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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Sechstes Kapitel

Ehe-Keifen – Extrablättchen über das Reden der Weiber – Pfandstücke – der Mörser und die Rappeemühle – der gelehrte Kuß – über den Trost der Menschen – Fortsetzung des sechsten Kapitels

Dieses Kapitel fängt sich gleich mit Geldnot an; der jämmerliche, zerlechzte Danaiden-Eimer, womit das gute Ehepaar seine wenigen Groschen oder Goldkörner aus dem Paktolus aufzog, war immer in zwei Tagen wieder ausgetropft, wenigstens in dreien. Dasmal indessen konnten die Leute doch auf etwas Gewisses fußen, das nicht unbeträchtlich war, auf die zwei Rezensionen der zwei dagelassenen Rezensierstücke – auf 4 fl. – konnten sie gewiß rechnen, wenn nicht auf 5.

Am Morgen nach dem Kusse setzte Firmian sich wieder auf seinen kritischen Schöppenstuhl und beurteilte. Er hätte ein Heldengedicht machen können, so wenig sausten die bisherigen Passatwinde der Morgenstunden. Er zeigte der Welt von früh 8 Uhr bis mittags um 11 Uhr das Programm des Dr. Franks in Pavia günstig an, das betitelt war: Sermo Academicus de civis medici in republica conditione atque officiis ex lege praecipue erutis auct. Frank 1785. Er beurteilte, lobte, tadelte und exzerpierte das Werkchen so lange, bis er glaubte, er habe damit so viel Papier vollgemacht, daß der Ehrensold für das Papier dem Pfandschilling für die Heringschüssel, für die Salatiere und Sauciere und den Teller beikomme – nämlich einen Bogen lang war seine Meinung über die Rede, und 4 Seiten und 15 Zeilen.

Der Morgen war unter seinem Femgericht so schön abgelaufen, daß der Feimer nachmittags ein zweites halten wollte, über das rückständige zweite Werkchen. Bisher hatt' ers nicht gewagt; er hatte nachmittags nur advoziert, nicht rezensiert, und nur als Defensor (Verteidiger), nicht als Fiskal (Ankläger) gearbeitet. Er konnte sich recht gut damit rechtfertigen, daß immer nachmittags die Mädchen und Mägde mit Hauben kämen und – Mäuler voll Sprachschätze mitbrachten und auftäten, daß sie, reicher als die Araber, die nur 1000 Wörter für 1 Gedanken haben, ebenso viele Redarten für einen verwahrten und daß sie überhaupt, wie verdorbne Orgeln, sogleich, ohne gegriffen zu sein, mit zwanzig Pfeifen flöteten, sobald nur die (Lungen-) Bälge gingen – – das war ihm gelegen; denn in den Stunden, worauf diese weiblichen Wecker gestellet waren, ließ er seine juristischen losschnarren und trieb unter den Prozessen seiner Lenette seine eignen weiter. Es störte ihn gar nicht; er versicherte: »Ein Advokat ist gar nicht irre zu machen, er mag seinen Perioden eröffnen und fortstoßen wie er will – sein Periode ist ein langer Bandwurm, den ich ohne Schaden prolongiere, abbreviere (verlängere, abkürze) – denn jedes Glied ist selber ein Wurm, jedes Komma ein Periode.« –

Aber mit dem Rezensieren wollt' es nicht gehen. Ich will indes so viel für die Ungelehrten (denn die Gelehrten haben die Rezension längst gelesen) treulich niederschreiben, als er nach dem Essen wirklich fertig brachte. Er schrieb den Titel von Steffens' lateinischer Übersetzung der Emilia Galotti hin und fuhr so fort:

»Gegenwärtige Übersetzung erfüllet endlich einen Wunsch, den wir so lange bei uns herumgetragen haben. Es ist in der Tat eine auffallende Erscheinung, daß bisher noch so wenige deutsche Klassiker ins Lateinische für Schulmänner übersetzet worden sind, die für uns doch fast alle römische und griechische Klassiker verdeutschet haben. Der Deutsche hat Werke aufzuzeigen, welche verdienen, daß sie ein Schulmann und Sprachgelehrter lieset; aber er kann sie nicht verstehen (obwohl übertragen), weil sie nicht lateinisch geschrieben sind. Lichtenbergs Taschenkalender tritt zugleich in einer deutschen Ausgabe – für Engländer, welche Deutsch lernen – und in einer französischen für den deutschen hohen Adel ans Licht; warum werden aber deutsche Originalwerke und dieser Kalender selber nicht auch Sprachgelehrten und Schulmännern in die Hände gegeben in einer guten lateinischen, aber treuen Übersetzung? Sie sind gewiß die ersten, welche die Ähnlichkeit (in der Ode) zwischen Ramler und Horaz bemerken würden, wäre jener verdolmetscht. Rezensent gesteht gern, daß er immer große Bedenklichkeiten darüber gehabt, daß man Klopstocks Messiade nur in zwei Rechtschreibungen geliefert, in der alten und in seiner – daß aber weder an eine lateinische Ausgabe für Schulleute – denn Lessing hat in seinen Vermischten Schriften kaum die Anrufung übersetzt – noch an eine im Kurialstil für die Juristen, noch an eine im planen prosaischen für Meßkünstler oder an eine im Judendeutsch für das Judentum gedacht worden.«...

