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Gutenberg > Georg Ebers >

Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Während Marcus der Vorschrift seines Bruders folgte, wartete Dada ungeduldig auf Eusebius und ihn.

Gorgo hatte sie von der Amme in das hell erleuchtete Musikzimmer führen und ihr sagen lassen, daß sie sie, sobald es der Zustand ihres Vaters gestatte, dort aufsuchen werde. Man hatte ihr auch einen Imbiß, welcher aus lauter leckeren Dingen bestand, vorgesetzt; aber sie rührte ihn nicht an, denn es kam ihr vor, als ob die stolze Kaufmannstochter sie geflissentlich meide, und Sehnsucht und das Gefühl des Alleinseins beängstigten sie.

Um sich zu zerstreuen, betrachtete sie die schönen Kunstsachen, welche überall umherstanden, befühlte sie die Stoffe, mit denen die Polster bedeckt waren, und griff sie in die Laute, welche an dem Postament einer Muse lehnte. Sie spielte nur wenige Akkorde; aber diese riefen allerlei Erinnerungen in ihr wach, und nun ließ sie sich auf einem Divan an einer weniger hell beleuchteten Stelle des weiten Raumes nieder und gab sich dem Nachdenken über das Viele hin, was ihr die letzten Tage gebracht hatten, und das Alles erschien ihr so schön, daß es kaum wirklich sein konnte. Ja, ihre Hoffnungen waren so reich und köstlich, daß sie leise um ihre Erfüllung bangte, aber eben nur leise und auf kurze Augenblicke; denn ihr junges Herz war voll von Zutrauen und Schwungkraft, und wenn ein Bedenken es niederhielt, so schnellte es wieder rasch in die Höhe und wagte das Kühnste zu wünschen.

Übervoll von Glück und Dankbarkeit, dachte sie an Marcus und seine Liebe, malte sie sich die Zukunft an seiner Seite aus, und wenn der Verdruß über Gorgo's Ausbleiben, die Sorge um ihre Angehörigen und die Bangigkeit vor der Mutter ihres Verlobten ihre Seele leise umwölkten, so brach sich die Wonneempfindung, welche sie beherrschte, immer wieder schnell und kräftig Bahn. So vergaß sie Zeit und Stunde, bis Gorgo endlich bei ihr erschien.

Die Kaufmannstochter hatte die Sängerin nicht geflissentlich gemieden; sie war vielmehr wirklich durch den Vater zurückgehalten worden; denn er hatte nun erfahren müssen, daß seine Mutter, die geliebte Leiterin seines Hauses, nicht mehr unter den Lebenden weile. Im Serapeum war ihm dies noch auf Wunsch des Arztes verheimlicht worden, nun aber hatte er auch noch durch die Unvorsicht eines Freundes gleich nach der Heimkehr Kunde von einer Schreckensnachricht erhalten, welche seit einigen Stunden die Stadt erregte und die ihn selbst nahe betraf.

Des Kaufherrn beide Söhne befanden sich in Thessalonica, und ein von dorther kommendes Schiff hatte die wohlverbürgte Mittheilung gebracht, daß fünfzehntausend Bürger dieser Stadt im Cirkus meuchlerisch ermordet worden seien.

Diese gräßliche Blutthat war von den Truppen auf Befehl des Kaisers Theodosius begangen worden, der die unglücklichen Bewohner des Ortes hinterlistig in den Hippodrom geladen hatte, um sie dort abschlachten zu lassen. Sein gothischer Feldhauptmann Botherich war zu Thessalonica von der Menge ermordet worden, und der Kaiser hatte diesen Frevel blutig gerächt.

Porphyrius kannte seine Söhne und wußte, daß sie nirgends fehlten, wo es Wettspiele zu sehen gab. Sie waren gewiß unter den Zuschauern gewesen, und das Schwert der Mörder mußte auch sie getroffen haben. Die Mutter, zwei blühende Kinder waren ihm entrissen, und er würde wieder zum rettenden Gifte gegriffen haben, wenn ihm nicht ein matter Hoffnungsschein die verloren Geglaubten am Leben gezeigt hätte. Aber er geberdete sich dennoch wie ein Verzweifelter und als habe er sein Letztes verloren.

