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Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel.

Der Hausmeister hatte auch heute Dada nicht mitgenannt, als er die Sänger in's Haus des Porphyrius entbot, und die Zurückgesetzte ärgerte sich dieses Mal darüber. Die Tochter des alten Kornsackes, sagte sie, sei eine hochnäsige Prinzessin, der von ihnen gerade so viel recht sei, wie sie eben für ihre Zwecke gebrauche. Hätte sie sich nicht gescheut, für aufdringlich gehalten zu werden, so wäre sie der Einladung der alten Damia, sie oft zu besuchen, gefolgt, und Gorgo zum Trotz, mitten während des Gesanges, wie ein Meteor in den Musiksaal des Porphyrius gefallen. Daß die vornehme Jungfrau Abneigung gegen sie empfinde, kam ihr nicht in den Sinn, denn man konnte sie, das arme Sängermädchen, wohl übersehen, aber wer war ihr jemals anders als freundlich begegnet? Dennoch nahm sie für sich das Recht in Anspruch, des Porphyrius hochmüthige Tochter »nicht leiden« zu mögen, und wie die Anderen aufbrachen, rief sie Agne zu: »Zu morden brauchst Du sie nicht in meinem Namen, aber grüßen sollst Du sie auch nicht! Schmählich ist nur, daß ich jetzt zum Alleinbleiben mit Herse verdammt bin. Wundert euch nicht, wenn ihr mich nachher als eine steife, braune Mumie – dafür sind wir ja in Ägypten – wiederfindet. Ich hinterlasse Dir mein altes Kleid, Mädchen; das Rosengewand würdest Du doch nicht anziehen. Wenn ihr mich dann hübsch beweint, erschein' ich euch im Traum und steck' euch Zuckerwerk in den Mund, ambrosisches, wie die Götter es essen. Ihr laßt mir ja nicht einmal den Buben, um ihn zu quälen!«

In der That war Agne's Brüderchen sauber gekleidet worden und sollte mit zu Gorgo, die ihn zu sehen gewünscht hatte.

Nachdem die Anderen das Schiff verlassen, zeigte es sich schnell, wie wenig tief der Ärger Dada berührte; denn sobald sie durch das Kajütenfenster den graubärtigen Vater des Panzerreiters bemerkt hatte, sprang sie barfuß, wie sie im Hause zu gehen pflegte, die schmale Schiffstreppe hinan, warf sich auf ein Polster, lehnte sich über die Brüstung des Deckes und überschaute, beschattet von einem linnenen Zeltdache, die Werft und den Weg am Ufer. Bevor ihr die Zeit noch lang geworden, kehrte ihre neue Zofe, der es obgelegen hatte, noch Mancherlei bei ihrer früheren Herrschaft in Ordnung zu bringen, auf das Schiff zurück, kauerte sich zu ihren Füßen nieder und gab ihr Auskunft über Alles, was sie zu wissen begehrte. Die ersten Fragen bezogen sich natürlich auf Gorgo. Diese, so hörte sie nun, hatte schon viele Freier, die Söhne der größten Häuser der Stadt, abgewiesen, und zwar, wenn Sachepris, die Sklavin, Recht hatte, um des Sohnes des alten Schiffsbaumeisters willen, mit dem sie aufgewachsen war und der als Offizier im Heere des Kaisers diente. Aber diese Neigung, meinte die Sklavin, werde doch schwerlich zu einer Verbindung führen, denn Konstantin war ein eifriger Christ, sein Geschlecht stand an Vornehmheit himmelweit hinter dem des Porphyrius zurück, und wenn er auch mit großen Auszeichnungen und als Präfekt heimgekehrt war, so hatte Damia, auf welche zuletzt doch Alles ankam, ganz Anderes mit ihrer Enkelin im Sinne.

