Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
Schließen

Navigation:

Er vollendete seine Rezension erst den Morgen darauf. Er wollte freilich seine wenigen Gedanken über die Übersetzung der »Emilia« so lange öffentlich sagen, bis mit dem Gelde für die Gedanken seine Stiefeln konnten vorgeschuhet werden – anderthalb Druckbogen verlangte Fecht für das Paar –, aber er hatte nicht die Zeit dazu; noch heute mußt' er mit dem Setzer-Augenmaß die Handschrift ausrechnen und den Lohn erheben.

Die Rezensionen gingen ab an den Redakteur: der kritische Kostenzettel lief – da für den Bogen 2 fl., die Seite zu 30 Zeilen, kamen – auf bis zu 3 fl. 4 Gr. und 5 Pf. – Sonderbar! der Mensch lacht, wenn er Geistiges und Körperliches, Verstand und Ehrensold, Schmerzen und Schmerzengeld in Verhältnis gestellet findet; ist denn aber nicht unser ganzes Leben eine Äquation (oder Gesellschaftrechnung) zwischen Seel' und Leib, und ist nicht alle Einwirkung auf uns körperlich, und alle Rückwirkung aus uns geistig?

Das Laufmädchen brachte nichts zurück als einen Gruß statt der Silberblätter, wozu seine Dinte sich hatte kristallisieren sollen. Der Pelzstiefel hatte gar nicht daran gedacht. Die Zerstreuung des Studierens machte den Schulrat kalt gegen eignen Reichtum und blind für fremde Armut: er bemerkte wohl einen Hiatus, aber der mußte in keinem eignen oder fremden Strumpfe, Schuhe usw. sein, sondern in einem Manuskripte. Ein inneres Feuer verblendete diesen Glücklichen gegen das faule phosphoreszierende Holz um ihn; und glücklich ist jeder Schauspieler im Schuldrama der Erde, dem die höhere innere Täuschung die äußere ersetzt oder verdeckt, und vor welchem im Taumel seiner geistigen Rolle die stümperhaften Landschaften an den Theaterwänden blühen und rauschen unter der Regenmaschine aus Erbsen, und den das Auseinanderschieben der Wände nicht weckt.

Aber unsere zwei Geliebte beunruhigte die schöne Blindheit des Rates sehr; ihr kleines Sternbild, das ihnen heut leuchten sollte, sank, in Sternschnuppen aufgelöset, auf die Erde. – Stiefeln tadl' ich nicht, er hatte, wenn kein Auge, doch ein Ohr für das Elend; hingegen vor euch, ihr Großen und Reichen, die ihr, unbehülflich im Honigfladen eures Genusses und mit klebrigen Flügeln in euerem flüssigen Rosenzucker schwimmend, es nicht leicht findet, die Hand zu regen und damit aus der Geldrolle den Lohn für die zu ziehen, welche eueren Honigbehälter füllen halfen, vor euch wird einmal eine richtende Stunde treten und euch fragen, ob ihr wert waret zu leben, geschweige zu genießen, wenn ihr sogar die kleine Mühe des Bezahlens flohet, indes der Niedere sich der großen des Verdienens unterzog. Aber ihr würdet besser sein, wenn ihr bedachtet, wieviel Jammer euere gemächliche Trägheit, eine Geldrolle zu öffnen oder eine kurze Rechnung zu lesen, oft unter Arme verbreite; wenn ihr euch das trostlose Zurückprallen einer Gattin vorstellet, deren Mann ohne Lohn umkehrt, und ihr Darben und das Durchstreichen so vieler Hoffnungen und die kummerhaften Tage einer ganzen Familie...

