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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Seine Freudenblumen schloß der Abend mit ihren Blättern über ihren Honiggefäßen zu, und auf sein Herz fiel der Abendtau der Wehmut kälter und größer, je länger er ging. Gerade vor Sonnenuntergang kam er vor ein Dorf – leider ists mir aus dem Gedächtnis wie ausgestrichen, obs Honhart oder Honstein oder Jaxheim war: so viel darf ich für gewiß ausgeben, daß es eines von dreien war, weil es neben dem Fluß Jaxt und an der Ellwangschen Grenze im Ansbachschen lag. Sein Nachtquartier rauchte vor ihm im Tal. Er legte sich, eh' ers bezog, auf einem Hügel unter einen Baum, dessen Blätter und Zweige ein Chorpult singender Wesen waren. Nicht weit von ihm glänzte in der Abendsonne das Rauschgold eines zitternden Wassers, und über ihm flatterte das vergoldete Laubwerk um die weißen Blüten, wie Gräser um Blumen. Der Kuckuck, der sein eigner Resonanzboden und sein eignes vielfaches Echo ist, redete ihn aus finstern Gipfeln mit einer trüben Klagstimme an – die Sonne floß dahin – über den Glanz des Tages warfen die Schatten dichtere Trauerflöre – unser Freund war ganz allein – und er fragte sich: »Was wird jetzt meine Lenette tun, und an wen wird sie denken, und wer wird bei ihr sein?« – Und hier durchstieß der Gedanke: »aber ich habe keine Geliebte an meiner Hand!« mit einer Eishand sein Herz. Und als er sich die schöne, zarte weibliche Seele recht klar gemalet hatte, die er oft gerufen, aber nie gesehen, der er gern so viel, nicht bloß sein Herz, nicht bloß sein Leben, sondern alle seine Wünsche, alle seine Launen hingeopfert hätte: so ging er freilich den Hügel mit schwimmenden Augen, die er vergeblich trocknete, hinunter; aber wenigstens jede gute weibliche Seele, die mich liest und die vergeblich oder verarmend geliebt, wird ihm seine heißen Tropfen vergeben, weil sie selber erfahren, wie der innre Mensch gleichsam durch eine vom giftigen Samielwinde durchzogne Wüste reiset, in welcher entseelte, vom Winde getroffne Gestalten liegen, deren Arme sich abreißen von der eingeäscherten Brust, wenn der Lebendige sie ergreift und anziehen will an seine warme. Aber ihr, in deren Händen so manche erkälteten durch Wankelmut oder durch Todesfrost, ihr dürft doch nicht so klagen wie der Einsame, der nie etwas verloren, weil er nie etwas gewonnen, und der nach einer ewigen Liebe schmachtet, von der ihm nicht einmal eine zeitliche ein Trugbild jemals zum Troste zugesandt.

Firmian brachte eine stille, weiche, sich träumend-heilende Seele in sein Nachtlager und auf sein Bette mit. Wenn er darin den Blick aufschlug aus dem Schlummer, schimmerten die Sternbilder, die sein Fenster ausschnitt, freundlich in seine frohen hellen Augen und warfen ihm die astrologische Weissagung eines heitern Tages herab.

Er flatterte mit der ersten Lerche und mit ebensoviel Trillern und Kräften aus der Furche seines Bettes auf. Er konnte diesen Tag, wo die Ermüdung seinen Phantasien die Paradiesvogel-Schwingen berupfte, nicht ganz aus dem Ansbachischen gelangen.

