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Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Gorgo saß zu Häupten des Lagers ihres wie leblosen Vaters, schaute ihm liebevoll in das müde, wachsbleiche Antlitz und lauschte auf die Athemzüge, welche seine Nasenflügel jetzt leise, jetzt krampfhaft und schmerzlich bewegten.

Seine feuchtkalte Rechte ruhte in ihren Händen, und sie streichelte sie oder zog sie, wenn sich die Wimpern an seinen geschlossenen Augen regten, mit kindlicher Zärtlichkeit an die Lippen.

Das Gemach des Olympius lag an der Seite des Hypostyls im Hintergrunde des erhöhten Säulenganges an seiner Rechten und schräg gegenüber dem großen, verhüllten Bilde des Serapis.

Der Lärm der Arbeit an dem Schutzwall und das Krachen der Stöße des Sturmblocks drang aus nächster Nähe in diesen Raum, und so oft der Widderkopf an die Mauer prallte, schrak der Kranke zusammen, und über sein Antlitz flog ein angstvolles, schmerzliches Zucken.

Wohl that es Gorgo weh, den Vater leiden zu sehen, wohl sagte sie sich, daß das Heiligthum bald in die Hände der Christen fallen werde; aber sie fühlte sich doch in dem halb verdunkelten, heimlichen Gemache ihres Freundes, abgesondert von den Elenden, an die sie mit Grauen und Widerwillen dachte, wohl, dankbar, geborgen.

Ihr Körper war zwar nach der durchwachten Nacht sehr ermüdet, aber die tiefen Gemüthsbewegungen, welche sie in derselben erfahren, klangen doch laut und lebhaft in ihrer Seele nach, und ihr Geist würde jetzt auch auf dem weichen Lager in ihrem eigenen stillen Schlafgemache nicht zur Ruhe gekommen sein. Er arbeitete rege fort, und sie fand hier Zeit, zu überdenken, was sie selbst in den letzten Stunden erfahren und was die Großmutter und den Vater betroffen.

Bis dahin hatte sie nur wenige Worte mit dem Arzte gewechselt, welcher sich rastlos um die Wiederbelebung des Kranken bemühte und sie versichert hatte, daß er ihn wieder herzustellen hoffe.

Jetzt schaute sie ihn mit einem fragenden Blicke an und sagte ernst und traurig: »Du hast von Gegengiften gesprochen, Apulejus. Der Vater hat dem Verderben entrinnen wollen und sich selbst den Tod zu geben versucht. Nicht wahr, so ist es gewesen?«

Der Arzt maß sie mit einem prüfenden Blicke, und nachdem er ihre Frage bejaht und ihr mitgetheilt hatte, unter welchen Umständen die verhängnißvolle That vor sich gegangen, fuhr er mit gedämpfter Stimme düster fort: »Das Unwetter nahm ihm die Fassung wie mir, wie uns Allen, und doch haben wir nur das Vorspiel des großen Verhängnisses erlebt, dem die Welt und die Menschheit anheimfällt. Es naht; wir hören es kommen. Da krachen die Steine! Der eherne Sturmblock der Christianer bricht ihm das Thor auf!«

Die letzten Worte des Arztes hatten finster und ahnungsvoll geklungen, und der Sturz der Quadern, die der Widderkopf diesmal aus den Fugen gerissen, begleitete mit dröhnendem Lärm seine prophetische Rede.

Gorgo erblich; doch was sie erschreckte, war nicht die Voraussagung des Arztes, sondern das Beben der Wände, die sie umgaben.

Aber das Serapeum war für die Ewigkeit gefestigt, und mochte der Aries auch eine Mauer zertrümmern: zum Wanken, den Bau zum Einsturz bracht' er nicht.

Draußen erhob sich jetzt lauter und lauter das Geschrei kämpfender Männer, und der Arzt stellte sich, von neuer Angst befallen, an die Thür, um zu lauschen.

Gorgo bemerkte, daß die Hände ihm bebten. Er, der Mann, fürchtete sich, während sie keine andere Besorgniß empfand als die um den leidenden Vater.

Die Bresche führte Konstantin in den Tempel, und wo er gebot, da war sie sicher. An den Einsturz der Welt glaubte sie nicht mehr.

