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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Achtes Kapitel

Bedenklichkeiten gegen das Schuldenbezahlen – die reiche Armut am Sonntag – Thronfeierlichkeiten – welsche Blumen auf dem Grabe – neue Distel-Setzlinge des Zanks

Siebenkäs, ein König und doch ein Armenadvokat und holzersparendes Mitglied, stand den Morgen als ein Mann auf, der, die Spesen etc. abgerechnet, bare 40 fl. frk. jede Stunde auf den Tisch legen konnte. Er genoß den ganzen Vormittag das für Tugendhafte mit einem besondern Reize versetzte Vergnügen, Schulden abzutragen – erstlich beim Sachsen die Hausmiete – bei den Fleischern, Bäckern und andern Krankenwärtern unserer dürftigen Maschine die kleinen Duodezrechnungen. Denn er glich den vornehmsten Personen, die von den geringsten nur Lebenmittel borgen und kein Geld, wie manche Richter nur mit jenen, nicht mit diesem zu bestechen sind.

Daß er übrigens seine Schulden abführt, kann ihm keiner verdenken, der weiß, daß er von geringem oder gar keinem Herkommen ist. Von einem Manne von Stande erwartet man als seiner anständiger, daß er seine Zinsen nicht bezahle – wozu ihn schon die Kreuzzüge verbinden, in welchen seine ältern Ahnen mit dienten und folglich, bloß unter den Römischen Stuhl eingepfarret, nichts zu verzinsen brauchten –, am wenigsten seine Schuldposten. Denn einem Mann von feinem Ehrgefühle, z. B. einem Hofmann, etwas borgen, heißet dasselbe mehr oder weniger vermehren. Diese Beleidigung seines Gefühls sucht der feine Mann zu verzeihen und will sich also die ganze Beleidigung samt ihren Umständen ganz aus dem Sinne schlagen; erinnert ihn der Beleidiger seines Ehrgefühls daran, so stellet er sich mit wahrer Feinheit, als wiss' er kaum, daß er beleidigt worden. Hingegen rohe Landjunker und Offiziere auf dem Marsch zahlen wirklich aus und schlagen sich – wie in Algier, wo jeder Münzgerechtigkeit hat – die Münzsorten dazu selber. Auf Malta ist eine lederne Münze, von 16 Sous im Wert, gäng und gäbe, deren Randschrift heißet: non aes sed fidesEtudes de la nature, T. III. p. 220. Der Verfasser, ein Schüler Rousseaus, ist für Freunde Rousseaus. ; diese juchtene Münze, wiewohl nicht rund, sondern lang ausgeprägt wie spanisches Geld – daher sie noch häufiger unter dem Namen der Hund- und Reitpeitschen vorkömmt –, zählen Landsassen und Personen vom Dorfadel ihren Kutschern, Juden, Schreinern und andern Leuten, denen sie schulden, so lange auf, bis Gläubigere befriedigt sind. – Ja ich stand schon am Tische und sah, daß Offiziere, die auf Ehre hielten, den Degen von der Wand oder Hüfte nahmen und damit dem Stiefelwichser, der sein Geld wollte, es in gedachter antiquarischer Rechenmünze – und schon bei den tapfern Spartern waren Waffen zugleich Münzen – wirklich hinzahlten, wobei noch dazu der Mann viel besser gewichset wurde als die meisten Stulpenstiefel, wofür er einfoderte. Und sollt' es, im ganzen und moralisch gesprochen, ein Fehler sein, wenn auch Militärpersonen vom höchsten Range ihre kleinern Schulden abführen und oft dem winzigsten Schneidermeister, der Metall begehrt, die eiserne Elle aus den Händen nehmen und ihm – indem sie ihn noch dazu gerade mit dem Maße messen, womit er sie und ihre Pelze maß – nicht bloße Rechenmünzen oder auch Assignaten, sondern ein Metall, welches das reiche Peru nicht hatte, nämlich besagtes Eisen, als gutes Geld, wenn nicht in die Hand drücken, doch an einen Ort, der Konkursmassen tragen kann? Wenigstens hatten die Briten keine andere Münze als lange Eisenstäbe; kürzer ist die arabische Münze von Draht, Larin genannt, einen Zoll lang, 16 kr. im Wert (s. Eulers Wechselenzyklopädie). – Auf Sumatra sind die Schädel der Feinde unsere Louisdor und die Kopf-Stücke; sogar dieses Schatzgeld, den feindlichen Schädel des Professionisten, der etwas geliefert hat, greift oft der edlere Schuldner an, nur um diesem genugzutun. In der Kautelarjurisprudenz und im allerneuesten preuß. Gesetzbuch fehlet gleichwohl die Kautel: daß ein Gläubiger sich im Schuldschein sogleich ausbedingen solle, in welcher von den zwei gangbaren und alternierenden Geldsorten er von seinem hohen Gemeinschuldner wolle befriedigt werden, ob in Metall oder in Prügeln...

