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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Ist nun schon an sich ein Sonntag der Sonnen-, Mond- und Sternentag in einer Armenkaserne, wo der Mensch seine paar Bissen, seine paar Glanzkleider, seine zwölf Sitz- und zwölf Liegstunden hat und die nötigen Nachbarn zum Gespräch: so läßt sich wohl denken, wie vollends in Merbitzers Hause der Sonntag aufgetreten, wo jedermann ein halbes Schwein schon so ausgemacht und umsonst im Maule hatte als vorher die Predigt im Ohr, weil der vornehmste Mietmann im Hause die Kronfeierlichkeiten als Schützen-Souverän nirgends begehen wollte als am Tische unter lauter Handwerkern.

Schon vor dem ersten Kirchengeläute war die alte Sabel da. Der Kronschatz des Schießkönigs vertrug es ganz wohl, sie als Erbküchenmeisterin neben der Königin Lenette für einige Kreuzer und einige Nebenteller anzustellen. Der Königin selber kam jene überflüssig und wie eine Neben- oder zweite Königin vor – und im Schachbrett bekommt wirklich ein König zwei Königinnen, wenn man eine Bauerfigur in die Dame bringt und er die erste Königin noch hat, was dasselbe ist, wenn es unter einem wahren Thronhimmel geschieht –; denn Lenette hätte als wahre homerische und großkarolinische Fürstin am liebsten ganz allein gewaschen, gekocht und aufgesetzt. Der Schützen-Souverän selber verließ das laute staubende Thron- und Baugerüste des Tags und durchstrich in einem Schanzlooper selig und frei die weite grüne Ebene des stillen blauen Spätherbstes, aufgehalten von keinen dürren Verbietreisern und Wache stehenden Strohwischen und keine dickern Sperrstricke durchreißend als die Fäden der Spinne. Nie spazieren Gatten gemütlicher und gemächlicher im Freien, ja sogar in fremden Stuben auf und ab, als wenn in ihren die Stampf- und Zuckermühlen und die Fegemühlen arbeiten und toben und sie sich für ihre Heimkunft den reinsten Mahlschatz aller Mühlgänge versprechen. Mit einem dichterischen Idyllenauge scheuete der Advokat aus seinen stillen Wiesen in die ferne Lärmstube voll Pfannen und Hackmesser und Besen hinein und ergötzte sich wahrhaft an dem ruhigen Anschauen oder fernen umherfahrenden Betriebsamkeit und an dem Hineinträumen in die freudigen Zungenträume der heißhungerigen Tischgesellschaft – – bis er auf einmal rot und heiß wurde: »Da tust du was Rechtes«, redete er sich selber an; »das kann ich auch; aber die arme Frau fegt und kocht sich zu Hause ab, und niemand erkennt ihr Verdienst.« Nun konnt' er wohl nicht weniger leisten als einen recht starken Eid, daß er, was er auch daheim gerückt und gebügelt finde, alles im höchsten Grade genehmigen und erheben wolle ohne weiteres.

Die Geschichte bestätigte es auch zu seinem Ruhme, daß, als er bei seiner Heimkunft sein Büchergestelle abgebürstet und sein Dintenfaß außen weiß gewaschen und alle seine Sachen in Ordnung, jedoch in einer neuen gefunden, er ohne das geringste Auffahren Lenetten freundlich lobte und sagte – sie habe wie aus seiner Seele gewirtschaftet und gefegt; denn gerade vor gemeinen Frauen, von denen heute ein Dreizack von HöllenrichterinnenDie Haarkräuslerin, die Schusterin, die Buchbinderin: denn die alte Sabel selber, das Erbamt bei der königlichen Tafel verwaltend, bring' ich nicht in Anschlag. erscheine, könne man nicht gebürstet und gleißend genug auftreten – daher er ihr absichtlich heute die General-Intendantur des Theaters überlassen –, indes sie bei gelehrten Männern, wie Stiefel oder er selber, sich vergeblich in die beste englische Kratz- und Krempel- und Streichmaschine der Stube umsetze, weil solche Männer bei ihren hohen Gedanken auf dergleichen nötige Kleinigkeiten gar nicht herunter sähen.