Als der Arzt sich wieder umwandte und bemerkte, wie sie dem Kranken gelassen und ruhig den Schweiß von der Stirn wischte, sagte er dumpf: »Was frommt es, wie der Vogel Strauß die Augen zu schließen! Dort ringt man um die Entscheidung. Bereiten wir uns vor auf das Letzte. Wagen sie es, die frevelnde Hand an den Gott zu legen – und sie werden es wagen – so sind Sieger und Besiegte, so ist Alles verloren!«

Da schüttelte Gorgo das Haupt und rief mit zuversichtlichem Eifer: »Nein, nein, Apulejus, denn ist Serapis der, für den ihr ihn haltet, warum duldet er dann, daß seine Feinde sein Heiligthum und sein Bildniß vernichten? Warum flößt er dann in der entscheidenden Stunde nicht Muth in die Herzen seiner Getreuen? Ich habe die Buben und Weiber gesehen, die hier zusammengelaufen sind, um für ihn zu kämpfen. Memmen sind es und Dirnen, und ist der Herr wie der Diener, so geschieht es ihm Recht, wenn er stürzt, und jede Klage um ihn wäre schade!«

»So spricht des Porphyrius Tochter?« entgegnete der Arzt mit schneidendem Vorwurf.

»Ja, Apulejus, ja! So muß ich reden nach dem, was ich in dieser Nacht erlebt, gesehen und erfahren. Schmählich ist es gewesen, widrig, gemein; ja, der bloße Gedanke, zu diesem entarteten Haufen gezählt zu werden, kann mich empören. Wer mich mit ihm zusammen nennt, der schändet mich und entehrt mich! Ein Gott, dem so gedient wird wie diesem, der soll der meine nicht sein, und ihr, die ihr denken gelernt habt, ihr weisen Gelehrten, wie könnt ihr glauben, daß der Christengott, wenn er den euren besiegt und gelähmt hat, es dulden wird, daß Serapis seine Welt und seine Menschheit vernichtet?«

Da fuhr der Arzt in die Höhe und fragte sie streng und herb: »Gehörst Du zu den Christianern?«

Doch Gorgo blieb ihm die Antwort schuldig und erröthete nur tief; Apulejus aber beruhigte sich nicht und fragte wieder: »So bist Du in der That eine Christin?«

Da schlug sie die Augen frei zu ihm auf und entgegnete fest: »Nein, aber ich möchte es sein!«

Der Arzt zuckte die Achseln und wandte sich von ihr ab; Gorgo aber athmete tief auf, und es war ihr, als habe diese Antwort ihre Seele von einer schweren Last befreit. Sie wußte selbst kaum, wie ihr dies kühne, erlösende Wort über die Lippen gekommen, aber sie empfand, daß es die rechte Entgegnung auf des Arztes Frage gewesen.

Es ward fortan zwischen den Beiden nichts mehr geredet, und es war ihr lieb, schweigen zu dürfen; denn dies Wort hatte eine neue, verheißungsvolle Welt von Gedanken und Empfindungen in ihr erschlossen.

Der Geliebte war fortan nicht mehr ihr Gegner, und wenn der Lärm des Kampfes an der Bresche ihr Ohr berührte, durfte sie freudig an ihn und seine siegreichen Waffen denken.

Sie empfand, daß seine Sache die reinere, edlere, würdigere sei, und sie freute sich auf jene Liebe, von der er gesagt hatte, daß sie ihr künftiges, gemeinsames Leben tragen und schützen solle als eine Grundmauer und ein mächtiger, freundlicher Hort.

Neben dieser Liebe wollte ihr Alles, was sie früher für den unentbehrlichen Schmuck des Lebens gehalten, eitel und nichtig erscheinen, und als sie ihrem Vater in's Antlitz schaute und sich vergegenwärtigte, wie er gelebt und wie viel er gelitten, übertrug sie die Worte des Paulus, welche Konstantin ihr bei seiner Heimkehr zugerufen hatte, auch auf ihn, und ihr Herz floß über von Liebe für den unglücklichen Mann.

Die tiefen, leidvollen Falten um den Mund und an den Augen des Vaters, sie verstand sie richtig zu deuten; denn Porphyrius hatte kein Hehl aus der peinlichen Empfindung gemacht, die ihn jedesmal ergriff, wenn er sich gezwungen sah, sich zu einem Glauben zu bekennen, den er nicht theilte.