Diese Mittheilungen erregten Dada's Theilnahme auf's Höchste, aber sie folgte der Zofe mit noch größerer Aufmerksamkeit, als sie ihr über Marcus, seine Mutter und seinen Bruder Auskunft ertheilte. Die Ägypterin war das Werkzeug der Greisin. Sie hatte nach dem jungen Christen ausgefragt zu werden erwartet, und sobald sein Name von Dada genannt worden war, rutschte sie auf den Knieen dicht an sie heran, legte ihr die Hand leise auf den Arm, schaute mit blitzenden Augen zu ihr auf und flüsterte ihr schnell – denn Herse ging im Schiffsraum und auf dem Deck hin und wieder – in ihrem unreinen Griechisch zu: »So schöne Herrin, so junge Herrin, und wird wie eine arme Sklavin gehalten! Wenn Herrin nur wollte, könnte sie's leicht, ganz leicht gerade so gut haben wie unsere Gorgo, und besser! So schön, so jung! Und ich weiß Einen, der möchte schöne Herrin in rothes Gold und graue Perlen und Funkelsteine fassen, wenn reizende Dada nur wollte.«

»Und warum sollte reizende Dada nicht wollen?« sprach das Mädchen der Sklavin munter nach. »Wer hat denn für mich so viel übrig? Du . . . Ich behalte Deinen Namen nicht und wenn ich doppelt so alt werde wie Deine Frau Damia.«

»Sachepris, Sachepris heiß' ich,« versetzte die Sklavin, »aber wenn Du willst, nenn' mich auch anders. Der Herr, den ich meine, 's ist der junge Sohn der reichen Maria. Ein schöner Mann, der Herr Marcus, und er hat Rosse, so stolze Rosse, und Goldstücke hat er mehr, als hier Kiesel liegen am Ufer. Sachepris weiß, daß er Sklaven aussendet, um schöne Herrin zu suchen. Gieb ihm ein Zeichen, schreib dem Herrn Marcus.«

»Schreiben?« lachte Dada. »Bei mir zu Lande lernen die Mädchen andere Dinge; aber wenn ich's könnte, weißt Du, was ich dann thäte? Ich schrieb' ihm gewiß nicht! Wer mich finden will, der mag mich suchen!«

»Er sucht, er sucht schöne Herrin,« versicherte die Zofe, »und er ist voll, ganz voll von Dir, und wenn ich nur dürfte . . .«

»Nun?«

»Dann ging' ich hin, und dann wollt' ich dem Herrn Marcus sagen, ganz heimlich sagen . . .«

»Was? Nur heraus mit der Sprache!«

»Zuerst, wo meine schöne Herrin versteckt ist, und dann, daß er hoffen dürfe, hoffen, würde ich sagen, daß meine schönste Herrin doch wohl einmal, vielleicht heut Abend . . . 's ist gar nicht weit – 's ist ganz nahe von hier . . . Sieh nur da drüben das weiße Häuschen! 's ist eine Schenke, und der Wirth, – ein Freigelassener ist er der edlen Frau Damia, und für Geld schließt er sie ab auf einen Tag, auf eine Nacht, auf mehrere Tage . . . Und da, würd' ich sagen, da – warum soll ich's verschweigen? Da wartet Herr Marcus auf sein schönstes Liebchen und schafft ihr Kleider, gegen die das Rosengewand nur ein Bettelstaat ist. Da bekommst Du Gold, viel Gold, so viel Dein Herz nur begehrt. Ich führe Dich selber hin, und da empfängt Dich der Liebste mit offenen Armen.«

»Und gleich heut Abend!« rief Dada, und die Adern hoben sich bläulich aus ihrer weißen Stirn und Schläfe. »Pfui, Du braune Schlange! Hast Du solche Künste von der Jungfrau Gorgo gelernt? Wie garstig das ist, pfui, pfui, wie widerwärtig und schändlich!«

Solchen schmählichen Antrag hatte sie von Marcus, gerade von ihm, den sie für gut und rein gehalten, am letzten erwartet. Sie mochte auch das Alles nicht glauben, und wie sie dem lauernden, blitzenden Blick der Ägypterin begegnete, leuchtete ihr eigenes Auge hell auf, und mit einer Entschiedenheit und Strenge, welche die Zofe ihr niemals zugetraut hätte, rief sie: »Das ist Betrug, Alles Betrug! Heraus mit der Sprache, Weib! Wie ist Marcus seit gestern an Dich gekommen, wenn er nicht weiß, wo wir sind? Du schweigst, Du willst nicht reden? . . . O, jetzt versteh' ich das Alles! Er – er hätte das niemals gewagt. Aber Deine ›edle Frau Damia‹, die Alte redet aus Dir; Du bist nur ihr Echo, und Marcus . . . Gleich, gleich bekennst Du hier, Hexe . . .«

»Sachepris ist arme Sklavin,« bat die Zofe mit erhobenen Händen, »Sachepris muß nur gehorchen, und wenn schöne Herrin Sachepris an Frau Damia verräth . . .«

»Die, die hat mich in das Häuschen geladen?«

Die Sklavin nickte.

