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Sie will. - Band 2

Georges Ohnet: Sie will. - Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleSie will. ? Band 2
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeVierter Jahrgang. Band 17.
year1888
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Die Hochzeit Louis Hérault-Gandons hatte unter den glücklichsten Auspizien stattgefunden. Die Großmutter war vor Freude außer sich, und von seiten der Familie der Verlobten war zum Glück kein Verwandter da, der finster die Stirne gerunzelt hätte über die Verbindung dieses letzten Sprosses einer altadeligen Familie mit einem bürgerlichen Industriellen. Helenes Zukunft ward fürstlich sichergestellt, in den Ehevertrag wurde aufgenommen, daß sie eine Million mit in die Ehe gebracht. Bei Ausfertigung dieses Dokuments hatte jedoch der Notar der Familie Hérault die Entdeckung gemacht, daß Louis das Vermögen des Hauses schon in Bedenken erregender Weise angegriffen hatte, was er dem jungen Manne auch keineswegs verschwieg. Natürlich waren noch immer die Werke und das Gut Boissise vorhanden, ohne von dem persönlichen Vermögen der Großmutter Hérault zu sprechen; aber was bei Leuten von bescheidener Lebensführung schon Wohlstand wäre, reicht bei solchen, die auf großem Fuße zu leben gewohnt sind, gerade zum Notwendigsten.

Vom ersten Tage an hatte Helene den richtigen Blick für das, was der gesellschaftlichen Stellung, in welche sie getreten, angemessen war. Ohne in dem Leben, wie es bisher geführt worden, merkliche Veränderungen eintreten zu lassen, regelte sie mit sicherer Hand den Verbrauch des Haushaltes in einer Weise, daß die verfügbaren Mittel nicht mehr überschritten wurden. Sie setzte ihren Mann durch ihre Bestimmtheit und Klarheit in Erstaunen und erfüllte die Großmutter, die niemals zu rechnen verstanden, mit freudiger Bewunderung. Uebrigens schien Louis ein andrer Mensch werden zu wollen. Seiner Frau zuliebe hatte er sich wieder mit den Geschäften befaßt und ging pünktlicher als je Tag für Tag nach St. Denis. Von all dem Schlimmen, das man dieser jungen Ehe prophezeit hatte, schien nichts einzutreffen. Allerdings mußte zugegeben werden, daß die Flitterwochen noch nicht vorüber waren, und bei einer Liebe, wie die Louis', waren sechs Monate keineswegs zuviel für diese Stimmung. Er betete seine Frau an, das war unleugbar, und sah nur durch ihre Augen. Sogar Emilie war angenehm überrascht; sie hatte bei ihrem Jugendfreunde entschieden weniger Ausdauer in seinen Gefühlen vorausgesetzt. Liebeleien, flüchtige Neigungen, mit einem Worte Strohfeuer, das hatte man dieser leicht erregbaren, wenig zuverlässigen Natur zugetraut; eine sich gleichbleibende, dauernde Liebe, das grenzte an ein Wunder, und Helene hatte dieses Wunder bewirkt.

Der erste Winter nach ihrer Verheiratung war für die junge Frau eine Reihe glücklichster Tage. Ihr Mann, den die große Welt gelangweilt, hatte die wenigen Beziehungen, die sein Vater sich geschaffen, fallen lassen. In seinem Stolz auf Helene aber und in dem Wunsche, sie bewundert zu sehen, knüpfte er mit den alten Freunden wieder an und suchte neue zu gewinnen. Lereboulley, der ganz Paris kannte, war ihm hierbei behilflich. Das Hotel Hérault öffnete sich wieder in seinem alten Glanze, und die lichtdurchströmten Räume füllten sich nach langer Unterbrechung mit Gästen, die sich sichtlich gern dort einfanden. Helene war als Dame des Hauses von vollendeter Anmut und herzgewinnender Einfachheit. Die schärfste Kritik fand nichts an ihr auszusetzen, und man zählte sie in kurzer Zeit zu den hervorragendsten Frauen. Sie freute sich der Aufnahme, welche die Gesellschaft ihr zu teil werden ließ, freute sich namentlich Louis' wegen, der sich in seiner Eitelkeit unendlich geschmeichelt fühlte, und die Eitelkeit nahm keinen geringen Platz in seinem Charakter ein. Er gehörte zu den Leuten, die sich frischweg ruinieren, nur damit man von ihnen sagt, sie haben das schönste Haus, die besten Pferde, die glänzendsten Jagden, die hübscheste Frau. Zum Glück war seine Frau nicht nur wirklich eine der hübschesten, sondern auch vielleicht die klügste, und verhinderte ihn, allzu viele Dummheiten zu begehen. Er war von jeher gewohnt gewesen, sich von irgend jemand leiten zu lassen, und solange Thauziat sein Führer gewesen, hatte dieser ihn mit seiner großartigen Geldverachtung zur tollsten Verschwendung veranlaßt. Dieser Einfluß war nun nicht mehr vorhanden, denn Thauziat hielt sich, seit er in Boissise eine so schmerzliche Enttäuschung erfahren, sehr fern von dem jungen Paar, und Helene war herzlich froh darüber. Seitdem sie in die innersten Falten von ihres Mannes Herz geblickt, hatte sie erst ganz erkannt, welch gewaltigen Einfluß Clement ausgeübt, und wußte, daß es nur eines Wortes bedurfte, um diesen Einfluß von neuem mächtig werden zu lassen. Der tödliche Haß, den Louis in seiner Eifersucht auf Thauziat geworfen, war verschwunden, seit er sich im sicheren Besitze seines Glückes wußte, und auch wenn er wirklich Ursache zu diesem Haß gehabt, hätte derselbe schwerlich lange angedauert. Diese oberflächliche Natur wußte keine Empfindung festzuhalten, und leider gehörten seine besten Gefühle auch immer zu den flüchtigsten. Nicht ohne Bangen hatte daher die junge Frau in den erster Tagen ihrer Ehe sich seinem Wunsche gefügt, bei Lereboulley einen Besuch zu machen. Thauziat war einer der Hausfreunde, und sie fürchtete, ihm dort zu begegnen. Sie sagte das Emilie ganz offen, als dieselbe ihr vorwarf, daß sie sich so selten sehen ließ. Bei den ersten Worten, die sie jedoch sprach, unterbrach sie Fräulein Lereboulley: »Wenn du das fürchtest, kennst du Clement schlecht.... Er wird sich von dir fern halten und nicht ein Wort sprechen, das dich beunruhigen oder dir peinlich sein könnte.... Er besitzt ein außerordentliches Maß von Selbstbeherrschung.«

Und in der That, jedesmal, wenn Helene und Thauziat sich auf einer Soirée oder einem Ball trafen, wich Clement ihr aus und verließ die Gesellschaft, sobald er annehmen konnte, daß sein Verschwinden nicht mehr auffällig mit dem Erscheinen des jungen Héraultschen Paares in Verbindung gebracht werden könne. Er führte dieses Ausweichen so konsequent durch, daß Louis ärgerlich darüber wurde und sein Benehmen gesucht und unnatürlich fand. Sie waren Nebenbuhler gewesen, war das aber ein Grund, sich nicht mehr zu kennen? Er hatte ja nichts gegen Clement, weshalb war dieser ihm noch immer böse? Sechs Monate waren wahrhaftig lang genug, um von jedem Liebeskummer geheilt zu werden: fortgesetzte Verzweiflung wirkte abgeschmackt, besonders bei einem Manne, den die Frauen so gern für diese eine Enttäuschung schadlos gehalten hätten.

Er machte es Helene zum Vorwurf, daß sie sich einer Annäherung nicht günstig zeige, fand sie aber in diesem Punkt unerbittlich. Sie erklärte, daß es ganz unnötig sei, nach so langer Entfremdung die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen. Zusammengeleimtes werde nie mehr ganz, moralische Risse lassen sich nicht heilen, und jedenfalls sei es nicht Louis' Sache, den Anfang zu machen. Wenn Thauziat, nachdem er ruhiger geworden, wieder offen und ehrlich wie ein Freund zu ihnen käme, so würde sie ihn sicher nicht von der Thür weisen. Sein systematisches Sichfernhalten sei ja gerade ein Beweis dafür, daß er nicht vergessen habe.

»Fürchtest du vielleicht, er möchte dir den Hof machen?« fragte Louis spöttisch, mit der übermütigen Sicherheit eines Mannes, der sich geliebt weiß.

»Vielleicht,« sagte Helene ernst.

Sie wollte nicht eingestehen, daß sie einen intimen Verkehr mit Thauziat weit mehr für ihren Mann, als für sich selbst fürchtete. Bald darauf jedoch befreiten äußere Umstände sie von dieser Sorge. Lereboulley reiste mitten im Winter nach Smyrna, um dort ein großes Transportgeschäft zu studieren; es handelte sich um eine Dampferlinie zwischen Marseille und der syrischen Küste. Der Senator beabsichtigte, sich auf seiner Reise in Korinth aufzuhalten, um dort die Stelle in Augenschein zu nehmen, an welcher der Isthmus durchstochen werden sollte. Er wollte Thauziat mitnehmen, und die Reise sollte auf einer Dampf-Jacht ausgeführt werden, die Sir James gekauft hatte, um seiner Frau eine Freude zu machen.

