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Sevarinde

Alfons Petzold: Sevarinde - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleSevarinde
authorAlfons Petzold
firstpub1923
year1923
publisherInterterritorialer Verlag "Renaissance" (Erdtracht)
addressWien - Berlin - Leipzig - New York
titleSevarinde
pages3-28
created20040821
sendergerd.bouillon
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Alfons Petzold

Sevarinde

Alfons Petzold: Sevarinde

Alfred Kubin
                                            freundschaftlichst

I.

Von früher Jugend an hegte ich den heißen Wunsch, ferne Länder zu sehen, den geheimnisvollen Dingen, von denen mich die Meere trennten, nahe zu kommen. Ich las am liebsten Bücher über abenteuerliche Forschungsreisen und spielte mit meinen Kameraden Spiele, die solche Reisen und Abenteuer in unseren heimatlichen Wäldchen und Wiesen nachahmten. Meine lieben Eltern sahen diese Neigung sehr ungern. Sie wollten mich zu einem würdigen Gelehrten erziehen, der in Ruhe und Behaglichkeit sein Leben zwischen vier Wänden hinbringen sollte. Doch weder ihr gütliches Zureden noch ihr strenges Mahnen, mich ihrem Wunsche zu fügen, fruchteten etwas, und als ich 15 Jahre alt war, setzte ich es durch, daß sie mir wenigstens erlaubten, Soldat zu werden. Sie hofften dabei heimlich, daß mir das strenge Leben in der Armee nicht behagen und ich gar bald reuig in das Elternhaus zurückkehren würde. Dem war aber nicht so. Mit meinem Regiment nach Italien geschickt, sah und erlebte ich so viel Herrliches und Sonderbares, daß ich dafür gerne den harten Dienst in Kauf nahm und in mir die Begierde, noch mehr von der großen Welt zu sehen, eher wuchs, als abnahm.

Nach zweijähriger Abwesenheit kehrte ich in die Heimat zurück, um mich sofort, zur größten Betrübnis meiner Eltern, zur Teilnahme an einer Expedition nach Katalonien zu melden. Ich wurde auch mit dem Range eines Fahnenjunkers neu eingestellt und zog nun drei Jahre lang der Furie des Krieges nach. Von diesem freien wilden Leben hinweg rief mich der Tod meines Vaters nach Hause, allwo ich seine Güter übernahm und auf das Zureden der Mutter und der übrigen Verwandten die Rechtswissenschaft zu studieren anfing. Nach fünf Jahren des fleißigsten Studiums legte ich die Doktorprüfung ab. Als Anwalt trat ich in den Dienst des Staates und war mit Eifer darauf bedacht, eine ehrenvolle Stellung zu erringen. Vor allem hatte ich Freude daran, über mancherlei Ereignisse gutdurchdachte Reden zu halten und erlangte darin auch eine große Übung, so daß man mir gerne zuhörte. Dagegen fand ich die Gerichtspraxis so trocken und abstoßend, daß mich gar bald ein Ekel davor ergriff, und ich Tag und Nacht angestrengt darüber nachdachte, wie ich mich auf die beste Art und Weise dieses mir so unangenehmen Berufes entledigen könnte.

Da starb meine Mutter und ihr Tod gab mir meine volle Freiheit. Ich verkaufte schleunigst alle meine Güter, behielt mir nur ein kleines Landgut, dem ich aber auch einen Pächter gab, und fing an, mir in aller Beschaulichkeit die Welt anzusehen, nun als mein eigener Herr und Reisemarschall. Zuerst bereiste ich das schöne Frankreich, dessen Hauptstadt mir so über alle Maßen wohlgefiel, daß es mir wie allen geschah, die an die Mauern dieser einzigen Stadt streifen. Ich konnte mich kaum trennen und blieb fast zwei ganze Jahre ihr getreuer Gast. Dann wandte ich mich nach Deutschland, besah mir seine herrlichen Kirchen, den Hofhaushalt der kaiserlichen Majestäten und vieler anderer Fürsten, zog durch Dänemark und Schweden und ruhte in Amsterdam von meiner europäischen Reise aus, bis das Schiff seefertig war, das mich nach Ostindien bringen sollte.

Diese weite Seereise zu unternehmen hatte mich nicht nur meine alte Sehnsucht nach den Wundern und Abenteuern ferner Länder getrieben. Auch das Zureden eines Freundes, der eine Faktorei auf Batavia besaß, war schuld an diesem Entschluß. Dieser versprach mir goldene Berge und ließ mich einen Reichtum schauen, der dort mit Leichtigkeit zu erlangen war und dessen Größe mich blendete.

Das Schiff, das wir zu unserer Überfahrt ausgesucht hatten, war erst vor kurzem gebaut worden und galt als äußerst seetüchtig. Es hieß »Goldener Drache«, konnte 600 Tonnen Ladung aufnehmen, war mit 32 Kanonen bestückt und mit etwa 300 Matrosen bemannt, zu denen noch etliche 100 Passagiere hinzukamen. Außerdem war eine große Summe Goldes an Bord, die einigen mitreisenden Kaufleuten, darunter meinem Freund Mynherr Van der Nuyt, gehörte.

Am 12. April des Jahres 1655 rasselten unsere Anker empor und wir segelten mit kräftigem Ostwind durch den Kanal in das unendliche Weltmeer hinaus.

Nach einer kurzen, von günstigen Winden gesegneten Fahrt kamen wir nach Teneriffa, wo wir frisches Wasser und neue Vorräte für die fernere Reise einholten, von der wir auf das leichtsinnigste das gleiche Gute und Angenehme wie bisher erhofften. Darin waren wir alle einig, vom letzten Schiffsjungen bis zum reichsten Kaufmann hinauf und keiner gedachte der Anmaßung, die darin lag, an gar nichts anderes wie an eine glückliche Beendigung der monatelangen Reise zu denken. Wir alle versuchten das Schicksal, indem wir ihm eine gütliche Schwäche und Handlungsunfähigkeit zulegten, die es arg herausforderten. Die Folgen sollten wir bald zu spüren bekommen.

 

Drei Stunden später, nachdem wir den angenehmen Hafen verlassen hatten, begann die See ungestüm zu werden. Der Himmel wurde wie ein dunkler schreckhafter Wald, aus dem unaufhörlich Blitze wie feurige Riesen hervorsprangen und das Meer zum Sieden brachten. Es warf immer gewaltigere Wellen, die waren voll Donner wie die nachtschwarzen Wolken über uns und ihre unzähmbare Wut flößte den Mutigsten Angst und Entsetzen ein. Diese Gefühle steigerten sich, als zuletzt noch ein mächtiger Sturm einsetzte, der die zusammengezogenen Segel von den Raeen riß und die Mastbäume wie dünnes Rohr bog. Unser Schiff wurde einem Kinderballe gleich hin und her geschleudert; bald schien es mitten in die Wolken hineingeworfen zu werden, bald rissen es furchtbare Hände in die Tiefe der kochenden Wasser. Weißer Gischt brodelte fortwährend über seinen höchsten Mast und das Stöhnen seiner Planken machte einen höllischen Lärm. Es folgte keiner Führung mehr, drehte sich zumeist in schwindelerregender Weise, wenn es nicht von den Stürmen einmal nach vorwärts und dann wieder nach rückwärts gerissen wurde.

