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Sibirien

George Kennan: Sibirien - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
booktitleSibirien
authorGeorge Kennan
translatorDavid Haek
year1891
firstpub1891
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleSibirien
pages513
created20111020
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. In Transbaikalien.

Von Irkutsk fuhren wir nach Selenginsk, in Transbaikalien. Hier machten wir einen Ausflug nach einem unfern gelegenen Buddhistenkloster, und als wir zurückgekehrt waren, bestellten wir Postpferde, um nach der etwa 100 Kilometer entfernten Stadt Kiachta zu fahren; sie liegt an der mongolischen Grenze. Wir hätten am folgenden Morgen das Ziel erreichen sollen, allein wir trafen auf Hindernisse, die in Sibirien und besonders in Transbaikalien nicht selten sind. Wir gelangten nämlich kurz nach Mitternacht an einen Fluß, wo wir auf einer Fähre, »Karbas«, übersetzen mußten. Diese befand sich jedoch an dem jenseitigen Ufer und wir mußten nun den Fergen anrufen, der wahrscheinlich schlief. Eine Stunde lang schrieen wir aus voller Kraft »Kar–ba–a–a–s! Kar–ba–a–a–s!« aber es war ganz vergeblich und nur der Widerhall von den gegenüber befindlichen Höhen gab uns spöttisch den Ruf zurück. Schon wollten wir, durchfroren und schläfrig, jeden weiteren Versuch aufgeben und nach Selenginsk zurückkehren, als wir plötzlich drüben eine Bewegung wahrnahmen, und wirklich kam der ersehnte Ferge endlich herüber.

Ein halbes Stündchen später fuhren wir an dem jenseitigen Ufer dahin und gelangten in der dritten Morgenstunde nach der Poststation Poworotnaja, wo unserer Reise ein neues Hindernis sich bot: es waren keine Postpferde da. Die 21 Wartestube war überfüllt mit Leuten, die auf der Erde herumlagen und wir mußten uns ein Plätzchen suchen, das wir mit Not in der Ecke beim Ofen fanden, zwischen zwei Chinesen und einem Haufen Hirschgeweihe. Hier legten wir uns nun nieder.

Mittwoch fuhren wir den ganzen Tag gegen Süden durch eine unbewohnte sandige Gegend mit kargem Graswuchs mit Nadelgehölz, das zuweilen von niedrigen, mit Birken bewachsenen Hügeln unterbrochen wurde. Manchmal begegneten wir auch einem Zug einspänniger Wägelchen, die mit ihren Theefrachten aus China kamen, oder Buriaten in flachen Hüten und langen, braunen Röcken, hoch zu Roß. Im großen und ganzen zeigte die Straße einen geringen Verkehr und bot auch sonst nichts Bemerkenswertes, einige Steinhaufen vielleicht ausgenommen, die auf den Gipfeln der Hügel sich befanden und die Frost »Reliquienschreine der Buriaten« benannte. In ganz Sibirien pflegen nämlich die Eingeborenen auf den Anhöhen dem Geist des Sturmes Opfer zu bringen. Im Nordosten streuen sie gewöhnlich etwas Tabak aus, hier jedoch errichten sie Steinhaufen, welche aufgestellt werden, und darauf befestigt jeder Vorüberziehende ein Läppchen seines Kleides als Opfer. An den Stangen waren auch eine Menge dessen befestigt, Fetzen in allen Farben und von allen Gattungen. Man könnte annehmen, dieser Brauch hätte seinen praktischen Ursprung und es wäre mit Hilfe dieser Lappensammlung einem Reisenden sehr leicht, die Spur seines vorhergezogenen Freundes zu finden, da ihm ja dessen Kleid bekannt ist. Aber dem ist nicht so! Ein genaues Prüfen brachte mich dahinter, daß jeder Buriate, ehe er auf die Reise geht, sich mit ausgiebigen Fetzen versieht, die er dann dem Gott des Sturmes zum Opfer bringt.

Das Wetter war kalt und unfreundlich, den ganzen Tag gab es Schnee oder Regen. In den Posthäusern bekamen wir nichts zu essen; wir waren, als es dunkelte, durchfroren und hungrig, und freuten uns daher nicht wenig, als uns endlich aus den Fenstern der kleinen Holzhäuser von 22 Troitskosawsk, einem Städtchen, das vier Kilometer nördlich von der Grenze der Mongolei liegt, trauter Lichtschein entgegenblinkte.

Die drei Städtchen Troitskosawsk, Kiachta und Maimatschin liegen in unmittelbarer Nachbarschaft; die beiden ersteren befinden sich auf russischem Gebiete, während die letztere bereits der Mongolei angehört und nur durch einen etwa 200 Meter breiten Streifen neutralen Landes vom Gebiete Kiachtas abgesondert ist. Troitskosawsk ist die größte der drei erwähnten Städtchen und auch in administrativer Beziehung die wichtigste, Kiachta dagegen, das unmittelbar an der Grenze liegt, ist dem Namen nach viel bekannter, als jene.

Wir folgten dem Rat eines jungen Kaufmanns, den wir auf dem Dampfschiff des Baikalsees kennen lernten und fuhren durch Troitskosawsk nach Kiachta um in dem von ihm empfohlenen »Haus Sokoloff« Unterkunft zu suchen. Wir mußten eine Weile suchen, bis wir es fanden und als wir dort anlangten, stutzten wir, da es ganz und gar nicht das Aussehen eines Hotels hatte. Das Haus stand inmitten eines großen, von hohen Mauern umschlossenen Hofes, die Fenster waren dunkel, obgleich es noch nicht späte Abendstunde war und das Hausthor war verschlossen. Nach langem Pochen und Rufen erschien endlich eine Magd, die uns anfangs sehr mißtrauisch ansah und erst nach einiger Zeit zu überreden war, daß wir recht friedsame Reisende wären, die hier Unterkunft wünschen. Sie bemerkte uns, daß Herr Sokoloff zuweilen wohl Reisende aufnehme, aber nur solche, die mit Empfehlungsschreiben zu ihm kommen, aber nichts läge ihm ferner, als die erstbesten Leute, die bei ihm anklopfen, Unterkunft zu gewähren. Und zum Schlusse meinte sie, es wäre das Beste, wenn wir nach Troitskosawsk zurückkehren würden und dort einen Gasthof aufsuchten. Dazu mußten wir uns auch entschließen, denn wir hatten kein Empfehlungsschreiben an Herrn Sokoloff und die Magd war auch zu weiteren Erörterungen, bei der nur halbgeöffneten Thüre, nicht geneigt. So bestiegen 23 wir denn unseren Wagen, fuhren nach dem genannten Städtchen zurück, wo wir nach langem Suchen endlich bei einem Verschickten aus Polen, Namens Klembotski Unterkunft fanden. Er betrieb das Bäckerhandwerk und vermietete nebenbei auch einige Stuben seines Hauses an durchziehende Reisende, selbst, wenn diese ohne Empfehlungsbriefe zu ihm kamen. Es war kein angenehmes Heim: die Fußböden waren mit ungehobelten Brettern belegt, die Lücken in den Holzwänden mit Hanf verstopft; ein einfacher Tisch, drei Stühle und eine schmale Bettstelle bildeten die ganze Stubeneinrichtung. Das Bettzeug mußte der Reisende sich selbst mitbringen oder darauf verzichten. Da es jedoch bereits die zehnte Abendstunde war, so blieb uns keine Zeit, Umschau nach einer besseren Unterkunft zu halten, wir ließen daher unser Gepäck in die Stube bringen. Dann nahmen wir ein kärgliches Nachtessen, aus Thee und Brot bestehend, und bereiteten auf der Erde unsere Lagerstätte. Wie gewöhnlich, mußten wir auch hier einen großen Teil der Nacht dem Kampf mit den Wanzen zum Opfer bringen.

