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Sherlock Holmes - Die drei Studenten

Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes - Die drei Studenten - Kapitel 2
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type
authorArthur Conan Doyle
titleSherlock Holmes - Die drei Studenten
publisherprojekt.gutenberg.de
seriesSherlock Holmes - Die drei Studenten
year2013
firstpub2013
translatorAlexander Wlk
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Wlk
created20130607
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Es war im Jahr 1895, als eine Verkettung von Umständen, die hier nichts zur Sache tut, Mr. Holmes und mich veranlassten, einige Wochen in einer unserer großen Universitätsstädte zu verbringen. Während dieser Zeit widerfuhr uns das kleine, doch überaus lehrreiche Abenteuer, von dem ich nun berichte. Natürlich wäre es fahrlässig und anmaßend, Details preiszugeben, die dem Leser helfen könnten die Universität oder den Übeltäter zu identifizieren. Ein solch schmerzhafter Skandal darf ruhig in Vergessenheit geraten. Der Vorfall an sich darf jedoch in aller Diskretion beschrieben werden, da er einige der Eigenschaften verdeutlicht, für die mein Freund bekannt war. Ich will versuchen, während des Berichts auf Einzelheiten zu verzichten, welche die Ereignisse auf einen bestimmten Ort einschränken oder Rückschlüsse auf die Beteiligten zulassen.

Wir wohnten zu der Zeit in einer möblierten Unterkunft nahe einer Bibliothek, in der Sherlock Holmes einige aufwändige Nachforschungen in frühenglischen Urkunden betrieb. Diese Recherchen führten zu solch revolutionären Ergebnissen, dass sich vielleicht einer meiner zukünftigen Berichte mit ihnen befasst. Eines Abends also erhielten wir Besuch eines Bekannten, Mr. Hilton Soames, Tutor und Dozent an der St. Luke's Universität. Mr. Soames war ein hoch gewachsener, hagerer Mann von nervösem, reizbarem Gemüt. Ich kannte ihn schon immer als rastlosen Gesellen, aber an diesem speziellen Tag war er in einem Zustand solch unkontrollierbarer Erregung, dass ganz offensichtlich etwas höchst Ungewöhnliches vorgefallen sein musste.

»Ich hoffe, Mr. Holmes, dass Sie ein paar Stunden Ihrer kostbaren Zeit für mich erübrigen können. Wir hatten einen sehr bedauerlichen Zwischenfall in St. Luke's und ich wäre ohne den glücklichen Zufall, dass Sie in der Nähe sind, vollkommen ratlos, was zu tun ist.«

»Ich bin im Moment sehr beschäftigt und wünsche keine Störungen«, antwortete mein Freund. »Mir wäre es lieber, Sie suchten die Hilfe der Polizei.«

»Nein, nein, mein Herr, das ist ausgeschlossen. Wenn die Justiz erst eingeschaltet ist, kann sie nicht mehr aufgehalten werden und dieser ist einer jener Fälle, bei denen es für das Ansehen der Universität unabdingbar ist, einen Skandal zu vermeiden. Ihre Diskretion ist so bekannt wie Ihre Fähigkeiten und Sie sind daher der einzige, der mir helfen kann. Ich flehe Sie an, Mr. Holmes, tun Sie was Sie können.«

Die Laune meines Freundes hatte sich nicht gebessert, seitdem er seiner kongenialen Umgebung in der Baker Street beraubt worden war. Ohne seine Notizbücher, seine Chemikalien und die heimelige Unordentlichkeit fühlte er sich nicht wohl. Er zuckte die Schultern in unwilligem Einverständnis, woraufhin unser Besucher in raschen Worten und aufgeregten Gesten mit seiner Geschichte fortfuhr.

»Sie müssen wissen, Mr. Holmes, dass morgen die Examen für das Fortescue-Stipendium beginnen. Ich bin der Prüfer im Fach Griechisch. Die erste Aufgabe besteht aus der Übersetzung eines langen griechischen Textes, welcher dem Anwärter unbekannt ist. Dieser Text ist auf dem Prüfungsbogen gedruckt und es wäre natürlich ein immenser Vorteil, falls sich der Anwärter im Vorfeld darauf vorbereiten könnte. Aus diesem Grund werden die Unterlagen unter großen Mühen geheim gehalten.

Heute gegen drei Uhr traf ein Korrekturabzug aus der Druckerei ein. Eine der Aufgaben besteht aus einem halben Kapitel von Thukydides. Ich musste es akribisch gegenlesen, denn der Text muss absolut korrekt sein. Um halb fünf war ich noch nicht fertig, hatte jedoch versprochen den Tee bei einem Freund einzunehmen. Also verließ ich den Schreibtisch, wo ich die Prüfung zurückließ und war etwas mehr als eine Stunde weg.

Sie müssen wissen, Mr. Holmes, dass wir hier Doppeltüren haben, eine innere aus grünem Filz-Tuch und eine äußere aus schwerem Eichenholz. Als ich bei meiner Rückkehr an die Außentür herantrat, sah ich zu meinem Erstaunen einen Schlüssel stecken. Einen Moment dachte ich, es wäre meiner, den ich vergessen hätte. Aber mein Schlüssel befand sich in meiner Hosentasche, wo er sein sollte. Das einzige mir bekannte andere Exemplar, befindet sich im Besitz meines Dieners, Bannister. Dieser Mann kümmert sich schon seit zehn Jahren um meinen Raum und seine Ehrbarkeit steht außer Zweifel. Wie sich herausstellte, war es tatsächlich sein Schlüssel, mit dem er in mein Zimmer kam, um mich zu fragen, ob ich Tee wollte. Als er es wieder verließ, vergaß er den Schlüssel abzuziehen. Das musste wenige Minuten nachdem ich den Raum verlassen hatte gewesen sein. Seine Vergesslichkeit ob des Schlüssels hätte an jedem anderen Tag nichts bedeutet, aber heute hatte sie sehr beklagenswerte Folgen.

