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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Drittes Bändchen

Neuntes Kapitel

Kartoffelkriege mit Weibern – und mit Männern – der Dezemberspaziergang – Zunder der Eifersucht – Erbfolgekrieg um den grillierten Kattun – Zerfallen mit Stiefel – die schmerzhafte Abendmusik

Ich wünschte, ich schweifte gelegentlich ein wenig aus; aber es fehlt mir an Mut.

Denn es gibt heutzutage wenige Leser, die nicht alles verstehen – wenigstens unter den jungen und geadelten –, und diese fodern (ich verarg' es ihnen nicht) von ihren Schoßautoren, sie sollen noch mehr wissen, was eine Unmöglichkeit ist. Durch das englische Maschinenwesen der Enzyklopädien – der enzyklopädischen Wörterbücher – der Konversationslexika – der Auszüge aus dem größern Konversationslexikon – der allgemeinen Wörterbücher aller Wissenschaften von Ersch und Gruber setzt sich ein junger Mann in wenigen Monaten bloß am Tage – die Nächte braucht er nicht einmal – in einen ganzen akademischen Senat voll Fakultäten um, den er allein vorstellt und unter welchem er als die akademische Jugend gewissermaßen selber steht.

Ein ähnliches Wunder als ein solcher junger Mann und Hauptstädter ist mir nie vorgekommen, es müßte denn der Mann sein, den ich in der Baireuther Harmonie gehört, welcher seinerseits wieder eine ganze Académie royale de musique, ein ganzes Orchester darstellte, indem er mit seinem einzigen Körper alle Instrumente trug und spielte. Es blies dieser Panharmonist vor uns Teilharmonisten ein Waldhorn, das er unter dem rechten Arme fest hielt, dieser strich wieder eine Geige, die er unter dem linken hielt, und dieser klopfte wieder zur schicklichsten Zeit eine Trommel, die er auf dem Rücken trug – und oben hatt' er eine Mütze mit Schellen aufgesetzt, die er leicht mit dem Kopfe janitscharenmäßig schüttelte – und an die beiden Fußknorren hatt' er Janitscharen-Bleche angeschnallt, die er damit kräftig widereinander schlug; – und so war der ganze Mann ein langer Klang, vom Wirbel bis zur Sohle, so daß man diesen Gleichnis-Mann gern wieder mit etwas verglichen hätte, mit einem Fürsten, der alle Staats-Instrumente, Staats-Glieder und Repräsentanen selber repräsentiert. – – – Wo soll nun aber vor Hauptstädtern und Lesern, welche einem solchen Allspieler als Allwisser gleichen, ein Mann wie ich, der, wenn es hoch kommt, nur von sieben Künsten Heidelberger Magister und einiger Philosophie Doktor ist, rechten Mut hernehmen, in ihrer Gegenwart künstlich und glücklich auszuschweifen? – Fortgang in meiner Erzählung ist hier weit sicherer.

Den Advokat Siebenkäs treffen wir denn unter lauter Hoffnungen, aber mit tauben Blüten wieder an. Er hatte gehofft, er werde nach dem Königsschusse wenigstens so lang gute Tage erleben, bis das Schußgeld aufgezehret sei, wenigstens 14; aber das Trauerschwarz, das jetzo die Reiseuniform ist, sollte auch die seinige auf seiner irdischen Nachtreise bleiben, auf dieser voyage pittoresque für Poeten. Die Menschen nicht, aber die Hamster und Eichhörnchen wissen gerade das Loch ihrer Wohnung zu füllen, das gegen die künftige Wetterseite aufsteht; Firmian dachte, sei das Loch in seinem Beutel geflickt, so fehl' ihm weiter nichts – ach es ging ihm jetzt etwas Bessers ab als Geld, – Liebe. Seine gute Lenette trat immer weiter von seinem Herzen weg – und er von ihrem.

Ihr Verhehlen des von Rosa zurückgelieferten Straußes setzte in seiner Brust, wie jeder fremde Körper in jedem Gefäße des Leibes, Stein um sich an. Das war aber noch wenig.

Sondern sie fegte und wischte am Morgen, er mochte pfeifen, wie er wollte –

Sie fertigte alle Landtagabschiede und andere Dekrete ans Laufmädchen noch immer in einigen Duplikaten und »vidimierten Kopien« aus, er mochte protestieren, wie er wollte –

Sie befragte ihn um jede Sache noch einigemal, er mochte immerhin vorher schreien wie ein Marktschreier oder hinterher fluchen wie ein Kundmann des letzten –

Sie sagte noch immerfort: es hat vier Viertel auf 4 Uhr geschlagen – Sie gab ihm noch immer, wenn er den mühsamsten Beweis geführt, daß Augsburg nicht in Zypern liege, die gründliche Antwort: es liegt aber doch auch nicht in Romanien, nicht in der Bulgarei, nicht im Fürstentum Jauer, noch bei Vaduz, noch bei Husten, zwei sehr unbedeutenden Flecken – Er konnte sie nie dahinbringen, ihm offen beizufallen, wenn er ganz unbedingt verfocht und aufschrie: es liegt beim Teufel in Schwaben. Sie räumte bloß ein, es liege gewissermaßen zwischen Franken, Bayern, Schweiz etc.; und nur bei der Buchbinderin gestand sie die schwäbische Lage.

