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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Der Heimlicher erschien nämlich mit seiner Exzeptionhandlung, worin er weiter nichts verlangte als Recht und Billigkeit, nämlich die Erbschaft; es müßte und könnte denn Siebenkäs erweisen, daß er – er sei, nämlich der Mündel, dessen Väterliches der Heimlicher bisher in seinen väterlichen Händen und Beuteln gehalten. Dieser juristische Höllenfluß versetzte unserem Firmian – der über die vorigen drei Fristgesuche so leicht weggesprungen war wie der gekrönte Löwe im gotischen Wappen über drei Flüsse – den Atem und trat ihm eiskalt bis ans Herz. Die Wunden, die die Maschinen des Schicksals in uns schneiden, fallen bald zu; aber eine, die uns das rostige stumpfe Marterinstrument eines ungerechten Menschen reißet, fängt zu eitern an und schließet sich spät. Dieser Schnitt in entblößte, von so vielen rauhen Griffen und scharfen Zungen abgeschälte Nerven brannte unsern Liebling sehr; und doch hatt' er den Schnitt gewiß vorher gesehen und seiner Seele »gare – Kopf weg!« zugerufen. Aber ach! in jedem Schmerz ist etwas Neues. Er hatte sogar schon juristische Vorkehrungen voraus getroffen. Er hatte sich nämlich schon vor einigen Wochen aus Leipzig, wo er studiert hatte, den Beweis kommen lassen, daß er sonst Leibgeber geheißen und mithin Blaisens Mündel sei. Ein dasiger, noch nicht immatrikulierter Notarius, Namens Giegold, sein alter Stubenbursch und literarischer Waffenbruder, hatte ihm den Gefallen erwiesen, alle die Personen, die um seine Leibgeberschaft wußten – besonders einen rostigen, madigen Magister legens, der oft bei der Einfahrt der vormundschaftlichen Registerschiffe war, ferner den Briefträger oder Lotsen, der sie in den Hafen wies, und den Hauswirt und einige andere recht gut unterrichtete Leute, die alle das Juramentum credulitatis (den Eid der Selberüberzeugung) schwören wollten – diese hatte der junge Giegold sämtlich verhört und dann dem Armenadvokat das Ganggebirge ihres Zeugenrotuls zugefertigt. Das Postporto dafür zu entrichten, war Siebenkäsen leicht, als er König wurde in der Vogelbeize.

Mit dem dicken Zeugenstock beantwortete und bestritt er seinen Vormund und Dieb.

Als die Blaisische Weigerung ankam: glaubte die furchtsam Lenette sich und den Prozeß verloren; die dürre Dürftigkeit umfaßte nun, in ihren Augen, sie beide mit einem Gestrick von Schmarotzerefeu, und sie hatte keine Aussicht, als zu verdorren und umzufallen. Ihr erstes war, über Meyern zu zanken; denn da er ihr selber neulich berichtet hatte, er habe seinem künftigen Schwiegervater die drei Fristgesuche abgenötigt, um sie zu schonen: so konnte sie die Blaisische Exzeptionhandlung für den ersten Dornenableger von Rosas rachsüchtiger Seele halten, weil er in Siebenkäsens Wohnung erstlich Festungstrafe und Säcken, welches er alles halb Lenetten beimaß, erduldet, und zweitens so viel verloren hatte. Er hatte bisher nur den Unwillen des Mannes, nicht der Frau vorausgesetzt; aber das Vogelschießen hatte seine süße Eitelkeit widerlegt und erbittert. Da indessen der Venner ihrem Zorne nicht zuhören konnte: so mußte sie ihn gegen ihren Gatten kehren, dem sie alles schuldgab, weil er seinen Namen Leibgeber so sündlich verschenkt hatte. Wer geheiratet hat, der wird mir gern den Beweis – denn er schläft bei ihm – erlassen, daß es gar nichts half, womit sich der Gatte verantwortete und was er vorbrachte von Blaisens Bosheit, der als der größte Ischariot und Kornjude im irdischen Jerusalem der Erde ihn gleichwohl, auch wenn er noch Leibgeber hieße, ausgeraubt und tausend Holzwege des Rechtens zur Plünderung des Mündels würde ausgefunden haben. Es griff nicht ein. Endlich entfuhr es ihm: »Du bist so ungerecht, als ich sein würde, wenn ich deinem Betragen gegen den Venner im geringsten die Folge daraus, die Blaisische Schrift, aufbürden wollte.« Nichts erbittert Weiber mehr als eine heruntersetzende Vergleichung: denn sie nehmen keine Unterscheidung an. Lenettens Ohren verlängerten sich, wie bei der Fama, zu lauter Zungen; der Mann wurde zugleich überschrieen und überhört.

