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Gutenberg > Georg Ebers >

Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.

Die Sängerfamilie hatte im Hause des Porphyrius gütige Aufnahme gefunden, aber zum Musiziren war es nicht gleich gekommen, denn sobald die alte Damia erfuhr, was den hübschen, blonden Lockenkopf, den sie gestern mit Vergnügen angesehen hatte, im Xenodochium der Maria zurückhielt, ließ sie Herse ein Gewand ihrer Enkelin bringen und bat sie, das Mädchen zu holen. Einige Sklaven sollten sie begleiten und ihr Gepäck in das Nilschiff des Porphyrius schaffen, welches bei der Werft vor Anker lag. In diesem stattlichen Fahrzeuge gab es mehrere Räume, welche schon oft Gäste des Hauses aufgenommen hatten und nun auch Karnis und die Seinen beherbergen sollten. Sie schienen besonders geschickt für die Sängerfamilie, denn sie konnte dort ungestört ihre Übungen halten, und das Schiff war für Gorgo jederzeit erreichbar.

Herse hatte sich erleichterten Herzens in das Xenodochium zurückbegeben; ihr Sohn war ausgeschickt worden, um Mancherlei, was auf der Seereise verloren gegangen, in der Stadt zu ersetzen, und Karnis hatte sich, seelenfroh, aus der Mönchsherberge entkommen zu sein, von seinem neuen Wirthe im Männersaale zurückhalten lassen und genoß dort die guten Gaben, welche ihm das Glück im Hause des Porphyrius bescheerte. Es war ihm hier zu Muthe, als habe ihn nach langer Verbannung die Heimat wieder an's Herz genommen. Hier wehte der Geist seines väterlichen Hauses, hier fand er Menschen, welche das Dasein in seinem Sinne zu schmücken verstanden, die seine Begeisterung theilten und auch seinen Haß. Aus einem kunstvoll geschnitzten Onyxpokal trank er edlen Wein, was er hörte, gefiel ihm, und was er sagte, fand volles Verständniß. Für die unsichere Zukunft der Seinen eröffneten sich hier Aussichten, welche nur wenig hinter denjenigen zurückblieben, die seine lebhafte Einbildungskraft ihm gestern vorgespiegelt hatte. Mochte sein Geschick sich auch wieder wenden; das, was er hier Gutes genoß, sollte zu dem Gewinn des Lebens geschrieben werden und wenigstens in der Erinnerung ein dauerhafter Besitz für ihn bleiben.

Die greise Damia, ihr Sohn Porphyrius, die schöne Gorgo, alle drei waren eigenartige Menschen, wie man ihnen selten im Leben begegnet.

