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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Jetzo langte gar der Betrag für den Dreifaltigkeit-Taler noch vor dem Schulrat an; eine höfliche Aufmerksamkeit, welche niemand bei einem so kenntnisvollen Manne gesucht hätte. Es wird gewiß alle Leser so sehr erfreuen, als wären sie selber Garten Lenettens, daß diese den ganzen Nachmittag ein Engel war; – ihre Handarbeit hörte man so wenig als ihre Finger- oder Näharbeit – manche unnötige schob sie sogar auf – eine Schwester Rednerin, die einen göttlichen Kopfputz trug, aber in den Händen zum Ausbessern, begleitete sie die ganze Treppe hinunter, nicht sowohl aus Höflichkeit als in der zarten Absicht, die wichtigsten Nähpunkte, welche sie mit ihr abgesprochen, noch einigemale unten durchzusprechen, ohne daß der Advokat oben es hörte.

Dies rührte den alten Lärm-Abpasser und faßte ihn bei seiner schwachen und weichen Seite, beim Herzen. Er suchte lange in sich nach einem rechten Danke dafür herum, bis er endlich einen ganz neuen fand. »Höre, Kind«, sagt' er und nahm sie bei der Hand unbeschreiblich freundlich, »würd' ich mich nicht als einen vernünftigen Menschen zeigen, wenn ich abends scherzte und schriebe, ich meine, wenn der Mann schüfe, wo die Frau nicht wüsche? Besieh dir vorher ein solches Nektar- und Ambrosialeben: wir säßen einander gegenüber bei einem Lichte – du tätest deine Stiche – ich täte meine satirischen – sämtliche Handwerker des Hauses klopften nicht mehr, sondern wären beim Bier – Haubenzubringerinnen ließen sich ohnehin so spät nicht mehr sehen und hören. – Davon will ich gar nicht reden, daß natürlich die Abende immer länger werden und folglich auch mein Schreiben und Scherzen darin ebenfalls. – Was denkst, oder wenn du lieber willst, was sagst du dazu, zu einem solchen neuen Leben und Weben? Denn nimm nur noch vorzüglich dazu, daß wir eben bei Geld sind und der gräflich-reußische Dreifaltigkeit-Taler ordentlich wie gefunden uns alle sämtlich umprägt, Stiefel und mich zum Vater und Sohn, und dich zum Heiligen Geist, der von uns beiden ausgeht!«

»O sehr scharmant«, versetzte sie; »so dürft' ich doch am Morgen alle meine Sachen ordentlich machen, wie einer vernünftigen Hausfrau gebührt.« – »Jawohl«, fügt' er bei, »den Morgen schrieb' ich ruhig an meinen Stachelschriften weiter und paßte auf den Abend, an welchem ich da fortführe, wo ichs am Morgen gelassen.«

Der Nektar- und Ambrosia-Abend brach wirklich an und suchte seinesgleichen unter den bisherigen Abenden. Ein Paar junge Eheleute bei einem Lichte einander an einem Tische gegenüber in harmlosen und stillen Arbeiten wissen freilich von Glück zu sagen: er war voll Einfälle und Küsse; sie war voll Lächeln, und ihr Schieben der Bratpfanne fiel ihm nicht stärker ins Gehör als ihr Ziehen der Nähnadel. »Wenn Menschen – sagte er, höchst vergnügt über die häusliche Kirchenverbesserung – bei einem Lichte doppelten Arbeitlohn verdienen, so brauchen sie sich, soviel ich einsehe, nicht auf ein elendes wurmdünnes gezogenes Licht einzuziehen, wobei man nichts sieht als das einfältige Licht selber. Morgen wenden wir ohne weiteres ein gegossenes auf.«

