Advokaten oder irgendeinem andern Schreiber – welcher einsam ohne Lobredner die redlich gewählte Kunstbahn ohne die Stütze der kleinsten Aufmunterung standhaft durchgeschritten –, wenn ihn nun am Ende des Ziels der Geruch einiger Lorbeerblätter aus Freundes Hand gewürzhaft durchdringt und kräftigt und lohnt. Bedarf ja der Berühmte, sogar der Anmaßende der Nachwärmung durch fremde Meinung, wieviel mehr der Bescheidne und der Ungekannte! – Aber glücklicher Firmian! In welcher Ferne tief in Süd-Süd-West, zogen jetzt die Strichgewitter deiner Tage! Und man konnte, da die Sonne darauf fiel, nichts als einen sanft niedersteigenden Regen daran sehen. –

Er nahm über der Wirtstafel an seinem Leibgeber mit Vergnügen wahr, wie sehr der ewige Tausch mit Menschen und Städten die Zunge löse und den Kopf öffne – wiewohl dann oft statt der Mundsperre die Herzsperre eintritt –: Leibgeber machte sich nichts daraus (welches der eingesperrte Armenadvokat kaum nach einer großen Flasche hätte wagen wollen), vor den größten Regierräten und Kanzleiverwandten, die in der Sonne mit aßen, von seinem Ich zu reden, und zwar ganz spaßhaft. Ich will die Rede, weil sie dem Armenadvokaten auffiel, hereinmauern und auf sie die Überschrift setzen: Tischrede Leibgebers.

Tischrede Leibgebers

»Unter allen Herren Christen und Namen, die hier sitzen und anspießen, wurde wohl keiner mit solcher Mühe dazu gemacht als ich selber. Meine Mutter, aus Gascogne gebürtig, ging nämlich ohne meinen Vater, der in London blieb als Diözesan der deutschen Gemeinde in London, von da aus zu Schiff nach Holland. Inzwischen tobte und insurgierte das deutsche Meer nie so entsetzlich – solang es einen Reichshofrat gibt – als damals, wo es meine Mutter traf, darüber zu fahren. Schütten Sie die Hölle mit ihrem zischenden Schwefelpfuhl, geschmolzenen Kupfer und ihren plätschernden Teufeln in die kalte See und bemerken das Knastern – das Brausen – das Aufschlagen der Höllenflammen und der Meeres-Wellen, bis eines von den zwei feindlichen Elementen das andere verschluckt oder niederschlägt: so haben Sie einen schwachen, aber doch unter dem Essen hinreichenden Begriff von dem verdammten Sturm, in dem ich auf die See und zur – Welt kam. Sie können sich vorstellen, wenn der Bauchgürtel – der Dempgürtel – der Nordgürtel des großen Bramsegels (wiewohl es mit den Schoten des Schönfahrsegels noch schlechter stand) – wenn ferner die große Stengestag, der große Laufer, Takel und Mantel – gar nicht zu gedenken der Brassen der Bovenblindenree – wenn solche des Seewesens gewohnte Dinge, sag' ich, halb ums Leben kamen: so wars ein ordentliches Meer-Wunder, wenn ein so zartes Wesen, wie ich damals war, seines darin anzufangen vermochte. Ich hatte damals nicht so viel Fleisch auf dem Leibe als gegenwärtig Fett und mochte in allem vier Nürnberger Pfund mit Ausschlag wiegen, welches jetzo, wenn wir den besten anatomischen Theatern glauben dürfen, das Gewicht meines bloßen Gehirns allein ist. Ich war noch dazu ein blutjunger Anfänger, der noch nichts von der Welt gesehen als diesen teuflischen Sturm – ein Mensch von wenig Jahren nicht sowohl als von gar keinen, wiewohl alle Leute ihr Leben um neun Monate höher bringen, als das Kirchenbuch besagt – weichlich und gegen alle medizinische Regeln gerade in den ersten neun Monaten meines Lebens zu warm und eingewindelt gehalten, anstatt daß man mich auf die kalte Luft in der Welt hätte vorbereiten sollen – so viertelwüchsig, als ein solcher zarter Blütenknopf, und weichflüssig wie die erste Liebe, erregte ich in einem solchen Wetter keine größeren Erwartungen (ich quäkte mit Mühe ein- oder zweimal in den Sturm), als daß ich auslöschen und ausleben würde, noch eh' es sich aushellete. Man wollte mich nicht gern ohne ehrlichen Namen und ohne alles Christentum aus der Welt lassen, aus der man ohnehin noch weniger mitnimmt, als man mitbringt. Nun war nichts schwerer, als zu Gevatter zu – stehen auf einem schwankenden Schiff, das alles umwarf, was nicht angebunden war. Der Schiffprediger lag zum Glück in einer Hangematte und taufte herab. Mein Dot oder Taufpate war der Hochbootsmann, der mich fünf Minuten lang hielt – ihn hielt, weil er nicht allein so fest stehen konnte, daß der Täufer den Kopf des Täuflings mit dem Wasser treffen konnte, wieder der Unterbarbier – der war an einen Büchsenschisser befestigt – dieser an den Schiemann – der an den Profos – und dieser saß auf einem alten Matrosen, der ihn grimmig umschlang.

