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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Fünftes Kapitel

Besen und Borstwisch als Passionwerkzeuge – Wichtigkeit eines Bücherschreibers – Nuntiaturstreitigkeiten über Lichtschneuzen – der Zinnschrank – die Hausnot und Hauslust

Die Katholiken zählen im Leben Christi funfzehn Geheimnisse auf, fünf freudenreiche, fünf schmerzenreiche und fünf glorreiche. Ich bin unserem Helden durch die fünf freudenreichen, die etwan der Lindenhonigmonat der Ehe zu zählen hat, bedächtig nachgegangen; ich komme nun mit ihm an die fünf schmerzhaften, mit denen die meisten Ehen das Gefolge ihrer Geheimnisse – beschließen. Seine hat noch, hoff' ich, fünf glorreiche...

Mit dem vorstehenden Absatze fing ich dieses Bändchen in der ersten Auflage unbefangen an, als wär' er völlig wahr; aber zweite stark umgearbeitete Auflagen fodern von selber mich auf, verbessernd beizufügen, daß die erwähnten funfzehn Geheimnisse sich nicht hinter einander, wie Stufen und Ahnen, gestellt, sondern, wie gute und schlechte Karten, sich einander durchschossen haben. Aber auch bei diesen Mischungen des Lebens überwiegt wenigstens durch Dauer die Lust den Schmerz, wie es ja dem Erdkörper selber ergangen, der zwar einige jüngste Tage, aber nach ihnen desto mehre Frühlinge, mithin kleinere Schöpfungtage erlebte.

– Ich stelle dies alles absichtlich her, damit ich so manchen armen Schelm von Leser aus der Angst erlöse, er bekomme jetzt einen ganzen Band voll Tränen zu durchwaten, die er teils liest, teils mit vergießt; ein anderes ist ein Schriftsteller, der eine wahre Klapperschlange ist und so viele tausend Bezauberte vor sich kann so lange unruhig und angstvoll springen sehen, bis er solche hat.

Siebenkäs schickte sogleich den Eifersucht- und Ehe-Teufel zu allen andern Teufeln, als er am Morgen erwachte – denn der stillende Schlaf hält den Fieber-Puls der Seele an, und seine Körner sind die Fieberrinde gegen das kalte Fieber des Hasses wie gegen das hitzige Fieber der Liebe –; ja er legte das Schatten-Reißbrett hin und nahm von der gestrigen freien Übersetzung und Abschrift des Egelkrautschen Gesichts mit dem Storchschnabel eine verjüngte und treue und schwärzte solche gehörig. Als er fertig war, sagte er zur Frau aus Liebe: »Wir wollen ihm den Riß gleich heute zuschicken. Bis er selber kommt und ihn holt, da dauerts lange.« – »Jawohl«, versetzte sie, »bis zum Mittwochen dauerts, aber da hat ers längst vergessen.« – »Und doch«, entgegnete Siebenkäs, »wär' er früher herzubringen; ich brauchte ihm nur den gräflich-reußischen Dreifaltigkeit-Taler von 1679 zum Abkaufen zu schicken: so schickte er mir keinen Heller dafür, sondern brächte selber das Geld für den Taler, wie ers bisher immer mit dem Leibgeberschen Münzkabinett gehalten.« – »Oder«, sagte Lenette, »schick ihm lieber den Taler und das Gesicht zusammen: so hat er eine größere Freude.« – »Über was eine größere?« fragt' er. Sie wußte der närrischen Einspring-Frage, ob sie von einer größern über das abgeschattete oder über das gemünzte Gesicht gesprochen, gar nicht recht zu begegnen und sagte in der Not: »Nun über die Sachen natürlich.« Er fragte aus Schonung nicht noch einmal.