Donnerstag Nachmittag mieteten wir eine »Dolguschka« – wie in Sibirien ein eigenartig gebauter Wagen benannt wird – und fuhren nach Kiachta; hier wollten wir einen reichen russischen Theehändler besuchen, an den wir Empfehlungsbriefe hatten.

Die Nachbarstädtchen Troitskosawsk, Kiachta und Maimatschin liegen in einem ziemlich flachen und unfreundlichen Thale, am Ufer eines Flüßchens, das in die Selenga mündet. Die kahlen Höhen, die das Thal begrenzen, ziehen sich ziemlich parallel dahin und beschränken den Ausblick nach drei Seiten. Gegen Süden jedoch sieht das Auge über die alten Holzhäuser Maimatschins fort, die fernen Berge der Mongolei blauen.

Nach dem ersten flüchtigen Anblick möchte man Kiachta für ein großes, wohlhabendes Dorf halten, obgleich hier mehr zweistöckige Holzbauten und auch stattlichere vorhanden sind, als in den andern sibirischen Dörfern, obgleich es eine oder gar zwei beachtenswerte Kirchen im byzantinischen Stil 24 besitzt. Am allerwenigsten würde einer vermuten, daß er hier eine wichtige Handelsstadt vor sich habe, den Sammelpunkt des kaufmännischen Verkehrs Ostsibiriens. Gegen 30 Millionen Güterwert wird jährlich von Kiachta aus nach der Mongolei geführt oder von dort nach Rußland. Der berühmte »Karawanenthee« wird von Nordchina durch die Mongolei über Kiachta nach Rußland und den anderen europäischen Staaten verschickt, wobei er in diesem Städtchen behutsam verpackt und in Tierhäuten eingenäht wird. Von hier aus wird auch die chinesische Seide eingeführt, der Krepp und endlich auch der »Ziegelthee«, jene Mischung von ordinärem Thee, Abfällen und noch mancherlei Surrogaten, die in Ziegelform gepreßt wird und von der ärmeren russischen Bevölkerung, sowie auch von den Eingeborenen Sibiriens, Kirgisen, Buriaten und anderen Stämmen, allgemein zum Getränk benutzt wird. Nach China werden hauptsächlich exportiert: Waren, die in Rußland fabriziert werden, ferner Hirschgeweihe, Ginseng, Rauchwaren und Edelmetalle in der Form von russischen, englischen und amerikanischen Münzen; selbst der Silberdollar der Union rollt über Sibirien in das »Himmlische Reich.« Es giebt auch unter den Kaufleuten in Kiachta sehr reiche Männer, manche von ihnen, besonders Theehändler, bringen es zu einem Jahresgewinn von einer ¼ Million Rubel.

Wir suchten nun Herrn Luschnikoff auf, an den wir empfohlen waren.

Er bewohnte einen hübschen, zweistöckigen Bau mitten im Städtchen und nachdem wir uns vorgestellt hatten, nahm er uns mit jener herzlichen Gastfreundschaft auf, die überall ein besonders merkbares Kennzeichen des Russen ist, von der Behringstraße bis zum Gestade der Ostsee. Während des Frühmahls, das bald folgte, sprachen wir von dem Nachbarstädtchen; der Hausherr meinte dabei, Kiachta dürfte uns nichts Interessantes bieten können, es sei wie andere sibirische Orte, Maimatschin vielleicht eher, besonders, wenn wir bis jetzt einen chinesischen Ort noch nicht kennen gelernt haben.

25 Plötzlich mochte ihm ein guter Gedanke gekommen sein und er richtete an uns die Frage:

»Haben Sie schon jemals eine chinesische Mahlzeit genommen?«

»Niemals!« antwortete ich.

»Nun, so will ich Sie mit etwas neuem bekannt machen,« meinte er. »Übermorgen soll in Maimatschin eine chinesische Mahlzeit für Sie bereitet werden. Ich habe dort einen chinesischen Geschäftsfreund, der einen guten Koch bedienstet. Allerdings wird sich in der kurzen Frist ein Essen von kaum mehr als vierzig Gängen beschaffen lassen, aber das dürfte immerhin genügen, um Ihnen die chinesische Kochkunst einigermaßen bekannt werden zu lassen.«

Wir nahmen diese Einladung dankend an und bemerkten noch dazu, daß wir während unserer Fahrt in Transbaikalien selten mehr, als Brot und Thee zur Mahlzeit hatten, daß wir also nicht verwöhnt genug wären, um nicht mit vierzig Gängen unsere Eßlust ebenso befriedigen zu können, wie unsere Neugierde.

Später besuchten wir den russischen Grenzkommissär Sulkofski, der uns nicht minder herzlich aufnahm. Hier in diesem entlegenen Winkel der Welt, wollte mir scheinen, daß die Erde eigentlich doch nicht so groß sei, wie man denkt, denn überall fanden wir Dinge oder Verhältnisse vor, die in Beziehung mit der civilisierten Welt, sogar mit unserer Heimat standen. So fanden wir z. B. im Hause des erwähnten Kaufmanns, Herrn Luschnikoff, eine Frau Hamilton vor, eine Schottin, mit der wir uns in der Heimatssprache unterhalten konnten. Hier wieder, im Heim des Grenzkommissärs, trafen wir einen Herrn, der mit vielen Offizieren der arktischen Expedition der »Jeanette« bekannt geworden war.

