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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Zwölftes Kapitel

Auszug aus Ägypten – der Glanz des Reisens – die Unbekannte – Baireuth – Taufhandlung im Sturm – Natalie und Eremitage – das wichtigste Gespräch in diesem Werk – der Abend der Freundschaft

Als Firmian in der Osterwoche einmal von einer halbstündigen Lustreise voll Gewaltmärsche heimkam, fragte Lenette: warum er nicht eher gekommen – der Briefträger wäre mit einem breiten Buche dagewesen; aber er hätte gesagt, der Mann müsse selber den Empfang des Päckels einschreiben. – In einem kleinen Haushalten gehöret so etwas unter die großen Weltbegebenheiten und Hauptrevolutionen in der Geschichte. Die Minuten des Wartens lagen nun als Ziehgläser und Zugpflaster auf der Seele. Endlich machte der gelbe Postbote dem bittersüßen Hanfklopfen aller Schlagadern ein Ende. Firmian bescheinigte den Empfang von 50 Tlr., während Lenette die Frage an den Boten tat: wer es schicke, und aus welcher Stadt. Der Brief fing so an:
 

»Mein Siebenkäs! Deine Abendblätter und Teufels-Papiere habe richtig erhalten. Das übrige mündlich!

Nachschrift:

Höre indes! Wenn Du Dir aus dem Walzer meines Lebens und aus meiner Lust und aus meinen Sorgen und Absichten nur das geringste machst – wenn es Dir nicht im höchsten Grade gleichgültig ist, daß ich Dich mit Stations- und Diätengeldern bis nach Baireuth frankiere, eines Planes wegen, dessen Spinnrocken die Spinnmaschinen der Zukunft entweder zu Fall- und Galgenstricken meines Lebens oder zu Treppenstricken und Ankerseilen desselben verspinnen müssen – wenn für Dich solche und noch wichtigere Dinge noch einen Reiz besitzen, Firmian: so zieh um des Himmels willen Stiefel an und komm!« –

*

»Bei deiner hl. Freundschaft!« sagte Siebenkäs, »ich ziehe ein Paar an, und sollte schon in Schwaben der Blitz des Schlagflusses aus dem blauen Himmel herabschlagen und mich unter einem Amarellenbaum voll Blüten treffen. Mich hält nichts mehr.« –

Er hielt Wort: denn in sechs Tagen darauf sehen wir ihn nachts um 11 Uhr reisefertig – mit frischer Wäsche am Leibe und in den Taschen – mit einem Hutüberzug auf dem Kopfe, der sich heimlich wieder mit einem alten feinen Hute geladen und gesättigt – in neuesten Stiefeln (das vorsündflutige Paar lag, von seinem Posten unterdessen abgelöset, in Garnison) – mit einer vom Pelzstiefel entlehnten Turmuhr in der Tasche – frischgewaschen, rasiert und aufgekämmt – neben seiner Frau und seinem Freunde stehen, die beide heute mit froher, höflicher Aufmerksamkeit niemand anschauen als den Reisefertigen; aber sich nicht. Er nimmt noch in der Nacht von beiden Wachenden Abschied, weil er nur im großen Sorgenstuhl übernachten und, wenn Lenette schnarcht, um 3 Uhr sich hinausmachen will. Dem Schulrat übertrug er das Witwenkassenamt bei der hinterlassenen Strohwitwe und das Theaterdirektorat oder doch die Gastrollen in seinem kleinen Coventgarden voll Gays Bettleropern, wovon ich das Theaterjournal hier für die halbe Erde schreibe. »Lenette«, sagt' er, »wenn du einen Rat brauchst, so wende dich an den Hrn. Rat; er tut mir die Gefälligkeit und kommt öfters.« Der Pelzstiefel gab die heiligsten Versicherungen, er komme täglich. Lenette half nicht, wie sonst, den Pelzstiefel die Treppe hinab begleiten: sondern blieb oben; zog die Hand aus der genährten Geldtasche, deren ausgehungerte Magenwände sich bisher gerieben hatten, und schnappte sie ab. Es ist nicht wichtig genug, wenn ichs anführe, daß Siebenkäs sie bat, das Licht ihn ausschneuzen zu lassen und sich nur niederzulegen, und daß er der reizenden Gestalt mit jener verdoppelten Liebe, womit die Menschen verreisen und ankommen, den langen Abschiedkuß und das gerührte Lebewohl und die gute Nacht beinahe unter der Edentüre der Träume gab.

Die Abdankung des Nachtwächters trieb ihn endlich aus dem Schlafsessel in den gestirnten, wehenden Morgen hinaus. Er schlich aber vorher noch einmal in die Kammer an das heißträumende Rosenmädchen, drückte ein Fenster zu, dessen kalte Zugluft heimlich ihr wehrloses Herz anfiel, und hielt seine nahen Lippen vom weckenden Kusse ab und sah sie bloß so gut an, als es das Sternenlicht und das blasse Morgenrot erlaubten, bis er das zu dunkel werdende Auge beim Gedanken wegwandte: ich sehe sie vielleicht zum letztenmal.

