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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Baireuth,
den 21. September 1785

Mein lieber Bruder und Vetter und Oheim
und Vater und Sohn!

Denn Deine zwei Herzohren und zwei Herzkammern sind mein ganzer Sippschaftbaum; wie Adam, wenn er spazieren ging, seine ganze künftige Blutverwandtschaft und seine lange niedersteigende Linie – noch ist sie nicht ausgezogen und zu Ende rastriert – bei sich führte, bis er Vater wurde und seine Frau zeugte. Wollte Gott, ich wäre der erste Adam gewesen!... Siebenkäs, ich beschwöre Dich, laß mich diesem Gedanken besessen nachsetzen und im ganzen Briefe kein Wort weiter vorbringen, als was das Kniestück von mir als erstem Menschenvater weiter malt! –

Gelehrte kennen mich wenig, welche vermuten, ich wünsche deshalb der Adam zu sein, weil Pufendorf und viele andere mir die ganze Erde als eine europäische Besitzung im Indien des Universums, als mein patrimonium Petri, Pauli, Judae und übriger Apostel rechtlich zuerkennen, indem ich als der einzige Adam und Mensch, folglich als der erste und letzte Universalmonarch, wenn auch noch ohne Untertanen, auf die ganze Erde Anspruch machen konnte und durfte. An solche Dinge mag wohl der Papst als heiliger, wenn auch nicht erster Vater denken, oder er hat schon vor Jahrhunderten daran gedacht, da er sich als den Majorat- und Erbherrn aller der Erde einverleibten Länder aufstellte, ja sich nicht einmal schämte, auf seine Erdenkrone noch ein Paar, eine Himmel- und eine Höllenkrone, zu türmen.

Wie wenig will ich haben! Bloß darum hätt' ich der alte und älteste Adam sein mögen, um an meinem Hochzeitabend mit der Eva außen am Spalier des Paradieses in unsern grünen Tändelschürzen und in unsern Pelzen auf und ab zu spazieren und eine hebräische Hochzeitrede an die Mutter aller Menschen zu halten.

Eh' ich die Rede anfange, merk' ich an, daß ich vor meinem Falle den überaus glücklichen Gedanken gehabt, das Vorzüglichste von meiner Allwissenheit aufzunotieren. – Denn ich hatte im Stande der Unschuld alle Wissenschaften innen, die Universal- wie die Gelehrtenhistorie, die verschiedenen peinlichen und andern Rechte und die alten toten Sprachen sowohl als die lebendigen und war gleichsam ein lebendiger Pindus und Pegasus, eine tragbare Loge zum hohen Licht und gelehrte Gesellschaft und ein Taschen-Musensitz und kurzes goldnes Siècle de Louis XIV – bei dem Verstande also, den ich hatte, wars damals weniger ein Wunder als ein Glück, daß ich das Beste von meiner Allwissenheit in müßigen Stunden zu Papier brachte: – als ich nachher fiel und einfältig wurde, hatt' ich die Exzerpten oder ein räsonierendes Verzeichnis meines vorigen Wissens in Händen und schöpfte daraus.

»Jungfer!« – so fing ich hinter dem Paradies den Sermon an – »wir sind zwar die ersten Eltern und gesonnen, die andern Eltern zu zeugen; aber du denkst an nichts, wenn du nur mit deinem Löffel in einen verbotenen Äpfel-Mus fahren kannst. Ich als Mann und Protoplast sinne nach und will heute im Auf- und Abgehen der Hochzeitprediger und Strohkranzredner – ich wollt', ich hätte mir einen fremden dazu gezeugt – bei unserer heiligen Handlung sein und mir und dir in einer kurzen Traurede vorstellen:

Die Zweifels- und die Entscheidgründe oder die rationes dubitandi und decidendi der Protoplasten – oder das erste Eltern- und Hochzeit-Paar (ich und du nämlich) begriffen im Reflektieren und Betrachten – und zwar wie es betrachtet

in der ersten Pars die Ursachen und Gründe, die Erde nicht zu besamen, sondern heute noch auszuwandern, das eine in die alte, das andere in die neue Welt – und in der

zweiten Pars die Gründe, es dennoch bleiben zu lassen und zu heiraten; – worauf dann ein kurzer Elenchus oder usus epanorthoticus erscheinen und die Nacht beschließen muß.