Siebenkäs hatte diesen Donnerstags-Morgen eine kitzelnde Disputierübung über das halbe Herz oder halbe Schwein des Kardinalprotektors, das ihm der Unterkönig, der Friseur, aufdringen wollte, um gewisser den halben Königschuß zu bekommen. Als der Sachse den Schuß hatte, die 25 fl., stritt er kälter und ließ sich endlich gefallen, daß künftigen Sonntag das gehälftete Tier oben in Firmians Stube von ihm, von den übrigen Hausleuten und von den zwei Schützen-Landesvätern und -müttern in Gesellschaft des Schulrates rein wie ein jüdisches Osterlamm sollte – aufgezehret werden. –

Die Blumengöttin unserer Tage nahm jetzo einige Fingerspitzen voll Gesäme jener Blumen, die schnell aufgehen und die, wie die Christwurzel oder Nießwurz, im jetzigen Dezember blühen, und säete sie neben den Steig, den Firmian am häufigsten ging. – – Aber wie lange, Freudiger! wird die erzwungne Blüte an deinen Tagen hängen bleiben? Und wird es deinem philosophischem Dianens- und Brotbaum, der an der Stelle der Klageiche gesetzet ist, nicht wie anderen abgehauenen Bäumen ergehen, die man auch am Andreastage in die Stube und in Kalkwasser pflanzt und die nach einem flüchtigen Ertrag von gelbem Laub und dumpfer Blüte auf immer verschmachten? –

Den Schlaf, den Reichtum und die Gesundheit genießet man nur, wenn sie unterbrochen worden; bloß in den ersten Tagen, nachdem die Bürde der Armut oder Krankheit abgeladen ist, tut dem Menschen das Aufrechtstehen und das freie Atmen am sanftesten. Diese Tage währten bei unserem Firmian bis zum Sonntag. Er mauerte einen ganzen Kubikfuß von der Teufelsmauer in seiner Auswahl aus des Teufels Papieren auf – er rezensierte – er prozessierte – er wachte listig über den Hausfrieden, den die Einlösung der Pfänder hätte stören können. Das will ich zuerst erzählen, und dann erst das Platos-Gastmahl am Sonntag. Er handelte nämlich schon am Königtage eine Dutzenduhr für 21 fl. an sich, um sein Geld nicht – nach und nach auszugeben; er wollte überhaupt einen Hoffnunganker in die Uhrtasche auswerfen. Als nun die Frau darauf antrug, die Salatiere, die Heringschüssel und andere Pfänder auszulösen, und da das nicht mit Küssen, sondern mit einem halben Kapitale geschehen mußte, so sagt' er: »Ich bin zwar nicht dafür – in kurzem trägt sie die alte Sabel wieder fort – aber wenn du willt, so tu es immer, ich stelle dirs frei.« Hätt' er sie bekriegt, er hätte gemußt; so aber, da er ihr das meiste Geld in ihren Beutelhulfter goß – und da sie die wachsende Ebbe täglich anzeichnete – und da sie sich alle Tage an die Auslösung machen konnte: so machte sie sich eben nicht daran. Die Weiber schieben gern auf, und die Männer fahren gern zu; bei jenen gewinnt man durch Geduld, bei diesen, z.B. bei Ministern, durch Ungeduld. Ich erinnere hier alle deutsche Ehemänner, die etwas nicht auslösen wollen, noch einmal daran, daß ichs ihnen klar gesagt habe, wie sie mit ihren schönen Widerbellerinnen umzuspringen haben.