Auch hier mußten wir ein Frühessen nehmen und als dieses und auch die angenehme Plauderei mit Herrn Sulkofski beendet war, kehrten wir nach Troitskosawsk zurück und schlenderten durch die Straßen, den Bazar, die chinesischen 26 Verkaufsläden und noch manches andere besichtigend. In einem der Läden fand ich zu meinem Erstaunen ein altes Exemplar der seiner Zeit von Boz Dickens redigierten Zeitschrift »All the year round«. Wie mochte nur die hierher gekommen sein! Sollte in dem Verkaufsladen von Troitskosawsk nicht auch irgend eine amerikanische Zeitschrift zu finden sein, die irgend ein Reisender zurückgelassen oder auf sonst einem seltsamen Weg hierher gelangt ist? Es berührte meine professionelle und patriotische Eitelkeit, daß »All the year round« in der Mongolei größere Verbreitung finden konnte, als unser »Century Magazine«.

Nach langem Herumstöbern entdeckte ich endlich in der Bude eines dunkelbraunen Mongolen, eine Schöpfung amerikanischen Geistes, was meine nationale Eitelkeit einigermaßen befriedigte und was als Beweis dienen konnte, daß wir bestimmend auf unsere Zeit wirken: es war nämlich eine alte Uhr, die in Rhode-Island angefertigt wurde.

In späterer Zeit sollte mein amerikanischer Stolz noch mehr befriedigt werden: ich fand in einem noch öderen und entlegeneren Winkel Transbaikaliens »Das Leben am Mississippi« von Mark Twain und eine russische Übersetzung von Bret Harts »Das Glück im Roaring Camp«.

Freitag, am 2. Oktober, fuhren wir wieder nach Kiachta und besuchten dann in Begleitung des russischen Grenzkommissärs, den chinesischen Gouverneur in Maimatschin.

Mitten des bereits erwähnten neutralen Streifen Landes zwischen Kiachta und Maimatschin befindet sich die Grenze von Rußland und China; überdies ist Maimatschin von dem russischen Gebiete durch eine hohe Bretterwand und einen Pagodenbau geschieden, die von russischer Seite den Einblick in das Grenzstädtchen des himmlischen Reiches verwehren.

Eine plötzlichere und überraschendere Veränderung kann sich dem Blick nicht bieten, als jene ist, die sich nach dem kurzen, einige hundert Schritte nur umfassenden Gang von Kiachta nach Maimatschin dem Blick eröffnet. Hier die russische 27 Provinzstadt mit ihren kennzeichnenden Holzhäusern, Kuppelkirchen, Geschäftsläden, Fuhrwerken, Soldaten und Bauern; dort wieder steht man inmitten des chinesischen Treibens. Es ist, als hätte man den bekannten Zauberteppich aus »Tausend und eine Nacht« bestiegen und wäre urplötzlich und wunderschnell nach einem weitentfernten Gebiet geführt worden.

In den engen, ungepflasterten Straßen stehen kleine, zumeist einstöckige Häuser ohne Fenster, deren Wände aus einem mit Strohhäckserling vermischten Lehmbrei hergestellt wurden und deren mit vielem Schnitzwerk verzierten Dächer nach auswärts gebogene Enden haben. Plumpe, zweiräderige, von Ochsen geführte Karren mit Theekisten beladen und von dunkelbraunen Mongolen gelenkt, vertreten hier die Pferde und Telegas von drüben. Chinesische Kaufleute mit leichten, flatternden Gewändern und weißen Schuhen sind hier zu erblicken, während jenseits russische Händler in Röhrenstiefeln, losen Westen und langen, über den Hosen getragenen Hemden zu sehen sind. Aus den Zelten der Sandwüste, von Gobi, kommen wilde, sonnengebräunte Reiter im orangefarbigen Kleide und flachen pfannenartigen Hüten. Überall, wohin das Auge blickt und der Fuß sich wendet, giebt sich das Ungewohnte, Seltsame, und überall ist China an Stelle Rußlands getreten.

Von einem russisch-chinesischen Dolmetsch begleitet, begaben wir uns zum Gouverneur, dessen Haus sich von den anderen Häusern hauptsächlich durch zwei vor demselben aufgepflanzten Stangen mit goldenen Kugelknaufen unterschied. Herr Sulkofski stellte uns vor und der Gouverneur ließ uns Thee, Zuckerfrüchte und»Majgalo«, eine Art Reisbranntwein vorsetzen. Das Gespräch bewegte sich in den Grenzen üblicher Redensarten, Fragen und Antworten betreffs des gegenseitigen Wohlbefindens und dergleichen mehr. Wir tranken einige Täßchen Majgalo, naschten auch etwas von den Zuckerfrüchten und begaben uns dann mit dem Gouverneur nach dem Tempel, da die Zeit der Gebetsverrichtung gekommen war. Diese geschah vor einem großen Götzenbild ans Holz und dabei wurde 28 eine tieftönende Glocke langsam in Bewegung gesetzt; letzteres mag nur geschehen sein, um dem ganzen Städtchen bekannt zu geben, daß Seine Excellenz, der Herr Gouverneur, nun zu beten geruhe.

Dann kehrten wir wieder nach seinem Hause zurück, wo Frost seine Züge skizzierte; es war drollig zu schauen, mit welch' hoheitsvoller Miene der chinesische Würdenträger auf seinem, mit einem Tigerfell belegtem Stuhle saß. Als auch das geschehen war, mochten wir nicht länger verweilen, wir verabschiedeten uns und erhielten dabei den Rest der uns vorgesetzten Näschereien in zierlicher Verpackung mit.

Den Nachmittag verbrachten wir mit vergeblichen Versuchen die seltsamen Typen, die in den Straßen Maimatschins zu sehen waren, zu photographieren. Mongolen, Buriaten und Vertreter anderer Völkerstämme, die bisher noch nie geschildert worden sein mögen, umgaben uns und wir stellten den Apparat auf und richteten ihn auf irgend eine Gruppe; allein kaum hatte Frost seinen Kopf unter das schwarze Tuch gesteckt, so zerstoben die Leutchen, als wäre ein Kanonenschlund auf sie gerichtet. Ich dachte mir, es wäre nicht übel, dem chinesischen Gouverneur die Anschaffung photographischer Apparate zur Unterdrückung von Aufständen zu empfehlen, denn wirksamer könnten sich eine ganze Batterie Geschütze nicht erweisen. Wir brauchten ihn nur aufzustellen und in wenigen Augenblicken war die belebte Straße menschenleer. Irre ich nicht, so gelang es Mister Frost an jenem Tage nicht etwas auf seine Platte zu bekommen, ein mongolisches Ochsengespann vielleicht ausgenommen, oder zwei, drei verkrüppelte Bettler, denen eine rasche Flucht nicht möglich war.