Die »Sirene« war eins der hübschesten Boote, die je ein Privatmann besessen. Es hatte vierhundert Tonnen, machte fünfzehn Knoten, und sein früherer Besitzer, Lord Mellivan Grey, überließ es seinem Landsmann Sir Olifaunt nur, weil er durch den Tod seiner Tochter die Lust am Reisen verloren hatte. Als Sir James Lereboulley seinen Ankauf eingestanden, war dieser außer sich. Hier handelte es sich nicht mehr um Bilder und Statuetten, sondern um eine Jacht, die nicht auf eine Etagere zu stellen war, sondern die im Gegenteil eine Schiffsmannschaft und Heizmaterial erforderte und täglich sich erneuernde Ausgaben mit sich brachte. Vierzehn Tage lang wurde denn Sir James auch von Lereboulley mit Vorwürfen überhäuft.

»Wenn das Ding wenigstens zu irgend etwas gut wäre,« sagte er zu Sir James, »aber bei der kleinen Nußschale ist vermutlich von Seetüchtigkeit nicht die Rede, und bei der ersten besten Gelegenheit wird das Ding einfach untergehen. Und auf einem solchen Fahrzeug soll ich mit Ihnen reisen? Sie sind verrückt, mein Lieber, vollständig verrückt, und ich hoffe nur, daß Ihre Frau sich auf nichts einläßt. ... Wenn sie nicht von Sinnen ist, bleibt sie hübsch am Lande. Sollten Sie untergehen, Sir James, so werden wir Sie ja natürlich betrauern, aber Sie haben doch wenigstens nicht die arme Diana auf dem Gewissen.«

Mit wahrer Wut prophezeite er fortgesetzt Sir James einen Schiffbruch ohnegleichen, und man hörte deutlich heraus, wie gern er am Ufer Augenzeuge dieses Unterganges sein würde, vorausgesetzt natürlich, daß die »Sirene« mit Mann und Maus, und vor allem mit seinem Freunde zu Grunde ginge. Sir James ließ sich aber durchaus nicht einschüchtern und wiederholte mit seinem gewöhnlichen Phlegma: »Diana hat die Jacht gekauft, und sie ist glückselig im Gedanken, das Mittelmeer auf ihrem eignen Boot zu befahren. Uebrigens ist die Jacht sehr hübsch und bietet die größte Sicherheit.«

»Eine Nußschale, sage ich Ihnen, eine Nußschale,« brummte Lereboulley wütend, »und Sie wollen uns alle ersäufen.«

»Ich habe mit der ›Sirene‹ ein glänzendes Geschäft gemacht,« erwiderte Sir James, »ich kann sie jeden Tag mit ungeheurem Nutzen wieder verkaufen.«

»Ein Geschäft!« schrie Lereboulley zornig, »ein glänzendes Geschäft! Meinen Sie damit etwa den Gelegenheitskauf für die Kleinigkeit von viermalhunderttausend Franken? Haben Sie verstanden, Sir James, viermalhunderttausend Franken! Sie scheinen gar nicht zu wissen, was viermalhunderttausend Franken sind! Sie müssen bezahlt werden, Donnerwetter, denken Sie denn daran?«

»Ich habe Sie benachrichtigt, wann die erste Zahlung zu leisten ist.«

»Er ist himmlisch ... nein wahrhaftig, himmlisch,« stieß Lereboulley mit vor Zorn erstickter Stimme heraus.

Sir James, dessen Geduld zu Ende war, schritt mit so zorniger Miene auf den Senator zu, daß dieser wie umgewandelt nur noch hie und da kleinlaut einen leisen Ausruf, aber keinen direkten Tadel mehr wagte. Schließlich gab auch Diana mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln die Erklärung ab, daß sie über diesen Besitz sehr glücklich sei, und das genügte, um selbst den heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Sir James und Lereboulley eine Ende zu machen. Die luxuriös ausgestattete Jacht war in Havre eingetroffen, und da Diana mehr als je darauf bestand, eine Fahrt durch das Mittelmeer zu machen, beschloß der Senator, sich auf der »Sirene« nach Smyrna befördern zu lassen. Er kam auf diese Weise einigermaßen auf seine Kosten und war ein paar Wochen mit Diana zusammen. Sobald man sich einmal darüber geeinigt, daß die Reise stattfinden sollte, gab man ihr vollständig den Charakter einer glänzenden, festlichen Vergnügungsfahrt. Man sprach überall davon, sogar etwas mehr, als Lereboulley lieb war, da er in Bezug auf Diana den Schein zu wahren wünschte. Emilies Bosheit, die, wenn es sich um die schöne Engländerin handelte, keine Grenzen kannte, war unerschöpflich in Sticheleien und Witzen über diese Reise, Als man sie eines Abends in Gegenwart ihres Vaters fragte, welchen Hafen Lady Olifaunts Jacht im Mittelmeer anlaufen würde, erwiderte sie: »Mein Gott, das ist doch ganz klar.«

»Nun, welchen denn?«

»Cythere.«

Diese Ungezogenheiten, die Lereboulley teils aus Furcht, teils aus Liebe zu seiner Tochter nicht zu rügen wagte, waren ihm doch im Grunde sehr unangenehm. Für das Versprechen, Diana nicht mehr mit ihren satirischen Bemerkungen zu vernichten, hätte sie von ihm erlangen können, was ihr Herz nur irgend begehrte; allein das Vergnügen, die hübsche Frau, die ihrem Vater so teuer zu stehen kam, herunterzureißen, wo sie nur konnte, war so groß für das von der Natur vernachlässigte Mädchen, daß sie um keinen Preis darauf verzichtet haben würde, ihrer Laune die Zügel schießen zu lassen. Die Folge dieser spöttischen Angriffe war, daß die »Sirene« früher als festgesetzt die Anker lichtete, und Helene eines schönen Morgens zu ihrer wahren Herzenserleichterung erfuhr, daß Lereboulley und Thauziat sich auf der blauen Flut herumtummelten.

Von diesem Augenblick an fühlte sie sich beruhigt und atmete freier auf, wodurch sie nur noch heller in ihrer Schönheit und ihrem Glück erstrahlte. Wenn eine Frau in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht, so erregt sie leider in der Regel ebensoviel Haß und Neid als Bewunderung. Helene aber hatte den seltenen Vorzug, von den Männern bewundert und von den Frauen nicht verabscheut zu werden. Sie gefiel, aber man fühlte, daß sie ihre Macht nie mißbrauchen würde, und war infolgedessen nachsichtig gegen sie. Es war nichts Gemachtes in ihrem Wesen; sie gab sich wie sie war, und das war das beste, was sie thun konnte.

Nur ein Ehrgeiz erfüllte sie, der, ihren Mann immer enger an sich zu fesseln. Auf dieses Ziel allein war all ihr Denken und Sinnen gerichtet und der Erfolg dieses Strebens war eigentümlicherweise der, daß ihre Liebe zu Louis sich immer mehr steigerte und vertiefte, indes die seine sich einfach gleich blieb. Indem bei ihr Herz und Gedanken sich unablässig mit dem hübschen Blondkopf beschäftigten, war sie dahin gekommen, ihn immer inniger zu lieben, und hatte sich so in ihrer eignen Falle gefangen. Louis war noch immer sehr verliebt; besonders an den Tagen, wo man seiner Eitelkeit als Gatte durch Lobsprüche schmeichelte, die Helene übrigens verdiente.

