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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Der Advokat war um die Krone gekommen; aber das Glück warf ihm nachher dafür den Kardinalhut zu, worin zwei Flußhechte lagen. – Hingegen den Kopf des Adlers und den Kopf des Generals deckte eine echte passauische Kunst vor seinen Kugeln zu. Er hätte der babylonischen Hure wenigstens gern ein Auge ausgeschossen, um eine Gans zu fällen – es ging auch nicht.

Die Pürschregister, die echt sind, weil sie unter den Augen des Turniervogts v. Blaise vom Schützensekretär geschrieben wurden, melden, daß der Kopf, der Ring im Schnabel und das Fähnlein wirklich den Nummern 16, 2, 63 in die Hände fielen.

Siebenkäs hätte seiner lieben Frau wegen, die mit der Mittagsuppe auf ihn wartete, sehr gewünscht, wenigstens den Zepter, worauf man jetzo hielt, den Adlerfängen auszubrechen und an seine Büchse anzuschienen als Bajonett.

Alle Nummern, die diesen goldnen Eichenzweig zu brechen suchten, waren vorüber, nur die schlimmste nicht, sein Vordermann und Hausherr – dieser feuerte, und der vergoldete Harpune zitterte – Siebenkäs feuerte, und der Aalstachel schoß hernieder. –

Die Herren Meyern und Blaise lächelten und gratulierten – die Quer- und Gerade-Pfeifer stießen bei der Ankunft eines neuen Vogelgliedmaßes in ihre Hifthörner (wie Karlsbader bei der Ankunft eines frischen Badgasts tun) und sahen dabei strenge und aufmerksam in ihre Partitur, ob sie gleich ihre Trompeterstückchen schon öfter geblasen hatten wie Nachtwächter – alle Infanten, ich meine alle jungen, stellten ein Wettrennen nach dem Zepter an – aber der Pritschenmeister trat zerstäubend unter sie und las den Zepter auf und händigte mit der einen Hand die Regierunginsignie dem Advokaten ein, mit der andern seine haltend, die Pritsche.

Siebenkäs besah lächelnd den kleinen Holzast, an dem oft die summenden Schwärme ganzer anfliegender Staaten fortgetragen werden, und verbarg seine Freude unter diese Satire, die der regierende Heimlicher vernahm und auf sich bezog: »Ein schöner Froschschnepper! – Es sollte eigentlich ein Honigvisierer sein, es werden aber die Bienen selber damit zerknickt, um ihre Honigblase auszuleeren – wie Kinder bringen die Woiwoden und Dynasten die Landes-Bienen um und zeideln statt der Waben die Mägen. – Ein recht närrisches Gewehr! – Es ist von Holz und etwan ein abgebrochenes, vergoldetes, zugespitztes, ausgezacktes Stück von einem Schäferstabe, womit die Schäfer oft auf der Weide das Fett aus den Schafen windenDer Stoff der Allegorie ist leider wahr: die Schäfer wissen lebendigen Schafen mit Stäben das Fett aus dem Unterleibe zu drehen. – insofern ja!« – Er fühlt' es selber nicht mehr, wenn er die größte satirische Bitterkeit ausgoß, von der in seinem Herzen kein Tropfen war: er verkehrte oft mit einem Scherze, den er nur aus Scherz sagte, Bekannte in Feinde und begriff nicht, was die Leute böse machte und warum er nicht mit ihnen so gut wie ein anderer spaßen dürfe.

