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Sibirien

George Kennan: Sibirien - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
booktitleSibirien
authorGeorge Kennan
translatorDavid Haek
year1891
firstpub1891
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSibirien
pages513
created20111020
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6. Die Gefängnisse der politischen Sträflinge im Karagebiet.

Nachdem Oberst Kononowitsch im Jahre 1881 von seinem Amte als Leiter der Strafkolonie von Kara zurücktrat, wurde sein Nachfolger Major Potuloff, der bis dahin in irgend einer Beziehung zur Gefängnisverwaltung der Silberminen von Nertschinsk gestanden, dazu ernannt.

Bald nach seinem Amtsantritt wurden alle politischen Gefangenen – es mögen etwa hundert gewesen sein – in das neue Gefängnis der »Unteren Goldwäscherei«, das Oberst Kononowitsch erbauen ließ, gebracht und dort in die Zellen gesperrt. Die Tage, die sie hier nun verbrachten, waren, wie aus Briefen zu ersehen ist, die sie heimlich ihren Freunden zu senden wußtenManche dieser Briefe befinden sich in meinem Besitze und vieles der nachfolgenden Erzählung sind ihnen entnommen. Als ganz unparteiisches Zeugnis können sie freilich nicht gelten, aber sie wurden doch nicht tendenziöser Weise geschrieben; die Absender konnten nicht wissen, daß sie je veröffentlicht werden., recht böse, aber wenigstens doch nicht ganz unerträglich. Sie durften täglich im Hofe einen Rundgang vornehmen, konnten kleine Beträge, die ihnen übersandt wurden in Empfang nehmen, hatten einige Bücher zur Benutzung, die sie sich für ihr Geld kauften oder aus Rußland erhielten und fanden zuweilen auch einige Zerstreuung bei der Arbeit in der Tischler- oder Schlosserwerkstätte. Diesen kargen Vorteilen standen freilich eine Unmenge schwerer Übel gegenüber: Einige waren Tag und Nacht gefesselt, zwei oder drei sogar an den Karren geschmiedet. Sie mußten in den öden Zellen weilen, da ihnen auch die Arbeit in den Goldwäschereien versagt war, und das Geschwätz ihrer verrückt gewordenen Genossen anhören, die mit ihnen zusammengesperrt waren. Die Aussicht nach Ablauf einer gewissen Zeit im »freien Kommando« doch ein wenig Freiheit zu genießen, war 108 verschwunden, und jeder briefliche Verkehr war ihnen untersagt; ihre ganze Welt lag innerhalb des Gefängnishofes.

Im März des Jahres 1882 erstattete der Generalgouverneur von Sibirien, General Anutschin einen Geheimbericht an den Zaren, wo er bezüglich der politischen Gefangenen sich äußert:

»Indem ich diesen Teil meines Berichtes schließe, will ich Ew. Majestät noch bitten, meinen Bemerkungen über die Staatsverbrecher, die in Ostsibirien sich befinden, einige Aufmerksamkeit zu schenken.

Am 1. Januar 1882 befanden sich deren 430 dort u. z.

a) Zufolge richterlichen Urteils nach Sibirien verschickt:
        1) als Zwangsarbeiter 123
2) als Zwangskolonisten 49
3) an zugewiesenen Wohnorten  41
b) Auf administrativem Wege Verschickte:
1) an zugewiesenen Wohnorten 217

Zusammen:  430 Es ist ein beachtenswerter Umstand, daß vom Generalgouverneur selbst angegeben wird, daß 217 der Verschickten, also mehr als die Hälfte, ohne richterliches Urteil nach Sibirien mußten. Dieser Umstand sei allen Fürsprechern eines russisch-amerikanischen Auslieferungsvertrages zur Erwägung empfohlen.      

Alle zur Zwangsarbeit verurteilten Staatsverbrecher werden im Gebiet der Goldgruben von einer aus 200 Mann bestehenden Compagnie Transbaikalkosaken bewacht. Es ist unmöglich, diese Verbrecher mit jenen, die wegen gemeinen Vergehens verurteilt wurden, gemeinschaftlich in den Goldwäschereien arbeiten zu lassen. Auch getrennt von ihnen können sie nicht arbeiten, denn es fehlt an geeigneten Örtlichkeiten, an Bewachungsmannschaft und die meisten sind auch für derartige Arbeiten nicht kräftig genug.Warum es nicht möglich sei, die politischen Gefangenen bei den anderen arbeiten zu lassen, begründet der Herr Generalgouverneur nicht. Er erklärt auch nicht, wie es kam, daß es unter Leitung des Oberst Kononowitsch dennoch möglich war, ohne daß Flucht oder andere Unzukömmlichkeiten vorgefallen wären. Unproduktive Arbeiten, die 109 anderwärts den Gefangenen auferlegt werden, um sie körperlich zu beschäftigen, sind bei uns nicht im Brauch, wir haben daher für diese Sträflinge keine Beschäftigung und die Lokalbehörde, die für vorkommende Flucht streng zur Verantwortung gezogen wird, ist genötigt, sie unter Bewachung in den Gefängnissen zu lassen und sie nur zuweilen dort oder in nächster Nähe zu vorkommenden Arbeiten zu verwenden. Diese Arbeit kann aber nicht als »Zwangsarbeit« gelten, sie dient vielmehr zur körperlichen Kräftigung. Übrigens ist die Befreiung von Zwangsarbeit keine Verbesserung ihrer Lage, im Gegenteil! Die völlige Absonderung macht ihnen doch das Leben ganz unerträglich . . .

Es sind unter ihnen einige Selbstmorde vorgekommen und einer von ihnen, Namens Pozen, ist wahnsinnig geworden, während andere sich in einem geistigen Zustande befinden, der dem Wahnsinn ziemlich nahe kommt. Ich habe mich mit dem Ministerium des Innern dahin verständigt, daß die Geisteskranken in einem Miethause in Tschita untergebracht werden sollen, da es in Sibirien keine Irrenhäuser giebt und die im europäischen Rußland überfüllt sind . . .«

So heißt es in dem Bericht des Generalgouverneurs an den Zaren Kapitel V, Abteilung 3, mit der Überschrift: »Verbannung, Zwangsarbeit und Gefängnisabteilung.« Eine Abschrift dessen befindet sich in meiner Hand. Auf dem Original befinden sich als eigenhändige Randglosse des Zaren die Worte: »Grustnaja no ne nowaja kartina.« (Ein betrübendes aber nicht neues Bild.)

Dreiundeinhalb Jahr später besuchten wir das Karagebiet und damals war die von dem Generalgouverneur früher in Aussicht gestellte Unterbringung der Geisteskranken in ein abgesondertes Gebäude noch immer nicht erfolgt. Noch immer bewohnten sie mit ihren gesunden Genossen dieselben Zellen und machten den Aufenthalt durch ihre Anwesenheit noch unerträglicher. In den Gefängnissen Ostsibiriens wurde für die Pflege Geisteskranker überhaupt sehr wenig gethan. In mehr 110 als einem der Gefängnisse Transbaikaliens wurden wir beim Eintritt durch das wilde Geschrei oder das wilde Lachen der auf uns zuspringenden Geisteskranken erschreckt. Im ganzen Lande – wie es auch der Bericht sagt – giebt es keine Irrenanstalt und die Behörden finden es viel bequemer, die Mithäftlinge für ihre kranken Genossen sorgen zu lassen, als sich selbst darum zu kümmern und ihnen eigene Wächter zu geben. Für gebildete Leute, die vor Wahnsinn noch mehr Furcht haben, als vor allen anderen Krankheiten, muß es natürlich sehr niederdrückend sein, diese armen kranken Genossen stets vor sich zu haben, ein Unglück zu sehen, das vielleicht auch ihnen über kurz oder lang überkommt.

»Unerträglich« nannte der Generalgouverneur in seinem Berichte den unthätigen Zustand der Gefangenen. War es aber nicht die Regierung, die es veranlaßte? Er selbst ließ vor den Fenstern des Gefängnisses das hohe Pfahlwerk aufführen, das den Häftlingen jeden Ausblick benahm und der Minister des Innern war es, der ohne zwingenden Grund das »freie Kommando« aufhob und die vollständige Absonderung der politischen Gefangenen befahl. Und das brachte Selbstmord und Wahnsinn, Vorfälle, die dem Herrn Generalgouverneur ein wenig betrübt zu haben scheinen.

