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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Aber am Sonntag, wovon ich sprechen will, machte ihn ein einziger kleiner Rauh- und Unglückvogel, der über die öde Sarawüste seiner Lage flog, viel zu scheu. Er selber hätte eher das Gegenteil erwartet: denn da er bisher die Sitte hatte, sich gegen alle dunkle Trauerszenen voraus zu rüsten durch Probekomödien, ich meine, da er alle künftige Aktenstücke, die der Heimlicher von Blaise gegen ihn liefern konnte, im voraus durchlas und so die künftige Last als eine gegenwärtige spielend auflud, um nachher das Spiel umzukehren: so nahm es ihn sehr wunder, daß das gewisseste vorausgesehene Übel, sobald es aus der Zukunft nahe an uns herantritt, in der Nähe längere Dornen habe als in der Ferne. Als nämlich am Sonntage in den luftleeren Raum seiner Brust noch der Amtbote der Erbschaftkammer mit dem lang erwarteten dritten Fristgesuche des Heimlichers kam und mit dem dritten Ja-Dekret darauf: so wurde es seiner Seele bei diesem neuen Zug des Stiefels aus der öden Luftglocke übel und engbrüstig. – –

– Ich habe im Schwalle meiner offiziellen Berichte das zweite Fristgesuch absichtlich unerwähnt gelassen, weil ich wohl hoffen durfte, daß jeder Leser, der nur ein halbes Schiffpfund Akten oder nur eine einzige Liquidation (Rechnung) von Rechtsfreunden in Händen gehabt, es ohnehin voraussetzen werde, daß nach dem ersten Fristgesuche notwendig das zweite erscheine. Eine Schande ist es für unsere Justiz, daß ein redlicher, rechtlicher Beistand so viele Gründe, ich möchte sagen Lügen, aufsetzen muß, eh' er die kleinste Notfrist erficht; er muß sagen, seine Kinder und seine Frau seien todkrank, er habe Fatalien und 1000 Arbeiten und Reisen und Krankheiten; indes es hinreichen sollte, wenn er herbrächte, daß die Verfertigung der unzähligen Fristgesuche, mit denen er überhäuft sei, ihm wenig Zeit zu andern Schriften belasse. Man sollte einsehen, daß die Fristgesuche offenbar wie andere Gesuche auf die Verlängerung des Prozesses hinarbeiten, wie alle Räder der Uhr bloß zur Hemmung des Hauptrades ineinandergreifen. Ein langsamer Pulsschlag verkündigt nicht nur in Menschen, sondern auch in Rechtshändeln ein langes Leben. Ich denke, ein Advokat, der Gewissen hat, nötigt gern, solang er kann, nicht sowohl dem Prozesse seines Klienten – diesen schlöss' er sogleich, könnt' er sonst – als dem seines Gegners ein ausgedehntes Leben auf, um den Gegner teils heimzusuchen, teils abzuschrecken, oder um ihm ein günstiges Urtel, wofür niemand stehen kann, von Jahr zu Jahr zu entrücken, so wie in Gullivers Reisen Leute mit einem schwarzen Stirn-Klecks zur Qual ein unaufhörliches Leben erhalten. Der gegenseitige Sachwalter denkt nun wieder der gegnerischen Seite dieselbe Kriegs-Verlängerung zu – und so wickeln beide Patronen beide Klienten in ein langes Akten-Zuggarn ein, und jeder meint es gut. Überhaupt sind Rechtsfreunde die Leute nicht, denen die Rechte so gleichgültig sind wie das Recht, und sie wollen dagegen lieber handeln als schreiben; wie Simonides auf die königliche Frage, was Gott sei, sich einen Tag Bedenkzeit ausbat – dann wieder einen – und wieder einen – und immer einen, weil kein Leben diese große Frage erschöpft: so hält der Jurist nach jeder Frage, was ist Rechtens, von Zeit zu Zeit um Fristen an – er kann die Frage nie auflösen – ja er würde, wenns die Richter und die Klienten wollten, seine ganze Lebenzeit mit der schriftlichen Beantwortung einer solchen Rechtsfrage zusetzen. Advokaten machen aus einer solchen Denkart, so gemein ist ihnen solche, nicht viel. –

– Ich komme zurück. Siebenkäs sank beinahe unter dem weltlichen eisernen Arm und dessen sechs langen Dieb- und Schreibfingern darnieder. Die Dünste auf seiner Lebenbahn zogen sich in Morgennebel zusammen – diese in Abendwolken – diese in Regenschauer. »Es geht manchem armen Teufel zu hart«, sagt' er. Hätt' er eine lustige Frau gehabt, er hätt' es nicht gesagt; aber eine Kreuzschlepperin voll Jeremiaden, eine elegische Dichterin voll Hiobladen war selber ein zweites Kreuz.

