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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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»Wie oft«, versetzte sie, »hast du mir das nicht vorerzählt von der Buchmacherei! Der Buchbinder sagt mir auch das nämliche, weil er täglich die besten Bücher in Händen hat und bindet.« – Dieses gar nicht tadelnd gemeinte Vorrücken seiner eignen Wiederholungen schmeckte ihm nicht recht; denn der Fehler hatte sich ihm bisher, wie ein Fieber, verlarvt. Ehemänner, sogar geistreiche und wortarme, sprechen in der ehelichen Behaglichkeit so uferlos überfließend außen mit der Frau als jedermann innen mit sich selber; vor niemand aber in der Welt wiederholt man sich öfter als vor dem eignen Ich, ohne sich das Wiederholen nur abzumerken, geschweige nachzuzählen. Letztes beides hingegen tut die Ehefrau, welche, gewohnt, täglich von ihrem Ehemann die scharfsinnigsten und unverständlichsten Aussprüche zu vernehmen, solche ja nicht vergessen kann, sondern behalten muß, wenn sie sich wiederholen!

Unerwartet erschien wieder der Haarkräusler und brachte einen kurzen Nebel mit. Er sagte, er sei bei allen armen Sündern seines Hauses herumgegangen, habe aber vergeblich bei den Kahlmäusern um so viel Vorschuß vom nahen Martini-Hauszins angehalten, als er heute bedürfe, um sein Schützenlos einzukaufen. Die ganze Besatzung war freilich einer solchen Geldleistung schon darum sechs volle Wochen vor dem Zahltermin nicht gewachsen, weil die meisten es auch am Termine selber nicht in der Gewalt hatten. Der Sachse kam also mit seinem Gesuche zum Grandat seines Hauses, zum Dukatenherrn, wie er den Advokaten nannte. Dieser konnte die geduldige Haut, die sich über alle vorige Nein nicht erzürnte, mit keinem neuen erschrecken – er und die Frau trugen, was sie an kleiner Münze vom Dukaten übrig hatten, zusammen und entließen den frohen Mietherrn mit der wirklichen Hälfte des Zinses, mit drei Gulden. Sie selber behielten nichts als die – Angst, was sie abends – anzünden wollten: nicht zwei Groschen zu einem halben Pfunde Lichter waren mehr da, nicht einmal die Lichter in natura.

Ich kann nicht sagen, daß er totenblaß oder ohnmächtig oder wahnsinnig darüber wurde. Gepriesen sei jede Männerseele, die die stoischen Eisenmolken nur einen halben Frühling lang getrunken und die nicht, wie eine Frau, vor dem kalten Gespenste der Armut gelähmt und erfroren zusammenstürzt. Die übertriebenste Scheltrede gegen den Reichtum ist in einem Jahrhundert, dem alle bessere Sehnen entzwei geschnitten worden, nur die allgemeine des Geldes nicht, ersprießlicher und edler als die richtigste Herabwürdigung der Dürftigkeit: denn Pasquille auf den Goldkot assekurieren dem Reichen das Glück, falls auch die Glückgüter scheiterten, und dem Armen schieben sie statt herber Gefühle den süßern Sieg darüber unter. Alles Unedle in uns, alle Sinnen, die Phantasie und alle Beispiele sind ohnedas vereinigte Lobredner des Goldes: warum will man noch der Armut ihren rechtlichen Beistand und einen chevalier d'honneur abspenstig machen, die Philosophie und den Bettelstolz? –

Das erste, was Siebenkäs statt des Maules aufmachte, war die Türe und in der Küche der Zinnschrank: aus diesem hob er leis und ernsthaft eine Glockenschüssel und einen Drilling von zinnernen Tellern auf einen Stuhl. Lenette konnte nicht länger schweigend zuschauen; sie schlug die Hände zusammen und sagte schamhaft leise: »Ach du barmherziger Gott! wir werden doch nicht unser Zinn verkaufen?« – »Versilbern will ichs nur«, sagt' er. »Wie die Fürsten aus Turmglocken, so können wir aus der Glockenschüssel Glockentaler gewinnen. Du wirst dich doch nicht schämen, elendes Eßgeschirr, solche tierische Särge, fein auszumünzen, da der Herzog Christian zu Braunschweig 1662 einen silbernen Fürsten-Sarg in eigentlichem Sinne zu Geld machte, nämlich zu Talern. Ist denn ein Teller ein Apostel? – Und doch haben große Fürsten viele Apostel, sobald sie von Silber waren, ein Hugo von St. Caro und andere die Werke derselben, gleichsam in Kapitel und Verse und Legenden zerfället und sie analysiert ausgesandt aus der Münze in alle Welt!«

»Torheiten!« versetzte sie. –

Wenige Leser werden hinzufügen: was sonst? – Daher hätt' ich bei diesen wenigen längst den Advokaten über den für Lenetten unfaßbaren mündlichen Stil entschuldigen sollen.

