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Sibirien

George Kennan: Sibirien - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
booktitleSibirien
authorGeorge Kennan
translatorDavid Haek
year1891
firstpub1891
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSibirien
pages513
created20111020
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die neueste sibirische Tragödie.

März 1890.

Die Zeitung »New York Tribune« vom Sonntag den 19. Januar 1890 enthält beziehentlich der jüngst in der ostsibirischen Stadt Jakutsk stattgefundenen Niedermetzlung russischer politischer Verschickter von einem gelegentlichen Korrespondenten in St. Petersburg folgende Mitteilungen:

»St. Petersburg, 1. Januar.

Die Mitteilungen der Londoner »Times« von einer Niedermetzlung politischer Verbannter, die verwichenen Herbstes 76 in Jakutsk, Ostsibirien, stattgefunden hätte, hat hier ein bedeutendes Aufsehen erregt. Unter gewöhnlichen Umständen glaubt die kaiserliche Regierung den Äußerungen des brittischen »Donnerers« keine Beachtung widmen zu sollen, zumal sie die Stellung kennt, die der Attentäter des Polizeichefs General Mesentseff, der Nihilistenführer Katschefsky, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen Stepniak, seit einigen Jahren in der Redaktion der »Times« einnimmt. Im vorliegenden Falle jedoch hat des erwähnten Blattes Erzählung einer angeblichen Metzelei in Jakutsk so umfangreiche Verbreitung gefunden und einen solchen Sturm der Entrüstung in der ganzen europäischen Presse hervorgebracht, daß die Regierung des Zaren es für rätlich erachtet, von der üblichen Politik verachtungsvollen Schweigens abzuweichen und eine amtliche Erklärung des Vorfalls zu geben. Sie leugnet, daß eine Metzelei stattgefunden habe, doch giebt sie zu, daß in Jakutsk zwei blutige Schlägereien unter folgenden Umständen stattgefunden haben: »Vor einem Jahre etwa erhielt das hiesige Departement der Geheimpolizei die Mitteilung, daß die meisten nihilistischen Pamphlete, Proklamationen und andere revolutionäre Veröffentlichungen in Sibirien nicht nur geschrieben, sondern auch gedruckt werden. Im ersten Augenblick schien dies ganz unglaublich, in Hinblick auf die strenge Kontrolle, der sowohl Gefangene, wie Verbannte in des Zaren großen Strafkolonien unterworfen sind. Indes schien es doch angezeigt die Sache zu untersuchen und Kapitän Russanoff, einer der tüchtigsten Beamten der dritten Sektion der kaiserlichen Kanzlei, wurde zu diesem Zwecke nach Sibirien geschickt. Nach vielen sorgsamen und geduldigen Forschungen gelang es ihm die Existenz einer sehr gut ausgestatteten geheimen Druckerei in Jakutsk zu entdecken. Dieser Ort ist der allerletzte der Welt, von dem angenommen werden könnte, daß die Nihilisten hier ihre Pressen aufgestellt haben, denn nur die gefährlichsten und verzweifelsten Gefangenen und Verbannten befinden sich in Jakutsk. Ihre Namen sind nicht einmal den Lokalbehörden 77 bekannt, denn im Augenblicke wo sie Tomsk verlassen, sind ihnen auch ihre Namen genommen und sie werden nur mit Nummern bezeichnet. Zufolge ihres gefährlichen Charakters sind sie einer besonderen und sehr strengen Überwachung unterworfen.

