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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Aber den Friseur Merbitzer konnt' er mit einer verminderten Gefahr, sich zu verraten, besuchen und von ihm eine größere Aussteuer von Nachrichten mitnehmen. – Übrigens hatte jetzt die Sense des Todes mit den Banden der Liebe zugleich alle seine Ketten und Knoten zerhauen; er schadete nun niemand als sich, wenn er vor andern, ja vor der trauernden Natalie seine Totenlarve abzog und sich unvermodert darstellte – um so mehr, da ihm sein Gewissen an jedem schönen Abend und bei jeder guten Tat die Verzögerzinsen der rückständigen Wahrheit-Schuldenmasse abfoderte und alle Moratorien verweigerte. – Auch schwur sein Ich wie ein Gott seinem Ich, daß er nur diesen Tag noch bleibe und dann niemals wiederkehre.

Der Friseur ersah am Hinken sogleich, daß es niemand anders sei als der Vaduzer Inspektor – Leibgeber. Er setzte, gleich der Nachwelt, dem vorigen Mietmann Siebenkäs die dicksten Rosmarinkränze auf und beteuerte; sein jetziges Spitzbubenzeug von Strumpfwirkern oben sei gegen den sel. Herrn gar kein Vergleich, und das ganze Haus krache, wenn sie oben träten und schnarrten. Er brachte dann bei, daß der Selige die Frau in Jahrfrist nachgeholt habe – daß diese nie Merbitzers Haus vergessen können, daß sie oft bei Nacht in ihrer Trauerkleidung, worin man sie auch beerdigen müssen, eingesprochen und Red' und Antwort von ihrer Veränderung gegeben: »sie lebten«, sagte der Haarkräusler, »wie zwei Kinder miteinander – nämlich Stiefel und sie.« – Dieses Gespräch, dieses Haus und endlich sein eignes, jetzt so lärmendes Zimmer zeigten nichts als leere Stätten des zerstörten Jerusalems – wo sein Schreibtisch war, stand ein Strumpfwirkerstuhl etc. – und alle seine Fragen nach der Vergangenheit waren die Brandkollekte, welche die niedergebrannten Lustschlösser wieder aus der Phönixasche heben sollte. Die Hoffnung ist das Morgenrot der Freude, und die Erinnerung ihr Abendrot; aber dieses tropfet so gern in entfärbtem grauen Tau oder Regen nieder, und der blaue Tag, den das Rot verspricht, bricht freilich an; aber in einer andern Erde, mit einer andern Sonne. – Merbitzer schnitt, unwissend, den Spalt tief und weit, in den er die abgeschnittenen Blütenzweige der alten Tage dem Herzen Firmians einimpfte – und als seine Frau zuletzt erzählte, daß Lenette nach dem Krankenabendmahl bei dem Vesperprediger angefragt: »ich komme doch nach meinem Tod zu meinem Firmian?« so kehrte Firmian von diesen blinden Dolchstichen seine Brust weg und eilte fort, aber ins Freie hinaus, um keinem Menschen zu begegnen, den er belügen hätte müssen.

Und doch mußt' er sich nach einem Menschen sehnen, und wäre einer nicht anders zu finden als unter seinem niedrigsten Dache im – Gottesacker. Der gewitterhafte Dampf- und Dunstkreis des Abends brütete alle Wünsche der Wehmut an; der Himmel war mit unreifen zerstückten Gewitterflocken durchzogen, und am östlichen Horizont warf schon ein brausendes Gewitter seine entzündeten Pechkränze und seine vollen Wolken auf unbekannte Gegenden nieder. Er ging nach Hause; aber indem er vor den hohen Staketen des Blaisischen Garten vorbeilief, glaubt' er eine Gestalt wie Natalie, schwarz gekleidet, in die Laube schlüpfen zu sehen. Erst jetzo fiel ihm die vorige Nachricht Merbitzers mehr auf, daß eine vornehme Trauerdame sich vor einigen Tagen alle Stuben seines Hauses zeigen lassen und sich besonders in den Siebenkäsischen aufgehalten und nach vielerlei erkundigt habe. Nataliens Umweg auf der Reise nach Vaduz war immer nach ihrer kühnen und romantischen Denkweise nicht unwahrscheinlich, da sie ohnehin Firmians Wohnort nie gesehen und der Inspektor ihr auf nichts geantwortet – da Rosa verheiratet war – und Blaise sich seit der Gespenstererscheinung ausgesöhnt hatte – und da Firmians Sterbmonat sie am natürlichsten zu einer Wallfahrt nach seinem letzten Orte einladen können.