Er durchsann nun alles: er hatte kaum so viel, um den künftigen Kalender zu kaufen – oder einen Bund Hamburger Federn (denn seine Satiren erschöpften weniger seine Kräfte als die Flederwische Lenettens, so daß er manchmal den geröteten Pfeifenansatz des Pelzstiefels zu einem Schreibkiel verschneiden wollte) – er wollte gern Teller in Nährmittel (es waren aber keine da) verwandeln und den Galliern nachschlagen, die ein rundes Stück Brot anfangs zum Teller, dann zum Nachessen verbrauchten, oder gar den Hunnen, die ihren Sattel von Fleisch, den sie gar ritten, nachher verspeiseten – seine Halbstiefeln mußten für das bevorstehende Schwenkschießen zum drittenmal vorgeschuhet und abbrevieret werden, und es war nichts dazu da als der Artist Fecht – er hatte an jenem großen Tage überhaupt nichts anzuziehen, nichts einzustecken und weder im Beutel etwas, noch im Kugelsack, noch im Pulverhorn...

Ein Mensch treibe nur absichtlich seine Angst aufs höchste: so fället der Trost plötzlich, wie ein warmer Regentropfen, vom Himmel in sein Herz. – Siebenkäs katechisierte sich jetzt schärfer, was ihn denn eigentlich peinige: nichts als die Furcht, auf dem Schießgraben ohne Geld, ohne Pulver und Blei und ohne die dritte Abbreviatur der Stiefeln zu erscheinen. »Weiter nichts?« antwortet' er. »Was will mich denn zwingen, überhaupt zu erscheinen? – Ich bin ja der Affe«, setzt' er hinzu, »der jammert, daß er die mit Reis gefüllte Pfote nicht aus der enghalsigen Flasche ohne Korkzieher bringen kann – Ich darf ja nur mein Schützenlos und meine Büchse verkaufen, ich darf ja nur die Pfote aufmachen und leer herausziehen.«

Er beschloß, am Auktiontage die Büchse zu holen und sie dem Proklamator und Friseur in die Versteigerung mitzugeben.

Er stieg, wundgedrückt vom Tage, ins Bette, auf dessen unbestürmten Ankerplatz er sich den ganzen Tag vertröstete: »Das Gute hat doch die Nacht an sich«, sagt' er, indem er darin sitzend die Federn gleich verbreitete, »daß sie den Menschen lichtfrei, holzfrei, kostfrei, zechfrei, kleiderfrei hält, nur ein Bette muß einer haben – ein Armer ist doch so lange glücklich, als er liegt, und zum Glücke steht er nur die Hälfte seines Lebens.« Die Ohnmachten der Seele oder des Frohsinns gleichen denen des Körpers, die nach ZimmermannVon der Erfahrung B. I. p. 444. aufhören, wenn der Kranke eine waagrechte Lage annimmt. –

Wär' am Bett ein Bettzopf gewesen: so hätt' ich diesen die Ankerwinde genannt, womit er sich am Montag langsam vom Ruheplatz in die Höhe drehte. Er stieg darauf zum Dachstuhl hinauf, wo in einer alten vernagelten langen Feldkiste seine Büchse gegen Mißbrauch verschlossen lag. Sie war ein kostbares Erbstück von seinem Vater, der Pikeur und Büchsenspanner bei einem großen Reichsfürsten gewesen. Er hob mit dem Baumheber, d.i. mit einem Eisenkloben, das Brett samt den Wurzeln d.h. Nägeln auf; – und das erste, was voran lag, war ein lederner Arm, der ihm ordentlich durch die Seele fuhr. Denn der Arm hatt' ihn sonst häufig ausgeprügelt.