In dem Moment, als ich auf meinen Schreibtisch schaute, wurde mir klar, dass sich jemand an den Papieren dort zu schaffen gemacht hatte. Der Prüfungsbogen besteht aus drei Teilen. Ich hatte sie zusammen gelassen. Nun allerdings fand ich ein Blatt auf dem Boden, eins auf dem Beistelltisch am Fenster und eines noch dort liegen, wo ich ihn verlassen hatte.«

Holmes regte sich das erste Mal.

»Die erste Seite auf dem Boden, die zweite am Fenster und Seite Nummer drei noch auf dem Schreibtisch«, sagte er.

»Ganz richtig, Mr. Holmes. Sie erstaunen mich, woher wissen Sie das?«

»Bitte fahren Sie mit Ihrem sehr interessanten Bericht fort.«

»Einen Moment lang hielt ich es für möglich, dass Bannister sich die unentschuldbare Freiheit genommen haben könnte die Papiere anzufassen. Er verneinte es jedoch in vollem Ernst und ich bin sicher, dass er die Wahrheit sagte. Die Alternative war, dass jemand im Vorübergehen den Schlüssel in der Tür bemerkt hatte, wusste, dass ich ausgegangen war, daraufhin eingetreten ist und die Papiere begutachtete. Dieses Stipendium ist durchaus hochwertig, wodurch es um eine große Summe Geld geht, bei dem ein skrupelloser Mensch durchaus ein Risiko einzugehen versucht sein könnte, um einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten zu erlangen.

Bannister war durch den Vorfall zutiefst erschüttert. Er fiel fast in Ohnmacht, als er erfuhr, dass sich zweifelsfrei jemand an den Papieren zu schaffen gemacht hatte. Ich gab ihm ein wenig Brandy und ließ ihn in einen Stuhl sinken, bevor ich mich an die Untersuchung des Raums machte. Ich sah bald, dass der Eindringling noch andere Spuren seiner Anwesenheit, abgesehen von den zerwühlten Papieren, hinterlassen hatte. Auf dem Tisch am Fenster lagen mehrere Späne eines Bleistifts, welcher gespitzt worden war. Ein Stück abgebrochener Mine lag ebenfalls dort. Augenscheinlich hat der Halunke die Papiere in großer Hast abgeschrieben, dabei seinen Bleistift abgebrochen und war somit gezwungen ihn neu anzuspitzen.«

»Ausgezeichnet!« sagte Holmes, der langsam seinen Humor wiederentdeckte und seine Aufmerksamkeit immer mehr auf den Fall richtete. »Das Glück war Ihnen hold.«

»Das war noch nicht alles. Ich habe einen neuen Schreibtisch mit einer Oberfläche aus feinem rotem Leder. Ich bin ganz sicher, genauso wie Bannister, dass sie glatt und unangekratzt war. Jetzt befindet sich aber ein sauberer Schnitt darin, etwa drei Zoll lang – kein bloßer Kratzer, nein, ein richtiger Riss. Darüber hinaus fand ich auf dem Tisch einen kleinen Klumpen schwarzen Teigs oder Lehm mit Flecken, die aussehen wie Sägemehl darin. Ich bin überzeugt, dass der Täter diese Spuren hinterlassen hat. Fußspuren oder andere Hinweise auf dessen Identität gab es keine. Ich war mit meiner Weisheit am Ende, als mir plötzlich der glückliche Gedanke kam, dass Sie in der Stadt sind, also suchte ich sie sofort auf und gebe die Angelegenheit in Ihre Hände. Helfen Sie mir, Mr. Holmes! Sie erkennen die Zwangslage. Entweder wird der Täter gefunden, oder die Prüfung muss verschoben werden, bis ein neues Examen bereit ist. Und das geht nicht ohne eine Erklärung der Umstände, die einen furchtbaren Skandal zur Folge hätte, der die ganze Universität in Mitleidenschaft zöge. Vor allem anderen wünsche ich, diese Angelegenheit unauffällig und diskret aufzuklären.«

»Ich werde mich mit dem größten Vergnügen dem Fall widmen und Ihnen meinen Rat anbieten«, sagte Holmes, stand auf und zog seinen Mantel an. »Dieser Fall ist nicht völlig uninteressant. Hat Sie, seitdem die Prüfungsbögen eingetroffen sind, jemand in Ihrem Zimmer aufgesucht?«

»Ja, der junge Daulat Ras, ein indischer Student, der im selben Haus wohnt, kam zu mir und fragte nach einigen Einzelheiten über die Prüfung.«

»Für die er angemeldet ist?«

»Ja.«

»Und die Bögen lagen auf dem Tisch?«

»Sie waren zusammengerollt, wenn ich mich nicht irre.«

»Aber vielleicht trotzdem als Prüfungsbögen zu erkennen?«

»Möglich wäre es.«

»Sonst war niemand in Ihrem Zimmer?«

»Nein.«

»Wusste sonst jemand, dass die Bögen dort sind?

»Nur noch der Druckereiangestellte.«

»Wusste es Bannister?«

»Mit Sicherheit nicht. Keiner wusste es.«

»Wo ist Bannister jetzt?«

»Dem armen Kerl ging es nicht gut. Ich habe ihn in den Stuhl gesunken zurückgelassen. Ich bin in größter Eile zu Ihnen gekommen.«

»Haben Sie die Tür offen gelassen?«

»Ich habe die Papiere vorher sicher verstaut.«

»Dann läuft es darauf hinaus, Mr. Soames, dass, außer wenn der indische Student die Rolle als die Prüfung erkannte, der Mann, der sich daran zu schaffen machte, sie zufällig und ohne zu wissen, dass sie da war, gefunden hat.«

»So scheint es mir auch.«

Holmes lächelte geheimnisvoll.

