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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Stiefel las jetzo – nach der Sitte aller Leute ohne Welt, die alles lehren und nichts voraussetzen – von seinem Kanzelpult eine lange theologische Traurede über die Liebe christlicher Ehegatten ab und bestand zuletzt auf der Zurückberufung des Kattuns, gleichsam seines Neckers. Firmian wurde durch die Rede erbittert; und das bloß, weil seine Frau ohnehin dachte, er habe keine Religion oder nicht so viel davon wie Stiefel. »Es ist mir (sagt' er) aus der französischen Geschichte erinnerlich, daß der erste Prinz vom Geblüt, Gaston, seinem Bruder einige unbedeutende Kriegunruhen gemacht, und daß er im Friedeninstrumente darauf in einem besondern Artikel sich erboten, den Kardinal Richelieu zu lieben. Allerdings sollte dieser Artikel, daß Eheleute einander lieben wollen, einen ganzen geheimen Separatartikel in den Ehepakten ausmachen, da die Liebe zwar, wie Adam, anfangs ewig und unsterblich ist, aber nachher doch sterblich wird nach dem Schlangenbetrug. Was aber den Kattun anlangt, so wollen wir alle Gott danken, daß der Zankapfel aus dem Hause geworfen ist.« Stiefel, um der geliebten Lenette zu opfern und zu räuchern, drang auf den Rückmarsch des Rocks um so leichter, weil ihm Firmians bisherige sanfte Willfährigkeit zu kleinen Opfern und Diensten den Wahn seiner übermannenden Oberherrschaft in den Kopf gesetzet hatte. Der bewegte Ehemann sagte: »Wir wollen abbrechen.« – »Nein«, sagte Stiefel, »nachher! Jetzo vor allen Dingen foder' ich, daß die Frau wieder zu ihrem Kleide komme.« – »Hr. Rat, daraus wird nichts.« – »Ich schieße Ihnen (sagte Stiefel in heißester Erbosung über einen solchen frappierenden Ungehorsam) so viel Geld vor, als Sie brauchen.« Nun war es dem Advokaten noch weniger möglich, zurückzutreten: er schüttelte 80mal. »Sie oder ich sind ganz bestürzt (sagte Stiefel); ich will Ihnen die Gründe noch einmal vorhalten.« – »Sonst waren«, versetzte Firmian, »die Advokaten so glücklich, HauskapläneS. Klübers Anmerkung zu de la Curne de Sainte-Palaye, über das Ritterwesen. zu haben; es war aber keiner zu bekehren – und darum werden sie nicht mehr angepredigt.«

Lenette weinte stärker – Stiefel schrie deshalb stärker – er mußte, in der ersten Verlegenheit über eine mißlungene Erwartung, seine Foderung schroffer aufstellen, und der andre gegen sie stärker andringen. – Stiefel war ein Pedant, und niemand als so einer hat eine offnere, blindere Eitelkeit, gleichsam einen unaufhörlichen Wind, der aus allen 32 Ecken fortweht (denn ein Pedant kramt sogar den Körper aus). Stiefel mußte, wie ein guter Schauspieldichter, seinen Charakter durchführen und sagen: »Entweder – oder, Hr. Armenadvokat! Entweder das Trauerkleid kömmt zurück – oder ich bleibe weg – aut, aut. Meine Besuche können zwar von keinem Belange sein; aber ich setz' auch einen geringen Preis darauf, bloß Ihrer Frau Gemahlin wegen.« Firmian, doppelt erzürnt – erstlich über die herrschsüchtige Unhöflichkeit eines solchen eiteln Wechselfalles, und zweitens über den kleinen Marktpreis, wofür der Rat ihre Zusammenkünfte losschlug – mußte sagen: »Nunmehr kann niemand mehr Ihren Entschluß bestimmen als Sie, aber nicht ich – Es wird Ihnen sehr leicht, Hr. Rat, sich von uns zu trennen, und Sie könnten anders – aber mir wird es schwer, und ich kann nicht anders.« – Stiefel, dem so unvermutet und so nahe vor seiner Geliebten der wächserne Lorbeerkranz vom Kopf herabgeschmolzen wurde, konnte weiter nichts tun als scheiden; aber mit drei fressenden, scharfen Gefühlen – daß sein Ehrgeiz litt – seine Freundin weinte – sein Freund rebellierte und trotzte...

Und als der Schulrat seinen ewigen Abschied nahm; stand in seiner Freundin Augen ein entsetzlicher Schmerz, den ich, ob ihn gleich die Hand der Vergangenheit bedeckt hat, noch starren sehe; und sie konnte den fliehenden Freund nicht die Treppe mit hinabbegleiten wie sonst, sondern ging mit dem überfüllten, brechenden Herzen allein in die unerleuchtete Stube zurück.

