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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Man hatt' ihn kaum in der glücklichen Gesellschaft vermisset, die in ihrem mit fremden Bestandteilen gefällten Elemente wie betäubte Fische schwamm, gleichsam gelähmt vom Gifte der Lust; Stiefel blieb vernünftig und sprach mit der Frau. Es ist der Welt schon aus dem ersten Teile bekannt – und den Leuten im Hause sonst –, daß Firmian gern aus seiner Gesellschaft weglief, um sich mit größerer Lust wieder in sie zu werfen, und daß er sein Vergnügen unterbrach, um es zu schmecken, wie Montaigne sich aus dem Schlafe wecken ließ, um ihn zu empfinden; er sagte also bloß, er sei nur draußen gewesen.

Endlich verliefen die lautesten Wellen, und es blieb nichts in der Ebbe zurück als drei Perlenmuscheln, unsere drei Freunde. Firmian blickte die glänzenden Augen Lenettens mit zärtlichen an, denn er liebte sie darum mehr, weil er ihr – eine Freude aufhob. Stiefel wurde von einer so reinen und tugendhaften Liebe ausgewärmt, daß er sie ohne groben logischen Verstoß für wahre Mitfreude erklären konnte, besonders da seine Liebe für die Frau der Liebe für den Mann nicht Fesseln, sondern Flügel anlegte. Der Schulrat war bloß auf der umgekehrten Seite in Angst, ob er seine Freude und Liebe auch feurig genug ausbrechen lasse; er drückte daher die Hände der Eheleute mehrmal und zwischen seine beiden gelegt – er sagte, er merke sonst wenig auf Schönheit, aber heute hab' ers mit Absicht getan, weil der Armenadvokatin die ihrige so gut gestanden unter den Arbeiten und besonders unter so vielen gemeinen Weibern, die er deshalb auch gar nicht einmal angeblickt – er versicherte dem Advokaten, er seh' es ordentlich für eine vermehrte Freundschaft gegen ihn selber an, was er Liebes für die brave Frau tue, und dieser versprach er, seine Zuneigung, die er ihr schon in der Kutsche auf dem Wege von Augsburg durch seine Reden bewiesen, desto mehr zu verstärken, je mehr sie seinen Freund und dadurch ihn selber liebhabe.

In diesen Freudenbecher Lenettens warf Firmian natürlicherweise keine Kelchvergiftung durch die in seinen Augen neue Nachricht, daß der Venner die seidnen Blumen erobert habe: er war heute so froh, die kleine Spielkrone hatte alle blutige Öffnungen seines Kopfes, von dem er die Dornenkrone ein wenig abgehoben, so weich zugedeckt und gestillt, wie Alexanders Diadem den blutenden Kopf des Lysimachus, daß er nichts wünschte, als die Nacht wäre so lange wie eine Polarnacht, weil sie ebenso heiter war. In solchen Augenblicken sind allen unsern Schmerzen die Giftzähne ausgebrochen, und allen Schlangen der Seele hat ein Paulus, wie denen auf Malta, die Zungen versteinert.

Als Stiefel fortwollte, hielt er ihn nicht, drang aber darauf, daß er sich von beiden begleiten ließe, nicht bis an ihre Türe, sondern an seine. Sie gingen. Der aufgedeckte Himmel mit der Gassenbeleuchtung der Stadt Gottes durch Lampen aus Sonnen zog sie aus den engen Kreuzgängen des Marktfleckens in den ausgedehnten Schauplatz der Nacht hinaus, wo man gleichsam das Himmelblau atmet und die Ostwinde trinkt. Jedes Stubenfest sollte man schließen und heiligen mit dem Kirchgang in den kühlen weiten Tempel, auf dessen Kirchengewölbe die Sternen-Musaik das ausgebreitete Heiligenbild des Allerheiligsten zusammensetzt. Sie schweiften umher, von vorauseilenden Frühlingwinden, die den Schnee von den Bergen spülen, erfrischet und gehoben; die ganze Natur gab das Versprechen eines milden Winters, der die Hausarmen ohne Holz sanft über das finsterste Viertel des Jahrs hinüberführt und den nur der Begüterte verwünscht, weil er bloß den Schlitten und keinen Schnee bestellen kann.