Diese große Unwahrheit, dieses falsche Doppelsein, diese Halbheit nach zwei Richtungen hin hatte das Dasein des an sich wahrhaftigen Mannes vergiftet, und Gorgo wußte, für wen und aus welchen Beweggründen er dies Elend, diese Seelenmarter auf sich genommen. Warnend lag er vor ihr da, und sein leidvolles Antlitz mahnte sie, ganz und aus vollem Herzen das zu sein, was sie zu werden gedachte. Aus Liebe wollte sie sich zum Christenthum bekennen, ja! Denn in dieser Stunde sah sie in dem Glauben, welcher bald der ihre sein sollte und den ihr Konstantin oft so voll von warmer Begeisterung geschildert, vor Allem eins: ewige Liebe.

So friedvoll, so bereit zu allem Guten und Schönen war ihr noch nie zu Muthe gewesen, und doch tobte draußen der Kampf lauter und lauter, mischte sich bereits die kaiserliche Tuba in den Schlachtruf der Heiden, kam das Gewühl des Streites ihr immer näher und näher.

Der Sturmblock hatte schon eine weite Öffnung in die Hinterwand des Tempels gerissen, und mit dem Schilde voran waren die Schwerbewaffneten der zweiundzwanzigsten Legion in dieselbe eingedrungen; aber mancher Veteran hatte seine Kühnheit mit dem Leben bezahlt, denn den Stürmenden war von dem schnell erwachsenen Schutzwall aus ein Hagel von Speeren und Pfeilen entgegengeflogen. Aber die großen Schilde hatten manches Wurfgeschoß aufgefangen, mancher Pfeil war machtlos von ehernen Helmen und Panzern abgeprallt, und die Verschonten drangen vor, und über die Gefallenen hin fanden stets neue und neue Streiter den Weg in den Tempel.

Von ehernen Schutzwaffen gedeckt näherten sich kampfgeübte Soldaten auf den Knieen dem Schutzwall; während andere über sie hin Speere und Pfeile gegen die Besatzung sandten. Einige Heiden sanken getroffen zu Boden, und ihr hinfließendes rothes Blut wirkte mächtig auf ihre Genossen. In der Brust der Zagenden regte sich Wuth, die Furcht verschwand vor dem Verlangen, den Mord der Genossen zu rächen, aus Memmen wurden feurige Krieger, und Gelehrte und Künstler lechzten nach Blut. Friedlichen Büchermenschen flimmerte es roth vor den Augen, und ergriffen von der großen Leidenschaft zu töten und den Feind zu vernichten, rührten sie die Arme und setzten das Leben blindlings auf's Spiel.

Karnis, der alte, heitere Freund der Musen, stand hoch oben auf dem Schutzwalle neben seinem Sohne und brüllte, während er Lanze auf Lanze versandte, in abgerissenen Sätzen Verse aus einem Kriegslied des Tyrtäus den Feinden, welche aus der Bresche vordrangen, entgegen. Der Schweiß lief ihm dabei in Strömen von der kahlen Stirne, und sein Auge flammte vor brennender Kampflust.

Neben ihm versandte Orpheus Pfeil auf Pfeil aus einem mächtigen Bogen. Die Locken seines vollen Haarschmuckes hatten sich aufgelös't und umflatterten weithin sein glühendes Haupt.

Wenn er einen der Kaiserlichen getroffen, rief der Alte ihm zu: »Brav so, mein Junge!« und dann raffte er sich selbst auf und schleuderte mit einem Hexameter oder einer Anapästenreihe auf den Lippen die Lanze.

Halb geborgen von einem Opferaltar, welcher auf der Höhe des rasch zusammengehäuften Schutzwalles zu liegen gekommen, kauerte Frau Herse und reichte den Männern die Geschosse, deren sie bedurften. Ihr Gewand war zerrissen und blutig, ihr graues Haar hatte sich von dem Halbmond und den Bändern befreit, die es festgehalten, und war ihr in's Antlitz gefallen. Die sorgliche Hausfrau war zur Megäre geworden und schrie den Männern zu: »Tödtet die Hunde! Haltet Stand! Schont keinen Christianer!«

Aber die Männer bedurften dieser Ermahnung nicht. Der heiße Enthusiasmus, der sie erfüllte, hatte sich mit wilder Kampflust vermählt und verdoppelte ihre Kraft.

Eben war des Orpheus Pfeil einem kühnen Centurio, der den Fuß schon auf die unterste Stufe gesetzt hatte, über den Panzer in den Hals gedrungen – da ließ Karnis die Lanze, welche er zum Wurf erhoben, sinken und brach lautlos zusammen. Ein römisches Geschoß hatte ihn getroffen, und da lag er mit dem Speer in der Brust wie ein Fels in der Brandung, auf dem ein Bäumlein neben einem roth und warm sprudelnden Borne Wurzel geschlagen.