In kurzer Zeit waren die Matrosen so ermattet, daß kaum mehr einer einen Befehl ausführen konnte. Auch hatten wir schon mehrere Mann durch die Sturzwellen verloren und jeder war nur mehr bestrebt, sich durch Anbinden so gut wie möglich zu versichern. Während die anderen Reisenden im Inneren des Schiffes um ihr Leben zitterten, hatten ich und mein Freund uns an den Hauptmast mit Stricken festbinden lassen. Denn wir wollten der Gefahr ins Auge sehen. Wie verwünschte ich jetzt meine Gewinnsucht und meine Begier nach Abenteuern, denen ich vielleicht einen ruhmlosen Tod zu verdanken hatte.

Holland, meine Heimat, erschien mir auf einmal als das schönste Land der Erde und ich hätte mein kleines Vermögen für die Gunst hergegeben, mit meinen Füßen auf Hollands Erde stehen zu dürfen. Meinem Freunde erging es wohl nicht anders.

Endlich hörten zu unserer unaussprechlichen Freude die verderblichen Wirbelstürme auf und räumten einem gewaltigen Wind die Herrschaft ein, der das Schiff mit Macht nach Süden trieb. Dagegen anzukämpfen erschien alsbald fruchtlos und wir mußten uns der Willkür dieses Windes anvertrauen, immer in der Gefahr schwebend, in einen an Klippen reichen Teil des Meeres getrieben zu werden, wo uns dann zu guter Letzt doch der Untergang ereilen mußte.

Endlich nach dem Hangen und Bangen zweier endloser Tage, drehte sich der Wind und trieb uns südöstlich durch dichte Nebelmassen, die wie ungeheure Wolken auf dem Meere lagen und uns nicht zehn Schritte voraus sehen ließen. Dennoch schöpften wir wieder Hoffnung, da der Kapitän, auf das Auftreten des Nebels hinweisend, eine Abnahme des Windes voraussagte. Dies trat auch ein. Am sechsten Tage milderte sich der Sturm etwas, doch wehte er immerhin noch stark gegen Südosten.

Es war gegen Mitternacht des siebenten Tages, als ich plötzlich im Halbschlafe das seltsame Gefühl hatte, aus einer großen Bewegung in eine starre Ruhe versetzt worden zu sein. Wach werdend, bemerkte ich auch sogleich, daß das Stampfen des Schiffbodens und das zitternde Knarren der Planken vollständig aufgehört hatte. Ich stürzte auf Deck, um die Ursache der unheimlichen Ruhe zu erfahren. Das Schiff lag ruhig wie in stehendem Wasser, eine große Stille drückte sich an seine Wände. Die unendliche Wasserfläche schien zu Stein erstarrt und die Luft wie tot, von keinem Hauch bewegt. Die frisch aufgezogenen Segel hingen schlapp herunter und der Rauch der Schiffslaternen stieg kerzengerade auf. In dem unermeßlich hohen Himmelsgewölbe standen so unbeweglich wie unser Schiff die Sterne. Diese starre Unbeweglichkeit allüberall erfüllte mich beinahe mit größerem Schrecken als vorhin der entfesselten Elemente Aufruhr.

Trotz der klaren Sterne konnte der Kapitän mit seinen Offizieren keine richtige Aufnahme von unserer Fahrtrichtung machen. Sie vermuteten nur, daß wir nicht weit von Batavia, zum mindesten höchstens 100 Meilen von Südland entfernt sein konnten. Einige Zeit später mußten sie aber eingestehen, daß sie sich in dieser Annahme gewaltig geirrt hatten.

Die sonderbare Ruhe des Meeres und der Luft hielt auch den anderen Tag an, und um uns die böse Unruhe etwas zu vertreiben, besichtigten wir das Schiff in allen Teilen. Es hatte durch das Unwetter beinahe gar nicht gelitten und so seine gepriesene Seetüchtigkeit glänzend gerechtfertigt.

In der Frühe des achten Tages erhob sich zu unserer großen Freude ein mittelmäßiger Wind, die hungrigen Segel bauschten sich und führten das Fahrzeug gegen Osten zu. Alle an Bord zeigten fröhliche Mienen und wie es nun einmal bei dem kurzsichtigen und leichtfertigen Menschenvolk ist, hatten wir gar bald unsere überstandenen Todesängste vergessen.

Da wurde in der Nacht, die diesem frohen Tage folgte, der Himmel neuerlich trübe, wie aus verschmutzter Milch geformt sah er aus, und ehe wir uns dessen versahen, brauste ein gewaltiger Sturm heran, der im ersten Anprall sogleich den Hauptmast knickte, der im Niederbrechen eine Anzahl Matrosen tötete. Wie ungeheuere Kanonenkugeln prallten die Sturmböen an die Schiffsseiten. Mit unglaublicher Schnelligkeit wurden wir dabei vorwärtsgerissen. Plötzlich erschütterte das Fahrzeug ein furchtbarer Stoß und was wir nicht mehr gefürchtet hatten, war schreckliche Wahrheit geworden: wir waren in Unwetter und Nacht auf eine Sandbank gestoßen. Wir glaubten uns verloren, eine wilde Kopflosigkeit ergriff alle. Viele sprangen ins Meer, wo sie elend ertranken, einige lagen auf den Knien und beteten, während wieder andere schrecklich fluchten und versuchten, den Kapitän zu ermorden, der allein in all dem Aufruhr ruhig Befehle erteilte, mit der Pistole die Wahnsinnigen abwehrte und die kopflosen Matrosen zu der nötigen Hilfe antrieb. Zum Glück dämmerte schon der Morgen; auch ließ das Unwetter so plötzlich nach wie es gekommen war und die Sonne zerteilte nicht nur den Nebel, sondern beruhigte uns auch etwas. Der Kapitän teilte uns nun mit, daß die verhängnisvolle Sandbank ganz in der Nähe einer Insel läge, die zu erreichen Hoffnung vorhanden wäre. Das hob unseren gesunkenen Mut, wir fingen wieder klar zu denken an und noch von den Schauern des uns so nah gewesenen Todes erfüllt, richteten wir voll zaghafter Hoffnung die Blicke auf das nahe Eiland, das ein schmaler Meeresarm von uns trennte und das mit seinem Grün verheißungsvoll herüberwinkte.