Der weltkluge Handelsherr hatte gefunden, daß die Frauen den fremden Musikanten zu rasch und unvorsichtig entgegengekommen seien, und sich anfänglich zurückhaltend gegen Karnis erwiesen; aber nach einem kurzen Gespräche mit demselben war er zu der Überzeugung gelangt, daß er es hier mit einem Manne von ungewöhnlicher Bildung und tüchtigem Schlage zu thun habe. Die Greisin war den Fremden von vornherein geneigt gewesen, denn gestern Nacht hatten ihr die Sterne auf heute eine angenehme Begegnung vorausgesagt. – Ihr Wille war unter diesem Dache allmächtig. Karnis mußte lächeln, als er sie ihren längst ergrauten Sohn, welcher ganz aussah wie Einer, der sein Haus zu regieren verstand, »mein Kind« nennen oder zurechtweisen hörte. Ein hoher Armstuhl war ihre Residenz, welche sie nur verließ, wenn sie sich in ihr Observatorium auf dem Dache des Hauses tragen ließ, wo auch ihre magischen Tafeln und Schriften aufbewahrt wurden. Es war nichts schwach an ihr als die Füße, aber es standen ihr Arme genug zur Verfügung, welche sie zu Tisch, in ihr Schlafgemach und, so lange es Tag war, an sonnige Stellen im Hause oder im Garten schoben oder trugen. Wenn die Strahlen des Helios ihren Rücken beschienen, befand sie sich am wohlsten, denn ihr altes Blut bedurfte der Wärme nach den langen Nachtwachen, denen sie sich immer noch auf der Sternwarte unterzog. Selbst in der heißesten Mittagszeit saß sie, mit einem großen grünen Schirm über den scharfen Augen, in der Sonne, und wer sich mit ihr zu unterhalten wünschte, mochte Schatten suchen, wo er ihn fand. Wenn sie, auf ihren elfenbeinernen Krückstock gestützt, in gebeugter Haltung einem Gespräche folgte, sah es aus, als sei sie stets auf dem Sprunge, dem Andern in die Rede zu fallen. Ohne Rückhalt und Zügel sprach sie aus, was sie meinte, denn in einem langen Leben war es dieser Erbin großen Besitzes stets gestattet gewesen, den eigenen Willen überall zur Geltung zu bringen. Auch ihrem Sohne gegenüber nahm sie jedes Recht in Anspruch, und doch ging von dem männlichen Haupte des Hauses ein Gewebe aus, dessen Fäden sich über die halbe Erde erstreckten. Der Bauer, welcher das Fruchtland am oberen und unteren Nil bestellte, der Schafzüchter in der arabischen Wüste, in Syrien und auf den Sylphionweiden der Cyrenaika, der Wälderbesitzer am Libanon und am Gestade des Pontus, der Bergmann in Spanien und auf Sardinien, die Makler, Händler und Rheder in allen Hafenstädten des Mittelmeeres waren mit diesen Fäden an das Haus am mareotischen See gebunden und fühlten es, wenn die Hand des Graubartes, welcher sich von seiner Mutter meistern ließ wie ein Knabe, sie lockerte oder anzog. Der Besitz dieses Kaufherrn war schon in seiner Jugend so groß gewesen, daß die Vermehrung desselben weder ihm noch den Seinen neuen Genuß zuführen konnte, aber eben diese Vermehrung war ihm zur Lebensaufgabe geworden. Wie ein Wettkämpfer nach dem Ehrenpreise, strebte er nach einer hohen Zahl am Tage des jährlichen Abschlusses der Geschäfte; und seine Mutter sah nicht nur in das Hauptbuch, sondern folgte jeder neuen großen Unternehmung des Hauses. Wenn ihrem Sohne und seinen Gehülfen die Entscheidung über wichtige Fragen schwer fiel, gab sie den Ausschlag, und wenn ihr Rath sich in den meisten Fällen als vortrefflich bewährte, schrieb sie dies weniger dem eigenen Scharfsinn und der eigenen Weltkenntniß, als den Winken zu, welche Sterne und magische Kombinationen ihr gaben. Ihr Sohn folgte ihr nicht auf dieses Gebiet, aber er widersprach den Ergebnissen nur selten, zu denen sie auf ihrer Warte gelangte. Während sie die Nächte zum Tage machte, unterhielt er sich gern mit gelehrten Freunden, denn die Stunden, welche der Kaufherr seinem Streben nach Gewinn abmüßigte, waren der Philosophie gewidmet, und die besten Denker Alexandrias ließen es sich gern an der geschätzten Tafel des reichen Gönners wohl sein. Es freute ihn, wenn man ihn einen »Kallias« nannte, und die heidnischen Lehrer an den Universitäten des Museums und Serapeums erkannten ihn willig als Gesinnungsgenossen an. Man wußte, daß er getauft sei, aber weil es ihm peinlich war, unterließ man es, darüber zu reden. Die Bescheidenheit seines Wesens gewann ihm die Herzen, aber vielleicht noch mehr der leidende, an Schwermuth streifende Zug, der sich wie eine Schranke zwischen den überreich begüterten Mann und den Neid der Mißgünstigen stellte.