»Und Marcus . . .«

»Wenn schöne Herrin zugesagt hätte . . ..«

»Nun . . .«

»So . . . Aber große Isis, wenn Du arme Sklavin verräthst . . .«

»Das werde ich nicht thun . . . So hättest Du also . . .«

»Ich, ja ich . . . Nachgehen sollt' ich dem jungen Herrn Marcus, und in Deinem Namen hab' ich ihn einladen sollen . . .«

»Schändlich!« unterbrach Dada die Ägypterin, und ihre zarten Glieder schauerten leicht zusammen. »Wie bös, wie widrig das Alles ist! Aber Du, Du bleibst nur noch hier, bis die Anderen zurück sind, dann schick' ich Dich heim zu Deiner Alten. Ich habe, den Göttern sei Dank, zwei gesunde Hände und brauch' keine Zofe! Aber dort . . . Was hat das wieder zu sagen? Die hübsche Sänfte da hält bei uns still, und der alte Herr grüßt Dich!«

»Der Hausverwalter der edlen Wittwe Maria,« wimmerte die Sklavin; Dada aber erbleichte und fragte sich, was der Bote der Mutter des Marcus hier wolle.

Auch Herse, welche den an's Ufer führenden Steg um Dada's willen nicht aus den Augen gelassen, hatte den Hausmeister der Wittwe kommen sehen und witterte in ihm einen Liebesboten des Marcus; aber wie staunte sie, als der Alte sie höflich, doch sehr entschieden aufforderte, die Sänfte zu besteigen und ihr zu seiner Gebieterin zu folgen.

War das eine List?

Wollte er Herse nur von dem Schiffe fortlocken, um für seinen jungen Herrn die Bahn frei zu machen?

Aber nein!

Er hatte ihr ein Täfelchen übergeben und darauf stand – sie, die Alexandrinerin, war wohl unterrichtet und konnte auch lesen – darauf stand als Überschrift: »Maria die Wittwe des Apelles an die Gattin des Sängers Karnis.« Dann folgte dieselbe dringende Aufforderung, welche ihr durch den Boten mündlich überbracht worden war. Um sich zu sichern, rief sie die Sklavin beiseite und erfuhr, daß der Hausverwalter Phabis ein alter treuer Diener der Wittwe sei. Hier war an keinen Betrug zu denken, und sie mußte der Einladung folgen. Wohl beunruhigte dieselbe sie höchlich, aber sie war eine umsichtige Frau, hatte Kopf, Herz und Mund auf dem rechten Flecke und setzte schnell in's Werk, was unter diesen Umständen noth that. Während sie ihrem äußeren Menschen ein schickliches Ansehen gab, händigte sie der Sklavin, die sie mit in ihre Kammer genommen, das Täfelchen ein, befahl ihr, es sogleich ihrem Manne zu bringen, ihm mitzutheilen, wohin sie sich begebe, und ihn aufzufordern, ohne Säumen zu Dada zurückzukehren. Aber wenn der Gatte und Sohn nicht abkommen konnten? Dann blieb das Mädchen ganz allein auf dem Schiff zurück, und dann . . . Alsogleich sah sie vor den mütterlich besorgten Augen Marcus erscheinen und Dada mit sich fortlocken, sah ihre Nichte, wenn es dem jungen Christen nicht gelang, ihren Aufenthalt zu entdecken, auf eigene Hand fortschleichen und auf der kanopischen Straße oder im Bruchium, wo um Mittag Alles, was leichtfertig in Alexandria war, in dieser Jahreszeit sein Stelldichein hatte, umherschleudern, – sah, schauderte, überlegte, und plötzlich kam ihr ein Auskunftsmittel in den Sinn, welches Hülfe zu leisten versprach. Es war nicht neu und unter den Ägyptern beliebt. Sie hatte es von dem lahmen Schneider, welcher ihres Vaters Miethsmann gewesen, anwenden sehen, wenn er die Kunden besuchen und sein junges, schwarzes Weibchen allein lassen mußte.

Dada lag barfuß auf dem Decke –: Herse wollte ihre Schuhe verstecken.

Das that sie denn auch mit fliegenden Händen und schloß nicht nur die Sandalen des Blondkopfs, sondern auch Agne's und ihre eigenen in die gerettete Truhe. Ein Blick auf den Saum des Kleides der Sklavin lehrte sie, daß diese nicht aushelfen könne.