Wie wäre es auch anzunehmen gewesen, daß junge, willensstarke Männer mattherzig mit einem Zustand sich zurecht finden werden, der von Amts wegen selbst als »unerträglich« bezeichnet wurde! Im April des Jahres 1882, kaum ein Jahr nach dem Rücktritt des Obersten Kononowitsch, kaum einen Monat nach der Absendung des erwähnten Berichtes Anutschins an den Zaren unternahmen einige der verwegensten politischen Gefangenen zu Kara einen Fluchtversuch. Sie gruben erst eine Öffnung unter der Gefängnismauer, die zwar nicht entdeckt wurde, aber ihrem Zwecke doch nicht nützen konnte, da sich die Öffnung mit Grundwasser füllte. Nun stellte einer der Häftlinge den Antrag, sie sollen sich tagüber in der Werkstätte, wo sie zuweilen arbeiten durften, verstecken, um 111 dann im Dunkel der Nacht über das Pfahlwerk zu klettern. Die größte Schwierigkeit bot die Abendzählung; allabendlich nach dem Essen wurden die Gefangenen in ihren Zellen gezählt, der Abgang der Versteckten mußte dann bemerkt werden, noch ehe sie entschlüpft waren. Da half ihnen ein guter Einfall. Es war nämlich nicht üblich, daß der Aufseher, der zur Zählung herbeikam, die schlafenden Gefangenen weckte; sie stopften daher einige Puppen aus und legten sie auf die Pritschen. Da die Zählung gewöhnlich von der Thüre aus erfolgte, war es wahrscheinlich, daß der Beamte die Täuschung nicht bemerken werde. Gelingt der Plan, so beabsichtigten die Flüchtlinge entlang des Amurthales nach dem Stillen Ocean zu ziehen, um dort auf irgend einem amerikanischen Schiffe die Flucht beendigen zu können. Die im Gefängnis Zurückgebliebenen sollten täglich bei der Zählung die Puppen auf die Pritschen legen, damit die Flucht so lange wie möglich verborgen bleibe und die Flüchtlinge einen Vorsprung gewinnen, der ihnen ermöglicht, die Küste zu erreichen, bevor sie verfolgt werden. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, versteckten sich an einem Nachmittag im April zwei der politischen Gefangenen, Namens Muischkin und Khruschtscheff, und auf die Pritschen wurden zwei in Sträflingskleider gehüllte Puppen gelegt. Die List gelang. Der Aufseher bemerkte nicht den Abgang und die beiden kletterten dann über das Pfahlwerk und erreichten glücklich den schützenden Wald. Einige Tage später folgten ihnen zwei andere Gefangene in derselben Weise, nach vierzehn Tagen lagen schon sechs ausgestopfte Figuren auf den Pritschen und im Verlauf der kommenden Woche gesellte sich noch ein viertes Paar dazu. Das Mißgeschick wollte, daß einer dieser beim Abspringen von dem Pfahlwerk in einen mit Wasser gefüllten Graben fiel. Das Aufplätschern machte die Schildwache aufmerksam, sie gab Feuer und ehe 10 Minuten vergangen waren, war alles alarmiert. Die genaue Zählung aller Gefangenen, die nun erfolgte, ließ den Abgang der acht Personen erkennen.

112 Wenige Tage vor dieser Entdeckung hatte der Direktor der Gefängnisverwaltung, Galgin Wraskoi und der Gouverneur von Transbaikalien, General Iljaschewitsch, die Gefängnisse von Kara besichtigt und sie waren soeben auf dem Heimweg nach Tschita. Vom Major Potuloff schleunigst von dem Vorfall benachrichtigt, kehrten sie sogleich zurück und leiteten persönlich die energische Verfolgung der Entflohenen.

An alle Häfen des Stillen Oceans wurden telegraphische Weisungen abgesandt, alle Polizeibeamten mit Personalbeschreibungen und womöglich auch mit den Photographien der Flüchtlinge versehen, Befehle wurden erteilt, jeden verdächtigen Reisenden festzunehmen und zahlreiche Eingeborene, verlockt von der versprochenen Belohnung, durchstreiften die Waldungen Transbaikaliens, um der Entflohenen habhaft zu werden. Solchen kräftigen Maßregeln gegenüber war freilich für die flüchtigen Gefangenen nur geringe Hoffnung vorhanden, daß sie den Verfolgungen entgehen werden. Sie waren körperlich geschwächt, kannten nicht Weg noch Steg und hatten weder Landkarten noch Kompaß zur Verfügung. Nur den beiden Erstentflohenen gelang es bis zur Hafenstadt Wladiwostok zu kommen, allein auch sie, wie alle andern wurden endlich gefesselt zurückgebracht.

Nun galt es den politischen Gefangenen »eine Lektion zu erteilen« und die Ordnung im Gefängnis herzustellenIch gebrauche hier die Worte des Majors Potuloff, die er bei der Erzählung des Vorfalls mir gegenüber in Anwendung brachte. Die politischen Gefangenen meinten, es sei Absicht der Lokalbehörden gewesen, sie zum Aufruhr zu reizen, damit sie dann den Vorwand haben, die Gefangenen körperlich zu züchtigen und dabei auch die Aufmerksamkeit des Ministers von der Nachlässigkeit der Verwaltung abzulenken.. Das sollte geschehen, indem den Gefangenen alle Begünstigungen und auch alle Rechte, die selbst gemeine Verbrecher genießen, entzogen werden, daß sie gruppenweise unter den gemeinen Verbrechern von Ustj-Kara, Mittel-Kara und Ober-Kara verteilt und dem »Kartsernoi polozhenie« unterworfen werden.

113 Einem Gefangenen dieser Art werden nämlich Geld, Bücher, Schreibzeug, Bettwäsche, Tabak – kurz alles was nicht von allergrößter Notwendigkeit ist, entzogen. Er darf nicht im Hofe spazieren gehen, seine Nahrung besteht aus Roggenbrot und Wasser, dem zuweilen noch ein wenig Gerstensuppe beigefügt wird, »Balanda«, wie sie die Gefangenen nennen.

Der Gouverneur Iljaschewitsch und der Direktor Galkin Wraskoi mochten vielleicht wirklich den Widerstand der politischen Gefangenen gegen diese Maßregeln befürchten, oder stellten sie sich nur so – sie hielten es für nötig in der »Unteren Goldwäscherei sechs Sotnias Kosaken aufzustellen. Zehn Tage lang wurden die politischen Gefangenen nicht behelligt, wahrscheinlich um sie in Sicherheit zu lullen. Plötzlich erhielten die Kosaken nachts den Befehl, die Gefangenen zu überfallen; dieser rohe Angriff Bewaffneter auf eine schlafende, wehrlose Menge ist als das »Pogrom vom 11. Mai« bekannt.Pogrom bedeutet einen heftigen unerwarteten Angriff. Einige hundert Kosaken unter Befehl des Oberstlieutenants Rudenko überfielen sie mit aufgepflanztem Bajonett, drangen in alle Zellen, zerrten die Schlafenden von ihren Pritschen, durchsuchten sie in der rohesten Weise, nahmen ihre ganze Habe fort, rissen ihnen die Kleider vom Leibe und schleppten sie in den Hof. Jedes Bitten und Reden der Mißhandelten war vergeblich und wurde in der brutalsten Weise beantwortet. Einige Brauseköpfe unter den politischen Gefangenen rissen von ihren Pritschen die Bretter, um sich damit zu verteidigen; sie wurden mit den Flintenkolben niedergeschlagen. Die Namen der am ärgsten Mißhandelten sind: Woloschenko, Rodionoff, Kobilianski, Bobokoff und Orloff.

Es ist wohl unnötig, hier diese rohen Gewaltthaten in all ihren Einzelheiten zu schildern, es genügt einfach zu erklären, daß am 11. Mai 1882 in den Vormittagsstunden, die armen Gefangenen blutend und zerschlagen waren, beraubt ihrer Kleider, Wäsche und alles anderen, aus eigenen Mitteln 114 angeschafften Sachen, und daß sie gesondert in drei Gruppen, ohne einen Imbiß erhalten zu haben, nach den Gefängnissen von Ustj-Kara, Mittel-Kara und Ober-Kara marschierten, transportiert von Kosaken, welchen General Iliaschewitsch befohlen hatte, von ihren Flintenkolben recht ausgiebigen Gebrauch zu machen.

