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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Firmian verstand alles, zumal jetzt... ich muß aber zum elften Hornung zurück, um dem Leser die sympathetische Freude, die er über des vereinten Kleeblatts seine verspürte, halb zu – nehmen. Lenettens erschütternde Bitte, daß der Gatte ihr vergeben möge, war die Lohbeet-Frucht der Ziehenschen erderschütternden Weissagung; sie glaubte, der Boden und sie gingen unter, und vor dem nahen Tode, der schon mit dem Tigerschweife wedelte, bot sie ihrem Mann die Friedenhand einer Christin. Vor seiner entkörperten schönen Seele vergoß freilich die ihrige Tränen der Liebe und des – Entzückens. Aber sie vermengte vielleicht selber ihre frohen Bewegungen mit ihren liebenden, die Lust mit der Treue, und die Hoffnung, den Schulrat abends wieder in die warmen – Augen zu fassen, drückte sich ohne ihr Wissen durch eine wärmere Liebe zum Manne aus. Es ist sehr notwendig, daß ich hier einen meiner besten Ratschläge keinem Menschen vorenthalte: nämlich den, bei der besten Frau in der Welt immer wohl zu unterscheiden, was sie in der jetzigen Minute haben wolle oder gar wen, worunter nicht immer der gehört, der wohl unterscheidet. Es ist im weiblichen Herzen eine solche Flucht aller Gefühle, ein solches Werfen von farbigen Blasen, die alles, zumal das Nächste, abmalen, daß eine gerührte Frau, indes sie für dich eine Träne aus dem linken Auge vergießet, weiter nachdenken und mit dem rechten eine über deinen Vor- oder Nachfahrer verspritzen kann – oder daß eine Zärtlichkeit, die ein Nebenbuhler erregt, über die Hälfte dem Ehevogt zustirbt, und daß eine Frau überhaupt bei der aufrichtigsten Treue mehr über das weinet, was sie überdenket, als was sie vernimmt. –

Nur dumm ists, daß so viele Mannspersonen unter uns es gerade darin sind; denn eine Frau ist, da sie mehr fremde Gefühle beobachtet als eigne, dabei weder die Betrügerin noch die Betrogene, sondern nur der Betrug, der optische und akustische.

Solche durchdachte Betrachtungen machen Firmiane über den elften Hornung – welcher tolle Name nach einigen von den Trink- Hörnern der Alten abstammt, aber nach mehren von Hor oder Kot – nicht eher als am zwölften. Wendeline liebte den Rat: das wars. Sie hatte mit allen verständigen Kuhschnapplerinnen an den Generalsuperintendenten und seinen Erd-Fußstoß geglaubt, bis abends der Pelzstiefel sich frei erklärte, die Meinung sei gottlos; dann fiel sie vom prophetischen Superintendenten ab und dem ungläubigen Weltkind Firmian bei. Wir wissen alle, er hatte so gut männliche Launen, die immer die Konsequenz übertreiben, wie sie weibliche, die in der Inkonsequenz zuviel tun. Es war also töricht, daß er eine durch so viele kleine Gall-Ergießungen erbitterte Freundin durch eine große Herz-Ergießung wiederzugewinnen hoffte. Die größte Wohltat, die höchste männliche Begeisterung reißen keinen mit tausend kleinen Wurzelfasern im Herzen herumkriechenden Groll auf einmal heraus. Die Liebe, um die wir uns durch ein anhaltendes Erkälten brachten, können wir nur durch ein so anhaltendes Erwärmen wieder sammeln.

Kurz nach einigen Tagen zeigt' es sich, daß alles blieb, wie es vor drei Wochen war. Die Liebe Lenettens hatte durch Stiefels Entfernung so zugenommen, daß sie nicht mehr mit ihren Blättern unter der Glasglocke Platz hatte, sondern schon ins Freie wuchs. Die Aqua toffana der Eifersucht lief endlich in alle Adern Firmians herum und quoll ins Herz und fraß es langsam auseinander. Er war nur der Baum, in den Lenette ihren Namen und ihre Liebe gegen einen andern eingezeichnet hatte, und der an den Schnitten verwelkt. Er hatte an Lenettens Wiegenfeste so schön gehofft, der zurückgerufne Schulrat werde die größte Wunde schließen oder bedecken: und gerade er zog sie wider Wissen immer weiter auseinander; aber wie wehe tat dies dem armen Gatten! So wurd' er nun innen und außen ärmer und kränker zugleich und gab die Hoffnung verloren, den 1ten Mai und Baireuth zu sehen. Der Februar, der März und der April zogen mit einem großen tropfenden Gewölke, an dem keine lichte oder blaue Fuge und kein Abendrot war, über sein Haupt.