Da ich einiges Verdienst dieser Geschichte darein setze, daß ich aus ihr nur Ereignisse von allgemeiner Wichtigkeit aushebe und mitteile: so halte ich mich nicht lange dabei auf, daß abends das gegoßne Licht erschien und einen matten Zwist entzündete, weil der Advokat bei dieser Lichtkerze seine neue Lehre von der Lichteranzündung wieder zum Vorschein brachte. Er hegte nämlich den ziemlich schismatischen Glauben, daß jedes Licht vernünftigerweise bloß am dicken Ende – vollends ein dickes – anzuzünden wäre, und nicht oben am magern, und daß deswegen auch an allen Lichtern zwei Dochte vorstächen; »ein Brenn-Gesetz«, fügt' er hinzu, »wofür ich wenigstens bei Weibern von Vernunft nichts weiter anzuführen brauche als den Augenschein, daß ein herabbrennendes Licht – wie herabbrennende Schwelger durch Fett- und durch Wassersucht – sich gegen unten immer mehr verdickt; hat man es nun oben in Brand gesteckt, so erleben wir unten einen überfließenden unbrauchbaren Talgblock, Pflock und Strunk im Leuchter; hingegen aber, wie schön und symmetrisch legt sich das Flußfett der dickern Hälfte allmählich um die magere, gleichsam sie mästend, und gibt ihr Gleichmaß, wenn wir die dicke zuerst anbrennen!«

Lenette setzte seinen Gründen etwas Starkes entgegen, Shaftesburys Probierstein der Wahrheit, das Lächerliche. »Wahrhaftig«, sagte sie, »jeder würde lachen, der nur abends hereinträte und es sähe, daß ich mein Licht verkehrt in den Leuchter gesteckt, und alle Schuld gäbe man der Frau.« Somit mußte in diesem Kerzenstreit eine Konkordienformel die Parität festsetzen, daß er seine Lichter unten, sie ihre oben ansteckte. Jetzo aber bei der Simultankerze, die schon oben dick war, ließ er sich das Interim des falschen Leuchtens gefallen.

Allein der Teufel, der sich vor dergleichen segnete und kreuzigte, wußte es so zu karten, daß dem Advokaten noch an diesem Tage die rührende Anekdote zum Lesen in die Hände fiel, wie dem jüngern Plinius die Gattin die Lampe fort gehalten, damit er bei dem Schreiben sähe. Jetzt unter dem freudigen Verfassen der Auswahl aus des gedachten Teufels Papieren verfiel nun der Advokat darauf, daß es herrlich wäre und ihm die Unterbrechungen ersparte, wenn Lenette statt seiner jedesmal das Licht schneuzte. »Ei sehr gern«, antwortete sie. Die ersten funfzehn bis zwanzig Minuten ging und schien alles recht gut.

Darnach hob er einmal das Kinn seitwärts gegen das Licht wie einen Zeigfinger empor, um an das Putzen zu erinnern. – Wieder einmal berührte er zu gleichem Zwecke bloß still die Lichtputze mit der Federspitze; später rückte er ein bißchen den Leuchter und sagte sanft: »Das Licht!« Nun nahm die Sache mehr eine Wendung ins Ernste, indem er auf dem Papiere dem Eindunkeln schärfer aufzupassen anfing, so aber sich durch dieselbe Lichtschere, von welcher er in Lenettens Hand sich so viel Licht für seine Arbeit versprochen, grade in seinem Gange aufgehalten fand, wie ein Herkules durch Krebsscheren im Kampfe mit der Hydra. Das elende dünne Gedankenpaar, die Lichtputze mit der Lichtschnuppe, tanzte keck Hand in Hand auf allen Buchstaben seiner schärfsten Satiren auf und ab und ließ sich sehen vor ihm. – »Lenette«, sagt' er bald wieder, »amputiere doch zu unserer beiden Besten den dummen Schwarz-Stummel!« – »Hab' ichs vergessen?« sagte sie und putzte geschwind.

Leser von historischem Geist, wie ich sie mir wünsche, sehen nun schon leicht voraus, daß die Umstände sich immer mehr verschlimmern und verrenken müssen. In der Tat hielt er jetzo häufig an sich, harrte, ellenlange Buchstaben hinreißend, auf eine wohltätige Hand, die ihn vom schwarzen Dorne der Lichtrose befreiete, bis er endlich in die Worte ausbrach: »Schneuz!« – Er griff zur Mannigfaltigkeit in Zeitwörtern und sagte bald: »lichte!« – bald: »köpfe!« – bald: »kneip ab!« – Oder er versuchte anmutigen Abwechsel in andern Redeteilen und sagte: »Die Lichtputze, Putzmacherin! – es ist wieder ein langer Sonnenflecken in der Sonne« – oder: »Ein artiges Nachtlicht zu Nachtgedanken in einer artigen Correggios-Nacht, inzwischen schneuzt« –

