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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Er lief nach Haus, aber ohne den Apfel, dessen Ernte er seiner Frau erst abends notifizieren wollte. Es letzte ihn sehr, wenn er während seiner Schieß-Vakanzen aus dem öffentlichen Getümmel in seine enge stille Stube schleichen, das Wichtigste hurtig erzählen und sich dann wieder ins Getöse werfen konnte. Da seine Nummer eine Nachbarin von Rosas Nummer war und da also beide dieselben Schießferien hatten; so wunderts mich, daß er auf den Venner von Meyern nicht auf demselben Steige unter seinem Fenster traf; denn dieser wandelte seines Orts mit aufgehobenem Kopfe da wie eine Ameise auf und nieder. Wer einen jungen Herrn dieser Art erschlagen will, such' ihn unter (wenn nicht in) dem Fenster eines Mädchen auf; so hebt ein vorsichtiger Gärtner, der Maueresel oder Kellerasseln töten will, nur die Blumentöpfe in die Höhe und merzet sie darunter in Partien aus.

Siebenkäs traf den ganzen Nachmittag keinen Span mehr; den Schwanz selber, an den er sich vorher so glücklich gewandt hatte, um den Hl. Römischen Reichsapfel zu kriegen, bracht' er nicht herunter. Er ließ sich spät mit der Miliz des Reichsfleckens nach Haus pfeifen und trommeln. Er machte vor der Tür seiner Frau den Ruprecht, der den Kindern am Andreastage zum ersten Male Schrecken und Obst zubringt, brummend nach und warf ihr statt aller Äpfel den – geschossenen ein. Man halt' ihm den Spaß zu gut; ich sollte aber solche Winzigkeiten gar nicht berichten.

Als sich Firmian aufs Kopfkissen legte, sagt' er zu seiner Frau: »Morgen um diese Zeit wissen wirs, Frau, ob wir ein Paar gekrönte Häupter auf diese Kopfkissen bringen oder nicht – morgen unter dem Niederlegen will ich dich wieder an diese Minute erinnern.« – Als er aus dem Bette sprang, sagt' er: »Heute spring ich wohl zum letzenmal als gemeiner Mann ohne Krone heraus.«

Er konnt' es nicht erwarten, bis er den betaueten defekten Vogel voll Schußwunden und Knochensplitterungen wieder sah; aber seine Hoffnung, sich an ihm zum König zu schießen, hielt nur so lange an, als er den Adler nicht sah. Er ging daher gern einen Vorschlag des listigen Sachsen ein, der immer den Kugeln seines Nummernnachbars mit seinen vorgearbeitet hatte; der Vorschlag war: »Halbpart im Gewinst und Verlust beim Vogel und Kardinal«. Diese Maskopei verdoppelte die Hoffnungen des Advokaten, indem sie solche halbierte.

Aber die zwei Waffenbrüder brachten den ganzen Vormittag nicht einen bunten Splitter herunter; denn nur gefärbte Späne können Vogelschützen, und nur ungefärbte können Wespen brauchen. Jeder hielt innerlich den andern für seinen Unglückvogel; denn in Sachen des Zufalls will lieber der Mensch nach abergläubigen Gründen erklären als gar nicht erklären. Die flatterhafte babylonische Hure wich so spröde aus, daß der Haarkräusler einmal nahe am Kerle, der sie hin und her zog, vorbeiknallte.

Aber nachmittags traf er endlich mit seinem Kupidos-Pfeil ihr schwarzes Herz und also das Schwein dazu. Firmian erschrak fast: er sagte, er nehme von diesem Schwein, diesem Herzpolypen am Herzen des babylonischen Lustmädchen, nichts an als den Kopf, er müßte denn selber etwas treffen. Jetzo stand nur noch der Vogel-Torso, gleichsam das Rumpfparlament, an die Stange gepfählt, das die Kron-Lustigen zu dissolvieren suchten. Das Lauffeuer der Begeisterung ging jetzo von Brust zu Brust, von jedem Zündpulver aufgeschürt, das von einer Büchsenpfanne aufflog; und mit dem arkebusierten Vogel zitterten allemal die übrigen Schützen zugleich. –

Ausgenommen den Hrn. von Meyern, der fortgegangen und – da er alle Menschen, besonders unsern Helden in solchen Erwartungen sah – zur Frau Siebenkäs marschieret war, bei der er der König einer Königin und mit mehr Gewißheit als ein Schützenkönig zu werden hoffte. Das Augenglas, hinter dem er nach jenem Adler und nach dieser Taube zielte – denn er hielts wie Pariser mitten in der Stube vor –, sollt' ihm, dacht' er, wenigstens die Taube erlegen helfen. Aber ich und die Leser schleichen ihm nachher alle in die Siebenkäsische Stube nach.

