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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Fortsetzung und Beendigung
des sechsten Kapitels

Der grillierte Kattun – neue Pfandstücke – christliche Vernachlässigung des Judenstudiums – der aus den Wolken gereichte Helfarm aus Leder – die Versteigerung

Im siebenten Kapitel wird das Schwenk- und Andreasschießen gehalten: das jetzige füllet der winterliche dornige Zwischenraum bis dahin oder das Wolfmonat mit seinem Wolfhunger. Siebenkäs würde sich damals geärgert haben, wenn ihm jemand vorausgesaget hätte, mit welchem Mitleiden sein Aktivhandelflor von mir werde beschrieben und mithin von Millionen Menschen aller Zeiten werde gelesen werden; er verlangte kein Mitleiden und sagte: »Wenn ich lustig bleibe: warum seid ihr denn mitleidig?« Die Möbeln, die er neulich gleichsam wie der Tod berühret oder mit dem Waldhammer seiner Hand angeplätzet hatte, wurden nach und nach ausgeholzet und abgetrieben. Der geblümte Spiegel in der Kammer, der sich zum Glück selber in keinem sah, wurde zuerst von der Toten- oder Abendglocke im Bahrtuch einer Schürze aus dem Hause geläutet. Eh' er ihn in die Reihe dieses Totentanzes zog, schlug er Lenetten einen Stellvertreter vor, das Trauerkleid von grilliertem Kattun, um sie daran zu gewöhnen. Es war das censeo Charthaginem delendam (ich stimme für die Zerstörung Karthagos), das der alte Kato alle Tage auf dem Rathaus nach jeder Rede sagte.

Darauf wurde der alte Sessel – anstatt daß der Armstuhl Shakespeares lotweise wie Safran abgesetzt wird oder nach Karats – im ganzen losgeschlagen, und der Feuerbock (ein Dachstuhl fürs Brennholz) zog als Begleiter mit. Siebenkäs war so vernünftig, daß er vorher sagte: censeo Carthaginem delendam d. h. täten wir nicht gescheuter, wenn wir den grillierten Kattun versetzten?

Sie konnten kaum zwei Tage vom Bock und vom Sessel leben.

Jetzt wurde die alchemische Verwandlung der Metalle an dem Scherbecken und dem Kammertopfe versucht, und Tafelgüter und Tafelgelder daraus gemacht. Freilich sagte er vorher: censeo. – Es ist der Mühe kaum wert, daß ich bemerke, wie wenig ein Handelzweig Früchte abwarf, der mehr ein Holz- als ein Fruchtast war.

Die magere Porzellankuh oder Butterbüchse wäre nach dem Verkaufe kaum über einen Tag lang ihre nährende Milchkuh geworden, wenn sie nicht sieben Potentanten (nämlich deren elendeste Kupferstiche) begleitet hätten als Dareingabe, wofür die Hökerin einige Schmelzbutter beischoß. Censeo, sagte er daher. Viele müssen sich noch erinnern aus meiner Erzählung, daß er neulich, da er die Todesanzeigen unter die Möbeln austeilte, die Tellertücher, welche so nahe am grillierten Rocke lagen, nicht auffallend berücksichtigte; jetzt aber wurd' er auch diesen ein Leichhuhn und Galgenpater und reutete sie bis auf wenige aus. Als sie fort waren, merkt' er kurz vor Martins-Tag beiläufig an, daß die Tellertücherpresse noch vorhanden, es aber nicht abzusehen sei, was sie anfangen und pressen wolle. »Wenn es sich gerade so träfe«, fuhr er heiter fort, »so könnte die Presse allerdings so lange Urlaub erhalten, bis wir uns selber aus der Glanz-, Öl- und Tellertücherpresse des Schicksals glatt herausgehoben hätten und die umkehrenden Tellertücher einknüpfen könnten ins Knopfloch.« – Anfangs war er sogar willens gewesen, die Leichenprozession umzuwenden und die Presse als Vortänzerin und Vorlauf den Tellertüchern vorauszuschicken; er hätte dann mit der Prozession zugleich den Syllogismus bloß so umgekehrt: »Ich sehe nicht ab, was wir mit den Tüchern anstellen und wie wir sie glatt erhalten, bevor die Presse wieder im Hause ist.«

