Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
Schließen

Navigation:

Firmian trat hin, – dachte mit Fleiß an etwas anderes, um seine pochende Erwartung anzuhalten – zielte nach diesem im Abenddunkel schwebende Anker seiner kleinen Stürme nicht lange – feuerte – sah den Block wie Fortunens Rad sich oben dreimal umkreisen und endlich – losspringen und herunterfliegen...

– Wie bei der Krönung der alten französischen Könige allzeit ein lebendiger Vogel in den Himmel flatterte; – wie bei der Apotheose der römischen Kaiser ein Adler aus dem Scheiterhaufen gen Himmel stieg: so flog bei der Krönung meines Helden einer herunter. – –

Die Jungen und die Trompeten schrien – der eine Teil des Volkes wollte den neuen König wissen und sehen, der andere strömte dem Hanswurste entgegen, der das zersplitterte Kugeln-Gehäuse und Besteck, den Adlerbauch, emporgehalten durch die Mitläufer trug – der Kräusler lief schreiend entgegen: »Vivat der König!« und sagte, er selber sei einer mit – und Firmian trat still unter die Tür und war froh, aber gerührt...

Jetzo ist es einmal Zeit, daß wir alle in die Stadt laufen und nachschauen, was Rosa, während der Ehemann den Thron bestieg, bei der Frau desselben gewann, ob einen schönern oder einen Pranger, und wie viele Stufen er zu einem von beiden hinaufkam. –

Rosa klopfte vor Lenettens Tür an und schritt sogleich hinein, damit sie nicht erst herauskäme und sähe, wer da sei. Er habe sich von der Schützengesellschaft losgerissen – ihr Mann komme bald nach, und er erwarte ihn hier. – Die Büchse desselben sei wieder recht glücklich: mit diesen Wahrheiten ging er der Erschrocknen entgegen, aber mit einem angenommenen vornehmen kalten Erdgürtel auf dem Gesicht. Er schritt gleichgültig in der Stube auf und ab. Er fragte, ob das Aprilwetter sie gesund lasse; ihn matt' es mit einem schleichenden Fieber ab. Lenette stand furchtsam am Fenster, mit den Augen halb auf der Straße, halb auf der Stube. Er blickte im Vorbeigehen nach ihrem Nähtisch und nahm ein rundes papiernes Haubenmesser und eine Schere und legte alles wieder hin, weil ihn einige Nadelbriefe anzogen. »Das ist gar Numero 8«, sagte er, »diese Nadeln sind viel zu groß – MadamDen Lesern sag' ichs, daß eine große Nummer große Nadeln, und den Leserinnen sag' ichs, daß eine große kleinen Schrot anzeigt. . – Man könnte die Köpfe zu Schrot Nro. 1 gebrauchen. – Hier haben Sie Schrot Nro. 8, nämlich einen Brief Nro. 1. – Die Dame muß mir danken, an der Sie ihn verstecken.«

Dann trat er schnell an sie und zog ein wenig unter ihrem Herzen, wo sie einen ganzen Köcher oder eine Dornhecke von Nadeln zum Verlage stecken hatte, eine kühn und gleichgültig heraus, hielt sie ihr unter die Augen und sagte: »Sehen Sie die schlechte Verzinnung; jeder Stich damit schwärt.« Er warf die Nadel zum Fenster hinaus und machte Miene, die übrigen Nadeln aus der Gegend des Herzens, worein das Schicksal ohnehin lauter übel verzinnte drückte, herauszuziehen und wohl gar seinen Nadelbrief in dieses schöne Nähkissen zu schieben. Aber sie sagte mit einer eiskalten Gegenwehr der Hand: »Geben Sie sich keine Mühe.« – »Ich wünschte«, sagt' er und sah nach der Uhr, »Ihr Hr. Gemahl käme; der Königschuß muß längst getan sein.«

Er nahm wieder den papiernen Hauben-Karton und die Schere zur Hand, aber als sie ihm mit einem Blicke voll Sorge, er verderbe ihr Muster, nachsah, holt' er lieber ein in Hippokrene getauchtes poetisches Blatt heraus und schnitt es zum Zeitvertreib wie einen flachen Diamanten zu konzentrischen Herzen in einer Schneckenlinie. Er, der das Herz immer wie Auguren dem Opfervieh zu stehlen suchte, dem wie einer Koketten Herzen, wie Eidechsen die Schwänze, nachwuchsen, sooft er seines verloren, er hatte das Wort Herz, das die Deutschen und die Männer fast zu erwähnen scheuen, immer auf der Zunge oder Gemmenabdrücke davon in der Hand.