Bei dem Durchgange durch die Stube sah ihn ordentlich ihr Flachsrocken mit seinen breiten farbigen Papierbändern, womit sie ihn aus Mangel an Seidenband zierlich unwickelt hatte, und ihr stilles Spinnrad an, das sie gewöhnlich in dunkler Morgen- und Abendzeit, wo nicht gut zu nähen war, zu treten gepflegt; und als er sich vorstellte, wie sie während seiner Abwesenheit ganz einsam das Rädchen und die Flöckchen so eifrig handhaben werde: so riefen alle Wünsche in ihm: es gehe der Armen doch gut, und immer, wenn ich sie auch wieder sehe.

Dieser Gedanke des letzten Mals wurde draußen noch lebhafter durch den kleinen Schwindel, den die Wallungen und der Abbruch des Schlummers ihm in den physischen Kopf setzten; und durch das wehmütige Zurückblicken auf sein weichendes Haus, auf die verdunkelte Stadt und auf die Verwandlung des Vorgrunds in einen Hintergrund und auf das Entfliehen der Spaziergänge und aller Höhen, auf denen er oft sein erstarrtes, in den vorigen Winter eingefrornes Herz warm getragen hatte. Hinter ihm fiel das Blatt, worauf er sich als Blattwickler und Minierraupe herumgekäuet hatte, als Blätterskelett herab.

Aber die erste fremde Erde, die er noch mit keinen Stationen seines Leidens bezeichnet hatte, sog schon, wie Schlangenstein, aus seinem Herzen einige scharfe Gifttropfen des Grams.

Nun schoß die Sonnenflamme immer näher herauf an die entzündeten Morgenwolken – endlich gingen am Himmel und in den Bächen und in den Teichen und in den blühenden Taukelchen hundert Sonnen miteinander auf, und über die Erde schwammen tausend Farben, und aus dem Himmel brach ein einziges lichtes Weiß.

Das Schicksal pflückte aus Firmians Seele, wie Gärtner im Frühling aus Blumen, die meisten alten, gelben, welken Blättchen aus. – Durch das Gehen nahm das Schwindeln mehr ab als zu. In der Seele stieg eine überirdische Sonne mit der zweiten am Himmel. In jedem Tal, in jedem Wäldchen, auf jeder Höhe warf er einige pressende Ringe von der engen Puppe des winterlichen Lebens und Kummers ab und faltete die nassen Ober- und Unterflügel auf und ließ sich von den Mailüften mit vier ausgedehnten Schwingen in den Himmel unter tiefere Tagschmetterlinge und über höhere Blumen wehen.

Aber wie kräftig fing das bewegte Leben an, in ihm zu gären und zu brausen, da er aus der Diamantgrube eines Tales voll Schatten und Tropfen herausstieg, einige Stufen unter dem Himmeltore des Frühlings. – Wie aus dem Meere, und noch naß, hatte ein allmächtiges Erdbeben eine unübersehliche, neugeschaffne, in Blüte stehende Ebene mit jungen Trieben und Kräften heraufgedrängt – das Feuer der Erde loderte unter den Wurzeln des weiten hängenden Gartens, und das Feuer des Himmels flammte herab und brannte den Gipfeln und Blumen die Farben ein – zwischen den Porzellantürmen weißer Berge standen die gefärbten blühenden Höhen als Throngerüste der Fruchtgöttinnen – über das weite Lustlager zogen sich Blütenkelche und schwüle Tropfen als bevölkerte Zelte hinauf und hinab, der Boden war mit wimmelnden Bruttafeln von Gräsern und kleinen Herzen belegt, und ein Herz ums andere riß sich geflügelt oder mit Floßfedern oder mit Fühlfäden aus den heißen Brutzellen der Natur empor und sumste und sog und schnalzte und sang, und für jeden Honigrüssel war schon lange der Freudenkelch aufgetan. – Nur das Schoßkind der unendlichen Mutter, der Mensch, stand allein mit hellen frohen Augen auf dem Marktplatz der lebendigen Sonnenstadt voll Glanz und Lärm und schauete trunken rund herum in alle unzählige Gassen. – Aber seine ewige Mutter ruhte verhüllt in der Unermeßlichkeit, und nur an der Wärme, die an sein Herz ging, fühlte er, daß er an ihrem liege...

Firmian ruhte in einer Bauerhütte von diesem zweistündigen Rausch des Herzens aus. Der brausende Geist dieses Freudenkelchs stieg einem Kranken wie ihm leichter in das Herz, wie andern Kranken in den Kopf.

