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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Endlich verließen sie warm ausgefüllt die weite Stube, als die Sonne sie ganz mit Purpurfarben überkleidet hatte; im Heraustreten aus dem Schießhause zeigte er Lenetten noch den flüssigen Goldblick auf den langen Glasdächern zweier Gewächshäuser, und der schon vom Gebirge entzwei geteilten Sonne hing er sich selber an, um mit ihr zu dem Freunde in der Ferne niederzugehen. Ach wie liebt sichs in die Ferne, sei es die des Raums oder der Zukunft oder Vergangenheit, und sei es vollends in die Doppel-Ferne über der Erde! – Und so hätte an sich der Abend sehr trefflich schließen können; aber etwas kam dazwischen.

Es hatte nämlich ein oder der andere böse Geist von Verstand den Heimlicher Blaise genommen und ihn so unter den freien Himmel als Spaziergänger hinausgestellt, daß ihm der Advokat in der Schuß- und Grußweite gerade an einem Feste der Empfängnis nur schöner Seelen aufstoßen mußte. Als der Vormund ihn vollständig gegrüßt – obwohl mit einem Lächeln, das zum Glück nie auf einem Kinderangesichte erscheinen kann –, so antwortete Siebenkäs höflich, obwohl mit bloßem Zerren und Rücken des Hutes, ohne ihn jedoch abzuheben. Lenette suchte sogleich das Erniedrigen des Hutes einzubringen durch ihr eigenes verdoppeltes, hielt aber, sobald als sie sich umgesehen, dem Gatten eine kleine Gardinen- d. h. Gartenbretterwandpredigt, daß er den Vormund vorsätzlich immer heimtückischer mache. »Wahrlich, ich konnte nicht anders, Liebe«, sagte er, »ich meint' es nicht böse, am wenigsten heute.«

Der Umstand ist freilich der, daß Siebenkäs schon vor einiger Zeit seiner Frau geklagt, sein Hut leide als ein feiner Filz schon lange durch das unablässige Abziehen in dem kleinstädtischen Marktflecken, und daß er keinen anderen Hut-Schirm und Panzer sehe als einen grünen steifen wachstaftnen Hut-Überzug, in welchen er ihn zu stecken denke, um ihn, in diesem Stechhelm und Fallhut eingepackt, ohne das geringste Abgreifen täglich zu derjenigen Höflichkeit zu verwenden, welche die Menschen einander im Freien schuldig sind. Der erste Gang darnach, den er mit seinem aufgesetzten Doppelhute oder Huthut tat, war zu einem Gewürzkrämer, bei welchem er den feinen Unterziehhut herausweidete und für sechs Pfund Kaffee versetzte, welcher seine vier Gehirnkammern besser durchheizte als der Hasenfilz. Mit dem Koadjutorhute auf dem Kopfe allein kehrte er ruhig und unentziffert nach Hause; – und trug nun das leere Futteral durch die krummsten Gassen, mit heimlicher Freude, gewissermaßen vor niemand den wahren Hut abzuziehen – oder chapeau bas zu gehen – oder sich künftig noch mehre Einfälle über den Genuß seines Hutzuckers auszusinnen.

Freilich wann er grade vergessen hatte – wie es wohl heute am meisten zu entschuldigen war –, das Hutfutter mit dem nötigen künstlichen Sparrwerke auszusteifen: dann brachte er das Futter zum Grüßen zu schwer und quer herunter und konnt' es bloß äußerst höflich berühren, wie einer der vornehmsten Offiziere, mußte aber so wider Willen den Charakter eines Grobians behaupten.

– Und grade heute mußt' er denselben behaupten und konnte auf keine Weise sein Kuvert des Kopfes abnehmen, dieses Liebebriefes an alles, was spazieren ging.

Aber dabei sollte der Spaziergang nicht verbleiben, sondern einer der obgedachten bösen Geister von Verstand verschob die Bühnenwände so hastig von neuem, daß wir wirklich etwas Geändertes erblicken müssen. Vor beiden Gatten spazierte nämlich ein Schneidermeister katholischer Konfession voraus, nett angezogen, um wie jeder seiner Kon- und Profession die Empfängnis zu feiern. Zum Unglück hatte der Schneider im engen Steige die Rockschöße – es sei aus Scheu des Kotes oder aus Lust der Feier – dermaßen in die Höhe gehoben, daß das Anfang- oder Steißbein oder eingeflickte Rückenmark seiner Weste von unten auf deutlich zu sehen war, nämlich der Hintergrund der Weste, den man bekanntlich, wie den der Gemälde, mit weniger Leinwandfarben ausführt als den nähern glanzvollen Vordergrund des Vorderleibs. »Ei Meister«, rief heftig Lenette, »wie kommt Er denn hinten zu meinem Zitz?«