Gorgo sprach ihm zu, suchte seine Hoffnung auf die Rettung der Brüder zu beleben, erinnerte ihn an die Pflicht des Philosophen, die Schläge des Schicksals gelassen zu tragen; aber er hörte sie nicht und brach mitten unter dem kläglichsten Jammer in laute Wuth aus. Zuletzt wünschte er allein zu sein und erinnerte Gorgo an ihre Verpflichtung, sich um Dada zu kümmern. Da folgte die Jungfrau seiner Mahnung, aber sie that es nicht gern; denn wie viel Gutes sie auch durch Demetrius über die Sängerin vernommen, so fühlte sie doch eine leise Scheu vor derselben.

Als sie ihr näher kam, war es ihr wie dem Vornehmen, der sich herablassen soll, in die dumpfe Wohnung der Armuth zu treten. Aber der Vater hatte Recht; sie war ihr Gast, und sie mußte ihr freundlich begegnen.

Vor dem Musiksaal trocknete sie die Thränen um die Brüder, welche ihr viel zu heilig schienen für ein Geschöpf, das die Schranken keck durchbrach, welche die Sitte ihrem Geschlechte setzte. Die Erscheinung Dada's ließ sie annehmen, daß ihr, die sich zu einer Liebschaft mit ihrem Vetter herbeigelassen hatte, all' jene großen Empfindungen, welche sie nach dem Vorgang ihrer philosophischen Lehrer »sittlichen Ernst« und »Streben nach den höchsten Dingen« nannte, fremd sein mußten. Sie fühlte sich ihr weit überlegen; aber es würde ungroßmüthig gewesen sein, sie das empfinden zu lassen, und so trat sie ihr gütig entgegen; Dada aber erwiderte ihren Gruß dennoch ohne Herzlichkeit und befangen.

»Es freut mich,« begann Gorgo, »daß Dich der Zufall zu uns geführt hat;« und Dada entgegnete schnell: »Ich meine, daß ich das der Güte Deines Vaters verdanke und nicht dem Zufall.«

»Ja, er ist gut,« versetzte die Andere, indem sie die Gereiztheit in den Worten der Sängerin geflissentlich überhörte. »Und dabei haben ihm die letzten Stunden unsagbar Schweres gebracht. Du hast wohl gehört, daß ihm der Tod die Mutter entrissen. Du kanntest sie ja, und Du mußt wissen, daß sie Dir freundlich gesinnt war.«

»Laß das!« bat Dada.

»Ihr Herz war schwer zu gewinnen,« fuhr Gorgo fort; »aber Dir war sie geneigt. Zweifelst Du etwa daran? Wärest Du nur Zeuge gewesen, wie sorgsam sie das Gewand, das Du trägst, und den Schmuck dazu für Dich ausgesucht hat!«

»Laß das!« bat die Andere noch einmal. »Sie ist tot, und ich vergebe ihr gern; aber sie hatte es übel mit mir im Sinn.«

»Das ist nicht schön,« unterbrach sie Gorgo und machte kein Hehl aus dem Unwillen, mit dem sie diese Antwort erfüllte. »Die Entschlafene erntet bei Dir schlechten Dank für zu freigebige Güte.«

Da schüttelte Dada abweisend den Kopf und entgegnete fest: »Ich bin gern dankbar, selbst für das Kleinste; man hat mir auch selten genug uneigennützig Gutes erwiesen, aber wenn es nun einmal gesagt sein soll: sie hat mich für ihre Zwecke benützen und dem Marcus und seiner Mutter durch mich Schaden und Leid anthun wollen. Und Du, Du mußt das auch wissen; denn warum bin ich Dir zu gering gewesen, um mit Dir zu singen, wenn Du nicht geglaubt hast, ich sei ein leichtfertiges Mädchen und geneigt, der Verstorbenen den Willen zu thun? Alle Welt hält uns für schlecht, weil wir eben Sängerinnen sind; aber Du verstehst doch, Unterschiede zu machen, denn Du hast die Agne an Dich gezogen. Willst Du mich nicht kränken, so sprich mir nicht mehr von Dank, den ich der Verstorbenen schulde.«

Da senkte Gorgo den Blick; aber nach einer kurzen Pause erhob sie ihn wieder und sagte: »Du weißt nicht, wie schwer die Arme gelitten. Die Wittwe ihres Sohnes Apelles hat ihr viel Leid gethan, so bitteres, sie konnte es ihr niemals vergeben; und so triffst Du vielleicht auch das Rechte mit Deiner Vermuthung; aber darum hast Du der Großmutter dennoch gefallen, und nun, nun ist ihr Wunsch ja in Erfüllung gegangen, und Marcus hat Dich gefunden, und er liebt Dich wohl auch, wenn ich nicht irre.«

»Wenn Du nicht irrst?« fragte Dada lebhaft; »das mögen die Götter verhüten! Ja, wir haben uns gefunden und lieben einander; warum soll ich's verhehlen?«

»Und Maria, seine Mutter, was sagt sie dazu?« fragte Gorgo.

