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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Zweites Bändchen

Vorrede
zum zweiten, dritten und vierten Bändchen

Es hat mich oft verdrüßlich gemacht, daß ich jeder Vorrede, die ich schreibe, ein Buch anhängen muß als Allonge eines Wechselbriefes, als Beilage sub litt. A-Z. Andern privatisierenden Gelehrten werden schon ganze Bücher fertig und lebendig aus der Wiege zugeschickt, und sie brauchen nichts daran zu hängen als das goldene Stirnblatt der Vorrede und nichts mehr an der Sonne zu machen als die Aurora. Aber mich hat noch kein einziger Autor um eine Vorerinnerung ersucht, ob ich gleich schon seit einigen Jahren mehre Vorreden im voraus verfasse und auf den Kauf ausarbeite, worin ich künftige Werke nach Vermögen erhebe. Ja, ein ganzes Münzkabinett von solchen Preismedaillen und Huldigungmünzen, die ich für fremde Verdienste mit den besten Rändelmaschinen ausprägte, steht mir immer vor Augen und läuft täglich höher an; daher schlag' ich das Kabinett am Ende – es ist kaum anders zu machen – im ganzen los und gebe ein Buch voll bloßer präexistierender Vorreden – zu gedenklichen Werken – heraus.

Gleichwohl will man noch bis zur Ostermesse die Vorberichte einzeln abstehen; und Schriftsteller, die sich am ersten melden, können sich, da man ihnen den ganzen präludierenden Faszikel zuschickt, die Vorerinnerung ausklauben, in der ich, wie sie glauben, ein Buch am meisten lobe. Nachher aber, bei der Herausgabe der Vor- oder Lobreden im ganzen, die ich mit dem Meßkatalog durchschießen lasse, werden bloß die Gelehrten auf einmal in corpore, in coro verherrlicht, und ich biete sozusagen – wie 1775 die Königin Kaiserin der ganzen Wiener Kaufmannschaft – der ganzen Gelehrtenrepublik in Pausch und Bogen den Adel an; wiewohl ich an den armen Rezensenten, die sich das ganze Jahr an Tempeln des Ruhms und an Ehrenbogen krumm und arm mauern und leimen, die betrübten Belege vor mir habe, daß weniger dabei herauskommt, wenn man die gelehrte Republik in sechs Folianten erhebt, als wenn man mit Sannazaro die venezianische in ebenso vielen Zeilen rühmt, deren jede ein Schenkbrief von 100 Fünftalerstücken für den Dichter ward.

Zur Probe will ich eine von jenen Vorreden in diese einschichten und mich stellen, als hätte mit ihr der berühmte Verfasser mein Buch auf Ersuchen versehen, welches noch dazu auch wirklich so ist. Ich lasse leicht mein Wesen oder Substratum in zwei Personen zerfallen, in den Blumenmaler und in den Vorberichtmacher. Ich les' aber mit Fleiß – denn ganz ohne Bescheidenheit kann keiner leben – für mich die allerelendeste Vorerinnerung aus, in der wahrhaftig mäßig genug gepriesen wird, und die den Autor des nachstehenden Werks mehr auf einen Leichen- als Triumphwagen hinaufhebt, den noch dazu nichts zieht; die andern Vorreden hingegen schirren die Nachwelt an, diese und die Lesewelt werden darin vor den Himmel- und Eliaswagen der Unsterblichkeit eingespannt und fahren die Verfasser...

Schlüßlich habe ich noch anzumerken, daß der treffliche Hr. Verfasser des Hesperus die Nachsicht für mich gehabt, meine Blumenstücke durchzusehen und solche mit folgender sehr leswerten Vorrede zu begleiten.

Vorrede vom Verfasser des Hesperus

Ich kann folgendes schlußkettenweise heischen (postulieren), und zwar in Gleichnissen.