Er mußte heimlich zum Pelzstiefel abschicken und ihn befragen lassen, wo er so lange sitze, und warum er ihr Haus so vergesse. Aber Stiefel war nicht einmal in seinem eignen, sondern auf Spaziergängen an einem so prächtigen Tage.

»Lenette«, sagte Siebenkäs plötzlich, der häufig lieber mit dem Springstabe eines Einfalls über ein Sumpfmeer setzte, als aus ihm mühsam watende lange Stelzen von Schlüssen zog, und der wohl auch die über Rosa herausgefahrene unschuldige, aber von Lenetten mißverstandene Äußerung ganz aufheben wollte, »Lenette, höre du aber, was wir diesen Nachmittag machen! – Einen starken Kaffee und Spaziergang; heute ist zwar kein Sonntag in der Stadt, aber doch in jedem Falle Mariä Empfängnis, die jeder Katholik in Kuhschnappel feiert; und das Wetter ist doch beim Himmel gar zu hold. Wir sitzen dann oben in der ungeheizten Honoratiorenstube im Schießhaus, weils draußen zu warm ist, und schauen hinunter und sehen die sämtlichen Irrgläubigen der Stadt im größten Putze auf- und abspazieren, und vielleicht unsern Lutheraner Stiefel auch dazu.«

Besonders müßt' ich mich täuschen, oder Lenette war sehr selig überrascht; denn Kaffee – das Taufwasser und der Altarwein der Weiber schon am Morgen – wird vollends nachmittags Liebetrank und Haderwasser zugleich, obwohl letztes nur gegen Abwesende; aber welches schöne treibende Wasser auf alle Mühlräder der Ideen mußte ein wirklicher Nachmittagkaffee an einem bloßen Werkeltage für eine Frau wie die arme Lenette sein, welche ihn selten anders getrunken als nach einer Nachmittagpredigt, weil er schon vor der Kontinentalsperre zu teuer war.

Weiber in wahrhafter Freude brauchen wenig Zeit, ihren schwarzen Seidenhut aufzusetzen und ihren breiten Kirchenfächer zu nehmen und gegen alle ihre Gewohnheit sogleich reisefertig für den Schießhausgang angezogen dazustehen, indes sie sogar unter dem Ankleiden noch den Kaffee gekocht, um ihn fertig samt der Milch in die Honoratiorenstube mitzunehmen.

Beide Eheleute rückten um zwei Uhr ausgeheitert aus und hatten alles Warme in der Tasche, was später aufzuwärmen war.

Wie mit einem Abendglanze waren schon so früh am Tage alle westlichen und südlichen Berge von der gesenkten Dezembersonne übergossen und die im Himmel umhergelagerten Wolkengletscher warfen auf die ganze Gegend freudige Lichter – und überall war ein schönes Glänzen der Welt, und manches dunkle enge Leben wurde gelichtet.

Schon von weitem zeigte Siebenkäs Lenetten die Vogelstange als den Alpenstock oder die Ruderstange, womit er neulich über die nächste Not hinweggekommen. Im Schützengebäude führte er sie in den Schießstand – sein Konklave oder Frankfurter Römer der Krönung –, wo er sich zu einem Vogelkaiser hinauf geschossen und aus der Frankfurter Judengasse der Gläubiger heraus, indem er bei seiner Thronbesteigung wenigstens einen Schuldner losgelassen, sich selber. Oben in der weiten Honoratiorenstube konnten beide sich recht ausbreiten, er sich an einen Tisch zum Schreiben vor das rechte Fenster setzen, und sie sich an ein anderes zum Nähen ans linke.

Wie der Kaffee das Dezemberfest in beiden erwärmte, läßt sich nicht beschreiben, aber nachfühlen.

Lenette zog einen Strumpf des Advokaten nach dem andern an, nämlich an den linken Arm, weil der rechte die Stopfnadel führte, und saß mit dem unten oft offnen Strumpfe wenigstens einarmig einer jetzigen Dame ähnlich da, welche der lange dänische Handschuh mit Fingerklappen aufschmückt. Doch zog sie den Armstrumpf nicht so hoch empor, daß ihn Spaziergängerinnen auf der höher liegenden Kunststraße sehn konnten. Aber unaufhörlich nickte sie ihre »untertänigsten Mägde und gehorsamsten Dienerinnen« zum offnen Fenster hinaus. Mehre der vornehmsten Ketzerinnen sah sie unten ihre eignen künstlichen Haubenbauten durch die Spaziergänge tragen, um Mariä Empfängnis feierlich zu begehen; und mehr als eine grüßte selber zuerst verbindlich zu ihrer Dachdeckerin herauf.