Übrigens ging es uns an demselben Tage in Troitskosawsk im Bazar auch nicht besser. Hier wollte Frost einen Mongolen recht abenteuerlichen Aussehens skizzieren und wurde dabei von der Menge arg bedroht, so daß er Mißhandlungen nur durch einen raschen Rückzug entgehen konnte. Wir hatten eben hier wie öfter schon Gelegenheit, bedauern zu müssen, daß 29 wir uns nicht mit einer Geheimkamera ausgerüstet hatten, sie hätte uns dort, wo die Anwendung des großen Apparates Furcht oder Verdacht erregte, recht gute Dienste leisten können.

Samstag Nachmittag fand die erwähnte chinesische Mahlzeit statt, bei der außer dem Gastwirt und Herrn Luschnikoff, auch einige Herren und Damen aus dem Bekanntenkreis des letzteren anwesend waren und natürlich auch wir. Der Tisch war weiß gedeckt und ganz nach europäischer Art mit Tischgeräten, Teller, Messer, Tassen, Gläser, Flaschen u. s. w. versehen. Wer da wollte, nahm sich die in China üblichen Elfenbeinstäbchen als Eßzeug; wir Europäer und Amerikaner machten nur einen Versuch damit. Nachdem wir unsere Sitze eingenommen, wurde eine Flasche dunkelgefärbter Essig herumgereicht und jeder goß davon in ein neben seinem Teller befindlichen Näpfchen.

»Was soll's damit?« fragte ich Luschnikoff.

»Damit werden die Speisen benetzt. Die Chinesen hier essen fast alles mit Essig. Es schmeckt übrigens gar nicht so übel.«

Was da für Gerichte aufgetischt werden mögen, davon hatte ich keine Ahnung, ich nahm daher diese Belehrung ohne jede Bemerkung hin und harrte der Dinge die da kommen sollen.

Das erste Gericht wurde vorgesetzt.

Was es war, ist mir heute noch so unbekannt wie damals. In meinem Taschenbuch verzeichnete ich es: »Seegras oder irgend eine andere Wasserpflanze von moosartigem Aussehen.« Wahrscheinlich wurde es uns im gekochten Zustande geboten, aber es war kalt und sah nicht sehr appetitlich aus. Die andern nahmen ein wenig davon, tauchten es in Essig und aßen es, die meisten wahrscheinlich nicht mit besonderer Lust, aber sie ließen wenigstens das Gegenteil nicht erkennen. Wir wollten natürlich keine Ausnahme machen und folgten dem gegebenen Beispiele. Die folgenden Gänge finde ich in meinem Taschenbuch folgendermaßen beschrieben:

  1. Kaltes Fleisch in Stückchen geschnitten, mit einer gelben Gallerte umgeben. 30
  2. Dunkle Pilze von einer mir unbekannten Gattung.
  3. Salat aus Zwiebeln und Kräutern.
  4. Birkenflechte.
  5. Dünne Wurstschnitte von zweifelhaftem Aussehen. Das Material ist mir unbekannt.
  6. In Würfel und Scheiben geschnittene Eier, die saffianähnlich gefärbt waren.
  7. Gebackene Krebsschwänze.
  8. Langfaseriges Seegras von hellgrüner Farbe.
  9. Irgend eine Seepflanze mit gekräuselten Fasern, geschnittenem Kohl ähnlich.

Es soll mit diesen knappen Anmerkungen keineswegs ein den Regeln der Kochkunst entsprechendes Verzeichnis gegeben sein. Ich schrieb nur nieder, was mir dieses und jenes zu sein schien, was es wirklich war, wußte ich bei manchem nicht und konnte es auch nicht erfragen. Alle diese Speisen wurden kalt aufgetischt und mit Essig genossen. Neben dem Tisch stand ein Kohlenbecken mit einem flachen Gefäß heißem Wasser, in dem einige silberne Krüge voll Majgalo standen. Nach jedem Gericht machte ein Diener mit dem Krug die Runde und füllte, wo es möglich war, die neben den Tellern stehenden winzigen Porzellantassen. Mir fiel da eine Anekdote ein, die ich kurz vorher erzählen hörte:

Ein einfältiger Bauer in Ostsibirien fand beim Graben etwas, was er für die Überreste eines Mammuts hielt.Bemerkt sei hier, daß in Sibirien sehr häufig Mammutreste aufgefunden werden. (A. d. Übers.) Eine Belohnung erhoffend, machte er davon bei dem Isprawnik die Anzeige, und um die Wichtigkeit seiner Entdeckung in noch günstigeres Licht stellen zu können, kostete er von dem Fund und erzählte dann den Beamten, das vorsintflutliche Tier wäre noch so gut erhalten, daß das Fleisch genießbar sei. Ein Mitglied der geographischen Gesellschaft von Irkutsk wurde nun ausgesendet, um die Angelegenheit zu untersuchen und 31 fand, daß es nichts anderes sei, als – eine Ablagerung von »Gorni-Kozha«, was ungefähr »mineralisches Leder« bedeutet, ein in Sibirien vorkommendes Gestein. Dem Isprawnik war es natürlich sehr unangenehm, vor dem Gelehrten sich so bloßgestellt zu sehen, er ließ den Bauer zu sich rufen und schrie ihn ärgerlich an:

»Dummkopf! wie kannst du mir vorlügen, du hättest das Fleisch gegessen. Es ist ja gar kein Fleisch daran, es ist kein Mammut, sondern ein Mineral, etwas, was man in den Bergwerken findet!«

»Ich hab wirklich davon gegessen, Herr,« beteuerte der Bauer, »aber« – fügte er nachdenklich dazu »was kann man nicht alles mit Butter essen!«

»Was kann man nicht alles mit Essig und Reisschnaps essen!« dachte ich mir, als dort der Diener diese verschiedenen Speisen herumreichte.

Nachdem diese kalten Speisen herumgereicht waren, wurden die Näpfchen wieder mit Essig gefüllt und es folgten die warmen Gänge folgendermaßen:

  1. Kalbfleischklöße mit einer Teigschicht umgeben.

    Freund Frost bildete sich plötzlich ein, das könnte nichts anderes sein, als Fleisch von jungen Hunden und war nicht zu bewegen, auch nur das Geringste davon zu genießen, erleichtert durch die Essigtunke. Vergeblich versuchte ich ihm begreiflich zu machen, daß Vorurteile dieser Art, namentlich unbegründete, eines Weltreisenden und Forschers nicht ziemlich sei, besonders, wenn er schon früher drei Jahre im russischen Reich verlebte.

    Hätte ich nur geahnt, was da noch kommen sollte, ich hätte mich wohl minder zuverlässig geäußert.

  2. Gebratene Fleischklöße.
  3. Fleischpastetchen.
  4. Gekochtes Geflügel in einer dicken weißen Tunke, in der sich Schnecken befanden.