Er selber rechtfertigte sich nämlich hinreichend damit, daß die Frau ihn stets von weitem verstanden, auch wenn er die gelehrtesten Kunstwörter und ausgesuchtesten Anspielungen gewählt, um sich recht zu üben und zu hören; »die Weiber«, wiederholte er, »verstehen alles von weiten und fernen und verschleifen daher eine Zeit, die besser anzuwenden ist, mit keinen langen Einholungen von Urteln über die ihnen unverständlichen Wörter.« Indes ist dieser Umstand doch etwas verdrießlicher für das »Wörterbuch zu Jean Pauls Levana« von Reinhold und halb für mich.

»Torheiten!« hatte Lenette versetzt. Firmian bat sie bloß, das Zinn in die Stube mitzubringen, er wolle drinnen vernünftig aus der Sache sprechen. Er hätte ebensogut vor einer mit Heu ausgepolsterten Menschenhaut seine Gründe ausgeführt. Vorzüglich rückte sie ihm vor, er habe durch den Einsatz in die Schützenkasse seine ausgeleeret. Dadurch brachte sie ihn selber auf die beste Replik: »Ein Engel!«, sagt' er, »hat mir das Einsetzen geraten; am Andreastage kann ich alles wieder verdienen und verzinnen, was ich heute versilbere. – Dir zu Gefallen will ich nicht bloß die Schüssel und die Teller, sondern auch das übrige Zinngerät, das ich als Schützenglied herunterschieße, behalten und zum Zinnschrank schlagen. Ich gestehe dir, anfangs wollt' ich die Gewinste verhandeln.« –

Was war zu machen? – In der Dämmerung wurden die verwiesenen Eßgeschirre in den Korb der alten Sabel (Sabine) gesenkt, die im ganzen Reichsmarktflecken sich in den Ruf gesetzt, daß sie außer ihrer Propre-Handlung (Eigenhandel) diese Kommissionhandlung (Auftraghandel) mit einer schonenden Verschwiegenheit, als handle sie mit gestohlnem Gut, betreibe; »niemand«, sagte sie, »konnt' es aus mir herauswinden, wem die Sachen allemal gehören; und der selige Seckelmeister, dem ich ja all sein Hab und Gut hausieren trug, sagte oft, ich suchte meinesgleichen.«

Aber ihr armen Eheleute! was hilft euch aber dieser SabbatNach den Rabbinen setzet am Sabbate die Qual der Verdammten aus; nach den Christen am Höllenfahrttage Christi. oder diese Christus-Höllenfahrt in euerer Vorhölle? Heute legen sich die Flammen um, und ein kühler Seewind labet euch; aber morgen, übermorgen steiget wieder der alte Rauch und das alte Feuer vor euern Herzen auf! – Und doch will ich euern Zinnmarkt mit keiner Handelsperre belegen; denn ob man gleich entschieden weiß, daß morgen derselbe Hunger wiederkehrt, so tut man doch nicht übel, wenn man den heutigen vertreibt.