Endlich kurz vor dem Essen, als der Kohlenmeiler in der Flamme wirklich hoch gestiegen, schlang er einen halben Strom Luft in die Brust und sagte, ihn langsam herauströpfelnd, in grimmiger Milde: »Du schneuzest und stutzest sonach, wie ich sehe, nichts, der schwarze Brandpfahl mag wachsen bis an die Decke. Nun gut! Ich will lieber selber der Komödienlichtputzer und Essenkehrer sein bis zum Tischdecken; aber unter dem Essen will ich als ein vernünftiger Mann dir sagen, was zu sagen ist.« – »Das tu nur!« sagte sie sehr froh.

»Ich hatte mir allerdings«, fing er an, als sie ihm und sich vorgelegt hatte, jeder Person zwei Eier, »vieles Gute von meinen Nachtarbeiten versprochen, weil ich angenommen, du würdest das leichte Schneuzen immer in den richtigen Zeiten besorgen, da ja eine vornehme Römerin für ihren vornehmen Mann, Plinius junior, mit den Kaufleuten zu reden, sogar ein Leuchter ward und den Lampendocht gehalten. So aber ist die Sache nichts, weil ich nicht wie ein glücklicher Armkrüppel mit dem Fuße unter dem Tische schreiben kann, oder wie ein Hellseher ganz im Finstern. Was ich jetzo vom ganzen Leuchter habe, ist, daß er eine alte Epiktetslampe ist, bei der ich den Stoiker mache. Wie eine Sonne hatte das Licht oft zwölf Zoll Verfinsterung, und ich wünschte vergeblich, Herzchen, eine unsichtbare Finsternis, wie man sie oft am Himmel hat. Die verfluchten Licht-Schlacken hecken eben jene dunkeln Begriffe und Nachtgedanken aus, die ein Autor bringt. O Gott, hättest du hingegen gehörig geschneuzt!« –

»Du spaßest gewiß«, versetzte sie; »meine Stiche sind viel feiner als deine Stiche, und ich sah doch recht hübsch.«

»So will ich dir denn psychologisch und seelenlehrerisch beibringen«, fuhr er fort, »daß es bei einem Schriftsteller und Denker gar nicht darauf ankommt, ob er mehr oder weniger sehen kann, aber die Lichtschere und Lichtschnuppe, die ihm immer im Kopfe steckt, stülpt sich gleichsam zwischen seine geistigen Beine wie einem Pferde der Klöppel und hindert den Gang – Schon nachdem du kaum ordentlich geputzt hast, und ich im Lichte lebe, lauer' ich auf die Minute des neuen Scherens. Dieses Lauern nun kann in nichts bestehen, da es unsichtbar und unhörbar ist, als in einem Gedanken, jeder Gedanke aber macht, daß man statt seiner keinen andern hat – – und so gehen denn die sämtlichen bessern Gedanken eines Schreibers vor die Hunde. – Und doch sprech' ich noch immer nur vom leichtesten Übel – denn ich brauchte ja nur an ein Licht-Schneuzen so wenig zu denken als an das meiner Nase; – aber wenn vollends das sehnlich erwartete Schneuzen sich nicht einstellen will – das schwarze Mutterkorn der reifen Lichtähre immer länger wächst – die Finsternis sichtbar zunimmt – eine wahre Leichenfackel einen schreibenden Halbtoten beleuchtet – dieser sich die eheliche Hand gar nicht aus dem Kopfe schlagen kann, die mit einem einzigen Schnitte ihn von allen diesen Hemmketten loszumachen vermöchte: dann, meine liebe Lenette, gehört wahrlich viel dazu, wenn ein Schriftsteller nicht schreiben will wie ein Esel oder stampfen wie ein Trampeltier, wenigstens ich weiß ein Lied davon zu singen.«

Sie versicherte darauf, wenn es sein wirklicher Ernst sei, so wolle sie es morgen schon machen.

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