Die 70 Nummern hatten schon zweimal vergeblich zum Königschusse geladen: der zähe Stummel auf der Stange regte sich kaum. Die armen zappelnden Menschenherzen wurden beinahe von jeder Kugel durchbohrt und erschüttert. Die Besorgnisse wuchsen, die Hoffnungen wuchsen; aber die Flüche am meisten, diese Stoßgebete an den Teufel. Die Theologen hatten im 7ten Jahrzehent dieses Jahrhunderts den Teufel oft in der Feder, als sie ihn entweder leugneten oder behaupteten; aber die Kuhschnappler Schützen weit mehr, besonders die Patrizier. –

– Seneca hat unter den Mitteln gegen den Zorn das einfachste ausgelassen: den Teufel. Die Kabbalisten rühmen zwar die Heilkraft des Schemhamphorasch, eines entgegengesetzten Namens, sehr; aber ich sehe, daß das Fleck- und Scharlachfieber des Zorns, das man leicht aus dem Phantasieren des Patienten vermerkt, vielleicht ebensogut, als ob man Amulette umhinge, nachlässet und weicht, wenn man den Teufel anruft; in dessen Ermanglung die Alten, denen der Satan ganz fehlte, bloßes Hersagen des Abc's anrieten, worin freilich der Name des Teufels mit schwimmt, aber in zu viele Buchstaben verdünnet. So erlösete auch das Wort Abrakadabra, diminuendo ausgesprochen, vom körperlichen Fieber. Wider das Entzündungfieber des Zorns müssen nun desto mehre Teufel genommen werden, je mehr materia peccans (Krankheitmaterie) durch die Absonderung des Mundes abzuführen ist. Gegen den kleinen Unwillen ist »der Teufel!« oder »alle Teufel!« hinlänglich. Aber gegen das seitenstechende Fieber das Zorns würd' ich schon »den Satan und seine höllische Großmutter« verschreiben und das Mittel doch noch mit einem Adjuvans (Verstärkung) von einigen Donnerwettern und Sakramenten versetzen, da die Heilkräfte der elektrischen Materie so bekannt sind. Man braucht mir nicht zu sagen, daß gegen völlige Hund- oder Zornwut solche Gaben dieses spezifischen Mittels wenig verfangen; ich würde allerdings einen Preßhaften dieser Art »von allen Schock Teufeln fortführen und zerreißen« lassen. Immer bleibt der Teufel offizinell: denn da sein Stich uns in Zorn versetzt, so muß er selber dagegen genommen werden, wie man den Skorpionenstich durch zerquetschte Skorpionen heilt. – –

Der Tumult der Erwartung rüttelte die Edelleute mit der Groschengalerie des Staats in eins zusammen; die Edelleute oder Patrizier vergessen bei solchen Gelegenheiten – so auch auf der Jagd, in ökonomischen Geschäften –, wer sie sind, nämlich etwas Besseres als Bürgerliche. Einem Edelmann sollt' es meines Erachtens nie aus dem Kopfe kommen, daß er sich zum Volke verhalte, wie die Schauspieler jetzo zum Chorus. Zu Thespis' Zeiten sang der Chorus die ganze Tragödie handelnd ab, und ein einziger Schauspieler, der Protagonist hieß, fügte einige Reden ohne Gesang über die Tragödie hinzu – Äschylus führte einen zweiten ein, genannt Deuteragonist – Sophokles gar einen dritten, den Tritagonisten – Neuerer Zeiten blieben die Spieler stehen, und der Chorus wurde gar weggelassen, man müßt' ihn denn als beklatschend in Rechnung bringen. So ist nach und nach auf der Erde, dem Nationaltheater der Menschheit, der Chorus oder das Volk weggeschoben worden – nur mit mehr Vorteil als auf dem engern Theater – und aus Spielern, wozu man besser die Protagonisten (Fürsten), die Deuteragonisten (Minister) und die Tritagonisten (Große) angestellt, zu richtenden und klatschenden Zuschauern erhoben worden, und der athenische Chorus sitzt bequem auf dem Parterre neben dem Orchester und Theater unserer guten Haupt- und Staataktionen. –

