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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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In der Tat muß ihr die Geschichte das Lob geben, daß sie tags darauf ihr Wort hielt und nicht nur viel öfter putzte als gestern, sondern ordentlich ohne Aufhören, zumal als er ihr einige Male mit Kopfnicken gedankt hatte. »Zu oft indes – sagt' er endlich, aber ungemein freundlich – schere denn doch nicht. Studierest du auf gar zu feine Subsubsubdivisionen (Unterunterunterabteilungen) des Dochtes, so gerät man fast in die alte Not zurück, da ein abgekneiptes Licht so dunkel brennt als eines mit ganz freiwüchsigem Dochte – was du figürlich auf Welt- und Kirchenlichter anwenden könntest, wenn du sonst könntest –; sondern nur einige Zeit nach und einige vor dem Schneuzen fällt gleichsam entre chien und loup jene schöne mittlere Zeit der Seele, wo sie herrlich sieht; freilich dann ein wahres Götterleben, ein recht abgemessenes doppeltes Schwarz auf Weiß im Licht und im Buch!«

Ich und andere freuen uns eben nicht besonders über diese neue Wendung der Sache; der Armenadvokat legt sich dadurch offenbar die frische Last auf den Hals, die mittlere Entfernung oder den Mittelstand zwischen dem kurzen und dem langen Dochte immer unter dem Schreiben, wenn auch oberflächlich, zu berechnen und zu beobachten; welche Zeit bleibt ihm dann zur Arbeit?

Nach einigen Minuten tat er, als sie vielleicht noch zu früh schneuzte, die Frage, obwohl mehr zweifelnd: »Ist wieder schwarze Wäsche da?« Darauf, als sie wohl etwa fast zu spät schneuzte, blickte er sie fragend an: »Nu, nu!« – »Gleich, gleich!« sagte sie. – Endlich, als er bald darauf sich zu sehr ins schreibende Stechen vertieft hatte und die Frau sich ins nähende, traf er, erwacht auf einmal aufblickend, einen der längsten Lichtschnuppen-Spieße am ganzen bisherigen Lichte an, noch dazu umrungen von mehr als einem Räuber – – »Ach Gott, das ist ja ein Jammerleben!« rief er und packte grimmig die Lichtschere an und putzte das Licht – aus.

Jetzo in den finstern Ferien hatt' er die schönste Muße, an- und aufzufahren und Lenetten mehr ausführlich vorzuhalten, wie sie ihn bei seinen besten Einrichtungen abmartere und, gleich allen Weibern, kein Maß halte und bald zu viel, bald zu wenig schere. Da sie aber schweigend Licht machte, setzte er sich in noch stärkeres Feuer und warf die Frage auf, ob er bisher wohl etwas anderes von ihr begehrt als die allergrößten Kleinigkeiten und ob denn jemand anders sie ihm bisher sämtlich abgeschlagen als sie, seine liebliche Ehefrau. »Antworte!« sagt' er.

Sie antwortete nicht, sondern setzte das angezündete Licht auf den Tisch und hatte Tränen im Auge. Es war zum ersten Male in der Ehe. Da durchschauete er, wie ein Magnetisierter, den ganzen Krankheitbau seines Innern und beschrieb ihn, zog auf der Stelle den alten Adam aus und warf ihn verächtlich in den fernsten Winkel. Dies vermochte er leicht, sein Herz stand der Liebe und der Gerechtigkeit so offen, daß, sobald sich diese Göttinnen zeigten, seine zornige Stimme aus dem Vordersatze ankam als die mildeste im Nachsatze, ja er konnte die Streitaxt einhalten mitten im Niederhieb.

Nun wurde der HausfriedeIch wünschte, schon damals hätte Market in Köthen seine treffliche Lampe (viel wohlfeiler und augendienlicher als eine von Argand) erfunden gehabt, welche man in einem Thomasabend nur einmal zu schneuzen braucht und die, mit Rüböl genährt, (mir seit Jahren) ein stilles reines helles Licht gewährt, wie andern sogar über Billardtafeln. geschlossen, ein Paar nasse und ein Paar helle Augen waren die Friedeninstrumente, und ein Westfälischer Vertrag gab jeder Partei ein Licht und volle Scherfreiheit.

