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Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Neunzehntes Kapitel.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang waren die Stieropfer im großen Hofe des Serapeums beendet. Der Gott, verkündeten die Moschosphragisten,Opferpriester, denen die Schau des Eingeweides der geschlachteten Thiere oblag. habe sie gnädig angenommen – die Eingeweideschau sei günstiger ausgefallen als gestern.

Das Fleisch der geschlachteten Rinder wanderte sogleich in die Küchen, und wenn der Bratenduft, welcher aus denselben aufstieg, dem Serapis so genehm war wie seinen Verehrern, so durften dieselben auf einen guten Ausgang ihres Widerstandes rechnen.

In den oberen Tempelräumen verbreitete sich unter den Belagerten bald eine glückliche Stimmung; denn Olympius hatte sie aus den Weinspeichern des Heiligthums reichlich mit Rebensaft beschenkt, und in Folge des schönen Verlaufes der Begrüßung des Serapis und der Opfer war neue Zuversicht und festliche Freude über sie gekommen.

Es galt, weil es an Lagerstätten fehlte, die Nacht zum Tage zu machen, und da das Leben der meisten unter ihnen auf den Genuß des Augenblicks gestellt war und ihnen das Neue und Absonderliche immer reizvoll erschien, schmaus'ten und zechten sie bald in übermüthiger Laune.

Polster, auf denen sie zu speisen und zu trinken gewohnt waren, gab es nicht, und so griff man nun zu dem wunderlichsten Geräth und verwandelte es aus dem Stegreif in Sitze. Wo es an Bechern fehlte, ließ man die Krüge kreisen oder Opferschalen und ähnliches Geschirr von Mund zu Mund gehen. Manches Jünglingshaupt ruhte im Schooße der Liebsten, manches Mädchen lehnte sich an den Rücken eines Alten, und da es an Blumen fehlte, wurden Boten ausgeschickt, um Blüten, Zweige und Ranken aus der Stadt zu holen.

Solche waren leicht zu beschaffen, und die Zurückkehrenden brachten die Kunde mit, daß das Wettfahren morgen abgehalten werde.

Diese Nachricht war für Viele von großer Bedeutung, und als Nikarch, des reichen Hippokleides Sohn, und der Teppichweber Zenodot, dessen Viergespann schon früher einmal gesiegt hatte und mit dem er auch diesmal den Kranz zu erringen hoffte, sich rasch entfernten, um in den Ställen die nöthigen Anordnungen zu treffen, folgte ihnen der schöne Agitator Hippias, welcher die Rosse großer Kaufherren in der Arena zu lenken gewohnt war. Diese Drei zogen Pferdeliebhaber, Freunde der Rosselenker, Blumenhändler, Platzvermiether, kurz Viele, welche sich im Hippodrom besondern Gewinn oder Genuß versprachen, nach sich. Jeder Einzelne meinte, auf ihn allein komm' es nicht an, und da der Gott günstig gestimmt sei, werde er sein Heiligthum schon selbst bis nach dem Rennen zu vertheidigen wissen. Dann wollten sie zurückkehren, um mit den Anderen zu siegen oder zu sterben.

Manche dachten auch an Weib und Kind und das gute Bett zu Hause, und so lichteten sich die Reihen der Schmausenden. Dennoch blieb weitaus die größere Hälfte der Zusammengeströmten, mehr als dreitausend Männer und Weiber, zurück.

Diese bemächtigten sich fröhlich der halb geleerten Weinkrüge ihrer entwischten Genossen, man sorgte für lustige Musik, und man zechte, jubelte und tanzte, mit bunten Kränzen um Haupt und Schultern, des Gottes voll, in die Nacht hinein.

Das frohe Gelage ward bald zur tobenden Orgie, und lautes Evoerufen und zügelloses Gebrüll störte wiederum die Magier, welche sich von Neuem rechnend, lesend und streitend in ihre Tafeln und Schriftrollen versenkt hatten.