»Und wenn hier Feuer ausbricht,« dachte sie, »mit diesen breiten Ungethümen an den niedlichen Füßen geht meine Dada nicht auf die Straße!«

Nachdem dies Werk verrichtet war, athmete Herse auf, nahm dann Abschied von ihrer Nichte, und weil sie doch empfand, daß sie etwas gegen sie gut zu machen habe, rief sie ihr in besonders liebreichem Tone zu: »Lebe wohl, Kind. Laß Dir die Zeit nicht lang werden! Es giebt ja hier Mancherlei zu sehen, und die Anderen kommen bald wieder. Heute Abend fahren wir, wenn es in der Stadt nicht gar zu bunt hergeht, Alle zusammen nach Kanopus und essen Austern. Auf Wiedersehen, mein Herzchen!«

Damit gab sie ihr einen Kuß, und das Mädchen schaute sie verwundert an, denn mit solchen äußeren Zeichen der Zärtlichkeit war ihre Pflegemutter sparsam.

Bald befand sich Dada ganz allein auf dem Schiff, naschte Zuckerwerk und wehte sich mit dem neuen Fächer Kühlung zu. Dabei dachte sie immerfort an den schmählichen Verrath, welchen die alte Damia gegen sie geplant hatte, und während es sie freute, daß sie nicht in das Netz gegangen war und den Anschlag durchschaut hatte, wuchs ihr Groll gegen die unwürdige Greisin und Gorgo, die sie nicht von dieser zu trennen vermochte. Dazwischen sah sie bald nach Marcus, bald nach dem Panzerreiter aus. Daß es ihr nicht möglich gewesen war, Übles von dem jungen Christen zu denken, und daß es ihr so schön gelungen, ihm zu vertrauen, machte ihr denselben besonders lieb; aber sie war auch neugierig auf den Präfekten, die »Jugendliebe« der stolzen Kaufmannstochter. Indessen verstrich die Zeit, die Sonne stieg höher, das Ausschauen, Grübeln und Träumen ermüdete sie, und gähnend begann sie zu überlegen, ob sie sich länger ausstrecken und schlafen oder hinuntergehen und sich zum Zeitvertreib das neue Rosengewand noch einmal anziehen solle. Aber es kam zu keinem von beiden, denn zunächst kehrte die Sklavin von ihrem Gange zurück, und gleich darauf sah sie den Panzerreiter durch die Werft dem See entgegenschreiten. Da richtete sie sich schnell auf, rückte den Halbmond in ihren Locken zurecht und rüstete den Fächer zu einem anmuthigen Gruße.

Der Reiterpräfekt, welcher aus früherer Zeit wußte, daß das Schiff Gäste des Porphyrius zu beherbergen pflege und im väterlichen Hause nichts über die gegenwärtigen Bewohner desselben gehört hatte, verneigte sich vor der jungen Schönen auf dem Deck mit einem ehrerbietigen militärischen Gruße. Dada dankte ihm huldvoll; aber damit schien auch diese neue Begegnung zu Ende zu sein, denn der Soldat schritt weiter, ohne sich umzusehen. Er sah heute noch stattlicher aus als gestern. Sein Haar war frisch gesalbt und gelockt, der Schuppenpanzer und der Helm leuchteten so blank, der Purpurstoff des Waffenrocks war so neu und glänzend, als ging' es geraden Wegs vor den Thron des Kaisers. Die Tochter des Kaufherrn hatte keinen üblen Geschmack, aber ihr Freund schien den Kopf nicht weniger hoch zu tragen als sie. Es reizte Dada, seine Bekanntschaft zu machen und zu sehen, ob er wirklich nur Augen habe für Gorgo. Das Gegentheil würde ihr, so wenig sie sonst nach ihm fragte, große Genugthuung gewährt haben, und sie beschloß, ihn auf die Probe zu stellen. Es war keine Zeit zu verlieren, und weil es doch nicht wohl anging, ihn anzurufen, folgte sie einer schnellen Eingebung, warf den schönen Fächer, welchen sie erst seit gestern besaß, über Bord, und stieß dabei einen Schrei aus, in dem sich Schreck und Bedauern auf's Natürlichste paarten.

