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Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Zwanzigstes Kapitel.

Gorgo war, seit sie die Großmutter verlassen, nicht zur Ruhe gekommen. Die vornehm gemessene Haltung ihres Wesens hatte sich in eine Beweglichkeit verwandelt, die ihr, seitdem sie aus einem stürmischen Kinde zur Jungfrau geworden, an Anderen widerwärtig erschien.

Der Versuch, sich von der Bangigkeit, die ihren Athem beengte, und der Herzenspein, welche sie wie eine Wunde quälte, durch Gesang und Lautenschlag zu befreien, hatte ihre Unruhe nur gesteigert. Das Mittel, welches sich sonst, sobald ihre Seele das Gleichgewicht verloren, stets bewährt hatte, war unwirksam geworden, und das Sehnsuchtslied der Sappho, das sie zu singen begonnen, hatte das heiße Verlangen des eigenen Herzens voll an den Tag gebracht und es gleichsam in die Sonne gerückt. Sie war sich bewußt geworden, daß jede Fiber, jeder Nerv ihres Wesens nach dem Manne hinstrebte, welchen sie liebte. Sie hätte das Leben hingeworfen wie eine taube Nuß für eine Stunde vollen Liebesgenusses mit ihm und durch ihn. Der Glaube an die alten Götter, die heidnische Welt, welche die Ideale ihres jungen Herzens in sich schloß, ihr Widerstand gegen das Christenthum, ihre edle Kunst, kurz Alles, was den geistigen Inhalt ihres Lebens gebildet hatte, war in den Schatten getreten vor der Einen Leidenschaft, welche ihre Seele erfüllte. Alles, Alles trieb sie, sich dem Geliebten willenlos zu ergeben, und dennoch schwankte sie keinen Augenblick, auf welche Seite sie sich bei dem nahenden Zusammenprall der die Welt regierenden Mächte zu stellen habe.

Die vergangenen Stunden hatten ihren Glauben an das Ende der Dinge in feste Zuversicht verwandelt. Der Untergang der Welt brach herein: es stand ihr bevor, mit Konstantin vereint zu Grunde zu gehen, und das erschien ihr wie ein hohes Göttergeschenk.

Während Damia sich vergeblich abgemüht hatte, ihre Seele von den Banden des Körperlichen loszuringen, war Gorgo bald zu den geängstigten Sklaven gegangen, um ihnen Muth zuzusprechen und sie durch Beschäftigung vor dumpfer Verzweiflung zu retten, bald auf das Dach gestiegen, um zu sehen, ob die Großmutter ihrer noch immer nicht bedürfe.

Als es dunkelte, hatte sie bemerkt, daß mehrere dienende Weiber, und mit ihnen auch einige Männer, entflohen waren. Sie hatten sich schon früher dem neuen Glauben zugeneigt und waren zu christlichen Genossen oder in die Kirchen gelaufen, um sich unter den Schutz des gekreuzigten Gottes zu stellen, dessen große Macht das nahende Verderben vielleicht aufhalten konnte.

Porphyrius hatte einmal einen Boten gesandt, um seiner Mutter und ihr mitzutheilen, daß es ihm wohl ergehe, daß das Serapeum eine stattliche Zahl von Vertheidigern gefunden, und daß er in dem Heiligthum übernachten werde. Bei den Römern sei ein Zaudern unverkennbar, und wenn es den Heiden morgen gelinge, den ersten Angriff abzuweisen, könne der Entsatz rechtzeitig eintreffen.

Diese Hoffnung theilte Gorgo nicht; denn ein Klient ihres Vaters hatte die Nachricht gebracht, daß die Biamiten, welche bis Naukratis gekommen waren, dort von wenigen kaiserlichen Manipeln auseinandergesprengt worden seien. Das Verhängniß gieng seinen Gang und mußte ihn gehen.

Der Abend brachte keine Kühlung, und als es völlig Nacht geworden war und die Großmutter noch immer nicht rief, konnte Gorgo ihre wachsende Besorgniß nicht länger bezähmen und trat, nachdem sie vergeblich an die Thür geklopft hatte, in die Warte.