Den Tag darauf erreichte er das Bambergische (denn Nürnberg und dessen pays coutumiers und pays du droit écrit ließ er rechts liegen). Sein Weg lief von einem Paradies durch das andere – Die Ebene schien aus musivisch aneinander gerückten Gärten zu bestehen – Die Berge schienen sich gleichsam tiefer auf die Erde niederzulegen, damit der Mensch leichter ihre Rücken und Höcker besteige – Die Laubholz-Waldungen waren wie Kränze bei einem Jubelfest der Natur umhergeworfen, und die einsinkende Sonne glimmte oft hinter der durchbrochnen Arbeit eines Laubgeländers auf einem verlängerten Hügel wie ein Purpurapfel in einer durchbrochnen Fruchtschale. – In der einen Vertiefung wünschte man den Mittagschlaf zu genießen, in einer andern das Frühstück, an jenem Bache den Mond, wenn er im Zenith stand, hinter diesen Bäumen ihn, wenn er erst aufging, unten an jener Anhöhe vor Streitberg die Sonne, wenn sie in ein grünes Gitterbette von Bäumen steigt.

Da er den Tag darauf schon mittags nach Streitberg kam, wo man alle jene genannte Dinge auf einmal erleben wollte: so hätt' er recht gut – er mußte denn kein so flinker Fußgänger sein als sein Lebenbeschreiber – noch gegen Abend die Baireuther Turmknöpfe das Rot der Abend-Aurora auflegen sehn können; aber er wollte nicht, er sagte zu sich: »Ich wäre dumm, wenn ich so hundmüde und ausgetrocknet die erste Stunde der schönsten Wiedererkennung anfinge und so mich und ihn (Leibgebern) um allen Schlaf und am Ende um das halbe Vergnügen (denn wie viel könnten wir heute noch reden?) brächte. Nein, lieber morgen früh um 6 Uhr, damit wir doch einen ganzen langen Tag zu unserem Tausendjährigen Reiche vor uns haben.«

Er übernachtete daher in Fantaisie, einem artistischen Lust- und Rosen- und Blütental, eine halbe Meile von Baireuth. Es wird mir schwer, das papierne Modell, das ich von diesem Seifersdorfer Miniatur-Tal hier aufzustellen vermochte, so lange zurückzutun, bis ich einen geräumigem Platz vorfinde; aber es muß sein, und bekomm' ich keinen, so steht mir allemal noch hinten vor dem Buchbinderblatte dazu ein breiter offen.

Firmian ging neben Fledermäusen und Maikäfern – dem Vortrab und den Vorposten eines blauen Tages – und hinter den Baireuthern, die ihren Sonntag und ihre Himmelfahrt beschlossen – es war der 7te Mai – und zwar so spät, daß das erste Mondviertel recht deutlich alle Blüten und Zweige auf der grünen Grundierung silhouettieren konnte, – – also so spät ging er noch auf eine Anhöhe, von der er auf das von der Brautnacht des Frühlings sanft überdeckte und mit Lunens Funken gestickte Baireuth, in welchem der geliebte Bruder seines Ichs verweilte und an ihn dachte, tränen- und freudentrunkne Blicke werfen konnte... Ich kann in seinem Namen es mit »Wahrlich« beteuern, daß er beinahe mir nachgeschlagen wäre: ich hätte nämlich mit einem solchen warmquellenden Herzen, in einer solchen von Gold und Silber und Azur zugleich geschmückten Nacht vor allen Dingen einen Sprung getan in den Gasthof zur Sonne, an meines unvergeßlichen Freundes Leibgebers Herz... Aber er kehrte wieder in das duftende Kapua zurück und begegnete noch dazu – so kurz vor dem Abendessen und Abendgebet und ganz nahe an einem gut ausgetrockneten, von einer versteinerten Götterwelt bewohnten Wasserbecken oder Streckteich – nichts Geringerem als einem hübschen Abenteuer. Ich bericht' es.