»Ich weiß nicht!« entgegnete Dada schüchtern.

»Aber sie ist seine Mutter!« rief die Andere gewichtig. »Gegen ihren Willen feiert ihr nie und nimmer die Hochzeit. Was er hat, das empfängt er von ihr.«

»Und sie mag es behalten,« fiel ihr Dada eifrig in's Wort. »Je kleiner und bescheidener das Haus ist, wohin er mich führt, desto besser. Ich will seine Liebe, nichts weiter. Was er mit mir vorhat, ist gut, denn er ist nicht wie die Anderen, und er begehrt nicht nur, was schön an mir ist. Ich folge ihm getrost, und wie er mir gesinnt ist, das magst Du daraus ersehen, daß er mich zu seinem würdigen Lehrer Eusebius führt.«

»So hast Du auch seinen Glauben zu dem Deinen gemacht?« fragte Gorgo.

»Gewiß!« versetzte Dada; die Andere aber fuhr fort: »Das freut mich für Marcus; und man könnte sich gern zu den Christen zählen, wenn sie nur thäten, was ihre Lehre fordert. Aber da wüthen sie und zerstören Alles, was schön ist. Was sagst Du dazu, Du, die der Musenfreund Karnis erzogen?«

»Ich?« fragte Dada. »Es gibt eben überall Frevler, und wenn sie gegen das Schöne wüthen, so thut mir das leid; aber wir Beide können uns darum doch nach wie vor daran freuen.«

»Wohl Dir, daß Du die Augen zu schließen verstehst, wie das Herz es vorschreibt!« entgegnete Gorgo und seufzte leise. »Das sind Beneidenswerthe, denen es gelingt, dem Geist Schweigen zu gebieten, wo es weh thut, seine Stimme zu hören. Ich, ich bin nun einmal zum Denken erzogen, kann das Sinnen nicht lassen, und eben das baut Schranken auf zwischen mir und dem winkenden Glück. Und doch: so lange die Wahrheit das Höchste ist, will ich die Gabe segnen, sie mit allen Mitteln des Geistes zu suchen. Mein Verlobter ist ein Christ wie der Deine, und ich wünschte, ich könnte seinen Glauben so leicht zu dem meinen machen wie Du: doch es ist mir nicht gegeben, in's Wasser zu springen, wenn ich wahrgenommen habe, daß es voll ist von Strudeln und Wirbeln. Aber hier handelt es sich nicht um mich, sondern um Dich. Wohl! Marcus wird glücklich sein, Dich zu besitzen; aber wenn es euch nicht gelingt, Maria für euch zu gewinnen, so wird er's nicht bleiben, gewiß nicht. Ich kenne die Christen und weiß, daß unter ihnen kein Herzensfrieden denkbar ist in der Ehe ohne den Segen der Eltern, und wenn dem Marcus der Segen seiner Mutter gebricht, wird er sich innerlich zermartern und am Leben verzagen, als habe er eine schwere Schuld auf sich geladen.«

»Aber trotz alle und alle dem,« unterbrach sie Dada, »kann er so wenig glücklich sein ohne mich, wie ich ohne ihn. Und ich, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, und doch ist man mir überall freundlich begegnet. Warum soll es mir da nicht gelingen, das Herz seiner Mutter für mich zu gewinnen? Ich will Alles daran setzen, daß sie mir gut wird, und es muß sie doch auch freuen, ihren Sohn glücklich zu sehen. Eusebius wird uns das Wort reden, und sie gibt uns schon ihren Segen; aber wenn es anders bestimmt ist, und wenn ich sein Weib nicht werden darf vor den Menschen, so laß ich doch so wenig von ihm, wie er von mir, so mag er dennoch über mich schalten, als wär' er mein Gott und ich seine Sklavin.«

»Aber, Du Ärmste, weißt Du denn nichts von der Würde und Ehre des Weibes?« fragte Gorgo und schlug in die Hände. »Du klagst über das Loos der Sängerinnen und das harte Urtheil, welches die Menschen über sie fällen, und was sprichst Du da aus? Thut mir den Willen, so klingt es, oder ich verhöhne die Sitte!«