Kapitän Russanoff fand indessen heraus, daß es ihnen mittelst schweren Bestechungen gelungen war, die ihnen zur Überwachung beigegebenen Baikalkosacken für sich zu gewinnen, und daß diese ihnen bei der Beförderung ihrer Schriften nach Rußland behilflich waren. Nachdem der Kapitän seine Maßregeln ergriffen hatte, ließ er eines Nachts von der Polizei und von Soldaten das Haus umzingeln, in dem sich die Druckerei befand, und nach einer blutigen Schlägerei, bei der sowohl einige von der Polizei, wie einige von den Verschworenen durch Revolverschüsse und Säbelhiebe schwer verwundet wurden, gelang es, die Insassen des Hauses zu verhaften und ins Gefängnis zu setzen. Einige Wochen später wurden sie vor Gericht gestellt und mit einer unter diesen Umständen ganz ungewöhnlichen Milde wurden sie von den Richtern nur zur Deportation nach einigen entfernteren und strengeren Strafansiedlungen verurteilt. Das Streben des Gerichtshofes ging dahin, die Bande zu sprengen, sie in großen Entfernungen voneinander unterzubringen, damit ferner keine Verbindung zwischen ihnen möglich sei. Der amtliche Bericht bemerkt nun, daß die Verurteilten, nachdem sie ihr Urteil vernommen hatten und hinausgeführt wurden, plötzlich die Eskorte angriffen. Einige von ihnen hatten Revolver bei sich, die sie nun gegen die anwesenden Polizeibeamten benützten. Diesen eilten Soldaten zu Hilfe und zur Unterdrückung der Revolte wurde es nötig einige der Häftlinge niederzuschießen, oder mit dem Bajonett niederzustechen. Drei der Überlebenden wurden dann zum Tod durch den Strang verurteilt, während den anderen, statt der einfachen Deportation, die Strafbarkeit in den Minen zugesprochen wurde.

Diese von der Regierung gegebene Erklärung wird hier überall als höchst glaubwürdig aufgenommen.« . . .

78 Es ist befriedigend zu sehen, daß die Minister des Zaren nicht ganz gleichgültig sind gegen die Meinung der civilisierten Welt, und daß sie zu einer Erklärung einiger ihrer außergewöhnlichen Thaten gezwungen werden kann – mag diese Erklärung auch eine schamlose Lüge sein. Indes wenn man die Sache vom moralischen Standpunkt aus betrachtet, so scheint es, es wäre doch für die russische Regierung besser gewesen, wenn sie auf die Vorwürfe der Barbarei und Grausamkeit, die von der Londoner »Times« wider sie erhoben worden, lieber ganz geschwiegen hätte, als sie in einer Weise zu beantworten, die nicht nur die Unwahrheit sagt, sondern dabei auch albern und komisch klingt.

Die Metzelei der politischen Verbannten in Jakutsk erfolgte im letzen März, also vor einem Jahre. Selbst in einem Lande, wo Grausamkeit und Rechtsverletzung nichts ungewöhnliches sind, wird ein Ereignis wie das von Jakutsk – das Niederschießen von fünfzehn bis zwanzig fast wehrlosen politischen Gefangenen, das Niederstechen eines Weibes mit dem Bajonett, das Aufhängen von drei der Überlebenden und die Verurteilung aller andern zur Zwangsarbeit – etwas sein, das die Aufmerksamkeit selbst der sorglosesten und gleichgültigsten Presse auf sich ziehen muß. Es ist ein Ereignis von höchster Wichtigkeit, ganz abgesehen von Schlüssen, die daraus gezogen werden können. Allein auch der aufmerksamste Leser russischer Zeitungen hätte in deren Spalten vergeblich nach einem kurzen Bericht oder auch nur nach einer Andeutung dieser Massenschlächterei gesucht, die in Ostsibirien gegen gebildete Männer und Frauen stattgefunden hat. Zehn Monate lang hüllte sich die ganze russische Presse in tiefstes Schweigen über diese Angelegenheit, nicht daß die russischen Redakteure nichts davon erfahren hätten, nicht daß sie das Niederschießen von unschuldigen Männern und Aufspießen von unschuldigen Frauen als etwas Gleichgültiges betrachtet hätten, sondern nur darum weil in ihren Mund der Knebel der Censur gestopft war. Ich selbst halte und lese fünf oder sechs russische Zeitungen, darunter die »Russische 79 Zeitung« von Moskau, die »Wiestnik Europa« und die »Östliche Revue« von Irkutsk, die also in der Hauptstadt Ostsibiriens erscheint, nur in geringer Entfernung – nach sibirischen Begriffen von Entfernung – vom Schauplatz der Jakutsker Tragödie. Auch nicht ein einziges Wort über diese grausame und unprovozierte Mordthat wurde von den erwähnten Blättern verlautbart. Augenscheinlich wagte es nicht die Regierung seinem Volke die Sache auch nur in ihrer Beleuchtung darzustellen. Wenn es eine gerechte Sache, eine nötige Abwehr war, warum erklärte sie nicht gleich ganz einfach, daß die politischen Verschickten zu Jakutsk verhaftet und verurteilt wurden, weil sie eine geheime Druckerei zu revolutionären Zwecken unterhielten; daß sie ferner beim Verlassen des Gerichtssaales einen bewaffneten Angriff auf die Wache unternahmen, daß es daher nötig war die Revolte niederzuschlagen, selbst um den Preis einiger Menschenleben? Der einzige Grund, warum sie dies unterließ, ist, daß sie es nicht wagte Nachfragen und Erklärungen zu provozieren. Sie hoffte das ganze russische Volk in Unwissenheit, nicht nur über die näheren Umstände der Metzelei zu erhalten, sondern auch über die Metzelei selbst.