Am 12ten April verlor er seinen Prozeß zum zweitenmal; und am 13ten, am Grünen Donnerstag, schloß er auf immer sein Abendblatt (wie er sein Tagebuch nannte, weil er abends daran schrieb), um dasselbe und seine Teufels-Papiere – soweit sie fertig waren – statt seines bald versiegenden Körpers nach Baireuth in Leibgebers treueste Hände zu bringen, welche ja doch lieber, dacht' er, nach seiner Seele – die eben in den Papieren wohnte – greifen würden als nach seinem dürren Leibe, den ja Leibgeber selber in zweiter unabänderlicher Auflage, gleichsam Männchen auf Männchen, an sich trug und mithin jede Minute haben könnte. Die ganze Stelle des Abendblattes, diesen nachher auf die Post geschickten Schwanengesang, nehm' ich ohne Bedenken unverändert hier herein.
 

»Gestern scheiterte mein Prozeß an der zweiten Instanz oder Untiefe. Der gegnerische Sachwalter und die erste Appellationkammer haben gegen mich ein altes Gesetz, das nicht nur im Baireuthischen, sondern auch in Kuhschnappel gültig ist, vorgekehrt: daß mit einem Notariatzeugenrotul nicht das geringste zu erhärten ist; es muß ein Rotul von Gerichten sein. Die zwei Instanzen machen mir den bergaufgehenden Weg zur dritten leichter: meiner armen Lenette wegen appellier' ich an den Kleinen Rat, und mein guter Stiefel tut die Vorschüsse. Freilich muß man bei den Fragen, die man an die juristischen Orakel tut, die Zeremonie beobachten, womit man sonst andere den heidnischen vorlegte: man muß fasten und sich kasteien. Ich hoffe den Staat-SchalkenSchalk hieß sonst Diener, jetzo nicht selten umgekehrt. oder vielmehr den Pürschmeistern mit dem Weidmesser oder Knebelspieß des Themisschwertes schon durch das Jagdzeug der Prozeßordnung und durch die Jagdtücher und Prell- und Spiegelgarne der Akten durchzuwischen, nicht sowohl durch meinen wie ein Fühlfaden dünngezogenen Geldbeutel, den ich etwan wie einen ledernen Zopf durch alle enge Maschen der Justiz-Garnwand zöge; nicht damit sowohl, hoff' ich, als mit meinem Leibe, der sich nahe an den hohen Netzen in Totenstaub verwandeln und dann frei durch und über alle Maschen fliegen wird.

Ich will heute die letzte Hand von diesem Abendblatte, eh' es ein vollständiges Martyrologium wird, abziehen. Ich würde, wenn man das Leben wegschenken könnte, meines jedem Sterbenden geben, der es wollte. Indessen denke man nicht, daß ich darum, weil über mir eine totale Sonnenfinsternis ist, etwan sage, in Amerika ist auch eine – oder daß ich, weil gerade neben meiner Nase Schneeflocken fallen, schon glaube, auf der Goldküste hab' es zugewintert. – Das Leben ist schön und warm; sogar meines wars einmal. Sollt' ich noch eher als die Schneeflocken eintrocknen: so ersuch' ich meine Erbnehmer und jeden Christen, von meiner Auswahl aus des Teufels Papieren nichts drucken zu lassen, als was ich ins reine geschrieben, welches (inclus.) bis zur Satire über die Weiber geht. Auch darf er aus diesem Tagebuche, in dem zuweilen ein satirischer Einfall auffliegen mag, keinen einzigen zum Druck befördern; das verbiet' ich ernstlich.