Der Armenadvokat nahm also wieder sein närrisches Versilbergesicht vor und ging in allen Winkeln herum und trat den Preßgang nach Möbeln, die er pressen wollte, mit dem Augenglase an. Wie ein guter Fürst oder auch ein guter englischer Minister sich zu Nachts im Bette aufsetzt und den Kopf auf den Ellenbogen stützt und darin nachdenkt, an welche Artikel oder Stämme voll Birkensaft er den Weinbohrer einer neuen Abgabe ansetzen, oder wie er, in einer andern Metapher, den Torf der Taxen so stechen soll, daß neuer nachwächst: also Siebenkäs. Er untersuchte, den Kaperbrief in den Händen, jede Flagge, die ihm vorkam – er hob sein Scherbecken in die Höhe und setzte es wieder hin – er rüttelte die paralytische Lehne eines alten Sessels und knackte damit, er probierte ihn noch mehr, indem er sich hineinsetzte, und stand wieder auf. – – Ich unterbreche mich in meinem Perioden, wenn ich es flüchtig herwerfe, daß Lenette dieses gefährliche Konskribieren und Messen der Landeskinder recht wohl verstand und daß sie in einem fort gegen dieses Pfänderspiel mit Hiobsklagen protestierte. – Er hob ferner einen alten gelben Spiegel mit vergoldetem Laubwerk, der in der Kammer dem grünen Bette-Sparrwerk gegenüber hing, vom Haken herab, besah ihn an dem hölzernen Unterfutter und der Aasseite, schob ein wenig die Spiegeltafel auf und ab und hing ihn wieder hin – einen alten Feuerbock, desgleichen einen Kammertopf, die dreispännig da waren, nämlich als Drillinge, diese berührte er gar nicht, sondern schob solche bloß mit dem Fuß weiter unter ihre Bedachung – von einer porzellanen Butterbüchse in Gestalt einer Kuh (nach damaligem plastischen Witze) hob er flüchtig den Rücken ab und sah bloß hinein, stellte sie aber leer und voll Staub auf das Gesimse als Zier – länger wog er mit beiden Händen einen Gewürzmörser und stellte ihn wieder in den Wandschrank zurück – er sah immer gefährlicher und munterer aus – er zerrete mit den zwei Armen ein Gefach aus der Kleiderkommode hervor, schob Tellertücher und einen italienischen Blumenstrauß zurück und wollte ein Trauerkleid von grilliertem Kattun ein wenig überblättern... Aber hier flog Lenette auf, fiel ihm in den blätternden Arm und sagte: »Warum nicht gar! So weit solls, wills Gott, nicht mit mir kommen!«

Er drückte kalt das Gefach hinein, sperrte den Wandschrank wieder auf und hob den Gewürzmörser bedachtsam auf den Tisch heraus und sagte: »Meinetwegen! es kann also der Mörser forttanzen!« – Dadurch, daß er diese Schand- und Türkenglocke mit der ganzen Hand wie mit einem Dämpfer umgriff, konnte er den Stößel oder Klöppel recht gut ohne Sang und Klang aus der Höhlung ziehen. Er wußte längst, daß sie eher das Kleid ihrer Seele als das grillierte Überkleid jenes Kleides verpfände; aber er wollte absichtlich, wie der römische Hof, um die ganze Hand anhalten, um leichter den Finger zu bekommen, nämlich den Mörser – auch hofft' er durch bloßes Repetieren seiner Behauptung die Gründe derselben zu ersetzen und Lenetten durch häufiges Vorführen des Popanzes und Wauwaus allmählich mit dem letzteren zu befreunden, ich meine mit dem Versatze des grillierten Kattuns. Er hob deshalb so an: »Wir haben freilich jahraus jahrein wenig zu stampfen – außer wenn wir ein Viertel Mastvieh schlagen lassen – aber zu was das grillierte Kleid aufbehalten wird, das sage mir – du kannst den Kattun nicht öfter antun als ein einziges Mal, wenn ich für meine Person mit Tod abgehe. – Lenette, das frisset mir das Innere an – münze den Rock aus – merz ihn aus – Ich schließe aus meinem Kleiderschrank zwei Paar Trauerschnallen bei, mit denen ich nichts mehr einzuschnallen verhoffe!« –