Im Laufe des Gesprächs fragte die Greisin den Alten nach Agne's Herkunft; denn wenn ein Makel an ihr hafte oder wenn sie eine Sklavin sei, könne Gorgo sich natürlich nicht öffentlich mit ihr zeigen, und Karnis werde dann die Klage der Isis mit einer freigeborenen Sängerin einzuüben haben.

Der Alte zuckte die Achseln und bat die Frauen und Porphyrius, in dieser Frage selbst das Urtheil zu fällen.

Vor drei Jahren, theilte er mit, sei er zu Antiochia gewesen und habe dort den großen Aufstand wegen der Steuererhebung ausbrechen sehen. Es sei dabei blutig hergegangen, und er habe sich mit den Seinen, sobald es thunlich gewesen, aus der Stadt entfernt. Als es dunkelte, sei er in einer Herberge am Wege eingekehrt, und dort habe er Agne und ihr Brüderchen in der Hand von Soldaten gefunden. In der Nacht sei das Mädchen an das Lager des Knaben getreten und habe diesem, um ihn zu trösten, ein einfaches Lied vorgesungen. Das sei ihr so rein und rührend von den Lippen geflossen, daß es ihm und seinem Weibe das Herz bewegt und sie veranlaßt habe, Schwester und Bruder für ein Geringes von den Soldaten zu kaufen. Er habe einfach bezahlt, was diese gefordert; als Sklaven eingetragen seien sie nicht, auch habe er keine Beschreibung ihrer Person anfertigen lassen, aber es liege doch wohl in seiner Hand, sie als Sklaven zu behandeln und zu veräußern, denn der Kauf sei vor Zeugen, welche sich noch ermitteln lassen würden, abgeschlossen worden. Später habe er von dem Mädchen erfahren, daß ihre Eltern Christen gewesen und erst wenige Jahre vor dem Ausbruche des Aufstandes nach Antiochia versetzt worden seien. Verwandte oder nähere Freunde hätten sie dort nicht besessen. Ihr Vater sei im kaiserlichen Dienst als Zollbeamter viel herumgeworfen worden; doch erinnere sie sich, daß derselbe Augusta Trevirorum in der Belgica prima seine Heimat genannt habe.

Das Mädchen war zugegen gewesen, wie das erregte Volk das Haus ihrer Eltern gestürmt und diese sammt ihren beiden Sklaven und ihrem ältern Bruder getötet hatte. Jedenfalls sei Agne's Vater ein höherer Beamter, vielleicht auch ein römischer Bürger gewesen, und dann – der Kaufherr Porphyrius bestätigte dies – werde das Mädchen und sein Bruder jederzeit berechtigt sein, die Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Dem Gesindel, welches die Kinder auf die Straße und vor das Thor geschleppt hatte, waren sie von Soldaten abgejagt worden; von diesen aber hatte sie Karnis erstanden. »Und ich brauche es nicht zu bereuen,« schloß der Alte, »denn Agne ist ein liebes, sanftes Geschöpf. Von ihrer Stimme will ich nicht reden, ihr habt sie ja gestern selbst vernommen.«

»Und mit wahrem Entzücken!« rief Gorgo. »Wenn Blumen singen könnten, so müßte es klingen.«

»Wohl, wohl!« versetzte Karnis. »Ihre Stimme ist köstlich, aber es fehlen ihr die Flügel. Ein unüberwindliches Etwas hält das Veilchen am Boden zurück!«

»Christliche Bedenken!« rief der Kaufherr, und die alte Damia fügte hinzu:

»Laß Eros kommen, der löst ihr die Zunge!«

»Eros und immer Eros,« versetzte Gorgo und zuckte die Achseln. »Wer liebt, der leidet und schleppt sich mit Fesseln. Um das Beste zu leisten, wozu man geschickt ist, braucht man nichts zu sein als frei, wahr und gesund.«

»Das ist viel, Herrin,« entgegnete ihr Karnis mit Eifer. »Mit diesen Dreien vollbringt sich das Höchste. Aber Agne, wie steht es mit der? Wer könnte unfreier sein als ein dienendes Mädchen! Ihr Leib, ja, der ist gesund, aber ihre Seele leidet und kommt nicht zur Ruhe aus Furcht vor all dem christlichen Schreckniß: Sünde, Reue und Hölle . . .«