Es wird mich nicht zu weit verschlagen, wenn ich nur ein einziges Wort darüber verliere. Diesen Parade-Arm hatte nämlich am Leibe, wie im Felde eines Wappens, Siebenkäsens Vater seit der Zeit geführet, daß er seinen wahren angebornen Arm in Kriegdiensten des gedachten großen Reichsfürsten zugesetzt hatte, der ihn sogleich zu einiger Belohnung als Büchsenspanner bei der Obrist-Jägermeisterei anstellte. Den adjungierten Arm trug der Büchsenspanner an einem Haken der linken Achsel, mehr wie einen Rockelor-Ärmel oder verlängerten Hand- und Armschuh zur Zierde, als etwan wie einen Maulchristen von Parade-Arm. Bei der Erziehung aber tat ihm der lederne Arm die Dienste einer Schulbuchhandlung und Bibelanstalt und war der Kollaborator des fleischernen. Gemeine Fehler, z. B. wenn unser Firmian falsch multiplizierte – oder auf dem Hühnerhunde ritt – oder Schießpulver aus Näscherei leckte – oder eine Tabakpfeife zerbrach, solche strafte der Büchsenspanner gelinde, nämlich bloß mit dem Stock, der überhaupt in guten Schulen an den Kinderrücken als Saftröhre und Stechheber aufläuft und solche mit wissenschaftlichem Nährsafte tränkt, oder der die Deichsel bleibt, woran ganze vorgespannte Winterschulen lustig ziehen. Aber zwei andere Fehler sucht' er ernsthafter heim. Wenn nämlich ein Kind unter dem Essen lachte, oder wenn es in den langen Tisch- und Abendgebeten stockte oder irrte: so amputierte er schnell mit dem angebornen Arm den erworbnen und schlug mit dieser Krieggurgel – sein eigner Ausdruck – seine lieben Kleinen entsetzlich. Firmian erinnerte sich noch recht gut, als wär' es ihm gestern begegnet, daß einmal er und seine Schwestern eine ganze halbe Stunde unter dem Essen von diesem Streitflegel alternierend gedroschen wurden, weil das eine zu lachen anfing, indem um das andere ernste dieser lange Muskel flatterte. Noch heute erbitterte das Leder sein Herz. Ich sehe recht gut den Nutzen ein, wenn Eltern und Lehrer es versuchen, mit dem organisierten Arm den leeren auszuhenken und vermittelst dieser Vereinigung und diesem Konkordat zwischen weltlichem und geistlichem Arm einen Zögling zu schlagen; aber nur muß es allezeit geschehen; über nichts ergrimmen Kinder mehr als über neue Marterinstrumente oder über einen neuen Spielraum der alten. Ein an Rückenstrafen und Lineale gewöhntes Kind darf nicht mit Ohrfeigen und nackten bloßen Händen angegriffen werden; ein an diese verwöhntes leidet wieder Lineale nicht. Der Verfasser dieser Blumenstücke wurde einmal in seinen frühern Jahren mit einem Pantoffel geworfen. – Die Narbe von diesem Wurfe bricht noch jetzt in seiner Seele auf, indes er ordentlicher Prügel sich nur schwach erinnert. –

Siebenkäs zog den Zucht-Arm heraus und die Büchse dazu; aber welch ein Fund lag darunter! – Jetzo war ihm geholfen. – Wenigstens konnt' er doch zu Andreas mitschießen in kürzern Stiefeln – und überhaupt konnte er doch einige Tage essen, was er wollte. – Was freilich ihn und mich bei der ganzen Sache am meisten erstaunen läßt (erklären lässet sichs aber immer), war bloß, daß er nicht eher daran gedacht hatte, da doch sein Vater ein Jäger war; wiewohl ich auf der andern Seite gern gestehe, daß dieser Tag nicht besser auserlesen sein konnte, weil in ihn gerade die Versteigerung fiel.

Der Knebelspieß – der Pferdeschwanz – der Vorlaß – das Fuchseisen – der Stoßdegen – die Hausapotheke und die Maske mit einem Halse, lauter Dinge, die er bisher in der Feldkiste nicht gesucht hatte, konnten ja den Augenblick hinabgetragen und aufs Rathaus geschoben werden, damit der frisierende Sachse sie losschlüge. –

Und das geschah auch. Er war nach langen Unglückfällen warm-durchfreuet über einen Zufall. Er zog der ganzen zur Versteigerung abgegangenen Kiste – bloß die lederne Schlag-Ader und die Büchse blieb zurück – selber nach, um zu hören, was man droben biete.