Es war schon 2½ Uhr und der Nachmittag kurz; der lecke Vogel wankte nicht. Alle Welt schwur, der Schreiner, der ihn ausgebrütet aus dem Bloch, sei eine Kanaille und hab' ihn aus zähem Astholz gebauet. – Endlich schien er sich entfärbt und geschunden zu senken. Der Friseur, der wie alle gemeine Leute nur gegen einzelne Personen, nicht gegen eine Gesellschaft gewissenhaft war, nahm jetzo ohne Bedenken statt der Doppelflinte heimlich doppelte Kugeln, eine für sich, eine für seinen Mitschützen, um durch dieses Zersatzmittel den Adler niederzuschlagen. –- »Der Satan und seine höllische Großmutter!« sagt' er nach dem Schusse und brauchte gehörig die obengedachte kühlende Methode. –

Er fußte nun auf seinen Mietmann und gab seine Büchse dazu her. Siebenkäs platzte hinauf – – »alle Schock Teufel«, sagte der Sachse, »sollen mich zerreißen!« wobei er die Dosis der Teufel wie der Kugeln ohne Not gegen sein Fieber verdoppelte.

Beide ließen nun mutlos ihre Hoffnungen wie ihre Büchsen sinken; denn es waren mehre Prätendenten an diesen Thron vorhanden, als man deren einmal unter dem Gallenus zählte, die auf den römischen wollten und deren nur dreißig waren. Die feuernde Septuaginta hielt abwechselnd entweder Schießröhre oder Sehröhre in Händen, um zu sehen, daß dieses im Himmel hängende Sternbild mehr Kugeln einschließe als das astronomische des Adlers. Alle Gesichter der Zuschauer waren gegen diese Keblah des Vogels gebreitet, wie die jüdischen nach dem ruinierten Jerusalem. – Die alte Sabel saß ohne Kunden hinter ihrem Ladentisch voll Freßmittel und guckte selber hinauf. – Die ersten Nummern gaben sich gar nicht die Mühe, ein Sukzessionpulver wieder auf die Pfanne zu schütten – Firmian bejammerte die dumpfen im dicken Erdenblute schwimmenden Menschenherzen, für die jetzo die untergehende Sonne und der gefärbte Himmel und die weite Erde unsichtbar waren oder vielmehr eingekrochen zu einem zerhackten Holzstrunk; das gewisseste Zeichen, daß ihre Herzen im ewigen Gefängnis des Bedürfnisses lagen, war, daß niemand eine witzige Anspielung auf den Vogel oder auf das Königwerden machen konnte. Der Mensch kann nur an Dingen, die seine Seele ohne Ketten lassen, Ähnlichkeiten und Beziehungen wahrnehmen. Firmian dachte: dieser Vogel ist für dieses Volk der wahre Vorlaß mit dem Federspiel, den ich versteigert habe, und das Geld liegt als das Luder darauf. Er hatte aber doch drei Gründe, weswegen er gern König geworden wäre – erstlich um sich tot zu lachen über seine Krönung – zweitens seiner Lenette – und drittens des Sachsen wegen.

Allmählich feuerte die zweite Hälfte der 70 Ältesten ab, und die ersten Nummern luden wieder zum Spaße wenigstens. Kein Mensch schoß mehr ohne eine zwiespännige Ladung. Unsere zwei hanseatischen Bündner näherten sich wieder dem Schusse, und Siebenkäs borgte sich, da der Abend immer dunkler wurde, ein schärferes Augenglas, das er, wie einen Finder am Teleskop, auf die Büchse schraubte.

Nro. 10 hob das Vogelpräparat aus der Angel, der Schießklotz klebte nur noch durch seine Schwere daran, weil sie das Holz fast mit Blei gesättigt und inkrustieret hatten, so wie gewisse Quellen Holz in Eisen umsetzen. –

Der Sachse durfte den Adler-Rumpf nur bestreifen, so fuhr der Stößer nieder, ja nur die Stange – ach, der Abendwind durfte nur einmal stark ausschnauben. Er legte an – zielte ewig (denn 50 fl. hingen jetzt in der Luft), drückte los – das Zündkraut verloderte allein – die Musikanten hielten schon die Trompeten waagrecht und die Notenblätter steilrecht – die Jungen standen schon um die Stange und wollten das fallende Gerippe auffangen – der Pritschenmeister konnte vor Erwartung keinen Spaß mehr machen, und seine staunende Seele saß mit oben neben dem Federvieh – – der gepreßte Haarkräusler drückte wieder ab – das Zündkraut brannte wieder allein – er schwitzte, glühte, bebte, lud, zielte, drückte und schoß – – entweder zwei oder drei haßfurtische Ellen hoch über den Vogel hinaus.

Er trat still und bleich und mit kalten Schweißen zurück und tat keinen einzigen Fluch, ja ich vermute, er schickte einige heimliche Gebete ab, damit sein Bundgenoß das Federwildpret durch Gottesgnade erangelte. –

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