Das wirkte. Der Offizier wandte sich um, seine Augen begegneten den ihren, und nun bog sich Dada weit über die Brüstung des Schiffes, wies auf den Spiegel des Sees und rief lebhaft: »In's Wasser gefallen! Mein Fächer!«

Wiederum machte der Offizier eine leichte Verbeugung. Dann trat er von dem Wege an's Ufer, und während Dada ruhiger fortfuhr: »Da! – dort! Ach, wenn Ihr wolltet! . . . Ich hatte den hübschen Fächer so gern! Seht, seht nur, wie gefällig er ist! – Da schwimmt er Euch schon entgegen!«

Konstantin, der Präfekt, hatte den Fächer bald ergriffen und schwenkte ihn, während er das Schiff bestieg, trocken.

Sie nahm den Fächer freudig in Empfang, strich die feuchten Federn glatt und dankte seinem Retter warm und lebendig; er aber versicherte, daß es ihm lieber gewesen sein würde, ihr einen größern Dienst zu erweisen. Dann wollte er sich mit einer Verneigung, welche nicht weniger gemessen ausfiel als die früheren, entfernen; aber er ward ganz unerwarteterweise aufgehalten, denn die ägyptische Sklavin trat ihm in den Weg, küßte den Saum seines Waffenrocks und rief: »Welche Freude für den Herrn Vater und die Frau Mutter und arme Sachepris. Der Herr Konstantin wieder daheim!«

»Ja, endlich wieder zu Hause!« entgegnete der Soldat mit tiefer, wohlklingender Stimme. »Deine alte Herrin hält sich noch wacker. So ist es recht! Ich bin auf dem Weg zu den Anderen.«

»Wissen schon, daß Ihr da seid,« versetzte die Sklavin. »Große Freude bei Allen. Haben gefragt, ob der Herr Konstantin die alten Freunde vergessen.«

»Keinen, keinen.«

»Und wie lang ist's doch her, seitdem der Herr Konstantin fortzog. Zwei Jahre, nein, ganze drei, und doch gar nicht verändert. Nur die Narbe über dem Auge! Daß doch dem Bösewicht, der das gethan hat, die Hand verdorre.«

Dada hatte den breiten Schwertstreich, welcher die ganze Stirn des Soldaten, so weit der Helm sie sehen ließ, durchfurchte, längst bemerkt, und unterbrach nun die Sklavin: »Wie das euch Männer nur freuen kann, euch gegenseitig zu schlachten und zu zerschlagen. Denkt nur, wenn der Hieb einen einzigen Finger breit tiefer gegangen wäre, – Ihr hättet das Auge verloren, und dann – lieber tot sein als blind! Wenn Alles hell ist, nichts sehen zu können: wie das nur sein muß! Die Erde liegt dann im Dunkel, und Ihr könnt nichts mehr erkennen: nicht den Himmel, nicht den See, nicht das Schiff, nicht einmal mich hier.«

»Das wäre schade,« unterbrach sie der Präfekt und zuckte lächelnd die Achseln.

»Schade!« rief Dada. »Das klingt wie gar nichts, das ließe sich, dächt' ich, ganz anders sagen! Mich, mich schaudert, wenn ich an Blindheit nur denke. Wie langweilig kann es schon sein mit zwei offenen Augen, und wie muß es erst werden, wenn sie den Dienst versagen und es mit dem Umschauen vorbei ist. Wißt Ihr auch, Herr, daß Ihr mir nicht bloß einen Gefallen erwiesen habt, sondern gleich zwei auf einmal?«

»Ich?« fragte der Reiterpräfekt.

»Ja, Ihr. Aber mit dem zweiten seid Ihr noch nicht fertig. Und nun setzt Euch ein wenig, ich bitte. Da steht ein Sessel. Ihr wißt doch: es nimmt die Ruhe, wenn ein Besucher sich nicht niederläßt, eh' er weggeht. So, und nun möcht' ich Euch fragen: tragt Ihr nicht gerade in der Schlacht den Helm auf dem Kopfe? Ja? Aber wie hat dann der Schwertstreich Eure Stirn treffen können?«

»Im Handgemenge,« versetzte der Krieger, »bleibt mancherlei nicht an der rechten Stelle. Der Eine schlug mir den Helm beiseite, und der Andere hieb dann von vorn auf mich ein.«

»Und wo geschah das?«

»Am Savus, wo wir den Maximus schlugen.«

»Und Ihr hattet da denselben Helm auf dem Kopfe?«

»Ja wohl.«

»O, zeigt ihn mir einmal her! Ob man die Beule in dem Metalle noch sieht? Wie schwer solch ein Ding mit seinem Bügel doch sein muß!«

Da nahm sich Konstantin den Helm geduldig vom Haupte und reichte ihr denselben. Sie wog ihn in den kleinen Händen, fand seine Last unerträglich und führte ihn dann in die Höhe, um ihn sich selbst auf die Locken zu setzen; aber das schien dem Krieger nicht zu gefallen, und mit einem kurzen »Ich bitte,« nahm er ihr den Helm aus der Hand, setzte ihn wieder auf und erhob sich.