Ihr Freund mußte nun wohl den ganzen Abend mit schmerzlicher Wärme an die letzte denken, die noch als der einzige unbedeckte Stern aus dem überzognen Sternenhimmel seiner vorigen Tage schimmerte. – Es wurde nun dämmernd; es wehte kühl; die Gewitter hatten sich schon an andern Ländern erschöpft; bloß schwarzrotes, zertrümmertes Gewölke, gleichsam glimmende, halbverkohlte Brände, waren im Himmel übereinander gehäuft. Er ging zum letztenmal nun an den Ort, wo der Tod die rote, zugleich mit der Knospe abgeschnittene Nelke eingelegt hatt; aber in seiner Seele wehete es, wie außer ihm, nicht mehr so schwül, sondern frischer – die Bitterkeit des ersten Schmerzes hatten Tränen verdünnt – er fühlte sanfter, daß die Erde nur der Zimmerplatz, nicht die Baustelle der Menschen sei – im Morgen glänzte mit aufsteigenden Sternen ein blauer, langer Streif über den versunknen Gewittern – der Lichtmagnet des Himmels, der Mond, lag wie eine Strahlenquelle auf der Folie einer gespaltenen Wolke, und das weite Gewölke schmolz ein und rückte nicht. –

Als Firmian näher am geliebten Grabe das gesunkne Haupt aufhob, ruhte eine schwarze Gestalt darauf. Er stockte, er blickte schärfer hin: es war eine weibliche, deren Angesicht, ins Eis des Todes eingefroren und eingeschmiedet, gegen ihn hinstarrete. Als er näher trat, war seine teuerste Natalie am bunten Grabgerüste niedergebrochen angelehnt, vor dem Herbstatem des Todes waren die Lippen und Wangen mit weißer Schminke angelaufen und die offenen Augen erblindet, und nur die Tränentropfen, die noch um sie hingen, zeigten an, daß sie erst gelebt, und daß sie ihn für die Geistererscheinung gehalten, wovon sie so viel gehört hatte. Da sie in der schwärmerischen Trauer über seinem Grabe ihrem starken und öden Herzen die Geistererscheinung gewünschet hatte, und da sie ihn nun kommen sah: so dachte sie, das Geschick erhöre sie; und dann zerdrückte die metallene Hand des kalten Entsetzens die rote Rose zur weißen. O! ihr Freund war unglücklicher; sein weiches, nacktes Herz lag zwischen zwei aneinanderstürzenden Welten zermalmt. Mit jammernder Stimme schrie er: »Natalie, Natalie!« Die Lippe zuckte auf, und das Auge wärmte ein Hauch von Leben an; aber als der Tote noch vor ihr stand, schloß sie das Auge und sagte schaudernd: »Ach Gott!« Vergeblich warf seine Stimme sie ins stechende Leben zurück; sobald sie aufblickte, gerann ihr Herz vor der nahen Schrecklarve, und sie konnte nur seufzen: »Ach Gott!« – Firmian riß an ihrer Hand und rief: »Du himmlischer Engel, ich bin nicht gestorben – blicke mich nur an – Natalie, kennst du denn mich nicht mehr? – O guter Gott! strafe mich nicht so gräßlich und nimm ihr das Leben nicht durch mich!« Endlich hob sie langsam die schweren Augenlider auf und sah den alten Freund neben sich zittern, mit den Tränen der Angst und mit dem wechselnden Angesicht, das unter den Giftstacheln der Qualen aufschwoll – er weinte froher und stärker und lächelte sie schmerzlich an, als sie die Augen offen ließ: »Natalie, ich bin ja noch auf der Erde und leide wie du – Siehst du nicht, wie ich zittere deinetwegen? – Nimm meine warme Menschenhand! – Bist du noch in Furcht?« – »Nein«, sagte sie erschöpft, aber sie blickte ihn scheu, wie einen überirdischen Menschen, an und hatte keinen Mut zur Frage über das Rätsel. Er half ihr unter sanften Tränen auf und sagte: »Aber verlassen Sie, Unschuldige, diese Trauerstätte, auf die schon so viel Tränen gefallen sind – für Ihr Herz hat das meinige kein Geheimnis mehr – ach ich kann Ihnen alles sagen, und ich sag' Ihnen auch alles.« Er führte sie über die stillen Toten hinauf durch die Hinterpforte des Gottesackers hinaus; aber sie hing, unter dem Ersteigen der nächsten Anhöhe, schwer, matt und immer zusammenschaudernd an seinem Arm, und bloß die Tränen, welche die Freude, die aufgelösete Angst, der Kummer und die Ermattung miteinander aus ihren Augen trieben, fielen wie erwärmter Balsam auf das kalte, zerspaltene Herz.