Die nach Ustj-Kara marschierende Gruppe, bei der sich auch ein an den Schiebkarren gefesselter Gefangener befand, bat unterwegs, man möge ihnen eine kleine Rast gewähren, indem sie fünfzehn Werst zurücklegen mußten und dabei noch nichts gegessen hatten; es wurde ihnen verwehrt, sie wurden mit den Gewehrkolben weitergetrieben. Da bewarfen einige der erzürnten Gefangenen, deren Hände nicht gefesselt waren, die Soldaten mit Steinen und das hatte nun zufolge, daß sie noch viel ärger mißhandelt wurden, und denjenigen, die noch nicht gefesselt waren, die Hände gebunden wurden. Zerschlagen, müde und hungerig, erreichten sie in später Nachmittagsstunde Ustj-Kara, wo sie wieder durchsucht wurden, um dann paarweise in die Geheimzellen des Gefängnisses eingesperrt zu werden, wo sie erschöpft auf die kalte, feuchte Erde sich ausstreckten und den Himmel danken konnten, daß der Tag endlich vorüber sei.Die »Geheimzellen« der Gefängnisse in Sibirien sind für die Einzelhaft von Mördern und anderen Verbrechern schlimmster Art bestimmt. Bei unseren Besichtigungen wurden uns diese Geheimzellen in der Regel nicht gezeigt, nur in Irkutsk gestattete mir Oberst Makofski sie zu besichtigen. Sie enthielten außer dem Unratskübel gar keine Einrichtungsgegenstände, nicht einmal Pritschen. Die Häftlinge mußten auf der bloßen Erde sitzen und auch schlafen. In Irkutsk fand ich da Leute, die überhaupt noch nicht vor Gericht gestanden. Wäre es mir möglich, Beamte des Untersuchungsgefängnisses von Petersburg als Zeugen aufzurufen, so könnte ich nötigenfalls vor einem russischen Gerichtshof den Beweis liefern, daß selbst in diesem »Mustergefängnis« Rußlands Geheimzellen vorhanden waren, wo nicht nur die Pritschen, wo selbst die Unratskübel fehlen und die Exkremente auf dem Fußboden liegen. Ich nehme an, daß den obersten Beamten der Gefängnisverwaltung diese scheußlichen Zustände unbekannt waren, aber es sind Thatsachen, da ich nicht glauben kann, daß mich die politischen Gefangenen und die Gefängnisbeamten mit ihren Angaben belogen haben. Die Geheimzellen von Kara hab' ich nicht gesehen, ich kann jedoch annehmen, daß sie sich auch nicht in einem besseren Zustande befunden haben mochten, als jene, die ich besichtigt und hier geschildert habe.

115 Den nach den anderen Gefängnissen versetzten Sträflingen, erging es in ähnlicher Weise, nur, daß sie doch nicht so arg geprügelt wurden. Den Herren Galkin, Wraskoi und Iljaschewitsch war es also glücklich gelungen, die »Rebellion«, die von den schlafenden Gefangenen ins Werk gesetzt hätte werden können, erfolgreich niederzuschlagen und den »Rebellen« die nötige kräftige »Lektion« zu erteilen; es war ihnen gelungen, dem Minister des Innern den Beweis zu erbringen, mit welcher Energie sie einer »drohenden Gefahr« zu begegnen wüßten. Es herrschte »Ordnung« in den Gefängnissen der Politischen von Kara, Ordnung – wie einst in Warschau. (Der Verfasser spielt hier auf jene Worte an, die s. Z. dem Zaren nach der Niederwerfung des Aufstandes in Polen telegraphiert wurden: »L'ordre règne à Varsovie.« Anm. d. Übers.)

Zwei Monate verbrachten die politischen Gefangenen in den Geheimzellen, ohne voneinander etwas zu erfahren, ohne zu wissen, was außerhalb ihres Gefängnisses sich ereignet habe. Schlechte Luft, mangelhafte Nahrung und das Fehlen jeder körperlichen Bewegung mußten ihren Gesundheitszustand aufs Ärgste beeinflussen: Skorbut trat unter ihnen epidemisch auf und in kurzer Zeit waren einige dem Tode nahe, andere wieder so geschwächt, daß sie nicht aufstehen konnten, wenn der Namensaufruf erfolgte. Ihr Eigentum, ihr Geld befand sich im Besitze der Gefängnisleitung, die ihnen nicht gestatten wollte, das Nötigste, was Kranke brauchen dafür anzuschaffen. Major Kalturin, ein roher Gendarmerieoffizier, der Nachfolger des Majors Potuloff im Kommando, gestattete den Gefangenen erst dann für ihr eigenes Geld Bettwäsche sich anzuschaffen, als der Skorbut immer mehr um sich gegriffen und die bedrohlichste Form angenommen hatte.

Im Gefängnis der Frauen zu Ustj-Kara waren ein wenig bessere Verhältnisse vorhanden. Sie waren weder an der Flucht 116 der Gefangenen mitschuldig, noch an der künstlich erzeugten »Rebellion«, allein auch sie mußten eine Verschlimmerung ihrer Lage fühlen. Bis zu jener Zeit wurde ihnen nachsichtsvoll gestattet, statt der Sträflingskleider ihre eigenen Gewänder zu tragen. Major Kalturin hielt dies für eine lächerliche Gefühlsduselei und bestand darauf, daß die Vorschriften streng zur Ausführung gelangten. Es wurde den Frauen daher befohlen, ihre eigenen Kleider abzulegen und die Gefängnistracht zu tragen. Einige waren krank und konnten infolgedessen den Wechsel nicht vornehmen, andere wieder weigerten sich in der Hoffnung, man werde sie doch nicht gewaltsam dazu zwingen, was aber doch geschah, und die Gefängnisaufseher verfuhren in so gemeiner Weise dabei, daß eine der Frauen einen Selbstmord versuchte.

In der »Unteren Goldwäscherei« befanden sich einige Frauen, die ihren Männern freiwillig gefolgt waren. Bis zur Zeit des »Pogroms vom 11. Mai« konnten sie mit ihren Männern zuweilen verkehren und erhielten von ihnen hie und da auch eine Kleinigkeit an Geld, das sie sich durch Überarbeit zum Unterhalt ersparten. Jetzt aber wurde auch das ihnen verwehrt und die armen Frauen und Kinder waren dem Hunger und anderen Entbehrungen preisgegeben. Die Frau des jungen, zu Zwangsarbeit verurteilten Lieutenants Demetri Rogatscheff kam infolgedessen in einen derartigen Zustand der Verzweiflung, daß sie sich mit einer Kugel tötete.

Am 6. Juli 1882 wurden acht dieser politischen Gefangenen, die der Regierung besonders gefährlich scheinen mochten, gefesselt nach Petersburg geschickt, um in den Kerkermauern der Schlüsselburg zu verschwinden. Sie hießen: Gellis, Woloschenko, Butschinski, Paul Orloff, Malawski, Popoff, Schtschedrin und Kobilianski. Was mit ihnen geschah, ist bis heute nicht bekannt geworden. Die Frau des ersterwähnten lernte ich in Transbaikalien kennen und sie erzählte mir, daß es ihr nicht erlaubt war, von ihrem Gatten sich zu verabschieden, von dem sie jetzt nicht einmal wisse, ob er noch lebe.

117 Ungefähr Mitte Juli wurden alle politischen Gefangenen nach der Unteren Goldwäscherei gebracht, wo sie zu je sieben oder acht in kleinen Zellen eingeschlossen wurden. Diese wurden hergestellt, indem die ursprünglichen Zellen durch Scheidewände gedritteilt wurden. Fast der ganze Raum war von den Pritschen eingenommen; der Weg zwischen Wand und Pritsche bot nicht so viel Raum, daß zwei Menschen nebeneinander stehen konnten, es war daher kein Platz zur Bewegung vorhanden und die Armen, die weder körperlich noch geistig sich beschäftigen konnten, mußten die ganze Zeit auf den Pritschen liegen oder sitzen. Und überdies waren in den Zellen noch Unratskübel aufgestellt, deren Gestank die Atmosphäre derart völlig verpestete, daß es – ich gebrauche da einen Ausdruck, den einer der Betroffenen in einem an mich gerichteten Briefe anwendete – »rein zum Tollwerden war.«

An Bitten und Beschwerden ließen sie es nicht fehlen, aber die einzige Antwort, die sie vom Major Kalturin erhielten, ging dahin, sie mögen sich ruhig verhalten, sonst werde er sie durchpeitschen lassen. Und um ihnen zu zeigen, daß er es mit dieser Drohung ernst nehme, ließ er die Gefangenen von dem Arzt untersuchen, ob ihr körperlicher Zustand derart sei, daß sie die angedrohte Bestrafung auszuhalten vermögen.