Ihre Amme war ihr mit der Lampe vorangegangen: beide Frauen blieben vor Entsetzen gelähmt auf der Schwelle stehen, denn vor ihnen lag die Greisin am Boden. Ihr Hinterhaupt lehnte an dem Sitze des Stuhles, von dem sie herabgeglitten war, und ihr fahles Antlitz starrte ihnen mit halbgeschlossenen Augen und weit geöffnetem Munde entseelt und gräßlich entgegen.

Wein, Wasser, Essenzen waren zur Hand, das Lager, sonst für die Rast der Sternseherin bestimmt, nahm die Bewußtlose auf, und nach einigen Minuten gelang es den sorgenden Frauen, die Greisin in's Leben zurückzurufen.

Mit irrem Blick schaute sie der neben ihr knieenden Gorgo in's Antlitz und murmelte leise vor sich hin: »Die Raben! Wo sind die Raben?«

Dann ließ sie die Augen über die Tafeln und Rollen schweifen, welche von dem Lager und Tisch geschleudert worden waren, um für sie, die Lampe und die Arzneien Platz zu schaffen.

Sie lagen in wirrem Durcheinander auf dem Estrich umher, dieser Anblick rief eine heilsame und unwillige Erregung in ihr hervor, und sie fand Kraft, wenn auch heiser und in kaum verständlichen, abgebrochenen Sätzen über die Mißachtung der heiligen Schriften und die Unordnung, in die sie gerathen, zu schelten.

Während die Amme die Schriften auflas, fiel Damia in ihre Ohnmacht zurück.

Gorgo rieb ihr die Stirn und suchte ihr Wein zwischen die Lippen zu flößen, aber die Alte schloß sie nur fester, bis die Amme ihrer jungen Gebieterin beistand. Da gelang es, ihr einige Tropfen des erfrischenden Trankes beizubringen, und alsbald öffnete die Greisin die Augen, rührte die Zunge mit hastigem Kosten, griff dann selbst nach dem Becher, führte ihn zum Munde, und obgleich der Pokal in den zitternden Händen hin und her schwankte und der halbe Inhalt zur Seite floß, schlürfte sie und schlürfte, bis er völlig geleert war. Dann rief sie mit der Gier des Verschmachtenden: »Mehr, mehr; ich muß trinken!«

Gorgo reichte ihr einen zweiten Becher und gleich darauf einen dritten, und Damia leerte auch diesen mit immer gleicher Begierde.

Dann athmete sie tief und befriedigt auf, richtete den neu belebten Blick auf ihre Enkelin und sagte:

»Dank, Kind! Nun geht es wieder ein Weilchen. Die Sinnenwelt und Alles, was zu ihr gehört, ist aufdringlich und haftet an uns wie die Kletten. Man möchte mit ihr brechen, aber sie läuft uns nach und klammert sich an uns. Wer sich mit dem armen Menschsein begnügt, soll sie genießen. Sie lachen über die Dichterin Praxilla, Du weißt doch, weil sie den sterbenden Adonis klagen läßt. – Wie war es nur gleich? Sie läßt ihn im Angesichte des Todes bedauern, daß er die Äpfel und Birnen im Stich lassen solle. Aber ist das nicht fein? Recht, Recht, hundertmal Recht hat die Praxilla! Da fastet man, martert sich ab – ich spür' es da drinnen – um das Gottsein zu kosten. Man verschmachtet, und verzehrt sich dabei, und wie gut könnte man's haben, wenn man sich's genügen ließe an den Äpfeln und Birnen! Das Große hat noch keinen Menschen glücklich gemacht. Wer sich wohl fühlen will, gehe nicht über das Kleine hinaus. So halten's die Kinder, und darum sind sie so glücklich. Äpfel und Birnen! Bei mir ist's auch mit denen bald vorbei. Wenn der denkende Weltgeist sich selbst verschont, so bleibt immerhin die Idee: Äpfel und Birnen, übrig, und es gefällt ihm vielleicht, nach der großen Vernichtung der Dinge eine neue Welt auf unsere folgen zu lassen. Ob er dann die Ideen: Mensch – und Äpfel und Birnen, auch wieder in die Erscheinung ruft? Es würde ein Plagiat an ihm selbst sein. Ist er gnädig, so gibt er es auf, zum zweiten Mal die Zwitteridee ›Mensch‹ zu verkörpern; und thut er es dennoch, so lass' er dem armen Wicht die Äpfel und Birnen, ich meine den kleinen Genuß, denn in allen großen Genüssen, wie sie auch heißen, steckt Schmerz und Elend. Noch einen Becher! Das mundet! Auch damit ist es morgen vorüber. Um die gute Gabe des Dionysus könnt' es mir leid thun; sie hat noch etwas vor den Äpfeln und Birnen voraus. Dann kommt, was Eros den Sterblichen schenkt. Auch damit geht es zu Ende. Aber das, das gehört schon gar nicht mehr zu den Äpfeln und Birnen. Das ist großer, großer Genuß, und darum ist es zugleich so voll von grausamer Pein. Entzücken und Schmerz: wer kennt ihre Grenze? Lachen und Weinen: sie gehören zu beiden. Du weinst? Ja, ja, ja. Armes Kind! Komm' her, ich möchte Dich küssen.«