Ein leicht vorauszusehendes Ereignis legte indes Helene im gesellschaftlichen Verkehr Beschränkung auf. Die Freude Frau Héraults war grenzenlos, und Louis hielt sich nach Kräften auf der Höhe des allgemeinen Enthusiasmus. Zwar liebte er Kinder nicht besonders, aber dennoch ließ der Gedanke, ein eignes Kind, womöglich einen Sohn, zu haben, eine ihm selbst bis dahin unbekannte Herzenssaite erklingen. Er gab seiner Frau den aufrichtigsten Beweis seiner Liebe indem er, als sie gar nicht mehr ausging, alle Abende zu Hause mit ihr verbrachte, ja, wenn Helene selbst ihm des Abends nach seiner Rückkehr aus St. Denis sagte: »Du mußt dich ja hier langweilen; geh doch ins Theater, es wird heute ein neues Stück gegeben,« so erwiderte er: »Nein, laß nur, das Stück wird noch lange genug gespielt werden, wir können es später miteinander sehen.«

Dann schloß ihn seine Frau wohl in die Arme, strich ihm leise mit ihrer weißen Hand über die hübschen blonden Haare, schaute ihm tief in die blauen Augen, und wenn sie nichts als innere Ruhe und Heiterkeit in denselben las, küßte sie ihn, in glücklicher, beglückender Liebe. Uebrigens gab sie sich alle Mühe, ihm die Zeit so gut als möglich zu vertreiben; sie hatte viel gelesen und besaß eine lebhafte Phantasie und wußte anziehend zu plaudern und Louis' Interesse gefangen zu nehmen. Er bewunderte sie, und ihre Bildung setzte ihn in Erstaunen, sprach sie doch alle Augenblicke von Dingen, die er nicht kannte, und von Menschen, deren Existenz er nicht einmal ahnte. Nach und nach bekam er eine hohe Meinung von der geistigen Tüchtigkeit seiner Frau und fragte sie auch in Geschäftsangelegenheiten um Rat. Zuweilen sagte sie dann wohl lachend: »Wenn dein Großvater Hérault mich gekannt hätte, so würde er mich ganz gewiß in sein Comptoir gesteckt haben! Das wäre gar nicht so übel, denn ich glaube, ich hätte einen ganz guten Buchhalter abgegeben.«

Sie wußte sich das Vertrauen ihres Mannes zu nutze zu machen und lernte nach und nach den Gang des Geschäftes bis in seine Einzelheiten kennen. Hierbei entdeckte sie, daß es sich in der Fabrik von St. Denis nicht nur um Fabrikation, sondern auch um Spekulationen handelte. Das Kupfer unterlag bedeutenden Schwankungen, und je nachdem eine Hausse oder Baisse eintrat, konnten die Ergebnisse schlecht oder gut sein. Die Hauptsache war nun, in der Zeit, wo die Preise niedrig standen, so viel Material wie möglich aufzustapeln und Apparate zu fabrizieren, die sich immer sehr teuer verkauften. Neuerdings war Ueberfluß an Kupfer vorhanden. Seit für Kanonen Stahl statt der Bronze verwendet wurde, hatte die Kupferproduktion eine bedeutende Einbuße erlitten, überdies waren neue Minen entdeckt worden, und namentlich Spanien erlitt infolge der Entwertung des Metalles große Verluste. Glücklicherweise hatte das Werk durch Lereboulleys Vermittlung einen großen Auftrag, eine ungeheure Lieferung von Metallhülsen für Patronen, erhalten, auch war das große Unternehmen eines Kabels zwischen Brest und Panama so gut wie gesichert.

Trotzdem war Helene nicht frei von Sorge; sie hatte bei Louis eine gewisse Neigung zum Spekulieren bemerkt. Er dachte an nichts, als an die Möglichkeit, durch An- und Verkauf von Rohkupfer Geld zu verdienen, anstatt seine Werkstätten durch die Vervollkommnung der Fabrikation zu heben. Es war ihr darum zu thun, seinen Eifer nach dieser Richtung hin zu lenken und zu erhöhen, aber freilich war hierfür erforderlich, den ihm eigentümlichen Abscheu vor der Arbeit zu überwinden: daß er dies selbst nach Kräften zu thun bestrebt war, erkannte sie wohl an, und empfand oft und viel ein gewisses Mitleid, wenn sie sah, wie unendlich schwer der Kampf gegen seine eigenste Natur ihm wurde, und doch lag für ihn und die Seinen das einzige Heil darin, daß er beschäftigt war.

Die alte Frau Hérault, die ihren Enkel bisher immer nur für Dummheiten passioniert gesehen hatte, konnte gar nicht begreifen, was unter Helenes Händen aus ihm geworden war, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte sie die mit Louis vorgegangene Wandlung für ein Wunder erklärt. Ein viel größeres Wunder sollte aber in Bälde geschehen. Eines schönen Abends um elf Uhr wurde ihr ein Urenkel geboren, und zum zweitenmal in seinem Leben vergoß Louis Freudenthränen.

Am Bett seiner Frau sitzend, ihre Hand in der seinigen haltend, während der eben geborene kleine Hérault unter den freudestahlenden Augen der Großmutter aus dem Bade genommen wurde, genoß der junge Gatte eine der seligsten Stunden des menschlichen Lebens. Helene lag schweigend und blaß, aber mit einem Lächeln, das die ganze Seligkeit ihres Mutterglückes und Mutterstolzes verriet, in ihren Kissen. Louis hatte sich einen Sohn gewünscht, sie hatte ihn ihm geschenkt und verlangte nichts dafür, als ein wenig Besonnenheit, deren sie für ihre Ruhe und Sicherheit bedurften.

»Bist du glücklich?« flüsterte sie endlich.

»Ja,« erwiderte er mit dem Ausdruck tiefinnigster Liebe.

»Jetzt heißt es, für zwei vernünftig sein, für mich und für ihn.«

Er antwortete nicht, beugte sich aber zu ihr herunter und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, der ihr mehr sagte, als alle Versicherungen und Schwüre.

Am nächsten Morgen fand zwischen den jungen Eltern und dem Arzt, dem berühmten Rameau de Ferrières eine Konferenz darüber statt, ob Helene ihr Kind selbst nähren sollte oder nicht. Die junge Frau wünschte dies lebhaft, und die Großmutter, die ihren Sohn ebenfalls genährt, stimmte ihrer Schwiegertochter darin vollständig bei. Louis machte Einwendungen, und diesmal war er, was wegen der Seltenheit des Falles hervorgehoben zu werden verdient, unter den obwaltenden Verhältnissen der einzig Vernünftige. Rameau, dem die Entscheidung in letzter Instanz anheimgestellt werden mußte, erklärte, daß darüber, ob Frau Hérault ihr Kind nähren könne, nicht der geringste Zweifel vorhanden und daß in solchem Fall die Frage, ob eine Mutter es thun solle, überhaupt gar nicht aufzuwerfen sei, da diese Erfüllung ihrer heiligsten Pflicht sich bei einer richtig denkenden und körperlich dazu befähigten Frau von selbst verstehe.

Von Helene gebeten, von Rameau gedrängt und von der Großmutter, die nicht die geringste Ahnung davon hatte, wie viel häusliches Unglück sie damit heraufbeschwören konnte, bestürmt, willigte Louis ein. Es war der erste und vielleicht der einzige falsche Schritt, den Helene in ihrem Kampf um ihr eheliches Glück that.

So klar und richtig ihr Blick auch war, gebrach es ihr doch an Erfahrung. Sie glaubte ihren Gatten durch zwei rosige Kinderärmchen, die seinen Hals umschlangen, fester an den häuslichen Herd gefesselt und übersah dabei, daß sie nur sich selbst dadurch unlösliche Fesseln anlegte, und daß, wenn das Haus zur Kinderstube wurde, es diesem Lebemann, der kaum wieder an dasselbe gewöhnt worden, nicht darin gefallen konnte. Wie so häufig im Leben schlug das in bester Absicht Begonnene nicht zum Guten aus, und leider war es in diesem Falle nicht möglich, den Irrtum, wenn man ihn einmal erkannt, rasch wieder gutzumachen.

Bald hatte die junge Frau Gelegenheit, die ersten Wirkungen ihres Entschlusses zu bemerken. Louis weigerte sich, seine Junggesellenbehausung, die er während der Geburt des Kindes wiederbezogen, und in der er sich höchst gemütlich befand, aufzugeben. Er hatte hierfür allerhand recht vernünftig klingende Gründe, wie die Rücksicht auf die Gesundheit des Kindes und der Mutter, und wenn er mit diesen Gründen zu Ende war, so legte er sich aufs Bitten, und Helene mußte ihm den Willen lassen. Sie hatte sich übrigens nicht zu beklagen. Louis war mehr als je im Geschäft thätig und suchte sämtliche Aktien seines Hauses in St. Denis wieder in die Hände zu bekommen, wozu ihm Lereboulley behilflich war. Er war auf dem besten Wege, das Werk seines Großvaters in würdiger Weise fortzuführen und durch Arbeit wieder zu erwerben, was er durch Lässigkeit verthan hatte. So war der Frühling vergangen und der August herangekommen. Helene, die in dem grünen, frischen Garten des Faubourg Poissonnière bis jetzt nicht sehr unter der Hitze gelitten hatte, sprach nun doch den Wunsch aus, einige Wochen in Boissise zuzubringen. Die Reise von Evreux nach Paris war für Louis, wenn er sie oft zu machen hatte, allerdings ermüdend; aber es war ja die stille Zeit, das Werk hatte seine Arbeit vermindert und die Maschinen stöhnten nur noch wie im Schlafe.

Die Rückkehr nach Boissise, an das sich so schöne Erinnerungen knüpften, war eine große Freude für das junge Paar. Losgelöst von allen Beziehungen zur Außenwelt und Gesellschaft, durchwanderten sie die schattigen Laubgänge, suchten ihre Lieblingsplätze wieder auf, in liebenswürdiger Selbstsucht nur allein für sich und ihr Kind lebend, und wenn in diesen schönen Tagen die Rechte des Gatten nicht allzu sehr durch Helenes Mutterpflichten beschränkt und beeinträchtigt gewesen wären, hätte sie hoffen dürfen, ihn mit unzerreißbaren Banden an sich zu ketten.