Will ein Geschichtforscher dieses Tag- oder Nachtbuchs gern wissen, was für schwere Lasten und Nester und Wäsche denn an meine Äste und an meinen Gipfel gehangen worden, daß sie ihn so niederziehen konnten – und ist er noch darum desto neugieriger, weil ich lustige Satiren schrieb – wiewohl ich mit den satirischen Stacheln, wie die Fackeldistel mit ihren, mich nur wie mit einsaugenden Gefäßen nähren wollte –: so sag' ich diesem Geschichtforscher, daß seine Neugierde mehr sucht, als ich weiß, und mehr, als ich sage. Denn der Mensch und der Meerrettig sind zerrieben am beißendsten, und der Satiriker ist aus demselben Grunde trauriger als der Spaßmacher, weswegen der Urang-Utang schwermütiger ist als der Affe, weil er nämlich edler ist. – Gelangt freilich dieses Blatt in deine Hand, mein Heinrich, mein Geliebter, und du willst vom Hagel, der immer höher und größer auf meine Aussaat fiel, etwas hören: so zähle nicht die zerflossenen Hagelkörner, sondern die zerschlagnen Halmen. Ich habe nichts mehr, was mich freuet – als deine Liebe, – und nichts mehr, was aufrecht steht, als eben diese. Da ich dich aus mehr als einer UrsacheAus Mangel an Geld, an Gesundheit. schwerlich in Baireuth besuchen werde: so wollen wir auf diesem Blatte scheiden wie Geister und uns die Hände aus Luft geben. Ich hasse die Empfindelei, aber das Schicksal hat sie mir fast endlich eingepfropft, und das satirische Glaubersalz, das man sonst mit Nutzen dagegen nimmt – wie Schafe, die von nassen Wiesen Lungenfäule haben, durch Salzlecken aufleben –, nehm' ich aus Vorleglöffeln, so groß wie meiner aus dem Vogelschießen, aber ohne merklichen Vorteil ein. Im ganzen tuts auch wenig; das Schicksal wartet nicht, wie die peinlichen Schöppenstühle, mit der Hinrichtung von uns Inkulpaten auf unsere Genesung. Mein Schwindel und andere Schlagfluß-Vorboten sagen mir zu, daß man mir gegen das Nasenbluten dieses Lebens bald die gute galenische AderlaßSo heißet eine bis zur Ohnmacht getriebene. verordnen werde. Ich will es deswegen nicht gerade haben; mich kann im Gegenteil einer ärgern, der verlangt, das Schicksal soll ihn, wie eine Mutter das Kind – da wir in Leiber eingewindelt und die Nerven und Adern die Wickelbänder sind – sofort aufbinden, weil es schreiet und einiges Leibreißen hat. Ich würde noch gern einige Zeit ein Wickelkind unter StrickkindernSo heißen die vom heimlichen Gericht Verurteilten. bleiben, zumal da ich besorgen muß, daß ich in der zweiten Welt von meinem satirischen Humor geringen oder keinen Gebrauch werde machen können; aber ich werde fort müssen. Wenn aber dies geschehen ist: so möcht' ich dich wohl bitten, Heinrich, daß du einmal hieher in den Reichsflecken reisetest und dir das stille Gesicht deines Freundes, der kaum das hippokratischeDas hippokratische nennt man das verzogene in der Sterbstunde. mehr wird machen können, aufdecken ließest. Dann, mein Heinrich, wenn du das fleckige graue Neumondgesicht lange ansiehst und dabei erwägst, daß nicht viel Sonnenschein darauf fiel, nicht der Sonnenschein der Liebe, nicht des Glücks, nicht des Ruhms: so wirst du nicht gen Himmel blicken und zu Gott sagen können: ›und ganz zuletzt, nach allen seinen Bekümmernissen hast du ihn, lieber Gott, gar vernichtet – und hast ihn, als er im Tode die Arme nach dir und deiner Welt ausstreckte, so breit entzwei gedrückt, als er noch hier liegt; der Arme.‹ Nein, Heinrich, wenn ich sterbe, so mußt du eine Unsterblichkeit glauben.

Ich will jetzo, wenn ich dieses Abendblatt ausgeschrieben, das Licht auslöschen, weil der Vollmond breite, weiße Imperialbogen voll Licht in der Stube aufbreitet. Ich will alsdann – weil kein Mensch mehr im Hause auf ist – mich in der dämmernden Stille hersetzen, und indes ich die weiße Magie des Mondes in der schwarzen der Nacht anschaue, und während ich draußen ganz Flüge von Zugvögeln in der hellen blauen Mondnacht aus wärmern Ländern kommen höre, in deren verwandtes Land ich abreise, da will ich ungestört gleichsam meine Fühlhörner aus dem Schneckengehäuse, eh' es der letzte Frost zuspündet, noch einmal hervorstrecken – Heinrich, ich will mir heute alles deutlich malen, was vergangen ist – den Mai unserer Freundschaft – jeden Abend, wo wir zu sehr gerührt wurden und uns umarmen mußten – meine grauen alten Hoffnungen, die ich kaum mehr weiß – fünf alte, aber helle, warme Frühlinge, die mir noch im Kopfe sind – meine verstorbene Mutter, die mir eine Zitrone, von der sie im Sterben dachte, sie werde sie in den Sarg bekommen, in die Hände legte und sagte: ich sollte die Zitrone lieber in meinen Blumenstrauß stecken – und jene künftige Minute meines Sterbens will ich mir denken, in welcher mir dein Bild zum letztenmal auf der Erde vor die gebrochnen Seelen-Augen tritt, und worin ich von dir scheide und mit einem dunkeln innern Schmerz, der keine Tränen mehr in die erkalteten, zerstörten Augen treiben kann, vor deiner beschatteten Gestalt schwindend und verfinstert niederfalle und aus dem dicken Nebel des Todes nur noch dumpf zu dir aufrufe: ›Heinrich, gute Nacht! gute Nacht.‹ –

Ach, lebe wohl. Ich kann nichts mehr sagen.«

Ende des Abendblattes

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