 

Als die Ebbe kam, maß ein Bootsmann die Tiefe des Sundes, der zwischen dem Schiff und der Insel lag und nur einen Flintenschuß breit war. Das Lot zeigte fünf Fuß Tiefe an, so daß beschlossen wurde, ans Land zu gehen und zwar zuerst mit einer kleinen Abteilung. Die Schaluppe wurde heruntergelassen und mit zwölf unserer tüchtigsten Matrosen bemannt. Sie hatten die Aufgabe, die Küste der Insel zu untersuchen und einen Ort ausfindig zu machen, wohin wir uns mit unseren Habseligkeiten begeben konnten. Wohl bewaffnet stießen sie ab, landeten wohlbehalten an dem hohen und steinigen Ufer, worauf wir sie einen Hügel erklettern sahen, der ringsum alles Land zu beherrschen schien. Aus den Zeichen, die sie herübermachten, erkannten wir, daß sie keine Spur von Menschen und deren Ansiedlungen entdecken konnten. Da es zu dämmern begann, kamen sie zurück. Sie schilderten uns das Land mit sandigem Boden bedeckt, das hie und da Dorngestrüpp überwucherte, aus dem sich einige dürftige Bäumchen erhoben. Auch wollten sie weder einen Fluß noch Bach erblickt haben. Nach einer kurzen Beratung erklärte sich die Mehrzahl der Schiffbrüchigen dazu bereit, das Schiff, welches zusehends immer mehr Wasser einsog, sofort zu verlassen. Beim ersten Morgengrauen fingen wir deshalb damit an, unsere besten und notwendigsten Sachen, vor allem unseren Mundvorrat mittels der Schaluppe und eines kleinen Bootes an das Land zu bringen und als dieses mit vielem Fleiß und vieler Sorgfalt geschehen war, verließen auch wir sehr bekümmert das arme schöne Schiff, um uns einem unbekannten Schicksal zu überantworten.

Drüben angekommen wurde die flache Höhe des Hügels als erster Lagerplatz auserwählt. Von hier aus konnten wir See und Land weithin überblicken und brauchten nur wenige Schildwachen auszustellen, um vor einem plötzlichen Überfall gesichert zu sein.

Nachdem wir uns alle ein wenig ausgeruht hatten, setzten wir uns zusammen um zu beraten, wie wir uns in diesem fremden und wie es schien nicht sehr wirtlichen Lande zu benehmen hätten, um nicht vielleicht einem uns noch unbekannten Verderben anheim zu fallen. So wurde hauptsächlich beschlossen, daß einstweilen auch weiterhin es so gehalten werden sollte, wie auf dem Schiffe, bis es für ratsam erkannt werden würde, diese Ordnung zu verändern. Nun teilten die Offiziere des Schiffes die ihnen untergebenen Matrosen in drei gleiche Haufen. Zwei davon mußten ein Lager errichten, Laufgraben und Schanzen aufwerfen, während der dritte kleinere Teil, der aus den kühnsten und kräftigsten Männern bestand, tiefer in das Land eindringen und nach Holz und anderen Dingen suchen sollte.

Der Kapitän ließ auch noch einmal auf das Genaueste von den Zimmerleuten das Wrack des Schiffes untersuchen. Diese fanden, daß das Schiff wohl nicht mehr sank, aber auch nicht mehr loszubringen war und ein zu großes Leck hatte, um es noch einmal seetüchtig zu machen. Sie schlugen vor, aus seinem Holz ein oder zwei kleine Pinassen zu zimmern und damit zu versuchen, Batavia zu erreichen, um von dort Hilfe herbeizuholen. Der Rat wurde gut geheißen und ein Teil von uns machte sich sofort unter der Leitung der Zimmerleute an seine Ausführung.

Einstweilen war die zur Erforschung des nächstgelegenen Gebietes ausgesendete Mannschaft zurückgekehrt. Sie hatte sich nicht zu weit weg von dem Lager gewagt aus Furcht, auf wilde feindlich gesinnte Eingeborene zu stoßen und diese auf die Spur unseres noch unbefestigten Lagers zu bringen. Das war sehr klug gedacht. Übrigens brachten sie etwas Holz mit und eine Art wilder Maulbeeren, deren sie eine Menge gefunden hatten. Desgleichen lieferten andere, die die Ufer in der nächsten Umgebung abgegangen waren, eine erkleckliche Anzahl Austern für die gemeinsame Küche ab. Das kam uns sehr zu statten, denn wir mußten mit unseren Vorräten, die höchstens für zwei Monate ausreichten, sehr sparen. Sorge machte uns auch der Mangel an süßem Wasser, von dem wir auf dem uns bisher bekannten Teil der Insel keinen Tropfen gefunden hatten. Wohl gruben wir alsogleich in der Mitte unseres Lagers einen Brunnen, der zu unserer Betrübnis aber nur salziges Wasser gab, das ungenießbar war.

Während der Zeit, in der eifrigst an dem Lager und an der einen Pinasse gebaut wurde, versuchten einige kühne Leute in das Innere der Insel vorzudringen. Sie machten aber nur wenig neue Entdeckungen. In der Wüste, die uns wohl viele Meilen weit im halben Umkreis umschloß, war nicht die geringste Spur von Menschen zu erkennen. Nur Schlangen, eine Art Hamster und Vögel in der Größe unserer Tauben bevölkerten diese Einöden.

Diese scheinbare Menschenleere der Insel ließ uns im Ausbau der Befestigung unseres Lagers sorglos werden. Auf den dafür vorteilhaftesten Stellen richteten wir einige Kanonen auf und weil wir uns nun vor dem Überfall uns feindlich gesinnter Menschen und wilder Tiere sicher fühlten, beschäftigten wir uns zumeist mit unseren leiblichen Bedürfnissen, schossen Vögel, sammelten Austern, strickten Netze zum Fischfang, hielten auch jeden Tag zweimal Gebetstunde ab, in der wir Gott für seinen uns bisher bewiesenen Schutz dankten und ihn um baldige Erlösung von der Insel baten.

Am vierzehnten Tage nach unserem Schiffbruch hatten die Zimmerleute eine kleine Pinasse fertiggestellt. Der Kapitän suchte sieben der tüchtigsten Seeleute aus, bestieg mit ihnen das schwache Fahrzeug und begleitet von unseren heißesten Segenswünschen stießen sie vom Lande ab. Während ein günstiger Wind das Schiff in die hohe See hinaustrieb, lagen wir anderen alle auf den Knien und beteten inbrünstig für seine baldige Ankunft in Batavia.