»Nun«, sagte er, »sehen wir es uns an. Das ist keiner von Ihren Fällen, Watson – der hier ist geistiger, nicht körperlicher Natur. Na gut, kommen Sie mit, wenn Sie wollen. Nun, Mr. Soames – ich stehe zu Ihren Diensten.«

Das Arbeitszimmer unseres Klienten hatte ein niedriges, vergittertes Fenster, das auf den alten moosbewachsenen Innenhof der Universität zeigte. Eine Bogentür im gotischen Stil führte in ein abgenutztes Treppenhaus. Im Erdgeschoss lag der Raum des Tutors. Darüber wohnten die drei Studenten, je einer pro Stockwerk. Die Dämmerung war schon angebrochen, als wir zum Ursprungsort unseres Problems gelangten. Noch draußen stoppte Holmes und schaute ernst zu dem Fenster. Dann trat er näher heran und schaute, auf Zehenspitzen und mit gerecktem Hals, in den Raum.

»Er muss durch die Tür gekommen sein. Nur eine Scheibe des Fensters lässt sich öffnen«, sagte unser gelehrter Führer.

»Ach so, na dann…« sagte Holmes und lächelte in seiner unnachahmlichen Weise, als er unseren Kameraden ansah. »Nun, wenn es hier nichts zu erfahren gibt, gehen wir wohl besser hinein.«

Der Gelehrte schloss die äußere Tür auf und begleitete uns in sein Zimmer. Wir blieben am Eingang stehen, während Holmes den Teppich untersuchte.

»Ich fürchte, hier gibt es keine Spuren«, sagte er. »An solch einem trockenen Tag ist das auch nicht ungewöhnlich. Ihr Diener scheint sich wieder erholt zu haben. Sie haben Ihn in einen Stuhl gesunken zurückgelassen, sagen Sie; in welchem Stuhl?

»In dem am Fenster.«

»Ah ja. Gleich neben dem kleinen Tisch. Sie können nun hereinkommen, ich bin fertig mit dem Teppich. Nehmen wir uns zuerst den kleinen Tisch vor. Natürlich ist der Hergang ziemlich eindeutig. Der Täter kam in den Raum und nahm die Prüfung Blatt für Blatt vom Schreibtisch. Er brachte sie hier her zum Tisch am Fenster, denn von hier konnte er den Hof überblicken und sehen, ob Sie zurückkämen, und noch rechtzeitig flüchten.«

»Hier muss ich widersprechen«, sagte Soames, »denn ich kam durch die Seitentür.«

»Ah, das ist gut! Wie dem auch sei, so hat er es sich vorgestellt. Lassen Sie die Zettel mal sehen. Natürlich keine Fingerabdrücke. Nun, er trug diesen hier zuerst herüber und schrieb ihn ab. Wie lang mag er dafür gebraucht haben, wenn man jede mögliche Verkürzung in Betracht zieht? Mindestens eine Viertelstunde. Dann legte er das erste Blatt weg und begann das nächste. Er war gerade mittendrin, als er wegen Ihrer Rückkehr einen sehr überhasteten Rückzug antreten musste – einen wirklich überhasteten Rückzug, denn er hatte nicht einmal Zeit, die Papiere wieder in Ordnung zu bringen und so die Spuren seines Eindringens zu verwischen. Sie haben nicht zufällig eilige Schritte auf der Treppe bemerkt, als Sie durch die Außentür kamen, oder?«

»Ich glaube nicht, nein.«

»Nunja, er schrieb so hastig, dass er seinen Bleistift abbrach und ihn, wie Sie schon feststellten, neu anspitzen musste. Das ist interessant, Watson. Der Stift war kein gewöhnlicher Bleistift. Er war größer als normal, mit weichem Blei, der äußere Lack dunkelblau, der Herstellername in silbernen Buchstaben aufgedruckt und er kann nur noch etwas über anderthalb Zoll lang sein. Suchen Sie einen solchen Bleistift, Mr. Soames, dann haben Sie Ihren Täter. Wenn ich dazusage, dass er ein großes und ziemlich stumpfes Messer besitzt, haben Sie einen zusätzlichen Hinweis.

Mr. Soames war ob dieser Informationsflut gar überwältigt. »Ich kann Ihnen bei den meisten Punkten folgen«, sagte er, »aber Ihre Aussage über die Stiftlänge…«

Holmes hielt einen kleinen Schnipsel mit den Buchstaben »NN« und einer Leerstelle dahinter hoch.

»Sehen Sie?«

»Ich fürchte selbst jetzt…«

»Watson, ich habe Ihnen Unrecht getan. Es gibt noch andere. Wofür könnte dieses »NN« stehen? Es ist am Ende eines Wortes. Sie wissen sicher, dass Johann Faber der bekannteste Bleistifthersteller ist. Somit ist doch klar, dass nur noch so viel vom Stift übrig sein kann wie auf den Namen Johann folgt.« Er hob nun den kleinen Tisch quer zum elektrischen Licht. »Ich hoffte, falls das Papier, auf das er schrieb, dünn war, vielleicht etwas auf der polierten Tischoberfläche zu sehen sei. Wie ich sehe ist dem nicht so. Ich glaube nicht, dass hier noch wichtige Erkenntnisse ans Licht kommen. Also weiter zum Schreibtisch. Dieses kleine Kügelchen ist, wie ich annehme, die schwarze teigartige Masse, von der Sie sprachen. Grobe Pyramidenform und hohl, wie ich sehe. Es scheint wirklich mit Sägemehl versetzt zu sein. Meine Güte, das ist sehr interessant. Und dieser Schnitt – ein regelrechter Riss. Er beginnt mit einem kleinen Kratzer und endet in einem ausgefransten Loch. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie mich auf diesen Fall aufmerksam gemacht haben, Mr. Soames. Wohin führt diese Tür?«

»In mein Schlafzimmer.«

»Waren Sie seit dem Vorfall schon darin?«

»Nein, ich bin doch sofort zu Ihnen geeilt.«

»Ich würde mich dort gerne umsehen. Welch ein reizend altmodischer Raum. Warten Sie bitte freundlicherweise einen Moment, bis ich den Boden untersucht habe. Nein, nichts zu sehen. Was ist mit diesem Vorhang? Dahinter hängen Sie ihre Kleidung. Wenn sich jemand in diesem Raum verstecken müsste, wäre es dort, denn unter dem Bett ist kein Platz und auch der Schrank ist zu eng. Ich nehme an, gerade verbirgt sich niemand dahinter?«

Als Holmes den Vorhang wegzog, wusste ich durch seine leicht steife und wachsame Haltung, dass er auf einen Notfall gefasst war. Aber hinter dem Vorhang verbargen sich lediglich drei oder vier Anzüge an einer Reihe von Haken. Holmes wandte sich ab und bückte sich abrupt zum Boden.