I. Pars

Andächtige Zuhörerin! so wie du mich da siehst im Schafpelze, ernsthaft, denkend und recht: so steck' ich doch voll Narrheiten nicht sowohl als voll – Narren, die mancher Weise als Einschiebsel durchschießt. Ich bin zwar kleiner Statur und das WeltmeerDer französische Akademist Nikolaus Henrion zerrete den Adam bis zu 123 Fuß 9 Zoll lang, Hevam 118 Fuß 9¾ Zoll. Die Rabbinen berichten das Obige, daß Adam nach dem Fall durch den Ozean gelaufen. S. den II. bibl. Discours von Saurin. lief mir ziemlich über die Knorren und besprützte mein neues Tierfell; aber beim Himmel! ich wandle hier mit einem Säetuch umhangen, worin die Sämerei aller Völker liegt, auf und ab und trage das Repertorium und die Verlagkasse des ganzen Menschengeschlechts, eine ganze kleine Welt und einen orbem pictum vor mir her, wie Hausierer ihr offnes Warenlager auf dem Magen. Denn Bonnet, der im Magen mit steckt, wird, wenn er herausgehoben wird, sich niedersetzen und es auf seinem Schreibpulte dartun, daß alles ineinanderstecke, eine Parenthese und Schachtel in der andern, daß im Vater der Sohn, im Großvater jene beiden, im Urgroßvater folglich der Großvater mit seinem Inserat, im Ururgroßvater der Urgroßvater mit dem Inserat des Inserats und mit allen seinen Episoden sitze und warte. Sind denn deinem Bräutigam allhier – denn dir, liebe Braut, kann man gar nicht faßlich genug sein – nicht einverleibt alle Religionparteien und, die Präadamiten ausgenommen, sogar die AdamitenDie bekannte Sekte, die unbekleidet in die Kirche ging. und alle Riesen, selber der große Christoffel – jedes Völkerpersonale – alle für Amerika bestimmte Schiffladungen von Negern und das rot gezeichnete Päckel, worin die von den Engländern verschriebene Ansbacher und Baireuther Soldateska ist? – Heva, steh' ich nicht vor dir und bin, wenn man mein Inneres ansieht, eine lebendige Judengasse – ein Louvre aller regierenden Häupter, die ich alle zeugen kann, wenn ich sonst will und mich nicht die erste Pars abbringt? Bewundern wirst du mich und doch auch auslachen, wenn du mich aufmerksam anschauest und die Hand auf meine Achsel legst und denkst: hier in diesem Manne und Protoplastiker sitzen nun alle Fakultäten und Männer – alle philosophischen Schulen und alle Näh- und Spinn-Schulen ohne Zank – die besten altfürstlichen Häuser, wiewohl noch nicht rein aus dem gemeinen Schiffvolk ausgeklaubt – die ganze freie Reichsritterschaft, aber freilich noch unter ihre Zinsbauern und Häusler und Kossäten verpackt – Nonnenklöster mit Mönchklöstern legiert – alle Kasernen und Landesdeputierte, der Domkapitel nicht zu gedenken, die aus ihren Dompröpsten, Dechanten, Senioren, Subsenioren und Domherren bestehen! Welch ein Mann und Enak! wirst du dazusetzen. Du hast recht, Gute! das bin ich, ordentlich der Hecktaler des Menschen-Münzkabinetts, der Gerichthof aller Gerichte, noch dazu ganz besetzt, ohne Abgang eines einzigen Beisitzers, das lebendige corpus juris aller Zivilisten, Kanonisten, Kriminalisten, Feudalisten und Publizisten: hab' ich nicht Meusels Gelehrtes Deutschland und Jöchers Gelehrten-Lexikon vollständig in mir und Jöchern und Meuseln selber, der Supplementbände nicht zu erwähnen? – Ich wollte, ich könnte dir den Kain vorzeigen – dieses würde, wenn mich die zweite Pars überredete, unser erster Fechser und Ranke sein, unser Prinz von Wallis, Kalabrien, Asturien und Brasilien – du würdest sehen, wenn er durchsichtig wäre – welches ich glaube –, wie alles wie Biergläser in ihm ineinander steckte, alle ökumenische Konzilien und Inquisitionen und Propaganden und der Teufel und seine Großmutter. – Aber, Schönste, du hast vor deinem Falle nichts von deiner Scientia media niedergeschrieben wie ich und guckest also stockblind in die Zukunft hinaus. – Allein ich, der ich ganz hell durch sie blicke, ersehe aus meiner Chrestomathie, daß, soll' ich mich wirklich meines Blumenbachischen nisus formativus bedienen und in das jus luxandae coxae oder primae noctisIm eigentlichen Sinn die erste Nacht, weil Eva nach vielen Gelehrten schon am Morgen ihrer Schöpfung die Obstdiebin wurde. heute einige protoplastische Blicke werfen, daß ich nicht zehn Narren, wie etwan sonst einer tut, machen würde, sondern ganze Billionen Zehner und die Einer dazu, angesehen alle in mir seßhafte Stockböhmen – Pariser – Wiener – Leipziger – Baireuther – Höfer – Dubliner – Kuhschnappler (und ihre Weiber und Töchter dazu) durch mich zum Leben kommen würden, unter denen allemal gegen 1000000 über 500 sein werden, die keine Vernunft annehmen und doch keine haben. Duenna, du kennst die