Auf der schwer erklommenen Höhe setzte sich die müde Kranke nieder – und die schwarzen Wälder der Nacht lagen, von weißen Ernten gegittert und von dem stillen Lichtmeer des Mondes durchschnitten, vor ihnen, die Natur hatte den gedämpften Lautenzug der Mitternacht gezogen, und neben Natalien stand ein teuerer Auferstandner. Er erzählte nun Leibgebers Bitten – seine kurze Sterbens-Geschichte – seinen Aufenthalt beim Grafen – alle Wünsche und Tränen seiner langen Einsamkeit – seinen festen Entschluß, sie lieber zu fliehen, als ihr schönes Herz mündlich oder schriftlich zu belügen und zu verwunden – und die Entdeckungen, die er dem Vater ihrer Freundin schon gemacht. Sie hatte bei dem Berichte seiner letzten Minute und seines ewigen Abschiedes von Lenetten geschluchzet, als wäre alles wahr gewesen. Sie dachte an vieles, als sie bloß sagte: »Ach Sie haben sich bloß für fremdes Glück geopfert, nicht für eignes. Doch werden Sie jetzt alle Täuschungen aufheben oder gutmachen.« – »Alle, so weit ich kann (sagt' er), meine Brust und mein Gewissen kommen endlich wieder in Freiheit: hab' ich nicht sogar Ihnen den Schwur gehalten, Sie nicht eher zu sehen als nach meinem Tode?« Sie lächelte sanft.

Beide sanken in ein trunknes Schweigen. Plötzlich fiel ihm, als sie einen vom kalten Tau gelähmten TrauermantelEin Tagschmetterling mit schwarzen, weiß geränderten Flügeln. auf den Schoß legte, ihre Trauer auf, und er fragte voreilig: »Sie betrauern doch nichts?« Ach sie hatte sie ja seinetwegen angelegt. Natalie antwortete: »nicht mehr!« – und setzte, den Schmetterling ansehend, mitleidig dazu: »Ein paar Tropfen und ein wenig Kälte machten den Armen starr.« – Ihr Freund dachte daran, wie leicht ihn das Schicksal für seine Kühnheit mit dem Erstarren des schöner geschmückten, obwohl ebenso schwarz bekleideten Wesens neben ihm hätte strafen können, das ohnehin schon in den Nachtfrösten des Lebens und im Nachttau kalter Tränen gezittert hatte; aber er konnte ihr nicht antworten vor Liebe und vor Schmerz.