    Hier hatte auch mein Heldentum ein Ende. Die Schnecken 32 waren im Kochen ganz schwarz geworden und hatten nun das Aussehen gesottner Würmer. Wohl meinte ich nach dem Genuß von zwei Täßchen heißem Branntwein, die Sache doch wagen zu können, allein es ging nicht. Die Einbildungskraft wirkte zu mächtig!

  5. Eine Fettmasse in weichen, hellen, durchsichtigen Stückchen.
  6. Gebratenes Spanferkel.

    Dieser Gang war entschieden der beste von allem und schmeckte überhaupt sehr gut, da die Chinesen in der Zubereitung des Ferkelbratens Meister sind.

  7. Hammelfleischstückchen, am Spieß geröstet.
  8. Huhn, in lange dünne Streifen geschnitten und dazu die Brühe.
  9. Gekochter Reis.
  10. Irgend eine Art harte Pilze oder Flechten in brauner Tunke.
  11. Dünne, durchsichtige Maccaroni.
  12. Köpfe von Hähnen mit den Halsteilen. Endlich:
  13. bis 19. Verschiedene Suppen die zu gleicher Zeit aufgetragen wurden.

Damit fand die Hauptmahlzeit ihr Ende. Nun wurde der Tisch abgeräumt, auch die Essig- und Branntweingefäße entfernt, dann brachten die Diener Nüsse, Zuckerfrüchte und Backwerk verschiedener Art, einen vorzüglichen Thee und schließlich auch französischen Schaumwein herbei.

Mehr als drei Stunden währten diese Tafelfreuden und in dieser Zeit aß jeder der Gäste von einer großen Zahl Speisen, nahm jeder zwei oder drei Näpfchen Essig zu sich, fünfzehn Tassen oder mehr heißen Reißbranntwein, der mit Rosenöl parfümiert war, und spülte endlich den letzten Rest dieser chinesischen Delikatessen mit etlichen Gläsern Schaumwein hinab, die auf das Wohl des freundlichen Wirtes geleert wurden.

Wie wir uns ohne fremde Hilfe in unsern Wagen hineinfanden und daß wir uns nicht den Magen gründlich verdorben, ist mir heute noch unbegreiflich. Immerhin war meine 33 Wißbegierde, soweit sie die chinesische Kochkunst betraf, vollauf befriedigt. Wenn die Chinesen täglich so tafeln, so wär's ein helles Wunder, daß dieses Volk noch nicht ausgestorben ist. Ich glaube, wer da im Spätherbst eine solche Mahlzeit nimmt, der könnte – vorausgesetzt, daß er nicht an Verdauungsbeschwerden stirbt – wie der Bär einen Winterschlaf halten.

Als wir in später Nachmittagsstunde von unserem chinesischen Wirt fortfuhren, konnte ich nicht ahnen, daß diese Mahlzeit für lange Monate hinaus, als letztes Vergnügen gelten sollte und daß ich die alte Mongolenstadt nicht wieder sehen würde! Sonntag morgens fühlte ich mich unwohl und bald war auch ein heftiges Fieber da, im Gefolge von Kopfschmerz, Rückenschmerz, Husten und Mattigkeit. Damit begann eine bedenkliche Krankheit, die zwei Wochen währte und von der ich mich erst nach drei Monaten erholen konnte; und damit wurde auch meine Reise am beschwerlichsten. Bisher konnte wenigsten der gesunde Körper all dem Ungemach, den Aufenthalt und Reisen in solchem Lande mit sich bringt, kräftig widerstehen helfen, jetzt aber blieb mir dafür nur die Energie, der Wille und – das Chinin.

Es ist wohl unnötig, daß ich hier den Jammer einer Krankheit erzähle, die ich, an das Zimmer bei dem Bäcker Klambotski gefesselt, in dem Grenzörtchen Troitskosawsk überstehen mußte. Aufzeichnungen aus jenen bösen Tagen besitze ich nicht, doch schilderte ich in einem Briefe, den ich damals nach der Heimat richtete, meinen Zustand folgendermaßen:

»Daheim krank zu liegen, in einem ordentlichen Bette, mit reiner Wäsche und genügender Pflege – das will noch angehen. Aber hier auf harter Diele in den Kleidern zu liegen und dabei noch in der Fieberhitze von den Wanzen bis zur Verzweiflung gequält zu werden – das ist arg.«

Außer den Schafspelzrock und einer schmutzigen Wolldecke hatte ich nichts zum Lager, und wohin immer ich mich legte, auf den Dielen, auf den Tisch oder in die harte Bettstatt, überall wurde ich von dem Ungeziefer gepeinigt. In den 34 ersten Tagen versuchte ich mich selbst zu heilen, mittelst unserer Reiseapotheke, als ich jedoch erfuhr, daß ein Arzt im Städtchen sei, ließ ich ihn kommen und er brachte mit starken Dosen Chinin, das Fieber endlich zum Weichen und ich konnte nach zwölf Tagen auf den Beinen stehen, wenn auch nur mühsam.

Hier erkannte ich nun so ganz, was der arme Verschickte leiden muß, wenn er während der Transportzeit in einem Etappenhaus erkrankt. Und dabei fehlt es ihm noch an Nahrung und muß die vergiftete Luft der Zellen einatmen. Mancher verspürt außerdem noch die Last der Fesseln, so Herr Tscharuschin z. B., ein politischer Gefangener, den ich in Nertschinsk kennen lernte; selbst während der höchst gefährlichen Typhuskrankheit, die er durchmachte, wurden ihm nicht die Fußschellen abgenommen.

Am 15. Oktober fuhren wir von Troitskosawsk nach Selenginsk. Wohl fühlte ich mich so schwach, daß ein Rückfall in die Krankheit erfolgen konnte, aber ich dachte wieder, der Aufenthalt in der kühlen Luft und auf dem rüttelnden Wagen könne noch immer nicht so arg sein, wie der in einer vor Ungeziefer strotzenden Stube. Wir legten bis Abends gegen 100 Kilometer zurück, übernachteten im Posthaus von Poworotnaja und setzten dann unseren Weg fort, der uns bald nach dem erwähnten Orte brachte.

Selenginsk ist ein erbärmliches Buriatennest, in dem sich auch drei politische Verschickte aufhielten, die mich sehr interessierten und die ich zu sprechen wünschte. Es waren Konstantin Schamarin, ein Student aus Jekaterinenburg, Kardaschoff, ein Georgier aus dem Kaukasus und Frau Breschofskaja, eine junge, gebildete Dame aus Kiew. Die beiden letzteren mußten früher in den Bergwerken von Kara Zwangsarbeit verrichten und ich wollte mich mit ihnen beraten, in welcher Weise wir am Besten dahin gelangen und von welcher Art die dortigen Beamten wären.