Orpheus sah das Herzblut des Vaters verrinnen und warf sich neben ihm auf die Kniee; aber der Alte wies auf den Bogen, welchen sein Sohn von sich geschleudert hatte, und murmelte ihm lebhaft zu: »Laß mich! Was kommt es auf mich an? Für die Götter! Hörst Du! Für die Götter wird hier gefochten! Weiter! Ziele gut! Weiter!«

Aber der Sohn ließ sich nicht von dem Sterbenden zurückweisen, und als er sah, wie tief der Speer in die Brust des Greises gedrungen war, stöhnte er laut auf und warf die Arme klagend in die Höhe.

Da traf auch ihn ein Pfeil in die Schulter, ein anderer drang in den Hals, und nun brach er röchelnd zusammen.

Karnis sah ihn sinken und richtete sich mühsam und ruckweise auf, um ihm zu helfen; aber es wollte ihm nicht mehr gelingen, und nun ballte er in machtlosem Ingrimm die Faust und rief, so laut er vermochte, halb sprechend, halb singend den Feinden den Fluch der Electra entgegen:

»Den Mördern wend', versag' dies Eine nicht,
Sich Lust in Leid, zur Nacht das Tageslicht!«

Aber die aus der Bresche vordringenden und stürmenden Schwerbewaffneten hörten nicht den Fluch des Alten. Ihm selbst schwand die Besinnung, und sie kehrte ihm erst wieder, als Herse, welche zuerst ihren Sohn aufgerichtet und an ein Postament gelehnt, ihr Tuch um den Lanzenschaft und auf das rinnende Blut, welches um ihn hervorquoll, gepreßt und seine Stirne mit Wein benetzt hatte.

Da fühlte er ihre warmen Thränen auf seinen Wangen, und wie er ihr in die guten, von Mitleid und tiefem Seelenweh überströmenden Augen schaute, ward ihm weich um's Herz. Die besten Stunden, die sie in ihrem langen Zusammenleben mit einander genossen, zogen an ihm vorüber, und er schaute sie freundlich und dankbar an und streckte ihr mühsam die Hand entgegen. Die Matrone zog sie weinend an die Lippen, er aber lächelte ihr liebreich zu und nickte immerfort mit dem Haupt, während er ihr leise Lucian's »Tröste Dich, bald gehst auch Du!« einmal und dann noch einmal zusprach.

»Ja, ja, ja! Bald gehe auch ich!« wiederholte sie schluchzend. »Ohne Dich, ohne euch, ohne die Götter: was soll ich noch hier?«

Damit wandte sie sich ihrem Sohne zu, der mit voller Besinnung jedem Worte, jeder Bewegung der Eltern gefolgt war und zu sprechen versuchte.

Aber der Pfeil in seinem Halse benahm ihm den Athem, und das Reden that ihm so weh, daß er nichts hervorstammeln konnte wie »Vater« und »Mutter«. Doch aus diesen armen, kleinen Worten klang eine große und reiche Fülle von Dank und Liebe, und Karnis und Herse verstanden Alles, was er damit zu sagen wünschte.

Der Matrone verschlossen Thränen den Mund, und so konnten sie alle Drei nicht sprechen, aber ihre Häupter waren nahe beisammen und winkten einander liebevoll zu. So verflossen für sie unter Tubaruf und blutigem Gemetzel friedvolle Augenblicke; aber Herse's Tuch ward röther und röther vom Blut ihres Gatten, und des Alten Augen begannen sich starr im Kreise zu drehen, als wollten sie noch einmal das gesammte Bild dieser Welt, in der er Alles gesucht hatte, was das Leben schmückt, in sich aufnehmen. Doch plötzlich kamen sie zum Stillstand und hefteten sich fest auf das Haupt einer Apollostatue, die man mit auf den Schutzwall geworfen, und je länger der Blick des Sängers auf dem schönen Antlitz des Gottes ruhte, in desto hellerem, verklärterem Glanze begann er zu leuchten.