Die Mutter des erschlagenen Jünglings hockte auch jetzt noch unter dem Bilde der Gerechtigkeit und ließ sich geduldig das Herz von dem Jubel der trunkenen Zecher zerschneiden. Jedes Gelächter, jeder Ausbruch der tollen Laune da drüben that ihr namenlos weh, und es würde ihr doch lieblich geklungen haben, wenn zu diesen tausend Stimmen nur noch eine einzige gekommen wäre.

Als Olympius hoch erhobenen Hauptes, immer noch im reichen Ornat seines Amtes, an der Spitze anderer Priester die Tempelhallen durchschritt, bemerkte er auch sie, die er als stolze, glückliche Mutter gekannt hatte, und bat sie, ihm zu den Freunden zu folgen, welche er an seine Tafel geladen; ihr aber graute vor dem geselligen Beisammensein mit Menschen, welche sie kannte, und sie behauptete weiter ihren Platz unter dem Bilde der Göttin.

Wo der Oberpriester sich zeigte, wurde er mit Begeisterung begrüßt. Frisch und heiter rief er den Zechenden ein »Freut euch!« zu, ermunterte sie mit klugen, zündenden Worten und erinnerte sie an den Pharao Mykerinus. Dem war ein Orakel geworden, daß er nur noch sechs Jahre zu leben habe, und darauf hatte er, um diese Voraussagung Lügen zu strafen, die Nächte durchschwärmt und aus sechs ihm bewilligten Jahren ein ganzes Dutzend gemacht. »Thut es ihm nach!« rief er und hob den Becher, »ja, drängt in die wenigen uns bewilligten Stunden den Genuß eines Jahres zusammen! Aus jedem Pokal, den ihr an die Lippen führt, spendet, wie ich es hier thue, dem Gotte!«

Unbändiges Jubelgeschrei folgte diesem heitern Aufruf, die Flöten und Cymbeln fielen laut und ungerufen ein, kupferne Becken klirrten hell aufeinander und manche kleine Faust schlug auf das Tambourin, daß das Kalbfell erdröhnte und die Glöckchen am Reifen fröhlich erklangen.

Olympius dankte und schritt grüßend durch die Gruppen der Seinen.

So hoch hatte das Herz ihm selten geschlagen. Vielleicht war sein Ende nicht fern, aber seiner würdig sollte es werden!

Er wußte, wie die Sonnenstrahlen gelenkt worden waren, die den Mund des Serapis geküßt hatten. Seit Jahrhunderten wurde dies überraschende Schauspiel und die plötzliche Beleuchtung der Wölbung zu Häupten des Gottes bei hohen Festen gerade so in Szene gesetztDiese Veranstaltung der Serapispriester wird von Rufinus erwähnt. wie es heute geschehen war; aber das waren nur Reizmittel für die Menge, deren träger Geist auf die Wunderkraft des Gottes gestoßen werden mußte, welche der Auserwählte überall in dem magischen Zusammenwirken aller Kräfte und Erscheinungen in der Natur und im Menschenleben erkannte. Was ihn betraf, so glaubte er fest an die Macht des Serapis und die Voraussagungen und Berechnungen, aus denen hervorging, daß sein Sturz den Rückfall der geordneten Welt in das Chaos nach sich ziehen werde.

Viele Winde durchwehten die Welt und alle trieben das Lebensschiff in den Abgrund; ob heute oder morgen, was that es? Das nahende Ende aller Dinge schreckte Olympius nicht. Nur Eins erfüllte seine Eitelkeit mit Bedauern: es sollte keine Folgegeschlechter geben, um den Ruhm seines heldenhaften Streites und Unterganges für die Sache der Götter zu feiern!

Aber noch war nicht Alles verloren, und seine sonnige Natur sah im Abendglühen des sinkenden Tages den Vorglanz und das Frühroth eines kommenden Morgens. Erschien die erwartete Hülfe, siegte hier in Alexandria die gute Sache und vollzog sich die Erhebung der gesammten heidnischen Griechenwelt, dann hatten ihn Vater und Mutter mit Recht Olympius genannt, dann tauschte er mit keinem der olympischen Götter, dann sollte der Ruhm seines Namens, dauerhafter als Erz und Marmor, mit Sonnenglanz fortleuchten, so lange ein griechisches Herz die alten Götter ehrte und das Vaterland liebte!