Meine erste Kenntnis der Tragödie von Jakutsk erhielt ich im verwichenen Sommer in einem Privatbrief aus Sibirien. Seit jener Zeit habe ich acht besondere, unabhängig von einander geschriebene Mitteilungen über den ganzen Vorfall erhalten, dazu auch Abschriften der amtlichen Schriftstücke, die sich darauf beziehen, Planskizzen des Hauses und Hofes wo die Metzelei stattfand, die Namen aller beteiligten Beamten und Verbannten, den vollständigen Text des Urteils des Kriegsgerichtes, das die Überlebenden richtete, die letzten Briefe der drei Männer die gehängt wurden und alle genauesten Einzelheiten die zum völligen Verständnis der Umstände nötig sind. Diese Mitteilungen würden, übersetzt und veröffentlicht, Bände füllen und sie kamen mir, wie erwähnt, von acht verschiedenen Personen zu – die nicht alle Verbannte sind, und aus den verschiedensten Teilen des russischen Reichs. Mit einigen der 80 Schreibenden bin ich persönlich bekannt und ich kenne sie als Männer von Ehre und Vertrauenswürdigkeit; Männer, die absichtlich keine Unwahrheit berichten wollten, gälte es auch dem besten Zwecke. Überdies sind sie auch durch tausende Meilen sibirischer Steppen getrennt, sie könnten daher nicht eine Verabredung treffen mich zu täuschen, auch dann nicht wenn sie es gewollt hätten; auch weiß keiner von ihnen, daß der andere mir geschrieben hat. Es ist daher kaum noch nötig zu bemerken, daß Beweismittel der erwähnten Art das vollste Vertrauen verdienen. Und ich bin überzeugt, daß sie, vollständig veröffentlicht, das amerikanische Volk nicht nur von der Grausamkeit der russischen Regierung überzeugen würden, sondern auch von der schamlosen Verlogenheit, die solche Thaten mit solchen Worten zu erklären versucht.

Die offiziösen Mitteilungen des Korrespondentens der »Tribune« will die von der Londoner »Times« gebrachte Nachricht über die Metzelei diskreditieren, indem sie sie vor allem dem bekannten russischen Schriftsteller Stepniak zuschreibt und dabei dessen persönlichen Charakter anschwärzt. Es ist dies eine charakteristische russische Kampfmethode; den Gegner verleumden, ihn einen Mörder nennen, das ist des russischen Bureaukratens höchste Vorstellung einer Strategie. Ich halte es für unnötig Stepniak zu verteidigen, denn er vermag es selbst; ich weiß auch nicht, ob er Mitarbeiter der Londoner »Times« ist; aber ich weiß, daß die Mitteilungen dieses Blattes über die Metzelei von Jakutsk in allen ihren wesentlichen Bestandteilen richtig ist, daß sie, wenn auch mit andern Worten gegeben, völlig übereinstimmen mit den acht unabhängig voneinander geschriebenen Mitteilungen, die ich aus Rußland und Sibirien erhalten habe. Meine Berichte sind länger, sie enthalten mehr Einzelheiten, aber sie bestätigen jeden wesentlichen Umstand, der von der »Times« veröffentlichten Nachricht.