Da wies Dada lebhaft auf den Sessel und rief: »Nein, nein, mit dem zweiten Dienste bin ich noch nicht zufrieden. Ich war im Begriff, vor Langerweile zu Grunde zu gehen; da seid Ihr zur rechten Zeit gekommen, und wenn Ihr Euer Rettungswerk durchführen wollt, müßt Ihr mir etwas von der Schlacht, wo Ihr die Wunde bekommen, erzählen, und wer Euch gepflegt hat und ob die pannonischen Weiber wirklich so schön sind.«

»Dazu fehlt mir leider die Zeit,« unterbrach sie der Präfekt, »und was die Langeweile anlangt, so vertreibt sie die Sachepris dort geschickter als ich; wenigstens hat sie sich in früheren Jahren vortrefflich auf's Märchenerzählen verstanden. Einen fröhlichen Tag!«

Mit diesem Gruß entfernte sich Konstantin und schaute sich, während er auf den Garten des Porphyrius zuschritt, weder nach dem Schiffe, noch nach seiner schönen Bewohnerin um.

Dada blickte ihm verdutzt und erröthend nach. Sie hatte wieder etwas gethan, womit Herse, und, was ihr noch viel peinlicher war, womit Agne unzufrieden gewesen sein würde. Der Fremde, mit dem sie zu spielen versucht hatte, war ein würdiger Mann. Gorgo konnte stolz sein auf solchen Geliebten; und wenn er nun hinging und ihr vielleicht verdrossen erzählte, welch' lästiger Aufenthalt ihr durch die kecke Sängerin erwachsen, so war das ihre eigene Schuld. Sie hatte das Gefühl, als sei etwas an ihr und in ihr, was sie schlechter erscheinen ließ, als sie war und sein wollte. Agne, Marcus, der Präfekt und auch Gorgo waren etwas Höheres, Würdigeres, als sie und die Ihren, und zum ersten Male fühlte sie, daß die Gefahren, vor denen der junge Christ sie hatte schützen wollen, keine bloßen Hirngespinnste seien. Sie konnte sie nicht mit bestimmtem Namen bezeichnen, aber sie fühlte, daß sie ohne Halt und Stütze, ohne Waffen gegen die thörichten Triebe der eigenen Seele von einem Beginnen zum andern durch die Stunden flattere wie ein Blatt im Winde, und sie sagte sich, daß ihr Jedermann, schon weil sie als Sängerin mit den Ihren durch die Welt fuhr, mißtraue und sich gestatte, ihr Schmähliches zuzumuthen. Ein leiser Groll gegen das Schicksal, die Ihren, sich selbst überkam sie, und dazu eine namenlose Sehnsucht nach einem andern, neuen Leben.

Still vor sich hin brütend schaute sie in das Wasser und hörte und sah nichts von Allem, was um sie her vorging, bis die Sklavin sie anrief und auf einen Wagen wies, der bei der Gasse, welche den Hain des Isistempels von der Werft trennte, stillhielt, und in dem die Ägypterin das Gespann des Marcus wieder zu erkennen behauptete.

Da sprang Dada schnell auf und lief mit glühenden Wangen in den Schiffsraum, um ihre Schuhe zu holen; aber Alles, was Sandalen hieß, war verschwunden, und Herse hatte wohl gethan, der Sklavin auf die Füße zu sehen, denn das Mädchen that zuletzt das Gleiche und würde sich nicht geschämt haben, sich ihrer Schuhe zu bedienen, wenn sie nicht doch gar zu plump und garstig gewesen wären.

Das hatte Herse ihr angethan, und es war leicht zu errathen, zu welchem Zwecke. Um sie sicher zu machen, hatte sich die falsche Frau beim Abschied so freundlich gegen sie erwiesen. Das war Hinterlist, das war böse und schändlich! Und sie, wie ein Lamm hatte sie sich bisher in Alles gefügt, aber das, das war zu viel, das wollte sie sich nicht gefallen lassen, das . . .