Solche Lasten und Überfrachten indessen konnten noch ziemlich von einer Seele getragen werden, die sich mit dem Mustern großer Dulder stärkte, mit dem Muster eines Lykurgs, der sich geduldig von Alkander das Auge, oder eines Epiktets, der sich von seinem Herrn das Bein verhunzen ließ – und ich habe auch aller dieser Rostflecken Lenettens schon in vorigen Kapiteln gedacht. Aber ich habe ganz neue Fehler zu berichten und stell' es parteilosen Ehemännern zum Spruche anheim, ob solche auch unter die Mängel gehören, die ein Ehegenoß ertragen kann und soll.

Zuallererst: Lenette wusch sich die Hände des Tags wohl vierzigmal – sie mochte anfassen, was sie wollte, so mußte sie sich mit dieser hl. Wiedertaufe versehen; wie ein Jude wurde sie durch jede Nachbarschaft verunreinigt, und den eingekerkerten Rabbi Akiba, der einmal im größten Wassermangel und Durst das Wasser lieber verwusch als vertrank, hätte sie mehr nachgeahmt als bewundert.

»Sie soll reinlich sein (sagte Siebenkäs) und reinlicher als ich selber – aber Maße muß gehalten werden. – Warum trocknet sie sich denn nicht mit dem Handtuch ab, wenn ein fremder Atem darüber geflogen? Warum säubert sie ihre Lippen mit keiner Seifenkugel, wenn eine Mücke sich – und mehr dazu – auf solche gesetzt? – Hat sie nicht unsere Stube zu einem englischen Kriegschiffe gemacht, das täglich innen und außen überwaschen wird, und hab' ich nicht dem Fegen so friedlich zugesehen als irgendeiner auf dem Verdeck?«

Zog eine breite irländische Wolke oder eine donnernde Wasserhose über ihre und seine Tage: so wußte sie den Mann und seinen Mut wie eine holländische Festung ganz unter Wasser zu setzen und gab allen Tränen ein weites Bett. Warf hingegen einmal die Glücksonne einen Dezembersonnenschein, nicht breiter als ein Fenster, in ihre Stube: so wußte Lenette hundert Dinge zu tun und zu sehen, um nur schönere nicht zu bemerken. Firmian hatte sich besonders vorgenommen, vorzüglich diese paar Tage, wo er einen Gulden hatte, recht auszupelzen oder abzurahmen und das zweite Janusgesicht, das über Vergangenheit und Zukunft blicken oder weinen wollte, dicht zu verhängen; – aber Lenette zerschlitzte den Schleier und wies auf alles. Ihr Mann versicherte mehr als einmal: »Traute, passe nur, bis wir wieder blutarm und hundsübel dran sind: mit Freuden will ich dann mit dir ächzen und lechzen!« Wenig verfing. – Nur einmal gab sie ihm anständig zur Antwort: »Wie lange währts, so ist doch wieder kein Pfennig im Haus.« Aber darauf wußt' er noch verständiger zu versetzen: »Sonach nicht eher willst du einen heitern stillen Tag recht genießen, als bis man dir Stein und Bein schwören kann, daß kein elender, düsterer, wolkiger nachkommt? Dann koste ja keinen! Welcher Kaiser und König, und hätt' er Thronen auf dem Kopf und Kronen unter dem Steiß, kann nur auf einen Post- und Landtag lang versichert sein, daß beide nichts Nebliges bringen? Und doch genießt er rein seinen hellen Tag in Sanssouci oder Bellevue oder sonst, ohne weiter zu fragen, und freuet sich des Lebens.« (Sie schüttelte den Kopf.) – »Ich kann dir das nämliche auch gedruckt und griechisch beweisen«, sagt' er und trug in das aufgeschlagne Neue Testament auf Geratewohl vorlesend die Stelle ein: »Verschiebst du die innige Feier einer glücklichen Zeit so lange, bis eine andere kommt, wo lauter Hoffnungen in ungetrübter Reihe durch Jahre vor dir hinliegen: so ist auf unserer ewig wankenden glatten Kugel keine einzige innige Freude gedenkbar; denn nach zehn Tagen oder Jahren erscheint gewiß ein Schmerz; und so kannst du dich an keinem Maientage erlaben, und flatterten alle Blüten und Nachtigallen auf dich nieder, weil ganz gewiß der Winter dich mit seinen Flocken und Nächten bedeckt. Genießest du aber doch deine warme Jugend ungescheuet vor der im Hintergrund wartenden Eisgrube des Alters, in welcher du durch immer wachsende Kälte noch einige Zeit aufbewahrst wirst: so halte das frohe Heute für eine lange Jugend und das trübe Übermorgen für ein kurzes Alter.« – »Das Griechische oder Lateinische«, versetzte sie, »nimmt sich schon geistlicher aus, und auf der Kanzel wird die Sache oft gepredigt, ich geh' auch jedesmal recht getröstet nach Haus, bis das Geld uns wieder ausgeht.«