Manche Schriftsteller, z.B. Young, zünden ihren Nervengeist an, der wie anderer Geist (eau de vie) alle Personen, die um das flimmernde Dintenfaß herumstehen, mit einer täuschenden Totenfarbe anwirft und bestreicht; – nur leider schaut beim Kunststück jeder nur den andern an, und keiner in den Spiegel; in den Menschen und in den Schriftstellern wird durch die Nachbarschaft der allgemeinen Sterblichkeit um sie her nichts als ihre Empfindung der eignen exzeptivischen (ausnehmlichen) Unsterblichkeit erhöht; aber dies labt uns alle ungemein.

Daraus ergibt sich nun, dünkt mich, die Folge leichtDa der obige Kettenschluß als solcher seinen Zusammenhang haben muß: so hab' ich ihm einigen durch bloße Worte und Übergänge zu erteilen gesucht und die Glieder der Schlußkette in etwas durch den Faden der Rede verbunden; und man mag sie etwan für einen Bandwurm halten, in dem jedes Glied wieder ein eigner, privatisierender, idiopathischer Wurm ist. , daß ein Dichter im fünften oder funfzigsten Stockwerk zwar Gesänge, aber keine Hochzeit und Haushaltung machen kann, geschweige ein gutes Haus: gleicht er nicht den Kanarienvögeln, die zum Hecken einen größern Bauer brauchen als zum Singen? –

Und was tut denn, wenn dieses richtig ist, die Feder des Schriftstellers? Sie zieht wie eine Knabenfeder die Schrift, die die Natur schon mit bleicher Bleifeder in den Leser geschrieben, mit ihrer Dinte gar aus. Der Saite des Autors tönen nur die Oktaven, Quinten, Quarten, Terzen der Leser nach, keine Sekunden und Septimen; unähnliche Leser werden ihm nicht ähnlich, sondern nur ähnliche werden ihm gleich oder ähnlicher.

Und damit steht und fällt mein vierter Heischesatz: das Hufeisen des Pegasus ist die Bewaffnung am Wahrheit- Magnete, er zieht uns dann stärker; wiewohl wir hungrige Vögel sind, welche auf die Trauben des Poeten fliegen, als wären sie wahre, und die bloß den Jungen für gemalt ansehen, der schrecken sollte.

Jetzo macht sich der Übergang zum fünften Heischesatze von selber: daß der Mensch eine solche Achtung für jedes Altertum hegt, daß er sie sogar fortsetzt, wenn dasselbe bloß noch der Deckel und die Larve des Giftes ist, der es aufgelöset. Ich mache hier absichtlich zwei Belege dieses Satzes gar nicht namhaft – nämlich die in Wurmmehl zerfressene Religion und die ebenso zerkrümelte Freiheit –, sondern halte mich als Lutheraner nur an den dritten, die Reliquien, an denen man, wenn sie von den Würmern aufgefressen worden, (nach dem Jesuiten VasquezDictionnaire philosophique. Art. Reliques. ) noch das anzubeten hat, was übrig ist, die Würmer eben. Taste daher nie den Wurmstock deiner Zeiten an, du wirst sonst sein Fraß; eine Million Würmer gelten schon einem guten Lindwurme gleich.

Dieses muß angenommen werden, wenn anders der sechste Heischesatz einen Sinn haben soll: daß kein Mensch völlig gleichgültig gegen alle Wahrheiten sein kann. Ja sogar, wenn er auch nur noch poetischen Spieglungen (Illusionen) huldigt und offen steht, so ehret er eben dadurch die Wahrheit, da in jeder Dichtung gerade das Wahre der berauschende Bestandteil ist, wie in unsern Leidenschaften bloß das Moralische berauscht. Eine Spieglung, die durchaus nichts wäre als eine, würde eben deshalb keine mehr sein. Jeder Schein setzet irgendwo Licht voraus und ist selber Licht, nur entkräftetes oder vielfach zurückgeworfenes. Nur gleichen die meisten Menschen unserer nicht sowohl aufgeklärten als aufklärenden Zeiten den Nachtinsekten, die das Taglicht fliehen oder mit Schmerzen empfinden, die aber in der Nacht jedem Nachtlicht, jeder phosphoreszierenden Fläche zuflattern.