Damit ergriff Damia das Haupt der knieenden Jungfrau, preßte es an die Brust und drückte die Lippen wieder und immer wieder auf ihre Stirn.

Endlich ließ sie sie los, durchmaß das Gemach mit unruhigen Blicken und sagte: »Wie habt ihr die Tafeln und Rollen durcheinander geworfen! Könnt' ich Dir nur erklären, wie das Alles gestimmt und geklappt hat! Wir wissen nun auch, wie es kommt. Übermorgen gibt es keine Erde mehr und keinen Himmel; aber – höre, Kind! – aber wenn Serapis fällt und das All stürzt nicht zusammen wie eine baufällige Hütte, so ist es nichts mit der Magie, so hat der Lauf der Gestirne nichts mit dem Schicksal der Erde und ihrer Bewohner zu thun, so sind die Planeten nur Lampen, so ist die Sonne weiter nichts als ein leuchtender Ofen, so sind die alten Götter Irrwische, dem Sumpfe menschlichen Brütens entkrochen, so ist der große Serapis . . . doch weßhalb ihn erzürnen? Es gibt hier kein Wenn oder Aber . . . Das Diptychon her! Ich zeige Dir unsern Endschluß. Da . . . Hier . . . Es flimmert mir so vor den Augen; ich bring's nicht mehr fertig, – und gienge es auch: was da oben entschieden ward, wer hier unten könnte es ändern? Laßt mich jetzt schlafen. Morgen früh erklär' ich Dir Alles, wenn es noch Zeit ist. Armes Kind! Wie haben wir Dich gequält, das Deine zu lernen! Wie fleißig bist Du gewesen! Und nun! Wozu? Ich frage, wozu? Der große Schlund schlingt es ein mit dem Andern.«

»Laß, laß es so sein,« fiel ihr Gorgo in's Wort. »So geht doch nichts, was mir lieb ist auf Erden, vor mir zu Grunde.«

»Und mit uns zusammen trifft es den Feind!« rief Damia und ihr Auge belebte sich neu. »Wohin wir nur kommen, wohin? Die Seele, sie ist von göttlichem Stoff und darum nie zu zerstören. Sie kehrt – hab' ich Recht oder Unrecht? – sie kehrt zu ihrem Urquell zurück, denn das Gleiche zieht das Gleiche an sich, und so wird sich denn das Gottwerden, das Gottsein dennoch erfüllen.«

»Ich glaub' es, ich weiß es!« versetzte Gorgo entschieden.