Aber der Schulrat schickte nichts als die Antwort, er sei außer sich vor Freuden über die herrlichen Geschenke und werde daher spätestens Ende künftiger Woche selber kommen und sich bedanken und sich berechnen bei dem Hrn. Armenadvokaten. Das wenige Säuerliche, was in der unberechneten Antwort des sorgenlosen und zu freudenvollen Schulrates vorschmeckte, konnte der gerichtliche Pedell der Erbschaftkammer auf keine Weise dadurch versüßen, daß er eben eintrat und dem Advokaten die Antwort oder den ersten Satz oder die Exzeptionen des beklagten Heimlichers von Blaise überreichte, die in nichts als in einem Fristgesuche von drei Wochen bestanden, das ihm die Kammer gern bewilligt hatte. Siebenkäs lebte als sein eigner Armenadvokat freilich der gewissen Hoffnung, daß das Gelobte Land der Erbschaft, worin Milch und Honig über seinen Goldsand fließen, von seinen Kindern werde erobert werden, wenn er in der juristischen Wüste auf dem Wege dahin längst verstorben sei; denn die Justiz belohnt gern die Tugend und das Recht der Väter an Kindern und Kindes-Kindern; inzwischen aber bliebs immer unbequem, daß er nichts zu leben hatte bei seinen Lebzeiten. Denn von dem gräflich-reußischen Dreifaltigkeit-Taler – für welchen Stiefel noch nicht einmal bezahlet hat – war ohnehin nicht länger zu leben, so wie von dem einzigen noch rückständigen Zopfdukaten aus Leibgebers nachgelassener »Reichskriegsoperationskasse« gegen den Heimlicher. Denn dieses Gold- und jenes Silberstück waren (ob ich es gleich bisher verschwiegen) der einzige Kassenbestand der Leibgeberischen Heilandkasse, mit welchem freilich niemand als ein Nachfolger des Heilands selber auszureichen vermochte. Es ist aber vielleicht mein Verschweigen der bisherigen Münzkabinett-Ausleerungen wieder ein Beweis, wie sehr ich den Leser, wo ich nur kann, mit sauern Sachen verschone.

»O ich will schon Rat schaffen«, sagte Siebenkäs ganz fröhlich und setzte sich heute emsiger an sein Schreibepult, um sich durch seine Auswahl aus den Papieren des Teufels je eher je besser einen beträchtlichen Ehrensold ins Haus zu leiten. Aber nun wird ein ganz anderes Fegfeuer immer höher um ihn angeschürt und aufgeblasen, von welchem ich bisher gar noch nichts sagen wollen und worin er schon seit vorgestern sitzt und brät. Lenette ist der Bratenkoch, und sein Schreibtisch ist der Lerchenrost. Er hatte sich nämlich unter dem stummen Keifen der vorigen Tage an ein besonderes Aufhorchen auf Lenetten gewöhnt, wenn er dort saß und an der Auswahl aus des Teufels Papieren schrieb: dies machte ihn völlig irre im Denken. Der kleinste Tritt, jede leise Erschütterung griff ihn wie einen Wasserscheuen oder Chiragristen an und brachte immer ein oder zwei gute junge Gedanken, wie ein größeres Geräusche Kanarienbrut und Seidenraupen, um das Leben.

Anfangs bezwang er sich recht gut; er gab sich zu bedenken, die Frau müsse sich doch wenigstens regen und könne, solange sie keinen verklärten Leib und keine verklärten Möbeln handhabe, unmöglich so leise in der Stube auftreten wie ein Sonnenstrahl oder wie ihre unsichtbaren guten und bösen Engel hinter ihr. Aber indem er bei sich diesen guten cours de morale, dieses collegium pietatis hörte, kam er aus dem satirischen Kontexte und Konzepte und schrieb bloß matter weiter.

Am Morgen nach jenem Silhouettier-Abende, wo ihre Seelen sich die Hände gegeben und den Fürstenbund der Liebe wieder erneuert hatten, konnt' er viel offener zu Werke gehen, und er sagte, sobald er statt des Schattenrisses nichts schwarz malte als die Urbilder, d.h. sobald er in der satirischen Rußhütte arbeitete, er sagte schon voraus zur Frau: »Wenns dir tulich ist, Lenette, so mache heute kein sonderliches Getöse – es ist mir beinah hinderlich, wenn ich dasitze und für den Druck arbeite.« Sie sagte: »Ich dächte, du hörtest mich kaum, so schleich' ich.«

