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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Als Siebenkäs seiner Frau zuerst die Blaisische Nachricht hinterbrachte, daß er kein Christ, wo nicht gar ein Unchrist sei: machte sie noch nichts Besonderes daraus, da sie sich dergleichen von einem Manne, mit welchem sie ehelich kopuliert worden, gar nicht denken konnte. Nur später fiel ihr wieder ein, daß er in dem Monate, als das Wetter zu lange trocken war, nicht bloß die katholischen Umgänge, auf welche sie selber nichts hielt, sondern auch die protestantischen Wettergebete dagegen ohne Hehl verworfen habe, indem er gefragt: ob die meilenlangen Prozessionen, sogenannte Karawanen, in der arabischen Wüste mit allen ihren Wettergebeten je eine einzige Wolke zustande gebracht; oder warum die Geistlichen nur gegen Nässe und Trockenheit und nicht auch gegen einen grimmigen Winter Umgänge, die wenigstens für die Umgänger ihn mildern würden, veranstalteten, oder in Holland gegen Nebel, in Grönland gegen Nordscheine; auch wundere er sich am meisten, warum die Heidenbekehrer, die sich so oft mit solchem Erfolg die Sonne erbitten, wenn bloß die Wolken sie verdecken, nicht auch um den Sonnenkörper (was viel wichtiger wäre) anhalten, wenn er in Polarländern gar ganze Monate nicht einmal zum Vorschein komme bei hellem Himmel; oder warum wir, fragt' er endlich, gegen große für uns selten erfreuliche Sonnenfinsternisse nicht verkehren, sondern hierin uns eigentlich von den Wilden übertreffen lassen, welche sie am Ende wegheulen und wegflehen. – Wie nehmen manche Worte, an sich anfangs unschuldig, ja süß, erst auf dem Lager der Zeit giftige Kräfte an, wie Zucker, der 30 Jahre in Magazinen gelegenSander über das Große und Schöne der Natur. Tl. 1. ! Jene freien Worte griffen jetzo stark in Lenetten ein, wenn sie unter der aus lauter Aposteln gezimmerten Kanzel Stiefels saß und ihn ein Gebet nach dem andern verrichten hörte, bald für, bald wider Krankheit, Obrigkeit, Niederkunft, Saat usw. Wie süß wurd' ihr nun auf der andern Seite der Pelzstiefel, und wie schön wurden dessen Predigten wahre Liebebriefe für ihr Herz! Und ohnehin steht ja Geistlichkeit in einem nahen Verhältnis mit dem weiblichen Herzen; daher bedeutet ursprünglich auf der deutschen Spielkarte das Herz die Geistlichkeit. –

Was tat und dachte nun Stanislaus Siebenkäs bei allem? – Zweierlei, was sich widersprach. Hatt' er gerade ein hartes Wort gesagt: so bejammerte er die verlassene, ohnmächtige Seele, deren ganzes Rosenparterre der Freuden ausgehauen war, deren erste Liebe gegen den Schulrat im Jammer und Darben verschmachtete, und die tausend schöne Reize ihres verschlossenen Innern würde vor einem geliebten Herzen – denn seines war es nicht – entfaltet haben; »und seh' ich denn nicht«, sagte er sich weiter, »wie ihr die Nadel oder der Nadelkopf auf keine Weise ein solcher spitzer Wetterableiter ihrer schwülen Blitzwolken sein kann als mir die spitze Feder? Wegschreiben kann man sich viel, aber nicht wegnähen. Und wenn ich vollends bedenke, was ich – die Sternkunde und die Seelenkunde nicht einmal zu rechnen – noch besonders an Kaiser Antoninus' ›Selbbetrachtungen‹ und an Arrianus' Epiktet, die beide sie nicht einmal dem Namen und Einbande nach kennt, für Schwimmkleider und Korkwesten in den höchsten Fluten habe, und was für Spritzenleute an ihnen, wenn ich in Zornfeuer gerate, wie vorhin, sie aber ihren Zorn allein abbrennt: wahrlich ich sollte noch zehnmal milder als wilder sein.« – Traf es sich freilich aber zweitens, daß er gerade harte Worte nicht ausgestoßen hatte, sondern erduldet: so malte er sich auf der einen Seite das starke Sehnen nach dem Schulrat vor, das sie leicht unter der kopflosen Näharbeit heimlich so sehr vergrößern konnte als sie nur wollte, und auf der andern die unablässige Nachgiebigkeit seines zu weichen Herzens, für welche sein Kraftfreund Leibgeber ohne weiteres ihn schelten würde, aber noch mehr die Frau wegen des Gegenteils; und welche sie schwerlich bei ihrem starren Stiefel anträfe, wenn aus dessen neulichen greller Aufkündigung des Kapitals der Liebe etwas zu schließen sei.