Die zwei Männer führten Gespräche, die der erhabnen Gestalt der Nacht gehörten; Lenette sagte nichts. Firmian bemerkte: »Wie nahe und wie klein liegen jetzt die jämmerlichen Austerbänke, die Dörfer, nebeneinander; wenn wir von einem Dorf zum andern reisen, so kömmt uns der Steig so lang wie einer Milbe der ihrige vor, wenn sie sich auf der Landkarte vom Namen des einen Dorfs zu dem des andern wälzt. Und höhern Geistern mag wohl unsere Erdkugel ein Erdball für ihre Kinder sein, den der Hofmeister dreht und erklärt.« – »Aber es kann«, sagte Stiefel, »ja noch kleinere Erden als unsere geben, und überhaupt muß etwas an unserer sein, da der Herr Christus für sie gestorben ist.« – Das drang wie warmes Blut in Lenettens Herz. Firmian sagte bloß: »Für die Erde und die Menschen sind schon mehre Erlöser als einer gestorben – und ich bin überzeugt, Christus nimmt einmal mehre fromme Menschen bei der Hand und sagt – ›Ihr habt auch unter Pilatussen gelitten‹. Ja mancher Schein-Pilatus ist wohl gar ein Messias.« Lenette besorgte heimlich, ihr Mann sei ein Atheist, wenigstens ein Philosoph. Er führte beide in Schlangen- und Schraubengängen dem Kirchhof zu. Aber auf einmal wurden seine Augen feucht, als wenn er durch einen tiefen Nebel ginge, da er an das überblümte Grab der Mutter und mithin an seine Lenette dachte, die keine Hoffnung gab, eine zu werden. Er suchte die Wehmut sich mit philosophischen Bemerkungen aus der Brust zu schaffen; daher sagt' er: Die Menschen und die Uhren stocken, solange sie aufgezogen werden für einen neuen langen Tag, und er glaube, der dunkle Zwischenraum, womit der Schlaf und der Tod unsere Zustände abteile und absondere, wende das zu große wachsende Leuchten einer Idee, das Brennen nie gekühlter Wünsche und sogar das Zusammenfließen von Ideen ab, so wie die Planetensysteme durch düstere Wüsten, und die Sonnensysteme durch noch größere auseinander gehalten werden. Der menschliche Geist könne den unendlichen Strom von Kenntnissen, der durch die ewige Dauer rinnt, nicht fassen, wenn er ihn nicht in Absätzen und Zwischenräumen trinke – den ewigen Tag, der unsern Geist blenden würde, zerlegen Johannisnächte, die wir bald Schlaf, bald Tod nennen, in Tagzeiten und fassen seinen Mittag in Morgen und Abend ein.

Lenette wäre aus Furchtsamkeit lieber hinter der Gottesackermauer weggelaufen; sie wurd' aber hineingeführt. Firmian nahm mit der in sich geschmiegten Frau einen Umweg zum Strauß. Er warf die schmalen klaffenden knarrenden Messing-Türchen zu, die den frommen Vers und den kurzen Lebenslauf bedeckten. Sie kamen zu den der Kirche nähern vornehmen Gräbern, die wie ein Wassergraben um diese Festung liefen. Hier traten lauter steilrechte Grabmäler auf die stillen Mumien, und weiter hinauf oben ruhten nur liegende Falltüren auf liegenden Menschen. Er brachte einen knöchernen, im Freien schlafenden Kopf ins Rollen und hob mit beiden Händen – Lenette mocht' ihn immerhin bitten, sich nicht zu verunreinigen – diese letzte Kapsel eines vielgehäusigen Geistes auf und sah in die leeren Fensteröffnungen des zerstörten Lustschlosses und sagte: »Um Mitternacht sollte man sich auf die Kanzel drinnen stellen und diese skalpierte Maske des Ich auf das Kanzelpult statt der Sanduhr und Bibel legen und darüber predigen vor den andern noch in ihre Häute eingepackten Köpfen. Wenns die Leute nur tun wollten, so sollten sie meinen Kopf nach meinem Ableben schinden und in die Kirche, wie einen Heringkopf, an einem Seil, wie den Taufengel, aufhenken, damit die törichten Seelen einmal hinauf- und einmal hinabsähen, weil wir hängen und schweben zwischen dem Himmel und dem Grabe. In unsern Köpfen, Herr Rat, sitzt noch der Haselnußwurm; aber aus diesem Kopfe ist er schon verwandelt ausgeflogen, denn er hat Löcher und einen gepulverten Kern.«Zwei Löcher an einer Haselnuß deuten an, daß der Käfer, der darin als Würmchen den Kern zernagte, verpuppet ausgekrochen ist.