Aber hallo! Was ist denn das?« sagte er.

Es war eine kleine Pyramide aus schwarzem, knetähnlichem Material gleich dem, welches auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Holmes hielt es in seiner offenen Hand in den Schein des elektrischen Lichts.

»Ihr Besucher scheint im Schlaf- als auch im Wohnzimmer Spuren hinterlassen zu haben, Mr. Soames.«

»Was könnte er hier gewollt haben?«

»Ich denke das ist eindeutig. Sie kamen auf einem unerwarteten Weg zurück, also hatte er keine Vorwarnung, bis sie an der Tür waren. Was konnte er also tun? Er sammelte alles ein, was ihn verraten konnte und eilte auf der Suche nach einem Versteck in Ihr Schlafzimmer.«

»Mein Gott, Mr. Holmes, heißt das etwa die ganze Zeit, in der ich mit Bannister im Wohnzimmer geredet habe, hatten wir den Täter in der Falle, wenn wir es bloß gewusst hätten?«

»Sieht ganz so aus.«

»Es gibt sicher noch eine andere Möglichkeit, Mr. Holmes. Vielleicht haben Sie das Schlafzimmerfenster übersehen?«

»Vergitterte Scheiben, Bleirahmen, drei separate Fenster, von denen eins aufgeht und groß genug ist, dass ein Mensch durchpasst.«

»Genau. Und es zeigt in solchem Winkel zum Hof, dass es teilweise uneinsehbar ist. Der Übeltäter könnte dort hineingekommen sein, seine Spuren beim Durchqueren des Schlafzimmers hinterlassen haben und schließlich durch die Tür entkommen sein, als er merkte, dass sie unverschlossen war.«

Holmes schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Seien wir mal realistisch«, sagte er. »Hier im Haus leben drei Studenten, die die Treppe benutzen und regelmäßig an Ihrer Tür vorbeigehen?«

»Ja, richtig.«

»Und sie sind alle für die Prüfung angemeldet?«

»Ja.«

»Haben Sie irgendeinen Grund, einen der drei mehr zu verdächtigen als die anderen?«

Soames zögerte.

»Das ist eine heikle Frage«, sagte er. »Ich werfe ungern mit Verdächtigungen um mich, wenn es keine Beweise gibt.«

»Hören wir den Verdacht, ich sorge für die Beweise.«

»Dann will ich Ihnen in wenigen Worten den Charakter der drei Männer schildern, die oben wohnen. Im unteren der drei Etagen lebt Gilchrist, ein guter Schüler und Sportler. Er spielt im Rugbyteam und im Kricketteam der Universität und er hat eine Affinität für den Hürdenlauf und Weitsprung. Er ist ein angenehmer Geselle. Sein Vater war der weithin bekannte Sir Jabez Gilchrist, dem das Pferderennen zum Verhängnis wurde. Meinem Schüler ist fast nichts geblieben, aber er arbeitet hart und ist fleißig. Er wird es weit bringen.

Im Stock darüber wohne Daulat Ras, der Inder. Er ist ein ruhiger, undurchschaubarer Junge, wie die meisten Inder. Er ist eigentlich ganz gut, obwohl griechisch zu seinen Schwächen gehört. Er arbeitet beständig und methodisch.

Ganz oben haust Miles McLaren. Er ist brillant, wenn er sich einmal entschließt zu arbeiten. Einer der hellsten Köpfe unserer Universität, aber er ist launisch, ausschweifend und charakterschwach. In seinem ersten Jahr wurde er fast wegen eines Kartenskandals rausgeworfen. Er war das ganze Semester über faul und muss der Prüfung mit Grauen entgegensehen.«

»Dann verdächtigen also ihn?«

»So weit würde ich nicht gehen. Aber von den Dreien ist er wohl der am wenigsten unwahrscheinliche.«

»Ganz recht. Nun, Mr. Soames, sehen wir mal nach Ihrem Diener, Bannister.«

Er war ein kleiner, blasser, gut rasierter Geselle mit lockigen Haaren, etwa fünfzig Jahre alt. Er litt immer noch unter dem Aufruhr, der sein ansonsten ruhiges Leben erschüttert hatte. Sein dickliches Gesicht zuckte von Nervosität und er konnte seine Finger nicht still halten.

»Wir untersuchen diese unschöne Angelegenheit, Bannister,« sagte sein Herr.

»Ja, Sir.«

»Wie ich hörte«, sagte Holmes, »haben Sie den Schlüssel in der Tür stecken lassen?«

»Ja, Sir.«

»Ist es nicht sehr ungewöhnlich, dass Ihnen so etwas ausgerechnet an dem Tag passiert, als diese Papiere im Raum waren?«

»Das war höchst bedauerlich, Sir. Aber mir ist dergleichen schon manch anderes Mal passiert.«

»Wann haben Sie den Raum betreten?«

»Das war so um halb fünf. Zu der Zeit trinkt Mr. Soames seinen Tee.«

»Wie lange sind Sie geblieben?«

»Als ich sah, dass niemand dort war, zog ich mich sofort zurück.«

»Haben Sie sich die Papiere auf dem Tisch angesehen?«

»Nein, Sir, bestimmt nicht.«

»Wie kam es, dass Sie den Schlüssel stecken lassen haben?«

»Ich hatte das Tee-Tablett in der Hand. Ich wollte kurz darauf zurückkommen und den Schlüssel holen, was ich dann aber vergaß.«