Lereboulley war inzwischen von seiner Orientreise zurückgekehrt und hatte sofort die Leitung seiner ausgedehnten Geschäfte persönlich wieder in die Hand genommen. Er war länger an Bord der »Sirene« geblieben, als er eigentlich im Sinn gehabt, aber einmal unterwegs, war es nicht leicht gewesen, den launenhaften Wünschen Dianas zu widerstehen, und im Grunde hatte er es so schön gefunden, als moderner Antonius mit dieser berückenden Kleopatra umherzuschiffen, daß er sich über den Zeitverlust zu trösten wußte. Thauziat war nach wenigen Tagen auf hoher See ganz wieder er selbst geworden; die finsteren Wolken, die bei seiner Abreise noch auf seiner Stirn gelagert, waren verschwunden, er war, wie früher, geistreich und sprühend, nur machte sich ein Anflug von misanthropischer Bitterkeit fühlbar, der von nun ab eine Eigentümlichkeit seines Wesens blieb. Dieser Sieggewohnte war plötzlich besiegt worden, und das war eine Wunde, die ihn sein lebenlang schmerzte. Er selbst sprach weder von Helene, noch von Louis und mochte es auch nicht, daß man in seiner Gegenwart diese Namen nannte. Diana hatte es einmal gewagt, aber es war ihr so schlecht bekommen, daß sie sich wohl hütete, einen weiteren Versuch zu machen.

Es war klar, daß Thauziat noch immer schmerzlich litt, und Lady Olifaunt war der Ansicht, daß der Augenblick kommen müsse, in dem diese Leidenschaft und dieser Schmerz ihr zum Vorteil gereichen würden, indem sie ihr Mittel und Wege bieten würden, sich an diesem Louis für seine unverzeihliche Auflehnung gegen ihre Macht zu rächen, und ebenso an dieser stolzen, glücklichen und reinen Helene ihr Mütchen zu kühlen. Solchen Träumen mochte sie nachhängen, wenn sie auf dem Vorderteil des Schiffes auf weichem Kissen ruhend den Blick über die endlose Fläche der See schweifen ließ, während Lereboulley eine Partie Bezigue nach der andern mit Sir James spielte, der dabei eine unendliche Menge an Grog vertilgte, und Thauziat, auf der Kommandobrücke stehend, zu seiner Unterhaltung nach Möwen schoß.

Sie waren so nach Smyrna gekommen, hatten Jerusalem und die heiligen Orte besucht, waren am goldnen Horn ans Land gegangen, hatten den griechischen Archipel durchkreuzt und waren schließlich in den Piräus eingelaufen. Athen, von dem sie sich Wunder versprochen, war ihnen wie ein kleines, schmutziges Nest vorgekommen, und sie hatten Griechenland sehr enttäuscht verlassen. Nach den Erzählungen der Dichter hatten sie erwartet ein märchenhaft schönes, herrliches Land zu betreten, und die Wirklichkeit, die sich ihren erstaunten Blicken bot, war höchst trübselig; statt der Wälder fanden sie Gestrüpp, statt der Flüsse Bäche und statt der Städte nur Trümmerhaufen.

»Griechenland,« hatte Thauziat erklärt, »ist nur ein litterarischer Begriff, den man nicht im Südosten Europas, sondern in Homer, Sophokles, Aristophanes, Thucydides und Herodot zu suchen hat. Es ist ein glänzendes, in unsterbliche Erinnerungen gehülltes Gespenst, das man am besten nicht beschwört. Ihr Landsmann Byron, Sir James, war ein Narr, oder vielmehr ein Mensch von seltener Anmaßung, der seine Macht über die Gemüter an der Möglichkeit, einen Kadaver neu zu beleben, erproben wollte. ... Daß er daran zu Grunde gegangen, war nichts mehr als billig.«

Sir James blickte einen Augenblick von seinen Karten auf und erwiderte nachlässig: »Byron war ein gewaltiger Dichter, er bekam eine Guinee per Vers bezahlt.«

»Bravo, Sir James, immer poetisch,« rief Thauziat. »Dieser Maßstab für litterarische Kritik ist neu und zeitgemäß, Sie werden der Begründer einer neuen Art von Literaturgeschichte werden.«

Auf diese Weise hatte man sich die Zeit zu vertreiben gewußt, und die kleine Gesellschaft war in heiterster Stimmung in Marseille gelandet und dann nach Paris zurückgekehrt. Es war im Monat Mai, und Helene stand auf der Höhe ihres Glücks. Lereboulley ging einigemal in den Senat zu den Abstimmungen, ergriff in einigen Kommissionen, in denen er Einfluß hatte, das Wort, brachte alle die während seiner Abreise in Aufschub geratenen Arbeiten wieder in Fluß und hatte innerhalb weniger Wochen zum großen Schrecken der Börse das Geld wiedergewonnen, welches die »Sirene« ihn gekostet hatte.

Niemals hatte Thauziat solches Furore gemacht, wie in den Wochen nach seiner Rückkehr. Es war, als ob ein Dämon sich seiner bemächtigt hätte. Ein Abenteuer mit der Gattin eines reichen deutschen Bankiers hatte den größten Staub aufgewirbelt, was ihm ganz gleichgültig zu sein, ja ihn gar nicht zu berühren schien. Die Presse hatte sich des Falles bemächtigt und denselben in allen Einzelheiten geschildert. Die Folge davon war, daß er sich mit zweien der verbissensten Lokalberichterstatter schlug und einen nach dem andern abführte. Während einer ganzen Nacht legte er im Klub offne Bank und gewann hundertvierzigtausend Franken, die er am nächsten Morgen an verschiedene Wohlthätigteitsanstalten verteilte. Bei den großen internationalen Steeple-Chases in Auteuil hatte er mit »Braconnier«, einem Pferde, das er für dreitausend Franken nach einem Flachrennen gekauft und auf Hindernisreiten trainiert, den ersten Preis davongetragen. Kurz, er machte in der verschiedensten Weise von sich reden und war einen vollen Monat lang der Löwe der Gesellschaft.

Eines Tages – Thauziats tolles Treiben mochte eben seinen Höhepunkt erreicht haben – hatte Lereboulley mit ihm Dringendes zu bereden, und da er ihn vergeblich bei sich erwartet, suchte er ihn in seiner Wohnung auf. Ohne sich melden zu lassen, trat er in das ihm wohlbekannte Arbeitszimmer Thauziats und fand zu seiner höchsten Ueberraschung den Freund auf dem Sofa liegend und – bitterlich weinend. Clement war sofort aufgesprungen und suchte dem Senator seine Bewegung zu verbergen, aber dieser hatte viel zu gut gesehen und gab sich alle Mühe, irgend welchen Aufschluß über die Ursache seines Kummers von ihm zu erlangen. Vergeblich! Thauziat that, als ob er ihn nicht verstünde. Er plauderte, ohne daß man ihm seine Erregung anmerken konnte, scherzte nach einigen Augenblicken und gab Lereboulley über die Angelegenheit, die ihn hergeführt, mit der größten Klarheit alle wünschenswerten Aufklärungen. Seinem stürmischen Wiederauftreten in der Welt folgte die Reaktion: er schloß sich in seine vier Mauern ein, ging nicht mehr aus, überließ sich den finstersten Stimmungen und Gemütszuständen und brütete tagelang in vollkommen verdunkelten Zimmern vor sich hin. Endlich schien er sein Gleichgewicht einigermaßen wiedergefunden zu haben und nahm, als Lereboulley in der nächsten Woche nach Evreux ging, eine Einladung dorthin an. Sir James und Lady Olifaunt zogen ebenfalls mit hinaus und zwar auf Dianas besondern Wunsch. Emilie, welche die schöne Engländerin in Paris zwar hin und wieder bei sich sah, sie aber diese Gefälligkeit teuer bezahlen ließ, hatte ihrem Vater aufs bestimmteste erklärt, daß sie die schöne Diana auf dem Lande nicht als Gast empfangen werde. Nach einer Szene, in welcher Lereboulley sich ganz aufs Bitten verlegt hatte und Emilie bitter und heftig geworden war, hatten Vater und Tochter ein Abkommen dahin geschlossen, daß der Aufenthalt Lady Olifaunts nur vierzehn Tage dauern und Emilie während dieser Zeit nach Boissise gehen sollte, wo Frau Hérault sie mit Freuden aufnahm.