Die Gräber der besten Menschen, der edelsten Blutzeugen sind gleich herrnhutischen eben und platt, und unsere ganze Kugel ist ein auf diese Art plattiertes Westminster – ach wieviel Tränentropfen, wieviel Bluttropfen, welche die drei Eck- und Standbäume der Erde, den Leben-, den Erkenntnis- und den Freiheitbaum, befeuchteten und trieben, wurden vergossen, aber nie gezählt! Die Weltgeschichte malet an dem Menschengeschlecht nicht, wie der Maler an jenem einäugigen König, bloß das sehende Profil, sondern bloß das blinde; und nur ein großes Unglück deckt uns die großen Menschen auf, wie totale Sonnenfinsternisse die Kometen. Nicht bloß auf dem Schlachtfeld, auch auf der geweihten Erde der Tugend, auf dem klassischen Boden der Wahrheit türmet sich erst aus 1000 fallenden und kämpfenden unbenannten Helden das Fußgestell, auf dem die Geschichte einen benannten bluten, siegen und glänzen sieht. Die größten Heldentaten werden zwischen vier Pfählen getan; und da die Geschichte nur die Aufopferungen des männlichen Geschlechtes zählet und überhaupt nur mit vergessenem Blute schreibt: so sind in den Augen des Weltgeistes unsere Annalen gewiß größer und schöner als in den Augen des Welthistorikers; die großen Aufzüge der Weltgeschichte werden nur nach den Engeln oder Teufeln geschätzt, welche darin spielen, und die Menschen zwischen beiden werden ausgelassen.

Das sind die Gründe, worauf ich mich steife, wenn ich keck genug behaupte, daß wir aus den gefüllten Freudenblumen, sobald wir zu heftig an sie riechen, ohne sie ausgeschüttelt zu haben, unvermutet ein Marterinsekt hinaufschnaufen können durchs Siebbein ins GehirnIm 3ten Stück des Lichtenbergischen Magazins für die Physik etc. wird das Beispiel einer Frau erzählt, die aus einer Blume einen Wurm ins Gehirn hinaufzog, der sie mit Wahnsinn, Kopfschmerzen usw. marterte, bis er lebendig wieder aus der Nase zurückging. , und wer, man sage mir, holt das Kerbtier dann wieder heraus? – Hingegen aus Blumenstücken und deren gemalten Blumenkelchen ist wenig Bedenkliches zu schnupfen, weil ein gemaltes Gewürm, ein Wurmstück, immer bleibt, wo es sitzt. – –

Das ists, was ich in Gleichnissen zu heischen habe. Was das Publikum heischet, ist meine Meinung über gegenwärtige Blumenstücke. Der Verfasser ist ein hoffnungvoller junger Mann von fünf JahrenVoltaire bringt heraus, daß einer, der 23 Jahr alt wird, eigentlich nur 3½ Jahr im eigentlichen Sinn gelebt habe. Bei mir nehmen oft Leute das gouter ein, die keine Fünftels-Sekunde alt sind, ja einer davon starb ohne alles Alter ab. Unser guter alter Kant hingegen mag schon seine vollen 25 Jahre auf dem Nacken haben, wenn nicht mehr. ; ich und er waren von Kindesbeinen an Freunde und können uns vielleicht rühmen, daß wir, wie Aristoteles von den Freunden fodert, nur eine Seele haben. Er teilt mir alles zum Lesen und Prüfen mit, was er herausgeben will. Da ich ihm nun diese Blumenstücke mit den lebhaftesten, aber aufrichtigsten Äußerungen meines Beifalls wieder zustellte: so ging er mich darum an, mein Urteil darüber bekannter zu machen, das (wie er viel zu schmeichelhaft glaubt) vielleicht einiges Gewicht habe; um so mehr, da es unparteiischer sei, und welches er deshalb den Kunstrichtern als das Lineal und Linienblatt des ihrigen in die Hände geben wolle.