Aber wie leitete durch diese schöne Stimmung der Präsident des Eßkongresses alles lieblich und lustig ein, noch ehe der Kongreß nur ankam. Nun vollends noch nachher! – Wenn die dreizehn Vereinigten Staaten, nämlich ihre dreizehn Deputierten miteinander an einem runden Tisch auf etwas, das sie ausgemacht, noch ein Abendmahl nehmen – und durch diese Deputierte wird wenigstens so viel ausgemacht, daß, wenn dreizehn Leute an einem Tische speisen, der dreizehnte darum nicht sterbe –: so halten es die vereinigten Freistaaten, weil sie aus dreizehn Kassen spielen, leicht aus, daß ihre Abgeordnete so traktieret werden wie – Firmians Leute in seiner Stube. Es ist angenehm, das Weidvieh grasen zu sehen, aber nicht den Nebukadnezar, sobald er als eines herumgeht; und so ist es nur widrig, den feinern Mann, nicht aber das arme Volk mit zu vieler Lust auf der Wiese des Magens, am Eßtisch, weiden zu sehen. Sie waren alle einig, sogar alle Eheleute; denn es ist der Hauptzug des gemeinen Volks, einander in 24 Stunden 12 Friedeninstrumente und ebensoviele Kriegerklärungen zu schicken und besonders jedes Essen zu einem Liebe- und Versöhnmahle zu veredeln. Firmian sah in gemeinen Leuten gleichsam eine stehende Truppe, die Shakespeares Lustspiele gab, und er glaubte hundertmal, dieser Theaterdichter sei der unsichtbare Souffleur derselben. Firmian hatte schon lange nach dem Vergnügen geschmachtet, eine Freude zu haben, von der er an arme Personen etwas weggeben konnte; er beneidete den reichen Briten, der für eine Schenke voll Taglöhner die Zeche bezahlt oder der wie Cäsar eine Hauptstadt freihält. Der Hausarme gibt dem Straßenarmen, der eine Lazzarone dem andern, wie Schaltiere der Wohnplatz anderer Schaltiere und Regenwürmer die Wohnerde kleinerer Würmer sind.

Abends kam der Pelzstiefel, der zu gelehrt war, um zwischen ungelehrten Plebeiern Schweinfleisch oder einen Scheffel Salz zu essen. Nun konnte doch Siebenkäs wieder einen Einfall haben, den niemand verstand als Stiefel. Er konnte doch den Staaten-Perpendikel, den Zepter, und die bunte Glaskugel des Reichsapfels auf den Tisch legen und als Eß- und VogelkönigGriechen und Römer hatten bekanntlich bei Gastmahlen einen Zermonienmeister oder Speise-Gonfaloniere, dessen Regierung so lange dauerte als das Essen. sagen, sein langes Flughaar diene ihm, wie den fränkischen Königen, statt der Krone, die sein Hausherr geschossen – er konnte behaupten, die Einrichtung, daß bloß der, unter dessen Händen der Adler stirbt, König werde, das sei offenbar eine Nachahmung des Ordens der fratricellorum Beghardorum, die nur den, in dessen Händen ein Kind umkam, zum Papst ernanntenWolf. Memorab. Cent. XIII. p. 540. Es ist freilich nur Verleumdung; aber in den finstern Zeiten griff man mehr die Handlungen und jetzo mehr die Lehrsätze der Ketzer an, weil jetzo Rechtglaubige und Andersglaubige doch wenigstens – im Handeln übereinkommen. – er könne zwar über den Reichsmarktflecken Kuhschnappel nicht so lange, sondern 14 Tage kürzer regieren, wie der König in Preußen über das Reichsstift Elten, der darüber jährlich 15 Tage herrsche – er habe zwar eine Krone mit Einkünften, die sehr herabgesetzt und in Wahrheit um die Hälfte beschnitten wären, und gleiche zu sehr dem großen Mogul, der sonst jährlich 226 Millionen einnahm und jetzo nur das Einhundertunddreizehntel davon – aber bei seiner Krönung sei doch statt aller schlimmen Gefangnen ein einziger guter losgelassen worden, er selber – und er sei wie Peter II. von Aragonien mit nichts Schlechterem gekrönt worden als mit BrotDiese Krönung des Peters mit ungesäuertem Brot (s. Jägers Historische Tabell.) ist wie die jetzigen mit den Kaufmitteln des Brots nichts als eine rhetorische Figur, die pars pro toto heißet. – unter seiner ephemerischen Regierung sei niemand geköpft, bestohlen oder totgeschlagen worden, und was ihn am meisten freue, er stelle einen Fürsten der alten Deutschen vor, der freie Leute beherrschte, verteidigte und vermehrte und selber darunter gehörte etc.