Die junge Dame hatte seit langer Zeit einen Plan, für dessen Ausführung sie bei dieser Gelegenheit die nötige Zeit zu finden hoffte. Die kleine Kirche von Theil, die zur Parochie des Schlosses gehörte, und die sehr alt und in romanischem Stil erbaut war, war an den Seitenwänden über den Bogen mit sehr merkwürdigen Wandgemälden, Szenen aus der Passion darstellend, geschmückt. Der Zahn der Zeit hatte diese Bilder stark mitgenommen, einige darunter wiesen nur noch schwache Farbenreste auf, und Emilie hatte dem ehrwürdigen Geistlichen, der sie in ihren Werken der Mildthätigkeit unterstützte, schon öfters gesagt: »Ihre Gemälde sind in einem ganz erbärmlichen Zustande, Herr Pfarrer. Ich werde wohl eines Tages mit meinen Pinseln kommen und denselben wieder ein menschliches Aussehen geben.«

Allein bisher war es ihr nie gelungen, ein paar Wochen der Ruhe herauszufinden, die sie zur Restauration des armseligen Kirchleins hatte verwenden können, und sie freute sich nun, die langgeplante Arbeit in Angriff zu nehmen. Boissise war von Theil nur zwei Kilometer entfernt, und der Weg dahin führte auf wohlgepflegten Pfaden mitten durch den Wald. Gleich am nächsten Morgen nach ihrer Ankunft bei ihren Freunden lud sie ihren Farbenkasten, ihre Pinsel, kurz ihren ganzen Malapparat schon frühzeitig auf einen Wagen und begab sich, wie sie scherzhaft sagte, »auf Arbeit«. Sie hatte sich ihr Frühstück mitgenommen, das sie im Pfarrgarten verzehren wollte; die Freunde sollten sie nachmittags aufsuchen, um ein Urteil über ihre Leistungen abzugeben.

Fast zu derselben Stunde, wo Fräulein Lereboulley in der Kirche von Theil auf die Leiter stieg, um sich an ihre Arbeit zu begeben, waren Lady Olifaunt, Sir James, Thauziat und einige junge Börsenmänner bei dem Senator in Evreux eingetroffen. Das Besitztum des parlamentarischen Vertreters des Departements lag an den Ufern des Iton, etwa fünf Minuten von der Stadt entfernt, und stieß mit der einen Spitze des Parkes an diese, während die andre Seite desselben an den Wald von Boissise grenzte. Das zum Teil aus Materialien des alten Schlosses von Navarra von Lereboulleys Vater erbaute Wohnhaus war im Jahre 1838 im Stile Ludwig XV. aufgeführt worden. Das große weiße Gebäude hatte zwei Seitenflügel und eine stattliche Freitreppe. Das Innere war mit außerordentlicher Pracht ausgestattet, und in dem mächtigen Erdgeschoß befand sich eine große Zahl von bedeutenden Kunstwerken, so daß man das Schloß des Senators in Evreux allgemein das Museum Lereboulley nannte. Der Park war auf Grundstücken angelegt, die er nach und nach seinen Nachbarn für schweres Geld abgekauft hatte, weshalb er auch von Zeit zu Zeit, wenn er Freunde darin umherführte, ihnen bemerkte: »Ich bitte um etwas Andacht, wir bewegen uns hier auf Zwanzigfrankenstücken.«

Der sechzig Hektar große Park mit seinen Jahrhunderte alten Bäumen war dem von Boissise an Schönheit ebenbürtig. Die Blumenpracht war sogar hier noch großartiger als bei Frau Hérault, denn der Senator hatte die Leitung seiner Gärten Engländern übertragen, die überraschende Erfolge erzielten. So hatten die Rebentreibhäuser, in denen vom Monat Mai bis Ende Februar die schönsten und verschiedenartigsten Trauben reiften, einen europäischen Ruf erlangt. Nach diesem Maßstab war auch alles übrige eingerichtet. Vor einigen Jahren hatte Lereboulley den Einfall gehabt, sich eine Fischzucht anzulegen. Der Iton ging durch den Park und speiste dort einen malerisch angelegten Teich. Abgestufte, dem Alter der Forellen angemessene Bassins wurden erbaut, denen Cementkanäle das für die Zucht erforderliche frische, klare Wasser zuführen; Gitterwerke verhindern das Fortschwemmen der kleinen Forellen, die mit Hammelshirn und Fliegen ernährt werden; ein zehn Meter hoher Wasserfall stürzt sich in den See, durch den die silbernen kleinen Fische im Sonnenstrahl wie Blitze dahinhuschen. Lereboulley, der auch seine Grillen praktisch zu verwerten weiß, liefert alle Jahre zur Zeit der Fasten zehntausend Forellen auf den Fischmarkt von Paris, weshalb Thauziat eines schönen Tages einen Brief an den Senator und Fischhändler Herrn Lereboulley adressierte, was in der Stadt Evreux einen Sturm der Entrüstung hervorrief.

Nachdem die Gäste Lereboulleys zwei Tage damit zugebracht, alle Merkwürdigkeiten des luxuriösen Haushaltes in Augenschein zu nehmen, überfiel sie jene Langeweile, die jeden Pariser erfaßt, wenn er achtundvierzig Stunden von seinen Boulevards abwesend ist. Lereboulley, den Sir James ganz mit Beschlag belegt, und an welchen er im Bezigue ein Waterloo nach dem andern verlor, stellte seinen Freunden die Ställe zur Verfügung. Täglich um drei Uhr, wenn die Hitze etwas nachgelassen, zog eine Kavalkade, allen voran Diana, durch das Parkthor und wandte sich dem Walde von Boissise zu. Die schöne Engländerin trug ein Reitkleid aus blauem Tuch mit weißer Piquéweste und einen kleinen grauen Filzhut; ihr folgten drei oder vier Reiter, darunter auch Thauziat. Obwohl sie auf einer in Lereboulleys Arbeitszimmer hängenden großen Landkarte Weg und Steg aufs sorgfältigste studiert hatte, wußte sie sich den Anschein zu geben, in aller Harmlosigkeit aufs Geratewohl den Wald zu durchstreifen und damit auch Clement zu täuschen, der keineswegs ahnte, welche Pläne sich allmählich in dem Kopfe der verderbten, aber liebreizenden Frau entwickelt hatten. Vielleicht war er auch von seinen eignen Gedanken dergestalt in Anspruch genommen, daß er seinen gewöhnlichen Scharfblick verloren hatte. Thatsache war, daß Lady Olifaunt seit vier Tagen Boissise umschwärmte, wobei sie jedesmal dem Schlosse näher rückte, wie der Raubvogel, der langsam über seinem Opfer kreist.

Eines Abends, es mochte gegen fünf Uhr sein, wurde der kleine Flecken Theil durch Hufschlag aus seiner Ruhe aufgescheucht; die unter den Hausthüren schlafenden Hunde schlugen an, die im Staube scharrenden Hühner flogen gackernd in die Höhe, und Weiber und Kinder traten neugierig aus den Häusern. Es war Diana mit ihrem Gefolge. Die Tiere waren warm, und die Reiter durstig, und da auf dem Platze ein Gasthaus mit seinem von Weinreben übersponnenen Giebel zur Einkehr einlud, rief Diana ihren Begleitern zu: »Machen wir Halt! In dem Hause ist gewiß kühler Apfelwein zu kriegen. ... Wir lassen uns zu trinken geben, und inzwischen verschnaufen sich unsre Pferde. ... Das wird uns allen gut thun.« Thauziat stieg ab, um Diana aus dem Sattel zu heben, und die vier Reiter nahmen in einer schattigen Laube Platz. Es waren noch keine fünf Minuten vergangen, als ein mit zwei kleinen Pferden bespannter Wagen bei dem Gasthause vorüberrollte und unter dem Kirchenportal anhielt.

»Das ist ja ein Wagen, der Lereboulley gehört,« sagte Diana, »Ich kenne die Livree. Ueberzeugen Sie sich doch einmal, meine Herren!«

Man ging auf den Kutscher zu, der inzwischen abgestiegen war und vorn bei den Ponies stand.

»Sind Sie bei Herrn Lereboulley im Dienst?« fragte Thauziat.

Der Kutscher nahm den Hut ab und erwiderte: »Ja, ich komme aber von Boissise; ich gehöre zur Dienerschaft von Fräulein Emilie.«

»Ah! Fräulein Emilie ist hier,« sagte Lady Olifaunt, wobei sie leicht die Stirn runzelte.

»Ja, gnädige Frau, mit Frau Hérault. Das gnädige Fräulein malt in der Kirche.«

»Das wollen wir uns doch einmal ansehen, Thauziat. Vielleicht ist das ganz interessant. ... Warten Sie hier einen Augenblick auf uns, meine Herren!«

Clement folgte Diana, sagte ihr aber vor der Kirchenthür leise: »Was thun wir da? Wir stören Fräulein Lereboulley höchstens, da sie vermutlich im Arbeitskostüm ist.«

»Und treffen Frau Hérault,« unterbrach ihn Lady Olifaunt boshaft lächelnd, »und vor der haben Sie offenbar Angst.«

»Ja, ich habe Furcht vor ihr,« erwiderte er kalt, »und deshalb lassen Sie uns nicht weiter gehen!«

»Ich aber habe keine Furcht, weder vor der schönen Helene, noch vor der klugen Emilie ... und ich gehe.«

Thauziat machte eine Bewegung, als ob er Diana zurückhalten wollte, aber er wußte genau, daß sie auf die Erfüllung eines einmal ausgesprochenen Wunsches nicht so leicht verzichten würde. Er mußte sich also wohl oder übel entschließen, sie zu begleiten, obwohl ihm bange war, weniger vor einer Ungeschicklichkeit als einer Bosheit von seiten der Engländerin.

