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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Er machte sich wieder an die Arbeit und fassete den Faden in der dritten Satire »Von den fünf Ungeheuern und ihren Behältnissen, wovon ich mich anfangs nähren wollen« (in der gedruckten Ausgabe S.46) wieder ganz munter auf.

Lenette drückte indes langsam die Kammertüre zu; er mußte also von neuem schließen, daß draußen in seiner Gehenna und Pönitenzpfarre wieder etwas gegen ihn im Werke sei. Er legte die Feder nieder und rief über den Schreibtisch hinweg: »Lenette, ich kanns nicht genau hören; bist du aber draußen wieder über etwas her, das ich nicht ausstehen kann: so bitt' ich dich um Gottes willen, stell es ein, mach einmal meine heutige Kreuzschule und meine Werthers Leiden darin aus – lasse dich sehen!« – Sie versetzte, aber mit einem vom heftigen Bewegen schwankenden Atem: »Nichts, ich mache nichts.« Er stand wieder auf und öffnete die Türe seiner Marterkammer. Die Frau bügelte darin mit einem grauen Flanell-Lappen und scheuerte das grüne Ehe-Gitterbette ab. Der Verfasser dieser Historie lag einmal als Pockenkranker in einem und kennt also die Art; aber der Leser wird vielleicht nicht wissen, daß ein solcher grüner Schlummerkäfig wie ein vergrößerter Kanarien-Heckbauer aussieht mit seinen zwei gegitterten Flügeltüren oder Fallgattern, und daß dieses Traum-Geländer und Treibhaus zwar plumper, aber auch gesunder ist als unsere tief behangenen Schlafbastillentürme, die uns mit nahen Vorhängen gegen jeden frischen Windstoß einwindeln. – – Der Armenadvokat nahm nichts zu sich als gähling einen halben Schoppen Stubenluft und hob langsam so an: »Du fegst und bürstest also, wie ich sehe, von neuem – und weißt, daß ich drinnen im Schweiße sitze und für uns beide arbeiten will und daß ich seit einer Stunde fast ohne Verstand fortschreibe – himmlische eheliche Hälfte, um Gottes willen kartätsch einmal aus und richte mich nicht gänzlich mit dem Lappen zugrunde.« – Lenette sagte voll Verwunderung: »Unmöglich, Alter, hast du es hineingehöret« und bohnte eiliger fort. Er fing ein wenig schnell, aber sanft ihre Hände und sagte lauter: »Auf hörst du! – Das ist aber eben mein Unglück, daß ichs drinnen nicht hören kann, sondern alles nur denken muß – und der verdammte lange Wichs- und Besengedanke setzet sich an die Stelle der besten andern Gedanken, die ich hätte zu Papier bringen können! Trauter Engel, niemand würde seliger und gelassener fortarbeiten und hier sitzen als ich, wenn du bloß mit Traubenschüssen und Haubitzen und Hundertpfündern hinter mir feuertest und knalltest aus den hiesigen Schießscharten; aber einem leisen Lärm bin ich nicht gewachsen.«

Jetzo ärgerte ihn die lange Rede, und er führte sie mit dem Lappen aus der Kammer und sagte: »Es fället mir überhaupt hart, daß, wenn ich drinnen mich außerordentlich überspanne, um der Lesewelt eine Freude zu machen, daß in meiner Kammer zu gleicher Zeit für mich ein Hatzhaus aufgeschlagen wird, und daß sich das Bette eines Schriftstellers in einen Laufgraben umsetzt, aus dem ihn Bogenschüsse und Dampfkugeln verfolgen. – Mittags unter dem Essen hab' ich nichts zu schreiben, und da will ich vernünftig und breit mit dir aus der Sache reden.«

Zu Mittag, da er die Gründe seines Morgenturniers aufstellen wollte, hatt' er vorher ein Gebetturnier zu halten: das Gebet bedeutet in Nürnberg und Kuhschnappel nicht wie bei Großen ein besonderes Erbamt und Meßgeschäft in der Hofkapelle, sondern das – Läuten um 12 Uhr. Der Eßtisch des Paars stand nämlich dicht an der Wand und wurde nicht eher mitten in die Stube gezogen, als wenn man daran aß. Nun konnt' es Siebenkäs nicht über zweimal in seiner Ehe – denn was WeiberMänner ebenfalls, nur in kleinerem Grade. Ein Mann, welcher täglich 90 Sachen mit regelmäßiger Erinnerung abtut, soll eine 91ste ein- oder zweimal vergessen haben: so vergißt er sie fort bei allem anderweitigen Gedächtnis. Es gibt hier keinen andern Arzt als einen Menschen oder einen Umstand, der gerade in dem Augenblicke des Vergessens erinnernd eintritt. Hat er nun einmal einmal zu vergessen aufgehört, so vergißt er nicht mehr weiter. einmal vergessen, das vergessen sie hernach tausendmal – dahin bringen – er mochte seine Lunge so trocken predigen wie eine Fuchslunge, womit man jene kuriert –, dahin bracht' ers nie, sag' ich, daß die Tafel vorgeschoben wurde, eh' die Suppen-Mulde darauf dampfte: sondern erst nachher zog man beide ordentlich miteinander in die Stube, ohne jedoch unter dem Zuge mehr von der Suppenflut aufs Tischtuch zu verschütten, als man auf eine Laxier-Pille nachtrinkt.

