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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Knirschend ging er ans Fenster und sah ohne Augen auf die Gasse. Ein Dorfleichenbegängnis marschierte mit Stöcken unten vorbei. Die Leichenbahre war eine Achsel, und auf ihr wankte ein schiefer Kindersarg.

Dieser Anblick ist überhaupt schon rührend, wenn man über einen kleinen verborgnen Menschen nachsinnt, der aus dem Fötusschlummer in den Todesschlaf, auf dem Amnioshäutchen dieser Welt in das Bahrtuch, das Amnioshäutchen der andern, übergeht – dessen Augen vor der glänzenden Erde zufallen, ohne die Eltern gesehen zu haben, die ihm mit feuchten nachblicken – der geliebt wurde, ohne zu lieben – dessen kleine Zunge verweset, ohne gesprochen, wie sein Angesicht, ohne je gelächelt zu haben auf unserem widersinnigen Rund. Diese abgeschnittnen Laubknospen der Erde werden schon irgendeinen Stamm finden, auf welchen sie das große Schicksal impft; diese Blumen, die wie einige sich schon in den Morgenstunden zum Schlafe zuschließen, werden schon eine Morgensonne antreffen, die sie wieder öffnet. – – Als Firmian dies kalte überhüllte Kind vorübergehen sah – in dieser Stunde, wo er über das Trauerkleid, das ihn betrauern sollte, stritt – jetzo neben dem letzten Tropfen des abrinnenden Jahrs, wo ihm sein mit flüchtigen Ohnmachten vertrautes Herz die Vollendung eines neuen absprach – jetzo unter so vielen Schmerzen: so hörte er gleichsam den Todesfluß überdeckt unter seinen Füßen murmeln, wie die Sineser den Boden ihrer Gärten mit brausenden Strömen unterhöhlen, und die dünne Eisrinde, die ihn hielt, schien bald mit ihm in die winterlichen Wellen hinabzubrechen. Er sagte unaussprechlich gerührt zu Lenetten: »Vielleicht hast du am Ende recht, daß du den Trauerrock behältst, und es ahnet dich mein Untergehen. Tu, was du magst – ich will mir den letzten Dezember nicht weiter verbittern, da ich nicht weiß, ob er nicht in einem andern Sinne für mich der letzte ist, und ob ich in einem Jahre dem armen Säugling nicht näher bin als dir. Ich geh' jetzo spazieren.« –

Sie schwieg betroffen. Er entzog sich eilig einer endlichen Antwort. Seine Abwesenheit mußte seine beste Oratorie sein. Alle Menschen sind besser als ihre Aufwallungen – als ihre schlimmen nämlich, denn alle sind auch schlechter als ihre edeln –, und räumt man jenen eine Stunde zum Auseinanderfallen ein: so hat man etwas Bessers als seine Sache gewonnen, seinen Gegner. Übrigens hinterließ er Lenetten noch ein starkes Nachdenken über sein Ehrenwort und über das Hirschgeweih.

Ich hab' es schon einmal geschrieben: daß der Winter nackt ohne den Lailach und das Westerhemd von Schnee auf der Erde lag, neben der trocknen dürren Mumie des vorigen Sommers. Firmian sah mit einem unbefriedigten Gefühl über die ausgekleideten Gefilde hinweg, über welche noch die Wiegendecke des Schnees und der Milchflor des Reifs geworfen werden mußte, und an die Bäche hinunter, die noch gelähmt und sprachlos werden sollten. Helle, warme letzte Dezembertage weichen uns zu einer Schwermut auf, in der vier oder fünf bittere Tropfen mehr sind als in der Schwermut des Nachsommers; bis um 12 Uhr in der Nacht und bis zum 31ten des 12ten Monats macht uns das winterliche und nächtliche Bild des Vergehens enge, aber schon um 1 Uhr nach Mitternacht und am 1. Januar wehen lebendige Morgenwinde das Gewölke über die Seele hinüber, und wir schauen nach dem dunkeln, reinen Morgenblau, dem Aufsteigen des Morgen- und Frühlingsternes entgegen. An einem solchen Dezembertage beklemmt uns die falbe stockende Welt von starren blutlosen Gewächsen um uns und die unter sie niedergefallnen, mit Erde bedeckten Insektenkabinette und das Sparrwerk bloßer, runzliger, verdorrter Bäume – die Dezembersonne, die am Mittag so tief hereinhängt als die Juniussonne abends, breitet, wie angezündeter Spiritus, einen gelben Totenschein über die welken, bleichen Auen aus, und überall schlafen und ziehen, wie an einem Abende der Natur und des Jahrs, lange riesenhafte Schatten, gleichsam als nachgebliebene Trümmer und Aschenhaufen der ebenso langen Nächte. Hingegen der leuchtende Schnee überzieht nur, wie ein um einige Schuh hoher weißer Nebel, den blühenden Boden unter uns, der blaue Vorgrund des Frühlings, der reine dunkle Himmel, liegt über uns weit hinein, und die weiße Erde scheint uns ein weißer Mond zu sein, dessen blanke Eisfelder, sobald wir näher antreten, in dunkle wallende Blumenfelder zerfließen.