Nun beschlossen die armen Gefangenen zum letzten Mittel der Verzweiflung zu greifen, zum »Golodofka«, zum Hungerstrike. Sie ließen dem Major Kalturin sagen, sie zögen den Tod einen derartigem Leben vor, sie würden daher sich jeder Nahrung enthalten, bis sie entweder gestorben sind, oder einer besseren Behandlung teilhaftig werden; er nahm diese Mitteilung gleichgültig auf und die Gefangenen weigerten sich fortan, die ihnen überbrachten Speisen zu genießen.

Tage vergingen, Kirchhofsruhe herrschte in den Zellen. Die hungernden Gefangenen waren viel zu schwach, um miteinander zu plaudern, Toten gleichend, lagen sie auf den Pritschen. Das einzige, was laut wurde, war das Murmeln einiger wahnsinnig Gewordenen und der dröhnende Schritt der 118 Schildwache, die draußen auf- und niederwandelte. Am fünften Tage endlich sah der Major Kalturin ein, daß es den Gefangenen mit dem Hungerstrike ernst sei, er besuchte das Gefängnis und fragte die Häftlinge, unter welchen Umständen sie von der Fortsetzung des »Golodofka« abstehen wollen. Sie antworteten, sie würden nicht eher Nahrung zu sich nehmen, bis nicht aus den Zellen die Unratskübel entfernt werden, bis ihnen nicht eine tägliche Bewegung im Hofraume, Bücher und Verwendung ihres Geldes für ihre Bedürfnisse gestattet werden. Überdies müßte der Major noch eine bindende Versicherung erteilen, daß die Prügelstrafe nicht in Anwendung kommen soll. Kalturin erwiderte, die Drohung mit der Durchpeitschung sei nicht ernst gemeint gewesen, sie mögen den Hungerstrike aufgeben und dann wolle er schon ernst in Betracht ziehen, was von ihren Wünschen sich erfüllen lasse. Damit jedoch wollten die Gefangenen sich nicht begnügen und hungerten weiter. Am zehnten Tage war ihr Zustand sehr bedenklich. Sie waren entkräftet, einige schienen sogar der Auflösung nahe zu sein. Der Minister des Innern, Graf Demitri Tolstoi, der von dem Vorfall verständigt wurde, gab den Auftrag, ihn von jeder Veränderung des Zustandes der Hungernden zu verständigen.

Was ich nicht begreifen kann, ist, warum die Regierung die Gefangenen, die sie doch sonst in der rücksichtslosesten Weise behandelt, nicht ruhig sterben läßt und sich derart ihrer entledigt. So oft noch die politischen Gefangenen zu dem Mittel des Hungerstrikes gegriffen haben und dabei entschlossen verblieben sind, hat die Regierung nachgegeben. Es ist das einer der vielen Widersprüche an der die russische Rechtspflege so reich ist. Hier die Bedenken und dort wieder die äußerste Rücksichtslosigkeit; hier wird die Todesstrafe aus dem bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen, dort wieder werden zahlreiche Civilpersonen von den Militärgerichten zum Tode verurteilt; hier wird die Anwendung der Knute beseitigt, um dagegen mit dem »Plet« prügeln zu lassen, ein Instrument, wo – nach 119 der Aussage russischer Offiziere – hundert Streiche tödlich wirken. Sie will nicht, daß die politischen Gefangenen durch freiwilliges Hungern zu Grunde gehen, scheut aber nicht im geringsten davor zurück, sie hinter den Kerkermauern der Schlüsselburg langsam verderben zu lassen. Meiner Meinung nach wäre es immer noch viel menschlicher gehandelt, wenn sie die Gefangenen ganz einfach niederschießen lassen würde, anstatt sie in unerträglicher Haft zu Tode zu quälen . . . ^

Täglich kam ein Arzt in die Zellen, um den Hungernden den Puls zu fühlen und deren Körpertemperatur zu prüfen. Am dreizehnten Tage des Hungerstrikes, berief Major Kalturin die Frauen der Gefangenen zu sich und erklärte ihnen, er wolle die Erlaubnis erteilen, daß sie ihre Gatten besuchen dürften – zum erstenmal seit mehr als zwei Monaten – doch müßten sie die Gefangenen zu überreden versuchen, wieder Nahrung anzunehmen. Sie erklärten sich dazu bereit und wurden ins Gefängnis eingelassen. Auch der Major begab sich dahin und gab sein Ehrenwort, er werde alles, was in seiner Macht steht, thun, um ihre Wünsche zu erfüllen. Diesem Versprechen und mehr noch den Bitten der weinenden Frauen gelang es endlich die Gefangenen zu bewegen, den Widerstand aufzugeben und nach dreizehntägigen Fasten endigte der erste und hartnäckigste Hungerstrike der politischen Gefangenen zu Kara.

Im Verlauf dieser Zeit wurde eine junge Frau, die in Odessa wegen revolutionärer Umtriebe zur Zwangsarbeit verurteilt war und ihre Strafzeit abgebüßt hatte, nach Akscha verschickt, einem kleinen Dorf in Transbaikalien, nahe der mongolischen Grenze. Sie sah all die Brutalitäten, mit der die »Rebellion« in Kara unterdrückt wurde, sie hatte selbst jene Verletzung von Ehre und Schamgefühl empfunden, die andere Frauen zum Selbstmord veranlaßten und der Hungerstreik mit all seinem Elend war ihr genau bekannt. Erzürnt von diesen Vorgängen, beschloß sie, General Iliaschewitsch, den Gouverneur Transbaikaliens zu ermorden und derart die 120 Aufmerksamkeit aller auf die Grausamkeiten hinzulenken, die unter seiner Leitung und zumeist auch mit seinem Wissen im Karagebiet verübt wurden. Sie wußte wohl, daß es ihr unter gar keinen Umständen möglich sein werde dabei sich selbst zu retten; sie wußte, daß ihr Leben verloren gehe und wahrscheinlich auch das ihres noch nicht geborenen Kindes, allein was sie in Kara sah und fühlte, brachte sie zum Entschluß, auch mit Aufopferung des eigenen Daseins, die Ermordung des Gouverneurs zu versuchen.

Kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Akscha entfernte sie sich heimlich von dem ihr zugewiesenen Ort, mietete dann Pferde und fuhr nach Tschita, dem Sitz des Gouverneurs. Einen Revolver hatte sie von einem der Zwangskolonisten gekauft. Unterwegs wurde sie verhaftet, wußte jedoch den Dorfpolizisten zu überreden, daß er sie nach Tschita bringe und dort dem ihr persönlich bekannten Isprawnik ausliefere. Diesem erklärte sie, ihre Entfernung vom Verbannungsort sei nicht in Fluchtabsicht erfolgt, sondern nur, um den Gouverneur zu sprechen. Und wirklich wußte sie auch ihn zu bereden, daß er sie zum Gouverneur führte. Dort ließ er sie in der Empfangsstube warten, um dem General die Meldung zu machen.

»Haben Sie die Frau durchsucht?« fragte Iliaschewitsch mißtrauisch.

»Daran hab' ich nicht gedacht,« antwortete der Isprawnik.

»Einerlei! Was könnte mir auch eine Frau anhaben,« meinte der General und begab sich in das Zimmer, wo die Frau seiner wartete, den Revolver unter dem Taschentuch verborgen.