Ich bin es fest und steif überzeugt, daß hier die meisten, wie Lenette, über meinen Handelkonsul Siebenkäs und über seinen hanseatischen Bund mit allen Leuten, die etwas an sich handelten, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mit ihr sagen werden: »Der leichtsinnige Mensch! So muß er zum Bettler werden: die herrlichen Möbeln!!« – Firmian antwortete ihr allemal: »Ich soll demnach herknien und heulen und vor Trauer wie ein Jude den Rock zerreißen, der schon zerrissen ist, und die Haar ausraufen, da sie der Gram oft in einer Nacht ausrupft? – Ists denn nicht an deinem Heulen genug, bist du nicht meine verordnete praefica und Klagefrau? – Weib, ich schwöre aber dir und so teuer als wenn ich auf SchweinborstenAuf einer Schweinehaut mußte sonst der Jude mit nackten Füßen stehen und schwören. stände: will es Gott haben, der mich so lustig geschaffen, will ers haben, daß ich mit achttausend Löchern im Rocke und ohne Sohlen an Strümpfen und Stiefeln in der Stadt herumziehe, soll ich immer mehr verarmen (hier wurden seine Augen wider Willen feucht und seine Stimme ungewiß): so soll mich der Teufel holen und mit der Quaste seines Schwanzes totpeitschen, wenn ich nicht dazu lache und singe – und wer mich bejammern will, dem sag' ich ins Gesicht, er ist ein Narr. Beim Himmel! Die Apostel und Diogenes und Epiktet und Sokrates hatten selten einen ganzen Rock am Leibe, ein Hemd gar nicht – und unsereiner soll sich in diesem kleinstädtischen Jahrhundert nur ein graues Haar darüber wachsen lassen?« –

Recht, mein Firmian! – Verachte das enge Schlauch-Herz der großen Kleidermotten um dich und der menschlichen Bohrkäfer in den Möbeln. – Und ihr, armen Teufel, die ihr mich eben leset – ihr möget nun auf Akademien oder auf Schreibstuben oder gar in Pfarrwohnungen sitzen – die ihr vielleicht keinen ganzen, wenigstens keinen schwarzen Hut aufzusetzen habt, richtet euch an der großen griechischen und römischen Zeit, worin ein edler Mensch, wie das Bildnis des Herkules, unbeschämt ohne Tempel und ohne Kleider war, über die weibische Nachbarschaft euerer Tage auf und verhütet es nur, daß euer Geist nicht mit euerer Lage verarmen und dann hebet stolz euer Haupt in den Himmel, den ein ängstlicher Nordschein überzieht, dessen ewige Sterne aber durch das nahe blutige dünne Gewitter brechen!

– Es waren nur noch einige Wochen auf das Andreasschießen hin, auf das Lenette alle ihre Wünsche vertröstete und anwies, gleichwohl kam ein Tag, woran sie etwas Schlimmers wurde als traurig – trostlos.

Der Martinitag wars; an diesem sollte den aus Lenettens Salzburg Ausgewanderten, den Tellertüchern, auch die Presse als ihre Oberin nachgehen; aber niemand im ganzen Reichsflecken wollte die Presse annehmen. Nur ein Jude blieb der einzige Anker der Hoffnung, weil in dessen Noahkasten von Kaufladen sich alle Tiere und Waren hineinretteten. Zum Unglück aber suchte ihn die Tellertücherpresse grade an einem jüdischen Feiertage auf, den er strenger hielt als jedes Wort. Morgen wollt' er sehen.

– Ist es aber nicht – man erlaube mir ein wichtiges Wort zu seiner Zeit – eine äußerst gefährliche Nachlässigkeit der Regierungen, daß die jüdischen Fest- und Fasttage und ihre andern gottesdienstlichen Zeiten jetzo, wo die Juden in deutschen Staaten gleichsam die Generalpächter und Metallkönige der Christen sind, nicht öffentlich und allgemein zum Vorteile so vieler bekannt und verkündigt werden, welche bei ihnen borgen oder sonst handeln wollen? Wer anders leidet dabei als gerade die angesehensten Klassen, Personen von Geburt, von Range, vom Stabe, welche an Festen von Haman, von Ostern, von Tempeleroberung, von Gesetzes-Freude ihre Papiere bringen und Gelder suchen, aber keine dafür haben können? Sollten nicht in allen Kalendern – wie glücklicherweise längst in den berlinischen und bayerischen – die jüdischen Feste bezeichnet werden, sogar bis auf Stunde ihrer Dauer, oder in Zeitungen oder durch Ausrufer verkündigt und in Schulen eingeprägt? Unsere Festkalender braucht freilich der Jude nicht, da wir ihm zu Gefallen gern jeden Sonntag verschieben und aussetzen, und wär' es der erste im Jahr, das Fest der jüdischen Beschneidung, und er wird deshalb auch künftig, wenn die jüdische Universalmonarchie wirklich eintritt, seinem Judenkalender keinen Christenkalender anhängen, wie wir jetzo dem christlichen den jüdischen; aber die Notwendigkeit, den Christen schon in Schulen die jüdischen Festzeiten und ihre religiösen Gebräuche mehr einzuschärfen, wird erst künftig recht einleuchten, wenn die Juden endlich Deutschland zu ihrem Gelobten Land erhoben und uns den Kreuz- und Rückzug in das asiatische zu einem Heiligen Grabe und einem heiligen Schädelberge übrig gelassen haben.