Weh wurde dem traurigen Firmian auf der gelben Brandstätte der Natur ums Herz. Die täglich wiederkommende Stockung seines Herz- und Pulsschlages schien ihm jenes Stillestehen und Verstummen des Gewitterstürmers in der Brust zu sein, das ein nahes Ausdonnern und Zerrinnen der Gewitterwolke des Lebens ansagt. Er schrieb das Stottern seines Uhrwerks einem zwischen die Räder gefallenen Pflock, einem Herzpolypen zu; und seinen Schwindel dem Anzuge des Schlagflusses. Heute war der 365te Akt des Jahrs, und sein Vorhang war im Niederfallen; was konnt' ihm dies anders zuführen als düstere Vergleichungen mit seinem eignen Epiloge, mit dem Wintersolstitium seines abgekürzten verschatteten Lebens? – Das weinende Bild seiner Lenette stellte sich jetzo vor seine vergehende, wegziehende Seele; und er dachte: »Sie hat wohl nicht recht; ich will ihr aber nachgeben, weil wir doch nicht lange mehr beisammenwohnen. Ich gönn' ihrs gern, daß meine Arme vermodernd von ihr fallen, und daß ihr Freund sie in seine nimmt.«

Er stieg auf das Blut- und Trauergerüste, auf dem sein Freund Heinrich seine Umarmungen geendigt hatte. Von dieser Höhe eilten seine Blicke, sooft sein Herz zu schwer wurde, dem Wege Leibgebers bis an die Berge nach; aber heute wurden sie feuchter als sonst, weil er nicht den Frühling wiederzusehen hoffte. Diese Höhe war der Hügel, auf dem der Kaiser Hadrian den Juden jährlich zweimal zu steigen erlaubte, damit sie hinüber nach den Trümmern der heiligen Stadt blicken und das beweinen könnten, was sie nicht betreten durftenNach Justin; s. Bastholms Jüdische Geschichte, aus dem Dänischen. 1785. . Die Sonne schloß das alte Jahr mit Schatten ab, und als nun abends die Sterne auftraten, die im Frühling sonst den Morgen schmücken: so brach das Schicksal die schönsten Lianen-Zweige voll Blüte von seinem Geiste weg, und helles Wasser quoll aus ihnen: »Ich erlebe und sehe nichts mehr vom künftigen Frühling«, dacht' er, »als sein Blau, das an ihm, wie in der Schmelzmalerei, unter allen Farben zuerst fertig wird.« Sein zur Liebe erzognes Herz ruhte ohnehin immer von Satiren, von trocknen Geschäften und zuweilen von der Kälte Lenettens an der ewigen, warmen und umfangenden Göttin aus, an der Natur. Hier in das freie, enthüllte, blühende All, unter den großen Himmel, trug er gern seine Seufzer und seinen Kummer, und er machte in diesen Garten, wie sonst die Juden in kleine, alle seine Gräber. – Und wenn uns die Menschen verlassen und verwunden: so breitet ja auch immer der Himmel, die Erde und der kleine blühende Baum seine Arme aus und nimmt den Verletzten darein auf, und die Blumen drücken sich an unsern wunden Busen an, und die Quellen mischen sich in unsere Tränen, und die Lüfte fließen kühlend in unsere Seufzer – das Weltmeer von Bethesda erschüttert und beseelet ein hoher Engel, und wir tauchen uns mit allen tausend Stichen in seine heißen Quellen ein und steigen zugehellet und mit abgespannten Krämpfen aus dem Lebenwasser wieder heraus.

Firmian ging mit einem Herzen voll Versöhnung und mit Augen, die er im Dunkeln nicht mehr trocknete, langsam nach Hause; er sagte sich jetzt alles, womit er seine Lenette entschuldigen konnte – er suchte sich auf ihre Seite zu ziehen durch den Gedanken, daß sie nicht, wie er, den Minervens-Helm, den Fallschirm und Fallhut des Denkens, Philosophierens und der Autorschaft gegen die Stöße und Steine des Lebens nehmen könne – er setzte sich noch einmal vor (er hatt' es sich schon 30 Male vorgesetzt), so verbindlich gegen sie zu sein, wie man es gegen eine Fremde istDer Ehemann sollte mehr den Liebhaber, und dieser mehr jenen spielen. Es ist nicht zu beschreiben, welchen mildernden Einfluß kleine Höflichkeiten und unschuldige Schmeicheleien gerade auf die Personen haben, die sonst keine erwarten und erlangen, auf Gattinnen, Schwestern, Verwandte; sogar wenn sie Höflichkeit für das halten, was sie ist. Diese erweichende Pomade für unsere rauhen zersprungenen Lippen sollten wir den ganzen Tag auflegen, wenn wir nur drei Worte reden; und eine ähnliche Handpomade sollten wir im Handeln haben. Ich halte, hoff' ich, meinen Vorsatz, keiner Frau zu schmeicheln, und sogar meiner eignen nicht; aber 4½ Monate nach der Trauung fang' ich an, ihr zu schmeicheln, und fahre fort mein lebelang. – ja er legte über sein Ich schon das Fliegennetz oder das Panzerhemd der Geduld, im Falle der grillierte Kattun wirklich unversetzt zu Hause läge. – So machts der Mensch, so drücket er, um nur in den Mittagschlaf der Seelenruhe zu kommen, mit zwei Händen die Ohren zu – so wirft unsere Seele in der Leidenschaft allezeit, wie Spiegel- oder Wasserflächen, den Sonnenschein der Wahrheit nur mit einem blitzenden Punkte zurück, indes die Fläche um die widerscheinenden Stellen sich nur desto tiefer einschattet.