Inzwischen ging, wie ich nachher vernahm, weder das Schiff noch das Kind unter. Sie sehen aber sämtlich, daß, so sauer es auch irgendeinem Menschen in den Stürmen des Lebens werden mag, ein Christ zu werden und zu bleiben oder sich einen Namen zu erwerben, es sei nun in einem Adreßkalender oder in einer Literaturzeitung oder in einer Heroldkanzlei oder auf einer Schaumünze – es doch keinem (als eben mir) so hart ging, bis er nur die Anfanggründe eines Namens, die Grundierung und binomische Wurzel eines Taufnamens, worauf nachher der andere große Name aufgetragen wurde, und einiges Christentum überkam, soviel ein Konfirmand und Katechumen, der noch saugt und dumm ist, fassen kann. – Es gibt nur eine Sache, die noch schwerer zu machen ist, die der größte Held und Fürst nur einmal in seinem Leben, die aber alle Genies – und selber die drei geistlichen Kurfürsten, der deutsche Kaiser – mit vereinigten Kräften nicht zuwege bringen, und wenn sie jahrelang in der Münzstätte säßen und prägten mit den neuesten Rändel- oder Kräuselwerken.«

Die Wirts-Tafel drang in ihn, das zu nennen, was so schwer zu modellieren wäre. »Ein Kronprinz ists«, versetzte er kalt, »schon apanagierte Prinzen werden einem Regenten nicht leicht zu geben – von einem Kronprinzen aber kann er (er mag es anstellen, wie er will) in seinen besten Jahren nicht mehr liefern (weil ein solcher Seminarist kein Spielwerk, sondern vielmehr das Hauptwerk, die Mühl-, Sprach- und Spielwalze eines ganzen Volkes ist), nicht mehr, sag' ich, als ein einziges Exemplar. Grafen hingegen meine Herren, Barone, Kammerbetten, Regimentstäbe und besonders ganz gemeine Leute und Untertanen, kurz Schorfmoose dieser Art werden von einem Fürsten als eine generatio aequivoca so außerordentlich leicht gezeugt, daß er dergleichen lusus naturae und Vor-Schwärme oder Protoplasmata spielend zu beträchtlichen Quantitäten schon in seiner frühesten Jugend von dem Poussierstuhle springen lässet, indes ers doch in reifern Jahren nicht so weit bringt, daß er einen Thronfolger erbauet. Man hätte nach so vielen Probeschüssen und Waffenübungen aufs Gegenteil geschworen.«

Ende der Tischrede Leibgebers
 

Nachmittags bezogen beide das grünende Lustlager der Eremitage; und die Allee dahin schien ihren frohen Herzen ein durch einen Lustwald gehauener Gang zu sein; auf die Ebene um sie hatte sich der junge Zugvogel, der Frühling, gelagert, und seine abgeladnen Schätze von Blumen lagen über die Wiesen hingeschüttet und schwammen die Bäche hinab, und die Vögel wurden an langen Sonnenstrahlen aufgezogen, und die geflügelte Welt hing taumelnd im ausgegoßnen Wohlgeruch.

Leibgeber nahm sich vor, sein Geheimnis und Herz heute in der Eremitage aufzuschließen – vorher aber einige Flaschen Wein.