 

Am gleichen Tage noch setzten wir uns zur Wahl eines neuen Anführers an Stelle des Kapitäns zusammen. Die Mehrzahl von uns war dafür, daß mein Freund, Herr van der Nuyts, diesen Rang einnehmen sollte, war er doch der Begüterste von uns und als Mann, der schon lange Jahre in den Ländern dieser Zone geweilt hatte, mit dem Leben in dieser Gegend am besten vertraut. Er wollte jedoch davon nichts wissen, sagte, daß er für die Verantwortung, die diese Stelle mit sich bringe, viel zu jung sei. Man müsse vor allem wegen der Gefahren, die uns umlauerten, einen Mann zum Anführer wählen, der etwas vom Kriegshandwerk verstünde und das könnte er von sich nicht behaupten; er sei trotz seines Mutes immer ein friedlicher Mann gewesen, der zur Not mit den Waffen umzugehen wüßte, aber nie und nimmer die Fähigkeit besäße, an der Spitze vieler tapferer Leute mit Klugheit und Kunst über deren Wohlbefinden zu wachen. Wenn sie aber auf seinen Rat etwas geben, so sollten sie mir, seinem Freunde, die Befehlshaberschaft des Lagers übergeben. Ich hätte bereits in halb Europa Kriegsdienste geleistet, hätte in der rechtlichen Führung eines Staates – und der seien wir ja im Kleinen – große Erfahrung, wäre auch etliche Jahre älter als er und allen als tapferer und dabei vorsichtiger Mann bekannt. Damit zog er mich in die Mitte des Kreises. Ich war tief gerührt über diesen Beweis seiner uneigennützigen Freundschaft und des Vertrauens zu mir, dessen ich mich nicht für würdig erachtete. Ich hob deshalb die Hand, als Zeichen, daß ich sprechen wolle, und sagte:

»Liebe Kameraden und Leidensgefährten, die Lobsprüche meines Freundes, Herrn van der Nuyt, ehren mich sehr. Doch habe ich bisher zu wenig wirkliche Verdienste aufzuweisen, besitze auch zu wenig Wissen, das für die Ausübung der obersten Gewalt im Lager von Nöten ist. Darum bitte ich Euch, nicht auf den Rat meines edlen Freundes zu hören, und einen Würdigeren als ich es bin als Anführer zu wählen.

Kaum daß ich ausgesprochen hatte, stand ein rüstiger und sehr ernst aussehender Mann mit dem Namen Schwartz auf, der sich das Wort erbat und folgendes sprach, indes er sich an mich wendete:

»Mein Herr, alle diese schönen Ausflüchte werden Euch nichts nützen. Ich bin ganz der Meinung des Herrn van der Nuyts und sehe in Euch den einzigen, der fähig ist, über uns in diesem unbekannten Lande zu gebieten. Abgesehen von Euerem Wissen, das er aufzählte, wissen wir alle, was wir von Euerem klugen Urteil und Euerer Tapferkeit, die Ihr bei der bisherigen Erforschung dieser Insel bewiesen habt, zu halten haben. Wir andere sind nur simple Handelsleute oder Matrosen, wissen nichts vom Krieg und seinem Handwerk, haben keine Erfahrung in den Dingen, die zu wissen in unserer Lage ich für notwendig erachte, uns fehlt die Fähigkeit, das Ganze zu überblicken und im richtigen Augenblick den notwendigen Entschluß zu fassen. Ihr aber seid der passende Mann dazu und ich wüßte mir keinen besseren.«

Wie ich nun ersehen konnte, pflichteten alle Anwesenden dem Wackeren bei. Als er geendet hatte, ertönte es einstimmig um mich:

»Mynherr Siden soll unser Anführer werden!«

Nachdem ich nochmals vergeblich versucht hatte, die Leute eins Besseren zu belehren, redete ich sie folgendermaßen an:

»Da es Euer fester Wille ist, daß ich das Amt des Anführers übernehme, so will ich mich nicht mehr länger weigern, dies zu tun und wünsche nur vom ganzen Herzen, daß diese Wahl zu Euerem Vorteil ausfallen möge. Damit nun in unserem Tun eine gewisse Ordnung herrsche, ein rechtes Vertrauen zwischen Euch und mir die Grundlage für unser Zusammenarbeiten bilde, müßt ihr mir einige Bedingungen erfüllen. Das erste, was ich von Euch verlange, ist, daß ihr mir und denen, die ich mit meiner Vertretung betraue, Gehorsam schwört. Ihr müßt mir auch das Recht zuerteilen, zu strafen, wo es die Rücksicht auf die Allgemeinheit verlangt. Zweitens müßt Ihr mir die Macht geben, die gesunden und kräftigen Männer von uns für den Kriegsdienst auszubilden. Das Dritte ist, daß meine Stimme im Rate so viel gelte als die von drei anderen!«

Diese drei Bedingungen wurden mir durch Zurufen sofort bewilligt. Gleich nach der Wahl errichtete man mir in der Mitte des Lagers eine Ehrenhütte, die größer war als die anderen. Ich bat meinen Freund van der Nuyt, den ich wegen seiner Ruhe und Klugheit immer an meiner Seite haben wollte, mit mir den Raum zu teilen, worein er auch gerne willigte.

Den folgenden Tag versammelten wir uns wieder. Nach einer kurzen Ansprache erwählte ich unter allgemeiner Zustimmung Mynherr van der Nuyt zum Aufseher über unsere Güter und Mundvorräte. Den Mynherr Schwarte ernannte ich zu unserem Zeugmeister, er hatte alle Waffen und sonstigen Kriegsgeräte unter sich. Außerdem übertrug ich einem Schiffsoffizier namens Maurizius, der ein Spanier und ein sehr erfahrener Seemann war, den Oberbefehl über unsere kleine Flotte, die aus der Schaluppe, einem Boot und aus der noch zu erbauenden zweiten Pinasse bestand. Einen Engländer, der Morton hieß und einst Feldwebel in einem niederländischen Regiment gewesen war, dann einen Mynherr de Haes, einen sehr nüchternen Mann, und einen Franzosen de Bruyn machte ich zu meinen militärischen Unterbefehlshabern und übergab den beiden ersteren je eine Kompagnie.

Nach dieser Wahl war allgemeine Musterung und Zählung unseres Volkes. Wir waren 307 Männer, 3 zwölf- bis fünfzehnjährige Knaben und 74 Frauen, alle bei guter Gesundheit. Ich teilte nun die Männer nach ihren Fähigkeiten und der Vorliebe, die sie einbekannten. Mauritius bekam 26 tüchtige Bootleute nebst den drei Jungen zugewiesen: dem Mynherr Schwartz gab ich für die Bedienung der Geschütze 30 Mann. Zweihundert andere verteilte ich in zwei Kompagnien und die übrigen samt den Frauen wurden in den Dienst Mynherrs van der Nuyt gestellt. Alle gingen befriedigt auseinander und traten ihre Arbeit an.

 

Meine größte Sorge war die Erneuerung unserer Mundvorräte, die bedenklich zu schwinden begannen. Besonders der Mangel an Wasser ließ mich nicht ruhen und ich dachte Tag und Nacht angestrengt darüber nach, wie dem abzuhelfen sei. In der Nähe des Lagers war alles Suchen nach trinkbarem Wasser vergeblich gewesen und so entschloß ich mich, eine Schar auszurüsten, die, so weit es nur möglich war, in das Innere des Landes vor dringen sollte.