Da fiel ihr Dada aufwallend in's Wort und rief eifrig: »Verhöhnen, sagst Du? Ich, sagst Du, verhöhne die Sitte? O nein, tausendmal nein! Ich halte mich für klein, ganz klein, und es ist ja auch nichts Großes an mir, und weil ich das weiß, bin ich bescheiden. So lang' ich lebe, hab' ich noch nie den Muth gefunden, auch nur ein Kind zu verhöhnen. Aber hier drinnen ist nun Etwas erwacht – durch Marcus, und nur durch ihn – und das macht mich stark; und wenn ich sehe, daß sich Herkommen und Sitte gegen mich verbünden, weil ich eine Sängerin war, und wenn sie mir vorenthalten wollen, was doch mein Recht ist, so hab' ich seit wenigen Stunden den Muth gewonnen, mich zu wehren, zu wehren auf Tod und Leben. Was Du ›Ehre‹ nennst, das hat man mich wie Dich heilig halten und hüten gelehrt, und ich hab' es so redlich bewahrt wie irgend ein anderes Mädchen. Nicht als ob ich damit groß thun wollte, aber Du ahnst ja gar nicht, wie das ist, wenn jeder Mann, so lang man groß ist, sich für berechtigt hält, sich an Einen zu drängen und Einem Netze zu stellen. Du und Deinesgleichen, ihr habt es ganz anders, denn euch beschützen Mauern und Schranken. Wir sind für die Männer wie Wildpret, euch müssen sie wie Göttinnen demüthig nahen. Und dann! Ich hab' es nicht nur von Karnis gehört, der die Welt und euresgleichen kennt, nein, ich hab' es in Rom in den Senatorenhäusern, wo es junge Herren und vornehme Töchter genug gab, selbst gesehen, denn meine Augen sind offen: bei euch ist die Liebe wie laues Wasser im Bade, aber uns, uns ergreift sie wie Feuer. Die Lesbierin Sappho ist vom leukadischen Felsen gesprungen, als sie der thörichte Phaon verschmähte, und wenn ich Marcus dadurch vor Unheil bewahren könnte, so thät' ich's ihr nach. Du hast ja auch einen Geliebten; aber was Du für ihn empfindest, das ist mit all' dem ›Geist‹ und ›Erwägen‹ und ›Denken‹, von dem Du da sprachst, doch kaum das Rechte; ich wenigstens kenne bei meiner Liebe kein Wenn und kein Aber, und so sehr es da drinnen auch treibt und drängt, will ich doch bei Eusebius geduldig warten und über mich ergehen lassen, was man mir vorschreibt. Aber trotz alledem brichst Du über mich den Stab, denn Du . . . aber Du . . . wie Du dastehst! O, wie Du dreinschaust! Du . . . So hast Du ausgesehen, als ich Dich damals singen hörte, und Du – bei allen neun Musen – Du gehörst selber zu uns und nicht zu den laublütigen Anderen; Du bist eine Künstlerin so gut und besser als ich, und wenn Dich die rechte Liebe einmal ergreift, dann sieh' zu, daß Du Dich nicht weiter über Sitte und Herkommen, oder wie sie sonst heißen, die heiligen, die Leidenschaft zähmenden Mächte, hinausschwingst, als ich, die ich ein braves Mädchen bin und bleiben möchte, so heiß auch die Flamme hier lodert!«

Da dachte Gorgo der Stunde, in der sie, das Weib, dem Manne ihrer Wahl als freie Gabe das dargeboten hatte, was nach dem Kanon des Herkommens nur seiner Bitte und Forderung gewährt werden durfte.

Erröthend schlug sie die Augen vor der armen Sängerin nieder, und während sie überlegte, was sie ihr entgegnen solle, näherten sich Männerschritte dem Zimmer, und bald betraten es erst der alte Eusebius mit Marcus, und dann Gorgo's Verlobter.

Dieser war tief niedergeschlagen, denn beim Brande der väterlichen Werft war sein zweiter Bruder um's Leben gekommen, und bei solchem Kummer fiel es kaum in's Gewicht, daß sein Vater durch die Zerstörung der großen Holzvorräthe einen beträchtlichen Theil seines Erworbenen eingebüßt hatte.