An der ausgemauerten Bucht stand nämlich eine ganz schwarz gekleidete, mit einem weißen Flore bezogne weibliche Gestalt, mit einem am Tage verwelkten Blumenstrauß in der Hand, worin ihre Finger blätterten. Sie war von ihm abgekehrt gegen Abend und schien halb die steinerne, ineinander gewickelte Schweizerei und Korallenbank von Wasserpferden, Tritonen u.s.w., halb einen zunächst stehenden, in einem Vexier-Einsturz begriffenen Tempel anzuschauen. Indes er langsam vor ihr vorüberging, sah er von der Seite, daß sie eine Blume nicht sowohl nach als über ihn warf, gleichsam als sollte dieses Ausrufzeichen einen Zerstreuten aufwecken. Er sah sich leicht um, bloß um zu zeigen, daß er schon wach sei, und ging an die Glaspforte des künstlich-baufälligen Tempels hinan, um sich neben dem Rätsel zu verweilen. Drinnen stand ihm gegenüber ein Pfeilerspiegel, der den ganzen Mittel- und Vorgrund hinter ihm samt der weißen Unbekannten in die grüne Perspektive eines langen Hintergrundes herumdrehte. Firmian ersah im Spiegel, daß sie den ganzen Strauß gegen ihn werfe, und daß sie endlich – als dieser nicht so weit fliegen konnte – die aufgesparte Pomeranze bis beinahe unter seine Füße kegelte. Er wandte sich lächelnd um. Eine sanfte, aber hastige Stimme sagte: »Kennen Sie mich nicht?« Er sagte: »nein!« und eh' er noch langsam dazu gesetzt hatte: »ich bin ein Fremder«, war ihm die unbekannte Oberin näher getreten und hatte ihre Mosis-Flor-Decke schnell vom Gesicht gerückt und in einem höhern Tone gesagt: »Und noch nicht?« – Und ein weiblicher Kopf, der vom Halse des vatikanischen Apollo abgesägt und nur mit acht oder zehn weiblichen Zügen und mit einer schmalern Stirn gemildert war, glänzte vor ihm, wie ein Marmorkopf vor der Lohe einer Fackel. Aber indem er dazu setzte, er sei ein Fremder – und indem die Gestalt ihn näher und unvergittert anblickte – und indem sie das Flor-Fallgatter wieder niederließ (welche Bewegungen insgesamt nicht so viel Zeit wegnahmen als eine einzige des Pendels einer astronomischen Uhr): so kehrte sie sich weg und sagte weniger verlegen als weiblich-entrüstet: »Vergeben Sie!« –

Es hätte wenig gefehlet, so wär' er ihr beinahe mechanisch hintendrein gezogen; er verzierte jetzt die ganze Fantaisie statt der steinernen Göttinnen mit lauter Gipsabgüssen des entflohenen Kopfes, der bloß drei Pleonasmen im Gesichte hatte: zuviel Wangenrot, zuviel Biegung der Nase und zuviel Augen-Lauffeuer oder Feuerung. Er dachte, ein solcher Kopf könnte sich, wenn er geschmückt wäre, ohne Nachteil neben dem funkelnden einer Fürstenbraut aus einer Hauptloge herauslegen, und er könnte ebensoviel Philosophisches fassen als – rauben.

Ein solches Zauber-Abenteuer nimmt man gern in den Traum hinüber, zumal da es einem gleicht. An Firmians gebogne, zitternde Blumen steckte jetzo der Mai, wie an die andern um ihn, Stäbe und band sie lose an. O wie hell schimmern sogar kleine Freuden auf eine Seele, die auf einem vom Gewölke des Grams verfinsterten Boden steht, wie aus dem leeren Himmel Gestirne vordringen, wenn wir in tiefen Brunnen oder Kellern zu ihnen aufsehen!