Als er ihr sich näherte, schoß sie auf ihn mit dem Ruf: »Das für den elften Mai.« Der Schuß traf die Lunge. Er war zwar nicht tödlich, aber der General stürzte doch nieder und mußte fortgetragen werden. Der Isprawnik jedoch ließ die Frau fesseln und ins Gefängnis bringen. Sie wurde in einer kalten, schmutzigen »Geheimzelle« eingesperrt, die mir der Bezirksbaumeister von Transbaikalien mit den Worten schilderte: 121 »Kaum lang genug, um sich auszustrecken und zu niedrig, um zu stehen.« Ihre Kleider und Wäsche wurden ihr fortgenommen, sie mußte die mit Ungeziefer behaftete Sträflingstracht anlegen. Drei Monate lag sie in »strenger Haft« auf dem kalten Boden und als sie infolge der Entbehrungen erkrankte und um ein wenig Stroh für ein Lager bat, gab ihr der Polizeibeamte Melnikoff zur Antwort, für sie gäbe es kein Stroh. Wahrscheinlich wäre sie auch verhungert, wenn ihr nicht von gemeinen Verbrechern zuweilen heimlich einige Nahrungsmittel zugesteckt worden wären. Das Militärgericht verurteilte sie zum Tode durch den Strang. Einen vollen Monat wartete sie auf den Vollzug des Urteils, immer überlegend, ob sie nicht ihren Zustand der Schwangerschaft doch entdecken soll. Sie wußte, daß es üblich sei, in solchen Fällen die Exekution aufzuschieben, manchmal sogar die Todesstrafe zur Kerkerhaft abzuändern. Dann aber wieder empfand sie das Leben nur als eine Last, und dachte, daß nach vollzogenem Urteil ihre Schwangerschaft bekannt werden müsse, was den Haß gegen die Regierung noch erweitern dürfte. Was sie am meisten quälte, war der Gedanke an ihrer ungeborenen Frucht zur Mörderin zu werden. Und doch kam sie zu dem Entschlusse, das Urteil an sich vollziehen zu lassen, allein es erfolgte nicht, da sie im Januar 1883 von der Regierung begnadigt wurde und ihre Strafe zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verwandelt wurde, ohne daß ihr Zustand bekannt geworden wäre. Es wurde mir von glaubwürdiger Seite mitgeteilt, daß diese Milderung der Strafe vom Gouverneur selbst veranlaßt wurde. Was ihn zu dieser Großmut veranlaßte, weiß ich nicht; vielleicht regte sich sein Gewissen, vielleicht empfand er wirklich Mitleid, aber vielleicht hatte es auch nur den Zweck, seinen Edelsinn scheinen zu lassen und damit die Wirkung abzuschwächen, die die Mitteilungen über seine Herzlosigkeit gegen die Gefangenen im Karagebiet hervorbringen konnten.

Ohne warme Kleidung wurde sie in der strengsten Winterszeit verschickt; sie wäre wahrscheinlich auf dem Wege erfroren, 122 hätten die anderen Gefangenen, den eigenen Besitz opfernd, sie nicht mit warmen Kleidern versehen. Als sie in Irkutsk anlangte, war sie derart entkräftet, daß sie von dem Wagen gehoben werden mußte; hier im Gefängnis brachte sie auch ein totes Kind zur Welt. Während unserer Anwesenheit in Sibirien war sie noch am Leben; später vernahm ich bezüglich ihrer nur das eine, daß sie gestorben sei.

Was ich von diesen Vorfällen hier mitteile, begründet sich auf Äußerungen verschiedener politischer Gefangener und auch auf drei Schriftstücke, die von verschiedenen Seiten herrühren und die Flucht der Gefangenen, das »Pogrom« und den Hungerstreik behandeln. Der Mordversuch und das Leben dieser Frau im Gefängnisse sind nach Briefen geschildert, die sie später schrieb, während die Äußerungen über ihren Gedankengang in Erwartung der Todesstrafe von Mitteilungen herrührten, die sie einer ihr bekannten Frau machte. Im ganzen und großen ist diese Geschichte in Sibirien allgemein bekannt, mir wurde sie wenigstens an sechs verschiedenen Orten erzählt. Ich bemühte mich auch darüber seitens der Beamten etwas zu erfahren, doch es war vergebens. Die einen bekundeten eine derartige Abneigung zur Erörterung dieser Sache, daß ich das Gespräch darüber schon nach wenigen Worten fallen ließ, die andern dagegen machten dabei die einfältigsten Versuche, meine Ansichten irre zu führen. Ein junger Arzt des Gefängnisses von Irkutsk war von meiner Frage über die Attentäterin derart erschreckt, daß er sich meiner Gesellschaft so rasch wie möglich zu entledigen strebte und meinen Besuch auch nicht erwiderte.

Der Isprawnik von Nertschinsk, der einige der früher erwähnten Flüchtlinge einholte und zurückbrachte, kennzeichnete mir die politischen Sträflinge als »abgefeimte Spitzbuben«, die weder Mitleid noch Achtung verdienten, als »Popenkinder oder von der Schule verstoßene Studenten.« Oberstlieutenant Nowikoff, der drei Jahre, oder gar noch länger Kommandant der Kosakengarnison von Kara war, äußerte sich im Gespräche 123 mir gegenüber, die politischen Gefangenen wären nur »Machischki« – was mit »Lausbuben« sich übersetzen ließe – Leute ohne Ziel und Überzeugung. Von den vielen, die er kennen gelernt habe, wären kaum drei anständig erzogen gewesen. Den Mordversuch nannte er einen »tollen Einfall«, dessen Urheberin »selbst nicht wußte, warum sie es that.«

Zwischen derartigen läppischen Bemerkungen und den deutlichen zusammenhängenden Erzählungen der politischen Gefangenen zu wählen, konnte nicht schwer fallen. Giebt sich diese Darstellung vielleicht nicht ganz unparteiisch, so ist es nicht meine Schuld. Ich war bemüht, auch von der gegnerischen Seite mir Aufklärung zu verschaffen, aber man konnte, wollte sie mir nicht geben, oder that es, wie gezeigt wurde, in einer Weise, der jeder Schimmer der Wahrheit fehlte.

Wie sehr die Äußerungen der Beamten über den Charakter der politischen Verschickten von der Wahrheit abweichen, soll auch noch durch kurze Mitteilungen über das Leben einiger Sträflinge bewiesen werden, die an den erwähnten Vorfällen regen Anteil genommen haben, oder deren Namen mit der späteren Geschichte der Gefängnisse in Kara in Verbindung zu bringen sind.

Zu den hervorragendsten Erscheinungen unter den Verbannten gehörte Anna Pauline Korba, als Tochter des Edelmannes Paul Mengart in der Provinz Twer, in der Nähe Moskaus, im Jahre 1849 geboren. Unter Anleitung ihrer Mutter, einer intelligenten und frommen Dame, erhielt sie eine sorgfältige Erziehung und heiratete, etwa 18 Jahre alt, einen in Rußland lebenden Schweizer Namens Viktor Korba, der vermögend war und sich freute, daß seine junge, schöne Frau bald in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielte.

Für die Dauer jedoch konnten die gesellschaftlichen Erfolge der ebenso geistvollen, wie schönen Dame nicht genügen und im Jahre 1869, kaum 20 Jahre alt, trat sie in einer in Petersburg erst errichteten höheren Lehranstalt für adelige junge Damen mit der Absicht ein, später in den Hochschulen von 124 Zürich und Paris ihre Studien fortzusetzen. Auf letzteres mußte sie jedoch verzichten, da ihr Gatte ein Jahr später bankrott wurde. Sie folgte ihm nach Minsk, einer kleinen Provinzialstadt, wo er Beschäftigung gefunden hatte. Hier gründete sie Vereine zur Förderung der Volksbildung und zur Unterstützung armer Studenten. Später gab ihr der russisch-türkische Krieg aufs neue Gelegenheit zu einem heilsamen, öffentlichen Wirken. Sie pflegte die aus Bulgarien heimkehrenden Verwundeten und ging später sogar als Schwester vom »Roten Kreuz« nach dem Kriegsschauplatz ab. Wer die Bilder des russischen Meisters Wereschagin gesehen hat, kann sich einigermaßen eine Vorstellung dessen machen, was sie dort erlebte und erlitt, und die Erfahrungen, die sie dort machte, wirkten bestimmend für ihr ganzes künftiges Verhalten. Ein Gefühl der Liebe und Hochachtung für den russischen Bauern überkam sie, der auf seinem gebeugten Nacken die ganze Last des russischen Staates trug, der sein Blut für ihn verspritzte, indes er zum Dank dafür betrogen, bestohlen, geknechtet wird. Sie nahm sich vor, ihr Leben fortan der Aufklärung dieses unterdrückten Standes zu widmen.