Diese Nacht – vielleicht seine letzte – sie sollte eine edle, eine köstliche Festnacht werden, und so hatte er denn seine Freunde und Gesinnungsgenossen, die Führer des geistigen Lebens in Alexandria, zu einem Symposion im Sinne der großen Weisen und Lebenskünstler des alten Athen in den Versammlungsraum der Serapispriester geladen.

Wie sah es darin so ganz anders aus als im Sitzungszimmer des bischöflichen Hauses!

Die Christen tagten, von nackten Wänden umgeben, auf hölzernen Sesseln um einen armseligen Tisch; das weite Gemach, in welches Olympius seine Freunde geladen, war ein prächtiger, an Kunstschätzen reicher, mit kostbarem Getäfel, getriebenem Erz und Purpurstoffen geschmückter Königssaal.

Schwellende Polster, auf denen Löwen- und Pantherfelle lagen, luden zur Ruhe, und als der viel gefeierte Mann nach seinem Gang durch den Tempel sich zu seinen Gästen gesellte, waren alle Lager dicht besetzt.

Helladius, der berühmte Grammatiker und Oberpriester des Zeus, lag zu seiner Rechten, Porphyrius, der Wohlthäter des Serapeums, zu seiner Linken; auch Karnis hatte Platz unter den Gästen seines alten Freundes gefunden, und wie genoß er den edlen Rebensaft, welcher hier kreiste, wie das kluge und lebhafte Gespräch, dessen er so lange entbehrt hatte!

Olympius war einstimmig zum Symposiarchen erwählt worden und hatte seine Gäste aufgerufen, sich zunächst mit der alten Frage nach dem höchsten Gute zu beschäftigen.

Sie Alle, sagte er, stünden gleichsam auf der Schwelle, und wie Wanderer, welche ein altes, liebes Heim verlassen, um sich ein neues, ungewisses in der Ferne zu suchen, sich noch einmal fragen, was denn von Allem, was sie im Schutz der alten Penaten genossen, das Beste und Dankenswertheste gewesen, so zieme es ihnen, in dieser Stunde sich das zu vergegenwärtigen, was das höchste Gut ihres Daseins auf Erden gewesen. Sie stünden ja vielleicht am Vorabend eines herrlichen Sieges, vielleicht aber auch auf der Brücke, welche das Ufer des Lebens mit dem Nachen des Charon verbindet.

Dieser Stoff war einem Jeden geläufig, und im Nu hatte sich ein feuriger Gedankenaustausch entsponnen. Blumenreicher, prunkender wurde hier sicher geredet als im alten Athen, aber das Gespräch führte nicht zur Vertiefung und helleren Beleuchtung der alten Frage. Die Streitenden brachten nur vor, was früher über das höchste Gut gedacht und gesagt worden war, und als Helladius aufforderte, sich zunächst über die Natur des menschlichen Wesens Klarheit zu schaffen, kam es zu einer glänzenden Klopffechterei über die Frage: ob der Mensch das beste oder schlechteste sei unter den lebenden Geschöpfen?

Dabei gab es viel von dem mystischen Zusammenhang der Geister- und Körperwelt zu hören, und verblüffend wirkte die Einbildungskraft, mit der diese wunderlichen Denker alle Staffeln des Stufenbaus, welcher den unfaßbaren, in sich selbst ruhenden Einen mit der göttlichen Erscheinungsform »Mensch« verband, mit Dämonen und Geistern bevölkert hatten.

Man begriff hier, daß mancher Alexandriner sich scheute, einen Stein zu werfen, weil er einen der guten Dämonen, Licht- oder Schutzgeister, von denen die Luft erfüllt war, zu treffen fürchtete.

Je unklarer die Vorstellungen waren, desto siegreicher verdrängten Bild und Metapher das einfache Wort, und doch freuten sich die Streitenden an dem Glanz ihrer Rede und der Fülle ihrer Ideen. Sie meinten das Übersinnliche mit Geist und Sinnen ergriffen zu haben und in ihren müßigen Spekulationen weit über die Alten hinausgekommen zu sein.