In der Tat hatte der Schneider von einem augsburgischen grünen Zitze, aus welchem sie sich bei ihm sogleich nach ihrem Königinwerden ein artiges Leibchen oder Mieder machen lassen, so viel als Probe für sich beiseite gelegt und behalten, als er nach Maßgabe unentgeltlicher Weinproben als nötig und christlich erachten konnte. Dieses wenige von Probe hatte notdürftig zu einem sehr matten Hintergrunde seiner glanzgrünen Weste zugelangt, für welche er eine so dunkle Kehrseite nur in der Hoffnung gewählt und genommen, daß sie als das Untere der Karte nicht gesehen werde. – Da aber jetzt der Meister ruhig, als ging' es ihn gar nicht an, mit Lenettens nachgerufenem Rückendekret weiter spazierte: wurde in ihr das Flämmchen zur Flamme, und sie schrie nach – Siebenkäs mochte winken und lispeln, wie er wollte –: »Es ist mein eigner Zitz aus Augsburg, hört Er, Meister Mauser? und Er hat mir ihn gestohlen, Er!« – Hier erst wandte der zünftige Zitzräuber sich kaltblütig um und sagte: »Das beweise Sie mir doch – aber bei der Lade will ich Sie schon zitzen, wenn noch hohe Obrigkeit in Kuhschnappel regiert.«

Da entbrannte sie zur Lohe – Bitten und Befehle des Advokaten waren ihr nur Luft. – »Er Rips-Raps, meine Sache will ich haben, du Spitzbube!« rief sie. Auf diese Nachrede hob der Meister bloß die Rockschöße mit beiden Händen ungemein hoch über die indossierte Weste empor und versetzte, ein wenig sich bückend: » Da!« und schritt langsam, immer in der nämlichen Brennweite, vor ihr her, um ihre Wärme länger zu genießen.

Am meisten war nur der arme Siebenkäs an einem so reichen Feste, wo er mit allen juristischen und theologischen Exorzismen den Zankteufel nicht ausjagen konnte, zu bejammern, als zum Glücke sein Schutzengel plötzlich aus einem Seitenhohlwege aufstieg, der Pelzstiefel auf seinem Spaziergange. Weg war für Lenette der Schneider – der Zitz von einer Viertelelle lang – der Zankapfel und der Zankteufel – und wie das Abendblau und Abendrot stand ihr Augenblau und Wangenrot ruhig und kühl vor ihm. Zehn Ellen Zitz und halb so viel Schneider dazu, die sie behalten und eingeflickt, waren ihr in dieser Minute leichte Federn und keines Wortes und Kreuzers wert. So daß Siebenkäs auf der Stelle sah, daß Stiefel sich als der wahre tragbare Ölberg zu ihr bewegte, besteckt mit lauter Ölzweigen des Friedens – wiewohl für Zankteufel von anderer Seite her aus deren Oliven leicht ein Öl zu keltern war, das in kein eheliches Kriegfeuer, zu welchem eben Stiefel mit dem Löscheimer bestellt worden, gegossen werden durfte. War nun Lenette schon im Freien ein weicher weißer Schmetterling und Buttervogel, der still über den blühenden Steigen des Pelzstiefels schwebte und flatterte: so wurde sie gar in der eignen Stube, in welche der Rat sie begleitete, eine griechische Psyche, und ich muß es, so parteiisch ich auch für Lenette bin, allerdings in dieses Protokoll aufnehmen – sonst wird mir alles andere nicht geglaubt –, daß sie leider an jenem Abende nichts zu sein schien als eine geflügelte, mit den durchsichtigen Schwingen vom klebrigen Körper losgemachte Seele, die mit dem Schulrate – als sie den Körper noch umhatte – vorher in Liebebriefwechsel gestanden, die aber jetzo mit waagrechten Flügeln um ihn schwebe, die ihn mit dem flatternden Gefieder anwehe, die endlich, des Schwebens müde, einer beleibten Sitzstange von Körper zusinke, und die – es ist weiter kein anderer weiblicher bei der Hand – in Lenettens ihren mit angeschmiegten Schwingen niederfalle. So schien Lenette zu sein. Warum war sie aber heute so? – Groß war hierüber Stiefels Unwissenheit und Freude, klein beides in Firmian. Eh' ichs sage, will ich dich bedauern, armer Mann, und dich, arme Frau! Denn warum sollen denn immer den glatten Strom eueres (und unsers) Lebens entweder Schmerzen oder Sünden brechen, und warum soll er erst wie der Dnjepr-Strom nach dreizehn Wasserfällen im schwarzen Meer der Gruft einsinken? – Weswegen aber gerade heute Lenette ihr volles Herz für den Rat beinahe ohne das Klostergitter der Brust vorzeigte, das war, weil sie heute ihr – Elend fühlte, ihre Armut: Stiefel war voll gediegner Schätze, Firmian nur voll vererzter (d. h. Talente). Ich weiß es gewiß, sie hätte ihren Siebenkäs, den sie vor der Ehe so kalt liebte wie eine Gattin, in ihr so lieb gewonnen wie eine Braut, hätt' er etwas – zu brocken und zu beißen gehabt. Hundertmal bildet eine Braut sich ein, sie habe ihren Verlobten lieb, da doch erst in der Ehe aus diesem Scherze – aus guten metallischen und physiologischen Gründen – Ernst wird. Lenette wäre dem Advokaten in einer vollen Stube und Küche – voll Einkünfte und zwölf Herkulischer Hausarbeiten – treu genug geblieben, und hätte sich ein ganzes gelehrtes Kränzchen von Pelzstiefeln – denn sie hätte stündlich kalt gedacht und gesagt: »ich habe schon« – um sie herumgesetzt; aber so, in einer solchen leeren Stube und Küche, wurden die Herzkammern einer Frau voll, mit einem Worte, es kommt nichts Gutes dabei heraus. Denn eine weibliche Seele ist natürlicherweise ein schönes, auf Zimmer, Tischplatten, Kleider, Präsentierteller und auf die ganze Wirtschaft aufgetragnes Freskogemälde, und mithin werden alle Risse und Sprünge der Wirtschaft zu ihren. Eine Frau hat viel Tugend, aber nicht viele Tugenden, sie bedarf einen engen Umkreis und eine bürgerliche Form, ohne deren Blumenstab diese reinen weißen Blumen in den Schmutz des Beetes kriechen. Ein Mann kann ein Weltbürger sein und, wenn er nichts mehr in seine Arme zu nehmen hat, seine Brust an den ganzen Erdball drücken, ob er gleich nicht viel mehr davon umarmen kann, als ein Grabhügel beträgt; aber eine Weltbürgerin ist eine Riesin, die durch die Erde zieht, ohne etwas zu haben als Zuschauer, und ohne etwas zu sein als eine Rolle.