Wie ging alles anders! Gravitätisch und mit einem Kirchenvisitation-Gesicht voll Inspektionpredigten trat ihm der Pelzstiefel entgegen; Lenette richtete ihre geschwollnen Augäpfel kaum gegen die Windseite seines Eintritts. Stiefel hielt das Mienen-Gestrick seines Gesichtes fest, damit es nicht vor Firmians freundlich aufgelöstem zerführe, und hob an: »Herr Armenadvokat, ich wollt' eigentlich das Geld für die Langische Rezension abtragen. Aber die Freundschaft heischet von mir etwas Wichtigeres: Sie zu ermahnen, daß Sie sich gegen Ihre arme Frau hier betragen wie ein wahrer Christ gegen eine Christin.« – »Oder noch besser«, sagt' er; »aber wovon ist denn die Rede, Frau?« Sie schwieg verlegen. Sie hatte von dem Rat in dem Kattun-Prozeß Rat und Hülfe begehrt, weniger, um beides zu bekommen, als um den Prozeß zu erzählen. Sie hatte nämlich, als sie der Rat im bittersten Gusse ihrer Augen überfallen, eben vorher den grillierten stachlichten Raupenbalg wirklich in Versatz gesandt, weil sie nach dem Ehrenschwure ihres Mannes vorauswußte – da sie sein Worthalten sowie seine Kälte gegen das Scheinen kannte, die gerade in der Not am grimmigsten wurde –, daß er ohne Bedenken das lächerliche Gehörn auf seinem Kopfe feiltragen werde durch den ganzen Ort. Sie hätte vielleicht vor dem Seelsorger geweint und geschwiegen, hätte sie ihren Willen und ihren Rock gehabt; da sie aber beides aufgeopfert hatte, so begehrte sie einen Ersatz, eine Rache. Sie hatt' ihm anfangs nur Beschwerden in unbenannten Zahlen vorgerechnet; als er aber weiter andrang, sprang ihr überfülltes Herz auf, und alle Leiden strömten heraus. Stiefel gab, zuwider den Rechtsregeln und manchen Universitäten, immer den Kläger Recht, weil dieser eher – sprach: die meisten Menschen halten die Unparteilichkeit ihres Herzens für die Unparteilichkeit ihres Kopfes. Stiefel schwur, er wolle ihrem Manne sagen, was zu sagen wäre, und der Kattun kehre noch heute zurück.

Dieser Beichtiger klingelte vor dem Armenadvokaten mit seinem Bind- und Löseschlüsselbund und erzählte dem Gatten die allgemeine Beichte der Frau und dann den Versatz des Rocks. Wenn man von einer Person zwei verschiedene Handlungen zu berichten hat, eine ärgerliche und eine willkommene: so kommt die Hauptwirkung darauf an, welche man zuerst stellt; die zuerst erzählte grundiert das Gemüt, und die zuletzt nachgemalte wird nur Nebenfigur und zum Schattenwurf. Firmian hätte schon auf der Gasse hinter Lenettens Versatz gelangen sollen, und erst oben hinter die Plauderei. So aber saß der Henker darin. »Wie – (das waren, wenn nicht seine Gedanken, doch seine Gefühle) – wie, meinen Nebenbuhler macht sie zu ihrem Vertrauten und zu meinem Richter – ich bring' ihr eine versöhnte Seele wieder, und in diese macht sie einen neuen Riß – und so ärgert sie mich noch den letzten Tag mit dem verhenkerten Geplauder?« Mit letztem meinten nämlich seine Gefühle etwas, was der Leser nicht versteht; denn ich hab' ihm noch nicht erzählt, daß Lenette die Unart hatte, übel erzogen zu sein, und daß sie daher gemeine Leute ihres Geschlechtes, z.B. die Buchbinderin, zu Einnehmern ihrer geheimen Gedanken und zu elektrischen Ausladern ihrer kleinen Gewitter machte; indes sie zugleich ihrem Mann verdachte, daß er Bediente, Mägde, Plebejer, zwar nicht in seine Mysterien einließ, aber doch in ihre eignen begleitete.

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