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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Dies nötigte wieder die Frau von ihrer Seite noch weiter zurückzugehen und schon, wenn der Kaffee kalt am Feuer stand, zu rufen: »Komm, er wird kalt.« Auf diese Weise aber war bei einem solchen wechselseitigen Verfrühen und Verspäten, das täglich bedenklicher wuchs, nirgends Einhalt und Rettung abzusehen, sondern vielmehr eine solche Steigerung zu befahren, daß Lenette ihn um einen ganzen Tag voraus zu früh zum Kaffee rief, wiewohl beide am Ende wieder auf die rechten Sprünge zurückgekommen wären; so wie die jetzigen Abendessen versprechen, sich allmählich in zu frühe Frühstücke zu verkehren, und die Frühstücke in zu bürgerliche und frühe Mittagessen. – Leider konnte Siebenkäs sich nicht an den Notanker anhalten, daß er etwa den Kaffee hätte mahlen hören und dann nach einer leichten Berechnung zum Siedepunkte aufgestanden wäre; denn aus Mangel an Kaffeetrommel und -mühle wurde – so wie vom ganzen Hause – nur gemahlner gekauft. Freilich Trommel und Mühle hätten sich durch Lenette ersetzen lassen, wäre sie zu bewegen gewesen, keine Minute früher zum Kaffee zu rufen, als bis er auf dem Tische kochte und dampfte; aber sie war nicht zu bewegen. –

Kleinere Zänkereien vor der Ehe sind große in ihr, so wie die Nordwinde, die im Sommer warm sind, im Winter kalt wehen; – der Zephyrwind aus ehelichen Lungen gleicht dem Zephyr im Homer, von dessen schneidender Kälte der Dichter so viel singt. Von nun an legte sich Firmian darauf, neue Risse, Federn, Asche, Wolken im hellen Diamant ihres Herzens wahrzunehmen – – Du Armer, auf diese Weise muß bald ein Stein vom brüchigen Altar deiner Liebe nach dem andern abfallen, und deine Opferflamme muß wanken und schwinden.

Er entdeckte jetzo, daß seine Lenette bei weitem nicht so – gelehrt sei wie die Dlles. Burmann und Reiske – kein Buch machte ihr Langweile, aber auch keines Freude, und sie konnte das Predigtbuch so oft lesen als Gelehrte den Homer und Kant – alle ihre Profanskribenten zogen sich auf ein Ehepaar ein, auf die unsterbliche Verfasserin ihres Kochbuchs und auf ihren Mann, den sie aber nie las. Sie zollete seinen Aufsätzen die größte Bewunderung, tat aber keinen Blick hinein. Drei vernünftige Worte mit der Buchbinderin waren ihr köstlicher als alle gedruckte des Buchbinders und des Buchmachers. Ein Gelehrter, der das ganze Jahr neue Schlüsse und neue Dinte macht, begreift es nicht, wie ein Mensch leben könne, der kein Buch oder keine Feder im Hause hat und keine Dinte, sondern bloß die gelbe geborgte des Dorfschulmeisters. – Er nahm oft eine außerordentliche Professur an und bestieg den Lehrstuhl und wollte sie in einige astronomische Vorkenntnisse einweihen; aber entweder hatte sie keine Zirbeldrüse als Rittersitz für die Seele und deren Gedanken, oder ihre Gehirnkammern waren schon bis an die Häute mit Spitzen, Hauben, Hemden und Kochtöpfen und Bratpfannen vollgestellet, vollgekellet und gesättigt – kurz, er war nicht imstande, ihr einen Stern in den Kopf zu bringen, der größer war als ein Zwirn-Stern. Bei der Pneumatologie (Geisterlehre) hingegen hatt' er gerade die entgegengesetze Not; in dieser Wissenschaft, wo ihm die Rechnung des unendlich Kleinen so gut zupasse gekommen wäre als in der Sternkunde die des unendlich Großen, dehnte und renkte Lenette Engel und Seelen und alles aus und warf die feinsten Geister in den Streckteich ihrer Phantasie – Engel, von denen die Scholastiker ganze Gesellschaften zu einem Hausball auf eine neue Nadelspitze invitieren, ja die sie paarweise gerade in einen OrtDie Scholastiker glauben, zwei Engel haben Platz an einer und derselben Stelle. Occam. 1. qu. quaest. 4 u.a. einfädeln können, diese wuchsen ihr unter den Händen so, daß sie jeden in eine besondere Wiege legen mußte, und der Teufel schwoll und lief ihr auf, bis er so groß war wie ihr Mann.