Heute gings nicht anders: der Gatte zerkäuete langsam die Pille, auf die er Suppe nachaß – er sah dem spätern Vorrücken (wie dem der Äquinoktien) mit Angst und mit verlängertem Gesicht und Atem entgegen und zu und zündete bei der wiedergekehrten Suppen-Libation gelassen los, aber so: »Im Grunde, Lenette, leben wir auf einem guten Schiff; denn Seefahrer verschütten ihren Suppenteller, weil das Fahrzeug immer wanket, und ich und du auch. Sieh her! – Im ganzen hängt der Mittagtisch mit dem Morgen-Besen zusammen und sekundiert ihn; diese zwei Verschwornen blasen deinem Manne noch das Lebenlicht aus, um mich stark auszudrücken.«

Nach diesem Predigt-Eingange kam statt eines Kanzelliedes der Pritschenmeister von Kuhschnappel, welcher mit einem großen Bogen Papier eintrat und den Advokaten als einen Honoratior zum Andreasschießen auf den 30. Nov. invitierte. Jeder von uns hat gewiß aus dem vorigen so viel bei sich behalten, daß von Gold nichts mehr im Hause war als der Zopfdukaten. Gleichwohl konnte Siebenkäs nicht gut aus der Schützengesellschaft austreten, ohne sich selber vor der ganzen Stadt ein testimonium paupertatis (Zeugnis der Armut) zu schreiben. Am Ende war auch für einen so guten Schützen und Jägersohn wie er ein Schützenlos ja nichts Geringers als eine Bergwerk-Kuxe, eine Aktie in der Ostindischen Kompanie. Dabei konnt' er, wenn er mitschoß, seiner Frau zum ersten Male öffentliche Ehre machen, welche sie als eines Ratkopisten Tochter aus Augsburg wohl erwarten durfte. Nur war dem ernsten Schützenhanswurst der ungewöhnliche Zopfdukaten gar nicht zum Auswechseln beizubringen, zumal da ihn der Advokat eigentlich erst verdächtig machte durch die Wiederholung: »Es ist in der Tat ein guter echter Schwanz- und Zopfdukaten. Ich selber«, setzte er hinzu, »trage zwar keinen Zopf, aber ein Goldstück kann dergleichen sehr gut, des preußischen Königs wegen, der den seinigen auf ihm ausmünzen und verewigen wollen. Frau, es kann ja mein Hausherr, der Friseur, herauf, der muß am besten wissen, ob es ein Zopfdukaten ist, da er Zöpfe schon ohne Dukaten täglich unter den Händen hat.« Der kuhschnappelsche Pickelhering lachte darüber nicht im geringsten. Der Friseur erschien und bestätigte ganz, es sei ein Zopf, und trug sich höflich selber zum Verwechseln an. Haarkräusler können laufen; in fünf Minuten brachte er das Silber für den Zopf. Nachdem der gesetzte Lustigmacher das Seinige vom Schwanzdukaten eingesteckt: so standen in Lenettens Angesicht allerlei doppelte Frag- und Ausrufzeichen umher, und Siebenkäs fuhr in seiner Mittagpredigt fort: »Die Hauptgewinste, Lenette, bestehen beim Vogel in Zinngeschirr und in Geld, bei den andern Tieren, wornach wir schießen, meist in Viktualien. Ich glaube, ich und du werden am Andreastage nicht nur aus einer neuen Bratenschüssel speisen, sondern auch einen frischen Braten darin, den ich dir samt der Schüssel in die Küche schießen kann, wenn ich mich sonst anstrenge. – – Überhaupt ängstige dich nicht, Schöne, weil unser Geld ausgeht; stelle dich nur hinter mich, ich bin dein Erdsack oder Schanzkorb oder gar deine Tranchée-Katze, und mit meiner Kugelbüchse, besonders aber mit meinem Dintenfasse gedenk' ich den Teufel der Armut in einiger Entfernung von uns zu halten, bis mir mein ehrlicher Vormund das Mütterliche aushändigt. Nur stören mußt du um Gottes willen nicht meinen Fleiß durch den deinigen; – dein Besen und dein Lappen haben mich heute um bare 16 OrtstalerEin Ortstaler gilt 6 Gr. gebracht. Denn sobald ich 1 Druckbogen meiner teuflischen Papiere nur zu 8 Reichstlr. (den Rtlr. à 90 Kr.) rechne – er kann freilich noch mehr betragen –, so hätt' ich heute 48 Ortstaler erschreiben können, wenn ich außer dem Druckbogen noch einen halben gemacht hätte. – Ich mußte aber mitten im Feuer in der Kammer zu dir viele Worte sagen, für die ich keinen Kreuzer Ehrensold beziehe: du solltest mich doch endlich für einen alten dicken Spinnen- oder Kankerkörper ansehen, den man in eine Schachtel sperrt (mein Stubennest ist gar nichts Besseres) und welcher darin mit der Zeit zu einem köstlichen Goldkorn oder Juwel eindorrt. So oft ich eintunke, zieh' ich – hab' ich dir öfter gesagt – ordentlich einen Goldfaden aus dem Dintenfaß, denn ich habe Gold im Munde eben in der Morgenstunde. –