Gleichwohl sollten wir nicht (wünsch' ich, um diese Abschweifung mit einer zu schließen) künftig, wenn wir die christlichen Zähler jüdischer Nenner werden, als neue Kreuzzügler das Palästina wieder suchen, nach welchem die Juden selber wenig fragen und jagen. Gewiß werden sie künftig gegen uns weit mehr Geist der Duldung beweisen, als wir sonst leider gegen sie gezeigt; eben ihr Handelgeist, den man ihnen bisher so sehr verdacht und aufgerückt, wird sich zu einem Schutzgeiste für uns arme Christen aufstellen und sich unserer annehmen, da wir ihnen zum Abkaufen und Verspeisen der weggeworfenen unpräparierten Hinterviertel des Viehs (sie dürfen ohne Ausäderung ja bloß die Vorderteile genießen) so unentbehrlich sind. Wer anders als Christen kann ihnen das Vieh, das sie am SchabbesDas Vieh darf am Schabbes gar nichts tragen; sogar die Läppchen der Unterscheidung werden den Hühnern abgenommen; so muß der Jude nur Unjuden melken lassen; nicht einmal Tau oder Staub darf er von sich abkehren. Der Jude, oder altes und neues Judentum. B. 2, S. 481 etc. nicht zur Arbeit erniedrigen dürfen, vertreten und die nötigen Spann- und Hand-Dienste leisten, und wem wollen sie, gleich den alten Republikanern, Arbeit und Handwerke übertragen als uns, gleichsam ihren edlern Heloten und Sklaven, für welche sie daher gewiß mehr Schonung haben werden als für ihre bisherigen untreuen Wechselschuldner? – –

Ich kehre zu unserm Armenadvokaten zurück und berichte weiter, daß er morgens am Martinitage kein Kauf-Geld erhalten konnte und folglich auch keine Martinsgans dafür. Lenettens Jammer über die entflogene Gans ihrer Konfession muß man selber fühlen. Die Weiber – welche weniger nach Essen und Trinken fragen als die besten aszetischen PhilosophenEs ist Pflicht zweiter, verbesserter Auflagen, hier die Eßlust der Damen an Hoftafeln auszunehmen. Lange Sitzung, lange Weile, lange Gewohnheit und Tischgefälligkeit legen ihnen so viel in den Mund, als etwa der kantische Magen eines magern Philosophen vertrüge, aber kein Kurialmagen. Indes gehören eben Unverdaulichkeiten unter die Honneurs, welche Hofdamen zu machen haben. , ja mehr nach diesen selber als nach jenen – sind gleichwohl nicht zu bändigen, wenn ihnen gerade gewisse chronologische Lebensmittel entgehen; ihr Hang zu bürgerlichen Festlichkeiten macht, daß sie lieber Festlieder und Evangelien entraten als zu Weichnachten die Stollen – zu Ostern die Käskuchen – am Martinitag die Gans; ihr Magen fodert, wie ein katholischer Altar, an jedem hl. Fest einen andern Fest-Überzug. Daher ist dieses kanonische Gebäck ihr zweites Abendmahl, das sie, wie das erste, nicht des Gaumens halber nehmen, sondern »der Ordnung wegen«. – Siebenkäs fand im Antonin und Epiktet kein Mittel und keine Ersatzmänner der Gans, womit er die wimmernde Lenette hätte stillen können, die immer sagte: »Wir sind doch auch Christen und gehören zur lutherischen Gemeinde: und heute haben alle Lutheraner Gänse auf dem Tisch; so wars bei meinen sel. Eltern. – Aber du glaubst an nichts.« – Aber der Unglaubige schlich noch am späten Judenfeiertage zum Juden, welcher einen artigen Gänsestall mit dünnen und mit fetten Lebern als einen Poststall für auswärtige Glaubengenossen hielt. Er zog bei ihm eine hebräische Duodezbibel aus der Tasche und legte sie auf den Tisch mit den Worten: er find' an ihm mit Freuden einen wackern Gesetzstudierenden; einem solchen aber geb' er am liebsten seine Bibel ganz, ohne einen Heller zu verlangen; er selber könne sie als eine unpunktierte (ohne Selblauter) ohnehin nicht gut lesen, zumal da es ihm auch mit einer punktierten nicht gelinge. »Aber meine Serviettenpresse«, setzte er hinzu und brachte sie unter dem Schanzlooper hervor, »möcht' ich gern hier ablegen, da sie mich beschweren würde. Ich wünschte nämlich gern aus Ursachen einen Ganser aus Ihrem Stalle mitzunehmen – er kann immer zaundürr sein –; Sie mögen ihn meinetwegen an einem so heiligen Tage für ein Almosen nehmen, das Sie mir geben. Hol' ich die Presse wieder ab: so können wir ja immer noch weiter aus der Sache sprechen.«

So bracht' er denn wirklich, um die freien Religionübungen seiner Frau nicht zu hindern, den Kontrovers-Ganser ein, der zur Polemik und zu den Unterscheidlehren zu gehören schien; und den Tag darauf aßen die zwei Doktoranden Martinisten Lutheristen den Schmalkaldischen Artikel – wie denn oft durch die schmalkaldischen Warenartikel von Eisen die theologischen verfochten wurden – gar nach; und das Kapitolium des lutherischen Lehrbekenntnisses war, wie mich dünkt, leicht durch dieses Tier (das man über einem Autodafee gebraten) erettet worden.

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