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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Lenettens ganze Antwort war eine unbeschreiblich sanfte Bitte: »Tu es nicht, Firmian, verkaufe nur das Zinn nicht!« –

»Meinetwegen also!« (erwiderte er mit bittersüßer satirischer Freude über den Fang des schillernden Taubenhalses in der Schnait, die er so lange vorgebeeret hatte). »Der Kaiser Antonin schickte zwar sein echtes Silbergeschirr in die Münze, und mir wär's noch weniger zu verargen; aber meinetwegen! Es soll kein Lot verkauft werden, sondern alles nur – versetzt. Du bringst mich zum Glück darauf; denn am Andreastage kann ich, ich mag nun den Schwanz oder den Reichsapfel herunterschießen oder gar König werden, alles mit Spaß auslösen, ich meine mit dem baren Gewinste, besonders die Salatiere und Sauciere. Ich lasse dir Recht: haben wir denn nicht die alte Sabel im Haus, die alles hin und wider trägt, das Geld und die Ware?«

Nun ließ sie es geschehen. Das Andreasschießen war ihr Notschuß und Fortunatuswünschhütlein, die hölzernen Flügel des Vogels waren an ihre Hoffnung als ein wächsernes Flugwerk geschnallet, und das Pulver und Blei war wie bei Fürsten ihre Blumen-Sämerei künftiger Freudenblumen. Du Arme in manchem Sinne! Aber eben Arme hoffen unglaublich mehr als Reiche! Daher greifen auch die Lottos wie andere Epidemien und die Pest mehr arme Teufel an als reiche. Siebenkäs, der nicht nur auf den Verlust der Möbeln, sondern auch des Geldes verschmähend heruntersah, war im stillen des geheimen Vorsatzes, den Bettel beim Zinngießer wie eine Reichspfandschaft ewig sitzen zu lassen, gesetzt auch, er würde König, und bei demselben bloß, wenn er einmal unter dessen Werkstatt vorbeiginge, die Verpfändung in einen Verkauf zu verwandeln. –

Nach einigen hellen, stillen Tagen legte der Pelzstiefel wieder eine Abendvisite ab. Unter den Drangsalen ihrer Fruchtsperre, bei den Gefahren des Einschwärzens und da beinahe eine Träne oder ein Seufzer als Aufschlag, der entrichtet werden mußte, auf jeden Laib Brot geleget war, da hatte Firmian kaum Muße, geschweige Lust gehabt, an seine Eifersucht zu denken. – Bei Lenetten muß es sich gerade umkehren, und falls sie Liebe gegen Stiefel hegt und trägt, so muß diese freilich auf seinem Gelddünger mehr wachsen als auf des Advokaten Acker voll Hungerquellen. Der Schulrat hatte kein Auge, das den versteckten Jammer eines Haushaltens unwillkürlich hinter dem Lächeln antrifft; er merkte gar nichts. Aber eben dadurch hatte dieses freundschaftliche Drei eine heitere Stunde ohne Nebel, worin, wenn nicht die Glücksonne, doch der Glückmond (die Hoffnung und die Erinnerung) schimmernd aufstieg. Siebenkäs hatte doch wieder ein gebildetes Ohr vor sich, das sich in das närrische Schellengeläute und in die Trompeterstückchen seiner leibgeberischen Laune fand. Lenette fand sich nicht darein, und auch der Pelzstiefel verstand ihn nur, wenn er sprach, nicht wenn er schrieb. Beide Männer sprachen, wie die Weiber, anfangs bloß von Personen, nicht von Sachen; nur daß sie ihre skandalöse Chronik die Gelehrten- und Literargeschichte hießen. Der Gelehrte will alle kleine Züge, sogar die Montierstücke und Leibgerichte eines großen Autors kennen; aus demselben Grunde hat die Frau auf die kleinsten Züge einer durchreisenden Großfürstin, bis auf jede Schleife und Franse, ein ungemeines Augenmerk. Dann kamen sie von den Gelehrten auf die Gelehrsamkeit – – und dann flohen alle Wolken des Lebens, und im Reiche der Wissenschaften wurde das trauernde, mit dem Hungertuche verhüllte Haupt wieder aufgedeckt und aufgerichtet. – Der Geist ziehet die Bergluft seiner Heimat ein und blickt von der hohen Alpe des Pindus hinab, und drunten liegt sein schwerer, verwundeter Leichnam, den er wie einen Alp seufzend tragen mußte. Wenn ein dürftiger verfolgter Schulmann, ein dürrer fliegender Magister legens, wenn ein Pönitenzpfarrer mit fünf Kindern oder ein gehetzter Hauslehrer jämmerlich dort liegt, mit jeder Nerve unter einem Marterinstrument: so kommt sein Amtbruder, um welchen ebensoviel Instrumente sitzen, und disputiert und philosophiert mit ihm einen ganzen Abend lang und erzählt ihm die neuesten Meinungen der Literaturzeitungen. – Wahrlich dann wird die Sanduhr der FolterstundeSo lange die Tortur fortwährt, steht die messende Sanduhr aufrecht. umgelegt – dann tritt glänzend Orpheus mit der Leier der Wissenschaften in die physische Hölle der zwei Amtbrüder, und alle Qualen brechen ab, die trüben Zähren fallen vom glänzenden Auge, die Furienschlangen ringeln sich zu Locken auf, das Ixionsrad rollet nur musikalisch in der Leier um, und die armen Sisyphi sitzen ruhig auf ihren zwei Steinen fest und hören zu ... Aber die gute Frau des Pönitenzpfarrers, des fliegenden Lesemagisters, des Schulmanns, was hat diese in der nämlichen Not für einen Trost? – außer ihrem Manne, der ihr eben deswegen manches nachsehen sollte, hat sie keinen.