Sie schwiegen nun, im gegenseitigem Erraten, halb in ihre Herzen, halb in die große Nacht verloren. Alles Gewölke – ach nur das am Himmel – hatte der weite Äther aufgesogen – Luna bog sich mit ihrem Heiligenschein wie eine umstrahlete Maria näher aus dem reinen Blau zu ihrer bleichen Schwester auf der Erde herein – der Strom schlug sich ungesehen unter niedrigen Nebeln fort, wie der Strom der Zeit unter den Nebeln aus Ländern und Völkern – hinter ihrem Rücken hatte sich der Nachtwind auf ein gebogenes, rauschendes Ährenstroh gebettet, das blaue Kornblumen bestreueten – und vor ihnen hinab lag die umgelegte Ernte der zweiten Welt, gleichsam die in der Fassung von Särgen liegenden Edelsteine, die durch den Tod kalt und schwerKälte und Schwere hat der echte Edelstein in größerem Maße als der unechte. geworden – und der fromme, demütige Mensch sank, als Gegenbild der Sonnenblume und des Sonnenstäubchens, als Mondblume gegen den Mond und spielte als Mondstäubchen in seinem kühlen Strahl und fühlte, nichts bleibe unter dem Sternenhimmel groß als die Hoffnungen.

Natalie stützte sich nun auf Firmians Hand, um sich daran aufzurichten, und sagte: »Jetzt bin ich schon imstande, nach Hause zu kommen.« – Er hielt ihre Hand fest, aber ohne aufzustehen und ohne anzureden. Er blickte das erhärtete Stachelrad des alten, von ihr gereichten Rosenzweiges an und drückte sich unwissend und unempfindlich die Stacheln in die Finger – längere und heißere Atemzüge hoben die beladene Brust empor – glühende Tränen hingen sich vor sein Auge, und das Mondlicht zitterte vor ihnen nur in einem Leuchtregen hernieder – und eine ganze Welt lag auf seiner Seele und auf seiner Zunge und erdrückte beide. – – »Guter Firmian«, sagte Natalie, »was fehlet ihnen?« – Er kehrte sich mit weiten, starren Augen gegen die sanfte Gestalt und zeigte mit der Hand auf sein Grab hinunter: »Mein Haus drunten, das schon so lange leer steht. Denn der Traum des Lebens wird ja auf einem zu harten Bette geträumt.« Er wurde irre, da sie zu sehr weinte, und da ihm das in himmlische Milde zerschmolzene Gesicht zu nahe war. Er fuhr mit der bittersten, innersten Rührung fort: »Sind denn nicht alle meine Teuern dahin, und gehst du nicht auch? Ach warum hat uns allen das folternde Geschick das wächserne Bild eines Engels auf die Brust gelegtMan gab sonst den Toten wächserne Engelbilder mit ins Grab. und uns damit ins kalte Leben gesenkt? O das weiche Bild zerbricht, und kein Engel erscheint ja, du bist mir wohl erschienen, aber du verschwindest, und die Zeit zerdrückt dein Bild auf meinem Herzen – und das Herz auch: denn wenn ich dich verloren habe, bin ich ganz allein. Lebe aber wohl! Bei Gott, ich werde doch einmal im Ernste sterben – und dann erschein' ich dir wieder; aber nicht wie heute, und nirgends als in der Ewigkeit. Dann will ich zu dir sagen: ›O Natalie, ich habe dich drunten mit unendlichen Schmerzen geliebt: vergilt mirs hier!‹« – – Sie wollte antworten; aber die Stimme brach ihr. Sie schlug ihr großes Auge zum Sternenhimmel auf; aber es war voll Tränen. Sie wollte aufstehen; aber ihr Freund hielt sie mit der Hand voll Dornen und Blut und sagte. »Kannst du mich denn verlassen, Natalie?« – Hier stand sie erhaben auf, bog das Haupt gegen den Himmel zurück, riß schnell die Tränen weg, die sie überströmten, und die fliegende Seele fand die Zunge, und sie sagte mit betenden Händen: »Du Alliebender – ich hab' ihn verloren – ich hab' ihn wiedergefunden – die Ewigkeit ist auf der Erde – mach ihn glücklich bei mir!« Und ihr Haupt sank zärtlich und müde auf seines, und sie sagte: »Wir bleiben beisammen!« Firmian stammelte: »O Gott! o du Engel – im Leben und Tode bleibst du bei mir.« –

»Ewig, Firmian!« sagte leiser Natalie; und die Leiden unsers Freundes waren vorüber.

Ende des Buchs

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