Sie lärmte unbändig und kanzelte mit Verstand alle »leichtsinnige, lüderliche Haushälter« ab, eben weil sie zu befahren hatte, er werde nunmehr alle die Möbeln, die er heute wie ein Fleischbeschauer geschätzet und befühlet hatte, eines nach dem andern in das Schlachthaus unter das Schlächter-Messer führen und wohl gar – du treuer Jesus! – den grillierten Rock auch. »Lieber leid' ich Hunger«, sagte sie, »als daß ich den Mörser um ein Spottgeld verschleudere. Morgen abend kömmt ja der Hr. Rat und überbringt dir das Schreibgeld« (für die zwei Rezensionen).

»Das lässet sich hören«, sagt' er und trug den ausgerissenen Stößel waagrecht mit zwei Händen in die Kammer auf Lenettens Kopfkissen; dann trug er den Mörser, als den Spielraum der Spielwelle, abgesondert nach und stellte ihn auf seines: »Wenn ihn die Leute«, sagt' er, »schellen hörten, so dächten sie (denn wir stoßen nichts darin), ich wollt' ihn versilbern; und das möcht' ich nicht gern.«

Ihre beiderseitige Zentralkasse, die sich in seiner baumwollenen grün-gelben Börse und in ihrer angehangenen breiten Geldtasche aufhielt, mochte sich auf drei – Groschen gut Geld belaufen. Abends sollte ein Groschenbrot für die Barschaft geholt werden, und der Rest des metallischen Samens mußte morgen als Saat des Früh- und des Mittagstückes ausgeworfen werden. – Das Laufmädchen lief nach Brot aus; kam aber wieder mit dem Groschen und mit der Hiobspost: es liege so spät nichts mehr auf allen Bäckerläden als Zweigroschenbrote – der Vater (der Altreis Fecht) habe auch nichts bekommen. Das war eben erwünscht: der Advokat konnte mit dem Schuster in Kompanie treten und so, indem beide Associés ihre zwei Groschen in eine Kasse legten, leicht den Zweigroschenlaib erstehen. Die Fechtischen wurden befragt; der Schuster, der gar kein Geheimnis aus seinen täglichen Falliments machte, repartierte: Von Herzen gern! es soll' ihn Gott strafen, verzeih' es ihm Gott, wenn er und sein Lumpenpack heute etwas gefressen oder etwas ins Maul genommen hätten als Schuhdraht. – Kurz, die Vereinigung des gelehrten Standes mit dem dritten hob den Brotmangel, und die zwei Bündner wogen den zersägten Laib auf einer billigen Waage gleich, auf der die Ware zugleich der Gewicht- und Passierstein war. – – Ach! ihr Reichen! ihr wisset auf eueren Himmelbrot-Wägen nicht, wie unentbehrlich der Armut kleine Gewichte, Apothekerwaagen, Hellerbrote, eine Mahlzeit für 8 Kreuzer, wofür noch das Hemde unter dem Essen gewaschen wirdSolche Restaurateurs für Bettler gibts in London , und ein Brotschnitthandel ist, wo bloße Brot-Scherben und schwarzer BrotpuderIn Paris wird mit den von den reichen Tafeln fallenden Brotkrumen und Brot-Pulvern ein ansehnlicher Handel-Verkehr getrieben. für Geld zu haben ist – und wie ein ganzer froher Abend einer Familie daran hängt, daß euere Zentner in Loten feilstehen! –

Man aß sich froh und satt; Lenette war gefällig, weil sie ihren Willen durchgesetzt. Der Advokat stellte nachts leise das wartende Pfandstück auf einen weichen Sessel. Am Morgen machte sie ihm durch Stille das Schreiben leichter. Es war aber ein gutes Zeichen, daß sie den Mörser nicht aus der Kammer in den Wandschrank zurücksetzte. Siebenkäs schoß übrigens aus diesem Bombenmörser allerlei Fragen in Bogen ab; er wußte gewiß, daß heute oder morgen diese Loretto- und Harmonikaglocke gegen geringes Abzuggeld noch über die Grenzen marschiere. Eine Frau wartet nur gern das Äußerste ab.