»Wir kennen den Lebensverderb,« fiel ihm die Greisin in's Wort. »Seid ihr durch die Christin in die Herberge der Maria gerathen?«

»Nein, edle Frau.«

»Dann aber . . . Diese Heilige wählt doch sonst ihre Gäste, und wer nicht getauft ist . . .«

»Sie hat diesmal auch Heiden beherbergt.«

»Das wundert mich eben. Erzähle, wie es gekommen!«

»Wir waren in Rom,« begann der Sänger, »und durch die Vermittlung meiner Gönner hatte uns Marcus, der Sohn der Maria, zu Ostia mit auf sein Schiff genommen. In Cyrene ging es vor Anker, denn der junge Herr wollte von dort aus seinen Bruder nach Alexandria mitnehmen!«

»Demetrius ist hier?« fragte Porphyrius.

»Ja, Herr. Er stieg in Cyrene mit uns an Bord. Kaum hatten wir den Hafen hinter uns, als sie zwei Seeräuberschiffe bemerkten. Da wurde die Trireme gewandt, doch bei der eiligen Rückfahrt fuhr sie sich in eine Sandbank fest, und nun wurden die Boote ausgesetzt, um die Herren und den Konsul Cynegius zu retten.«

»Cynegius auf dem Wege hieher?« fragte Porphyrius wieder und richtete sich lebhaft auf.

»Gestern ist er mit uns im Hafen des Eunostus gelandet. Die Sekretäre und Offiziere in seinem Gefolge füllten das eine Boot, Marcus und sein Bruder wollten mit ihren Leuten das zweite besteigen. Wir und andere Fahrgäste würden zurückgelassen worden sein, wenn nicht die Dada . . .«

»Die hübsche Blonde von gestern?« fragte Damia.

»Dieselbe. Der junge Marcus hatte sich auf der Fahrt an ihrem Geplauder und ihren Liedern ergötzt; reiner als sie kann auch keine Nachtigall singen, und als sie sich auf's Bitten legte, gab er bald nach und lud sie zu sich in's Boot. Aber das brave Ding erklärte, sie wolle lieber in's Wasser springen, als ohne uns fahren.«

»Brav, brav!« rief die Greisin, und Porphyrius fügte hinzu:

»Ein gutes Zeichen für das Mädchen und Euch.«

»Marcus,« fuhr Karnis fort, »nahm uns also mit in den Nachen – uns Alle – und so kamen wir wieder glücklich an's Land. Nach einigen Tagen brachte ein Kriegsschiff den Cynegius, die Brüder und uns wohlbehalten hierher, und da wir unsere Baarschaft verloren hatten, gab uns Marcus einen Schein, welcher uns Aufnahme im Xenodochium seiner Mutter verschaffte. Dann führten die Götter die Meinen und mich mit dieser edlen Jungfrau zusammen.«

»Also Cynegius ist hier, sicher hier?« fragte Porphyrius noch einmal, und als Karnis dies bestätigte, wandte er sich unruhig an seine Mutter und sagte: »Olympius ist noch nicht zurück. Immer derselbe; tollkühn wie ein Jüngling. Wenn sie ihn fangen! Die Straßen wimmeln von Mönchen. Es geht etwas vor. Anspannen, Syrus; sogleich! Der große Atlas soll mich begleiten. Cynegius hier! Ah! – Ah! – Ich danke den Göttern!«

Dieser Ausruf galt einem tief vermummten Manne, welcher in diesem Augenblick das Zimmer betreten hatte, und während er die Kapuze seines Mantels abwarf und das große Tuch, welches seinen Hals umgeben und den langen weißen Bart verborgen hatte, ablöste, aufathmend ausrief: »Da wär' ich denn wieder! – Cynegius ist hier; es wird Ernst, meine Freunde!«

»Und Du warst im Museum?« fragte der Kaufherr.