Die kleine Kirchenthür fiel hinter ihnen ins Schloß, und das Düster, das sie plötzlich umgab, war so undurchdringlich, daß sie anfangs nichts unterscheiden konnten. Es war herrlich kühl in dem stillen, anspruchslosen Raume, und allmählich gewöhnte sich das Auge an die darin herrschende Dämmerung. Die Fenster der linken Seite waren mit langen Vorhängen dicht behangen, um ein falsches Licht zu vermeiden. Nur durch die Bogen der Fenster rechts drang das Licht, und die so beleuchteten Kapellen erschienen dadurch noch kahler und verfallener. Vor dem Altar war ein kleines Gerüst aufgestellt, auf dem Emilie etwa einen Meter hoch Platz genommen, während oben auf einem Strohstuhl Frau Hérault mit ihrem kleinen Jungen im Arm saß – offenbar der Künstlerin zu ihrem Bilde sitzend.

Fräulein Lereboulley hatte ihre Renovationsarbeiten mit dem Altarblatt begonnen, und da die Jungfrau Maria vollständig verblichen war, ihr auch kein andres Modell zur Verfügung stand, so hatte sie ihre Freundin gebeten, ihr drei oder vier Nachmittagssitzungen zu schenken, Helene war in ihrem weißen Gewände, mit dem einfach über der Stirn gescheitelten, schönen hellkastanienbraunen Haar, dem Blick voll wahrster, innigster Mutterliebe, der auf ihrem rosigen, pausbackigen, einem Murilloschen Engelsknaben gleichenden Kinde ruhte, von überirdischer Schönheit. Ein Sonnenstrahl fiel schräg herein auf ihr Gesicht, weckte goldene Reflexe in ihrem Haar und umgab ihren Kopf mit einem mystischen Schein. Diana und Clement hielten an der Taufkapelle einen Augenblick inne und ließen ihre Blicke auf dem unerwarteten Schauspiel ruhen, dem eine solche Fülle von Reinheit entströmte, daß das Herz der schönen Engländerin sich zusammenkrampfte, und ein Seufzer sich ihren Lippen entrang. Einen Blick auf den neben ihr stehenden Thauziat werfend, der finster und nachdenklich dreinschaute, flüsterte sie neidisch: »Die Leute dort sind glücklich.«

»Ja,« fiel Clement bitter ein, »und sie verdienen es, glücklich zu sein! ... Es sind reine Herzen, die sich an einfachen Lebensfreuden genügen lassen und keinen verzehrenden Leidenschaften, keinen ausschweifenden Vergnügungen nachjagen. ... Da sitzen die beiden Frauen in der schweigsamen, kühlen Dorfkirche, freuen sich des Beieinanderseins und des guten Werkes, das jede auf ihre Art fördert – schlicht und einfach wie der Rahmen, der sie umgibt, ist auch die Empfindung, die sie erfüllt! Hätten Sie Lust, stundenlang auf einem kaum abgehobelten Brett Modell zu sitzen, Diana? Nein, das sind Freuden, die nicht für alle Welt existieren, wir beide brauchen schon etwas raffiniertere Genüsse.« Seine Lippen zogen sich zu einem krampfhaften Lachen zusammen.

Diana sah ihn an, schüttelte den Kopf und sagte dann sanft: »Machen Sie keinen Versuch, starkgeistig zu erscheinen, mein armer Clement, ich sehe ja doch, wie Sie leiden. ... Sie lieben sie also noch immer?«

Er antwortete nicht, und kein Muskel zuckte in seinem leichenblassen Gesicht.

»Gehen wir,« sagte Lady Olifaunt mit aufrichtigem Mitleid, »Sie haben recht gehabt, wir hätten hier nicht eintreten sollen.«

Sie machten einige Schritte nach der Thür, als plötzlich die Stimme Emilies hell durch das Schiff der Kirche hallte.

»Ist jemand hier? Ich höre schon eine Zeitlang sprechen. ... Sind Sie's, Herr Pfarrer?«

Die schwachen Bretter knarrten unter ihrer Last. Emilie schickte sich an, herunterzusteigen.

»Wir sind abgefaßt,« sagte die schöne Engländerin. »Jetzt heißt's, Haltung bewahren.«

Sie trat aus dem tiefen Schatten des Seitenschiffes.

»Sie sind's, Lady Olifaunt?« rief Emilie. »Sie in einer Kirche! Was führt Sie denn hierher? Wollen Sie etwa von der reformierten Kirche zum Katholizismus übertreten? Aber ist das nicht Herr Thauziat, der Sie begleitet?«

Bei diesem Namen zitterte und erbleichte Helene; ihr Blick flog fragend und hilfesuchend zu Fräulein Lereboulley hinüber, die aber ebenso erregt war, wie sie selbst.

»Liebe Emilie,« sagte Diana unbefangen, »wir hatten im Orte Halt gemacht, hörten, daß Sie hier in der Kirche arbeiten, und Herr Thauziat und ich konnten der Versuchung nicht widerstehen, Ihre Kunstwerke zu bewundern. Als wir aber,« fügte sie mit einem verbindlichen Lächeln für Frau Hérault hinzu, »bei unsrem Eintritt das entzückende lebende Bild zu Gesicht bekamen, vergaßen wir die Malerei.«

»Dieses Kompliment, liebe Helene, gilt dir,« sagte Emilie, nervös auflachend. »Wie konnten Sie sich diese elegante Wendung wegschnappen lassen, Clement?«

»Herr von Thauziat hat vermutlich denselben Gedanken gehabt, ohne ihm Ausdruck geben zu wollen,« erwiderte Diana ruhig und betrachtete die Gruppe durch eine große Schildpattlorgnette, welche ihr ein unglaublich hochmütiges Aussehen verlieh.

Clement hatte sich, nachdem er Fräulein Lereboulley begrüßt, Frau Hérault genähert. Verwirrt und verlegen streckte sie ihm unwillkürlich die Hand entgegen, was er aber nicht zu bemerken schien.

»Sie machen also Raffael Konkurrenz, Emilie?« fuhr Lady Olifaunt fort. »Ihre Madonna ist sehr gut ... ausgezeichnet! Der Bambino namentlich ist entzückend ... fast so reizend wie in Wirklichkeit!«

Sie neigte sich zu dem Kinde nieder, das offenbar von dem Glanz der goldnen Haare und ihren blauen Augen gefesselt, die Aermchen nach ihr ausstreckte.

»Ein richtiger Junge, gnädige Frau: er will Sie schon küssen,« bemerkte Emilie mit schneidender Ironie.

»In diesem Falle erbitte ich mir den Kuß, wenn die Mama nichts dagegen hat,« sagte Diana gelassen und freundlich und hauchte einen Kuß auf die zarten Wangen des Knaben.

»Man kann noch nicht erkennen, wem er mehr ähnlich sehen wird,« sagte sie, »was meinen Sie, Thauziat?«

»Ich hoffe, daß er in allem seiner Mutter gleichen möge,« erwiderte Clement ernst, indem er sich tief vor Helene verbeugte und einige Schritte zurücktrat.

»Trägt er denn nichts um den Hals?« wandte sich die schöne Engländerin an Frau Hérault. ... »Ich habe einige sehr schöne Korallenketten aus Syrien mitgebracht. Nicht wahr, Sie gestatten, daß ich dem herzigen kleinen Schelm eine derselben sende? Sie werden sehen, wie hübsch die rosenroten Perlen sich an seinem weißen Hälschen ausnehmen werden.«

Ehe Helene Zeit hatte, zu antworten, nickte sie ihr einen Abschiedsgruß zu und wandte sich dann noch einmal an Emilie, die sie nicht aus den Augen gelassen hatte.

»Haben Sie keinen Auftrag für Ihren Vater?«

»Doch,« antwortete Fräulein Lereboulley, »sagen Sie ihm, ich hoffte recht bald in sein Haus zurückkehren zu können.«

Sie winkte Thauziat freundschaftlich zu und ging, ohne sich weiter um Diana zu kümmern, wieder an die Arbeit.