Abends klopfte der Pelzstiefel an. – Es war lächerlich und menschlich zugleich, zu erwarten, das erste, was der Redakteur des Götterbotens bringe, sei das kritische Macherlohn, damit man dem Redakteur wenigstens einen geheizten Leuchter und ein volles Bierglas vorzusetzen vermöge. Über eine solche Bangigkeit geht nichts, weil die Beschämung auf einmal alle Springfedern im Menschen zerbricht. Siebenkäs fragte nichts darnach, weil er wußte, Stiefel frage auch nichts darnach. – Aber die arme Lenette, deren Schamröte besonders durch die Liebe gegen Stiefeln höher wurde! – Endlich zog der Rat aus der Tasche – man erwartete allgemein die Erscheinung der Rezensier-Sporteln – bloß seine Rappeemühle oder sein Schnupftabakreibeisen und griff in die Rocktasche, um eine halbe Stange Rappee auf die kleine Häckselbank zu stellen. Er hatt' aber die Stange schon aufgerieben. Er griff in die Hosentasche, um Geld zu einer neuen zu holen. Wahrhaftig er hatte – hier stieß er einen Fluch aus, für den er in England Fluchgebühren hätte geben müssen – die ganze Börse samt den Beinkleidern nicht nur (es waren seine plüschene), sondern auch samt dem richtig abgezählten Päckel eingewickelter Rezensier-Gebühren aus Dummheit zum Schneider geschickt. Er sagte, es wäre nicht das erstemal und der Meister sei recht ehrlich zum Glück; die Sache war aber, er hatte nie den Inhalt seiner Börse auswendig gewußt. – Unbefangen bat er Lenetten: ihm eine Stange Rappee zu verschaffen, morgen übersend' er das Darlehn zugleich mit dem gelehrten Arbeitlohn. Siebenkäs fügte schelmisch bei: »Laß auch Bier mit holen, Beste.« – Er stellte sich mit dem Pelzstiefel ans Fenster, aber er konnte wohl vernehmen, daß die arme Frau – deren Herz gedrückt unter Seufzern lag und das die peine forte et dure ausstand – in die Kammer schleiche und ungehört den Gewürz-Holländer (Lumpenhacker) vom Sessel in die Schürze lege.

Nach einer guten halben Stunde kam endlich Rappee – Bier – Geld – und Freude in die Stube; die Glockenspeise des Mörsers war in eine bessere für den Magen umgesetzt, und diese Glocke war gleichsam das Wandelglöckchen gewesen, das hier nicht bloß wie bei den Papisten eine Transsubstantiation oder Brotverwandlung anzeigte, sondern sogar eine selber erfuhr. Diese Gewürz-Lohmühle war schnell in Sägeblätter für die Rappee-Sägemühle des Rates auseinander gelegt. – Das Blut lief jetzo nicht mehr zwischen Klippen und Steinen, sondern ohne Wellen neben Wiesen über kleine Silberkörner des Lebens hinweg. So ist der Mensch: im großen Elend richtet ihn die nächste frohe Minute auf, im großen Glück schlägt ihn die entfernteste, noch unter dem Horizonte stehende trübe nieder. – Kein Großer, der Küchenmeister, Kellerschreiber, Kapaunenstopfer und Mundbäcker hat, wird von dem Vergnügen, zu bewirten oder bewirtet zu werden, gelabt; er bekommt und erstattet keinen Dank; aber der arme Wirt steht mit dem armen Gast, mit dem er den Laib und die Kanne halbiert, im Wechselbunde des Dankes.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.