Aber diesen Frieden verbitterte bald die Empfindung, daß die Hausgöttin der Armut, Penia, die eine unsichtbare Kirche und tausend Stille im Lande und die meisten Häuser zu Stifthütten und Lararien hat, wieder ihre körperliche Gegenwart und Allmacht äußerte. Es war kein Geld mehr da. Er hätte eher alles verkauft, sogar seinen Körper, wie der alte Deutsche, eh' er bei seinem wachsenden Unvermögen, heimzuzahlen, seine Ehre und seine Freiheit zu heimfallenden Pfändern verschrieben, ich meine, eh' er geborgt hätte. Man sagt, die englische Nationalschuld könne, wenn man sie in Talern auszahle, einen ordentlichen Ring um die Erde wie ein zweiter Gleicher geben; ich habe diesen Nasenring am englischen Löwen, oder diese ringförmige Finsternis, oder diesen Hof um die britische Sonne noch nicht gemessen. Siebenkäs, das weiß ich, hätte eine solche negative Geldkatze um den Leib für einen Stachelgürtel, für einen Eisenring der Schiffzieher und für einen herz-zusammenschnürenden Schmachtriemen gehalten. Gesetzt auch, er hätte borgen und nachher, wie Staaten und Banken, aufhören wollen zu zahlen – welches kluge Schuld- und Edelleute leicht vermeiden, indem sie gar nicht anfangen zu zahlen –: so hätt' er doch, da nur ein Freund (der Rat Stiefel) und niemand weiter sein Gläubiger geworden wäre, unmöglich diesen Geliebten, der ohnehin in der ersten Klasse der geistigen Gläubiger stand, in die fünfte oder durchfallende setzen lassen können; eine solche Doppel-Sünde gegen Freundschaft und Ehre zugleich erspart' er sich, wenn er nur geringere Dinge als beide verpfändete, nämlich Möbeln.

Er bestieg wieder, aber ganz allein, den Zinnschrank in der Küche und untersuchte und besichtigte durch das Gitter, was darhinter zwei oder drei Mann hoch stehe. Ach ein einziger Teller stand wie ein doppeltes Ausrufzeichen hinter dem Vormann. Diesen Hintermann zog er heraus und gab ihm zu Reisegefährten und Refugiés noch eine Heringschüssel, eine Sauciere und Salatiere mit; nach dieser Reduktion des Heeres ließ er die restierende Mannschaft sich in eine längere Linie ausdehnen und lösete die drei großen Lücken in zwanzig kleine Zwischenräume auf. Dann trug er die Geächteten in die Stube und kam wieder und rief seine Lenette aus des Buchbinders seiner heraus in die Küche: »Ich betrachte schon«, fing er an, »seit einer Achtelstunde unsern Schrank: ich kann nichts merken, daß ich neulich die Glockenschüssel und die Teller herausgehoben – merkst du was?« – »Ach, alle Tage merk' ichs«, beteuerte sie.