»Du bist sehr hart gegen die arme Frau,« sagte Helene, »sollte sie nicht mehr Nachsicht verdienen?«

»Wohl weil sie dir Komplimente über dein Kind gemacht hat?« unterbrach sie Emilie. »Laß dich nicht von dieser heuchlerischen Person bethören! Du kennst sie noch nicht, und wirst hoffentlich auch nie Gelegenheit finden, sie näher kennen zu lernen, Ich warne dich und kann dir nur raten, sie stets von dir und deinem Hause fern zu halten. Von ihr droht dir ernste Gefahr.«

Helene dachte an ihre erste Begegnung mit der schönen Engländerin in der Ausstellung, wohin Emilie ihr Porträt geschickt, und erinnerte sich, wie Dianas Augen damals mit einem ihr unbegreiflichen Ausdrucke des Hasses auf sie gerichtet gewesen, und ein banges Vorgefühl preßte ihr das Herz zusammen. Als ihr Blick aber auf den kleinen Pierre fiel, der sanft auf ihrem Schoße entschlummert war, wich alle Bangigkeit von ihr, sie drückte ihn an ihre Brust und es schien ihr, als ob sie mit diesem Talisman vor jeder Gefahr sicher sein müsse.

Diana und Thauziat waren durch die Kirche zurückgegangen. Im Begriff, die kleine Thür zu öffnen, sagte die erstere: »Besonders redselig ist diese Frau Hérault nicht, wir haben nicht einmal den Ton ihrer Stimme zu hören gekriegt, aber hübsch ist sie – ich begreife vollkommen, daß sie Ihnen gefällt.«

Sie traten heraus, und obwohl sie im ersten Augenblick von dem grellen Tageslicht geblendet waren, schien es ihnen, als ob die Gesellschaft, die unter der grünen Laube des Wirtshauses auf sie wartete, sich vergrößert hätte. Thauziat und Diana näherten sich und erblickten Louis Hérault, der in ein Gespräch mit ihren Freunden vertieft war. Er war von Boissise her zu Fuß durch den Park gekommen, und seine Ueberraschung war groß gewesen, als er sich auf dem kleinen Marktplatz von Theil plötzlich beim Namen rufen hörte. Noch größer wurde dieses Erstaunen aber, als er zwei Klubfreunde erkannte, die hier Apfelwein tranken und Cigaretten rauchten.

»Wie! Ihr hier?« rief er aus. »Was in aller Welt, thut ihr denn hier?«

»Wir warten auf Lady Olifaunt und Thauziat, die in die Kirche gegangen sind. Dann kehren wir zu Lereboulley zurück.«

Die Stirn Louis' umwölkte sich. In die Kirche wollte ja auch er gehen, um Helene und Emilie dort abzuholen, Diana und Clement mußten sie also gesehen und gesprochen haben. War dieses Zusammentreffen von seiten des letzteren ein gewolltes, waren sie mit der Absicht hergekommen, Frau Hérault und Fräulein Lereboulley zu treffen, oder hatte nur der Zufall hier seine Hand im Spiele? Als er sich die Sache näher überlegte, schwand der Mißmut, der sich im ersten Augenblick seiner bemächtigt hatte. War es denn schließlich zu vermeiden, daß die beiden sich einmal wiedersahen? Mußte die Kälte, die Thauziat ihm gegenüber zeigte, nicht früher oder später schwinden, und konnten sie nicht wieder Freunde werden wie zuvor? War es da nicht im Gegenteil wünschenswert, daß endlich wieder ein leidliches Einvernehmen hergestellt wurde?

Er erinnerte sich jedoch an das schroffe Benehmen Helenes und an den Widerstand, auf den er mit seinem Wunsch, sich mit Thauziat wieder zu versöhnen, bei ihr immer gestoßen war. Wie mochte sie sich Diana und Clement gegenüber verhalten?

In Bezug auf Diana hatte er nicht die geringste Besorgnis; Helene hatte ja keine Ahnung von seiner so rasch geendigten Liebelei mit der schönen Engländerin. Aber Clement? Seltsam, der Gedanke, daß der Mann, welcher seine Frau so sehr geliebt, sich bei ihr befinde, ließ ihn vollkommen ruhig und erweckte keinerlei Eifersucht in ihm. Sein Vertrauen in die Charakterstärke Helenes war zu unbegrenzt, um auch nur das leiseste Unbehagen in ihm aufkommen zu lassen, und diese Sicherheit war ein großes Unglück für die junge Frau. Wäre Louis ihrer weniger gewiß gewesen, so hätte er sich gegen eine mögliche Gefahr in Verteidigungszustand gesetzt und hätte Sorge getragen, Thauziat und Lady Olifaunt sofort aus ihrer Nähe zu entfernen. Der Gedanke kam ihm aber gar nicht, und den Schutz, der einer eitlen und leichtfertigen Frau von seiten ihres Gatten zu teil geworden wäre, entging Frau Hérault wegen ihrer moralischen Ueberlegenheit.

Als Louis Diana und Clement kommen sah, ging er ihnen entgegen.

»Nun, da hätten wir ja die ganze Familie in Augenschein genommen!« rief die schöne Frau. »Erst Mutter und Kind und nun den Vater! – Guten Tag, mein lieber Herr Hérault, die Ehe scheint Ihnen ja recht gut zu bekommen, Sie sehen frisch aus wie eine Rose. Vorwärts, Thauziat, machen Sie kein sauertöpfisches Gesicht, sondern schlagen Sie frisch in die Hand Ihres Freundes ein, die er Ihnen schon seit einer Minute entgegenstreckt.«

Vor dieser offen und herzlich ihm dargebotenen Hand blieb Clement einen Augenblick ratlos. Seiner Ehrenhaftigkeit widerstrebte es, einzuschlagen. Bis jetzt hatte er sich von Louis fern zu halten gewußt, um ihm seine Gefühle nicht zu verraten. Er hatte zu Helene gesagt: »Ich werde ihn nicht in Ihrem Besitz sehen können, ohne ihn zu hassen.« Haßte er ihn wirklich? – Nein, Haß gegen diesen Schwächling, das lag nicht in dem stolzen Geiste Thauziats! Er grollte ihm nicht, dazu fühlte er sich ihm zu sehr überlegen. Er wünschte nur, ihm nicht mehr zu begegnen und in keiner Beziehung zu ihm zu stehen.

Und nun befand er sich plötzlich ihm gegenüber, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, ihm auszuweichen. Zwischen Louis und ihm war nur diese ausgestreckte Hand, die er ansah, ohne sich entschließen zu können, sie zu berühren. »Wenn ich ihm die Hand gebe,« überlegte er, »so täusche ich ihn, da ich ihm mit derselben nicht die alte Freundschaft zurückgeben kann. Ich bin also ein Schuft und ein Heuchler. Wende ich mich aber ab, so beraube ich mich damit jeder Möglichkeit, mich Helene wieder zu nähern; und ohne sie zu sehen, ohne mit ihr zu sprechen, vermag ich nicht mehr zu leben. Auf der einen Seite eine Infamie, auf der andern Verzweiflung.« Ein heftiger Kampf zwischen Selbstsucht und Stolz tobte in seinem Innern. Er machte eine zornige Handbewegung, erbleichte etwas und der Eigennutz siegte.

Luis hielt zwar seine Hand Clement entgegen, aber er sah dabei Diana an, und niemals war ihm diese schöner erschienen. Das tadellos sitzende Reitkleid ließ die schönen Formen der hohen, schmiegsamen Gestalt deutlich erkennen, und unter dem grauen, mit herausfordernder Keckheit auf die blonden Haare gedrückten Hute leuchteten die kornblumenblauen Augen hervor. Ihre halbgeöffneten Lippen ließen die kleinen Perlenzähne sehen, und um ihren Mund schwebte ein spöttisches, sinnberückendes Lächeln. Der Kuß, den er an jenem Ballabend mit diesem berauschend schönen Weibe getauscht, brannte noch in seinem Herzen und trieb ihm eine wahre Fieberglut auf die Wangen. Er hatte Thauziat, er hatte Helene vergessen, sein Blut war in Aufruhr, er sah nichts als Diana in ihrem sündigen, unwiderstehlichen Reize. Die Hand Thauziats, die sich in die seine legte, entriß ihn seiner leidenschaftlichen Betrachtung; er drückte sie herzlich und hielt sie in der seinigen fest.

»Du entziehst sie mir nicht wieder, nicht wahr?« sagte er mit Wärme. »Versprich mir, daß alles vergessen ist, was trennend zwischen uns gestanden.«

Clement beugte sein Haupt herab und murmelte: »Alles!«

»O, ich kenne dich zu gut!« fuhr Louis fort, »dein Groll konnte nicht von langer Dauer sein. Du hast Helene in der Kirche gesehen? Du hast mit ihr gesprochen? Ich werde euch wieder versöhnen und ihr werdet Freunde sein! Siehst du, mein lieber Clement, sie ist ganz und gar Familienmutter; wir sind große Philister geworden, und unsre Lebensweise würde dir sehr arm an Romantik und Leidenschaft erscheinen. Uebrigens bist du wahrhaftig nicht für die Ehe geschaffen und kannst dich glücklich schätzen, daß deine Grille, es einmal damit zu versuchen, sich nicht verwirklicht hat. Adler wie du sind nicht dazu geschaffen, daß ihnen die Flügel beschnitten werden. Bei einem bescheidenen Haushahn, wie dein ergebener Diener, da geht das. Und auch da ...«

»Und auch da? Seh' mir einmal einer an!« rief Diana übermütig.

