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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Aber Lenette schoß in die Höhe, so daß er kaum sich nachbringen konnte. Sie schauete ihm fragend in die Augen... rechtschaffene Frauen müssen, glaub' ich, eine eigne Theorie über die Blitze der Augen haben, um die gelben der Hölle von den reinen des Himmels abzusondern – der Wüstling wußte von seinem Auge so wenig, wie Moses von seinem ganzen Antlitz, daß es blitze. Ihr Auge fuhr gleichsam vor dem versengenden fremden zurück; es ist aber auch meine historische Pflicht – da so viele tausend Leser und ich selber auf den wehrlosen Everard eindringen –, es nicht zu verbergen, daß Lenette den ganzen Abend die etwas rohen und freien Zeichnungen, die ihr der Schulrat Stiefel von den Kriegschauplätzen aller Wüstlinge und besonders des gegenwärtigen mit einer sehr breiten Reißkohle vorgezogen hatte, im Kopfe aufbreitete und über jeden Rück- und Vorschritt Rosas argwöhnisch stutzte.

Und doch werd' ich jetzo dem armen Schelm mit jedem Worte schaden, das ich weiter schreibe; ja viele Damen, die aus den salischen Gesetzen oder aus Meiners wußten, daß man sonst geradeso viele Strafgelder geben mußte, wenn man die weiblichen Finger berührte, als wenn man den männlichen mittlern weghieb – nämlich 15 Schillinge, diese Damen, die schon über Rosas Finger-Drücken sich so sehr ereifert haben und es strafen wollen, diese werden vollends nicht zu versöhnen sein, wenn ich fortfahre, weil sie aus MalletDessen introduction dans l'histoire de Dannemarc. wissen, daß sonst Leute, die wider fremden Willen küßten, durch Urtel und Recht Landes verwiesen wurden. – Ja viele jetzige Weiber beharren noch auf der Strenge der altdeutschen Pandekten und verweisen den Lippendieb – da in den RechtenArt. 159. P.G.O. Landesverweisung und Verstrickung an einen Ort einander ablösen und ersetzen – zwar nicht aus dem Zimmer, aber sie zwingen ihn doch, darin zu bleiben; auf ähnliche Art verurteilen sie einen Schuldner, dem sie ihr Herz gegeben, und ders gar behalten will, zum Einlager im Torus. –

Der aufspringende Rosa hatte nach seinem Fehlsprunge nichts zur Entschuldigung seines Fehlers mehr übrig als die Vergrößerung desselben – er umhalste demnach die marmorne Göttin ... Aber es steht mir eine Bemerkung im Weg, die ich vorher machen muß. Viele gute Schönen beschirmen nämlich ihr Versagen durch Gewähren; sie leisten, um sich für ihren tugendhaften Feldzug selber zu besolden, in kleinern Dingen keinen Widerstand, sie geben mehre Besitztümer und Verschanzungen von Kleidern und Worten preis, um geschickt dem Feinde – zuvorzukommen und zu begegnen, so wie kluge Kommandanten die Vorstädte abbrennen, um oben in ihrer Festung besser zu fechten. –

Ich machte diese Reflexion bloß, um zu bemerken, daß sie auf Lenetten gar nicht passe. Sie hätte mit ihrem engelreinen Geiste und Körper geradezu in den Himmel eintreten können, ohne sich erst umzukleiden; sie konnte ihr Auge, ihr Herz, ihren Anzug, alles mit hinauf nehmen, nur ihre Zunge nicht, die ungebildet und unbedachtsam war. Sie sträubte sich also gegen die Hausdieberei, die Everard an ihren Lippen verüben wollte, auf eine Art, die für einen so kleinen Obstdiebstahl zu ernsthaft und zu unhöflich war, und die es nicht so sehr gewesen wäre, wenn Lenette sich des Schulrates grelle Weissagungen von Rosa hätte aus dem Kopfe schlagen können.