So weit hatt' ers; aber dann mußt' er aufhören, weil eine Hausjungfer nicht aufhörte, sondern immer wiederholte, was ihre Frau – die Seckelmeisterin – wiederholet hatte, wie nämlich die Nachthaube gesteckt werden sollte: zwanzig Male entwarf sie den Karton und Vorriß der Haube und drang auf Eiligkeit. Lenette beantwortete und vergalt alle ihre Tautologien mit ähnlichen. Kaum hatte die Hausjungfer die Türe zugemacht, so sagte der Rezensent: »Ich habe nicht ein Wort geschrieben, solang die Windmühle da klapperte. Lenette, ists denn eine gänzliche Unmöglichkeit, daß ein Weib sagt, es ist vier Uhr, anstatt zu sagen es hat vier Viertel auf vier Uhr geschlagen? – Kann keine sagen, morgen ist der Kopf-Lumpen fertig und damit gut? Kann keine sagen, einen Ortstaler verlang' ich dafür und damit gut? Keine, lauf' Sie morgen wieder herauf und damit holla? Kannst denn dus nicht?« – Lenette versetzte kalt: »Du denkst freilich, alle Leute denken wie du!« Lenette hatte überhaupt zwei weibliche Unarten, über die schon Millionen männliche Speiteufel oder Raketen, nämlich Flüche, in den Himmel aufgefahren sind – die eine, daß sie dem Laufmädchen in der Stube jeden Auftrag wie ein Memoriale in zwei Exemplaren überreichte und nachher mit ihr hinausging und ihr dieselbe Sache noch drei- oder viermal anbefahl – – die andere, daß sie, Siebenkäs mochte schreien wie er wollte, allezeit das erstemal fragte: »wie?« oder »was sagst du?« Ich rate und preise selber den Weibern, sobald sie über die Antwort verlegen sind, diese Foderung eines – Sekundawechsels an; aber in andern Fällen, wo man von ihnen statt der Wahrheit nur Aufmerksamkeit verlangt, ist dieses ancora und bis, das sie dem eilfertigen Sprecher zurufen, ebenso beschwerlich als entbehrlich. – Solche Dinge sind in der Ehe so lange Kleinigkeiten, als ihr Märterer sie nicht rügte; nach dem Rügegerichte aber sind sie noch schlimmer – denn sie kommen öfter vor – als Todsünden und Felonien und Brüche.

Würde der Verfasser dieses durch dergleichen Pleonasmen in seinen Arbeiten gehemmt: so würd' er weiter nichts machen – am wenigsten eine Strafpredigt – als – weil man ihn gerade aufmunterte – folgendes

Extrablättchen über das Recht der Weiber

Der Verfasser des Buchs über die Ehe sagt: eine Frau, die nicht spricht, sei dumm. Aber es ist leichter, sein Lobredner als sein Jünger zu sein. Die klügsten Weiber sind oft stumm unter Weibern, und die dümmsten und stummsten sind oft beides unter Männern. Im ganzen gilt vom weiblichen Geschlecht die Bemerkung über das männliche, daß die Menschen am meisten denken, die am wenigsten sprechen, so wie die Frösche aufhören zu quaken, wenn man ein Licht ans Weiher-Ufer stellt. – Übrigens kommt das viele weibliche Sprechen von ihren sitzenden Arbeiten; die sitzenden Handwerker, Schneider, Schuster, Weber, haben mit ihnen nicht nur die hypochondrischen Phantasien, sondern auch das viele Sprechen gemein.

Die Arbeittischlein der weiblichen Finger sind grade die Spieltafeln weiblicher Phantasien, und die Stricknadeln werden innerlich Zauberstäbchen, womit sie die ganze Stube in eine Geisterinsel voll Träume verwandeln; daher zerstreuet ein Brief oder ein Buch eine Verliebte mehr als vier Paar Strümpfe, die sie strickt. Die Affen reden nicht – wie die Wilden sagen –, um nicht zu arbeiten; aber viele Weiber reden eben doppelt, weil sie arbeiten.