»Unangefochten. Ich fand sie Alle beisammen. Brave Jungen. Sie halten zu uns und den Göttern. Waffen genug sind vorhanden. Die JudenschaftDamals an 2/5 der ganzen Bevölkerung. rührt sich nicht, Onias glaubt dafür einstehen zu können, und mit den Mönchen und den kaiserlichen Kohorten werden wir fertig.«

»Wenn die Götter helfen für heute und morgen,« versetzte Porphyrius bedenklich.

»Für immer, wenn das Landvolk seine Pflicht thut!« rief der Andere. »Wer ist dieser Fremde?«

»Das Haupt der Musiker von gestern,« entgegnete Gorgo.

»Karnis des Hiero Sohn von Tauromenium,« sagte der Sänger und verneigte sich vor dem Fremden, dessen majestätische Gestalt und schönes Denkerhaupt ihm Bewunderung einflößte.

»Karnis von Tauromenium!« wiederholte dieser überrascht und freudig. »Beim Herkules, eine seltene Begegnung! Die Hand, Deine Hand her, mein Alter. Vor wie vielen Jahren haben wir den letzten Weinkrug beim alten Hippias mit einander geleert? Sieben Lustren machen die Haare grau, aber wir halten uns Beide noch gerade. Nun, Du Sohn des Hiero, wer bin ich?«

»Olympius bist Du, der große Olympius!« rief Karnis und schlug freudig in die dargebotene Hand ein. »Alle Götter segnen diesen glücklichen Morgen.«

»Alle Götter! Das ist ein Wort,« rief der Philosoph. »Auch Du bist nicht unter das Kreuzjoch gekrochen?«

»Die Welt ist nur freudig in Gesellschaft der Götter!« rief Karnis in froher Erregung.

»Und wir wollen sie freudig erhalten und sie vor Verfinsterung bewahren,« fügte der Andere feurig hinzu. »Eine verhängnißvolle Zeit ist gekommen. Jetzt wird nicht mehr wie damals über Firlefanz gestritten; jetzt zerbrechen wir uns nicht mehr über Quark die Köpfe und meinen, das Glück der Welt hänge von der Entscheidung ab, ob der Mensch im letzten Augenblick des Lebens oder im ersten Moment des Todes sterbe, jetzt heißt es: Sollen die alten Götter siegen, sollen wir frei und froh mit den Himmlischen über uns leben oder den Nacken vor dem gekreuzigten Zimmermannssohne und seiner düstern Lehre beugen; hier wird für die höchsten Güter der Menschheit gekämpft . . .«

»Ich weiß,« unterbrach ihn Karnis, »Du hast für den großen Serapis wacker gestritten. Sie wollten Hand an sein Heiligthum legen; aber Du hast sie mit Deinen Jüngern zum Abzug gezwungen. Die Anderen sind straflos davongekommen . . .«

»Aber mir haben sie gezeigt, was mein Haupt ihnen werth ist,« lachte Olympius. »Drei Talente setzte Evagrius auf meinen Kopf. Dafür kauft man ein Haus, und wenn man bescheiden ist, kann man von den Zinsen den Aufwand des Lebens bestreiten. Ich hab' es zu etwas gebracht, wie Du siehst. Dieser edle Mann hält mich bei sich verborgen. Wir haben mit einander zu reden, Porphyrius, und Du, holde Gorgo, verliere die Isisfeier nicht aus den Augen. Gerade weil Cynegius da ist, muß sie glänzend in's Werk gesetzt werden! Er soll dem Kaiser, welcher ihn herschickt, berichten, wie die Alexandriner gesinnt sind. Wo ist das großäugige Mädchen von gestern?«

»Im Garten,« entgegnete Gorgo.

»Sie singt am Fuß der Bahre!« rief der Philosoph. »Dabei muß es bleiben.«

»Wenn ich die Christin dazu bewege!« erwiderte Karnis bedenklich.