Ich besuchte zuerst Schamarin, einen jungen, hübschen Mann in der Zwanziger Mitte, von mittelgroßer Statur und 35 feinem Benehmen. Sein Blick war freundlich und vertrauenerweckend. Die Geschichte seiner Leiden ist ein Zeuge wider das Vorgehen der russischen Regierung für die es kein persönliches Recht seiner Bürger giebt, wenn sie einmal, begründet oder nicht, in den Verdacht politischer »Unzuverlässigkeit« geraten.

Er war noch Student, als er angeblich als »Aufwiegler« verhaftet wurde und drei Jahre lang in dem Verließ der Petropawlowskifestung in Untersuchungshaft gehalten wurde, um endlich vor Gericht gestellt zu werden. Was gegen ihn vorlag, war so geringfügig, daß das Urteil nur auf zwei Monate Gefängnis lautete. Also drei Jahre mußte er in der schrecklichen Untersuchungshaft verbringen um dann nur eines geringen Vergehens schuldig befunden zu werden, was mit zwei Monaten Gefängnishaft genügend gesühnt schien. Doch, es sollte noch viel sonderbarer kommen! Schamarin durfte wohl hoffen, nach Ablauf dieser zwei Monate, endlich wieder in Freiheit gesetzt zu werden. Die Regierung hielt es jedoch für geeigneter, ihn auf »administrativem Wege« nach Bargusin, einem elenden Neste in Transbaikalien, zu verschicken.

Im Sommer des Jahres 1881 machte er mit noch drei anderen Verschickten einen Fluchtversuch, auch Frau Breschofskaja gehörte dazu. Sie hofften, den Großen Ocean zu erreichen und hier auf ein amerikanisches Schiff zu gelangen. Die Flucht jedoch mißlang und er wurde strafweise nach einem Jakuten-Ulus verschickt, wo ihn auch die Teilnehmer der amerikanischen Expedition zur Rettung der Überlebenden des Nordpolschiffes »Jeanette« kennen lernten. Im Jahre 1882 ungefähr, erhielt er die Erlaubnis, den Rest seiner Verschickungszeit in Selenginsk zu verbringen, und als im Herbste 1884 auch diese ihr Ende fand, hätte er wohl heimkehren dürfen, aber er war von allen Mitteln entblößt. Die russische Regierung kümmert sich nicht im geringsten um die Art und Weise, wie Personen, die sie administrativ nach Sibirien verschickt, nach Ablauf der Verbannungsfrist wieder zurückkehren. 36 Wohl steht es ihnen frei, sich einem der heimziehenden Transporte entlassener Verbrecher anzuschließen, allein diese Züge haben keine so regelmäßige Verbindung mit den Eskortesoldaten der Etappenhäuser, wie jene, die von Rußland kommen, und sie bewegen sich daher nur langsam vorwärts. Der Inspektor des Verbanntentransports für Ostsibirien, Oberst Zagarin, erzählte mir gelegentlich, daß derartige Züge oft auch zehn Monate brauchen, um die Strecke zwischen Irkutsk und Tomsk, ungefähr 1600 Kilometer, zurückzulegen. Nur wenige der entlassenen politischen Verbannten entschließen sich dazu, ein ganzes Jahr in diesen schmutzigen, stinkenden und voll Ungeziefer erfüllten Etappenhäusern zu verbringen, mag auch dadurch ihr sehnlichstes Verlangen in Erfüllung gehen: die Rückkehr nach der Heimat. Sie ziehen es vor, in Sibirien zu bleiben, falls sie sich nicht die Reisekosten in irgend einer Weise verschaffen können. Ich verhalf einem politischen Verschickten zur Heimkehr, indem ich ihm sein Herbarium sibirischer Pflanzen für 100 Rubel abkaufte. Gern wär ich auch Schamarin behilflich gewesen, allein es war nunmehr bei ihm nicht so nötig; er arbeitete nämlich damals schon ein Jahr lang im Archiv von Selenginsk, wo er die seit hundertdreißig Jahren angesammelten Schriftstücke ordnete und verzeichnete. Mit dieser Arbeit hoffte er nun bald fertig zu werden und dann von dem Gouverneur wenigstens so viel bezahlt zu bekommen, um damit die Reisekosten zu decken.

Wie überall in Sibirien steht auch in Selenginsk der Briefwechsel der politischen Verschickten unter Polizeiaufsicht. Nachdem nun seine Verbannungszeit abgelaufen war, konnte Schamarin darauf Anspruch machen, von diesem Zwange nunmehr befreit zu sein und er bat den Gouverneur um Aufhebung der Briefeaufsicht. Dieser übergab die Sache dem Isprawnik zur Erledigung, der das berechtigte Gesuch abschlägig beschied. Schamarin konnte daher, trotzdem seine Verbannungszeit abgelaufen war und er wieder in alle von den Gesetzen gewährleisteten Rechten getreten war, keinen Brief 37 absenden oder empfangen, den nicht zuvor die Polizei durchgelesen und für gut befunden hatte, eine schamlose Vergewaltigung, wie sie niederträchtiger kaum erdacht und ausgeübt werden könnte.

Während meiner Unterredung mit Schamarin trat Frau Breschofskaja ein, eine Dame, ungefähr in der Dreißiger Mitte, mit klugem, kräftigem, wenn auch nicht schönem Gesichtsausdruck. Die Leiden, die sie zu erdulden hatte, waren an ihrem Antlitz nicht spurlos vorübergegangen und auch ihr dichtes, schwarzes Haar, das ihr während der Strafzeit in den Bergwerken kurzgeschnitten wurde, war vorzeitig von manchem Silberfaden durchsetzt. Nichts jedoch konnte den Mut und die Überzeugung dieser tapferen Frau erschüttern. Sie hatte daheim und in Zürich eine treffliche Erziehung und Ausbildung erhalten, sprach auch deutsch, französisch, englisch und war auch musikalisch. Zweimal wurde sie nach den Bergwerken von Kara verschickt, das zweite Mal wegen des oben erwähnten Fluchtversuches. Nachdem auch diese Strafzeit vorüber war, wurde sie nach dem erbärmlichen Buriatendorf Selenginsk verwiesen, wo sie sich der besonderen Beobachtung der geschätzten Polizei zu erfreuen hatte. Im ganzen nächsten und auch ferneren Umkreis befand sich kein gebildetes weibliches Wesen, mit dem sie irgendwie hätte verkehren können; für ihren Lebensbedarf erhielt sie wöchentlich zwei Rubel von der Regierung; ihr Briefwechsel stand natürlich unter Polizeiaufsicht; sie war für ihr ganzes Leben geschieden von ihrer Familie, ihren Freunden und das Einzige, was sie von der Zukunft noch erwarten konnte, waren einige entbehrungsreiche Lebensjahre und endlich ein einsames Grab mit schlichtem Holzkreuz auf dem öden Friedhof von Selenginsk, dem vielleicht nie ein liebevoller Blick zu teil wird. Und doch war der Mut und die Zuversicht, der Glaube an eine bessere Zukunft für Rußland im Herzen dieses unglücklichen Weibes festgewurzelt. »Wir mögen in der Verbannung sterben,« sagte sie beim Abschied zu mir, »vielleicht auch, daß es unseren Kindern und 38 Enkeln nicht besser ergehen wird, aber vergeblich werden diese Opfer doch nicht gebracht sein.«