Zu diesem Zweck befahl ich Maurizius, die Schaluppe und das Boot mit Vorräten für mehrere Tage und mit. Waffen auszurüsten. Die Schaluppe sollte rechts und das kleinere Fahrzeug links die Ufer entlang fahren, während zwei Abteilungen von je 20 Mann ihnen in gleicher Richtung zu Lande folgen mußten. Herrn de Haes gab ich den Auftrag, mit 30 Mann in die Mitte des unbekannten Gebietes vorzustoßen. Nachdem ich die Aufsicht im Lager einem der Offiziere übergeben hatte, machten wir uns an einem wunderbar klaren Morgen an die Ausführung meines Planes. Ich selbst führte die Truppe an, deren Aufgabe es war, in Verbindung mit der Schaluppe das Gebiet des Ufers rechts von unserem Lager zu erforschen. Die See war von ruhigster Glätte, der Himmel wölbte sich wolkenlos wie eine gläserne Glocke über uns und, obwohl es noch sehr früh am Tage war, glühte schon die Sonne ganz gehörig auf unsere Kopfe herunter. Außer dem Rauschen der mäßigen Brandung war nichts zu hören, nicht einmal ein Vogelschrei, und wir vermeinten in einem verzaubertem Lande zu sein.

Zur Mittagszeit kamen wir an eine Bucht mit ruhigem Wasser. Hier landete Maurizius, um mir Bericht abzustatten. Er hatte ebensowenig wie ich etwas Auffälliges und Besonderes entdeckt. Wir nahmen mit ihm und seinen Leuten das karge Mittagsmahl ein, um dann nach zwei Stunden der notwendigen Ruhe in der vorhergegangenen Ordnung wieder aufzubrechen.

Der wüstenartige Charakter der Gegend wollte kein Ende nehmen. Nichts wie Sand und nackter Stein zeigte sich unseren spähenden Blicken, wenn es gut ging, war es eine Dornenhecke oder Gruppen von verkümmerten Kaktuspflanzen, die das graue, scharf in der Sonne flimmernde Einerlei unterbrachen. Weder ein Brunnen, noch das kleinste Geriesel von süßem Wasser hemmte unsere Wanderung. Wir wendeten uns nun etwa 5000 Schritte näher dem Landesinneren zu. Da begann der bisher flache Boden leicht anzusteigen und in sanft geschwungenes niederes Hügelland überzugehen, das stellenweise schütteres Grün zeigte.

Wir faßten Hoffnung, endlich auf das heißersehnte Wasser zu stoßen und wirklich kamen wir gleich darauf an ein Flüßchen, das zu unserer großen Freude Süßwasser führte und in das Meer mündete. Wir gaben unserer Schaluppe durch einen Mann Botschaft von unserer Entdeckung. Maurizius benutzte die ansteigende Flut und kam den Fluß heraufgefahren. Unter einer freundlichen Baumgruppe beschlossen wir ein Lager aufzuschlagen und die Nacht zu verbringen. Wir waren fröhlich und guter Laune voll, denn nicht nur, daß wir uns an dem frischen Wasser erlaben konnten, hatte Maurizius auch eine Menge Austern und Fische mitgebracht, die wir an einem Feuer schmorten und uns schmecken ließen.

Nachdem wir Wachen ausgestellt hatten, übergaben wir uns dem wohlverdienten Schlafe, der unsere müden Glieder bald umfing. Des anderen Tages schickte ich drei meiner Leute in das Hauptlager zurück, um den glücklichen Erfolg unserer Expedition zu melden und zu sagen, daß wir gesonnen wären, noch weiter vorzudringen. Desgleichen sandte ich fünf Mann flußaufwärts mit dem Befehl, nach zwei Stunden an ihren Ausgangsort zurückzukehren. Als sie wieder zurückkamen, erzählten sie, daß der Boden immer mehr zu Bergen von geringer Höhe anstiege, doch keine Zunahme der Vegetation zeige. Nun hatte ich aber mit meinem Fernglas auf der anderen Seite des Flusses in nicht allzugroßer Entfernung von diesem große, dunkle Flecken von dem Horizont sich abheben sehen, die ich für Wälder hielt. Um mich davon überzeugen zu können, ließ ich mich mit meinen Leuten von der Schaluppe ans andere Ufer bringen, um in der Richtung der vermeintlichen Wälder fort zu marschieren. Das Schiff selbst schickte ich wieder in das Meer hinaus. Das Land stieg fortwährend an und wir waren noch keine Stunde gegangen, als ich meine Vermutung in Bezug auf die dunklen Flecken bestätigt fand und wir an einen Wald von alten mächtigen Bäumen kamen, der sich gegen die See zu erstreckte. Der Anblick des schönen Forstes erquickte unsere Augen sehr. Die Bäume waren sehr hoch, standen nicht eng beisammen und der Waldboden zeigte sehr wenig Unterholz, so daß wir ungehindert in seinen milden Schatten eindringen konnten. Ich beschloß dies sogleich mit großer Vorsicht zu tun; meine Leute mußten die geladenen Musketen vom Rücken nehmen, um zu sofortiger Gegenwehr bereit zu sein. Auch ließ ich unseren Weg durch abgebrochene Äste kennzeichnen. Wir drangen so in möglichst gerader Linie in den Wald ein, den wir nach einer halben Stunde angestrengten Marsches durchquert hatten. Aus ihm heraustretend sahen wir wieder das Meer vor uns. Ein breiter Golf, von zwei Vorgebirgen begrenzt, schnitt hier in das Land ein. So viel ich ersehen konnte, war die nächste Umgebung dieses natürlichen Hafens von der angenehmsten Beschaffenheit. Hohes saftiges Gras bestand den Boden, aus dem sich freundliche Bauminseln erhoben. Der Platz erschien mir deshalb zur Errichtung eines ständigen festen Lagers auf das Beste geeignet, denn da es Monate dauern konnte, bis für uns die Befreiung aus Batavia kam, mußte es meine hauptsächlichste Aufgabe sein, uns vor den unbekannten Gefahren eines geheimnisvollen Gebietes so gut wie möglich durch die Errichtung eines befestigten Lagers, das vor allem mit gutem Wasser reichlich versehen war, zu schützen.