Noch schwerer hatt' ers, sie auf die rechten Freudensprünge zu bringen, mittags am Eßtische. Rauchte nämlich statt ihres täglichen Häcksels ein besonderer ägyptischer Fleischtopf, ein seltner Braten, den die Grafen von Wratislaw ohne Schande hätten liefern und die von Waldstein mit Ehren hätten vorschneiden können, rauchte ein solcher Schmaus über das Tischtuch: so konnte Siebenkäs gewiß hoffen, daß seine Frau einige hundert Dinge mehr vor dem Essen wegzuarbeiten habe als sonst. – Der Mann sitzt dort und ist willens anzuspießen – blickt umher, gedämpft anfangs, dann grimmig – wird doch seiner Meister auf einige Minuten lang – denket inzwischen neben dem Braten bei so guter Muße seinem Elende nach – tut endlich den ersten Donnerschlag aus seinem Gewitter und schreiet: »Das Donner und Wetter! ich sitze schon ein Säkulum da, und es friert alles ein – Frau, Frau!« –

Es war bei Lenetten (und so bei andern WeibernJene versehen bei der Krone Böheim das Erzküchenmeister-, diese das Erbvorschneideramt. ) nicht Bosheit – noch Unverstand – noch störrische Gleichgültigkeit gegen die Sache oder gegen den Mann – sondern das Gegenteil stand durchaus nicht in ihrer Gewalt; und dies erklärt es sattsam.

Inzwischen wird mein Freund Siebenkäs, der diese Darstellung noch früher in die Hand bekommt als selber der Setzer, mirs nicht verargen, daß ich auch seinen Frühstückfehler – hab' ich ihn ja doch aus seinem eignen Munde – der Welt entdecke. Lag er nämlich am Morgen im Gitterbette mit zugeschloßnen Augen ausgestreckt, so fiel er darin auf Einfälle und Einkleidungen für sein Buch, auf die er stehend und sitzend den ganzen Tag nie gekommen wäre; und in der Tat sind mir mehre Gelehrte aus der Geschichte bekannt – z.B. Cartesius – Abt Gallani – Basedow – sogar ich, den ich nicht rechne –, welche, zu der Wanzenart der Rückenschwimmer (Notonectae) gehörig, nur liegend am weitesten kamen, und für welche die Bettlade die beste Braupfanne der geistreichsten unerhörtesten Gedanken war. Ich selber könnte mich desfalls auf manches berufen, was ich geschrieben, wenn ich aufgestanden war. Wer die Sache gut erklären will, der führe hauptsächlich die Morgenkraft des Gehirns an, das nach den äußern und innern Ferien um so leichter und stärker dem Lenken des Geistes sich bequemt, und füge noch die Freiheit sowohl der Gedanken als der Gehirnbewegungen hinzu, welchen der Tag noch nicht seine vielerlei Richtungen aufgedrungen, und endlich noch die Macht der Erstgeburt, welche der erste Gedanke am Morgen, ähnlich den ersten Jugendeindrücken, ausübt. – Solchen Erklärungen zufolge konnte nun dem Advokaten, wenn er so im warmen Treibbeete der Kissen wuchs und die besten Blüten und Früchte trug, nichts Verdrüßlicheres zu Ohren kommen als Lenettens Ruf in der Stube: »komm herein, der Kaffee ist fertig«; gewöhnlich gebar er in der Eile, obgleich in steter Horchangst vor einem zweiten Marschbefehl, noch einen oder ein paar glückliche lebhafte Gedanken in seinem Kindbette nach. Da Lenette aber seine Respekt- oder Respitminuten, die er sich zum Aufstehen nahm, vorauswußte, wo rief sie schon, wenn der Kaffee erst kochte, in die Kammer hinein: »Steh auf, er wird kalt.« Der satirische Rückenschwimmer wurde wieder seines Orts dieses Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen gewahr und blieb ganz ruhig und vergnügt voll Anstrengung zwischen den Federn und brütete fort, wenn sie erst das erstemal gerufen hatte, und antwortete bloß: »den Augenblick!« sich seines gesetzmäßigen Doppel-Usos von Frist bedienend.

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