Die Kehlen in diesem königlichen Appartement wurden gegen Abend hin immer lauter und trockner – die Rauchfänge am Munde, die Pfeifen, machten die Stube zu einem Wolkenhimmel und die Köpfe zu Freudenhimmeln – draußen lag die Herbstsonne mit geflammten warmen Flügeln auf der nackten kalten Erde, um den Frühling eher auszubrüten – die Gäste hatten die Quinterne, nämlich die 5 Treffer der 5 Sinne, aus den 90 Nummern oder 90 Jahren des Lebenslotto gezogen – jedes darbende Auge funkelte, und in Firmians Seele trieben die Knospen der Freude alle ihre Häute auseinander und schwollen blühend heraus – – Die tiefe Freude führt allezeit die Liebe an ihrer Hand, und Firmian sehnte sich heute unaussprechlich mit seinem freudetrunkenen schweren Herzen an Lenetten ihres, um an ihrer Brust alles zu vergessen, was ihm mangelte, oder auch ihr.

Alle diese Umstände wehten ihm einen sonderbaren Einfall in den Kopf. Er wollte nämlich das verpfändete seidene Blumenwerk heute auslösen und es draußen in irgendeine schwarze Stätte pflanzen, an die er Lenetten noch abends – und wär' es in der Nacht – scherzend führen wollte, um sie in ein schönes frohes Erstaunen über solche Blumen zu setzen. Er schlich sich auf den Weg zum Leihhaus; aber – da jeder Entschluß anfangs mit einem winzigen Funken in uns anfängt und mit breiten Blitzen beschließet – so besserte er unterwegs den Vorsatz der Auslösung in den ganz andern um, sich wahre natürliche Blumen zu erhandeln und diese als ein Ziel in den nächtlichen Spazierweg einzustecken. Weiße und rote Rosen konnt' er aus dem Treibhause eines Hofgärtners des Fürsten von Öttingen-Spielberg, der erst in den Ort gezogen war, leicht bekommen. Er ging um die mit Blüten verhangnen steilrechten Glasdächer herum und zum Gärtner und – erhielt, was er wollte, bloß keine Vergißmeinnicht, die der Mann natürlich den Wiesen überlassen hatte. Und Vergißmeinnicht waren zur Ründe der liebevollen Illusion unentbehrlich. Er ging daher mit dem authentischen Herbstflor zur Taxatrizin, in deren Händen seine Seidenpflanzen waren, um die toten tauben Kokons-Vergißmeinnicht in lebende Rosen einzubinden. Als er hinkam und die Frau darum anging – vernahm er staunend, in seinem Namen habe das Pfand schon der Hr. v. Meyern eingelöset und mitgenommen und ein so großes Pfandgeld dagelassen, daß sie sich bei dem Advokaten noch heute bedankte. Es gehörte der ganze Widerstand eines mit Liebe gestärkten Herzens dazu, daß er dem Venner nicht noch heute mit einem Sturm über den krieglistigen Pfandraub ins Haus lief, weil er kaum den – freilich irrigen und nur durch Lenettens Verschweigen der Übergabe erzeugten – Gedanken aushalten konnte, daß zwischen Rosas diebischen Ringfingern das schöne Pfand seiner reinen Liebe blühe. Auch die schuldlose Betrogne, die Taxatrizin, wäre anzufahren gewesen an einem andern, nicht so lieb- und freudevollen Tage; aber Firmian fluchte bloß im allgemeinen, um so mehr, da die höfliche Frau ihm auf sein Bitten fremde Seidenvergißmeinnicht zuzuführen hatte. – Auf der Gasse war er mit sich über die Pflanzstatt der Blumen streitig; er wünschte, er hätte in der Nähe ein frisch aufgeackertes Beet mit Modererde vor sich, deren dunkler Grund das Blumenrot und Blumenblau erhöhe. Endlich sah er ein Feld, das im Winter und Sommer und in der größten Kälte zu Beeten aufgerissen wird – den Gottesacker, der nebst seiner Kirche außerhalb des Orts von einem Hügel wie ein Weinberg herabhing. Er schlich oben durch ein Hintertor hinein und sah einen frisch aufgeworfnen Grenzhügel des beschlossenen Lebens; er war gleichsam vor die Triumphpforte gewälzt, durch die eine Mutter mit ihrem neugebornen Kinde auf dem Arm in die hellere Welt gegangen war. Auf diese Bahre aus Erde steckt' er die Blumen wie einen Totenkranz und ging nach Haus.

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