Die russischen Beamten in St. Petersburg behaupten – nach der Mitteilung des Korrespondentens der »New York Tribune« – daß diese sibirische Tragödie indirekt das Ergebnis 81 der Entdeckung einer »nihilistischen« Druckerei in Jakutsk, durch Kapitän Rusinoff sei. Das ist entschieden unrichtig. General – nicht Kapitän – Rusinoff bereiste vor etwa zwei Jahren Sibirien, angeblich um das Leben und Treiben der Verschickten zu beobachten. Aber er ist schon längst zurückgekehrt, ich glaube nach St. Petersburg, und er war gar nicht in Jakutsk. Seine bemerkenswertesten Thaten waren dort, erstens, die Unterdrückung der liberalen Tomsker Zeitung »Sibirische Zeitung«, weil sie politischen Sträflingen Beschäftigung gab und eine Trauernotiz über den Tod eines derselben veröffentlichte (s. vorhergehendes Kapitel »Geschwärzt«), zweitens, die Vernichtung aller Inschriften auf den Grabsteinen der verstorbenen politischen Verbannten zu Tomsk. Unter den vertilgten Aufschriften, was unter seiner persönlichen Aufsicht vorgenommen wurde, befanden sich u. a. folgende: A . . . B . . . starb in einsamer Haft des Gefängnisses zu Tomsk am . . . 188 . .« und »B . . . . C . . . . starb in Tomsk am . . . 188 . . in seines Alters . . . . Jahre.« Hier waren die Worte Christi zugefügt: »Größere Liebe hat kein Mensch als der, der sein Leben für Freunde opfert.« Diese Worte wurden vertilgt.

Ich nehme an, daß ein Offizier, der fähig ist politische Gegner bis über das Grab hinaus zu verfolgen und die Worte Christi von ihren Grabmälern zu löschen, auch imstande ist eine »nihilistische« Druckerei in einem Orte zu entdecken, den er nie besucht hat. Hat er es wirklich gethan, warum konfiszierte er nicht diese Druckerei damals als er überhaupt in Sibirien war? Es sind fast zwei Jahre her, daß ich in sibirischen Zeitungen von seinem Besuch verschiedener Ortschaften etwas las.

Jemandem, der die Stadt Jakutsk kennt wie ich sie kenne, muß die Geschichte von der Entdeckung einer dortigen »nihilistischen« Druckerei auf den ersten Blick hin unwahr erscheinen. In Rußland wachsen nicht die Druckerpressen auf dem erstbesten Baume. Sie werden von der Regierung für gefährlicher als Dynamit erachtet und sie sind selbst in den größten 82 Städten, wie in St. Petersburg und Moskau nur mit den größten Schwierigkeiten und mit der fürchterlichsten Gefahr heimlich unterzubringen. Wie könnte also eine Handvoll politischer Verbannter, die unter strenger polizeilicher Überwachung leben, die fast gar kein Geld besitzen, eine Druckerpresse nach der weitentlegenen Stadt Jakutsk schaffen? Daselbst giebt es keine Zeitung und soweit mir bekannt ist, giebt es auf tausend Meilen in der Runde keine Druckerpresse. Ferner, um auch dies in Betracht zu ziehen, welchen Nutzen könnte es für die Verbannten haben an Ort und Stelle eine Druckerpresse zu benutzen, wenn sie schon wunderbarer Weise zu einer kämen? Jakutsk ist nur ein Städtchen mit überwachsenen Blockhäusern, von etwa sechstausend Einwohnern, jeder der Einwohner ist den Postbeamten und der Polizei bekannt, und die Korrespondenz der Verschickten steht unter strenger »Kontrolle«. Wie könnten sie »nihilistische« Schriftstücke in bedeutenden Mengen nach dem europäischen Rußland verschicken, aus eine Entfernung von mehr als viertausend Kilometer, selbst wenn sie den Druck herzustellen vermöchten?