Gorgo war ihm befangen und unsicher entgegengetreten; aber nachdem sie erfahren hatte, was ihn und die Seinen betroffen, schmiegte sie sich an ihn und suchte ihn zu trösten. Die Anderen nahmen gleichfalls Theil an seinem Kummer, und bald sollten sich auch Dada's Augen mit Thränen füllen; denn durch Eusebius ward ihr die Kunde von dem Tode ihrer Pflegeeltern im Kampfe für den Serapis und von der schweren Verwundung des Orpheus.

In dem heitern Musikzimmer herrschte Trauer, bis der Landmann Demetrius erschien, um seinen Bruder und Dada der Mutter zuzuführen, welche sie erwartete.

Er war in einem Wagen gekommen, denn er versicherte, daß ihn die Beine kaum mehr trügen. Der Mensch, sagte er, sei gerade wie die Rosse. Ein schnelles Reitpferd ermüde leicht, wenn man es ziehen lasse, und ein starker Zuggaul, wenn man ihn zum Laufen zwinge. Seine Hufe seien nicht mehr gut für das städtische Pflaster, und das Anschlägeschmieden, Ringen und Jagen strenge den Bauernkopf ebenso sehr an, wie rascher Lauf unter dem Reiter das Pflugpferd. Er danke den Göttern, daß dieser Tag bald vorbei sei. Erst morgen werde er nicht mehr zu müde sein, um sich des Erworbenen zu freuen. Aber trotz dieser Versicherung leuchtete aus seinem ganzen Wesen die Befriedigung, welche ihn erfüllte, und das wirkte tröstlich auf die Bekümmerten, denen er freundlich zusprach.

Als er zum Aufbruch mahnte, küßte Gorgo die Sängerin noch einmal. Sobald sie sie bekümmert gesehen und ihr lautlos stilles Weinen bemerkt hatte, war sie zu ihr geeilt und hatte sie wie eine Schwester in die Arme genommen.

Konstantin, Gorgo und der alte Eusebius waren allein, und die Jungfrau sehnte sich, ihr übervolles Herz zu entlasten. Wohl hatte sie dem Verlobten zugesagt, ihm gleich zu seinen bekümmerten Eltern zu folgen; aber so konnte und wollte sie nicht vor das christliche Paar treten und es um seinen Segen bitten. Die letzten Ereignisse hatten ihr die Freude an dem neuen Glauben, dem sie sich hoffnungsvoll in die Arme geworfen, vergällt, und so weh es ihr that, Konstantin, der ohnehin bekümmert genug war, neu zu betrüben, geboten ihr doch Pflicht und Wahrheitsliebe, ihn einen Blick in ihre Seele thun zu lassen und ihm die Zweifel und Bedenken zu zeigen, welche sich ihrer in den jüngsten Stunden bemächtigt hatten.

Die Anwesenheit des Greises war ihr willkommen, denn es war ihr Wunsch, sich auch innerlich für das Christenthum gewinnen zu lassen, und sobald sie sich mit ihm und Konstantin allein sah, strömte sie vor ihnen die Klagen aus, welche sie gegen die Glaubensgenossen derselben vorzubringen hatte. Frevelthat auf Frevelthat war von den Christen begangen worden. Was die Kunst geschaffen, hatten sie jubelnd zerstört. Da lag der Isistempel, dort die Werft in Asche, von christlichen Brandstiftern vernichtet; noch waren ihre Thränen nicht versiegt, und sie galten ihren christlich gesinnten Brüdern, welche, wenn sie kein glücklicher Zufall gerettet, derselbe Kaiser mit Tausenden von unschuldigen Heiden und Glaubensgenossen hingewürgt hatte, der sich selbst den Hort und treuesten Jünger der Lehre des Heilandes nannte und den Konstantin oft als weisen Monarchen und frommen Christen gepriesen hatte.

Als sie endlich ihre schweren Anklagen geschlossen, rief sie Konstantin und den Geistlichen auf, das Treiben der Ihren zu rechtfertigen und ihr den Muth zurückzugeben, sich zu einem Glauben zu bekennen, der solche Schandthaten zuließ.

Aber weder der Eine noch der Andere suchte das Vorgefallene zu beschönigen, und Konstantin bekannte, daß das Alles jener hohen Liebe in's Gesicht schlage, welche sein Glaube von den Bekennern fordere. Der schlechte Diener, rief er, habe Frevelthaten begangen, welche in geradem Gegensatz ständen zu dem Sinne und der Hausordnung seines Gebieters.