Am andern Tage drang Siebenkäs bloß darum auf eine größere Stille um sich, weil er eine so lange Rede dafür gehalten hatte. Die gute Lenette, die eine lebendige Waschmaschine und Fegemühle war und für welche der Wasch- und der Küchenzettel die Natur eines Beicht- und EinleitscheinesTestimonium integritatis, das priesterliche Zeugnis, daß eine Verlobte nie etwas mehr gewesen. anzog, gab alles eher aus den Händen – fast seine – als den Bohnlappen und Kehrbesen. Sie dachte, es sei nur sein Eigensinn, indes es ihrer war, gerade in der Morgenstunde, die für ihn ein doppeltes Gold im Munde hatte, das aus dem Goldnen Zeitalter und das metallische, den Blasbalg des Pedalschnarrwerks zu treten und hinter dem Autor zu orgeln und zu brausen. Nachmittags konnte sie ein 32füßiges Register ziehen, wenn sie wollte; aber sie war nicht aus ihrem alten Gange zu bringen. Eine Frau ist der widersinnigste Guß aus Eigensinn und Aufopferung, der mir noch vorkam; sie lässet sich für ihren Mann wohl den Kopf abschneiden vom parisischen Kopfabschneider, aber nicht die Haare daran. Ferner kann sie sich viel für fremden Nutzen, für eignen nichts versagen; sie kann für einen Kranken drei Nächte Schlaf, aber für sich, um selber besser zu schlafen, sich nicht eine Minute Vor-Schlummer außer dem Bette abbrechen. Selige und Schmetterlinge können, obgleich beide ohne Magen sind, nicht weniger essen als eine Frau, die auf den Ball oder an den Traualtar gehen will, oder die für Gäste kocht; verbeut ihr aber weiter niemand ein Esaus-Gericht als der Doktor und ihr Körper, so isset sie es den Augenblick. Der Mann kehret es mit seinen Opfern gerade um. –

Lenette suchte, von entgegengesetzten Kräften getrieben, von seinen Ermahnungen und ihren Neigungen, die weibliche Diagonallinie zu gehen und erdachte sich das Religioninterim, daß sie ihr Fegen und Scheuern so lange abbrach, als er saß und schrieb. Sobald er aber nur zwei Minuten ans Klavier, vors Fenster oder über die Schwelle trat, so handhabte sie die Waschböcke und Poliermaschinen der Stube wieder. Siebenkäs wurde bald diesen jämmerlichen Wechsel und dieses Posten-Ablösen seines und ihres Besens gewahr; und ihr wartendes Auflauern auf sein Herumgehen mattete ihn und seine Ideen entsetzlich ab. Anfangs bewies er recht große Geduld, soviel als ein Ehemann nur hat, nämlich eine kurze; aber da ers lange im stillen übersonnen hatte, daß er und das Publikum unter dem Stuben-Wichsen miteinander leiden und daß eine ganze Nachwelt von einem Besen abhange, der so bequem nachmittags arbeiten konnte, wenn er bloß die Akten vornehme: so platzte die zornige Geschwulst plötzlich entzwei, er wurde toll, d.h. toller, sprang vor sie hin und sagte: »Den Henker noch einmal! ich merk' dich schon: du passest auf mein Laufen. Erschlage mich lieber in der Güte und zeitig – Hunger und Ärgernis reiben mich ohnedies vor Ostern auf. Bei Gott! ich fasse nichts; sie sieht es so klar, daß mein Buch unser Speiseschrank wird, woraus ganze Brotspenden herausfallen – und doch hält sie mir den ganzen Morgen die Hand, daß nichts fertig wird. Ich sitze schon so lange auf dem Nest und habe noch nichts heraus als den Bogen E, wo ich die Himmelfahrt der Gerechtigkeit beschreibe (p. 69) – Lenette! ach Lenette!« – – »Wie ichs aber auch mache«, sagte sie, »ists nicht recht. So lasse mich ordentlich kehren wie andere Weiber.« Sie fragte ihn noch unschuldig, warum ihn denn der Buchbinderjunge – das sind meine Worte, nicht ihre –, der den ganzen Tag auf einer Kindergeige phantasierte und Alexanders-Feste auf ihr setzte und hatte, nicht störe mit seinen gellenden unharmonischen Fortschreitungen, und warum er das neuliche Essen-Kehren besser als das Stuben-Kehren habe leiden können. Da ers nun in solcher Eile nicht in seinen Kräften hatte, den großen Unterschied mit wenigen Worten auseinanderzusetzen: so fuhr er lieber wieder auf und sagte: »Ich soll dir hier lange Reden gratis halten, und dort entgeht mir ein Ortstaler nach dem andern – Himmel! Kreuz! Wetter! Das bürgerliche Recht, die römischen Pandekten lassen nicht einmal einen Kupferschmied in eine Gasse ziehen, worin ein Professor arbeitet – und meine Frau will härter sein als ein alter Jurist? ja will der Kupferschmied selber sein? – – Lenette, schau, ich frage wahrlich den Schulrat darüber!« – Das half viel.

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