Der Leser weiß noch aus dem ersten Teile, daß Leibgeber drei Programme aus Baireuth geschickt; das vom Dr. Frank brachte Stiefel mit und trug ihm die Rezension desselben für den kuhschnappelschen Götterboten deutscher Programmen an. Dabei zog er noch ein anderes Werklein aus der Tasche, das öffentlich zu beurteilen war. Der Leser wird beide Werke mit Freuden empfangen, da mein und sein Held kein Geld im Hause hat und also von der Beurteilung derselben doch einige Tage leben kann. Die zweite Schrift, die aufgerollet wurde, betitelte sich: Lessingii Emilia Galotti. Progymnasmatis loco latine reddita et publice acta, moderante J. H. Steffens. Cellis 1778. – Es sollen sich viele Mithalter des Götterbotens deutscher Programme über die späte Anzeige dieser Übersetzung aufgehalten und den Boten gegen die Allg. Deutsche Bibliothek gehalten haben, die, ihres geräumigen allgemeinen deutschen Bezirkes ungeachtet, doch gute Werke schon die ersten Jahre nach ihrer Geburt anzeigt, zuweilen schon im dritten, so daß oft wirklich noch das Lob des Werkes in letztes eingebunden werden kann, weil sich die Makulatur davon noch nicht vergriffen. Aber der Götterbote hat mehre Werke von 1778 nicht angezeigt und überhaupt damals gar nicht anzeigen können, weil er erst fünf Jahre darauf – selber ans Licht trat.