Aber dies Bekenntniß beruhigte Gorgo mit nichten, und sie hielt nun ihrem Verlobten vor, daß man den Herrn nach dem Diener beurtheile; sie selbst habe den alten Göttern doch nur den Rücken gewandt, weil sie von so tiefer Verachtung gegen ihre Anbeter ergriffen worden sei; nun aber habe sie sehen müssen, daß viele Christen – der Diakonus möge ihr verzeihen – jene an Abscheulichkeit der Gesinnung und jedenfalls an thierischer Rohheit und Grausamkeit weit überböten. Solche Erfahrungen erfüllten sie mit Mißtrauen gegen den Glauben, welchen sie annehmen solle, und sie fühle sich in den Grundfesten ihrer Seele erschüttert.

Eusebius hatte bis dahin schweigend zugehört, jetzt aber trat er ihr näher und fragte sie freundlich, ob sie es für Recht halte, den segenbringenden Nil aus dem Bette zu leiten und ihn trocken zu legen, weil er bisweilen im Überschwang des Wachsthums Fluren und Häuser vernichte?

»Diese Tage, diese Schandthaten,« fuhr er bekümmert fort, »sie besudeln das reine und erhabene Buch der Geschichte unseres Glaubens, und wer ein wahrer Christ ist, wird die Ausschreitungen der rohen Menge bitter beklagen. Des Kaisers schändliche Blutthat wird auch die Kirche verdammen; sie wirft auf seine Ehre und seinen lichten Ruhm den tiefsten Schatten, und sein eigenes Gewissen wird sie bestrafen. Es liegt mir fern, zu vertheidigen, was nicht zu rechtfertigen ist . . .«

»Aber das Alles,« unterbrach ihn Gorgo, »ändert nichts an der Thatsache, daß unter euch Schandthaten ebenso möglich und häufig sind, wie unter Denen, die ich nun aufhören soll, die Meinen zu nennen, und die . . .«

»Und von Denen Du,« fiel Konstantin ein, »Dich doch nicht nur um ihres Verhaltens willen zu trennen gedenkst, Gorgo. Dein Groll, gieb es nur zu, Mädchen, er macht Dich ungerecht gegen Dich selbst und das eigene Herz. Nicht aus Verachtung gegen ruchlose und elende Freunde der alten Götter, um der Liebe willen, denk' ich und hoff' ich, hast Du eingewilligt, meinen, unsern Glauben zu theilen.«

»Wohl, wohl,« entgegnete sie lebhaft und dachte erröthend an den Zweifel, welchen die Sängerin gegen ihre Liebe erhoben. »Wohl! Aus Liebe zu Dir, aus Liebe zu Liebe und Frieden willigte ich ein, Christin zu werden: aber was ich die Euren begehen sehe; sage selbst, und ich frage auch Dich, ehrwürdiger Vater: wer gibt es ihnen ein, der Haß oder die Liebe?«