»Sie muß!« versetzte der Philosoph mit aller Bestimmtheit. »Es würde doch schlimm bestellt sein um Alexandrias rhetorische und logische Künste, wenn es einem alten Disputanten nicht mehr gelingen wollte, die Meinung eines Mädchens von oberst zu unterst zu kehren. Laßt das meine Aufgabe bleiben. Auf Wiedersehen, edle Frauen! Mit Dir, Freund Karnis, hoff' ich später zu plaudern. Wie in aller Welt bist Du, der Du uns Anderen manchmal mit den väterlichen Solidi aushalfst, das Haupt einer reisenden Sängergesellschaft geworden? Du hast mir viel zu erzählen, Freund; aber das Wichtigste darf nicht unter dem Wichtigen leiden. Auf ein Wort, mein Porphyrius!«

Agne erwartete während dieses Gesprächs Herse's Rückkehr in dem Säulengange, welcher sich an der Gartenfront des Hauses hinzog. Sie war gern allein, und es ruhte sich schön auf dem weichen Polster unter den vergoldeten Kassetten der Decke dieses offenen Raumes. An den Schmalseiten desselben standen dichtbelaubte Sträucher voll veilchenblauer Blumen, und ihre Zweige ragten tief herein und warfen freundliche Schatten auf ihren Ruhesitz. Da genoß sie den Duft der schönen, fremden Blüten und griff von Zeit zu Zeit nach dem Imbiß, welchen Gorgo mit eigener Hand vor sie hingestellt hatte.

Was sie hier empfand, sah und hörte, that den Sinnen so wohl. Saftigere Pfirsiche, vollere und makellosere Weintrauben, frischere Mandeln und lockerern Kuchen hatte sie niemals gesehen oder gar zu kosten bekommen. In den Laubgruppen des Gartens und auf den Rasenflächen zwischen den Wegen gab es kein dürres Blatt, keinen welken Halm, kein ärmliches Unkraut. Hier schwollen Knospen an den Zweigen eines alten Baumes, dort bedeckten duftende Blumen in Weiß und Blau, in Goldgelb und Roth ganze Reihen von Sträuchern, und edle Früchte schimmerten aus dem dunkelgrünen, spiegelglatten Laub der Citronen- und Orangenbäume. Auf einem runden Teiche in ihrer Nähe zogen schwarze Schwäne ihre stillen Kreise und erhoben von Zeit zu Zeit die klagenden Stimmen. Heiterer Vogelgesang mischte sich in das Geplätscher der Brunnen, und die Marmorstatuen schienen, stumm wie sie waren, die heitere Morgenluft und das Schwirren und Tönen rings um sie her mit zu genießen.

Ja, hier ließ es sich wohl sein; und als sie einen neuen Pfirsich gebrochen hatte und sein weiches, saftiges Fleisch würzigen Wohlgeschmack über ihre Zunge goß, mußte sie lächelnd des harten Schiffzwiebacks von gestern und vorgestern gedenken. Ja, wem es wie der schönen Gorgo vergönnt war, Jahr um Jahr, Tag für Tag so gute Dinge froh zu genießen! Hier war es wie im grünen Eden, der lenzfrischen Wohnung der ersten, sorgenlosen Menschen. Hier konnte es keinen Schmerz geben, hier weinte Niemand, hier ward keine Reue empfunden. Hier zu sterben . . . Da stockte sie, und eine neue Reihe von Gedanken drängte sich ihr auf. Sie war noch so jung, und doch war sie schon so vertraut mit dem Tode wie mit dem irdischen Dasein; denn wo sie auch immer einem Lehrer ihrer Kirche vertraut hatte, daß sie, verwaist und unfrei, viel inneres Leid erdulde, war sie auf das Jenseits und die Freuden des Paradieses vertröstet worden, und aus der Hoffnung auf diese schöpfte die Träumerin Alles, was eine junge Künstlerseele an Genuß bedarf, um nicht zu Grunde zu gehen. Jetzt sagte sie sich, wie schwer es sein müsse, in all dieser Herrlichkeit zu sterben. Hier zu leben, hieß das nicht die Freuden des Paradieses vorweg nehmen, und im Jenseits, unter den Engeln des Himmels, bei ihrem Heiland, mußte es da nicht noch viel tausendmal schöner sein als hier?