Da kam die Sklavin in ihre Kammer und rief sie auf's Deck. Dort war ein neuer Besucher erschienen: ein alter Bekannter und Reisegefährte, Demetrius, des Marcus älterer Bruder.

Zu anderer Zeit würde sie den Landmann freundlich begrüßt und ihn als Tröster in der Einsamkeit willkommen geheißen haben, aber er hatte eine üble Stunde für seinen Besuch und sein Vorhaben gewählt, das konnten ihm die gerötheten Wangen und feuchten Augen des Mädchens sagen.

Er war gekommen, um sie – koste es, was es wolle – mit sich auf seine Güter bei Arsinoë im Seeland zu nehmen. Der Besitz des schönen Mädchens reizte ihn wenig; doch wünschte er dringend, ja, er hielt es für seine Pflicht, den unerfahrenen Bruder vor Gefahren zu retten, in die ihn seine thörichte Neigung zu der Sängerin zu stürzen drohte.

Ein Beutel voll Goldstücke und ein Halsschmuck von Türkisen und Diamanten, den er in der Halle der Juweliere im Judenviertel für eine Summe erstanden, welche er mit Ingrimm schon mehrmals in eine Schiffsladung Korn und einen ganzen Keller voll Wein und Öl umgesetzt hatte, sollte ihn bei diesem Vorhaben unterstützen, und der Landmann ging gerade auf sein Ziel los und forderte das Mädchen kurz und einfach auf, die Ihren zu verlassen und ihm nach Arsinoë zu folgen.

Als sie ihn verwundert fragte, was sie dort solle, entgegnete er, daß er eine heitere Gefährtin brauche. Ihr Näschen gefalle ihm, und wenn er sich auch nicht schmeicheln dürfe, von vornherein Wohlgefallen vor ihren Augen zu finden, so bringe er ihr dafür etwas mit, was ihr gut stehen werde, und etwas Anderes, das ihm helfen solle, ihre Gunst zu erwerben. Er sei kein Knauser, und wenn ihr das und das – dabei breitete er die blitzende Kette aus und stellte den vollen Beutel auf das Polster – behage, so möge sie es als Abschlagszahlung annehmen und sich auf mehr gefaßt machen, denn seine Tasche sei weit.

Dada unterbrach ihn nicht, denn die Entrüstung, welche sich ihrer mehr und mehr bemächtigte, beengte ihr den Athem. Diese neue Demüthigung überschritt alle Grenzen des Erträglichen, und als sie endlich die Kraft zu reden und zu handeln zurückerlangt hatte, warf sie den Beutel von dem Polster und stieß ihn, nachdem er klirrend auf das Deck gefallen, als sei er verpestet, mit dem bloßen Fuß weiter von sich. Dann stellte sie sich gerade vor den Landmann hin und rief: »Schande über euch Alle! Du glaubst, weil ich ein armes Mädchen, eine Sängerin bin, und weil Du schmutziges Geld hast . . . Dein Bruder, der Marcus, hätte das nicht gethan, das gewiß nicht! . . . Aber Du, Du häßlicher Bauer . . . Wenn Du noch einmal wagst, dies Schiff zu betreten, so sollen Dich Karnis und Orpheus herunterjagen wie einen Dieb oder Mörder. Ewige Götter, was hab', was hab' ich denn gethan, daß mich Jeder für schlecht hält? Ewige Götter . . .«

Dabei brach sie in lautes, krampfhaftes Schluchzen aus und eilte auf die Treppe zu, welche in den untern Schiffsraum führte.

Demetrius rief ihr begütigende Worte nach, sie aber wollte ihn nicht hören.

Dann sandte er die Sklavin aus, um sie zu bitten, ihm Gehör zu schenken, aber diese brachte ihm nichts als den Befehl, das Schiff sogleich zu verlassen.

Da gehorchte er, und während er den Beutel aufnahm, dachte er: »Den Kornspeicher und das Weinschiff hätt' ich zurück, aber ich würfe ihnen gern noch vier andere nach, wenn ich diesen elenden Streich ungeschehen machen könnte. Wäre man selbst nur würdiger und besser, so traute man Anderen weniger leicht so vielerlei zu, was unwürdig und schlecht ist.«

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