Die Beamten in St. Petersburg sagen ferner, wie der Korrespondent der »Tribune« mitteilt, daß nur die »gefährlichsten und verzweifelsten« Gefangenen und Verbannten in Jakutsk interniert wären. Ihre Namen wären selbst den Lokalbehörden nicht bekannt, da sie vom Tage ihres Abgangs von Tomsk nur mehr mit Nummern bezeichnet werden. Auch diese Behauptungen sind falsch, letztere sogar absurd. Die Hälfte der Zahl der politischen Verbannten in Jakutsk wurden ohne richterliches Urteil, auf administrativem Wege nach Sibirien verschickt. Es gab nicht Beweismittel genug um sie selbst von einem russischen Gerichte verurteilen zu lassen, sie wurden daher einfach nur auf Befehl des Ministers des Innern verbannt. Die Namen sind zuweilen nur angenommene, aber der Gebrauch Sträflinge mit Nummern zu bezeichnen, ist in Sibirien praktisch unbekannt. Nur ein einziger derartiger Fall kam zu meiner Kenntnis und da war es, daß der 83 Sträfling jede Auskunft über seine Person verweigerte. Er wurde nach den Minen als »Nummer Zwei« verschickt, einfach nur weil die Behörde nicht erfahren konnte wer er wäre.

Die Beamten in St. Petersburg bemerken ferner, wie der Korrespondent der »Tribune« berichtet, zur Erklärung der Metzelei von Jakutsk, daß die »gefährlichen und verzweifelten« politischen Verbannten, als sie nach ihrer Verurteilung wegen Errichtung einer »nihilistischen« Druckerei den Gerichtshof verließen, plötzlich die Wache mit geladenen Revolvern angegriffen hätten, daß es zur Unterdrückung der Revolte nötig war von Kugel und Bajonett Gebrauch zu machen.

Die Verbannten haben wohl ihre geladenen Revolver in derselben mirakulösen Weise erhalten wie die Druckerpresse. Jeder der auch nur einigermaßen die russischen Gefängnisse und Gerichte kennt, wird wissen, daß die Sträflinge, bevor sie nach den Zellen abgeführt werden, einer Durchsuchung unterzogen werden, die noch sorgfältiger und gründlicher vorgenommen wird, ehe sie vor dem Gerichtshof gestellt werden. Es ist völlig unmöglich und unglaublich, daß man »gefährlichen und verzweifelten« politischen Gefangenen erlaubt hätte, als sie verhaftet und eingesperrt wurden, geladene Revolver mit in die Zellen zu nehmen; es ist noch unglaublicher, daß man ihnen erlaubt hätte so tödliche Waffen mit sich zu führen, als sie vor die Richter gestellt wurden um abgeurteilt zu werden. Russische Polizisten mögen dumm sein, aber so dumm sind sie doch nicht, um »gefährliche und verzweifelte« Gefangene mit den Taschen voll geladener Revolver vorzuführen.

Die ganze Geschichte trägt den Stempel einfältiger Erfindung, vorgebracht, um die wahren Geschehnisse zu verhüllen, um den Leser zu täuschen, der nicht mit den Verhältnissen des Lebens der Verbannten vertraut ist. Das Gemetzel von Jakutsk war nicht das Resultat der Entdeckung einer geheimen »nihilistischen« Druckerei, nicht das eines Angriffs den »verzweifelte und gefährliche« Leute auf ihre Wachen unternommen haben – es war das direkte Resultat amtlicher Dummheit 84 und Brutalität, das indirekte Resultat eines grausamen und unnötigen Befehls, der von dem Gouverneur der Provinz Jakutsk, General Ostaschkin erteilt wurde. Dieser Offizier beabsichtigte zwanzig oder dreißig der administrativ Verschickten nach den arktischen Regionen zu senden, ohne geeignete Ausrüstung und in so großen Abteilungen, daß sie wegen der Unmöglichkeit sich Nahrung zu verschaffen, auf dem Wege hätten verhungern müssen. Ich kenne diese Gegend gründlich. Teilweise bereiste ich sie auf Hundeschlitten im Winter 1867/68 und ich erinnere mich, daß während der ganzen Woche mein Thermometer eine Temperatur von 40 bis 50 Grad Fahrenheit unter Null zeigte. Beinahe verlor ich da einen meiner Leute, der nachts starr vor Kälte ins Lager kam; und so wohlgenährt und ausgerüstet wie ich auch war, litt ich doch fürchterlich unter den Mühen, denen ich ausgesetzt war. Und in diese arktische Wildnis, die ich im Jahre 1867 auf Hundeschlitten nur mit den gewaltigsten Anstrengungen durchfahren konnte, wollte General Ostaschkin zwanzig oder dreißig politische Verbannte senden – darunter zwei oder drei junge Mädchen – ohne genügende Lebensmittel, ohne gehörige Ausrüstung und in so großen Abteilungen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die halbwilden jakutischen Kutscher, bei den weitentlegenen Stationen, sie weder mit Nahrung versehen, noch weiterschaffen konnten. Als die Verbannten dem Gouverneur Ostaschkin die respektvolle Bitte sandten, er möge sie nach den Bestimmungsorten, so wie es bisher üblich war schicken: zu zweien und mit genügender Nahrung und Ausrüstung, da ließ er eine Compagnie Kosacken mit geladenen Flinten nach dem Hause reiten, wo die Bittsucher der Antwort harrend versammelt waren, und befahl den Offizieren, zu veranlassen, daß sie aufs Polizeiamt gebracht würden. Die Kosacken versuchten nun die erzürnten Verbannten aus dem Hause zu treiben, indem sie mit den Bajonetten stachen und mit den Gewehrkolben stießen. Widerstand wurde nur von wenigen geleistet, die nicht genug Verständnis hatten für diese 85 unerwartete Antwort auf ihre Bitte. Und dann folgte die Metzelei, die der Korrespondent der Londoner »Times« beschrieben hat. Sechs der Politischen wurden getötet, darunter ein junges Mädchen, das gespießt wurde; neun wurden schwer verwundet und alle anderen brutal geschlagen und mißhandelt.