In dieser Laune tat er an einem Sonntage, wo sie wieder in die Vesperpredigt des Schulrats ging, mit zornschwerem Gemüt die leichte Frage, warum sie sonst so selten in die Abendpredigt gegangen, und nun so häufig. Sie versetzte: sie hab' es getan, weil der Vesperprediger Schalaster sonst gepredigt, für welchen seit der Ausrenkung des Schlüsselbeins der Schulrat die Kanzel besteige; werde aber das Bein wiederhergestellt, so solle sie Gott bewahren, in seine Andacht zu gehen. Nach und nach bracht' er heraus, daß sie den jungen Schalaster für einen falschen gefährlichen Irrlehrer halte, der von der heiligen Schrift Lutheri abweiche, weil er an Mascheh, an Jäsos Christos, Petros, Paulos glaube und alle Apostel bei ihm sich »ossen«, so daß sich alle christlichen Seelen ärgern, und das himmlische Jerusalem hab' er gar auf eine Art genannt, die sie nicht einmal nachsprechen könne; er habe nun seitdem sich am Schlüsselbeine einen Schaden getan, aber sie wolle nicht richten. – »Dies tu auch nicht, liebe Lenette«, sagte Siebenkäs; »der junge Mann hat eben entweder ein schwaches Gesicht, oder ist im griechischen Testament schlecht bewandert, denn da sieht das u wie ein o aus. O, wie manche Schalaster sagen nicht in so verschiedenen Wissenschaften und Glaubenlehren Petros statt Petrus und bringen ohne Not und ohne Eckstein durch blutverwandte Selblauter die Menschen auseinander.«

Nur aber diesesmal brachte Schalaster sie ein wenig zusammen. Dem Armenadvokaten tat es wohl, daß er sich bisher geirrt, und daß Lenetten nicht bloß Liebe zu Stiefel, sondern auch Liebe für reine Religion in die Abendkirche hinein gesetzt. Schwach war freilich der Unterschied; aber in der Not nimmt man jeden Trost mit; Siebenkäs freute sich demnach heimlich, daß seine Frau den Schulrat nicht in dem hohen Grade liebe, als er gemeint. Sprecht hier nichts gegen das dünne Spinnengewebe, das uns und unser Glück trägt; haben wir es aus unserem Innern gesponnen und herausgezogen wie die Spinne ihres, so hält es uns auch ziemlich, und gleich dieser hangen wir sicher mitten darin, und der Sturmwind weht uns und das Gewebe unbeschädigt hin und her.

Von diesem Tage an ging Siebenkäs geradezu wieder zum einzigen Freund im Orte, zum Schulrat, dem er den kleinen Fehltritt schon längst – ich glaube eine halbe Stunde darnach – von Herzen vergeben hatte. Er wußte, seine Erscheinung war ein Trost für den verwiesenen Evangelisten im Stuben-Patmos; und für die Frau war es auch einer. Ja er trug Grüße, die nie anbefohlen waren, zwischen beiden hin und her.

Abends waren bei Lenetten kleine hingeworfne Berichte vom Rat die grüne Saat, die das scharrende Rebhuhn unter dem tiefen Schnee aufkratzt. Ich versteck' es inzwischen nicht, mich dauert er und sie; und ich kann kein elender Parteigänger sein, der nicht zwei Personen, die einander mißverstehen und befehden, zugleich Anteil und Liebe geben kann. – –

Aus diesem grauen schwülen Himmel, dessen Elektrisiermaschinen alle Stunden luden und häuften, fiel endlich der erste grelle Donnerschlag herab: Firmian verlor seinen Prozeß. Der Heimlicher war das reibende Katzenfell und der stäupende Fuchsschwanz gewesen, der die Erbschaftkammer oder den Pechkuchen der Justiz mit kleinen Taschenblitzen gefüllet hatte. Es wurde dem Advokaten aber von Rechts wegen der Verlust des Prozesses zuerkannt, weil der junge Notarius Giegold, mit dessen Notariatinstrumenten er sich bewaffnen wollen, noch nicht immatrikulieret war. Es kann wenig Menschen geben, die nicht wissen, daß in Sachsen nur ein Instrument gilt, das ein immatrikulierter Notar gemacht, und daß mithin die Beweiskraft eines Dokumentes in einem fremden Lande nicht stärker sein kann, als sie in dem war, worin man es fertigte. Firmian verlor zwar den Prozeß und für jetzt die Erbschaft; aber sie blieb ihm doch unter jedem Rechtstreite unversehrt dastehen. Nichts sichert wohl ein Vermögen besser vor Dieben und Klienten und Advokaten, als wenn es ein Depositum oder ein Streitgegenstand (objectum litis) geworden; niemand darf es mehr angreifen, weil die Summe in den Akten deutlich spezifizieret ist (es müßten denn die Akten selber noch eher als ihr Gegenstand abhanden kommen); so freuet sich der Hausvater, wenn der Kornwurm den Kornschober gänzlich übersponnen und weiß papillotieret hat, weil dann die übrigen Körner, die der Spinner nicht ausgekernet hat, vor allen andern Kornwürmern ganz gedecket sind. –