Iß hinunter und horche aber zu: ich bringe dir jetzo das Vorzüglichste vom Werte eines Autors bei Gelegenheit bei und gebe dir den Schlüssel über vieles... Im Schwabenland, im Sachsen- und im Pommerland sind Städte, in denen Autorenfleischtaxatores sitzen, wie hier unser alter Metzgermeister; man nennt sie aber gemeiniglich die SchmeckherrenSchmeckherren nennt man in verschiedenen Städten die Bier-Polizeileutenants, welche umhergehen und den Wert der Biere kosten. oder Geschmackherrn, weil sie vorher jedes Buch kosten und nachher den Leuten sagen, ob es ihnen schmecken werde. In der Erbosung nennen wir Autores sie freilich oft Rezensenten; aber sie können uns gerichtlich darüber belangen. Da die Schmeckherren selten Bücher schreiben, so haben sie besser Zeit, die der fremden Leute durchzusehen und zu taxieren. Ja oft haben sie selber schlechte gemacht und wissen also sogleich, wie ein schlechtes sein muß, wenn sie eines vorbekommen. Manche sind aus demselben Grunde Schutzpatrone der Autoren und ihren Bücher, weswegen der hl. Nepomuk den Schutzpatron der Brücken und der Leute, die darüber gehen, macht – weil er nämlich selber einmal von einer ins Wasser geworfen worden. Unter diesen Herren wird nun meine Schreiberei dort herumgeschickt, sobald sie in Druck gebracht worden ist, wie dein Gesangbuch. Jetzt gucken sie meine Sachen durch, ob ich recht deutlich und leserlich (weder zu grob noch zu klar) geschrieben – ob ich keine falschen Buchstaben, kein kleines e statt eines großen E, oder ein F statt eines Ph gesetzt – ob die Gedankenstriche nicht zu lang und nicht zu kurz sind, und was sonst dergleichen ist – ja oft urteilen sie sogar (welches ihnen aber nicht gebührt) über die Gedanken selber, die ich hingeschrieben. Hobelst und wetzest du nun mit dem Besen hinter mir herum: so mach' ich vieles falsch und erzdumm, und es wird nachher so hingedruckt. Das tut aber einem Menschen wahren Schaden. Denn die Schmeckherren reißen mit ihren fingerlangen Nägeln – der Knopfmacher ihre sind kürzer, aber nicht die der Beschneider bei den Juden –, bevor sie dem Buche, wie die Beschneider dem Judenbuben, einen Namen geben, überall da, wo es verdruckt ist, abscheuliche Schnittwunden und Löcher ins schönste Papier – Dann lassen sie einen fliespapiernen Zettel draußen im Reiche, im Sachsen- und im Pommerlande umlaufen, auf welchem sie mich ausfilzen und mir einen bösen Leumund machen und es vor allen Schwaben geradezu sagen, ich sei ein Esel... Gott bewahre! Und einen solchen Staupbesen hätt' ich bloß deinem Besen zu danken – Schreib' ich freilich vortrefflich und leserlich und recht mit wahrem Verstand – wie denn dort kein Bogen von meinen teuflischen Papieren ohne Vernunft ausgefertigt ist –, überleg' ich jedes Wort und jedes Blatt, eh' ichs schreibe; scherz' ich auf diesem Bogen, lehr' ich auf jenem, gefall' ich auf allen: so muß ich dir auch sagen, Lenette, daß die Schmeckherren Leute sind, die so etwas zu schmecken wissen und die sich nichts daraus machen, sich hinzusetzen und Laufzettel zirkulieren zu lassen, auf denen das Geringste, was sie von mir sagen, das ist, daß ich von Universitäten etwas mit hinweggebracht habe und für solche also wieder etwas liefern könne. Kurz, sie sagen, sie hättens nicht in mir gesucht und ich hätte Gaben. Ein dergleichen Lobpreisen aber, das dem Manne widerfährt, Lenette, das kommt nachher auch seiner Frau zustatten; und wenn sie in Augsburg herumfragen: ›wo hält sich denn dieser berühmte Siebenkäs eigentlich auf?‹ so wirds in der Fuggerei allemal Leute geben, die sagen: ›in Kuhschnappel; er hat eine Ratkopisten-Tochter Egelkraut von hier geheiratet und lebt sehr vergnügt mit der Person.‹«

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