Er kundschaftete auch in ihrem Herzen einen fatalen Eisenflecken oder eine Pockenschramme und Warze aus: er konnte sie nie in einen lyrischen Enthusiasmus der Liebe versetzen, worin sie Himmel und Erde und alles vergessen hätte – sie konnte die Stadtuhr zählen unter seinen Küssen und nach dem überkochenden Fleischtopf hinhorchen und hinlaufen mit allen großen Tränen in den Augen, die er durch eine schöne Geschichte oder Predigt aus dem zerfließenden Herzen gedrückt – sie sang betend die in den andern Stuben schmetternden Sonntaglieder nach, und mitten in die Verse flocht sie die prosaische Frage ein: »Was wärm' ich abends auf?« – und er konnte es nicht aus dem Kopfe bringen, daß sie einmal, im gerührtesten Zuhören auf seine Kabinettpredigt über Tod und Ewigkeit, ihn denkend, aber unten anblickte und endlich sagte: »Zieh morgen den linken Strumpf nicht an, ich muß ihn erst stopfen.«

Der Verfasser dieser Historie beteuert, daß er oft halb von Sinnen kam über solche weibliche Zwischenakte, vor denen keiner Brief und Siegel hat, der mit diesen geschmückten Paradiesvögeln in den Äther steigt und sich neben ihnen auf und nieder wiegt, und der droben in der Luft die Eier seiner Phantasien auf dem Rücken dieser VögelMan fabelte, das Männchen des Paradiesvogels brüte, bloß im Äther hangend, die Eier auf dem Rücken des Weibchens aus. auszusetzen gedenkt. – Wie durch Zauberei grünet oft plötzlich das geflügelte Weibchen tief unten in einer Erdscholle. – Ich gebe zu, daß dies nichts weiter ist als ein Vorzug mehr, weil sie dadurch den Hühnern gleichen, deren Augen so gut vom Universitätoptikus geschliffen sind, daß sie den fernsten Hühnergeier im Himmel und das nächste Malzkorn auf dem Miste bemerken. Es ist zwar zu wünschen, daß der Verfasser dieser Geschichte, falls er sich in die Ehe begibt, eine Frau bekomme, vor der er über die nötigsten Grundsätze und dictata der Geisterlehre und Sternkunde lesen kann, und die ihm in seinem höchsten Feuer nicht seine Strümpfe vorwirft; er wird aber auch zufrieden sein, wenn ihm nur eine zufället, die kleinere Vorzüge hat, sonst aber doch imstande ist, mitzufliegen, so weit es geht – in deren aufgeschlossenes Auge und Herz die blühende Erde und der glänzende Himmel nicht infinitesimalteilchenweise, sondern in erhabnen Massen dringen – für die das All etwas Höheres ist als eine Kinderstube und ein Tanzsaal – und die mit einem Gefühle, das weich und fein zugleich, und mit einem Herzen, das fromm und groß auf einmal ist, sogar den immer mehr bessert und heiligt, der sie geheiratet. – – Das ists und nicht mehr, worauf der Verfasser dieser Geschichte seine Wünsche beschränkt. –

So wie der Liebe Firmians die Blüte, wenn auch nicht das Laub, abfiel: so stand Lenettens ihre als eine ausgebreitete überständige Rose da, deren Schmuck ein Stoß auseinanderstreuet. Die ewigen Disputiersätze des Mannes ermüdeten endlich ihr Herz. Sie gehörte ferner unter die Weiber, deren schönste Blüten taub und unfruchtbar bleiben, wenn keine Kinder genießend um sie schwärmen, wie die Blüte des Weins keine Trauben ansetzt, wenn nicht Bienen sie durchstreifen. Sie glich diesen Weibern auch darin, daß sie zur Spiralfeder einer Wirtschaft-Maschine, zur Schauspiel-Directrice eines großen Haushaltdrama geboren war. Wie aber die Haupt- und Staatsaktionen und die Theaterkasse seiner Wirtschaft aussahen, das wissen wir leider alle von Hamburg bis Ofen. Kinder hatten beide, gleich Phönixen und Riesen, auch nicht, und beide Säulen standen abgesondert da, durch keine Fruchtschnüre aneinander gewunden. Firmian hatte schon in seiner Phantasie die scherzhaften Proberollen eines ernsthaften Kindvaters und Gevatterbitters durchgemacht – aber er kam nicht zum Auftreten.