Er steckte den Zepter unter den Überrock und trug ihn, weil vor dem Essen nicht bis zu seiner Nummer herum geschossen werden konnte, in seine Behausung. Er hielt ihn straff und steif voraus wie der Schellenkönig seinen und sagte zu Lenetten: »Da hast du einen Vorlegelöffel und eine Zuckerzange in einem Stück!« Er meinte nämlich die zwei zinnernen Schieß-Prämien, den Vorlegelöffel und die Zuckerzange, die beide in Gesellschaft einer Ambe von 9 fl. frk. dieses Zepterlehn begleiteten. Es war genug für einen einzigen Schuß. Darauf stattete er den Bericht vom Hecht-Fang ab. Lenette, von der er wenigstens erwartet hätte, sie würde in den ersten fünf Sekunden die fünf Tanzpositionen in einem Hausballe durchmachen und Eulers Rösselsprung dazu auf dem Schachbrett der Stube, Lenette tat, was sie konnte – nämlich gar nichts, und sagte, was sie wußte – nämlich die Nachricht, daß die Hausherrin sich bei der Buchbinderin über das Außenbleiben des Mietzinses greulich aufgehalten und über ihren eignen Mann dazu, der ein Fuchsschwänzer und Komplimentarius sei und die Leute nicht grob genug mahne. »Ich erzähle«, wiederholte der Zepter-Inhaber, »ich habe heute die Flußhechte und einen Zepter glücklich geschossen, Wendeline Egelkraut!« und klopfte vor Ingrimm mit der Zepter-Zornrute auf den Tisch, auf welchen die zwei Gedecke und Bestecke getragen wurden. Sie antwortete endlich: »Lukas ist schon gelaufen gekommen und hat mir alles hinterbracht; ich habe eine rechte Freude darüber, aber ich glaube, du wirst noch viel mehr schießen. Das sagt' ich auch zur Buchbinderin.« Sie lenkte wieder ins Fahrgleis; aber Firmian dachte: »Jammern kann sie laut genug, aber jubilieren nicht, wenn unsereiner mit Hechten und Zeptern unter den Armen heimkehrt!« – Geradeso war die Ehefrau des zärtlichen Racine, als dieser einen geschenkten langen Beutel mit Louis XIV d'or in die Stube warf.

– Woher habt ihr, liebe Weiber, die Unart her, daß ihr gerade, wenn der Eheherr gute Nachrichten oder Geschenke bringt, einen unausstehlichen Kaltsinn gegen seine Fracht auskramt, und daß in euch gerade, wenn das Schicksal den Wein euerer Freude blühen lässet, die Fässer mit dem alten trübe werden? Kommts von euerer Sitte, an euch, wie euer Ebenbild, der Mond, nur die eine Seite zu zeigen, oder von einer mürrischen Laune gegen das Schicksal, oder von einem süßen überströmenden Freudengefühl, welches das Herz zu voll macht und die Zunge zu schwer? – Ich glaube, es kommt oft von allem auf einmal her. – Bei Männern – und auch bei Weibern, immer bei einem unter Tausenden – kanns noch von der melancholischen Betrachtung über die Haifische kommen, die uns den Arm abreißen, mit dem wir unten im finstern Meer vier Perlen der Freude beklommen und atemlos sammeln; oder von einer noch tiefern Frage: ist nicht die innigere Wonne nur ein Ölblatt, das uns eine Taube über unsere um uns brausende ausgedehnte Sündflut hereinträgtBellarmin und die Rabbinen sagen, daß die Taube das Blatt, das sie dem Noah zutrug, aus dem Paradies abgeblattet, das zu hoch für die Sündflut lag. und das sie aus dem fernen hoch über die Fluten steigenden sonnenhellen Paradiese abgenommen? Und wenn wir von dem ganzen Olivengarten statt aller Früchte und Blüten nichts erhalten als nur ein Blatt, soll uns dieses Friedenblatt und diese Friedentaube mehr geben als Frieden, nämlich Hoffnung? –

Firmian ging mit einer Brust voll wachsender Hoffnungen auf den Schießgraben zurück. Das Menschenherz, das in Sachen des Zufalls gerade gegen die Wahrscheinlichkeitrechnungen kalkuliert, und das darum auf eine Terne hofft, weil es eine gewonnen – denn daraus sollt' es eben das Widerspiel schließen –, oder das darauf zählt, die Adlerklaue zu holen, weil es den Zepter dazu aufgelesen, dieses im Fürchten und Hoffen unbändige Menschenherz brachte auch der Advokat auf den Graben mit.

Er erwischte aber die Klaue nicht. Nach den ineinandergefalteten betenden Fängen oder Händen des Kapuzinergenerals, diesen Exponenten und Devisen zweier Vorderschinken, feuerte Siebenkäs gleichfalls – umsonst.

Es tat nichts; es war noch immer mehr am Adler, als jetzo an Polen wäre, wenn man dieses oder sein Wappen – es ist ein silberner im roten Blutfelde – auf einem Throne oder einer Vogelstange in die Höhe richtete und von einer Schützengesellschaft verschiedener Armeen abschießen ließe.