Nach dem Kriege in die Heimat zurückgekehrt, erkrankte sie am Typhus, den sie sich in den überfüllten Krankenhäusern zugezogen hatte; doch sie genaß und ging daran ihre Absichten zu verwirklichen. Hier aber wurden ihr auf Schritt und Tritt von der Polizei Hindernisse in den Weg gelegt, so daß sich bei ihr die Überzeugung festigte, eine Verbesserung der Lage des Volkes sei nur nach Sturz des gegenwärtigen Regierungssystems möglich. Sie schloß sich der Partei »Volkswille« an und nahm an allen Versuchen regen Anteil, die vom Jahre 1879 bis 1882 gemacht wurden, um in Rußland den Absolutismus zu beseitigen und an dessen Stelle ein konstitutionelles Regierungssystem zu setzen. Am 5. Juni wurde sie verhaftet, in die Petropawlowskifestung gebracht und einige Monate später unter der Anklage, zu den Terroristen zu gehören, vor Gericht gestellt.

125 Befragt, was sie zu ihrer Verteidigung vorzubringen habe, bemerkte sie ungefähr folgendes:

»Ich bekenne mich nicht des angeklagten Verbrechens schuldig, obgleich ich nicht leugne, daß ich der revolutionären Partei »Volkswille« angehöre und deren Grundsätze teile. Eine Verbindung, die nur mit gewaltsamen Mitteln diesem Ziele zustrebt, kenne ich nicht und ich glaube auch nicht, daß eine besteht. Möglich, daß sie sich später erst bildet, wenn die revolutionäre Bewegung an Ausdehnung zugenommen hat, aber ich würde ihr dann sicherlich nicht angehören. Sollte die Vereinigung »Volkswille« zum Terrorismus gelangen, so würde es sicherlich nicht geschehen, weil sie diesem besonders geneigt ist, sondern nur, weil sie erkennen muß, daß sie einzig nur dadurch jenes Ziel erreichen kann, auf welches sie die geschichtliche Entwickelung des russischen Lebens hinweist.«

Traurige, bedeutungsvolle Worte, die für die Zukunft Arges befürchten lassen! – Sie sprach dann weiter:

»Meine Herren Senatoren! Sie kennen die Grundgesetze des russischen Reiches, wissen, daß niemand berechtigt ist, eine Änderung der bestehenden Regierungsform zu beantragen oder sonstwie anzustreben. Selbst das Übersenden eines Kollektivgesuches an die Krone ist verboten. Aber dennoch entwickelt sich die russische Gesellschaft, die Verhältnisse werden mit jedem Tage verworrener und bald dürfte der Augenblick da sein, wo das russische Volk die Schranken, die es hemmen, gewaltsam brechen wird.«

»Das ist Ihre Privatmeinung,« bemerkte hier der vorsitzende Richter.

»Es ist die Aufgabe der Partei des Volkswillens,« setzte Frau Korba ihre Rede fort, »die Schranken zu erweitern und für die Freiheit und Unabhängigkeit des russischen Volkes einzustehen. In welcher Weise dies erfolgen soll, das hängt von der Regierung selbst ab. Wir wollen nicht unbedingt die Waffen des Terrorismus gebrauchen. Die Hand, die sich drohend erhoben hat, wird willig niedersinken, wenn die 126 Regierung ein anderes System Platz greifen läßt. Wir haben genug patriotische Selbstverleugnung, um all die schmerzvollen Wunden, die man uns schlug, zu vergessen; aber wir müßten an uns selbst und an dem russischen Volke zum Verräter werden, wollten wir die Waffen strecken, ehe die Freiheit und das Wohl der Nation erobert wurde. Als Beweis, daß unsere Partei den Frieden will, ersuche ich Sie den Brief zu lesen, den sie nach dem 1. MärzDer Tag der Ermordung des Zaren Alexander II. an den Zaren Alexander III. gerichtet hat. Sie werden daraus erkennen, daß wir nur nach Reform streben, aber eine gründliche und ehrlich gemeinte Reform.«

Diese Worte sprachen nichts weniger als zu Gunsten der Angeklagten, was sie auch nicht erwartet haben mochte. Das Urteil lautete auf zwanzig Jahre Zwangsarbeit, Entziehung aller bürgerlichen Rechte, und, nach Ablauf der Strafzeit, Verbannung auf lebenslängliche Dauer nach Sibirien. Die letzten Nachrichten, die ich vom Karagebiet erhielt, meldeten mir, daß sie noch am Leben sei, indes war sie körperlich so herabgekommen, daß sie vermutlich den Entbehrungen des Gefängnislebens bald zum Opfer werden wird.

Von den Männern, die als politische Gefangene im Karagebiet lebten, interessierte mich am meisten Hypolit Muischkin.

Im Jahre 1864 wurde der bekannte russische Schriftsteller Tschernischefski, dessen Roman »Was soll geschehen?« auch ins Englische übertragen wurde, als Revolutionär verurteilt und nach Sibirien verschickt. In der ersten Zeit wurde er ins Gefängnis von Irkutsk gesperrt, später kam er nach Willuisk, einem Städtchen in der Provinz Jakutsk, wo er lange Zeit unter strenger Polizeiaufsicht lebte.

Zu den Absichten der im Jahre 1870 rege gewordenen revolutionären Partei gehörte auch der Plan Tschernischefski zu befreien, ihm zur Flucht ins Ausland zu verhelfen, wo er seine Thätigkeit ungehindert fortsetzen könnte. Einige der 127 Befreiungsversuche mißlangen jedoch und die Absicht wurde als unerfüllbar aufgegeben. Im Jahre 1875 nahm Hypolit Muischkin, damals Student an dem Polytechnikum zu Petersburg, den Plan wieder auf und zwar beschloß er, verkleidet als Gendarmeriehauptmann nach Willuisk zu fahren und dort dem Isprawnik anzugeben, er hätte den Auftrag Tschernischefski nach Petersburg zu bringen, damit er in der Schlüsselburg eingesperrt werde, was nicht so auffallend sein konnte, da es häufig vorkam, daß als gefährlich erkannte politische Verbrecher von Sibirien nach einer russischen Festung gebracht wurden. Muischkin hoffte daher, sein Plan werde gelingen. Er begab sich vor allem nach Irkutsk, wo er nach einem Aufenthalt von mehreren Monaten in das Gendarmeriecorps sich aufnehmen ließ und es bald zum Unteroffizier brachte. In dieser Stellung wußte er sich die nötigen Schriftstückformulare zu verschaffen, die er dahin lautend ausstellte, daß er als Gendarmerieoffizier beauftragt sei, den Verbannten Tschernischefski nach Petersburg zu überführen. Unterschrift und Siegel ahmte er geschickt nach, verschaffte sich eine Hauptmannsuniform und verließ dann den Dienst unter dem Vorwande, er müsse zufolge erhaltener Mitteilungen nach dem europäischen Rußland zurückkehren. Nun ging er daran seinen Plan auszuführen und begab sich nach Willuisk. Seine Gewandtheit, gewinnende Umgangsform und Beredsamkeit brachten es mit sich, daß der Isprawnik im ersten Augenblick gar nicht zweifelte an der Echtheit dieser Mission, die vielleicht auch gelungen wäre, wenn sie nicht an einem anderen Umstand gescheitert wäre. Er hatte nämlich keine Eskorte mitgebracht und in Sibirien ist es nicht üblich, daß Offiziere ohne diese reisen, ganz besonders, wenn es sich darum handelt, einen bedeutenden, politischen Verbrecher zu überführen. Das erweckte nun den Verdacht des Isprawnik und er teilte am nächsten Morgen beim Frühstück dem angeblichen Gendarmeriehauptmann mit, er könne ohne Genehmigung des Gouverneurs Tschernajeff in Jakutsk einen so bedeutenden Verbannten wie Tschernischefski nicht 128 ausliefern, er möchte daher zuvor einen Boten mit Muischkins Schriften dahin schicken und dann nach dessen Weisungen handeln.