Den meisten Abbruch tat ihm in Lenettens Herzen jede Unähnlichkeit mit dem Pelzstiefel. Der Rat hatte etwas so Langweiliges, so Bedächtliches, Ernsthaftes, Zurückhaltendes, Aufgesteiftes, so Bauschendes, so Schwerfälliges wie diese – drei Zeilen; das gefiel unserer gebornen Haushälterin. Siebenkäs hingegen war den ganzen Tag ein Springhase – sie sagte ihm oft: »Die Leute müssen denken, du bist nicht recht gescheut«, und er versetzte: »Bin ichs denn?« – Er verhing sein schönes Herz mit der grotesken komischen Larve und verbarg seine Höhe auf dem niedergetretenen Sokkus – und machte das kurze Spiel seines Lebens zu einem Mokierspiel und komischen Heldengedicht. Grotesken Handlungen lief er aus höhern Gründen als aus eiteln nach. Es kitzelte ihn erstlich das Gefühl einer von allen Verhältnissen entfesselten freien Seele – und zweitens das satirische, daß er die menschliche Torheit mehr travestiere als nachahme; er hatte unter dem Handeln das doppelte Bewußtsein des komischen Schauspielers und des Zuschauers. Ein handelnder Humorist ist bloß ein satirischer Improvisatore. Dies begreift jeder Leser – und keine Leserin. Ich wollte oft einer Frau, die den weißen Sonnenstrahl der Weisheit hinter dem Prisma des Humors zersplittert, gefleckt und gefärbt erblickte, ein bunt geschaffenes Glas in die Hände geben, das diese scheckige bunte Reihe wieder weiß brennt – es war aber nichts. Das feine weibliche Gefühl des Schicklichen ritzet und schindet sich gleichsam an allem Eckigen und Ungeglätteten; diese an bürgerliche Verhältnisse angestängelte Seelen fassen keine, die sich den Verhältnissen entgegenstellen. Daher gibts in den Erblanden der Weiber – an den Höfen – und in ihrem Reiche der Schatten, in Frankreich, selten Humoristen, weder von Leder, noch von der Feder.

Lenette mußte sich über ihren pfeifenden, singenden, tanzenden Gemahl ereifern, der nicht einmal vor Klienten eine Amtmiene zog, der leider – man erzählt' es ihr für gewiß – oft auf dem Rabenstein im Kreise herumging, von dessen Verstand recht gescheute Leute bedenklich sprachen, dem man, klagte sie, nichts anmerkte, daß er in einer Reichsstadt sei, und der sich nur vor einer einzigen Person in der Welt schämte und scheuete – vor sich. Kamen nicht oft Kammerjungfern mit Hemden, die zu nähen waren, aus den vornehmsten Häusern in seines und sahen ihn mir nichts dir nichts an seinem ein- und ausgespielten Klaviere stehen, das noch alle Tasten und fast ebenso viele Saiten als Tasten hatte? Und hatt' er nicht eine Elle im Maule, auf deren herabgelassener Fallbrücke die Töne vom Sangboden zu ihm hinauf, zwischen das Fallgatter der Zähne hindurch und endlich durch die Eustachische Röhre über das Trommelfell hinweg bis zur Seele einstiegen? Die Elle zwischen seinen Zähnen hatt' er darum als einen Storchschnabel an seinem, um mit dem Schnabel das unaufhörliche Pianissimo seines Klaviers oben in einem Fortissimo hinaufzubringen. – Indes ist wahr, daß der Humor im Widerschein der Erzählung weichere Farben annimmt als in der grellen Wirklichkeit.

Der Boden, worauf die zwei guten Menschen standen, ging unter so vielen Erschütterungen in zwei immer entferntere Inseln auseinander; die Zeit führte wieder einen Erdstoß herbei.

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