Noch nicht einmal der Reichsapfel war herunter. Nro. 69, ein schlimmer Vorfahr, Hr. Everard Rosa von Meyern, hatte zum Schusse angelegt – er wollte diesen verbotenen Apfel brechen – ein solcher Stettiner und Fangball für Fürsten selber war ihm zu wichtig, als daß er des Gewinstes wegen nach ihm hätte fangen wollen, ihn flammte bloß die Ehren an – er schoß ... und er hätte ebensogut rückwärts zielen können. Rosa, dem diese Obstart zu hoch hing, mengte sich errötend unter die Zuschauerinnen und teilte selber Äpfel, nämlich Parisäpfel aus und sagte jeder, wie schön sie sei, um sie zu überreden, er sei es selber. In den Augen einer Frau ist ihr Lobredner anfangs ein recht gescheuter Mensch, endlich ein ganz hübscher Mensch; Rosa wußte, daß die Weihrauchkörner der Anis sind, dem diese Tauben wie toll nachfliegen.

Unser Freund brauchte sich vor keinem Obstbrecher zu ängstigen – vor dem 2ten, 8ten, 9ten gar nicht – als vor dem 11ten, vor der Büchse des Sachsen, der wie ein Teufel schoß. Es gab wenige unter den Siebzigern, die nicht diese verdammte Galgennummer zum Henker, wenigstens ins – Pflanzenreich verwünschten, wo sie gerade mangeltDenn bekanntlich gibt es keine Gewächse mit eilf Staubfäden. . Der Friseur drückte ab – schoß dem Adler ins Bein – und das Bein blieb samt der Reichskugel droben hangen.

Der Mietmann und Advokat trat ein, aber der Hausherr blieb im Schießstand, um sich über seinen Unstern satt zu fluchen. Jener setzte sich unter dem Anlegen seines Kugelziehers auf die erhöhte Kugel vor, gar nicht auf diese zu halten, sondern auf den Schwanz des Adlers, um dieses Obst bloß herab zu – schütteln.

In einer Sekunde fiel der wurmstichige Weltapfel ab – Der Sachse fluchte über alle Beschreibung.

Siebenkäs betete beinahe innerlich, nicht weil eine zinnerne Senfdose, eine Zuckerdose und 5 fl. frk. mit dem Apfel in seinen Schoß niederregneten, sondern über das gute Schicksal, über die warme, wie ein Glanz heraustretende Sonne im Ringe eines fernen Gewölkes. »Du willst«, dacht' er, »meine Seele prüfen, gutes Geschick, und bringest sie daher, wie die Menschen Uhren, in alle Lagen, in steilrechte und waagrechte, in ruhige und unruhige, um zu sehen, ob sie recht gehe und recht zeige. – – Wahrlich, sie soll es!« –

Er ließ diese kleine bunte Vexier-Erdkugel von einer Hand in die andere laufen und spann und weifte folgenden Kettenschluß: »Welche Kopien-Ahnenfolge! Lauter Gemälde in Gemälden, Komödien in Komödien! – Der Reichsapfel des Kaisers ist ein Bild der Erdkugel und hat eine Handvoll Erde als KernWenigstens schreibts ein wittenbergischer Chroniker, es sei Erde im Apfel, den freilich sonst kein Nürnberger aufschneiden durfte. Wagenseil de civ. Norimb. p. 239. – mein Reichsapfel da ist wieder ein verkleinertes Bild des kaiserlichen und hat noch weniger Erde, gar keine – die Senf- und Zuckerdosen sind wieder Bilder dieses Bildes. – Welche Reihe von Verkleinerungen, ehe der Mensch genießet!« – Die meisten Freuden des Menschen sind bloße Zurüstungen zur Freude, und seine erreichten Mittel hält er für erreichte Zwecke; die brennende Sonne des Entzückens wird unserem schwachen Auge nur in den 70 Spiegeln unserer 70 Jahre gezeigt – jeder Spiegel wirft ihr Bild dem andern milder und bleicher zu – und aus dem siebzigsten Spiegel schimmert sie uns erfroren an und ist ein Mond gewordenDr. Hooke rät den Sternsehern, sich das Sonnenbild so lange von Planspiegeln zurückwerfen zu lassen, bis es erloschen scheint. Priestleys Geschichte der Optik .

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