»Der Haß!« entgegnete Konstantin dumpf, und Eusebius fügte bekümmert hinzu: »In diesen verhängnißvollen Tagen zeigt sich unser Glaube in einer Gestalt, die seinem Wesen in keinem Zuge entspricht, edle Jungfrau. Trau' meinen Worten! Hast Du nicht auch schon in Deinem jungen Leben erfahren, daß gerade das Größte und Höchste in seiner Übertreibung zum Gräßlichsten wird? Führe den edlen Stolz über die Schranken hinaus, so wird er zur schonungslosen Ehrsucht, die hohe Tugend der Demuth grenzt an die träge Preisgabe des eigenen Willens, wackerer Unternehmungsgeist an die tolle Jagd nach dem Glücke, durch die niedergetreten wird, was sich dem Erfolg in den Weg stellt. Was gibt es Holderes, als die zärtliche Mutter; aber wenn sie für ihr Kind kämpft, wird sie zur wilden Megäre. So wandelt sich der Glaube, der Herzenströster, in ein reißendes Unthier, wenn er ausartend zum Glaubenshaß umschlägt. Willst Du das Christenthum kennen lernen, mußt Du weder auf die irregeleitete Masse und die Ehrgeizigen schauen, welche sie zu benützen und auszubeuten verstehen und die Leidenschaft in ihr entflammen, noch selbst hinauf zu dem Thron, wo die Macht den Trieb eines unglücklichen Augenblicks in verhängnißvolle Thaten umsetzt. Willst Du wissen, wie das echte und rechte Christenthum aussieht, so sieh in das Haus, so blick' in die Familien unserer Glaubensgenossen. Ich kenne sie, denn mein niederes Amt führt mich täglich und stündlich in ihre Kreise. Auf sie mußt Du blicken, wenn Du einem Christen die Hand zu reichen und mit ihm ein Haus zu gründen gedenkst. Da, Kind, da wirst Du den ganzen Segen der Lehre des Heilands walten sehen, da wirst Du Liebe finden und Eintracht, Mildherzigkeit gegen die Armen und den freudigen Eifer, erlittenes Unrecht von Herzen zu vergeben. Da hab' ich den Christen für den unglücklichen Widersacher, den Feind seines Hauses, für Heiden und Juden das Letzte hingeben sehen, weil sie Menschen sind und weil jedes Nächsten Leid auch das unsere sein soll, und man hat sie gehegt und gepflegt, als wären sie Genossen des eigenen Glaubens. Da findest Du den Willen zu allem Guten, nie welkende Hoffnung auf künftige bessere Tage im schwersten Leid, und wenn der Tod geliebte Wesen zum Opfer fordert oder die Hand nach uns selber ausstreckt, feste Zuversicht auf Vergebung der Sünden durch Christi Gnade. So gibt es, glaube mir, edle Jungfrau, so gibt es kein glücklicheres Haus als das des Christen, denn wer den Heiland recht erkennt und seine Lehre versteht, der verdirbt sich nicht, um der Seligkeit in jener Welt theilhaftig zu werden, die Freuden des Diesseits. Im Gegentheil! Er, der die Irrenden zu sich rief, der die Kindlein an sein Herz zog, der dem Armen den Vorzug gab vor dem Reichen, der unter Hochzeitsgästen ein froher Gast war, der mit seinem geistigen Pfunde zu wuchern gebot, der da befahl, daß man beim geselligen Mahl seiner gedenke, der die Herzen der Liebe erschlossen, er hat das Erdendasein auch des Geringsten von Noth und Schmerz zu befreien gewünscht. Wo Liebe und Friede herrschen, muß da nicht Glück sein? Und da er nichts lauter gepredigt als Liebe und Frieden, kann er nicht gewollt haben, daß wir uns das Erdenleben freiwillig verkümmern und mit Leid und Elend belasten, um der Seligkeit im Jenseits theilhaftig zu werden. Jedermann, der sich voll froher Zuversicht Eins weiß mit ihm und seiner Liebe, fühlt sich schon hier von Schuld und Leiden erlös't; denn Jesus hat alle Sünde und allen Schmerz der Welt auf sich genommen, und wenn das Schicksal den Christen auch mit den schwersten Schlägen heimsucht, so trägt er sie doch still und geduldig. Unser Herr ist die Liebe selbst, er kennt weder Haß noch Neid wie die heidnischen Götter, und wenn er uns heimsucht, so thut er es, der milde und weitsichtige Seelenerzieher, zu unserem Besten. Der Allweise weiß schon warum, und der Christ fügt sich ihm still wie das Kind dem weisen Vater, auf dessen Güte es allezeit bauen darf, und es gelingt ihm auch wohl, für Leiden und Schmerzen, als ob es Wohlthaten wären, zu danken.«

Da schüttelte Gorgo wieder das Haupt und versetzte: »Das Alles klingt erhaben und schön, und es wird von den Christen gefordert und gewiß auch bisweilen erfüllt; aber die Stoa verlangt doch auch Ähnliches von ihren Jüngern, und, Konstantin, Du hast ja den Stoiker Damon gekannt und erinnerst Dich, wie streng er von den Anderen verlangte, sich über Leid und Schmerz stolz zu erheben. Wie aber seine einzige Tochter das Augenlicht verlor – sie ist mir befreundet – geberdete er sich wie von Sinnen. Mein Vater hat früher auch Dir die Philosophie als Mittel empfohlen, die Widerwärtigkeiten des Lebens und die Tücke des Schicksals hohen Sinnes zu verachten. Und nun? Du solltest den Ärmsten nur sehen, würdiger Vater. Was helfen ihm nun alle Lehren seiner hochherzigen Meister?«