Seit jener Stunde habe ich von Frau Breschofskaja nichts vernommen, ich weiß nicht, ob sie noch unter den Lebenden weilt. Aber wenn ich ihrer Abschiedsworte gedenke, so werde ich mir immer wieder bewußt, daß dieses Weib es war, das mich so recht erkennen ließ, was Kraft, Mut und selbstlose Hingebung eigentlich sind. Mehr als alle Heilmittel kräftigten Unterredungen dieser Art meinen geschwächten Körper und ich kam in Transbaikalien mit vielen Verschickten zusammen. Was wollten auch meine Leiden und Entbehrungen bedeuten im Vergleich zu dem, was diese Leute um das Wohl ihres Volkes willen heldenmütig erduldeten!

Freitag Nachmittag, am 16. Oktober, fuhren wir ab von Selenginsk und erreichten nach einer 24stündigen Fahrt die etwa 170 Kilometer entfernte Bezirksstadt Werkhin Udinsk. Es war kalt und das Wagengerüttel machte sich bei meinem damaligen Zustande ganz besonders fühlbar, allein die frische Luft wirkte erquickend auf mich und ich befand mich nun wenigstens in keinem übleren Zustand, als zur Zeit unserer Abfahrt von Troitskosawsk. In Werkhin Udinsk gab es zwei Gefängnisse, die ich gern besichtigt hätte. Ich stellte mich Sonntag morgens dem Isprawnik vor, er willfahrte meinem Ersuchen und wir kamen überein, daß wir in der Mittagszeit im alten Gefangenhaus zusammentreffen wollten.

Dieser Bau, ein altes, baufälliges Holzhaus war an dem hohen rechten Ufer der Selenga gelegen, etwa anderthalb Kilometer außerhalb der Stadt und wurde als Orts-, Untersuchungsgefängnis und Etappenhaus benutzt. Es unterschied sich nicht auffällig von den anderen sibirischen Häusern dieser Art, nur schien es mir etwas höher zu sein und jede Zelle hatte eine Galerie, zu der eine steile Treppe führte, eine Einrichtung, die wahrscheinlich nachträglich vorgenommen wurde, um mehr Raum für Schlafstellen zu haben. Mich dünkte, als wäre das Gefängnis zu Ehren unseres Besuches einer 39 Reinigung unterzogen worden. Auch befanden sich ein Teil der Gefangenen im Hofe und die Fenster des Gefängnisses standen angelweit offen; die Fußböden waren zwar nicht sauber, aber auch nicht gar zu schmutzig. Das Gefängnis hatte einen Fassungsraum für 170 Personen, enthielt jedoch zur Zeit unserer Anwesenheit 250; auf mein Befragen hin gestand mir der Isprawnik, es erhöhte sich manchmal im Spätherbst oder Winter diese Zahl fast bis aufs Dreifache. Die Gefangenen liegen dann zusammengedrängt auf den Pritschen, unter diesen, auf den Dielen, in den Korridoren, ja sogar im Hofe. Man stelle sich den Zustand vor: 700 Personen in einem Raum der angeblich für 170 bestimmt ist! Und besonders im Winter, wo die Fenster geschlossen bleiben müssen, da sonst die Zunächstliegenden erfrieren würden. Auf diesen entsetzlichen Zustand wurde übrigens bereits früher hingewiesen, und zwar in einem Buche, das in Moskau mit Genehmigung der Censur erschien und einen russischen Offizier Namens Orfanoff zum Verfasser hat. Er sagt hier:

Das erste Gefängnis in Transbaikalien befindet sich in Werkhin Udinsk, außerhalb der Stadt, am steilen Ufer der Selenga, wo nur fünf oder sechs Klafter davon entfernt, aller Unrat des Gefängnisses abgelagert wird. Das Erste, was sich bei einer Annäherung fühlbar macht, ist auch ein arger, unerträglicher Gestank. Es ist ein alter, zweistöckiger Holzbau mit einem Fassungsraum für 140 PersonenDer Isprawnik gab uns die Zahl 170 an, doch meine ich, daß die oben angegebene wahrscheinlicher ist.. Ich hatte während meiner Anwesenheit in Sibirien oft Gelegenheit dieses Gefängnis zu besuchen, es befanden sich dort nie weniger als 500, zuweilen sogar mehr als 800 Gefangene.

Ich erinnere mich einer Inspektion, die der Gouverneur von Transbaikalien vornahm und wobei ich ihn begleitete. Es war zur Winterszeit. In früher Morgenstunde begab sich 40 der Gouverneur ins Gefängnis und ließ die äußere Thüre des Korridors öffnen. Er mußte zurückfahren vor dem entsetzlichen Gestank, der ihm nun entgegenströmte, obgleich er's vor den Gefangenen nur ungern sehen ließ, daß sie schlechter wie das Vieh behandelt werden. Erst nachdem die gegenüber liegende Thüre geöffnet wurde und die Zugluft kräftig reinigend durchfuhr, betrat er das Innere. Das erste, was er erblickte, war ein überfüllter Unratkübel in der Ecke; und durch die Decke tröpfelte der Inhalt eines gleichen Gefäßes, das im ersten Stockwerk aufgestellt war. Und in der unmittelbaren Nachbarschaft schliefen sechs Menschen. Der Gouverneur war entsetzt: »Um Himmels willen, wie können unter solchen Umständen Menschen hier die Nachtruhe halten!« rief er aus. Er zürnte dem Gefängnisdirektor und den anderen Beamten, aber die Sache blieb beim Alten« . . .

Man hat mir den Vorwurf gemacht, ich hätte in meinen Schilderungen die Zustände der sibirischen Gefängnisse nicht ohne Übertreibung dargestellt. Mit Unrecht! Ärgeres, als in der erwähnten Stelle aus dem Buche eines russischen Offiziers gesagt wird, habe ich auch nicht behauptet.

Und in diesem schauderhaften Gefängnis müssen Jahr um Jahr eine Menge gebildete Männer und Frauen verweilen, die als politische Verbrecher nach Transbaikalien verschickt werden. So mußte Frau Breschofskaja auf ihren Wegen von und zu den Bergwerken von Kara, viermal hier Aufenthalt nehmen. Es freute mich übrigens, daß dieser Baracke kein langes Dasein mehr beschieden war.