»Hat die Außentür ein Schnappschloss?«

»Nein, Sir.«

»Dann war sie also die ganze Zeit offen?«

»Ja, Sir.«

»Jeder, der im Raum war, konnte hinaus?«

»Ja, Sir.«

»Und als Mr. Soames zurück war und nach ihnen rief, waren sie tief erschüttert?«

»Ja, Sir. So etwas ist in den vielen Jahren meiner Arbeit hier noch nie passiert. Ich fiel fast in Ohnmacht, Sir.«

»Das ist bekannt. Wo waren Sie, als sie anfingen sich schlecht zu fühlen?«

»Wo ich war, Sir? Na, hier an der Tür.«

»Das ist seltsam, denn Sie haben sich in den Stuhl ganz dort drüben in der Ecke fallen lassen. Warum sind Sie nicht zu diesen anderen Stühlen gegangen?«

»Ich weiß nicht, Sir. Es war mir gleich, wo ich mich hinsetzte.«

»Ich denke wirklich nicht, dass er viel davon mitbekam, Mr. Holmes. Er sah gar nicht gut aus – eher gespenstisch.«

»Sie blieben also hier, als Ihr Herr ging?«

»Nur für eine Minute oder so. Dann schloss ich ab und ging auf mein Zimmer.«

»Und wen verdächtigen Sie?«

»Oh, ich würde mir nicht anmaßen, das zu äußern, Sir. Ich glaube nicht dass es Jemanden an dieser Universität gibt, der von solch einer Tat profitieren wollte. Nein, Sir, das glaube ich nicht.«

»Vielen Dank, das reicht mir«, sagte Holmes. »Oh, eine Sache noch. Sie haben keinem der drei Gentlemen da oben erzählt, dass hier etwas nicht stimmt?«

»Nein, Sir, kein Wort.«

»Haben Sie einen von ihnen seitdem gesehen?«

»Nein, Sir.«

»Sehr gut. Nun, Mr. Soames, wenn Sie gestatten, machen wir nun einen kleinen Spaziergang im Innenhof.«

Drei gelbe Lichtflecken schienen über uns in der herannahenden Dunkelheit.

»Die drei Vögel sind in ihren Nestern«, sagte Holmes, den Blick nach oben gerichtet. »Na so was! Was ist das? Einer von ihnen scheint ziemlich ruhelos.«

Es war der Inder, dessen Silhouette plötzlich hinter den Vorhängen erschien. Er ging rasch in seinem Zimmer auf und ab.

»Ich möchte gerne einen genaueren Blick auf die drei werfen«, sagte Holmes. »Ist das möglich?«

»Kein Problem«, antwortete Soames. »Diese Räume gehören zu den ältesten der gesamten Universität und es ist nicht ungewöhnlich, dass Besucher sie besichtigen. Kommen Sie, ich werde Sie persönlich begleiten.«

»Bitte keine Namen!« sagte Holmes, als wir an Gilchrists Tür klopften. Ein großer, dünner junger Mann mit flachsfarbenem Haar öffnete sie und hieß uns willkommen, als er unser Anliegen erfuhr. In dem Zimmer gab es in der Tat einige außergewöhnliche Werke mittelalterlicher Architektur. Holmes war von einem davon so angetan, dass er es in sein Notizbuch zeichnen wollte, dabei seinen Bleistift abbrach und sich einen von unserem Gastgeber ausleihen musste. Schließlich lieh er sich auch noch ein Messer, um seinen eigenen Stift wieder anzuspitzen. Dasselbe kleine Missgeschick passierte ihm im Raum des Inders – einem stillen, kleinen, hakennasigen Mann, der uns misstrauisch beäugte und offensichtlich froh war, als Holmes' Architekturstudien zu Ende waren. Ich konnte nicht feststellen, ob Holmes in einem der beiden Zimmer einen Hinweis auf des Rätsels Lösung fand. Im obersten Stock dann schlug unser Besuch fehl. Die Tür wurde auf unser Klopfen hin nicht geöffnet und aus dem Zimmer kam nichts weiter als ein Strom von Verwünschungen. »Mir ist egal wer Sie sind, fahren Sie zur Hölle!« dröhnte eine wütende Stimme. »Morgen sind Prüfungen, da lasse ich niemanden mein Zimmer malen.«

»Ein rüder Bursche«, sagte unser Führer mit zornesrotem Kopf, als wir die Treppe wieder hinunter stiegen. »Natürlich war ihm nicht bewusst, dass ich es war, der an die Tür klopfte, aber nichtsdestotrotz war sein Verhalten sehr unhöflich und unter diesen Umständen einigermaßen verdächtig.«

Holmes stellte eine eigenartige Frage.

»Können Sie mir genau sagen wie groß er ist?« fragte er.

»Wirklich, Mr. Holmes, das kann ich nicht genau sagen. Er ist größer als der Inder aber nicht so groß wie Gilchrist. Ich schätze ihn auf knapp 1,70 m.«

»Das ist sehr wichtig«, sagte Holmes. »Und nun, Mr. Soames wünsche ich Ihnen eine gute Nacht.«

Unser Klient schrie auf in einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen. »Gute Güte, Mr. Holmes, Sie wollen mich so plötzlich verlassen? Sie scheinen meine Lage nicht zu verstehen. Morgen ist das Examen. Ich muss heute Nacht noch endgültige Entscheidungen treffen. Die Prüfung darf nicht stattfinden, wenn die Prüfungsbögen nicht einwandfrei in Ordnung sind. Diese Sache muss geklärt werden.«

»Belassen Sie es so, als sei nichts geschehen. Morgen früh werde ich wieder vorbeischauen, dann unterhalten wir uns weiter. Bis dahin kann ich Ihnen womöglich zu einer bestimmten Handlungsweise raten. In der Zwischenzeit verändern sie nichts – absolut nichts.«

»Na schön, Mr. Holmes.«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Wir finden mit Sicherheit einen Weg aus Ihrem Ungemach. Ich nehme den schwarzen Lehm und die Bleistiftspäne mit. Auf Wiedersehen.«

Als wir wieder in der Dunkelheit des Innenhofs waren, schauten wir hinauf zu den Fenstern. Der Inder ging immer noch auf und ab. Die anderen waren nicht zu sehen.