Karnis schwelgte in Entzücken, und Porphyrius wünschte sich Gorgo an seine Seite und hätte, wie alle Väter, das, was er als hohe Geistesfreude empfand, seinem Kinde lieber noch als sich selbst zu genießen vergönnt.

In seinem Hause sah es indessen schwül und beklommen aus. Trotz der furchtbaren Hitze war die alte Damia nicht aus der Thurmstube auf dem Dache gekommen, wo an Schriften und Instrumenten Alles vereint war, dessen der Astrolog und Magier bedurfte.

Ein Priester des Saturn, welcher sich als Meister in diesen Dingen einen Namen erworben und ihr schon seit Jahren beistand, wenn sie die Geheimwissenschaft auf besondere Fälle anzuwenden wünschte, war ihr auch heute zur Hand. Er reichte ihr die astrologischen Tafeln, zog Kreise und Ellipsen, zeichnete Dreiecke und andere Figuren nach ihrer Vorschrift, nannte ihr die mystische Bedeutung der Zahlen und Buchstaben, die ihrem alternden Gedächtnisse bisweilen entfielen, rechnete für sie, machte die Probe auf ihre und die eigenen Resultate, und las ihr die Beschwörungen vor, welche sie im gegebenen Fall für wirksam erachtete. Oft wies er ihr auch neue Wege und schlug neue Formeln vor, welche zum Ziele führen konnten.

Sie hatte der Vorschrift gemäß von früh an gefastet und wurde bei der wachsenden Hitze des Tages oft mitten während der Arbeit vom Schlaf übermannt. Wenn sie dann auffuhr und ihr Gehülfe unterdessen zu Endschlüssen gelangt war, welche ihren Voraussetzungen widersprachen, ließ sie ihn hart an und nöthigte ihn, die vollendete Rechnung neu zu beginnen.

Gorgo stieg häufig zu ihr hinauf, aber obgleich sie ihr mit eigener Hand Erfrischungen brachte und darbot, konnte sie die Greisin nicht bewegen, auch nur die Lippen mit Fruchtsaft zu netzen; denn ein Bruch des vorgeschriebenen Fastens hätte den Erfolg ihrer Arbeit in Frage gestellt.

Während sie zu schlafen schien, räucherte das Mädchen in der Warte mit kräftigen Essenzen, goß der Großmutter solche auf den Peplos, trocknete ihr sorglich die perlende Stirn und wehte ihr mit dem Fächer Kühlung zu.

Die Greisin ließ das Alles geschehen, und obgleich sie nur die ermüdeten Augen geschlossen hatte, gab sie sich das Ansehen zu schlummern, um sich an der treuen Sorgfalt ihres Lieblings zu weiden.

Gegen Mittag schickte sie den Magier fort, um sich durch einen kurzen Schlummer zu stärken, und nachdem sie erwacht war, raffte sie sich zusammen und blieb ernst und aufmerksam bei der Arbeit.

Als sie zum Abschluß gelangt war, wußte sie, daß nichts das furchtbare Verhängniß, welches die alten Orakel voraussagten, abzuwenden vermöge.

Der Fall des Serapis und das Ende der Welt stand sicher bevor.

Der Magier verhüllte das Haupt, als er mit ihr übersah, wie sie zu diesem Ergebniß gekommen, und stöhnte in unverfälschtem Entsetzen; sie aber entließ ihn mit Gleichmuth, reichte ihm den Beutel, den sie am Morgen neu gefüllt hatte, und sagte mit bitterem Lächeln: »Für die Stunden zwischen jetzt und dem Ende.«

Dann – die Sonne hatte die Mittagshöhe längst überschritten – lehnte sie sich ermattet zurück und befahl Gorgo, sie von Niemandem stören zu lassen, und erst zu ihr zurückzukehren, wenn sie sie rufe.

Sobald sie allein war, schaute sie lange in einen glänzenden Spiegel, murmelte dabei die sieben Vokale unablässig vor sich hin und blickte dann gespannt in die Höhe.