Lenette erschrak über diese gottlose Lustigkeit so nahe neben Gespenstern: aber sie war nur eine verkleidete Erhebung. Auf einmal lispelte sie: »Dort schauet etwas über das Dach des Beinhauses herunter und richtet sich auf. « Der Abendwind trug bloß eine Wolke höher, und sie ruhte in Gestalt einer Bahre auf dem Dach, und eine Hand streckte sich aus ihr heraus, und ein zunächst an der Wolke blinkender Stern schien gleichsam auf die in die Nebelbahre gelegte Gestalt über der Stelle des Herzens als eine schmückende weiße Blüte gesteckt.

»Es ist nichts«, sagte Firmian, »wie eine Wolke. Wir wollen aufs Haus losgehen: so wird sie sich verstecken.« So hatt' er den schönsten Vorwand, ihr das blühende Miniatur-Eden auf dem Grabe einzuhändigen. Sie war kaum zwanzig Schritte hinaufwärts geschleppet, so wurde die Bahre vom Hause verbauet. »Was blüht denn da?« sagte der Rat. »Ei!« rief Firmian, »wahrhaftig, weiß- und rote Rosen und Vergißmeinnicht, Frau!« Sie blickte zitternd, zweifelnd, forschend auf diese mit einem Strauße bestreuete Ruhebank des Herzens, auf den Altar, unter dem das Opfer liegt. »Es ist schon gut, Firmian,« sagte sie, »ich kann nichts dafür, aber du hättest es nicht tun sollen – willst du mich denn immerfort quälen?« Sie fing an zu weinen und drückte die strömenden Augen auf Stiefels Arm. –

Denn sie, die in nichts so fein war als im Argwohn, hatte geglaubt, es sei der seidne Strauß aus ihrer Kommode, und der Mann wisse um die Schenkung von Rosa und habe mit der Pflanzung der Blumen auf das Grab einer Kindbetterin entweder ihre Kinderlosigkeit oder sonst sie selber zum Gespött. Er mußte ebenso verwirrt als verwirrend werden bei den gegenseitigen Irrtümern; er mußte fremde bestreiten und eigne ablegen; denn nun vernahm er erst von Lenetten, daß Rosa ihr die ausgelösten Seidenblumen längst eingehändigt. An der grünen Distel des Mißtrauens in ihre Liebe schlugen jetzt einige Blüten aus; denn nichts tut weher, als wenn eine geliebte Person uns zum ersten Male etwas verbirgt, und wär' es eine Kleinigkeit. Der Advokat war sehr mißmutig über das Verbittern der Rührung, worein er sich und andere zu bringen gedacht. Seine an sich schon zu künstliche welsche Blumensaat hatte der böse Feind des Zufalls durch Einstreuen welschen Unkrauts aus Bosheit und zur Strafe noch krauser verkünstelt und verkröpft; und man hüte sich daher, den Zufall zum Dienste des Herzens zu mieten.

Der verlegne Rat tat die Verlegenheit seines Urteils durch einige warme Flüche über den Venner kund; er wollte letztlich einen Friedenkongreß zwischen den sinnenden Eheleuten eröffnen und riet Lenetten an, dem Mann die Hand zu geben und sich auszusöhnen. – Aber dazu brachte sie nichts; nach langem Zaudern bekannte sie: sie wolle schon; aber nur, wenn er die Hände gewaschen hätte. Die ihrigen fuhren aus Ekel krampfhaft zurück vor zweien Handhaben eines Totenkopfs. –

Der Schulrat nahm beiden Menschen die Sturmfahne ab und hielt eine Friedenpredigt, die warm aus dem Herzen kam – er stellt' ihnen den Ort vor, wo sie wären, unter lauter Menschen, die schon gerichtet wären, und neben den Engeln, die an den Gräbern der Frommen Wachen ständen – er führte an, die zu ihren Füßen verwesende Mutter mit dem Säugling im Arm, deren ältestem Sohn er nach Schellers Prinzipien das Lateinische beibringe, mahne sie gleichsam an, bei ihrem friedlichen Hügel nicht über Blumen zu hadern, sondern sie davon als Ölzweige des Friedens zu nehmen... Sein theologisches Weihwasser sog Lenettes Herz durstiger ein als das reine philosophische Alpenwasser Firmians, und des letzten erhebende Gedanken über den Tod schossen über ihre Seele ohne Eingang hinweg. – Die Versöhnopfer wurden gebracht und die gegenseitigen Ablaßbriefe ausgewechselt; indessen nimmt ein solcher Friede, den ein Dritter zwischen zweien schließet, immer ein wenig die Natur eines Waffenstillstandes an. – Seltsam genug erwachten beide am Morgen mit Tränen in den Augen, konnten aber durchaus nicht angeben, von welchen Träumen die Tropfen zurückgeblieben, ob von freudigen oder von trüben.

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