Ich hätte den ganzen Abend viel weitläufiger vormalen sollen, als ich tat; denn an diesem fingen die Räder des vis-à-vis-Wagen der Ehe nach so vielen Reibungen an zu rauchen, und das Feuer der Eifersucht drohte sie zu ergreifen. Mit der Eifersucht ists wie mit den Kinderpocken der Maria Theresia, welche die Fürstin unversehrt durch zwanzig Siechkobel voll Blatternpatienten durchließen, bis sie ihr unter der ungarischen und deutschen Krone anflogen. Siebenkäs hatte die kuhschnappelische (vom Vogel) schon einige Wochen auf dem Kopf.

Seit diesem Abend kam Stiefel, der sich immer lieber in die immer höher steigende Sonne Lenettens setzte, immer öfter und sah sich für den Friedenrichter an, nicht für den Friedenstörer.

Es liegt mir nun ob, den letzten und wichtigsten Tag dieses Jahrs, den 31. Dezember, mit seinem ganzen Hinter- und Vorgrund und allem Beiwerk den Deutschen auf mein Papier recht ausführlich hinzumalen.

Schon vor dem 31. Dezember waren die hl. Weihnachttage da, die vergoldet werden mußten und die sein silbernes Zeitalter nach dem Königschusse vererzten und verholzten. Das Geld ging auf. Aber noch mehr: der arme Firmian hatte sich sowohl krank gekümmert als krank gelacht. Ein Mensch, der immer mit den Oberflügeln der Phantasie und mit den Unterflügeln der Laune über alle Prellgarne und Fanggruben des Lebens weggezogen ist, dieser schlägt, wenn er einmal an die reifen Spitzen der abgeblühten Disteln angespießet wird, über deren Himmelblau und Honiggefäße er sonst geschwebet, blutig und hungrig und epileptisch um sich; ein Froher verfalbet unter dem ersten Sonnenstiche des Grams. Zum wachsenden Herzpolypen der Angst setze man noch seinen schriftstellerischen Taumel, weil er die Auswahl aus den Papieren des Teufels recht bald zu Ende haben wollte, um sein Leben und seinen Prozeß vom Honorar zu führen. Er saß fast ganze Nächte und Sessel durch und ritt auf seiner satirischen Schnitzbank. Dadurch schrieb er sich ein Übel an den Hals, das der gegenwärtige Verfasser wahrscheinlich auf keine andre Art geholt als eben durch unmäßige Freigebigkeit gegen die gelehrte Welt. Es befiel nämlich ihn, wie mich noch, eine schnelle Pause des Atemzugs und Herzschlags, darauf ein ödes Entfliegen alles Lebengeistes und dann ein stoßender Aufschuß des Blutes in das Gehirn; und zwar am meisten vor seinem literarischen Spinn- und SpulradBesonders an kalten hellen Winter-Morgen und –Abenden. Seit mehr als zwanzig Jahren heg' ich – Siebenkäs desfalls – diese Krankheit, die eben jetzo am 24ten kalten Dezember bei ihrem Malen mir wieder sitzt, in mir. Sie ist nichts als eine Lähmung der Lungen-Nerven – besonders des umherschweifenden Nerven (nerv. vag.) – und kann mit der Zeit (denn man sieht, daß ihr zwanzig Jahre noch nicht hinreichen) jenen Lungenschlagfluß erwirken, den Leveillé in Paris und neulich Hohnbaum als eine neue Gattung aufstellen, und welchen man wohl, nach Ähnlichkeit des Millars-Husten, den Siebenkäsischen oder J. Pauls-Schlagfluß nennen könnte. .

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