Er stellte sich zunächst an den hektischen Hausherrn hinter die Versteigertafel mit seinen zu langen Halbstiefeln. Das ganze gleichsam in einer Feuergefahr oder Plünderung zusammengeworfne Möbeln-Heergeräte, meistens verkauft von Verarmenden, meistens gekauft von Armen, machte seine Begriffe von Minute zu Minute immer kleiner von diesem zusammengesetzten Schöpf- und Pumpenwerk und überhaupt von der Maschinerie, welche den Springbrunnen einiger kleiner Lebenstrahlen im Springen und Glänzen erhält, und er selber, der Maschinenmeister, wurde immer männlicher. Es ärgerte ihn, daß sein Geist gestern ein unechter Edelstein gewesen, den ein Tropfen Scheidewasser verdunkelt und der Farbe beraubt; denn ein echter glänzet fort. – Nichts macht humoristischer und gegen die Ehre der Stände kälter, als wenn man die des seinigen vertauschen muß mit der Ehre der Person oder des Werts, und wenn man überhaupt sein Inneres immer mit Philosophie gleichsam wie ein Diogenesfaß gegen äußere Verletzungen überziehen, oder wenn man, in einer schönern Metapher, wie die Perlenmuschel, die Löcher, welche Würmer in unsere Perlenmutter bohren, mit Perlen der Maximen vollschwitzen muß. – Inzwischen sind Perlen besser als eine unversehrte Perlenmutter; ein Gedanke, den ich mit Golddinte schreiben sollte.

Ich stelle so viele Philosophie mit gutem Grund voraus, weil ich den Leser dahin bringen will, daß er nicht zu viel Lärm über das erhebt, was der Armenadvokat jetzo – machen will, genau betrachtet einen unschuldigen Spaß, nämlich den, daß er – da ohnehin die gepuderte Lunge des Proklamators lieber keucht als schreiet – diesem Hammerherrn den Glockenhammer der Versteigerung abnimmt und alles selber versteigert. Er tats in der Tat nur eine halbe Stunde lang und noch dazu bei seiner eignen Ware; ja er hätte sich hier bedacht, das Hammerwerk zu pachten, hätt' es nicht seiner Seele so unbeschreiblich wohlgetan, den Pferdeschwanz, den Knebelspieß, den Vorlaß etc. in die Höhe zu heben und hämmernd auszurufen: »Vier Groschen auf den Pferdeschwanz zum erstenmal – fünf Kreuzer auf den Vorlaß zum zweitenmal – einen halben Ortstaler auf das Fuchseisen zum erstenmal – zwei Gulden auf den Stoßdegen zum dritten- und letztenmal.« Er tat, was ein Auktionator soll, er lobte die Ware; er blätterte vor den anwesenden Jägern (der Adler auf der Vogelstange hatte, wie Aas, entfernte hergelocket) den Pferdeschwanz auf, strich ihn nach dem Haar und wider das Haar und versicherte, er getrauete sich, mit den Schlingen davon die Dohnenschnait durch den Schwarzwald durchzuführen. Den Vorlaß setzt' er in sein Licht, er zeigte der Gesellschaft den hölzernen Schnabel, die Schwingen, die Fänge und den Überzug mit dem Federspiel und wünschte, es wär' ein Falke da, um das Luder auf den Vorlaß zu legen und ihn zu locken.

Die Rechnungen in seinem Haushaltkalender, die ich darüber wegen meines elenden Gedächtnisses zweimal nachgesehen, setzen die Summe, die er von den vielen gegenwärtigen Jägern erhob, auf 7 fl. frk. ohne die Groschen. Und dabei ist die Hausapotheke und die langhälsige Maske nicht einmal gerechnet; denn diese mochte kein Mensch. – Zu Hause ließ er den ganzen Kronschatz und Tilgungfonds in den breiten Gold-Tornister Lenettens laufen, wobei er sie und sich vor den Gefahren eines großen Reichtums warnte und beiden die Exempel von übermütigen Begüterten vorhielt, so am Ende fallieren mußten.

– Im siebenten Kapitel, das ich sogleich anfangen werde, kann ich nach so viel tausend Hausplagen das gelehrte Deutschland endlich in den Schießgraben versetzen und ihm meinen Helden vorführen als ein löbliches Schützenmitglied, das Kugeln und Büchsen hat und das anständig – gekleidet weniger als – gestiefelt ist: denn jetzt werden Kugeln gegossen, Büchsen gescheuert, und Stiefeln ziehen Schuhe an. Fecht näht die dreiviertels Stiefeln auf seinem Knie zu halben um und besohlet sie mit dem – ledernen Arm, über den bisher Redens genug war. In meinen Tagen, wo man sogar Badinen (Stöckchen) von Leder trägt, als wären die welken Arme daraus, hätt' aus dem Jägerarm ein Stock in einem bessern Sinne gemacht werden können, wie man noch die Nashornfelle in Spazierstöcke zerschneidet.

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