Dies seltsame Thun sollte zu einem bestimmten Ziele führen. Es bezweckte, sie ganz absterben zu lassen der Sinnenwelt, sie blind und taub und fühllos zu machen für alles Körperliche, das mit seiner befleckenden Last ihr geistiges, göttliches Theil von dem himmlischen Urquell trennte, dem es entstammte.

Ihre Seele sollte, abgelös't von ihrer irdischen Hülle, den Gott schauen, dem sie entstammte.

Nach langem Fasten und Ringen war sie schon mehrmals beinahe zu diesem Ziele gelangt und hatte niemals die trunkene Wonne jener Stunden vergessen, in denen es ihr gewesen, als schwebe sie in wogenden, unbeschreiblich herrlichen Lichtern leicht wie eine Wolke durch den unermeßlichen Raum.

Die Mattigkeit, welche sie schon lange empfand, kam ihrem Vorhaben zu Statten, denn bald befiel sie ein leises Zittern, kalter Schweiß drang aus ihren Poren, ihre Glieder schienen sich zu lösen, sie sah und hörte nichts mehr, es war ihr, als schöpfe nicht die Lunge allein, sondern jeder Theil ihres Körpers kühlenden Athem, und vor ihren Augen hoben sich schwankende Lichtkreise in Roth und sattem Veilchenblau durcheinander. Empfiengen sie ihren seltsamen Glanz durch das ewige Licht, das sie suchte? Hob sie nicht schon eine geheimnißvolle Kraft aufwärts, dem höchsten Ziel entgegen? Hatte sich die Seele losgemacht von den Fesseln des Körpers? War sie schon mit der Gottheit Eins geworden? Hatte das Suchen Gottes mit dem Gottsein geendet?

Nein! Denn die Arme, welche sie wie zum Fluge ausgebreitet hatte, sanken jetzt nieder, und Alles war vergebens gewesen! Ein leiser Schmerz in den alten Füßen hatte sie wieder zurückgeworfen in die elende Sinnenwelt, über die sie sich hinauszuheben versuchte.

Wieder und wieder griff sie nach dem Spiegel, schaute hinein und starrte dann aufwärts, aber so oft die Empfindung des Körperlichen auf wenige Minuten aufhörte sich fühlbar zu machen und die befreite Seele ihre Schwingen fessellos zu regen begann, kam ein Geräusch, ein zuckender Muskel, eine Mücke, die ihr die Hand berührte, ein Schweißtropfen, welcher von der Stirne den Weg auf die Wange suchte, den Sinnen zu Hülfe, ihr Recht zu behaupten.

Wie war es doch so schwer, sich loszumachen vom Staube!

Der Künstler, welcher von dem Marmorblock das Überflüssige fortmeißelt, um zu dem Götterbild zu gelangen, war ihr Vorbild, aber das Überflüssige ließ sich leichter von dem Stein beseitigen, als von der mit dem Körperlichen so eng zusammengewachsenen Seele.

Und doch hörte sie nicht auf, zäh nach dem Ziele zu ringen, das Andere vor ihr erreicht hatten, aber es kam ihr nicht näher, ja, es wich in immer weitere Ferne zurück, denn zwischen sie und das, was sie erstrebte, drängte sich eine Reihe von Erinnerungsbildern und seltsamen Gesichtern, welche sie nicht zu bannen vermochte. Der Meißel glitt aus, wurde abgelenkt, verlor seine Schärfe, bevor das Götterbild aus dem Stein hervortrat.

Eine Sinnestäuschung nach der andern drängte sich ihr auf. Zuerst sah sie ihre Gorgo, den Abgott ihres alten Herzens. Sie lag schön und bleich auf einer schäumenden Woge, die sie auf ihrem feuchten Rücken emporschwang und sie dann in den gähnenden Abgrund schleuderte, der sich unter ihr aufthat.

Auch sie, die Junge, kaum Erblühte, war dem allgemeinen Untergang erlesen, auch sie sollte gebrochen werden von derselben furchtbaren Hand, welche sich unterfieng, den höchsten der Götter zu stürzen.