»Du weißt es?« fragte die Greisin. »Ich nicht. Denn unser bestes Wissen ist Ahnung, wenn es sich nicht auf Zahlen begründet. Es gibt nichts Unbedingtes, als was wir durch Zahlen gewinnen; doch das, das steht fester als Felsen im Meer, und darum glaub' ich auch an den Endschluß, den wir da auf den Tafeln mit Probe und Gegenprobe gewonnen. Aber das künftige Schicksal der Seele, wer kann es berechnen? Ja, wenn die alte Weltordnung stehen bliebe und das Unten bliebe das Unten und das Oben behielte seinen Platz in der Höhe, dann, dann freilich wär' auch Dein Lernen nicht vergeblich gewesen, denn dann würde Deine auf das Geistige, das Nichtsinnliche, das Höhere gerichtete Seele zu dem ihr verwandten denkenden Geiste, zu Gott gezogen, um sich mit ihm zu vermählen und in ihm aufzugehen, wie der Tropfen, der aus der feuchten Wolke gefallen ist, wieder aufsteigt in die Höhe und sich wieder verschmilzt mit dem Feuchten. Dann würde – es könnte ja eine Seelenwanderung geben – dann würde Dein sangreiches Herz in einer jungen Nachtigall erwachen, dann würde . . .«

Hier schwieg die Greisin, wie abwesend schaute sie in die Höhe und fuhr erst nach einer langen Pause mit verändertem Gesichtsausdruck fort: »Dann würde meines Sohnes Apelles Wittwe Maria in ein Schlangenei schlüpfen und als kriechende Natter . . . Ewige Götter . . . Die Raben! Was wollen die Raben?! Da kehren sie wieder! Luft, Luft! Einen Becher! Ich kann nicht . . . Es schnürt mir den Hals zu. Fort, fort mit dem Tranke! Morgen, heute . . . Alles sinkt, sinkt – fühlst Du es nicht? Schwarz – schwarz, – und nun roth, und nun schwarz . . . Alles sinkt! Halte mich! Unter dem Leibe schwindet es weg. Wo ist Porphyrius? Wo ist mein Sohn? Die Füße! Reibe mir die Füße! Kalt, kalt! Das Wasser! Es steigt! Nun ist's bei den Knieen! Ich sinke . . . Hülfe! . . . Ich sinke!«

In furchtbarer Angst focht die Sterbende wie im Ertrinken mit den Armen durch die Luft, ihr Hülferuf wurde leiser und leiser, das Haupt sank ihr auf die röchelnde Brust, und bald hauchte sie an der Enkelin Busen den viel gemarterten, rastlosen Geist aus.

Gorgo hatte noch keinen Menschen hinscheiden, hatte noch keinen Toten gesehen. Sie konnte nicht fassen, daß dies Herz, welches sich so schwer für Andere erwärmte und für sie mit so zärtlicher Liebe geschlagen hatte, auf immer erloschen, daß dieser Geist, welcher selbst im Schlafe in steter Bewegung geblieben war, zum ewigen Stillstand gelangt sei.

Die Amme war schnell zwischen sie und die Verstorbene getreten, hatte ihr Augen und Mund geschlossen und Alles gethan, um den grauenerregenden Anblick, welchen die Greisin nach ihrem Hinscheiden geboten hatte, ihrem Liebling zu entziehen. Doch Gorgo war nicht von ihrer Seite gewichen, und während sie Alles aufbot, um den starren Körper neu zu beleben, war ihr die vernichtende Macht des Todes nur zu nahe und schrecklich offenbar geworden.

Sie fühlte den geliebten Leib unter ihren Händen erstarren und erkalten, aber ihr Geist lehnte sich immer noch gegen den Gedanken auf, daß nun zwischen ihr und der treuen Stellvertreterin ihrer Mutter Alles, Alles vorbei sein solle.

Jedes Belebungsmittel, von dem sie vernommen, wollte sie angewendet sehen, und sie zwang die Amme, obgleich diese zuversichtlich betheuerte, daß hier keine menschliche Hand helfen könne, zu Ärzten zu schicken und den Saturnpriester holen zu lassen, denn kräftige Beschwörungen hatten – das wußte sie von der Verstorbenen selbst – manche schon abgeschiedene Seele gezwungen, in den Körper, aus dem sie entwichen, zurückzukehren.