Menschen noch wenig, bloß zwei, denn die Schlange ist keiner; aber ich weiß, was ich produziere, und daß ich mit meinem limbus infantum zugleich ein Bedlam aufmache. – Beim Himmel! ich zittre und klage, wenn ich in die Jahrgänge der Jahrhunderte nur zwischen die Blätter hineingucke und nichts darin sehe als Blut-Kleckse und bunte Narren-Quodlibets – wenn ich die Mühe überrechne, bis ein Jahrhundert nur eine leserliche Hand schreiben lernt, die so gut ist wie die eines Elefantenrüssels oder eines Ministers – bis die arme Menschheit durch die Trivial- und Winkelschulen und durch die Hausfranzösinnen hindurch ist, so daß sie mit Ehren in lateinische Lyzeen, in Fürsten- und Jesuiterschulen gesetzt werden kann, bis sie gar den Fecht- und Tanzboden, die Zeichenstunden und ein dogmaticum und clinicum besuchen kann. Beim Henker! mir wird schwül – dich nennt freilich niemand die Bruthenne des künftigen Starenflugs, den Kabliau-Rögner, in welchem Leuwenhoek 9½ Millionen Stockfisch-Eier zählt; dir legt mans nicht zur Last, Evchen, aber deinem Manne, der hätte gescheuter sein (wird man sagen) und lieber gar nichts zeugen sollen als solches Gesindel, wie die meisten Räuber sind – gekrönte Imperatoren auf dem römischen Thron und Statthalter auf dem Römischen Stuhl, wovon jene sich nach Antonin und Cäsar und diese nach Christus und Petrus nennen werden und unter welchen Leute sind, deren Thronstuhl ein Lüneburgischer Torturstuhl der Menschheit und ein Steinischer Geburtstuhl des Gottseibeiuns ist, wenn er nicht gar ein umgekehrter Grêve-Platz wird, der zugleich zu Hinrichtungen des Ganzen und zu Freudenfesten der Einzelnen dientEs scheint fast auf die Ineinanderverleibung des ernsten Tigers und des spielenden Affen hinzudeuten, daß der Grêve-Platz in Paris zugleich die Richtstätte der Missetäter und das Lustlager öffentlicher Volkfeste ist, daß auf demselben Raum Pferde einen Königmörder zerreißen und Bürger einen König feiern und daß die Feuerräder der Geräderten und die Feuerräder der Feuerwerker benachbart nacheinander spielen – – schauerliche Gegensätze, die man nicht häufen darf, wenn man nicht selber in die Nachahmung derer, die zur Rüge den Anlaß gegeben, verfallen will. . – Auch wird man mir den Borgia, den Pizzaro, den hl. Dominikus und den Potemkin vorwerfen. Gesetzt auch, ich wüßte den Vorwurf dieser schwarzen Ausnahmen abzulehnen: so werd' ich doch einräumen müssen (und Anti-Adams werdens utiliter akzeptieren), daß meine Abkömmlinge und Kolonisten keine halbe Stunde leben können, ohne eine Torheit zu denken oder zu begehen – daß der Riesenkrieg der Triebe in ihnen keinen Friedenschluß, selten einen Waffenstillstand erhält – daß der Hauptfehler des Menschen bleibt, daß er so viele kleine hat – daß ihm sein Gewissen beinahe zu nichts dient als zum Hassen des Nächsten und zum kränklichen Gefühle fremder Übertretungen – daß er seine Unarten nicht eher wegwerfen will als auf dem Totenbette, an das ihm ein Beichtstuhl geschoben wird, wie die Kinder vorher zu Stuhle gehen, ehe sie zu Bette gebracht werden – daß er die Sprache der Tugend lernt und liebt und den Tugendhaften anfeindet, wie die Londner sich französische Sprachmeister halten und den Franzosen selber gram sind. – – Eva, Eva, wir werden schlechte Ehre einlegen mit unserer Hochzeit; Adam heißet nach dem Grundtext rote Erde, und wahrlich es werden meine Backen ganz daraus bestehen und erröten, wenn ich nur an die unaussprechliche und unausgesetzte Eitelkeit und Einbildung unserer Urenkel denke, die gerade mit den Jahrhunderten schwillt. Keiner wird sich bei der Nase zupfen als etwan einer, der sich selber rasiert – der hohe Adel wird auf die Deckel der geheimen Gemächer sein Familien-Wappen brennen lassen und den Schwanzriemen seiner Gäule in seinen Namenzug verschlingen – die Rezensenten werden sich über die Skribenten, diese über jene stellen – der Heimlicher v. Blaise wird sich von Waisen die Hand küssen lassen, die Damen von jedem, und Höhere den ausgenähten Rocksaum. Heva, ich hatte meine prophetischen Extrakte aus der Welthistorie bloß erst bis ins 6te Jahrtausend fortgeführt, als du gerade unter dem Baum anbissest und ich aus Einfalt dir nachaß und mir alles entfiel: – Gott weiß, wie erst die Narren und Närrinnen der übrigen Jahrtausende aussehen! Jungfer! wirst du jetzo den Sternocleidomastoideum, welchen Sömmering den Kopfnicker nennt, gebrauchen und damit dein Ja sagen, wenn ich dir die Frage vorlege: willst du gegenwärtigen Hochzeitprediger zu deinem ehelichen Gemahl haben? –

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