Im letzten treibt ers zu weit; ich kann nichts als bloß erklären, daß das Werkchen mir ordentlich aus der Seele geschrieben ist. Der Stoff selber nahm keinen größern dynamischen Aufwand an, als man im Buche macht, und so gern der Verfasser darin gedonnert, gestürmt, geströmt hätte, so war doch in der Stube und Stubenkammer eines Armenadvokaten für Rheinfälle – spanische Donnerwetter – tropische Orkane voll Tropen – und für Wasserhosen kein Platz, und er spart die besten Ungewitter auf für ein künftiges Werk. Ich habe seine Erlaubnis, den Titel dieses künftigen Werkes vorauszusagen: » Der TitanDas Werk, das der Hr. Vorredner als Vorläufer ankündigt, wie ich selber schon tat im ersten Bändchen, wird wirklich diesen Namen führen und soll mir (insofern ich kann) statt einer Dispensationbulle, statt einer Absolution in articulo mortis, statt einer poenitentiaria gegen so viele ästhetische Sünden dienen, die ich schon begangen habe. (Jetzt, nach der Herausgabe des Titans, hab' ich bloß nachzutragen, daß an die Stelle meiner Schoßsünden die meisten Kritiker ihre eignen im Beurteilen desselben gesetzt.) «. In diesem Werke will er der Hekla sein und das Eis seines Klimas und sich dazu entzweisprengen und (wie der isländische Vulkan) eine kochende Wassersäule von 4 Schuh im Durchmesser in eine Höhe von 90 oder 89 Schuh auftreiben, und zwar mit einer solchen Hitze, daß, wenn die nasse Feuersäule wieder heruntergefallen ist und in den Buchläden schwimmt, sie immer heiß genug sein soll, um Eier hart zu kochen oder deren Mütter weich. »Dann (sagt er allemal, aber sehr traurig, weil er merkt, die Hälfte unserer hiesigen Kämpfe und Ausbeuten sei von einer Schnurrpfeiferei nicht sonderlich verschieden, und die Wiege dieses Lebens schaukle und stille uns zwar, aber sie bringe uns nicht drei Schritte weiter; dann, sagt er) mag der arbor toxicaria macasseriensisDer giftige Boa Upas, unter dem man schon in wenigen Minuten das Haar verliert. des Ideals, unter dem mir schon einige Haare ausgegangen sind, dann mag er mich immer vergiften und ins Land der Ideale schicken, ich habe doch unter seinem erhebenden tödlichen Brausen gekniet und gebetet. Und warum stände denn an dem von der Ewigkeit gewasserten Brunnen der Wahrheit das kleine Haus für den Wanderer fertig, das man RuheDie mittlern Deutschen baueten an die Brunnen ihrer Burgen ein kleines Haus – Ruhe genannt – für müde Pilger auf. nennt, ginge keiner jemals hinein?« – Er wünscht sich zu seinem breiten Deckenstücke nichts als einige (nur zwei) rechte Regenjahre, weil ein großer, heller, offner Himmel den Menschen überwältigt und entrückt und die Feder-Kraft der Hand durch die Fülle des Auges lähmt; ein Punkt, worin der Büchermacher außerordentlich von dem Papiermacher (seinem Munitionlieferanten) abgeht, der seine Mühle gerade in nassem Wetter sperrt. – Noch wünsch' ich, daß man die wenigen Kapitel, die im ersten Bändchen stehen, rekapituliere und wiederlese, damit man besser wisse, was er eigentlich haben will; und in der Tat ist ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, auch nicht würdig, daß mans einmal lieset.

Schlüßlich munter' ich, obwohl als der unansehnlichste Klubbist und Stimmgeber des Publikums, den Hrn. Verfasser zu mehren Setzlingen und Infanten dieses Gelichters auf, mit dem Wunsche, daß die Lesewelt mit derselben Nachsicht, wie ich, über das Werkchen richte. Hof im Voigtlande, den 5. Jun. 1796.

Jean Paul Fr. Richter

*

Soweit geht die Vorrede meines Freundes. Im Grunde ists freilich lächerlich; aber auch meine Vorrede muß ordentlich beschlossen werden, und dann kann ich mich leider wieder nicht anders unterschreiben, als mein obiger Robinsonscher Freitag und Namenvetter tat, nämlich: Hof im Voigtlande, den 5. Jun. 1796.

Jean Paul Fr. Richter

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