Schon bei unserer Ankunft bemerkten wir einen vor kurzem beendeten großen Neubau, der für ein Etappengefängnis bestimmt war. Der Isprawnik erzählte uns, es wäre schon in Benutzung genommen worden, doch habe sich das verzögert, weil noch nicht genug Soldaten zur Bewachung vorhanden wären.

Wir begaben uns nun in das neuerbaute Etappengefängnis. Es war ein großer, vier Stock hoher Ziegelbau mit 41 umfangreichen Seitenflügeln, einem geräumigen Hof und ein für die Soldaten und für politische Gefangene bestimmtes Nebengebäude. Die Zellen waren groß, hell, luftig, und ließen durch die Fenster der oberen Stockwerke einen Ausblick auf die Umgebung zu. Die Korridore waren breit, die Steintreppen mit Geländer versehen. Der Bau hatte gegen 200 000 Rubel beansprucht und war für 440 Gefangene bestimmt. Ich mußte dem Isprawnik eingestehen, daß ich im ganzen russischen Reich kein so trefflich eingerichtetes Gefängnis gesehen habe.

»Jawohl!« antwortete er, »und so wird es auch bleiben, so lange es nicht überfüllt wird. Allein – im alten Gefängnis mußten wir oft 700 Gefangene aufnehmen, und ich fürchte, im neuen werden es vielleicht 3000 werden, dann dürfte sich freilich das alte Übel auch hier geltend machen.«

Ich weiß nicht, ob sich diese Befürchtung des Isprawniks von Werkhin-Udinsk bestätigt hat. Keineswegs habe ich ihm mit jenen Lobworten irgend ein nichtssagendes Kompliment geben wollen. Das Gefängnis ist wirklich das Beste, das ich in ganz Rußland gesehen habe – jenes von Petersburg vielleicht ausgenommen – und es freut mich wenigstens, ein Zeichen entdeckt zu haben, das bekundet, die russische Regierung sei doch nicht ganz gefühllos für die Leiden der von ihr nach Sibirien Verschickten.

Montag verließen wir Werkhin-Udinsk und fuhren nach der etwa 480 Kilometer entfernten Hauptstadt der transbaikalischen Provinz. Das Wetter war kalt, doch machte sich dies hauptsächlich nur nachts bei uns geltend; der Himmel war klar und Schneefall hatte es überhaupt noch nicht gegeben. Anfangs führte der Weg zwischen Hügelketten in dem flachen, öden und unfruchtbaren Udathal. Die Bäume waren entblättert, kein Blümchen wollte sich weisen, wenn wir nicht einen hie und da sich zeigenden, vom Frost geknickten Löwenzahn dafür gelten lassen wollen. Überall zeigte sich schon der Winter mit seiner strengen Macht. Wir fuhren Tag und Nacht dahin, nur zuweilen Halt machend, um ein 42 Buddhistenkloster oder eines der neuen Etappenhäuser zu besichtigen. Die Regierung hat nämlich in der letzteren Zeit 3–400 000Rubel dem Bau neuer Etappenhäuser in Transbaikalien gewidmet. Von den Beamten der Verbannungstransporte wurden über diese neuen, recht kleinen Baulichkeiten nicht viel zum Ruhm gesagt, uns jedoch schien dies alles im Vergleich zu den Zuständen, die zwischen Tomsk und Irkutsk herrschen, eine wesentliche Verbesserung.

Donnerstag, am 22. Oktober, fuhren wir bei der Poststation Domnokluschefskaja, etwa 80 Kilometer von Tschita, über ein hohes Gebirge, das die Wasserscheide zwischen den Flüssen des nördlichen Eismeeres und dem Großen Ocean bildete. Wir fühlten uns nun der Heimat näher, wenn wir die östliche und nicht die westliche Entfernung in Betracht nahmen. In den folgenden Dörfern sahen wir schon überall Waren, die aus Kalifornien eingeführt wurden. Zinngeräte, Laternen, Konserven, bei deren Anblick mir war, als müßte ich von irgend einem Gipfel der Berge San Francisco und das Goldene Thor erblicken können.

Müde, durchfroren und hungrig kamen wir um die Mittagsstunde in Tschita an und quartierten uns in dem von einem verbannten Polen geleiteten »Hotel Petersburg« ein.

Tschita ist, wie erwähnt, die Hauptstadt von Transbaikalien, der Sitz des Gouverneurs und hat eine Bewohnerzahl von 4000 Seelen, die in den zerstreut auseinander liegenden Häusern wohnen. Die Stadt hat eine Bibliothek, gute Volksschulen und ein großes Gebäude, wo zuweilen Theatervorstellungen stattfinden. Sowohl in politischer, wie auch in gesellschaftlicher Beziehung kann sie als der wichtigste Ort der Provinz gelten.

In der Geschichte des russischen Verbannungssystems hat Tschita eine wichtige Rolle gespielt. Hierher wurden im ersten Viertel unseres Jahrhunderts die »Dezembristen« verschickt, junge Edelleute, die nach dem im Dezember 1825 erfolgten Regierungsantritte des Zaren Nikolaus den Versuch 43 wagten, das bisherige System des Absolutismus zu stürzen und dafür ein konstitutionelles herzustellen. Noch sind zwei Blockhäuser vorhanden, in welchen jene Männer lebten und eines derselben – es dient jetzt als Tischlerwerkstätte – wurde später auch der Sammelpunkt der Leute, die das gleiche erstrebten und dasselbe dafür erleiden mußten.

Zur Zeit unseres Besuches befanden sich unter den nach Tschita Verschickten einige recht interessante Personen. Wir hatten an sie Empfehlungsbriefe, die uns von ihren Schicksalsgenossen in anderen Gegenden Sibiriens gegeben wurden und wir wurden auch freundlich und vertrauensvoll aufgenommen. Manchen Spätherbstabend verbrachten wir in ihrer Mitte und ließen uns von Rußland, von der Petropawlowskifestung, vom Gefängnis zu Charkoff und den Bergwerken von Kara erzählen.

Zufolge der Abwesenheit des Gouverneurs konnten wir hier nicht die Erlaubnis erhalten, die Goldgruben von Kara besichtigen zu dürfen. Sein Vertreter jedoch schien gegen unseren Besuch in Kara kein Bedenken zu haben. Er versprach uns, den dortigen Kommandanten zu verständigen und übergab uns auch seine Namenskärtchen, die uns die Einführung erleichtern sollte. Mich dünkte es nicht sehr wahrscheinlich, daß wir so leichthin in den berüchtigten Gefängnissen von Kara Einlaß finden könnten; doch mehr war nicht zu erlangen und so fuhren wir denn am 24. Oktober nach den fast 500 Kilometer entfernten Bergwerken.

 

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