»Nun Watson, was halten sie davon?« fragte Holmes, als wir auf die Hauptstraße einbogen. »Ein kleines Gauklerspielchen. Eine Art Dreikartentrick, nicht wahr? Da sind die drei Verdächtigen, einer davon muss es sein. Auf wen setzen Sie?«

»Auf den unflätigen Burschen ganz oben. Er hat die schlechteste Akte. Doch der Inder war auch durchtrieben. Warum sollte er sonst die ganze Zeit sein Zimmer durchqueren?«

»Daran gibt es nichts auszusetzen. Viele Leute tun das, wenn sie versuchen etwas auswendig zu lernen.«

»Er schaute uns aber scheel an.«

»Das würden Sie auch, wenn ein paar Fremde Sie am Abend vor einer Prüfung bei der Vorbereitung stören würden, wo jede Sekunde kostbar ist. Nein, das ist ganz normal. Die Bleistifte auch – alle waren unverdächtig. Aber dieser Bursche gibt mir Rätsel auf.«

»Wer?«

»Na, Bannister, der Diener. Welche Rolle spielt er in diesem Stück?«

»Er fiel mir als ein absolut ehrlicher Mann auf.«

»Mir ebenfalls. Das ist ja so rätselhaft. Warum sollte ein absolut ehrlicher Mann… hallo, hallo, da haben wir ja einen großen Schreibwarenladen. Hier werden wir mit unseren Nachforschungen beginnen.«

Es gab in der Stadt nur vier nennenswerte Schreibwarenläden und in jedem zeigte Holmes seine Bleistiftspäne vor und bat um einen derselben Sorte. In jedem Laden sagte man uns, man könne einen bestellen, denn da es ein Bleistift von ungewöhnlicher Größe sei, habe man ihn selten auf Lager. Mein Freund schien von diesem Fehlschlag keineswegs niedergeschlagen zu sein, sondern zuckte seine Schultern in halb belustigter Resignation.

»Nicht gut, mein guter Watson. Damit ist unsere beste und einzige Spur ins Leere gelaufen. Aber dennoch denke ich, wir können den Fall auch ohne sie aufklären. Beim Jupiter, mein Guter, es ist beinahe neun, und die Hauswirtin hat etwas von grünen Bohnen um halb acht gefaselt. Dank Ihres ewigen Tabaks, Watson, und Ihrer Unpünktlichkeit in Bezug auf Mahlzeiten, wird Ihnen wohl bald die Wohnung gekündigt und ich werde Ihrem Schicksal folgen müssen – aber zuerst lösen wir das Problem des nervösen Tutoren, des fahrlässigen Dieners und der drei unternehmungsfreudigen Studenten.«

Holmes machte an dem Abend keine weiteren Andeutungen über den Fall, er saß allerdings nach unserem verspäteten Abendessen eine lange Zeit gedankenverloren da. Um acht Uhr morgens kam er in mein Zimmer, als ich gerade mit meiner Morgentoilette fertig war.

»Nun Watson«, sagte er, »es ist Zeit, dass wir nach St. Luke's hinunter gehen. Kommen Sie ohne Frühstück aus?«

»Natürlich.«

»Soames wird sich in einer schrecklichen Unruhe befinden, bis wir ihm etwas Positives berichten.«

»Haben Sie denn etwas Positives zu berichten?«

»Ich denke schon.«

»Sie haben den Fall gelöst?«

»Ja, mein lieber Watson, ich habe das Rätsel gelöst.«

»Aber welchen neuen Beweis können Sie gefunden haben?«

»Sagen wir mal, ich habe mich heute morgen nicht umsonst in aller Frühe um sechs Uhr aus dem Bett gequält. Ich habe in zwei Stunden harter Arbeit mindestens fünf Meilen zurückgelegt, um etwas Greifbares zu finden. Hier, schauen Sie sich das an!«

Er hob den Arm. In seiner Handfläche waren drei kleine Pyramiden aus schwarzem, teigigem Lehm.

»Aber Holmes, Sie hatten gestern nur zwei davon!«

»Und heute morgen noch eine mehr. Es ist davon auszugehen, dass der Ursprungsort von Nummer drei hier auch die Herkunft von Nummer eins und zwei darstellt, nicht wahr Watson? Nun kommen Sie und wir befreien unseren Freund Soames aus seiner misslichen Lage.«

Der unglückliche Tutor war unübersehbar in einem Zustand bemitleidenswerter Erregung, als wir ihn in seinem Zimmer aufsuchten. In ein paar Stunden würde die Prüfung beginnen und er stand immer noch vor der Frage, ob er die Angelegenheit öffentlich machen oder den Übeltäter sich ungestraft um das Stipendium bewerben lassen soll. Er konnte kaum ruhig stehen bleiben, so stark war sein innerer Aufruhr und er rannte Holmes mit zwei eifrig ausgestreckten Händen entgegen.

»Dem Himmel sei dank, dass Sie da sind! Ich fürchtete schon, sie hätten aus Verzweiflung aufgegeben. Was soll ich tun? Kann die Prüfung stattfinden?«

»Ja, lassen Sie sie wie geplant stattfinden.«

»Aber der Schurke…?«

»Er wird nicht teilnehmen.«

»Sie wissen, wer es ist?«

»Ich denke, ja. Da diese Sache nicht öffentlich werden soll, müssen wir uns selbst einige Macht geben und unser eigenes kleines Kriegsgericht arrangieren. Stellen Sie sich bitte dorthin, Soames. Watson, Sie hier her. Ich nehme den Sessel in der Mitte. Ich denke, nun sehen wir so aus, als können wir dem Schuldigen den schlimmsten Terror widerfahren lassen. Läuten Sie nun bitte die Glocke.«

Bannister trat ein und zuckte vor unserem höchst richterlichen Erscheinen zusammen.