Am prächtigen Morgen darauf ging mit der Sonne zugleich die Erde auf. Er hatte mehr seinen ewigen Freund als die gestrige Unbekannte im Kopfe und Herzen – wiewohl er doch vor dem Meere und der Muschel, woraus die gestrige Venus gestiegen war, Wunders halber den Weg vorbei nahm, obgleich ohne Nutzen – und watete durch den nassen Glanz und Nebelduft der schimmernden Silbergrube und zerriß die um Blütenzweige gehangenen Perlenschnuren aus Spinnweben, worauf Tau-Samenperlen gezogen waren – und im durchflatterten Gezweige, das die Tastatur einer mit blühendem Bildwerk eingefasseten Harmonika war, streifte er eilig erkältete Schmetterlinge und Blüten und Tropfen hinweg, um auf den gestrigen Olymp zu kommen. Er bestieg das Freudengerüste – und über Baireuth hing der brennende Theatervorhang aus Nebel – Die Sonne stand als Königin der Bühne auf dem Gebürge und schauete dem Herunterbrennen des bunten Schleiers zu, dessen flatternde, glimmende Zunderflocken die Morgenlüfte über die Blumen und Gärten verwehten und streueten. Endlich glänzte nichts mehr als die Sonne, von nichts als dem Himmel umgeben. Unter diesem Glanze betrat er das Lustlager und die Residenzstadt seines Geliebten, und alle Gebäude kamen ihm wie schimmernde, aus dem Äther gesunkne, festere Luft- und Zauberschlösser vor. Es war sonderbar; aber er konnte sich nicht enthalten, von einigen heraushängenden Fenstervorhängen, mit denen die Straßen-Zugluft tändelte, sich einzubilden, als man sie hineinzog, die Unbekannte tu' es, da doch um diese Zeit – weils erst 8 Uhr war – eine Baireutherin so wenig ihren Blumenschlaf beschlossen haben konnte als der rote Hühnerdarm oder der Alpen-PippauDas erste Gewächs öffnet sich morgens nach 8 Uhr, der Pippau um 11. .

Jede neue Straße erhitzte sein klopfendes Herz; ein kleiner Irrweg gefiel ihm als Aufschub oder Zuwachs seiner Wonne. Endlich kam er vor den Gasthof zur Sonne, in seine Sonnennähe, an die metallene Sonne, die diesen Irrstern, wie die astronomische, in sich riß. Er fragte unten nach der Zimmer-Nummer des Herrn Leibgebers. »Er logierte hinten hinaus Nr. 8«, sagte man, »aber er ist heute ins Schwäbische verreiset, er müßte denn noch droben sein.« Glücklicherweise kehrte jemand von der Gasse in den Gasthof zurück, der die Sache bejahte und vor dem Advokaten wedelte; Leibgebers Saufinder tats.

Ein Treppensturmlaufen – ein Einbrechen der Jubelpforte – ein Fall ans geliebte Herz... alles war eins. – Und nun zogen die öden Minuten des Lebens ungehört und ungesehen vor dem stummen, engen Bunde der zwei Sterblichen vorbei – sie lagen ineinander geklammert auf den Fluten des Lebens, wie zwei gescheiterte Brüder, die in den kalten Wellen umschlingend und umschlungen schwimmen, und die nun nichts mehr halten als das Herz, an dem sie sterben...

Sie hatten sich noch kein Wort gesagt – Firmian, den eine lange trübere Zeit weicher gemacht, weinte unverhohlen auf das wiedergefundne Angesicht – Heinrich verzog seines, wie ein Schmerz – beide hatten reisefertig noch Hüte auf – Leibgeber wußte sich verlegen an nichts zu halten als an die Klingelschnur. Der Kellner lief herzu. »Es ist nichts«, sagt' er, »als daß ich nicht fortgehe.« – »Gott gebe (setzt' er nachher hinzu), Siebenkäs, daß wir uns in ein Gespräch verwickeln! zieh mich in eines, Bruder!«

Er konnt' es recht schicklich bei der pragmatischen Geschichte, Nouvelle du jour – besser de la nuit – kurz bei der Stadt- oder vielmehr Land-Neuigkeit anfangen, die er gestern neben dem Flore der schönen je ne sais quoi erlebet hatte.

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