Als er wieder ins Freie trat, lösete sich der Glanz in Helle auf, die Begeisterung in Heiterkeit. Jeder rote hängende Maikäfer und jedes rote Kirchendach und jeder schillernde Strom, der Funken und Sterne sprühte, warf fröhliche Lichter und hohe Farben in seine Seele. Wenn er in den laut atmenden und schnaubenden Waldungen das Schreien der Köhler und das Widerhallen der Peitschen und das Krachen fallender Bäume vernahm – wenn er dann hinaustrat und die weißen Schlösser anschauete und die weißen Straßen, die wie Sternbilder und Milchstraßen den tiefen Grund aus Grün durchschnitten, und die glänzenden Wolkenflocken im tiefen Blau – und wenn die Funkenblitze bald von Bäumen tropften, bald aus Bächen stäubten, bald über ferne Sägen glitten: – so konnte ja wohl kein dunstiger Winkel seiner Seele, keine umstellte Ecke mehr ohne Sonnenschein und Frühling bleiben, das nur im feuchten Schatten wachsende Moos der nagenden zehrenden Sorge fiel im Freien von seinen Brot- und Freiheitbäumen ab, und seine Seele mußte ja in die tausend um ihn fliegenden und sumsenden Singstimmen einfallen und mitsingen: das Leben ist schön, und die Jugend ist noch schöner, und der Frühling ist am allerschönsten.

Der vorige Winter lag hinter ihm wie der düstere zugefrorne Südpol, und der Reichsmarktflecken lag unter ihm wie ein dumpfiges tiefes Schulkarzer mit triefendem Gemäuer. Bloß über seine Stube kreuzten heitere breite Sonnenstreife; und noch dazu dachte er sich seine Lenette darin als Alleinherrscherin, die heute kochen, waschen und reden durfte, was sie wollte, und die überdies den ganzen Tag den Kopf (und die Hände) davon voll hatte, was abends Liebes komme. Er gönnt' ihr heute in ihrer engen Eierschale, Schwefelhütte und Kartause recht von Herzen den herumfließenden Glanz, den in ihr Petrus-Gefängnis der eintretende Engel mitbrachte, der Pelzstiefel. »Ach, in Gottes Namen«, dacht' er, »soll sie so freudig sein wie ich, und noch mehr, wenns möglich ist.«

Je mehre Dörfer vor ihm mit ihren wandernden Theatertruppen vorüberliefen: desto theatralischer kam ihm das Leben vorJede Reise verwandelt das Spießbürgerliche und Kleinstädtische in unserer Brust in etwas Weltbürgerliches und Göttlichstädtisches (Stadt Gottes). – seine Bürden wurden Gastrollen und aristotelische Knoten – seine Kleider Opernkleider – seine neuen Stiefeln Kothurne – sein Geldbeutel eine Theaterkasse – und eine der schönsten Erkennungen auf dem Theater bereitete sich ihm an dem Busen seines Lieblinges zu...

Nachmittags um 3½ Uhr wurde auf einmal in einem noch schwäbischen Dorfe, nach dessen Namen er nicht gefragt, in seiner Seele alles zu Wasser, zu Tränen, so daß er sich selber über die Erweichung verwunderte. Die Nachbarschaft um ihn ließ eher das Widerspiel vermuten – er stand an einem alten, ein wenig gesenkten Maienbaum mit dürrem Gipfel – die Bauerweiber begossen die im Sonnenlicht glänzende Leinwand auf dem Gemeindeanger – und warfen den gelbwollichten Gänsen die zerhackten Eier und Nesseln als Futter vor – Hecken wurden von einem adeligen Gärtner beschoren, und die Schafe, die es schon waren, wurden vom Schweizerhorn des Hirten um den Maienbaum versammelt. – Alles war so jugendlich, so hold, so italienisch – der schöne Mai hatte alles halb oder ganz entkleidet, die Schafe, die Gänse, die Weiber, den Hornisten, den Heckenscherer und seine Hecken...

Warum wurd' er in einer so lachenden Umgebung zu weich? – Im Grunde weniger darum, weil er heute den ganzen Tag zu froh gewesen war, als hauptsächlich, weil der Schaf-Fagottist durch seine Komödienpfeife seine Truppe unter den Maienbaum rief. Firmian hatte in seiner Kindheit hundertmal den Schafstall seines Vaters dem blasenden Prager und Schäfer unter den Hirtenstab getrieben – und dieser Alpen-Kuhreigen weckte auf einmal seine rosenrote Kindheit, und sie richtete sich aus ihrem Morgentau und aus ihrer Laube von Blütenknospen und eingeschlafnen Blumen auf und trat himmlisch vor ihn und lächelte ihn unschuldig und mit ihren tausend Hoffnungen an und sagte: »Schau mich an, wie schön ich bin – wir haben zusammen gespielt – ich habe dir sonst viel geschenkt, große Reiche und Wiesen und Gold und ein schönes, langes Paradies hinter dem Berg – aber du hast ja gar nichts mehr! Und bist noch dazu so bleich! Spiele wieder mit mir!« – O wem unter uns wird nicht die Kindheit tausendmal durch Musik geweckt, und sie redet ihn an und fragt ihn: »Sind die Rosenknospen, die ich dir gab, denn noch nicht aufgebrochen?« O wohl sind sie's, aber weiße Rosen waren's.

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