Als sie allein war und der Leiche in das starre Antlitz leuchtete, überkam sie ein tiefes Grauen, und doch brachte sie es über sich, die magere Hand, deren Liebkosungen sie oft wie etwas Selbstverständliches hingenommen hatte, dankbar und betrübt an die Lippen zu ziehen.

Wie kalt und schwer sie war!

Schaudernd ließ sie sie sinken, und die großen Ringe an den Fingern prallten klirrend auf das Holz des Lagers.

Da erlosch die Hoffnung, und sie wußte nun, daß ihre mütterliche Freundin dahin sei, tot und verstummt auf immer.

Ein tiefer, schneidender Schmerz überkam sie und zugleich die öde Empfindung der Vereinsamung, das demüthigende Gefühl der Machtlosigkeit gegen eine brutale Gewalt, die über den menschlichen Widerstand hinschreitet wie der Krieger über Blume und Halm auf der Wiese.

Von heftigem Schluchzen erschüttert, warf sie sich neben der Leiche auf den Boden und weinte wie ein trotziges Kind, dem ein Stärkerer etwas Liebes genommen. Sie weinte aus Ingrimm über die eigene Ohnmacht, und ihre Zähren flossen heftiger, als sie sich vergegenwärtigte, wie vereinsamt sie nun sein werde und ein wie großer Kummer dem Vater bevorstehe.

Freundliche Erinnerung an vergangenes, gemeinsames Glück, welche auch in den bittersten Schmerz einen Beigeschmack von wohlthuender Süßigkeit mischt, blieb ihrem Herzen in dieser grausamen Stunde fern und fremd. Tröstlich erschien ihr nur der eine Gedanke, daß der Abgrund, welcher diese Verstorbene verschlungen, bald, bald sie selbst und alles Lebende aufnehmen werde.

Dort auf dem Tische lag die Gewähr für das nahende Ende der Dinge, und die Sehnsucht nach ihm gewann allmälig in ihrem Geiste die Oberhand über jede andere Empfindung.

Während sie ihr nachhieng, erhob sie sich und hörte auf zu weinen.

Sobald die Amme zurückgekehrt war, wollte sie das Haus verlassen, denn hier war ihres Bleibens nicht länger. Pflicht und Herzensdrang zogen sie fort und zeigten ihr den Platz, wo sie das Letzte zu finden erwarten durfte, was sie vom Leben begehrte.

Durch sie, von keinem Fremden sollte der Vater erfahren, was sie Beide betroffen, und sie wußte, daß er im Serapeum, daß er an derjenigen Stätte verweile, wo sie auch Konstantin morgen zu finden hoffte. Es war des Geliebten Pflicht, dort dem Verderben das Thor zu öffnen, und sie wollte es mit ihm und an seiner Seite durchschreiten.

Das Warten wurde ihr lang, aber endlich, endlich ließ sich Geräusch auf der Treppe vernehmen.

Das war der Schritt der Amme; aber sie kam nicht allein.

Brachte sie den Arzt und Beschwörer?

Jetzt öffnete sich die Thür.

Der Hausmeister trat mit einer dreiarmigen Lampe über die Schwelle, dann erschien die Erwartete und dann – das Herz stand ihr still – dann Konstantin und mit ihm seine Mutter.

Bleich und keines Wortes mächtig begrüßte Gorgo die unerwarteten Gäste.

Die Amme hatte den Arzt, dessen Hülfe hier doch zu spät gekommen wäre, nicht gefunden; aber da sich auch die Schaffnerin mit anderen christlichen Sklavinnen fortgestohlen und das treue Weib sich gesagt hatte, daß »ihr liebes Kind« in dieser traurigen Stunde des Zuspruchs einer befreundeten Frauenseele bedürfe, war sie zum Nachbar Clemens gegangen und hatte dessen Gattin gebeten, ihr zu der Verstorbenen und zu ihrer verlassenen jungen Herrin zu folgen. Konstantin war vor Kurzem nach Hause gekommen und hatte die Frauen schweigend begleitet.