Rosa hatte auf einen angenehmern Grad der Weigerung gerechnet. Seine Hartnäckigkeit half ihm nichts – gegen die größere. Ein Mückenschwarm von leidenschaftlichen Entschlüssen sauste betäubend um ihn. Aber da sie endlich sagte – sie wirds vom Schulrat haben –: »Gnädiger Herr, es steht ja in den hl. Zehn Geboten, du sollt dich nicht lassen gelüsten nach deines Nächsten Weib«: so tat er aus dem Kreuzwege zwischen Liebe und Groll einen langen Sprung in seine – Tasche und holte einen welschen Strauß heraus. »So nehmen Sie nur, Sie Häßliche, Unerbittliche, nur diese Vergißmeinnicht zum Angedenken – mehr begehr' ich beim Henker ja nicht!« Er hätte den Augenblick mehr begehrt, wenn sie ihn nahm; aber sie drückte weggehend den seidnen Strauß mit zwei Händen zurück. Jetzt wurde die Honigwabe der Liebe in seiner Seele zu echtem Honigessig gesäuert; er wurde verflucht toll und warf die Blumen weit auf die Tafel hinüber und sagte: »Es sind Ihre versetzten Blumen selber – ich hatte sie ausgelöset bei der Taxatrizin – Sie müssen sie wohl behalten.« – Nun wich er von dannen, verbeugte sich aber, und die wunde Lenette tats auch.

Sie nahm den giftigen Strauß und besichtigte ihn am helleren Fenster – ach ja wohl waren es die Rosen und die Rosenknospen, an deren Eisendornen gleichsam das Blut von zwei zerstochnen Herzen hing. Indes sie so weinend und erliegend und mehr betäubt als aufmerksam durchs Fenster sah, nahm sie es wunder, daß ihr Seelenpeiniger, der laut die Treppe hinabgeflogen war, doch nicht herauskam aus der Haustüre. Nach langem aufmerksamen Lauern, worin die Angst wie ein Trost den Kummer überschrie und die Zukunft die Vergangenheit, galoppierte pfeifend und mit der Hutspitze gen Himmel zielend der gekrönte Haarkräusler daher und schrie einlaufend nur vorläufig hinauf: »Frau Königin!« Denn er mußte vor allen Dingen in seine eigne Stube einbrechen und vier Leute auf einmal zu Königen ausrufen und zu Königinnen. – –

Es ist nun Pflicht, den Leser in den Winkel mitzunehmen, wo der Venner hockt. Er war von Lenetten geradesweges zur Perückenmacherin hinabgestiegen im doppelten Sinn, eine jener gemeinen Frauen, die das ganze Jahr gar nicht daran denken – denn kein Pferd muß so viel wegarbeiten wie sie –, etwan untreu zu werden, und die es nur dann werden, sobald ein Versucher kommt, den sie weder locken noch fliehen, und die vielleicht beim nächsten Brotbacken den Vorgang wieder vergessen haben. Überhaupt ist der Vorzug, den die meisten weiblichen Honoratiores ihrer Treue vor der Treue der höhern Damen geben, ebenso groß als zweifelhaft, da es in den mittlern Ständen nur wenige Versucher gibt – und nur rohe dazu. Rosa war – so wie der Erdwurm zehn HerzenDer Bruder des Doktor Hunters fand sie. S. van Dalems Reise durch England. führt, die von einem Ende des Wurms bis zum andern langen – innen mit ebensoviel Herzen besetzt und gefüttert, als es Arten von Weibern gibt; für feine, plumpe, fromme, sittenlose, für alle hatt' er sein besonderes Herz zur Hand. Denn wie Lessing und andere so oft den einseitigen Geschmack mißbilligen und den Kunstrichtern einen allgemeinen predigen, der die Schönheiten aller Zeiten und Völker empfindet, ebenso dringen Weltleute auf einen allgemeinen Geschmack für lebendige zweifüßige Schönheiten, der keine Manier ausschließet, und welchen alle letzen. Den hatte der Venner. In seiner Seele war ein solcher Unterschied zwischen seinen Empfindungen für die Perückenmacherin und zwischen denen für Lenetten, daß er aus Rache gegen diese sich auf der Treppe versetzte, den Unterschied zu überspringen und zur Hausherrin zu schleichen, deren engbrüstiger Mann sich draußen für eine andere Krönung konföderierte und abarbeitete. Sophia (so hieß sie) hatte immer beim Buchbinder Perücken ausgekämmt, wenn der Venner dort saß und Romane seines Lebens heften ließ: da hatten beide einander durch Blicke alles gesagt, was keine fremden verträgt. Meyern trat mit der kühnen Miene in die kinderlose Stube, die einen Epopöen-Dichter verriet, der sich über den Anfang wegsetzt. In der Stube war ein Verschlag von Brettern, worin wenig oder nichts war – kein Fenster, kein Stuhl, einige Wärme aus der Stube, ein Wandschrank und das Bette des Paars. –

