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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Zweites Blumenstück

Der Traum im TraumWie die Griechen und Römer der Sonne ihre Träume erzählten, so sagt' ich den obigen einer katholischen Fürstin (Lichnowsky), die ihn veranlaßt hatte, da sie die Reise von Wien nach Baireuth machte, um ihren Sohn – der aus dem Boden seines Standes in die Gartenerde eines weisen und edlen Erziehers (Hofrat Schäfer) versetzt war – zu umarmen.

Erhaben stand der Himmel über der Erde; ein Regenbogen hob sich, wie der Ring der Ewigkeit, über den Morgen – ein gebrochenes Gewitter zog über Wetterstangen mit einem müden Donnern unter die farbige Edenpforte in Osten – und die Abendsonne scheuete, wie hinter Tränen, mit einem milden Lichte dem Gewitter nach, und ihre Blicke ruhten am Triumphbogen der Natur... Ich spielte mit meinem Entzücken und schloß überfüllt die Augen zu und sah nichts mehr als die Sonne, die warm und lodernd durch die Augenlider drang, und hörte nichts mehr als das weichende Donnern. – – Da fiel endlich der Nebel des Schlafs auf meine Seele und überdeckte mit seinem grauen Gewölke den Frühling; aber bald zogen sich Lichtstreife durch den Nebel, dann bunte Schönheitlinien, und zuletzt war der ganze Schlaf um mich mit den hellen Bildern des Traums übermalt.

Mir träumte, ich stehe in der zweiten Welt: um mich war eine dunkelgrüne Aue, die in der Ferne in hellere Blumen überging und in hochrote Wälder und in durchsichtige Berge voll Goldadern – hinter den kristallenen Gebirgen loderte Morgenrot, von perlenden Regenbogen umhangen – auf den glimmenden Waldungen lagen statt der Tautropfen niedergefallene Sonnen, und um die Blumen hingen, wie fliegender Sommer, Nebelsterne... Zuweilen schwankten die Auen, aber nicht von Zephyrn, sondern von Seelen, die sie mit unsichtbaren Flügeln bestreiften. – – Ich war der zweiten Welt unsichtbar; unsere Hülle ist dort nur ein kleiner Leichenschleier, nur eine nicht ganz gefallene Nebelflocke.

Am Ufer der zweiten Welt ruhte die Heilige Jungfrau neben ihrem Sohne und schauete auf unsere Erde herab, die unten auf dem Totenmeere schwamm mit ihrem engen Frühling, klein und hinabgesenkt und nur vom Widerschein eines Widerscheins düster beschienen und jeder Welle nachirrend. Da machte die Sehnsucht nach der alten geliebten Erde Mariens zarte Seele weicher, und sie sagte mit schimmernden Augen: »O Sohn, mein Herz schmachtet weinend nach meinen teuern Menschen – ziehe die Erde herauf, damit ich den geliebten Geschwistern wieder nah in das Auge blicken kann; ach, ich werde weinen, wenn ich lebendige sehe.«

Christus sagte: »Die Erde ist ein Traum voll Träume; du mußt entschlafen, damit dir die Träume erscheinen können.«

Maria antwortete: »Ich will gern entschlafen, damit ich die Menschen träume.« – Christus sagte: »Was soll dir der Traum zeigen?«

»O, die Liebe der Menschen zeig' er mir, Geliebter, wenn sie sich wieder finden nach einer schmerzlichen Trennung« – – und indem sie es sagte, stand der Todesengel hinter ihr, und sie sank mit zufallenden Augen an seine kalte Brust zurück – und die kleine Erde stieg erschüttert herauf, aber sie wurde kleiner und bleicher, je näher sie kam.

Der Wolkenhimmel der Erde spaltete sich, und der zerrissene Nebel entblößte die kleine Nacht auf ihr; denn aus einem stummen Bache schimmerten einige Sterne der zweiten Welt zurück; die Kinder schliefen sanft auf der zitternden Erde und lächelten alle, weil ihnen im Schlummer Maria in mütterlicher Gestalt erschien. – – Aber in dieser Nacht stand eine Unglückliche – in ihrer Brust waren keine Klagen mehr, nur noch Seufzer – und ihr Auge hatte alles verloren, sogar die Tränen. Du Arme! blicke nicht nach Abend an das überflorte Trauerhaus – blicke nie mehr nach Morgen auf den Gottesacker, an das Totenhaus! Wende nur heute dein geschwollenes Auge ab vom Totenhause, wo dich eine schöne Leiche zerrüttet, die unverschlossen im Nachtwind steht, damit sie früher erwache als im Grabe! – Aber nein, Beraubte, blicke nur hin auf deinen Geliebten, eh' er zerfällt, und fülle dich mit dem ewigen Schmerz ... Da jetzt ein Echo im Gottesacker zu reden anfing, das die sanften Klaggesänge des Trauerhauses nachstammelte: o, da riß dieses gedämpfte Nachsingen, wie von Toten, das ganze Herz der Gebeugten auseinander, und alle unzähligen Tränen flossen wieder durch das wunde Auge, und sie rief außer sich: »Rufst du mich, du Stummer, mit deinem kalten Munde? O Geliebter, redest du noch einmal deine Verlassene an? – Ach sprich, nur zum letzten Male, nur heute!... Nein, drüben ists ganz stumm – nur die Gräber tönen nach – aber die armen Überdeckten liegen taub darunter, und die zerbrochne Brust gibt keinen Ton.«

Aber wie schauderte sie, als das Trauerlied aufhörte und der Nachhall der Gräber allein fortsprach! – Und ihr Leben wankte, als das Echo näher ging, als ein Toter aus der Nacht trat und die bleiche Hand ausstreckte und ihre nahm und sagte: »Warum weinest du, Geliebte! wo waren wir so lange? – Mir träumte, ich hätte dich verloren.« – Und sie hatten sich nicht verloren. – Aus Mariens geschlossenem Auge drang eine Freudenträne, und eh' ihr Sohn den Tropfen weggenommen, war die Erde wieder zurückgesunken mit den beiden neuen Beglückten.