Siebenkäs sagte freundlich zum Pelzstiefel: »Nicht wahr, wenn ich die Herren Frank und Steffens geschickt rezensieren soll, so muß meine gute Lenette nicht hinter mir hobeln und brausen mit dem Borstwisch?« – Das hätte wahrlich viel auf sich, sagte ernsthaft der Rat. Nun wurde bei ihm eine scherzhafte und gemilderte Berichterstattung aus den Akten des häuslichen Inhibitiv-(Verbiet-)Prozesses eingereicht. Wendelinens freundliche gespannte Augen suchten das rubrum (den roten Titel) und das nigrum (das Schwarze oder den Inhalt) des Stieflischen Urtels aus seinem Gesichte, das beide Farben trug, abzustehlen und wegzulegen. Aber Stiefel begann trotz seiner mit lauter Seufzern der sehnsüchtigen Liebe für sie ausgedehnten Brust sie anzureden, wie folgt: »Frau Armenadvokatin, das geht durchaus nicht – Denn etwas Edlers hat Gott nicht erschaffen als einen Gelehrten, der schreibt und denkt. Zehnmal hunderttausend Menschen sitzen in allen Weltteilen gleichsam auf Schulbänken um ihn, und vor diesen soll er reden – Irrtümer, von den klügsten Völkern angenommen, soll er ausreuten, Altertümer, längst verschwunden wie ihre Inhaber, soll er deutlich beschreiben, die schwersten Systeme soll er widerlegen oder gar erst machen – sein Licht soll durch massive Kronen, durch die dreifache Filzmütze des Papstes, durch Kapuzen und Lorbeerkränze dringen und die gesamten Gehirne darunter erhellen – das soll er, das kann er; aber, Frau Advokatin, mit welcher Anstrengung! – Es ist schwer, ein Buch zu setzen, noch schwerer, zu schreiben. Mit welcher Spannung schrieb Pindar und vor ihm schon Homer, ich meine in der Ilias! – Und so einer nach dem andern bis auf unsere Zeiten. – Ists dann ein Wunder, wenn große Skribenten in der entsetzlichsten Anstrengung aller ihrer Ideen oft kaum wußten, wo sie waren, was sie taten und wollten, wenn sie blind und taub und gefühllos gegen alles wurden, was nicht in die fünf innern geistigen Sinnen fiel, wie Blindgewordene im Traume herrlich sehen, im Wachen aber wie gesagt blind sind? – Aus einer solchen Anstrengung kann ich mirs erklären, warum Sokrates und Archimedes dort standen und gar nicht wußten, was um sie tobe und stürme – warum im tiefen Denken Cardanus sein Zipperlein vergaß – andere die Gicht – ein Franzos die Feuerbrunst – und ein zweiter Franzose das Sterben seiner Frau.«

»Siehst du«, sagte Lenette leis und froh zu ihrem Manne, »wie will ein gelehrter Herr es hören, wenn seine Frau wäscht und fegt?« – Stiefel ging unerschüttert weiter im Kettenschluß: »Zu einem solchen Feuer, besonders ehe man noch hineinkommt, ist Windstille zuvörderst erforderlich. Daher wohnen in Paris die großen Gelehrten und Künstler bloß in der St. Viktorstraße, weil die andern Straßen zu laut sind. So dürfen eigentlich neben Professoren keine Schmiede, Klempner, Folienschläger in einer Gasse arbeiten.« –

Siebenkäs setzte ernsthaft dazu: »Besonders Folienschläger. – Man sollte nur bedenken, daß die Seele mehr Ideen als ein halbes DutzendWirklich behauptete Bonnet, daß sie nicht mehr als sechs Ideen auf einmal haben könne. S. Hallers große Physiologie. nicht beherbergen kann: tritt nun die des Getöses als eine böse Sieben ein, so macht sich eine oder die andere, die man durchdenken oder niederschreiben könnte, natürlicherweise aus dem Kopfe fort.«

Stiefel foderte freilich der Frau den Handschlag als ein Pfandstück ab, daß sie wie eine Josuas-Sonne jedesmal stillstehen wollte, wenn Firmian die Feinde schlug mit seiner Feder und Geißel. »Hab' ich nicht selber«, entgegnete sie, »schon einigemal den Buchbinder gebeten, nicht so arg auf seine Bücher zu schlagen, weil mein Mann es höre, wenn er seine Bücher macht?« Sie gab indes dem Rate die Hand; und er schied zufrieden von Zufriednen und hinterließ ihnen die Hoffnung gefriedigter Stunden.

Aber ihr Guten, wozu dienet euch der Friedensetat bei euerem halben Solde, in dem kühlen, leeren Waisenhaus der Erde, in dem ihr darbet, bei den dunkeln labyrinthischen Irr-Klüften eueres Schicksals, worin der Ariadnens-Faden selber zur Schlinge und zum Garne wird? – Wie lange wird sich der Armenadvokat mit dem Pfand-Schilling des Zinns und mit dem Ertrage der zwei Rezensionen, die er nächstens machen wird, hinfristen können? – Allein wir sind alle wie der Adam in den Epopöen und halten unsere erste Nacht für den jüngsten Tag und den Untergang der Sonne für den der Welt. Wir betrauern alle unsere Freunde so, als gäb' es keine bessere Zukunft dort, und betrauern uns so, als gäb' es keine bessere hier. – Denn alle unsere Leidenschaften sind geborne Gottesleugner und Ungläubige.

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