Jeden Morgen sagte sie: »Ei wahrlich, wir sollten doch einmal nach unsern Tellern schicken.« Und er antiphonierte: »Meinetwegen nicht, ich lobe dich eher deswegen.« So gestaltete er seinen Wunsch in ein fremdes Verdienst um. Firmian hatte Kenntnis des Menschen, nicht der Menschen – er war bei jedem neuen Weibe verlegen, aber nicht bei einem alten – wußte genau, wie man unter gebildeten Leuten sprechen, gehen, stehen müsse, bracht' es aber nicht nach – nahm jede fremde äußere und innere Unbehülflichkeit wahr und behielt seine – wurde, wenn er seine Bekannten Jahre lang mit Welt und Überlegenheit behandelt hatte, erst auf Reisen innen, daß er, unähnlich dem Weltmann, über Unbekannte nichts vermöge. – – Was soll ich viel Worte machen? Er war ein Gelehrter. –

Inzwischen wär' er doch vor dem Sonntage, mit allen seinen Friedenpredigten und Friedenverträgen in der Brust, wieder in einen häuslichen Frosch- und Mäusekrieg unversehens hineingetappt. Es ist nämlich Tatsache, aus seinem eignen Munde entnommen, daß er, als Lenette unaufhörlich ihre Hände und Arme und damit zugleich hundert andere Sachen wusch, obgleich mehr mit kaltem Wasser, weil unmöglich in einem fort warmes dazu dastehen konnte, daß er, sag' ich, weiter nichts mit der allersanftesten Stimme in der Welt tat als die wahrhaft freudige Frage: »Das kalte Wasser erkältet dich also gar nicht?- »Nein«, sagte sie in einem gedehnten Tone. »Warm macht dichs vielmehr?« fuhr er fort. »Ja«, sagte sie in einem abgeschnappten. Sitten- und Seelenlehrer sind wider mein Erwarten sehr zurück, sowohl in der allgemeinen Seelengeschichte als in der besondern dieses Buchs, welche sich über die halbgrollende Antwort auf eine so milde Frage besonders verwundern. Lenette wußte nämlich längst recht gut, daß der Advokat, gleich Sokrates, gewöhnlich mit den sanftesten Lauten, wie Sparter mit Flöten, seinen Krieg anfing, ja sogar fortführte, um gleich jenem, bei sich zu bleiben; sie besorgte daher auch diesesmal, daß der Flötentext eine Kriegerklärung gegen die weibliche Regierform enthalte, die ihre Arbeitbezirke nach Waschwassern, wie das jetzige Bayern seine Landkreise nach Flüssen, einteilt. »Aus welcher Tonart«, fluchte daher der Advokat öfters, »soll nun ein Ehemann sein Stück spielen, wenn zuletzt die weiche wie die harte klingt, frag' ich jeden?«

Aber diesesmal war er gerade mit der größten Milde auf nichts Hartes ausgewesen, sondern auf eine Vorrede zu einem richtigen Erziehsystem kindlicher Leiber. Denn er fuhr nach ihrer Antwort fort: »Damit erfreuest du mich wahrhaft. Hätten wir Kinder, so seh' ich, du würdest sie nach deiner Methode immer waschen, und zwar kalt und über den ganzen Leib; das aber stärkte, da es so wärmte.« Sie hielt ohne alle Antwort bloß die Hände zum Siegen gefaltet in die Höhe, wie jener biblische Prophet; denn ein kaltes Baden der Kinder war ihr nichts als ein Blutbad durch einen Herodes. Viel heller setzte jetzt Firmian seine Abhärt- und Abgleichmethode der Erziehung ins Licht; – viel heißer sträubte sich die Frau mit allem ihrem Gefieder dagegen auf, bis beide endlich durch gegenseitige, geschickte Entwicklung des männlichen und des weiblichen Erziehwesens weit genug gekommen wären, um als ein Paar Zephyrstürme gegeneinander aufzustehen, hätte nicht der Ehemann die Frage wie einen herrlichen Freischuß getan: »Wetter! haben wir denn Kinder? Warum machen wir uns denn voreinander selber lächerlich?« – Lenette versetzte: »Ich sprach nur von fremden Kindern.«

Also, wie gesagt, brach kein Krieg aus, sondern vielmehr der friedliche Sonntag herein samt den Gästen, die das halbierte warme Herz oder Schwein der babylonischen Hure oder des Kardinalprotektors gewinnen und verspeisen wollen. Es war überhaupt, als wenn jetzo ein günstiger Stern der drei Weisen auf diesem Haus voll Hausarme stehen wollte; denn schon Freitags zuvor hatte ein Sturmwind den halben Rats-Forst glücklicherweise eingerissen und für alle Arme den Advent-Weg so glänzend mit Zweigen und den daran hängenden Bäumen überstreuet, daß die ganze Forstdienerschaft der Ährenlese einer solchen Weinernte nicht zu wehren vermochte; seit Jahren lag im Merbitzerschen Hause nicht so viel Holz als am Sonntage, teils gekauftes, teils kühn geholtes.

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