Niemals ist ein Prozeß leichter zu gewinnen, als wenn man ihn verloren hat; denn man appellieret. – Nach der Abtragung der in- und außergerichtlichen Kosten und nach der Ablösung der Akten bieten die Gesetze das beneficium appellationis (Wohltat der Berufung an einen höhern Richter) jedem an, wie wohl bei dieser Benefizkomödie und Rechtswohltat noch andere, außergerichtliche Wohltaten nötig sind, um von der gerichtlichen Gebrauch zu machen.

Siebenkäs durfte berufen – er konnte den Beweis seines Namens und seiner Mündelschaft recht gut mit einem andern, aber immatrikulierten Leipziger Notarius führen – es fehlte ihm nichts als das Werkzeug oder die Waffe des Streites, die zugleich der Gegenstand desselben war, kurz das Geld. – In den zehn Tagen, innerhalb welcher die Appellation wie ein Fötus reifen muß, ging er kränklich und sinnend umher: jeder dieser Dezimaltage übte an ihm eine von den zehn Verfolgungen der ersten Christen aus und dezimierte seine frohen Stunden. Von seinem Leibgeber in Baireuth Geld zu begehren, war die Zeit zu kurz, und der Weg zu lang, da Leibgeber, nach seinem Schweigen zu schließen, vielleicht mit dem Springstab und Stegeisen seiner Silhouettenschere über mehrere Berge weggesprungen war. – Firmian tat auf alles Verzicht und ging zum alten Freund Stiefel, um sich zu trösten und alles zu erzählen: dieser ergrimmte über den sumpfigen, bodenlosen Weg Rechtens und drang dem Advokaten eine Stelze darin auf, nämlich die Gelder zum Appellieren. Ach, es war dem unbefriedigten, schmachtenden Rate so viel, als fassete er Lenettens geliebte, ziehende Hand, und sein redliches, an lauter eiskalten Tagen angerinnendes Blut fing wieder aufgetauet zu laufen an. Es war keine Täuschung des Ehrgefühls, daß Firmian, der lieber hungerte als borgte, gleichwohl von ihm jeden Taler als ein Steinchen annahm, um es in den morastigen Weg Rechtens zu pflastern und so unbesudelt darüber zu kommen. Aber die Hauptsache war sein Gedanke, er sterbe bald, und dann bleibe doch seiner hülflosen Witwe der Genuß der kleinen Erbschaft nach.

Er appellierte an die erste Appellationkammer und bestellte sich in Leipzig bei einer andern Notariats-Schmiedeesse ein neues Instrument, beim Zeugen-Beichtiger Lobstein.

Diese neuen, vom Glück erhaltenen Realterritionen und Nägelmale auf der einen, und diese Güte und diese Renten des Rates auf der andern Seite häuften neuen Sauerstoff in Lenetten an; aber der Essig ihres Unwillens wurde, wie anderer, durch ein Frostwetter verdichtet, davon ich sogleich die Wetterbeobachtungen mitteilen kann.

Lenette war nämlich seit dem Zanke mit Stiefeln den ganzen Tag stumm; bloß bei Fremden genas sie von ihrer Zungenlähmung. Es muß geschickt physisch erkläret werden, warum eine Frau oft nicht sprechen kann, außer mit Fremden; und man muß die entgegengesetzte Ursache von der entgegengesetzten Erscheinung aufspüren, daß eine Somnambüle nur mit dem Magnetiseur und seinen Bundgenossen redet. Auf St. Hilda husten alle Menschen, wenn ein fremder aussteigt; Husten ist aber, wenn nicht Sprechen selber, doch das vorhergehende Schnarren des Räderwerks in der Sprachmaschine. Diese periodische Stummheit, die vielleicht, wie oft die immerwährende, von der Zurücktreibung der Hautausschläge herkommt, ist den Ärzten etwas Altes: WepferWepf. hist. apoplect. p. 468. erzählt von einer schlagflüssigen Frau, daß sie nichts mehr sagen konnte als das Vaterunser und den Glauben; und in den Ehen sind Stummheiten häufig, worin die Frau nichts zum Manne sagen kann als das Allernötigste. Ein Wittenberger FieberkrankerRepub. des lettres, Octobr. 1685. V. 1091. konnte den ganzen Tag nicht sprechen, außer von 12 bis 1 Uhr, und so findet man genug arme weibliche Stumme, die des Tags nur eine Viertelstunde oder nur abends ein Wort hervorzubringen imstande sind und sich übrigens mit dem Stummenglöckchen behelfen, wozu sie Schlüssel, Teller und Türen nehmen. –

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