Vorerst schickte ich einige Leute an den Strand hinunter, um uns wieder mit Fischen und Muscheln zu versorgen. Sie kamen zu meiner großen Befriedigung mit reicher Beute zurück. Denn da wir auf den ganzen Weg hierher kein einziges Stück Wild, ja nicht einmal einen Vogel gesehen hatten, war es für mich eine große Befriedigung zu wissen, daß wir wenigstens genug Meertiere für unsere Speisekammer haben würden. Einstweilen waren auch die Kundschafter wieder bei uns eingetroffen, deren Aufgabe es war, das größere Vorgebirge zu erforschen. Sie hatten als Hauptsache in einem kleinen Tal ein Flüßchen mit süßem Wasser entdeckt. Nun schickte ich zuletzt noch eine Schar meiner Leute aus, das andere Vorgebirge zu durchstreifen. Sie waren schon mehrere Stunden fort, der Abend begann sich äußerst rasch nieder zu senken, als wir plötzlich den scharfen Hall mehrerer ferner Schüsse hörten. Wir erschraken sehr, glaubten wir doch nichts anderes, als daß die Abwesenden auf Eingeborene der Insel gestoßen und von diesen angegriffen worden wären. Auf das Rascheste ordneten wir unsere Waffen, um ihnen zu Hilfe zu kommen, und waren eben im Begriff, den Abhang, der uns von dem Vorgebirge trennte, hinunter zu eilen, als wir die Vermißten zu unserer großen Freude aus dem Wald treten sahen. Bei uns angekommen, erzählten sie mir jubelnd, daß sie in den Wäldern drüben auf ein starkes Rudel Hirsche gestoßen seien. Eingedenk unserer Fleischnot hätten sie sogleich Jagd auf sie gemacht und zwei mit glücklichen Schüssen zur Strecke gebracht. Von den erlegten Tieren brachten sie vier mächtige Stücke mit. Sofort sandte ich nun 3 Mann zu Maurizius und bat ihn, die Schaluppe in den von meinen Leuten am Vormittag entdeckten Hafen zu steuern, zu dem ich mich selbst mit der Mannschaft begab. Meine Kundschafter hatten von diesem Ort nicht zu wenig berichtet. Er konnte es an Lieblichkeit mit den schönsten Orten meiner Heimat aufnehmen und mein Vorsatz, unser Lager hierher zu verlegen, wurde durch alles, was ich sah, zum festen Entschluß. Indes ich die Gegend abschritt, brieten meine Leute an einem Feuer Teile der erlegten Hirsche. Das Fleisch war von herrlicher Zartheit und wir hielten mit dem einstweilen angekommenen Maurizius und seinen Leuten eine fröhliche Schmauserei ab.

Nach einer auf weichem Mooslager ruhig verbrachten Nacht, in der ungezählte Sterne wie Riesenlaternen über uns hingen, standen wir in aller Frühe neugekräftigt auf, brachen das Lager ab und schritten tüchtig aus, um unseren Schicksalsgenossen die frohe Botschaft von der wild- und wasserreichen Gegend zu bringen. Nach meinem Bericht war alles damit einverstanden, an dem so günstig gelegenen Ort das ständige Lager zu bauen.

An diesem Vormittage kamen auch Morton und de Haes zurück. Ersterer war an dem anderen Ufer entlang wohl an die drei Meilen marschiert, hatte aber nur sandigen Boden ohne jede Spur Wassers vorgefunden. Des anderen Tages hatten sie ihre Reise nach Westen verfolgt, waren durch ein ausgedörrtes steiniges Land gekommen, um endlich auf einen breiten Fluß mit starkem Gefälle zu stoßen. Ermattet von der anstrengenden Wanderung durch Sand und Stein stürzten sie sich alle in den Strom, um ein Bad zu nehmen, erschraken aber nicht wenig, als sie plötzlich von zwei mächtigen Krokodilen angegriffen wurden. Zu ihrem Glück hatten einige schon wieder das Wasser verlassen. Durch das Geschrei ihrer Kameraden auf deren große Gefahr aufmerksam gemacht, schossen sie ihre Musketen auf die Untiere ab, die von dem gewiß noch nie gehörten Hall der Schüsse erschreckt in die Mitte des Flusses zurückflüchteten. So waren die Leichtsinnigen mit dem bloßen Schrecken davongekommen. Da ihre Lebensmittel zu Ende gingen und der trostlose Wüstencharakter des Landes sich noch viele Meilen weit zu erstrecken schien, waren sie umgekehrt.

De Haes wieder war mit seinen Leuten am ersten Tage 6 Meilen weit in die Mitte des geheimnisvollen Landes vorgedrungen und hatte auf einem mäßigen Berg, der mit magerem Heidekraut bedeckt war, übernachtet. Beim Aufgang der Sonne umschloß sie ein dichter Nebel, der sich nur langsam verzog. Als sie dann eine halbe Meile gegangen waren, standen sie vor einem See, der wohl 2 Meilen breit war. Seine Ufer waren dicht mit Schilfrohr und niederem Gestrüpp bewachsen, in denen sich viele Wasservögel aufhielten, die bei ihrem Nahen ein ohrenbetäubendes Geschrei erhoben. De Haes erstieg den niederen Gipfel eines Berges, der wie ein Zuckerhut geformt aus der flachen Gegend aufstieg. Von da aus sah er in nicht allzugroßer Ferne mächtige Wälder, die aber der breite See von ihnen trennte. Diesen zu umgehen getraute er sich nicht, da links und rechts morastiger Boden gemeldet wurde, in dem die Leute oft bis zu den Knien einsanken. So gab auch er den Befehl zur Umkehr.

Nun arbeitete alles, was Hände und Füße hatte, an dem Verlegen des alten Lagers. Die Zimmerleute trachteten eifrigst, mit dem Bau der zweiten Pinasse fertig zu werden, die wir für den Transport der Geschütze, Weinfässer und anderer schwerer Gegenstände benötigten, Indes fuhren die Schaluppe und das Boot zwischen unserem alten und neuen Lagerort hin und her, um die Lebensmittel, Gewehre und Dinge jeder Art und Nutzens herüberzubringen. Und ein großer Teil von uns war schon an der von mir entdeckten schönen Meeresbucht mit allen Kräften tätig, auf der von mir bezeichneten Stelle aus Baumstämmen eine Anzahl fester Hütten aufzuführen. Ich selbst wartete die Fertigstellung der Pinasse ab, mit der ich dann an unserem neuen Zufluchtsort anlangte.

Der Bau unseres Hauptlagers war schon tüchtig fortgeschritten. Entlang des Flußufers, bei seiner Mündung beginnend, so daß wir im Rücken vom Meer geschützt waren, erhoben sich schon eine ganze Anzahl von Wohnhütten und Speichern. Da die Luft wegen der Seenähe wohl temperiert war und wir, dank des Fischreichtums, uns gründlich anessen konnten, ging die Arbeit rasch vonstatten. In drei Tagen sah ich von der Anhöhe im Süden des Golfes eine kleine Stadt liegen mit Graben, Erdwällen und widerstandsfähigen Palisaden wohl versehen, ja sogar mit einem hübschen Glockenturme in der Mitte, auf dessen Spitze die holländische Flagge wehte. Trotz meines Widerspruches erhielt sie in der Ratsversammlung den Namen Sidenburg.

An Nahrung fehlte es uns nun nicht mehr. Beinahe alle Tage wurden in den nahen Wäldern ein oder zwei Hirsche geschossen, dazu gab es Fische und Schaltiere in Hülle und Fülle, die wir, nachdem Maurizius eine erträgnisreiche Salzstelle entdeckt hatte, in Menge einpökelten.