Da standen nun Mutter und Sohn, und während dieser ohne Groll in das bleiche Antlitz der Greisin blickte, der er doch auch manches Freundliche dankte, und dann wieder das Auge auf Gorgo heftete, welche bleich und tief athmend nach Fassung rang und zu Boden schaute, versuchte Frau Mariamne ihr freundlich Zuspruch zu leisten.

Sie lobte eifrig, was ihr an der Verstorbenen nicht geradezu sündlich und gottlos erschienen war, und führte alle Trostgründe in's Feld, mit denen eine gute Christin die Herzen der Hinterbliebenen geliebter Toten aufzurichten versucht; aber es war Gorgo bei diesem wohlgemeinten Zuspruch, als würde da in einer fremden, ihr unverständlichen Sprache auf sie eingeredet, und erst als Mariamne ihr näher trat und sie mit mütterlicher Freundlichkeit an sich zog, um sie zu küssen, und sie einzuladen, mit ihr zu kommen, bis ihr Vater heimkehren werde, empfand sie, daß die Matrone es redlich meine und ihr immer noch gut sei.

Aber der Christin letzte Worte hatten sie auch an die Pflicht erinnert, deren Erfüllung ihr oblag, und so raffte sie sich zusammen, dankte ihr freundlich und bat sie, ihr beizustehen, die Leiche in den Thalamos zu schaffen und sodann die Schlüssel an sich zu nehmen.

Ihr selbst, sagte sie, liege es ob, den Vater aufzusuchen, denn kein Anderer dürfe ihm mittheilen, was hier geschehen sei.

Mariamnens dringende Bitte, von diesem Entschluß abzustehen und die Nacht bei ihr zu verbringen, wies sie entschieden zurück.

Konstantin hatte sich bis dahin still zurückgehalten. Erst als Gorgo der Leiche nahte und den Befehl gab, sie hinunter zu tragen, trat er ihr entgegen und streckte ihr einfach und innig die Rechte hin.

Da schaute sie ihm voll in's Antlitz, legte die Hand in die seine und sagte leise: »Ich hatte Dir Unrecht gethan, Konstantin, und Dich verletzt; es ist mir aufrichtig leid gewesen, schon ehe Du fortgiengst. Du grollst mir nicht mehr, ich weiß es, denn Du hast ja gefühlt, wie vereinsamt ich bin, und bist zu mir gekommen. Nicht wahr, es steht nichts, gar nichts mehr zwischen uns Beiden?«

»Nichts, nichts!« entgegnete er warm und ergriff im Überschwang der Empfindung auch ihre andere Hand.

Da war es ihr, als steige ihr alles Blut auf einmal, mit gewaltigem Andrang in's Herz, als sei er ein Theil ihres Wesens, den man von ihr gerissen, und der zu ihr zurück müsse, zurück, und koste es ihr und ihm Glück und Leben.

Und sie folgte diesem Drange und zog die Hände aus den seinen und schlang sie um seinen Hals und schmiegte sich an ihn wie ein krankes Kind an die Mutter.

Sie wußte nicht, wie es geschah, wie es möglich war, daß es hatte geschehen können; aber es war geschehen, und ohne Mariamnens zu achten, welche mit stummem Entsetzen zusah, wie die Lippen ihres Sohnes die Stirn und den Mund der schönen Götzendienerin suchten und fanden, weinte sie an seinem Halse und fühlte tausend Rosen, alle auf einmal, in ihrer Seele erblühen und zugleich tausend Dornen ihr Herz zerfleischen.

Was hier geschehen war, es hatte geschehen müssen, es war die Vermählung mit dem Geliebten und zugleich der Abschied von ihm gewesen. Das Geschick ihres Lebens, es hatte sich in diesem Augenblicke erfüllt. Was für sie Beide übrig blieb, war der Untergang zugleich mit Allem, was lebte, und dem sah sie entgegen wie der Schlaflose dem Morgen.