Nun geleitete er sie, bange vor einer längern Aufmerksamkeit, eilig in die Stube vor die neuen tätigen und leidenden Absonderunggefäße und deckte ihr sein Vorhaben auf, dieses vierstimmige Quadro aus dem Zinn-Tone in den Silberton zu übersetzen als ein guter Musikus. Er schlug ihr darum das Verkaufen vor, damit sie leichter ins Verpfänden willigte. Aber sie riß alle Register der weiblichen Orgel, das Schnarrwerk, das Flötengedackt, die Vogelstimme, die Menschenstimme und zuletzt den Tremulanten heraus. Er mochte sagen, was er wollte: sie sagte, was sie wollte. Ein Mann sucht den eisernen Arm der Notwendigkeit nicht zu halten oder zu beugen, er steht kalt dem Schlage desselben; eine Frau zieht wenigstens einige Stunden auf den tauben metallenen Ellenbogen, eh' er sie fässet, los. Siebenkäs legte ihr vergeblich das gelassene Fragstück vor, ob sie ein anderes Mittel wisse. Auf solche Frage schwimmen im weiblichen Gehirn statt einer ganzen Antwort tausend halbe Antworten herum, die eine ganze machen sollen, wie in der Differentialrechnung unendlich viele gerade eine krumme Linie bilden – solche unreife, halbgedachte, flüchtige, sich nur wechselseitig schirmende Gedanken waren: Er hätte nur seinen Namen nicht ändern sollen, so hätt' er die Erbschaft – er könnte ja borgen – draußen sitzen seine Klienten warm, und er fodert sein Geld nicht von ihnen – überhaupt sollte er nur weniger verschenken – um die Defensiongebühren von der Kindermörderin sucht er nicht einmal nach – er hätte nur den halben Hauszins nicht voraus geben sollen. Denn vom letzten konnt' er wenigstens einige Tage leben. – Man setze immer der Mehrzahl solcher weiblicher Halbbeweise die Minderzahl eines ganzen entgegen: es verfängt nichts; die Weiber wissen wenigstens so viel aus der schweizerischen Jurisprudenz, daß vier halbe oder ungültige Zeugen einen ganzen oder gültigen überwiegenIn Bern und im Pays de Vaud sind zu einem vollen Beweise entweder zwei männliche oder vier weibliche Zeugen nötig. Röslins Weibl. Rechte, 1775. . – Am gescheutesten verfährt einer, der sie widerlegen will, wenn er sie – ausreden lässet und seines Ortes gar nichts sagt; sie werden ohnehin bald auf Nebendinge verschlagen, worin er ihnen Recht gibt, indes er ihnen sogar in der Hauptsache mit nichts widerspricht als mit der Tat. Sie verzeihen keinen andern Widerspruch als den – tätigen. – Siebenkäs wollte leider mit der chirurgischen Winde der Philosophie die zwei wichtigsten Glieder Lenettens einrichten, den Kopf und das Herz, und hob derowegen an: »Liebe Frau, in der Hauptkirche singst du mit jedermann gegen die zeitlichen Güter, und doch sind sie an deinem Herzen angemacht wie Brust- und Herzgehenke. – Sieh, ich geh' in keine Kirche, aber ich hab' eine Kanzel in meiner eignen Brust und setze eine einzige helle Minute über diesen ganzen zinnernen Quark. – Sei redlich, hat denn dein unsterbliches Herz bisher den traurigen Verlust der Glockenschüssel verspürt, und war diese dein Herzbeutel? Kann dieses miserable Zinn, von uns in Stücken eingenommen und verschluckt, wie die Ärzte es gepulvert gegen Würmer eingeben, nicht auch fatale Herzwürmer abtreiben? – Nimm dich zusammen und betrachte unsern Schuhflicker: tunkt er nicht ebenso freudig in seine blecherne Sauciere ein, in der sich zugleich der Braten ausstreckt? – Du sitzest hinter deinem Nähkissen und kannst nicht sehen, daß die Menschen toll sind und schon Kaffee, Tee und Schokolade aus besondern Tassen, Früchte, Salate und Heringe aus eignen Tellern, und Hasen, Fische und Vögel aus eignen Schüsseln verspeisen – Sie werden aber künftig, sag' ich dir, noch toller werden und in den Fabriken so viele Fruchtschalen bestellen, als in den Gärten Obstarten abfallen – ich tät' es wenigstens, und wär' ich nur ein Kronprinz oder ein Hochmeister, ich müßte Lerchenschüsseln und Lerchenmesser, Schnepfenschüsseln und Schnepfenmesser haben, ja eine Hirschkeule von einem Sechzehn-Ender würd' ich auf keinem Teller anschneiden, auf dem ich einmal einen Acht-Ender gehabt hätte – – Da doch die beste Welt hienieden die beste KammerIn Holland bedeutet die beste Kammer das geheime Gemach. und die Erde eine gute Irrenanstalt ist, worin wie in einer Quäkerkapelle einer um den andern als Irrenprediger vikariert: so sehen die Bedlamiten nur zweierlei Narrheiten für Narrheiten an, die vergangnen und die künftigen, die ältesten und die neuesten – ich würde ihnen zeigen, daß ihre von beiden annehmen.« –

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