In einem Leitartikel, der dieses Ereignis behandelt, stellte die Londoner »Times« die gebührlichen Fragen: »Ist es möglich, daß solche Dinge mit Wissen des Zaren, der als humaner Mensch gilt, geschehen können? Ist er so verblendet von den Lehren des Absolutismus, daß sein Herz verhärtet ist gegen alle diese Leidensgeschichten? Wenn nicht, so hat er nun die beste Gelegenheit ein für allemal Scenen und ein System zu beseitigen, die nur seine Regierung und seine Religion entwürdigen.«

Solche Mittel unterdrücken nichts, sie verbittern nur und vergrößern das Übel gegen das sie gerichtet sind.

Die Überlebenden der Metzelei wurden vor das Kriegsgericht gestellt und ohne daß ihnen eine Verteidigung gestattet worden wäre, wegen bewaffneten Widerstand gegen die Behörde angeklagt und für schuldig befunden. Drei von ihnen wurden gehenkt; vierzehn, vier Frauen inbegriffen, wurden zu lebenslänglicher Strafarbeit verurteilt; fünf, zwei Frauen inbegriffen, wurden für die Dauer von fünfzehn Jahren nach den Minen geschickt; vier, Burschen und Mädchen unter zwanzig Jahren, wurden zu zehnjähriger Strafarbeit verurteilt und zwei andere wurden als Zwangskolonisten nach den arktischen Dörfern Werkhojansk und Sredni Kolinsk, in »dem entlegensten Teil der Provinz Jakutsk« verschickt. Und dieses Urteil ist nach der Meinung Petersburger Beamten ein Beweis »ungewöhnlicher Mäßigung« der Richter, die das Kriegsgericht gebildet haben! Einen weiteren Beweis dieser »ungewöhnlichen Mäßigung« ergiebt die Thatsache, daß der politische Verbannte Kohan Bernstein, nachdem er bei der Metzelei vier schwere Kugelverwundungen erhalten und fast fünf Monate 86 im Gefängnishospital gelegen hatte, auf einem Feldbett liegend zum Galgen getragen wurde, daß man ihn henkte, indem ihm die Schlinge um den Hals gelegt und das Bett unter ihm fortgezogen wurde.

Wenn dies russische »Mäßigung« ist, dann hat man wohl alle Ursache zu beten von der russischen Strenge bewahrt zu bleiben.

Zwei Stunden ehe der Strick um seinen Hals gelegt wurde schrieb einer der Hingerichteten einige flüchtige Abschiedszeilen an seine Genossen, worin er sagt: »Wir fürchten nicht den Tod, doch versucht ihr, unseren Tod irgendwie nützlich zu machen – berichtet dies alles Kennan.«

Der Appell an mich soll nicht vergeblich gewesen sein. Wenn ich lebe so wird wenigstens die ganze englisch sprechende Welt die Einzelheiten dieses grausamen Verbrechens kennen lernen.

 

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