»Seien Sie so gut und schließen die Tür«, sagte Holmes. »Nun, Bannister, erzählen Sie uns bitte die Wahrheit über den gestrigen Vorfall.«

Der Mann wurde blass bis in die Haarspitzen.

»Ich habe Ihnen schon alles erzählt, Sir.«

»Nichts hinzuzufügen?«

»Gar nichts, Sir.«

»Nun, dann muss ich ein paar Annahmen treffen. Als Sie sich gestern auf den Stuhl sinken ließen, haben Sie das in der Absicht getan, um etwas zu verbergen, das die Identität desjenigen verraten hätte, der in den Raum eingedrungen war?«

Bannisters Gesicht wurde totenbleich.

»Nein, Sir. Bestimmt nicht.«

»Es ist nur eine Annahme«, sagte Holmes höflich. »Ich gebe freimütig zu, dass ich es nicht beweisen kann. Aber es scheint wahrscheinlich, dass Sie in dem Moment, als Mr. Soames Ihnen den Rücken zukehrte, den Mann befreiten, der sich im Schlafzimmer versteckt hat.«

Bannister leckte seine trockenen Lippen.

»Da war kein Mann, Sir.«

»Ah, wie schade, Bannister. Bis jetzt hätte das, was Sie sagten, die Wahrheit sein können, aber jetzt weiß ich, dass Sie lügen.«

Bannisters Gesicht verzog sich in trotzigem Widerstand.

»Da war kein Mann, Sir.«

»Kommen Sie schon, Bannister!«

»Nein, Sir, da war niemand.«

»In dem Fall können Sie uns nicht weiterhelfen. Bleiben Sie bitte im Zimmer. Stellen Sie sich dort hinüber an die Schlafzimmertür. Und jetzt, Soames, haben Sie bitte die Güte hochzugehen und den jungen Gilchrist zu fragen, ob er herkommen möge.«

Einen Moment später kam der Tutor mit dem Studenten zurück. Er war ein Musterbeispiel von einem Mann, groß, geschmeidig und agil, mit einem federnden Schritt und einem angenehmen, offenen Gesicht. Seine beunruhigten Augen schauten jeden von uns an und ruhten schließlich mit einem Ausdruck blanker Bestürzung auf Bannister in der Ecke.

»Schließen Sie die Tür«, sagte Holmes. »Nun, Mr. Gilchrist, wir sind hier unter uns und was hier geredet wird, braucht niemand sonst zu erfahren. Wir können absolut ehrlich zueinander sein. Wir möchten wissen, Mr. Gilchrist, wie ein ehrenwerter Mann wie Sie nur dazu kommt, eine solche Tat wie gestern zu verüben.«

Der unglückliche junge Mann stolperte rückwärts und warf einen entsetzten und anklagenden Blick zu Bannister.

»Nein, nein, Mr. Gilchrist, Sir, ich habe kein Wort gesagt – nicht ein Wort!« schrie der Diener.

»Aber jetzt schon«, sagte Holmes. »Nun, Sir, sehen Sie ein, dass Ihre Situation durch Bannisters Worte hoffnungslos geworden ist und Ihre einzige Chance in einem Geständnis liegt.«

Einen Moment lang versuchte Gilchrist mit erhobener Hand seine Gesichtszüge wieder in den Griff zu kriegen. Im nächsten Moment warf er sich auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen und brach in klägliches Schluchzen aus.

»Aber, aber«, sagte Holmes höflich, »es ist nur menschlich vom rechten Weg abzukommen und wenigstens kann Sie niemand beschuldigen ein ruchloser Verbrecher zu sein. Vielleicht wäre es einfacher für sie, wenn ich Mr. Soames erzählte, was genau vorgefallen ist und Sie mich korrigieren, wo ich mich täusche. Sollen wir es so halten? Sie brauchen nicht zu antworten, hören Sie einfach zu und Sie werden feststellen, dass ich Ihnen nicht Unrecht tue.

Von dem Moment an, Mr. Soames, als Sie sagten, dass niemand, nicht einmal Bannister, gewusst haben könnte, dass die Papiere in Ihrem Raum seien, nahm der Fall in meinem Kopf Gestalt an. Den Druckereiangestellten konnte ich natürlich vernachlässigen. Er hätte die Papiere in Ruhe in seinem Büro untersuchen können. Auch von dem Inder hielt ich nichts. Da die Drucke zusammengerollt waren, konnte er unmöglich wissen, was sie waren. Es schien mir ein unmöglicher Zufall, dass jemand es wagte, ausgerechnet an dem Tag, als die Papiere auf dem Tisch lagen, in das Zimmer einzudringen und sie durch Zufall zu finden. Das verwarf ich. Der Mann, der einbrach, wusste genau, dass die Papiere da waren. Woher wusste er das?

Als wir zu Ihrem Zimmer gingen, untersuchte ich das Fenster. Ich fand es lustig, dass Sie annahmen ich würde an die Möglichkeit glauben, dass jemand am helllichten Tag und unter dem Risiko, von den gegenüberliegenden Fenstern gesehen zu werden, sich mit Gewalt Zugang verschafft haben könnte. Diese Idee ist absurd. Ich maß ab, wie groß ein Mensch sein müsste, um durch das Fenster sehen zu können, welche Papiere auf dem Schreibtisch liegen. Ich bin 1,80 m groß und schaffte es mit einigen Mühen. Niemand kleineres hätte es schaffen können. Ich hatte also Grund zu der Annahme, dass jeder der drei Studenten ab einer gewissen Körpergröße für mich am ehesten infrage kam.

Ich trat in das Zimmer und untersuchte den Beistelltisch. Aus dem Schreibtisch wurde ich erst schlau, als Sie bei Gilchrist beschrieben, er sei ein Weitspringer. Dann wurde mir alles in einem Augenblick klar und brauchte von da an nur noch erhärtende Beweise, die ich bald darauf erhielt.