Firmians Herz legte die Härte, obwohl nicht die Kälte ab, da er seine verfolgte Frau in starrem, trocknem Gram über den Einsturz aller ihrer kleinen Plane und Freuden erblickte, und er tat ihr mit keinem einzigen Vorwurfe mehr weh: »Du siehst«, sagt' er bloß, »ich bin nicht schuld, daß der Rat nicht mehr wiederkommt – er hätte freilich nichts erfahren sollen – nun ists vorbei.« Sie antwortete nicht. Der Hornissenstachel, der eine dreifache Wunde sticht, oder der wie von einem rachsüchtigen Italiener in sie geworfne Dolch steckte noch in der Wunde fest, die daher nicht bluten konnte. Du Arme! du hast dich um recht viel gebracht! – Aber Firmian bereute doch nichts; er, der mildeste, nachgiebigste Mann unter der Sonne, spreizte gegen jeden Zwang, zumal gegen einen auf Kosten seiner Ehre, das ganze weiche Gefieder brausend auf. Geschenke nahm er an, aber nur von seinem Leibgeber oder von andern in der wärmsten Stunde des Seelenvereins, und er und sein Freund waren darüber einstimmig, in der Freundschaft gelte nicht nur ein roter Heller einem Goldstücke gleich, sondern auch ein Goldstück einem Heller, und das größte Geschenk müßte man so willig empfangen, als sei es das kleinste; daher rechnete ers unter die unerkannten Seligkeiten der Kinder, daß sie unbeschämt sich können beschenken lassen.

In geistiger Erstarrung setzte er sich in den Großvaterstuhl und deckte die Hand auf die Augen und – von der Zukunft flog jetzo der Nebel auf und entblößte darin ein langes dürres Land voll Brandstätten, voll verdorrter Gebüsche und voll Tiergerippe im Sand. Er sah, die Kluft oder der Erdfall, der sein Herz von ihrem abreiße, werde immer weiter klaffen; er sah es so deutlich und so trostlos, seine alte schöne Liebe komme nie wieder, Lenette lege ihren Eigensinn, ihre Launen, ihre Gewohnheiten nie ab – die engen Schranken ihres Herzens und Kopfes blieben immer fest – sie lern' ihn so wenig verstehen als liebgewinnen – auf der andern Seite nehme nun ihre Abneigung gegen ihn mit dem Außenbleiben seines Freundes zu – und mit beiden die Liebe gegen diesen, dessen Reichtum, dessen Ernst und Religiosität und Zuneigung das schneidende Band der Ehe mit einem vielfachern und weichern Bindwerk entzweirissen – er sah trübe in lange schweigende Tage voll versteckter Seufzer, voll stummer feindlicher Anklagen hinaus.