Er bat und zwang den Advokaten, vor allen Dingen ihm ein kurzes Zeitungkollegium über seine bisherigen Begebenheiten zu Wasser und zu Lande zu lesen. Firmian tats, aber mit Einsicht: über das Mißjahr seines Magens, über seine teuern Zeiten, über den bildlichen Winter seines Lebens, auf dessen Schnee er wie ein Eisvogel nisten mußte, und über alle die kalte Nordluft, die einen Menschen, wie die Wintersoldaten, zum Eingraben in die Erde treibt, darüber lief er eilends weg. Ich muß es billigen; erstlich weil ein Mann keiner wäre, der über die Wunden der Dürftigkeit einen größern Lärm aufschlage als ein Mädchen über die des Ohrläppchens, zumal da in beiden Fällen in die Wunden Gehenke für Juwelen kommen; zweitens weil er seinem Freunde keine sympathetische Reue über den Namentausch, diese Quelle aller seiner Hungerquellen, geben wollte. Aber für seinen innigen Freund war schon das entfärbte, welke Angesicht und das zurückgesunkne Auge ein Monatkupfer seines Eismonats und eine Winterlandschaft von der beschneiten Strecke aus seinem Lebenwege.

Aber als er auf die tiefsten verhüllten Seelenwunden kam: konnt' er kaum das in die Augen steigende Blutwasser aufhalten – ich meine, als er auf Lenettens Haß und Liebe geriet. Indem er aber von ihrer kleinen gegen ihn, von ihrer großen gegen Stiefeln eine nachsichtige Zeichnung gab: nahm er zum historischen Stücke, das er von ihrer Rechtschaffenheit gegen den Venner und von Rosas Schlechtigkeit überhaupt ausmalte, viel höhere Farben.

»Wenn du fertig bist«, sagte Leibgeber, »so lasse dir sagen, daß die Weiber keine gefallnen Engel sind, sondern fallende. Beim Henker! sie setzen uns bei unserer leidenden Schaf- und Schöpsenschur die Schere mehr in die Haut als in die Wolle. Wenn ich über die Brücke zur Engelsburg in Rom ginge: so würd' ich an die Weiber denken, weil auf ihr zehn Engel, jeder mit einem andern Marter-Werkzeug, der eine mit den Nägeln, der andere mit dem Rohr, der dritte mit dem Würfel, ausgehauen stehn. So hat jede ein anderes Marterinstrument für uns arme Gottes-Lämmer in der Hand. – – Wen glaubst du z.B. wohl, daß das gestrige Palladium, deine Unbekannte, mit dem Ehering wie mit einem Nasenring an den Ehebett-Fuß anschließet? – Ich muß sie dir aber erst schildern: sie ist herrlich – dichterisch – schwärmerisch in Briten und Gelehrte verliebt, folglich auch in mich – lebt daher auch mit einer vornehmen Engländerin, die halb eine Gesellschaftdame der Lady Craven und des Marktgrafen ist, draußen in Fantaisie – hat nichts und akzeptiert nichts, ist arm und stolz, leichtsinnig-kühn und tugendhaft – und schreibt sich Natalie Aquiliana... Weißt du, wen sie ehelicht? Einen so mürben, verloderten Lumpen, einen so matten Geist, dessen Eierschale einige Wochen zu bald zerknickt wurde, und der jetzo mit gelbem Haargefieder auf unsern Fußzehen piepet – ders dem Heliogabal, der täglich einen neuen Ring ansteckte, mit den Eheringen nachtut – den ich mit der Nase über den Nordpol hinausniesen will, und über den Südpol auf eine andere Art, ohne mich umzukehren – und den ich dir am wenigsten zu schildern brauche, da du mir ihn eben selber geschildert hast – und den du auch kennst, wenn ich ihn nenne .... Den Venner Rosa von Meyern heiratet die Holde.« Firmian fiel nicht aus den Wolken, sondern recht hinein in sie. Kurz die unbekannte Natalie ist die Nichte des Heimlichers, von der Leibgeber schon in einem Briefe des ersten Bändchens einiges geschrieben! »Höre!« fuhr Leibgeber fort, »aber ich will mich zerstücken und zerhacken lassen in kleinere Krumen als GroßpolenEr meint nicht die spätere genauere Analyse von Polen, sondern die erste. , in Abschnitzel, die keinen hebräischen Selblauter bedecken sollen, wenn nun etwas aus der Sache wird; denn ich hintertreibe sie.« –

Da er, wie bekannt, mit dem Mädchen, das an seiner unbefleckten Seele und an seinem kühnen Geisterstand unauflöslich hing, alle Tage sprach: so hatt' er bei ihr nichts nötig als eine Wiederholung und Beteuerung dessen, was Siebenkäs von ihrem Bräutigam erzählet hatte – um die nahe Ehe zu scheiden. Die Bekanntschaft, die er mit ihr, und die Ähnlichkeit, die er mit Siebenkäs hatte, waren gestern schuld gewesen, daß sie unsern Firmian mit dem verwechselte, dem er entgegenzog.

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