Bei Louis' Worten hatte sich eine bittre Falte um Thauziats Mund gelegt. Der einstige Freund hatte versuchen wollen, die letzten Reste seines Grolles zu verscheuchen, und hatte nur ein verachtungsvolles Mitleid in ihm wachgerufen. Also auf diese Weise faßte dieser so heiß geliebte Mann sein Glück auf, das war alles, was er über diese anbetungswürdige Frau zu sagen wußte, deren Besitz ihm für sein ganzes Leben eine Flamme des Stolzes in dem Auge hätte entzünden müssen! Eine Familienmutter, ein würdiges Bürgerpaar! Wie in den grobgezimmerten Zauberpossen verwandelte sich der blumengeschmückte Triumphwagen in einen gemeinen Suppentopf!

»Nun denn, mein lieber Herr Hérault, jetzt, da Sie uns dieses reizende Gemälde Ihres Glückes gezeichnet haben,« sagte Lady Olifaunt gravitätisch, »nehmen Sie unsre herzlichsten Glückwünsche entgegen! Sicherlich vermissen Sie nichts aus ihrem früheren Leben.«

»Vielleicht doch,« sagte Louis, indem er die schöne Engländerin fast mit den Augen verschlang.

»Nein, nein, sicher nicht! ... Sie müßten ja der undankbarste Mensch unter der Sonne sein. Sie haben jetzt Ihre Herzensruhe, ein geregeltes, geordnetes Dasein, das taugt Ihnen viel besser, als die Stürme der Leidenschaft, obgleich Sie soeben das Gegenteil darzuthun suchten. ... Die Füße warm halten und den Kopf kühl, dabei wird man alt, mein Freund.«

»Sie spotten meiner, gnädige Frau, aber ich darf mich nicht darüber beklagen: es ist das ein Recht, das Ihnen zusteht.«

»Wirklich zu gütig von Ihnen, mir sogar Rechte einzuräumen.«

»Die Sie sich auch ohne meine Zustimmung nehmen würden.«

»Allerdings pflege ich mir die Dinge zu nehmen, nach denen ich Verlangen trage.«

Bei diesen Worten betrachtete sie Louis durch ihre Schildpattlorgnette mit halbgeschlossenen Augen und kokett grollender Miene: »Lassen Sie sich ja nicht einfallen, diese Aeußerung auf sich zu beziehen!« fügte sie wegwerfend hinzu. ... »Ueberdies zählt ein Ehemann gar nicht mehr – er ist ein Gefangener.«

»Aber nicht so eng gefesselt, wie Sie anzunehmen scheinen,« erwiderte er lebhaft. »Erlauben Sie mir, Sie zu besuchen?«

»Nein, mein schöner Herr, durchaus nicht. ... Bleiben Sie nur in Ihrem Taubenschlag! ... Thauziat, Sie sind Zeuge, daß ich mich weigere, Herrn Hérault zu empfangen.«

»Ich werde trotzdem kommen,« sagte dieser lachend. »Werden Sie mir deshalb zürnen?«

»Möglich!«

Diana ging an ihm vorüber und ließ dabei unter ihrem zurückgeschlagenen Reitkleide einen reizenden kleinen Lackstiefel sehen.

»Vorwärts, meine Herren, genug geplaudert! Wir haben noch eine gute Meile vor uns, um heimzukehren.«

Sie näherte sich den Pferden. Ohne sie um Erlaubnis zu fragen, faßte Louis sie um die Taille und hob sie mit einem einzigen Schwunge in den Sattel. Mit ihrem bestrickendsten Lächeln blickte sie auf ihn nieder.

»Ei! Solche Herkulesstärke hätte ich Ihnen nicht zugetraut.«

Sie faßte die Zügel, gab ihrem Pferde leicht den Sporn, und, nachdem sie Louis mit der Hand einen Gruß zugeworfen, trabte sie, eine Staubwolke aufwirbelnd, von dannen.

»Auf Wiedersehen, Thauziat! Adieu, meine Herren!« rief Hérault. Und allein auf dem Platze zurückgeblieben, in den Augen ein fieberhaftes Feuer, das Blut in heftiger Wallung, stieß er einen tiefen Seufzer aus; dann trat er in die Kirche.

Auf der Landstraße galoppierte Diana an der Seite Clements. Eine Zeit lang ritten sie schweigend nebeneinander her, dann wendete sich Lady Olifaunt an ihren Begleiter:

»Nun – da wären Sie ja, wenigstens äußerlich, mit Louis wieder versöhnt! Es ist besser so. Sie waren auf dem besten Wege, ein menschenscheuer Einsiedler zu werden.«

Clement wendete seiner Freundin sein Gesicht zu, das finster wie die Nacht war.

»Ich habe zweimal gelogen, in Wort und Handlung, Diana. Ich habe Louis meine Hand gereicht und habe ihm gesagt, ich hätte alles vergessen. Das ist das erste Mal, daß ich mich einer Feigheit schuldig gemacht, und ich leide namenlos darunter.«

»Was für übertriebene Spitzfindigkeiten und Selbstquälereien! In der Liebe ist alles erlaubt! Haben Sie denn nicht gesehen, welch ein Beispiel Ihnen Ihr Pylades hierfür gab? Wenn ich gewollt, hätte ich ihn zu unserm Diner mitnehmen können! Er hat seine Frau während der fünf Minuten, die wir miteinander gesprochen, in Gedanken mehr als zehnmal verraten. Und Sie wollen sich mit Gewissensskrupeln abgeben? Sie sind ein allzu sentimentaler Paladin! Das ist ganz und gar veraltet, und ich bitte Sie, seien Sie doch ein moderner Mensch, denken und handeln Sie, wie man das in unserm Jahrhundert thut. Die Moral wird bei uns auf der Kursliste nicht mehr notiert, und heute sind nur noch die Dummköpfe tugendhaft!«

»Ich hatte nur eine Religion, und das war die Ehre,« erwiderte Thauziat mit erstickter Stimme, »und an ihr habe ich gefrevelt.«

»Ihre Religion, Clement, ist die Liebe zu einem Weibe. Und ist denn die Liebe nicht die gewaltigste Triebfeder der menschlichen Handlungen? Alles Große, was geschieht, ob eine Heldenthat oder ein Verbrechen, wird von der Liebe inspiriert. Gehören Sie denn nicht zu jenen, für welche eine hausbackene Allerweltsmoral nicht vorhanden? Lernen Sie doch, sich über die gemeine Welt erheben, mein lieber Clement! Lassen Sie sich von moralischen Banden fesseln, die nur existieren, solange Sie dieselben anerkennen? Wozu wäre man dem Dutzendmenschen überlegen, wenn man sich unter dasselbe Joch beugen wollte, wie er. Räumen Sie sich alle Hindernisse aus dem Wege und stellen Sie als einziges Gesetz Ihre Leidenschaft auf! So habe ich es seit langer Zeit gemacht, und ich bereue es nicht. Schließlich gibt es ja nur eins, das augenblicklich Wichtigkeit für Sie hat: Sie lieben.«

»Wie ein Wahnsinniger,« sagte Thauziat.

»Nun gut! Dann erinnern Sie sich einmal an das, was ich Ihnen vor mehr als einem Jahre gesagt habe: ›Sie werden in Louis Hérault einen Rivalen finden!‹ Ich hatte ein Vorgefühl von dem, was wirklich eingetroffen ist. Sie antworteten mir damals lachend: ›An dem Tage, wo das eintrifft, gebe ich ihn Ihnen zurück, das wird meine Rache sein.‹ Dieser Tag ist gekommen, Clement. Aber ich werde Ihr zartbesaitetes Gewissen schonen und Louis Hérault nicht von Ihnen fordern, sondern ihn mir ganz allein zurückerobern. Und wenn Sie dann die schöne Madonna verraten und beschimpft sehen werden von dem Manne, welchem sie einen Thauziat geopfert hat, dann wird wahrscheinlich Ihre Tugend endgültig zum Himmel hinaufsteigen, und Sie werden aufhören, ein Engel zu sein, um wieder ein Mann zu werden.«

»Diana,« rief Clement heftig, »ich verbiete Ihnen...«

»Unsinn!« sagte die schöne Engländerin, indem sie ihm ins Wort fiel, »eine Frau läßt sich nichts verbieten!«

Und als Thauziat dennoch weiter reden wollte, bat sie ihn: »Schweigen Sie! Die Herren nahen! Sie könnten uns hören!«

Mit leiser Stimme fügte sie hinzu: »Wenn die Frau, die Sie lieben, in Ihren Armen ruhen wird, dann erinnern Sie sich daran, daß Diana sie Ihnen errungen hat!«

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