Wir sahen auch sehr viele Seevögel, doch blieben sie, besonders am Abend, nie an der Küste, sondern flogen in das Meer hinaus, wo sie unseren Blicken entschwanden. Dies gab uns die Vermutung von dem Vorhandensein anderer Inseln. Dem abenteuerlich gesinnten Maurizius gab dies keine Ruhe. Auf meine Erlaubnis hin rüstete er die kleine Schaluppe aus und begab sich mit ein paar Mann Besatzung auf Entdeckungsreisen. Richtig kam er auch eines Tages mit der Kunde zurück, in der Entfernung von drei Seemeilen mehrere kleine Inseln entdeckt zu haben, die einer sehr großen vorlagerten. Er brachte auch eine große Menge Vogel- und Schildkröteneier mit, da er auf einer dieser Inseln auf die Nistplätze der Seevögel und Ansiedlung der Schildkröten gestoßen war. Die Eier kamen uns sehr gelegen und brachten Abwechslung in unsere etwas eintönige Speisenfolge.

Der Sorge um die Ernährung so vieler Menschen enthoben, fing nun eine andere mich und meine Offiziere zu bedrücken an. Unser Schießpulver begann immer weniger und weniger zu werden. Desgleichen machte uns die Abnützung unserer Kleider, Waffen und Werkzeuge viel Sorge. Wer konnte wissen, wie lange wir noch von der Welt abgeschnitten waren, ob die Pinasse, die wir nach Batavia schickten, nicht untergegangen war und wir vergebens auf Rettung warteten, nicht nur Monate, sondern vielleicht Jahre lang. Allem Anscheine nach befanden wir uns auf einer Insel, die weitab von jedem Schiffsverkehr auf einer der einsamsten, nie von einem Schiff befahrenen Gegenden des Weltmeeres lag. Mir wurde oft ganz dunkel vor den Augen, wenn ich an die schreckliche Möglichkeit dachte, hier in dieser Einöde, ferne von allen schönen und angenehmen Dingen der bewohnten Erde, ein halbes oder gar ganzes Leben verbringen zu müssen. Doch hieß es, sich in Geduld zu fassen, das Beste erhoffen und für das mögliche Böse Vorbereitungen treffen, damit es uns nicht wehrlos vorfände.

Inzwischen war der Sommer in voller Blüte, wir sammelten Beeren, Schwämme, eßbare Wurzeln, mit denen wir unsere Vorratshäuser bis an die Dächer hinauf füllten. Von unserem Schiffsproviant waren uns noch einige Fässer mit Erbsen, Bohnen und Linsen übriggeblieben, von welchen Hülsenfrüchten ich, da ich einen sehr milden Herbst und beinahe keinen Winter für diese Gegend erhoffte, noch einen Teil aussäen lassen wollte. Zu diesem Zweck ließ ich in der Nähe des Lagers ein Stück Land im Umfange von mehreren Morgen urbar machen.

Eines Tages hatten einige von uns in einem der benachbarten Wälder einige Hirsche geschossen, von denen sie zwei, ausgeweidet, an einen Ast hingen, um sie später zu holen. Als sie nun dies am nächsten Tage tun wollten und an den Ort kamen, wo sie die zwei Hirsche zurückgelassen hatten, sahen sie sich zu ihrem nicht geringen Schrecken einem Tiger gegenüber, der sich über einen der Hirsche gemacht hatte und aus dem Kadaver mächtige Fetzen Fleisch riß, die er schmatzend verschlang. Meine Leute suchten eiligst hinter den nächsten Bäumen Deckung und schossen auf das aufgeschreckte, wild herumfauchende Tier ihre Musketen ab, die zum Glück mit guten Kugeln geladen und in den Händen trefflicher Schützen waren, deren Hände, wie aus Eisen, nicht zitterten. So fiel das Untier tötlich getroffen zu Boden, wo es unter schrecklichem Brüllen verendete. Die glücklichen Jäger zogen ihm das prachtvoll gesprenkelte Fell ab und brachten es mit den Resten der Hirsche ins Lager, wo es und die erklärende Erzählung seiner Besitzer nicht wenig Aufsehen erregte.

Mir selbst gab das Abenteuer meiner Jäger viel zu denken. Es gab also auch wilde Tiere hier, die uns gefährlich werden konnten. In einem unbeachteten Augenblick, vielleicht des Nachts, konnte eine dieser Bestien die Wälle und Zäune überspringen und Unheil über uns bringen. Ich ließ deshalb die Palisaden um ein so großes Stück erhöhen, daß es der größten und mutigsten Katze wohl nicht mehr möglich sein konnte, darüber zu setzen. Dann gab ich den strengen Befehl, daß außerhalb des Lagers in einer gewissen Entfernung niemand unbewaffnet sein dürfe und die in den Feldern arbeitenden Frauen und Männer von einer Wache beschützt werden müßten.

Das erste Viertel eines Jahres neigte sich dem Ende zu, seitdem wir an diese unbekannte und, wie es von Tag zu Tag immer mehr den Anschein gewann, auch völlig unbewohnte Insel verschlagen worden waren. In eifrigster Arbeit vom Morgen bis zum Abend lebend, jeder von uns bedacht darauf, sein Möglichstes zu leisten, um uns vor Hunger oder plötzlichen Überfällen wilder Tiere und Menschen zu schützen, hatte keiner von uns Zeit und Lust, den Frieden und die Eintracht zu stören, die unter uns herrschten. Die Ratsversammlungen erledigten das Vorgebrachte mit seltener Ruhe und Einmütigkeit, alle fügten sich ohne Murren den Lagergesetzen, jeder Gegensatz schien zwischen uns ausgelöscht, es gab keinen Streit, noch viel weniger eine Widersetzlichkeit und es herrschte eine gegenseitige Milde und Nachgiebigkeit, wie zur paradiesischen Zeit unter den Tieren.

Dieser nicht genug zu lobende Zustand sollte sich leider Gottes bald in das Gegenteil verwandeln. Mit der Zeit machte sich zuerst unter meinen Leidensgefährten eine gewisse Sorglosigkeit breit. Die Furcht vor einem feindlichen Überfall war beinahe ganz verschwunden, da unsere Späher, so weit sie auch vorgedrungen waren, nicht die kleinste Spur eines menschlichen Lebewesens hatten entdecken können. Und da auch nun Fleisch, Eier und Früchte aller Art reichlich vorhanden waren, schwand auch die Sorge für die tägliche Nahrung und die Herzen und Gehirne wurden für andere Dinge frei. Dazu gab es für so viele Menschen viel zu wenig Arbeit. Zur Untätigkeit verdammt, fingen sie sich mit dem Tun und Lassen ihrer Kameraden zu beschäftigen an, Neid und Bosheit begannen ihre züngelnden Schlangenköpfe zu erheben, die Tratschsucht ging wie eine Seuche um und nicht lange sollte es mehr dauern, daß ich den gefürchteten Unfrieden im Lager hatte. Die Streitigkeiten, die ich zu schlichten hatte, wuchsen von Tag zu Tag an und gaben mir mehr zu schaffen, als die sonstigen Lagergeschäfte.