Lenette arbeitete still in der Kammer, denn das wundgerissene Herz floh Worte und Blicke als kalte grimmige Winde. Es war schon sehr finster – sie brachte kein Licht. Auf einmal fing unten im Hause eine wandernde Sängerin mit einer Harfe und ihr kleines Kind mit einer Flöte an zu spielen. Da war unserem Freunde, als wenn das von Blut geschwollene, gespannte Herz tausend Schnitte bekäme, um sanft zusammenzufallen. Wie Nachtigallen am liebsten vor einem Echo schlagen, so spricht unser Herz am lautesten vor Tönen. O als der gleichsam dreifach besaitete Ton ihm seine alten fast unkenntlichen Hoffnungen vorüberführte – als er tief zu dem schon hoch vom Strom der Jahre überdeckten Arkadien hinuntersah und sich drunten mit seinen jungen frischen Wünschen erblickte, unter seinen lang verlornen Freunden, mit seinen freudigen Augen, die sich voll Zuversicht im Kreise umschaueten, und mit seinem wachsenden Herzen, das gleichsam seine Liebe und seine Treue für ein künftiges warmes sparte und nährte – und als er jetzo in einen Mißton hineinrief – »und ein solches hab' ich nicht gefunden, und alles ist hin« – und als die grausamen Töne wie eine dunkle Kammer die regen beweglichen Bilder blühender Lenze, blumiger Länder und liebender Zirkel vorüberführten vor diesem Einsamen, der nichts hatte, heute nicht eine Seele in diesem Lande, die ihn liebte: so fiel sein fest stehender Geist darnieder und legte sich auf die Erde, wie zergangen, zur Ruhe, und jetzt tat ihn nichts mehr wohl, als was ihn schmerzte. Plötzlich verschwand die Nachtwandlung des Getöns, und die Pause griff, wie eine stille Nachtleiche, härter ins Herz. In dieser melodischen Stille ging er in die Kammer und sagte zu Lenetten: »Trag ihnen das wenige hinunter!« Aber die zwei letzten Worte konnt' er nur stotternd sagen, weil er im Widerschein, den das Zunderbrennen aus einem Hause gegenüber gab, ihr ganzes glühendes Angesicht voll laufender, ungetrockneter Tränen sah; denn bei seinem Eintritte hatte sie sich im Abwischen der Fensterscheiben, die von ihrem warmen Atem angelaufen waren, begriffen gestellt. Sie ließ das Geld auf dem Fenster. Er sagte noch sanfter: »Lenette, du mußt es wohl gleich bringen; eh' sie gehen.« Sie nahm es – – ihre verweinten Augen glitten im Umwenden vor seinen verweinten vorüber – sie ging, aber beide wurden darüber fast trocken, so geschieden waren ihre Seelen schon. Sie litten in jener schrecklichen Lage, wo nicht einmal die Stunde einer gegenseitigem Rührung mehr versöhnt und wärmt. Seine ganze Brust schwoll von quellender Liebe, aber ihrer gehörte seine nicht mehr an – ihn drückte in derselben Minute der Wunsch und das Unvermögen, sie zu lieben, die Einsicht ihrer Mängel und die Gewißheit ihrer Kälte. – Er setzte sich in den eingemauerten Fenstersitz und lehnte den Kopf auf und rührte zufällig ihr nachgebliebenes Schnupftuch an, das feucht und kalt von Tränen war. Die Gekränkte hatte sich nach dem langen Drucke eines ganzen Tages recht mit dieser milden Ergießung erquickt, wie man nach starken Quetschwunden die Ader öffnen lässet. Bei dem Antasten des Tuchs lief es eiskalt über seinen Rücken, wie ein Gewissenbiß; aber sogleich darauf brühendheiß, da er dachte, sie habe nur über den Verlust einer ganz andern Person geweint als der seinen. Nun fing, aber ohne die Harfe, der Gesang und die Flöte wieder an, und beide walleten in einem langsamen Liede ineinander, dessen Strophen immer schlossen: »Hin ist hin, tot ist tot.« Ihn umfaßte der Schmerz, wie der Mantelfisch, mit seiner dunkeln erstickenden Hülle. Er drückte Lenettens nasses Schnupftuch hart an seine Augäpfel und vernahm nur dunkel: »Hin ist hin, tot ist tot.« Da floß plötzlich sein ganzes Innere aufgelöset bei dem Gedanken auseinander, daß sein stockendes Herz ihm vielleicht kein neues Jahr mehr außer dem morgendlichen zu erleben gönne – und er dachte sich scheidend, und das kalte Tuch lag mit doppelten Tränen kühlend am heißen Angesicht – und die Töne zählten wie Glocken alle Punkte der Zeit, und man vernahm das Vergehen der Zeit – und er sah sich in der stillen Höhle schlafend, wie in der Schlangengrotte, und statt der Schlangen leckten nur die Würmer die heißen, scharfen Gifte des Lebens ab S. In die Schlangengrotte bei Civita Vecchia brachte man sonst halb vermoderte Kranken, denen, während sie in einem aus Opium gemachten Schlafe da ruhten, Schlangen die Wundenmaterie ableckten. Labats Reis. VI. p. 81..

Die Musik war vorüber. Er hörte Lenetten in der Stube gehen und Licht anzünden. Er ging hinaus und reichte ihr das Schnupftuch hin. Aber sein innerer Mensch war so verblutet und zerdrückt, daß er irgendeinen äußern, wer es nur sei, umarmen wollte; er mußte, wenn auch nicht seine jetzige, doch seine vorige, wenn auch nicht seine liebende, doch seine leidende Lenette an diese darbende Brust andrücken. Gleichwohl vermochte und verlangte er nicht ein Wort der Liebe zu sagen. Er legte langsam und ungebückt die Arme um sie und schloß sie an sein Herz; aber sie warf den Kopf kalt und voreilig vor einem unangebotenen Kusse zurück. – Das schmerzte ihn sehr, und er sagte: »bin ich denn glücklicher wie du?« – und legte sein gebücktes Angesicht auf ihr weggebogenes Haupt und preßte sie wieder an sich und entließ sie dann – – Und als die vergebliche Umarmung vorüber war, rief sein ganzes Herz: »Hin ist hin, tot ist tot.«

Die stumme Stube, in der die Musik und die Worte aufgehöret hatten, glich einem unglücklichen Dorfe, aus dem der harte Feind alle Glocken mitgenommen, und worin es still ist den ganzen Tag und die ganze Nacht und stumm im Turm, als wäre die Zeit vorbei.

Als sich Firmian niederlegte, dacht' er: ein Schlaf beschließet das alte Jahr wie ein letztes, und beginnt das neue wie ein Leben, und ich schlummre einer bangen, ungestalten, tiefbehangnen Zukunft entgegen. So schläft der Mensch an der Pforte der versperrten Träume ein, aber er weiß nicht voraus, obgleich seine Träume nur einige Minuten und Schritte von der Pforte abliegen, welche, wenn sie aufgeht, hinter ihr warten, ob ihn auflauernde, funkelnde Raubtiere oder sitzende, lächelnde, spielende Kinder in der kleinen sinnlosen Nacht umringen, und ob ihn der festgeformte Dunst erwürge oder umarme.

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