Nach der reichsmäßigen Parität des Reichsmarktfleckens gingen an dem katholischen Feste auch Protestanten von Stand spazieren, und ich steige hier von dem Landschreiber Börstel über den Frühprediger Reuel bis zum Obersanitätrat Oelhafen hinauf.

Und doch war der Armenadvokat vielleicht so selig als selber seine Frau. Zugleich beschrieb er seine Teufels Papiere und besah nicht die Hohen, sondern die Höhen des Orts.

Schon bei dem Eintritte in das Honoratiorenzimmer empfing ihn eine dagebliebene vergeßne lackierte, noch nicht abgeleckte Kindertrompete erfreuend, nicht so sehr durch ihren Quäk-Klang als durch ihren Farbengeruch, der ihn in diesem Christmonattage ordentlich in die dunklen Entzückungen des Christfestes zurück hauchte. Und so kam denn eine Freude zur andern. Er konnte von seinen Satiren aufstehen und Lenetten mit dem Schreibfinger die großen Krähennester in den nackten Bäumen und die unbelaubten Bänkchen und Tischchen in den Gartenlauben und die unsichtbaren Gäste zeigen, die allda an Sommerabenden ihre Sitze der Seligen gehabt, und die sich der Sache noch heute erinnern und schon dem Wiederhinsetzen entgegensehen. Auch war es ihm ein Leichtes, Lenetten auf die Felder hinzuweisen, wo überall heute in so später Jahrzeit Salat von freiwilligen Gärtnerinnen für ihn geholt werde, nämlich Ackersalat oder Rapunzeln, die er abends essen konnte.

Nun saß er vollends an seinem Fenster noch den rötlichen Abendbergen gegenüber, auf welche die Sonne immer größer zusank und hinter denen die Länder lagen, wo sein Leibgeber wandelte und das Leben abspielte. »Wie schön ist es, Frau«, sagte er, »daß mich von Leibgeber keine breite platte Ebene mit bloßen Hügel-Verkröpfungen scheidet, sondern eine tüchtige hohe Bergmauer, hinter der er mir wie hinter einem Sprachgitter steht.« Ihr kam es freilich halb so vor, als freue ihr Mann sich der Scheidewand, da sie selber an Leibgeber wenig Behagen und an ihm nur den Kipper und Wipper ihres Mannes gefunden, der diesen noch eckiger zuschnitt, als er schon war; indes in solchen Dunkelfällen schwieg sie gern, um nicht zu fragen. Aber er hatte freilich umgekehrt gemeint, von geliebten Herzen sehe man sich am liebsten durch die heiligen Berge geschieden, weil wir nur hinter ihnen wie hinter höhern Gartenmauern das Blütendickicht unseres Edens suchen und schauen, hingegen am Rande der längsten Tenne von Plattland nichts Höheres erwarten als eine umgekrümmte längere. Dies gilt sogar für Völker; die Lüneburger Heide oder die preußischen Marken werden sogar dem Italiener nicht den Blick nach Welschland richten; aber der Märker wird in Italien die Apenninen anschauen und sich nach den deutschen Geliebten hinter ihnen sehnen.

Von der sonnigen Gebirgscheide zweier getrennten Geister floß freilich mitten unter dem satirischen Arbeiten dem Armenadvokaten manches in die Augen, was aussah wie ein Träne; aber er rückte bloß ein wenig seitwärts, damit ihn Lenette nicht darüber befragte; denn er wußte und mied sein altes Auffahren über eine Frage, was ihm fehle, daß er weine. War er heute denn nicht die leibhafte Zärte lebendig und drückte vor der Frau das Komische nur durch die ernsthaftesten Mitteltinten aus, weil er sich selber über den frischen Wachstum ihrer von ihm gesäeten Freude ergötzte? – Sie erriet zwar dieses weiche Schonen nicht; aber so wie er zufrieden war, wenn niemand als er wußte – sie aber nicht –, daß er die feinsten Ausfälle auf sie gemacht, so war ers auch bei den feinsten Verbindlichkeiten.

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