Ein leises Grauen befiel sie, denn hier zählte sie nicht mehr zu den Armen und Leidtragenden, denen Christus selbst das Himmelreich verheißen; hier gehörte sie zu jenen Reichen, die kein Heil zu erwarten hatten im Jenseits.

Beklommenen Herzens schob sie die Pfirsiche von sich und schloß die Augen, um all diese vergängliche Herrlichkeit und das sündliche Heidenwerk, woran sich ihre Sinne geweidet, nicht mehr zu sehen.

Sie wollte elend bleiben hienieden, um mit den Eltern vereint zu werden auf ewig.

Sie glaubte nicht nur, es war ihr Gewißheit, daß ihr Vater und ihre Mutter im Himmel weilten, und oftmals hatte es sie gedrängt, um den Tod und die Wiedervereinigung mit ihnen zu beten; aber sie durfte ja noch nicht sterben, denn ihr Brüderchen hatte sie nöthig. An guter leiblicher Pflege fehlte es dem Kinde nicht bei den freundlichen Menschen, in deren Dienst sie stand, aber ohne das Kind wollte sie nicht vor den Eltern erscheinen, und es war für ewig verloren, wenn sie seine junge Seele den Feinden ihres Glaubens preisgab.

Das Herz that ihr weh, so oft sie bedachte, daß Karnis, welcher gewiß nicht zu den bösen Menschen gehörte und den sie als Meister in der Kunst, die sie liebte, verehren mußte, daß die immer sorgende, gütige Herse, daß die fröhliche Dada, ja, daß auch Orpheus dem ewigen Verderben erlesen sein sollten. Um diesen zu retten, hätte sie viele Freuden des Paradieses hingeben mögen. Sie sah wohl, daß er an der Abgötterei nicht weniger fest hing als seine Eltern, und doch betete sie täglich für die Rettung seiner Seele, und sie hörte nicht auf zu hoffen, daß ein Wunder geschehen, daß er seinen Tag von Damaskus erleben und sich zu Christus bekennen werde. Es war ihr so wohl in seiner Nähe, und nie fühlte sie sich glücklicher, als wenn es ihr vergönnt war, mit ihm zusammen oder zu seinem kunstvollen Lautenspiele zu singen. Wenn es ihr einmal gelang, sich selbst zu vergessen und alles Höchste und Beste, was sich in ihrem Herzen regte, in ihre volle und schöne Stimme zu legen, dann gab er, dessen Ohr nicht weniger fein war als das seines Vaters, ihr seinen Beifall zu erkennen, und in solchen Augenblicken liebte sie das Leben und fand es schön.

In der Musik besaß sie ein Band, welches sie mit Orpheus vereinte, und wenn ihre Seele erregt war, konnte sie in Tönen empfinden und denken. Gesang war für sie die Sprache des Herzens, und sie hatte erfahren, daß auch Heiden sie reden konnten und sie verstanden. Selbst ihr himmlischer Vater mußte Freude haben an einer Stimme wie Gorgo's. Diese war eine Heidin, und doch hatte in ihrem Gesange Alles gelegen, was sie selber empfand, wenn sich ihr Herz zu brünstigem Gebete erhob. Der Christ – war ihr oft gesagt worden – dürfe mit den Götzendienern nichts theilen, aber Gott selbst hatte sie in die Hand des Karnis gegeben, die Kirche gebot dem Diener, dem Herrn zu gehorchen; und der Gesang kam ihr vor wie eine besondere Sprache, welche Gott allen belebten Wesen, ja auch den Vögeln schenkt, um mit ihm zu reden, und so freute sie sich ohne Bedenken, daß es ihr bald vergönnt sein sollte, die eigene Stimme mit der des heidnischen Mädchens zu mischen.

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