Muischkin verlor nicht die Geistesgegenwart bei dieser unerwarteten Erklärung: »Ich glaube zwar nicht,« bemerkte er, »daß die deutliche Weisung der kaiserlichen Polizei noch der Zustimmung des Gouverneurs bedarf, aber wenn Sie es durchaus für nötig halten, so will ich mich selbst zu ihm begeben und seine Zustimmung einholen.«

Der Isprawnik gab ihm zwei Kosaken zur Begleitung, was er nicht ablehnen konnte und sie erhielten den Auftrag, den vorgeblichen Gendarmeriehauptmann genau im Auge zu behalten. Dann teilte der Isprawnik dem Gouverneur seinen Verdacht brieflich mit und sandte damit einen Kosaken ab, der noch früher als Muischkin bei dem Gouverneur anlangen mußte. Das erfuhr jener aus dem Gespräche der ihn begleitenden Kosaken mit dem dritten, der sie einholte und er merkte nun, daß seine Absicht vergeblich sei. Die erste Gelegenheit die sich bot, benutzte er, um in den Wald zu flüchten; die Kosaken verfolgten ihn, doch ihm gelang es zu entkommen, nachdem er einen mit einem Revolverschuß verwundet hatte.

Eine Woche lang irrte er im Dickicht an dem Ufer der Lena umher, bis er endlich, erschöpft vor Hunger und Kälte, gefangen wurde. Er blieb einige Monate in Irkutsk gefangen und wurde dann nach der Petropawlowskifestung zu Petersburg überführt. Beinahe drei Jahre harrte er dort seines Urteils. – Ich muß hier bemerken, daß ich diese Mitteilungen von einem Verschickten erhielt, der sein Zellennachbar war. Er erzählte mir auch, Muischkin sei oft rasend geworden, infolge des Fiebers oder der Aufregung. Er habe ihn oft schreien gehört, wenn er in die Zwangsjacke gesteckt, oder auf seinem Bette gefesselt wurde. –

Im Oktober des Jahres 1878 wurde Muischkin endlich mit anderen vor Gericht gestellt. Alle verlangten öffentliches 129 Verfahren und Zuziehung von Stenographen; beides wurde ihnen verweigert und die politischen Häftlinge verzichteten daher auf ihre Verteidigung. Als Muischkin vor der Fällung des Urteils noch befragt wurde, ob er etwas zu bemerken hätte, hielt er eine begeisterte Ansprache, in der er auch den Tadel über das geheime Verfahren zum Ausdruck brachte und bemerkte, daß weder er noch seine Genossen den Freispruch erwarten, aber sie glauben, es sei ihr gutes Recht, die Öffentlichkeit der Verhandlung fordern zu dürfen. Im Verlauf seiner Rede griff er die Regierung heftig an, weshalb ihm der Präsident das Wort entzog; und als er dann trotzdem weiter sprechen wollte, wurde er von Gendarmen abgeführt. Im Abgehen rief er dem Gerichtshof noch zu: »Dieser Gerichtshof ist ärger, als ein Bordell; dort wird nur der Leib preisgegeben, während ihr Ehre, Recht und Gesetz schändet.«

Er wurde zu zehnjähriger Zwangsarbeit und Verlust aller bürgerlichen Rechte verurteilt und bald darauf nach dem Gefängnis von Charkoff transportiert.

Mir fehlt der Raum, um auch nur die kürzesten Schilderungen all der Leiden zu geben, welche die politischen Gefangenen in jenem Gefängnisse erdulden mußten. Sie haben es selbst in einer Schrift beschrieben, die im geheimen cirkulierte und den merkwürdigen Titel führte: »Letzte Worte an dem Sarg Alexanders II.« Vielleicht ist mir später noch die Gelegenheit gegeben, dieses Schriftwerk in englischer Sprache zu veröffentlichen, hier sei nur so viel bemerkt, daß ich die Namen von sechs politischen Gefangenen kenne, die in der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit im Gefängnis von Charkoff in den Wahnsinn getrieben wurden. Muischkin erhielt die kleine Zelle im unteren Stockwerk zum Aufenthalt, wo früher auch Fürst Tschitsianoff eingesperrt war. Von Kraft und Mut beseelt, sann er bald auf Fluchtpläne und ehe noch das erste Jahr seiner Gefangenschaft vollendet war, hatte er mit Hilfe eines Brettchen die Gefängnismauer untergraben, wobei er die ausgehobene Erde in seiner Zelle unbemerkt unterzubringen wußte. 130 Sein erwähnter Vorgänger hatte einige große Landkarten besessen, die in der Zelle achtlos liegen geblieben waren. Muischkin löste das Papier von der untergelegten Leinwand und fertigte sich aus letzterer ein Kleidungsstück an, das er bei der Flucht anlegen wollte. Nachdem er ferner noch alle nötigen Vorbereitungen getroffen hatte, wartete er die Gelegenheit ab, die sich für seine Flucht günstig zeigen würde. Als er diese gekommen wähnte, betrat just, als er in die Öffnung schlüpfte, der Aufseher die Zelle. Auf der Pritsche lag eine ausgestopfte Figur, mit seinen Sträflingskleidern angethan. Der Beamte entdeckte die Täuschung, die Zelle wurde durchsucht und Muischkin aus seinem Bau herausgezogen. Nun wurde er in eine andere Zelle gebracht, aus der ein Entweichen ganz unmöglich schien. Hier verblieb er einige Monate, unter Qualen, die ihn dem Wahnsinn nahe brachten. Dem ein Ende zu machen, beschloß er, etwas zu begehen, wofür er zweifellos erschossen werden dürfte. Er bat um Erlaubnis, Sonntag die Kirche zu besuchen und es wurde ihm auch gewährt. In der Gefängniskirche näherte er sich nun dem Gouverneur und als dieser das Kreuz in des Popens Hand küssen wollte, schlug er ihn ins Gesicht. Unter normalen Umständen wäre er für dieses Verbrechen sicherlich erschossen worden, damals aber kamen im Gefängnis eine derartig auffallende Zahl von Wahnsinnfällen vor, daß sich der Minister des Innern veranlaßt sah, den Petersburger Professor Dobroslawin zur Untersuchung dieses Zustandes nach Charkoff zu schicken. Er konstatierte, das Gefängnis sei zum Aufenthalt menschlicher Wesen gänzlich unverwendbar, so daß die zahlreichen Fälle von Tod und Wahnsinn sehr begreiflich sind und er schlug vor, wenigstens den politischen Gefangenen einen anderen Aufenthaltsort anzuweisen. Man nahm daher an, daß auch Muischkin nur in einem Anfall von Wahnsinn so gehandelt habe und ließ die Sache auf sich beruhen. Bald darauf wurde er und auch die anderen politischen Gefangenen nach den Goldgruben von Kara transportiert. Während des Transportes starb einer von ihnen, 131 Leo Domokofski, in Irkutsk. Sie durften der Einsegnung in der Gefängniskirche beiwohnen, wobei Muischkin dem verstorbenen Genossen eine Grabrede hielt. Er rühmte seinen Charakter und citierte auch einen Vers des russischen Dichters Nekrassoff, wo es ungefähr heißt: »Aus dem Staub dieses Helden und anderer die ihm gleichen, soll der Baum der Freiheit Rußlands entsprießen.« Der anwesende Polizeibeamte befahl ihm zu schweigen und ließ ihn in eine Zelle sperren. Für diese »revolutionäre« Äußerung in den heiligen Hallen des Gotteshauses und angesichts der »Bilder der Heiligen« wurde er noch zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Einige seiner Genossen, die mir von ihm Näheres mitteilten, rühmten seine Rednergabe, die er nur zweimal in seinem Leben zur Anwendung brachte, das erste Mal mußte er es mit zehn, das zweite Mal mit fünfzehn Jahren Zwangsarbeit büßen. Er selbst meinte, nur eines in seinem Leben bereue er: Die Grabrede, die er seinem Genossen Domokofski gehalten habe. Die Leute haben nichts von ihr erfahren, sie sei ganz zwecklos gewesen und habe nur seine Strafzeit verlängert; wenn er diese auch überleben würde, so wäre er doch schon zu alt und schwach, um dann noch der Freiheit Rußlands dienen zu können.