Folgendes ist passiert. Der junge Mann war am Nachmittag auf dem Sportgelände gewesen, wo er den Weitsprung trainierte. Er kam zurück und trug seine Sportschuhe, die, wie sie sicher wissen, mehrere Spitzen an den Sohlen haben. Als er an dem Fenster hier vorbeikam, sah er durch seine Größe die Kopien auf dem Tisch liegen und erriet, was sie waren. Es wäre zu keinem Schaden gekommen, wenn er nicht den Schlüssel, den Ihr Diener vergessen hatte, in der Tür bemerkt hätte, als er daran vorbeiging. Einem plötzlichen Impuls folgend trat er ein und fand heraus, dass es tatsächlich die Prüfung war. Das war keineswegs riskant, da er immer noch behaupten konnte, er habe eine Frage.

Nun, als er sah, dass es wirklich die Prüfung war, überkam ihn die Versuchung. Er stellte die Schuhe auf den Tisch. Und was genau haben Sie auf den Stuhl neben den Fenster gelegt?«

»Handschuhe«, sagte der junge Mann.

Holmes warf einen triumphierenden Blick zu Bannister. »Er legte also die Handschuhe auf den Stuhl und nahm die Prüfung Blatt für Blatt, um sie abzuschreiben. Er dachte, der Tutor würde durch das Haupttor zurückkommen und er würde ihn durch das Fenster rechtzeitig sehen. Er kam aber durch die Seitentür zurück. Plötzlich hörte er ihn hier an der Tür. Es gab keinen Ausweg. Er vergaß die Handschuhe, schnappte sich aber die Sportschuhe und stürzte in das Schlafzimmer. Sie können sehen, dass der Riss in der Tischoberfläche auf der einen Seite dünn ist, aber in Richtung Schlafzimmer immer tiefer wird. Das reicht schon aus, um sagen zu können, dass der Schuh in diese Richtung gezogen wurde und der Missetäter dort Zuflucht gesucht hat. Die Erde, die an der Spitze klebte, blieb auf dem Schreibtisch zurück und ein weiteres Stückchen davon fiel im Schlafzimmer ab. Ich darf hinzufügen, dass ich heute morgen das Sportgelände abgesucht habe und sah, dass klebriger schwarzer Lehm in der Sprunggrube verwendet wird. Ich habe eine Probe davon genommen und auch von dem feinen Sägemehl, das verstreut wird, damit die Athleten nicht ausrutschen. Liege ich soweit richtig, Mr. Gilchrist?«

Der Student richtete sich auf.

»Ja, Sir, sie liegen richtig«, sagte er.

»Herr im Himmel, haben Sie dem nichts hinzuzufügen?« schrie Soames.

»Doch, Sir, das habe ich, aber der Schock und diese schändliche Bloßstellung haben mich durcheinander gebracht. Ich habe hier einen Brief, Mr. Soames, den ich am frühen Morgen nach einer ruhelosen Nacht schrieb. Das war, bevor ich erfuhr, dass mich meine Sünden bereits eingeholt haben. Hier ist er, Sir. Sie werden sehen, dass ich schrieb: ›Ich werde nicht an der Prüfung teilnehmen. Mir wurde eine Position in der rhodesischen Polizei angeboten und werde auf der Stelle nach Südafrika ziehen.‹«

»Ich bin in der Tat froh, dass Sie nicht vor hatten, von Ihrem unfairen Vorteil zu profitieren«, sagte Soames. »Aber warum haben Sie ihre Meinung geändert?«

Gilchrist zeigte auf Bannister.

»Das ist der Mann, der mich wieder auf den rechten Weg zurückgeführt hat«, sagte er.

»Nun kommen Sie, Bannister«, sagte Holmes. »Ihnen muss doch nun klar sein dass nur Sie den jungen Mann haben freilassen können, denn Sie waren der Einzige in dem Raum und haben die Tür abgeschlossen als Sie gingen. Die Flucht durch das Fenster war unglaubwürdig. Können Sie nicht diesen letzten offenen Punkt des Rätsels aufklären und uns das Motiv Ihres Handeln geben?«

»Es war ganz einfach, Sir, wenn Sie es denn gewusst hätten; aber trotz Ihrer Cleverness war es unmöglich, dass Sie es wussten. Früher, Sir, war ich der Butler des alten Sir Jabez Gilchrist, Vater dieses Gentleman. Als er ruiniert war, kam ich als Diener an diese Universität, aber ich habe meinen alten Arbeitgeber nie vergessen, bloß weil es gerade nicht gut um ihn bestellt war. Ich habe auf seinen Sohn um der alten Zeiten willen aufgepasst, so gut ich konnte. Nun, Sir, als ich gestern in dieses Zimmer kam, nachdem der Alarm ausgelöst worden war, sah ich als erstes Mr. Gilchrists Handschuhe auf dem Stuhl liegen. Ich kannte diese Handschuhe gut und es war klar, was sie bedeuteten. Wenn Mr. Soames sie gesehen hätte, wäre das Spiel aus gewesen. Ich ließ mich in den Stuhl fallen und keine zehn Pferde hätten mich von der Stelle bekommen, bis Mr. Soames zu Ihnen gegangen ist. Dann kam mein armer junger Herr heraus, den ich manches Mal übers Knie gelegt hatte und gestand mir alles. War es nicht natürlich, Sir, dass ich ihn schützen wollte und war es nicht ebenfalls natürlich, dass ich auf ihn einredete wie es sein toter Vater getan hätte und ihm versuchte klar zu machen, dass er von solch einer Handlung unmöglich profitieren dürfe. Habe ich mir dadurch etwas zuschulden kommen lassen, Sir?«

»Nein, durchaus nicht«, sagte Holmes herzlich und sprang auf die Füße. »Nun, Soames, ich denke wir haben Ihr kleines Problem zur Genüge aufgeklärt und nun wartet zu Hause ein Frühstück auf uns. Kommen Sie, Watson! Was Sie betrifft, junger Mann, ich denke, dass eine große Zukunft in Rhodesien auf Sie wartet. Dies eine Mal sind Sie tief gefallen. Lassen Sie uns in der Zukunft sehen, wie hoch Sie steigen können.«

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