Mariamne war zur Seite getreten, denn sie hatte die dunkle Empfindung, daß hier etwas Großes vor sich gegangen, etwas Unabwendbares geschehen sei, wogegen kein Einspruch fromme.

Als sich Gorgo dann aus Konstantin's Armen gelös't hatte, lag etwas Feierliches, Unnahbares in ihrer Haltung.

Der einfachen Frau war sie wie ein ernstes Räthsel, das sie nicht zu deuten wußte, aber es that ihr doch wohl, als Gorgo auf sie zutrat und die Lippen auf ihre Hand drückte. Der Mund war ihr wie versiegelt, sie fühlte, daß, was sie auch gesagt hätte, es doch nicht das Rechte gewesen wäre, und es gereichte ihr zu großer Erleichterung, daß sie sich bald bei der Fortschaffung der Leiche hülfreich erweisen konnte.

Gorgo hatte das stille Antlitz sorglich bedeckt, und als die Verstorbene in das andere Stockwerk geschafft und im Thalamos auf das breite Ehebett niedergelegt worden war, schmückte sie dieses mit Blumen.

Der Priester des Saturn war inzwischen eingetreten und versicherte, daß keine Macht der Welt diesen entseelten Körper zu beleben vermöge. Das unerwartete Ende Damia's und der Kummer des Mädchens giengen dem treuen Mann nahe, und er willigte sogleich ein, als Gorgo ihn leise hat, an der Gartenpforte auf sie zu warten und sie von da aus zu ihrem Vater zu führen.

Sobald er sich entfernt hatte, übergab sie Mariamne die Schlüssel zu den Truhen und Schränken der Verstorbenen, trat dann in das Nebenzimmer, wo Konstantin während der Ausschmückung des Todtenlagers gewartet hatte, und sagte ihm ernst und scheinbar gelassen Lebewohl.

Er streckte den Arm aus, um sie wieder an sich zu ziehen; sie aber duldete es nicht, und als er sie bat, ihm zu folgen, versetzte sie traurig: »Nein, Lieber, ich darf nicht, ich habe jetzt andere Pflichten.«

Da rief er dringend: »Auch mich ruft die meine: aber Du hast Dich mir geschenkt. Mein eigen bist Du, Du gehörst Dir nicht mehr allein an, und ich, ich verlange, ich fordere, daß Du meine erste Bitte erfüllst! Geh' mit der Mutter, oder bleibe hier bei der Verstorbenen. Wo Dein Vater auch sein mag, die rechte Stelle für Dich, für meine Braut, wird das, kann das nicht sein. Mir ahnt, wo er weilt. Laß Dich warnen, Gorgo. Das Schicksal der alten Götter, es ist besiegelt. Wir sind die Stärkeren, und schon morgen – bei Dir selbst, bei Allem, was mir das Liebste und Heiligste ist – schon morgen fällt der Serapis.«

»Ich weiß es!« entgegnete sie fest. »Du hast Befehl, Hand an den Gott zu legen?«

»Ich habe ihn und werde ihm folgen.«

Da winkte sie ihm beipflichtend zu und sagte ergeben und ohne Groll: »Du erfüllst Deine Pflicht, und Du kannst ja nicht anders! Aber wie es auch komme: wir sind Eins, Konstantin, Eins. Nichts kann uns trennen. Was auch bevorsteht, wir gehören, wir stehen zusammen; ich bei Dir, Du bei mir, bis an's Ende.«

Dabei reichte sie ihm die Hand und blickte ihm mit einem vollen Liebesblick in die Augen. Dann warf sie sich noch einmal seiner Mutter an's Herz und küßte sie innig.

»Komm, komm mit mir, mein Kind!« bat Mariamne; sie aber entwand sich ihren Armen und rief: »Geht, wenn ihr mich lieb habt; geht, und laßt mich allein!«

Damit trat sie in den Thalamos zurück, wo die Verstorbene ruhte, öffnete, bevor die Anderen ihr gefolgt waren, eine von dem Teppich an der Wand verborgene Thür neben dem Lager und eilte in's Freie.

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