Ich glaube, er ließ die Nadeln und die vollgereimten Herzen darum da, weil die Weiber immer mit Liebe an einen Abwesenden denken, dessen Nachlaß ihnen vor Augen steht. Rosa gehörte unter die Menschen beiderlei Geschlechts, die überall keinen Scharfsinn, keine Feinheit und keine Menschenkenntnis zeigen, außer in der Liebe gegen ein fremdes Geschlecht.

Er katechisierte aus ihr jetzt allerhand Koch- und Waschrezepte heraus, die sie trotz ihrer frommen Einsilbigkeit mit aller Fülle von Wörtern und Zutaten verschrieb. Zuletzt macht' er Anstalt zum Abzug und sagte: die Zurückkunft ihres Gemahls wär' ihm erwünscht, da er mit ihm über eine gewisse Sache nicht gut draußen auf dem Schießgraben unter soviel Leuten und im Beisein des Hrn. v. Blaise sprechen könne. – »Ich komme wieder«, setzt' er dazu, »aber die Hauptsache will ich Ihnen selber sagen«, und setzte sich mit Stock und Hut vor sie hin. Er wollte eben anfangen, als er merkte, sie stehe: er legte alles weg, um ihr einen Stuhl gegenüberzustellen. Seine Nachbarschaft schmeichelte wenigstens ihrer Schneiderischen Haut; er roch paradiesisch, sein Schnupftuch war ein Bisambeutel und sein Kopf ein Rauchaltar oder eine vergrößerte Zibetkugel. So bemerket auch Shaw, daß das ganze Viperngeschlecht einen eignen Wohlgeruch ausdampfe.

Er hob an: sie errate leicht, daß es den fatalen Prozeß mit dem Hrn. Heimlicher betreffe. – Der Hr. Armenadvokat verdiene zwar in der Tat nicht, daß man sich für ihn verwende, aber er habe eine treffliche Frau, die es verdiene. (Er druckte »treffliche« durch einen flüchtigen Handdruck mit Schwabacher.) – Er habe das Verdienst, daß er den Hrn. v. Blaise zu einem dreimaligen Aufschub seines Neins gebracht, weil er selber bisher nicht mit dem Hrn. Advokaten sprechen können. – Aber jetzo nach dem neuern Vorfalle, wo ein Pasquill des Hrn. Leibgebers, dessen Hand man gut kenne, an einer Ofenstatue des Hrn. Heimlichers zum Vorschein gekommenEs erinnert nämlich jeder sich noch aus dem zweiten Kapitel, welche ehrenrührige Anrede an Blaise Leibgeber auf den die Gerechtigkeit vorstellenden Ofen mit sympathetischer Dinte geschrieben. Als daher einmal an einem kalten Herbsttage die Themis für eine große Gesellschaft geheizet werden mußte: so war das kurze Pasquill, das ihn einen Injustizminister und dergleichen nennt, schon dem größern Teil der Gäste durch die Hitze lesbar geworden, eh' man nur daran gedacht, es abzukratzen. Von Blaise machte aber kein Hehl daraus, daß es entweder Leibgeber oder Siebenkäs gemacht. , sei von des letzten Seite an ein Nachgeben oder gar an ein Herausgeben der Erbschaft nicht zu denken. – Darüber aber blut' ihm nun das Herz, zumal da er seit seiner Kränklichkeit zu vielen Anteil an allem nehme; er wisse recht gut, in welche mißliche Lage ihre (Lenettens) häusliche Verfassung durch diesen Prozeß geraten, und er habe oft über manches vergeblich geseufzet. – Mit Freuden woll' er ihr daher, was sie zum Kostenverlage brauche, vorschießen – sie kenne ihn nur noch nicht und stelle sich das, was er allein für sechs kuhschnappelsche Armenanstalten aus reiner Menschenliebe monatlich tue, vielleicht kaum vor, er habe aber seine Belege.