Rosa hatte sich sogleich nach den ersten Komplimenten unter die Türe des Verschlags gestellet, weil er so spät nicht gern jedem vorbeilaufenden Auge – denn die Straße ging dem Fenster vorbei – eine anstößige Vermutung mitgeben wollte. Auf einmal sah Sophie ihren Gatten um das Fenster rennen. Der Vorsatz einer Sünde verrät sich durch überflüssige Behutsamkeit: Rosa und Sophia fuhren so sehr über den Renner zusammen, daß diese dem Edelmann riet, in den Verschlag zurückzutreten, bis ihr Mann wieder auf den Schießgraben zurück sei. Der Venner stolperte ins Allerheiligste zurück, und Sophie stellte sich unter die Pforte des Verschlags und tat – da ihr Mann die Tür aufmachte und hereintrat –, als wenn sie aus ihr herauskäme, und zog sie hinter sich nach. Er hatte kaum die Standerhöhung ausgesprudelt, als er mit der Klage entfloh: » Die droben weiß es gar nicht.« Die Freude und ein schneller Trunk hatten seine lichtesten Gedanken mit einem Heerrauch entkräftet; er lief an die Treppe hinaus, schrie unten hinauf – denn er wollte wieder zurück zur Schützen-Prozession –: »Madam Siebenkäsin!« – Sie eilte die Hälfte herab und hörte zitternd den frohen Bericht – und warf ihm entweder als Maske der Freude oder als eine Frucht der größern Liebe gegen den glücklichern Gatten – oder als eine andere, der Freude gewöhnliche Frucht der Angst die Frage hinab: ob Hr. v. Meyern noch drunten sei. – »War er denn bei mir da?« sagt' er – und seine Frau versetzte ungebeten unter der Stubentüre: »War er denn im Hause?« – Lenette antwortete argwöhnisch – »Hier oben – aber er ist noch nicht hinaus.«

Der Haarkräusler wurde mißtrauisch – denn Lungensüchtige trauen keiner Frau und halten, wie Kinder, jeden Schornsteinfeger für den Teufel mit Hörnern – und sagte: »Es ist nicht richtig, Sophel!« Die kurze Hirnwassersucht vom heutigen Trinken und der halbe Anteil am Throne und an den 50 fl. verstärkten seinen Mut so sehr, daß er sich innerlich versetzte, den Venner auszuprügeln, wenn er ihn in einem gesetzwidrigen Winkel ertappte. Er machte demnach Entdeckreisen – erstlich im Hausplatz, und seine Fährte und Witterung war Rosas wohlduftender Kopf – er folgte der Weihrauchwolkensäule in die Stube nach und merkte zuletzt, der Ariadnensfaden, der Wohlgeruch, werde immer dicker und hier unter diesen Blumen liege die Schlange, wie überhaupt nach PliniusPl. H. N. XII. 17. wohlriechende Wälder Nattern beherbergen. Sophia wünschte sich in die unterste von Dantes Höllen hinab, aber im Grunde saß sie ja schon drunten. Dem Friseur leuchtete ein, daß ihm, halte sich der Venner einmal im zugeklappten Meisenkasten des Verschlages auf, daß ihm dann der Petz gewiß bleibe im Bärenfang; und er sparte sich also bis zuletzt das Gucken in diesen auf. Es ist historisch gewiß, daß er ein Frisiereisen ergriff, um mit diesem Visitiereisen den Kubikinhalt des finstern Verschlags zu messen. Drinnen schwenkt' er im Dunkeln die Zange waagrecht, stieß aber an nichts. Darauf schob er die Sonde oder den Sucher in mehr als einen Ort hinein, zuerst ins Bette, dann unter das Bette, brauchte aber jedesmal die Vorsicht, daß er die Beißzange, die nicht glühend war, auf- und zudrückte, falls etwan eine Locke im Finstern zwischen die beiden Tellereisen fiele. Der Kloben fing nur Luft. Jetzt kam er an einen Wand- und Kleiderschrank, dessen Türe seit sechs Jahren aufklaffte; denn da in diesem lüderlichen Haushalten der Schlüssel vor ebenso vielen Jahren verloren war, so mußte das Einschnappen des Schlosses verhütet werden; aber heute war die Türe eng angezogen – der schwitzende Venner tats und stand darin. – Der Kräusler drückte sie gar ins Schloß hinein, und jetzo war das Zuggarn über die Wachtel gezogen.

Er konnte nun ruhig machen, was er wollte, und allen Geschäften gelassen vorstehen; denn der Venner konnte nicht 'raus.

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