Ich habe nachgedacht, zu welchem Zweck. Anfangs scheint es, die Natur ordne jenes Wiederholen des Gesagten zur Ausbreitung metaphysischer Wahrheiten an; denn da nach Jacobi und Kant Demonstration nichts ist als Fortschritt in identischen Sätzen, so demonstrieren die Weiber, da sie immer vom nämlichen zum nämlichen fortschreiten, unaufhörlich. Gleichwohl ist gewiß der Natur an folgendem Nutzen mehr gelegen. Die Baumblätter verharren, wie scharfe Naturforscher behaupten, in einer flatternden Bewegung, um die Luft durch dieses stete Geißeln zu reinigen: diese Schwingung tut beinahe die Dienste eines schwachen kleinen WindesNur kann man nicht sagen, daß der Wind durch Verjagen böser Dünste nütze, weil er ja für alle schlimme, die er meinem Hintermann von mir zubrächte, mir wieder alle schlimme meines Vormanns zugeführet hätte, und weil das stehende Wasser nicht darum modert, weil kein fließendes den Moder wegschwemmt. . Es wäre aber ein Wunder, wenn die sparsame Natur das viel längere, das siebzigjährige Schwingen der weiblichen Zungen ohne Absicht veranstaltet hätte. Die Absicht mangelt aber nicht; es ist dieselbe, warum die Blätter wackeln; der ewige Pulsschlag der weiblichen Zunge soll der Erschütterung und Umrüttelung der Atmosphäre forthelfen, die sonst anfaulte. Der Mond hat sein Wassermeer und der weibliche Kopf sein Luftmeer, das er gesund zu schütteln hat. Daher würde ein allgemeines pythagoreisches Noviziat in die Länge Epidemien nach sich ziehen – und Nonnen-Kartausen Pesthäuser. Daher nehmen unter kultivierten Völkern, die mehr sprechen, die grassierenden Krankheiten ab. Daher ist die Einrichtung der Natur wohltätig, daß die Weiber gerade in großen Städten – ferner im Winter – ferner in Zimmern – und in großen Gesellschaften am meisten sprechen; denn eben in diesen Orten und Zeiten ist die Luft am meisten verdorben; voll abgesetzten Phlogiston, und der Windfächel bedürftig. Ja die Natur tritt hierin über alle Dämme der Kunst; denn wiewohl viele europäische Weiber den amerikanischen, die, um zu schweigen, den Mund voll Wasser nehmen, es nachzutun versuchten und daher bei Besuchen ihn mit Tee oder Kaffee vollmachten: so tat doch gerade diese Flüssigkeit dem wahren weiblichen Sprechen mehr Vorschub als Abbruch.

Ich bin hierin, hoff' ich, weit entfernt von jenen engbrüstigen Teleologen, die jedem großen Sonnengange der Natur noch kleine Holzwege und Endabsichten unterschieben und verstecken; solchen mag es geziemen – ich aber schäme mich – zu vermuten, daß das Oszillieren der weiblichen Zungen, deren Nutzen sich genugsam durch die Bewegung der Luft erweiset, vielleicht dazu diene, irgendeinen Sinn oder Gedanken geistiger Wesen – z. B. der weiblichen Seele selber – auszudrücken als Typus. Das gehöret unter die Dinge, von denen Kant sagt, daß man sie weder behaupten noch widerlegen kann. Ja ich wollte eher glauben, daß das Reden ein Zeichen sei, daß das Denken und innere Tätigsein aufhöret, wie in einer guten Mühle die Warnglocke nicht eher klingeln darf, als bis jene kein Getreide mehr zu mahlen hat. – Jeder Ehemann weiß auch, daß die Zunge noch darum in den weiblichen Kopf eingeheftet worden, damit sie durch ihren Klang richtig ansage, wenn darin ein Widerspruch, etwas Unregelmäßiges oder etwas Unmögliches herrschetDenn es wird besonders der Frau viel leichter nachzugeben und stillzuschweigen, wenn sie recht, als wenn sie unrecht hat. . So hat auch Hr. Müller in seiner Rechenmaschine ein Glöckchen angebracht, dessen Klingeln bloß erinnern soll, daß in der Maschine ein falsches Rechenexempel oder irgendein Rechenverstoß vorkomme. – Jetzo ists die Pflicht des Physikers, hierin weiter zu forschen und abzuurteln, wieweit ich etwan fehlgehe.

*

Ich wills nur offenbaren: der Advokat hat dieses Blättchen gemacht.Und die ganze »Auswahl aus des Teufels Papieren« ist in jenem Tone geschrieben; aber die Schein-Härte desselben, die sich gegen ganze Stände und Geschlechter richtet, war bloß die ästhetische Bedingung einer rein durchgeführten Satire.

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