»Es ward ihm viel, viel genommen,« versetzte Konstantin mit einem leisen Seufzer, der auch dem Verluste des eigenen Bruders galt; Eusebius aber schüttelte leise das Haupt und sagte: »Bei solchem Leid hilft keine Philosophie und kein Denken. Was dem Gemüthe angethan ward, das findet nur Heilung durch das Gemüth, nicht durch den Geist, und was er auch immer erwäge. Der Glaube, Kind, er ist das wirksamste Heilkraut. Der Verstand ist sein Feind; doch aus dem Gemüth, seiner Heimat, schöpft er Nahrung, und mag die Wunde, an der ein Trauernder blutet, auch noch so tief sein, er weiß sie zu schließen und ihn mit ihr zu versöhnen. Du hast gelernt den reichen Geist gebrauchen, auf ihn Alles stellen, auf seine Entscheidung bauen. Das Wissen, das Du durch Erwägen und Schließen gewonnen, ist Dir das Höchste und Letzte; aber neben dem Geiste hat uns der Herr auch das Gemüth in die Brust gepflanzt, und es regt und bewegt sich in seiner eigenen Weise, und das Wissen, zu dem es gelangt, das eben, liebes Kind, ist der Glaube. Du liebst, meine Tochter, und auch die Liebe gehört dem Gemüthe an, und ich möchte Dir rathen: misch' nicht zu viel von dem denkenden Geiste, der nicht zu ihr gehört, in die Liebe, sondern nähre und speise sie aus Deinem reichen Gemüthe; nur dann wird sie schön und harmonisch gedeihen. Damit muß es für heute genug sein, denn die Verwundeten vom Serapeum warten schon lange. Ist es Dir recht, so zeige ich Dir später das Christenthum in seiner ganzen Tiefe und Schönheit, und Deine Liebe zu diesem wackern Manne wird mir beistehen, Dir das Herz dafür zu erschließen. Dann wird ein Tag kommen, an dem es Dich verlangen wird, so willig auf die Stimme des Gemüthes zu hören, wie bisher auf die Forderungen des Geistes, und etwas ganz Neues wird in Dir aufgehen, das Du höher schätzen wirst als Alles, was Du je durch Denken und Schließen gewonnen. Und dieser Tag wird sicher für Dich kommen; denn Jener dort hat Dich auf den Weg geleitet, welcher zu den Pforten der Wahrheit führt, und da Du sie suchst, wirst Du sie finden. Für heute lebet mir wohl! Wenn Du den Lehrer brauchst, so komme nur zu ihm, und ich weiß, er hat nicht lang' auf Dich zu warten!«

Gorgo schaute dem Greise sinnend nach und folgte dann Konstantin zu den Seinen.

Schweigend legten Beide den kurzen Weg durch die Euergetenstraße zurück, schweigend betraten sie das Haus.

Aus dem Viridarium drang ihnen Lichtschein entgegen. Der Vorhang an der hohen Thür stand offen, und als sie sich der Schwelle näherten, wies Konstantin auf eine Totenbahre, welche neben dem Blumenbeete inmitten dieses unbedeckten Raumes stand, und auf seine Eltern, welche neben ihr auf den Knieen lagen.

Keins von Beiden wagte die stille Andacht zu stören; aber nun erhob sich der Schiffsbaumeister, richtete die mächtige Gestalt hoch auf und wandte seiner Gattin, welche gleichfalls aufgestanden war, das gute, männlich ernste Gesicht zu, fuhr mit der Hand durch die ungeschwächte Fülle des weißen Lockenhaars und streckte ihr seine Rechte entgegen. Mariamne schlug in sie ein, schaute ihm liebevoll in die Augen, und während sie die Thränen trocknete, sagte er fest und gelassen: »Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn wieder von uns genommen!«

Da sank sie ihm an die Brust und fiel leise und innig ein: »Der Name des Herrn sei gepriesen!«

»Ja, gepriesen!« wiederholte Clemens laut und gewichtig und fuhr dabei mit dem Arm über die Augen. »Zweiunddreißig Jahre hat uns Gott ihn gegönnt, und hier drinnen« – dabei wies er auf seine breite Brust – »hier drinnen soll er fortleben bei Dir und mir. Das Andere – viel eigenes und fremdes Gut hat in dem Holze gesteckt – das Andere – wir bringen es wieder ein mit den Jahren. Danken wir dem Höchsten, der uns so Vieles gelassen!«

Da fühlte Gorgo den Druck der Hand des Geliebten, und sie verstand, was er damit meinte, und sie schmiegte sich dicht an ihn und sagte leise: »Das ist groß, das ist das Rechte!«

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