Auf einmal stieg ein Funke aus der Erde herauf, und eine fliegende Seele zitterte vor der zweiten Welt, als ob sie zögere hinaufzugehen. Christus hob die entfallene Erdkugel wieder auf, und das Körpergewebe, aus dem die Seele geflogen war, lag noch mit allen Wundenmalen eines zu langen Lebens auf der Erde. Neben dem gefallnen Laube des Geistes stand ein Greis, der die Leiche anredete: »Ich bin so alt wie du; warum soll ich denn erst nach dir sterben, du treues, gutes Weib? jeden Morgen, jeden Abend werd' ich nachrechnen, wie tief dein Grab, wie tief deine Gestalt eingefallen ist, ehe meine neben dich sinkt... Oh! wie bin ich allein! jetzo hört mich nichts mehr; und sie nicht; – aber morgen will ich ihr und ihren treuen Händen und ihren grauen Haaren mit einem solchen Schmerz nachsehen, daß er mein schwaches Leben schließt. – – O du Allgütiger, schließ es lieber heute, ohne den großen Schmerz!« – – Warum legt sich noch im Alter, wo der Mensch schon so gebückt und müde ist, noch auf den untersten Stufen der Gruft das Gespenst des Kummers so schwer auf ihn und drückt das Haupt, in welchem schon alle Jahre ihre Dornen gelassen haben, mit einem neuen Schauder hinunter?

Aber Christus schickte den Todesengel mit der kalten Hand nicht: sondern blickte selber dem verlassenen Greis, der so nahe an ihm war, mit einer solchen lächelnden Sonnenwärme in das Herz, daß sich die reife Frucht ablösete – und wie eine Flamme brach sein Geist aus dem geöffneten Herzen – und begegnete über der zweiten Welt seiner geliebten Seele – und in stillen, alten Umfassungen zitterten beide verknüpft ins Elysium nieder, wo sich keine endigt. – – Maria reichte ihnen liebend die beiden Hände und sagte traum- und freudetrunken: »Selige! nun bleibt ihr beisammen.«

Über die arme Erde bäumte sich jetzt eine rote Dampfsäule und umklammerte sie und verhüllte ein lautes Schlachtfeld. Endlich quoll der Rauch auseinander über zwei blutigen Menschen, die einander in den verwundeten Armen lagen. Es waren zwei erhabne Freunde, die einander alles aufgeopfert hatten und sich zuerst, aber ihr Vaterland nicht. »Lege deine Wunde an meine, Geliebter! – Nun können wir uns wieder versöhnen; du hast ja mich dem Vaterlande geopfert und ich dich. – Gib mir dein Herz wieder, eh' es sich verblutet. – Ach, wir können nur miteinander sterben!« – Und jeder gab sein wundes Herz dem andern hin – aber der Tod wich vor ihrem Glanze zurück, und der Eisberg, womit er den Menschen erdrückt, zerfloß auf ihren warmen Herzen; die Erde behielt zwei Menschen, die über sie als Berge aufsteigen und ihr Ströme und Arzneien und hohe Aussichten geben, und denen die niedrige Erde nichts zuschickt als – Wolken.

Maria winkte träumend ihrem Sohne, weil nur er solche Herzen fassen, tragen und beschirmen könne.

– Aber warum lächelst du auf einmal so selig, wie eine freudige Mutter, Maria? – Etwan, weil deine liebe Erde, immer höher aufgezogen, mit ihren Frühlingblumen über das Ufer der zweiten Welt hereinwanket? – weil liegende Nachtigallen sich mit heißbrütenden Herzen auf kühle Auen drücken? – weil die Sturmwolken zu Regenbogen aufblühen? – weil deine unvergeßliche Erde so glücklich ist im Putze des Frühlings, im Glanze seiner Blumen, im Freudengeschrei seiner Sänger? – Nein, darum allein nicht; du lächelst so selig, weil du eine Mutter siehst und ihr Kind. Ist es nicht eine Mutter, die jetzo sich bückt und die Arme weit aufschließet und mit entzückter Stimme ruft: »Mein Kind, komm wieder an mein Herz!« – Ist es nicht ihr Kind, das unschuldig im brausenden Tempel des Frühlings neben seinem lehrenden Genius steht, und das der lächelnden Gestalt zuläuft, und das, so früh beglückt und an das warme Herz voll Mutterliebe gezogen, ihre Laute nicht versteht: »Du gutes Kind, wie freust du mich! Bist du denn glücklich? liebst du mich denn? O sieh mich an, du Teurer, und lächle immerfort!«...

Maria wurde von der schönen Entzückung aufgeweckt, und sie fiel sanft erbebend um ihren eignen Sohn und sagte weinend: »Ach, nur eine Mutter kann lieben, nur eine Mutter« – und die Erde sank mit der Mutter, die am Herzen des Kindes blieb, wieder in den irdischen Äther hinab...

Und auch mich erweckte die Entzückung; aber nichts war verschwunden als das Gewitter: denn die Mutter, die im Traum das kindliche Herz an ihres gedrückt, lag noch auf der Erde in der schönen Umarmung – und sie lieset diesen Traum und verzeiht vielleicht dem Träumer die Wahrheit.

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