Muischkin war unter den ersten, die im April 1882 aus dem politischen Gefängnis von Kara entflohen und er wurde – was früher schon bemerkt ist – im Hafen von Wladiwostok wieder gefangen genommen. Im folgenden Jahre wurde er im Verein mit anderen »gefährlichen« politischen Gefangenen nach der Schlüsselburg überführt. Hier wurde er im Jahre 1885 erschossen, weil er sich an dem Gefängnisarzt vergriffen hatte.

Etwa drei Monate vor der erwähnten Flucht der Gefangenen aus Kara flüchteten während des Transportes nach Kara zwei verheiratete Frauen aus dem Gefängnis zu Irkutsk. Sie wurden noch innerhalb der Stadt eingeholt und zurückgebracht und dann der üblichen Durchsuchung unterzogen. Diese werden gewöhnlich von Männern vorgenommen, die es 132 aber Frauen gegenüber dabei an der nötigen Rücksicht nicht fehlen lassen. In diesem Falle wurde die Untersuchung vor dem Adjutanten des Generalgouverneurs, Oberst Soliwioff, vorgenommen, einem Manne, der sich nicht des besten Rufes erfreute. Er beschimpfte die Frauen und ließ sie auch in seiner Gegenwart ganz entkleiden. Später prahlte er noch damit in den Zellen der Gefangenen und bemerkte höhnisch: »Euere Frauen sind just auch nicht von schönem Körperbau.« Einer der politischen Gefangenen, der Lehrer Schtschedrin, erzürnt von der schmählichen Handlungsweise, schlug dem Obersten ins Gesicht und rief ihm zu, er sei ein erbärmlicher Feigling. Diese Beschimpfung eines Offiziers und auch einen Fluchtversuch, den er bald nach seiner Ankunft in Kara zu unternehmen wagte, mußte er büßen, indem er an den Schiebkarren gefesselt wurde. Im Juli 1882 wurde er mit noch einigen Leidensgenossen nach der Schlüsselburg transportiert, auch während des Transportes blieb er angekettet und erst später, wo er durch den schlechten Zustand der Straßen von dem Karren wiederholt verwundet wurde, befreite man ihn davon.

Nach dem Hungerstreik im Sommer 1882 wurde den Gefangenen das Leben etwas erleichtert. Sie erhielten wieder Bücher, sie durften ihr Geld auf das Nötigste verwenden und konnten täglich im Gefängnishof frische Luft schöpfen. Aber die Gesundheitsverhältnisse blieben noch immer so arg wie früher, den Kranken wurde nicht die geringste Sorgfalt gewidmet, und die Sterblichkeit war unverhältnismäßig groß.Ein vollständiges Verzeichnis der Namen der politischen Gefangenen, die in den Jahren von 1879 bis 1886 in Kara starben, durch Selbstmord endigten oder wahnsinnig wurden, konnte ich mir nicht verschaffen, doch sind folgende Fälle mir bekannt geworden: Tschutinoff, Kriwoschein, Zukoff, Popeko, Frau Lissofskaja, Tikonoff, Rogatscheff, Doktor Weimar, Fräulein Armfeldt und Frau Kutitonskaja; alle, mit Ausnahme eines einzigen, starben an der Schwindsucht. – Ferner: Semjonofski (erschoß sich), Rodin (vergiftete sich), Uspenski (erhängte sich). Wahnsinnig wurden: Matweiwitsch, Zubkofski, Pozen und Frau Kawalskaja; letztere jedoch wurde wieder gesund. – Während unserer Anwesenheit im Karagebiet waren von elf Frauen, die sich im Gefängnisse der politischen Verbrecher befanden, acht erkrankt.

133 Von der Zeit des Rücktritts des Obersten Kononowitsch im Jahre 1881 bis zur Ernennung des Hauptmanns Nikolin im Jahre 1885, erfolgte ein siebenmaliger Wechsel im Kommando und das Gefängnis wurde daher immer und immer wieder in einer anderen Art verwaltet; heute wurde den Gefangenen gestattet, Bücher und Geld zu besitzen, Briefe zu schreiben, im Hofraum auf und nieder zu wandeln, morgen wieder wurde es ihnen verwehrt. Im Jahre 1884 wurden die Scheidewände entfernt, die zwei Jahre früher zur Verkleinerung der Zellen aufgeführt wurden und im Jahre 1885 wurde auch die Einrichtung des »freien Kommandos« wieder hergestellt. Jeder neue Kommandant traf neue Einrichtungen, Laune und Willkür vertraten jede gesetzliche Anordnung. Die Namen der Kommandanten lauten in chronologischer Reihenfolge: Kononowitsch, Potuloff, Kalturin, Burlei, Schubin, Manajeff, Burlei (wiederholt) und Nikolin. Nach den Äußerungen der Gefangenen verdiente Burlei das meiste Lob. Kalturin war roh, Schubin charakterlos und Menajeff ein Trunkenbold und überdies auch ein Dieb, der die, für die Gefangenen eingelaufenen Briefe vernichtete und 1900 Rubel stahl, die beigelegt waren. Alle die Erwähnten waren Gendarmerieoffiziere von Irkutsk. Am 16. Januar 1884 wurde das Gefängnis direkt der obersten Polizeibehörde untergeordnet und Oberst Nikolin von Petersburg als Kommandant bestellt.

Die Vorhersagungen des Obersten Kononowitsch gingen in Erfüllung. Die Regierung nötigte einen ehrlichen und humanen Menschen zurückzutreten und sandte nacheinander ein halbes Dutzend diebischer oder roher Leute dahin, und die Folgen waren ein Trauerspiel nach dem anderen. Noch herrschen dieselben Grundsätze und es kann auch kein anderes Ergebnis erwartet werden: »Wer Wind säet, soll Sturm ernten.«


134 Am 12. November traten wir erleichtert aufatmend den Heimweg an. Als wir mit Major Potuloff von dem trübseligen Ort, der die »Untere Goldwäscherei« benannt ist, fortfuhren, sahen wir zwei politische Gefangene, die in einiger Entfernung dem Gefängnisse zuschritten. Sie erkannten uns und als wir vorüberkamen, nahmen sie grüßend ihre Mützen ab und verbeugten sich. Es war ihr letzter, wortloser Gruß für die Reisenden, deren Teilnahme ihnen bewußt war, es war auch unser Abschied von den Karagruben.

Wir übernachteten im Hause des Gefängnisaufsehers von Ustj-Kara und bestiegen am nächsten Morgen die Pferde, um nach Stretinsk zu reiten. Als wir uns in die Sättel schwangen, füllte Major Potuloff drei Gläser mit weißen Krimwein und trank uns mit den Worten zu: »Auf eine glückliche Heimkehr!« Wir leerten die Gläser, dankten ihm für seine gütige Gastfreundschaft, versprachen auch unsere Ankunft in Stretinsk telegraphisch anzuzeigen und ritten fort.

Die Umgegend von Kara, entlang der Schilka ist unbewohnt; nur in einiger Entfernung vom Flusse lagerte in Zelten ein halbcivilisierter Nomadenstamm, der von den Russen »Orozani« genannt wird. Sie erkennen die russische Herrschaft an, zahlen Steuern, sind auch dem Namen nach Christen, aber sie verkehren nur selten mit den Russen; höchstens nur, wenn es gilt Felle für Messer, Kessel und Tabak zu vertauschen, betreten sie die Ansiedelungen der Europäer.

Während unseres zweitägigen Rittes über das wilde Waldgebirge, litten wir viel von Kälte und Hunger. Am dritten Tage langten wir in Boti an, dem Dorfe, wohin unsere Pferde gehörten. Die meisten Bauern waren damit beschäftigt, das Getreide auf dem Eise zu dreschen. Sie freuten sich des Wiedersehens, denn sie wähnten, es wäre uns ein Unfall zugestoßen.

Die Aufregung und die vielen Beschwerlichkeiten hatten mich so entkräftet, daß ich mich kaum mehr im Sattel halten konnte; doch zu unserem Glücke war von hier an der Fluß 135 bereits fest gefroren und wir vermochten auf der Eisdecke im Schlitten unsere Reise fortzusetzen. Müde, durchfroren und ausgehungert, langten wir nachts am 16. November bei Stretinsk an, wo wir in der Hütte des Bauern bei dem wir unsere Sachen zurückgelassen hatten, gastliche Aufnahme fanden.

 

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