Noch einmal fand er die Kraft, die matte Hand heben, und sie wies auf das sonnige Haupt des unsterblichen Jünglings; seine Lippen aber murmelten leise: »Er, er – von Allem, was schön war im Leben – Orpheus, Herse – ihm haben wir das Beste zu danken. Unser Ende, es ist auch das seine. Die, die da, sie siegen über Dich und uns! Sie träumen ein Paradies jenseits des Todes; aber wo Du herrschest, Phöbus, ist Seligkeit schon auf Erden. Sie rühmen sich, den Tod zu lieben und das Leben zu hassen, und nun sie siegen, zerschlagen sie die Lauten und Flöten, und gieng' es nur an, sie mordeten die Schönheit und verlöschten die Sonne. Trüb, trüb, dunkel, stumm und häßlich wird nun die schöne, frohe Erde. Dein Reich, o Phöbus, wie war es so sonnig und wonnig!«

Hier stockte ihm der Athem; doch bald richtete er sich wieder auf und rief mit glühenden Augen: »Wir, wir brauchen Licht und klingende Lauten und Flöten, heitere Blumen um sorglose Stirnen – wir – halte mich, Herse – du, du – höre mich, Phöbus Apollon – Heil dir! Dank dir, der mir viel genommen und Alles gegeben! Komm', o komm, du Herzensbeglücker, mit Musen und Horen auf deinem goldenen Wagen! Komm, o komm! Orpheus! Herse! Seht ihr ihn kommen?«

Schnell und entschieden zeigte er mit der Hand in die Ferne, sein weit geöffnetes Auge folgte dem weisenden Finger, mit gewaltsamem Aufgebot der letzten Kräfte erhob er sich ein wenig; aber schon im nächsten Augenblick fiel er zurück, sein Haupt senkte sich langsam auf die Brust seiner Gefährtin, und ein heißer Blutstrom schoß über seine bebenden Lippen.

Der heitere Musenfreund war eine Leiche, und in der nächsten Minute schwanden auch seinem Sohn die Sinne.

Schlachtgeschrei und Tubaruf durchbraus'te und durchschmetterte den Tempel.

Der Kampf war zum Handgemenge geworden. Die Schwerbewaffneten hatten den Schutzwall erstiegen und rangen Brust an Brust mit den Heiden.

Herse sah sie kommen, riß ihrem Gatten den Speer aus der Brust, stieß mit unbeholfenen, wüthenden und doch machtlosen Stößen auf die Stürmenden los und rief ihnen glühend vor Haß und heißem Durst nach Rache wilde Flüche entgegen.

Da ereilte sie, was sie begehrte: ein Lanzenstoß traf sie, und entseelt sank sie zwischen dem Gatten und dem Sohne zusammen. Ihr Todeskampf währte nicht lange; aber im Sterben behielt sie noch Kraft, die Arme auszustrecken, um Beide mit der Hand zu berühren.

Der Kampf wogte über die Gefallenen hin, die Kaiserlichen drängten die Vertheidiger des Schutzwalles in die Hallen des Tempels, und der Angriffsplan, welchen man beim Kriegsrath im Palaste des Comes ersonnen, ward Punkt für Punkt mit kühlem Muthe und eiserner Thatkraft zur Ausführung gebracht.

Einige Manipeln drängten die Fliehenden auf die großen Ausgänge zu, halfen ihnen dieselben sprengen und trieben sie über die Rampen und Stufen und die dort aufeinander gethürmten Steinmassen in die Arme der vor der Tempelfront aufgestellten Truppen. Diese umzingelten sie schnell und fiengen sie ein, wie der Jäger das Wild, das, von Hunden und Treibern gescheucht, auf ihn zustürzt.

Allen voran eilten die in der Rotunde versammelten Dirnen, welche die Soldaten mit lustigem Zuruf empfingen.

Nur, wer sich wehrte, ward niedergestoßen. Berenike, die Wittwe des Asklepiodor, hatte ein Schwert am Boden gefunden und sich mit seiner Schneide die Adern geöffnet. Unter dem Bilde der Göttin der Gerechtigkeit fand man ihren verbluteten Leichnam.

Einige Manipeln waren gleich nach der Erstürmung des Schutzwalles auf das Dach geeilt und hatten die Vertheidiger desselben gezwungen, sich zu ergeben oder sich in den Abgrund zu stürzen.

Der alte Memnon, welcher hier gegen seinen kaiserlichen Kriegsherrn gefochten und auf keine Gnade rechnen durfte, schwang sich über die Brüstung des Daches in die gähnende Tiefe, und Andere folgten ihm nach; denn das Ende aller Dinge rückte näher und näher, und den Edleren schien ein freiwilliges Ende im Kampfe für den großen Serapis schöner und preiswürdiger, als der Tod in den Ketten des Feindes.

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