Wenn der Mensch über die Tölpeljahre hinüber ist: so hat er noch jährlich einige Tölpelwochen und Flegeltage zurückzulegen: Siebenkäs tat die obige Bitte wahrlich in einer Tölpelminute. Denn nun hatte er sich selber genötigt, unter dem Denken aufzulauern, was Lenette nach dem Empfange des Bittschreibens vornehme. Sie lief jetzo über die Stubendiele und über die Fäden ihres häuslichen Gewerkes mit leisen Spinnenfüßen. Denn sie hatte wie andere Weiber nicht widersprochen, um zu widerstreben, sondern um nur zu widersprechen. Siebenkäs mußte fleißig aufpassen, um ihre Hände oder Füße zu hören; aber es glückte ihm doch, und er vernahm das meiste. Wenn man nicht schläft, so gibt man auf ein leises Geräusch mehr als auf ein großes acht: jetzt horchte ihr der Schriftsteller überall nach, und sein Ohr und seine Seele liefen, als Schrittzähler an sie angemacht, überall mit ihr herum – kurz, er mußte mitten in der Satire »Der Edelmann mit seinem kalten FieberAuswahl aus den Papieren etc. S. 41. « abschnappen, aufspringen und zur Schleicherin sagen: »Ich horche schon seit einer Stunde auf das peinigende Trippeln hin; ich wollte lieber, du trabtest in zwei lauten Krupezien herum, die mit Eisen besohlet sind zum Takt-StampfenDie Musici der Alten hatten sie an. Bartholin. de Tib. Vet. III. 4. , also – geh lieber wie gewöhnlich, Beste!« –

Sie tats und ging fast wie gewöhnlich. Er hätte gern, da er schon den lauten und den leisen Gang abgeschafft, auch gar den mittlern abgeordnet; aber ein Mann widerspricht sich nicht gern an einem Morgen zweimal, sondern nur einmal. Abends ersuchte er sie bloß, sie möchte, solang' er seine Satiren entwerfe, in Socken gehen, besonders weil der Fußboden kühle: »Überhaupt«, setzt' er hinzu, »da ich jetzt vormittags nach Brot arbeite, so wird es gut sein, wenn du unter meinen literarischen Geschäften selber weiter keine tust als gerade die allernötigsten.«

Am Morgen saß er innerlich über jede Arbeit hinter ihm zu Gericht und hörte – er schrieb dabei immer fort, aber schlechter – eine nach der andern ab, ob sie den Freipaß der Notwendigkeit bei sich habe. Der schreibende Dulder nahm manches auf die leichte Achsel; aber als Wendeline in der Schlafkammer mit einem langen Besen das Bettstroh unter den grüngefärbten Ehe-Torus trieb: so wurde dieses Kreuz seinen Schultern zu schwer. Dazu kam, daß er vorgestern in den alten Ephemeriden der Naturforscher gelesen, daß der Theolog Joh. Pechmann keinen Besen hören können – daß ihm das Rauschen desselben halb die Luft versetzet und daß er vor einem Gassenkehrer, der ihm bloß aufstieß, davongelaufen; eine solche Lektüre ließ ihn wider seinen Willen für einen ähnlichen Fall aufmerksamer und intoleranter zurück. Er rief, ohne aufzustehen, der Haus-Kehrerin in die Kammer hinaus: »Lenette, strähle und striegele jetzo nicht mit deinem Besen – er lässet mich nicht denken – Es war einmal ein alter Pfarrer Pechmann, der lieber zum Wiener Gassenkehren sich hätte verdammen lassen, als daß er es angehöret hätte, ja dem der Staupenschlag damit wäre erwünschter gewesen als der verdammte Ton, wie ein Besen wetzt und schleift. Und ich soll noch dazu neben dem Hausbesen einen vernünftigen Gedanken haben, der vor Buchdrucker und Buchsetzer kommen soll: das beherzige nur!«

Lenette tat jetzo, was jede gute Frau und ihr Schoßhund getan hätte: sie wurde stufenweise still. Ja sie dankte endlich gar den Besen ab und schob, als der Gatte so laut schrieb, als sie kehrte, bloß mit dem Borstwisch leise drei Strohähren und einige Flaum-Federspulen unter die Bettlade. Der Redakteur der Auswahl aus des Teufels Papieren vernahm drinnen zum Glücke wider Verhoffen das Schieben: er stand auf und begab sich unter die Kammerpforte und sprach hinein: »Teuerste, die Höllenpein ist wohl dieselbe, sobald ichs vernehme – ja wedel das unglückliche Kehricht mit Pfauenschwänzen und Weihwedeln unters Bettbrett, schnaub es mit einem Blasbalg hinter den Topf hinunter: ich und mein Buch drinnen baden es aus und verkrüppeln notwendig.« – Sie versetzte: »Ich bin ohnehin fertig.«

Jean Paul Fr. Richter

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