– – In der Tat zog er sechs Quittungen der Armenkommissionen heraus und hielt sie ihr hin. – Ich würde mich nicht als den unparteilichen Mann beweisen, für welchen ich gelte, wenn ich nicht frei eingestände, daß der Venner einen gewissen Trieb wohlzutun und aufzuhelfen gegen Dürftige jedes Alters und Geschlechtes von Jugend auf in Taten gezeigt, und daß eben das Bewußtsein einer solchen weitherzigen Handelweise gegenüber der engherzigen kargen in Kuhschnappel ihm einen gewissen besondern Stolz gegen die filzigen Richter seiner freigebigen Verführungen zu eigen gemacht. Denn sein Gewissen gab ihm das Zeugnis, daß er diese Sünden erst beging, wenn er, seine Verwandlung aus einer Spinne in einen wohltätigen Edelstein rückwärts umkehrend, wieder schillernde Gewebe spann und mit ihnen voll glänzender gemeinter Tautropfen einiges fing. – –

Für eine solche Frau vollends wie Lenette – fuhr er fort – tät' er wohl andere Dinge; und ein Beweis sei schon, daß er den Gesinnungen des Heimlichers gegen ihr Haus Trotz biete und daß er selber von ihrem Mann Reden verschluckt, die er wahrlich als Patrizius noch von niemand einzustecken gewohnt gewesen. – »Fodern Sie doch Geld, beim Himmel, soviel Sie brauchen«, beschloß er.

Die zitternde Lenette glühte vor Scham über die Enthüllung ihrer Armut und ihres Verpfänders. Er suchte die Wogen in ihr durch einige Tropfen glattes Öl zu stillen und tadelte daher seine Braut in Baireuth vorläufig: »Ich wünsche«, sagt' er, »daß sie, die zu viel lieset und zu wenig arbeitet, in Ihre Schule der Haushaltung gehe. Wahrlich, eine Frau von solchen Reizen wie Sie, die sie selber nicht kennt, von solcher Geduld, von solchem häuslichen Fleiße sollte ein ganz anderes Haushalten zum Spielraum haben.« Ihre Hand lag jetzo im Fußblock und Personalarrest der seinigen still; die Demut der Dürftigkeit band ihr die Flügel, die Zunge und die Hände. Seine Freundschaft und seine Habsucht achteten bei Weibern keine Grenzsteine, die er alle diebisch auszuheben suchte; die meisten Männer gleichen in ihrem zerstörenden Hunger dem Häher, der die Nelke zerrupft, um den Nelkensamen aufzuhacken. Er drückte jetzt an ihr niedergesenktem Auge einen langen feuchten Blick der Liebe an, ließ ihn da noch fest, wenn sie es aufhob, und brachte so absichtlich – indem er die Augenlider gewaltsam offen hielt und noch dazu an rührende Sachen dachte – mehr Tropfen aus der Augenhöhle herauf als nötig sind, kleinere Kolibris zu erlegen. Jede erlogene Rührung wurde in ihm, wie in guten Schauspielern, eine wahre und jede Schmeichelei ein Gefühl der Achtung. Er fragte, als er Tropfen genug im Auge und genug Seufzer in der Brust verspürte: »Wissen Sie, warum ich weine?« Sie sah unschuldig- und gutmütig-erschreckend auf in seine Augen, und ihre tropften. »Darüber (fuhr er aufgemuntert fort), daß Sie kein so gutes Los haben, als Sie verdienen.« – Selbstischer Zwerg! jetzt hättest du die bange, in allen Tränen einer langen Vergangenheit ertrinkende Seele schonen sollen!

Aber er, der nur künsterlische, flüchtige, winzige Vexierschmerzen und nie erwürgende Qualen kannte, schonte die Gequälte nicht. Was er indes zur Brücke von seinem Herzen in ihres machen wollte, den Kummer, das wurde gerade der Schlagbaum; ein Tanz oder irgendein fröhlicher Taumel der Sinne hätte ihn bei dieser gemeinen rechtschaffnen Frau weiter gebracht als drei Kannen selbstischer Tränen. Er lud hoffend seinen blühenden, mit Kummer betrachteten Kopf auf die Hände in ihren Schoß ab...

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.