 

Da die Zeit herangekommen war, wo nach der Berechnung der Schiffsoffiziere ein Schiff von Batavia aus zu unserer Rettung eintreffen konnte, befahl ich einigen Männern, einen der turmhohen Bäume umzuhauen, an den von den Ästen befreiten Stamm ein großes weißes Segel zu befestigen und diese Fahne auf der höchsten Spitze des Vorgebirges aufzurichten. Desgleichen mußte nun alle Nächte hindurch auf einem Felsvorsprung, der wie eine Riesenhand ins Meer hinausragte, ein mächtiges Feuer unterhalten werden.

Wir glaubten auf das Zuversichtlichste an unsere baldigste Erlösung von der Insel, denn die Pinasse mußte schon seit Wochen in Batavia abgekommen sein und den dortigen Gouverneur veranlaßt haben, uns sofort ein Schiff zu unserer Befreiung zu senden, das jeden Tag eintreffen konnte.

Da fiel auf einmal schlechtes Wetter ein. Stürme brausten über Meer und Land, ununterbrochen strömte Regen herunter und dies dauerte ganze drei Wochen lang. Wir saßen in den Hütten und starrten in das Unwetter hinaus, das, je länger es dauerte, desto mehr von der Hoffnung in uns auf das Ankommen des Erlösungsschiffes vernichtete. Nachdem wieder schönes Wetter geworden war, fingen wir, da wir doch nur schwankende Menschen waren, wieder zu hoffen an. Aber Woche um Woche verging. Monat reihte sich an Monat und es wollte sich am Horizonte nichts von winkenden Segeln zeigen. Nun mußte sich selbst der Hoffnungsvollste von uns sagen, daß wir vergeblich warteten, die Pinasse wohl mit Mann und Maus untergegangen oder Seeräubern in die Hände gefallen war und kein Mensch in der fernen, lauten Welt da draußen unseren Aufenthalt wußte. Von Freunden und Verwandten als tot betrauert, lebten wir auf einer unbekannten, einsamen Insel wie Gespenster, die im anderen Leben keine Schatten werfen und dennoch vorhanden sind.

Meine Offiziere und ich hatten nun die größte Beredsamkeit aufzuwenden, um die eingetretene Mutlosigkeit unserer Leidensgefährten erfolgreich zu bekämpfen und an Stelle ihrer Verzweiflung eine ruhige und gefaßte Betrachtung unserer Lage hervorzurufen. Nun hieß es ja für uns, ganz auf unsere Kraft zu vertrauen und auf die Hilfe des Ewigen, der uns bisher so augenscheinlich beschützt und geholfen hatte.

Nach dem wochenlangen Unwetter war es furchtbar heiß geworden, tropische Glut stürzte aus der Sonne und selbst die kühlen Schatten der Wälder waren erfüllt von einem dampfig-heißen Hauch. Der Boden um unsere Lager wußte nicht, was er alles an Gräsern und Früchten hervorbringen sollte. Wie durch ein Zauberwort hervorgerufen, blühte und wuchs es vor unseren Augen in üppigster Fülle. Auch unsere Hülsenfrüchte und was wir sonst an Gemüse und Brotfrüchten gesät hatten, versprachen eine überreiche Ernte. Der Golf wimmelte von den schmackhaftesten Fischen, von denen wir schon viele Fässer voll eingepöckelt hatten. Da unsere mitgebrachten Netze zu zerreißen anfingen, stellte ich Frauen zum Aufdrehen einiger Schiffsseile an, aus welchen Fasern ich neue Netze stricken ließ.

Dagegen wurde der Wildreichtum der nahen Wälder von Tag zu Tag geringer und oft kamen die Jäger mit leeren Händen heim. Gewiß hatten sich die Tiere von den Schüssen erschreckt in die fernliegenden Wälder zurückgezogen, die wir wie dunkle Häuserzeilen in der Dämmerung hinter den Bergen, die uns umgürteten, an dem Rande des Horizonts angelehnt sahen. Maurizius wünschte nichts sehnlicher, als diese Wälder erforschen zu dürfen. Ich gab seinen immer wiederkehrenden Bitten nach. Mit 10 Mann, auf das Beste ausgerüstet, machte er sich eines Tages von dannen. Eine volle Woche blieb er aus. Als er wieder heimkam, brachte er eine Menge Hirsch- und Rehfleisch mit, von welchen Tieren es dort nur so wimmeln sollte. Er hatte auch einen neuen, ziemlich tiefen Fluß entdeckt, um den herum die herrlichsten Wälder standen. Er riet mir, in dieses Tierparadies eine größere Anzahl Leute zu senden, um Fleisch zu machen. Ich folgte seinem Rat und sendete 50 Männer in die fernen Wälder, die etwa 5 Meilen von unserem Lager entfernt lagen. Da sie mehrere Wochen dort verbringen sollten, schlugen sie an einem ihnen geeignet erscheinenden Ort Bäume um und errichteten einige Hütten. Sie schossen nun nicht nur Hirsche und Rehe, sondern auch eine Art Schweine, größer als die wilden unserer Heimat und sehr schmackhaft im Fleische.

Indes hatte der unruhige Maurizius schon wieder ein neues Ziel für seine abenteuerlichen Gelüste gefunden. Tag und Nacht lag er mir in den Ohren, ich möge ihm die Erlaubnis zur Erforschung der großen Insel geben, die hinter den Vogel- und Schildkröteninseln nach der Erzählung unseres Morton liegen sollte. Um ihn los zu werden, gab ich ihm 20 Mann, mit denen er sich auf die Schaluppe begab und in die See stach. Dort, wo er auf der großen Insel landen konnte, war der Boden steinig und mit Sand bedeckt; gegen das Innere zu stießen Morton und seine Gefährten aber auf weite Grasweiden, auf denen sie viele Hirsche und anderes Wild vorfanden. Die Tiere waren seltsam zahm, und zutraulich ließen sie die Menschen bis auf wenige Schritte an sich heran kommen. Sie durchquerten die ganze Insel, stießen nirgends auf eine menschliche Spur und schlossen aus diesem Umstand wie auch aus der Zahmheit der Tiere, daß die Insel völlig unbewohnt sei. Ich hörte mit Befriedigung seinen Bericht über das Ergebnis der Expedition an. Würden wir ja einmal von plötzlich auftauchenden Eingeborenen angegriffen, so konnten wir uns von dieser Insel aus mit frischem Fleisch versorgten und wenn die Übermacht des Feindes zu groß sein sollte, uns auf dieses nur zwei Meilen entfernte Eiland flüchten.

 

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