Unbezähmbarer Haß trieb sie weit fort von dem Ziele, das sie suchte, und nun änderte sich das Wahnbild, und sie sah eine wild durcheinander flatternde Schaar von kohlschwarzen Raben in unerreichbarer Höhe stille Kreise im Nebel ziehen; aber plötzlich verschwanden sie, und nun trat aus dem grauen Dunst das Grabmonument der verstorbenen Gattin des Porphyrius, der Mutter Gorgo's, deutlich hervor.

Wie oft war sie ihm mit Rührung genaht, aber jetzt wollte sie es nicht sehen, jetzt nicht, und es ließ sich auch bannen; doch an seine Stelle trat das Bild der lieblichen Frau ihres Sohnes, die in dem köstlichen Grabmale ruhte, und gegen dieses Gesicht anzukämpfen gebrach es ihr an Willen und Kraft. Und dennoch zeigte es ihr die Verstorbene auf dem verhängnißvollen letzten Gange ihres Lebens.

Ein feierlicher Aufzug schritt aus dem hohen Thore ihres Hauses festlich geschmückt auf die Straße, an seiner Spitze Flötenbläser und singende Mädchen, dann ein weißer Stier mit einem glutrothen Kranz von Granatblumen, den Blüten des Baumes, welcher mit seinen kernreichen Äpfeln ein Symbol der Fruchtbarkeit war, am mächtigen Halse. Seine Hörner waren vergoldet und neben ihm wandelten Sklaven mit weißen Körben voll Brod und Kuchen und Blumen in buntem Gehäuf. Andere mit lichtblauen Käfigen, in denen Gänse und Tauben hockten, folgten ihnen nach. Das Rind, das Gebäck, die Blumen und die Vögel waren bestimmt, in das Heiligthum der Eileithyia gebracht zu werden als Opfer für die freundliche Göttin, welche den Wöchnerinnen beistand.

Hinter dem Stiere schritt Gorgo's Mutter dahin, schön bekränzt und mit dem unbeholfenen, zagenden Stolz der hoffenden Frauen. Wie schamhaft und fromm sie das Auge senkte! Sie mochte der kommenden schweren Stunde gedenken und mit stillem Gebet das Opfer begleiten.

Ihr folgte Damia selbst mit Freundinnen des Hauses, Klienten, deren Frauen und ihren eigenen dienenden Weibern. Alle trugen Granatäpfel in der Rechten, und mit der Linken hielten sie die bunte Blumenguirlande, welche sie frei und freundlich verband.

So gelangten sie bis an die Werft des Clemens; dort aber kamen ihnen wilde Mönche aus den nitrischen Klöstern entgegen, und als sie das Opfer sahen, schalten sie laut und schmähten die Heiden. Die Sklaven wiesen sie unwillig zurück. Da stürzten sich die hohlwangigen Schaffellträger mit Geißelhieben auf das unschuldige Schlachtthier, welches ihnen ein Gräuel war, und der Stier erhob den gewaltigen Kopf, wandte ihn schnaufend nach rechts und nach links, streckte den Schweif straff von sich, riß sich von den geschmückten Knaben los, denen er bis dahin geduldig gefolgt war, schleuderte einen der Mönche mit dem gewaltigen Horn hoch in die Höhe, wandte sich und rannte wüthend auf die Frauen ein, welche ihm folgten.

Wie ein Taubenschwarm, auf den der Habicht stößt, stoben sie auseinander. Einige wurden in den See, Andere an die Umzäunung der Werft gedrängt, und auch sie, welche dies Alles mitten auf dem Wege zur Vereinigung mit der Gottheit zum zweiten Male durchlebte, sie ward mit der hoffenden Frau, nach der sie die Hände ausgestreckt hatte, zu Boden gerissen.

Gorgo dankte dieser Marterstunde das Leben, ihre Mutter erntete in ihr den Tod, und am folgenden Tage gab es in Alexandria ein Leichenbegängniß, so groß, so feierlich und glänzend, als werde ein siegreicher Feldherr zu Grabe getragen. Es galt dem von dem Stiere durchbohrten Mönche; der Bischof hatte verkündet, daß sich dieser im Kampfe gegen den Gräuel der blutigen Opfer des Götzendienstes die ewige Krone des Paradieses erworben.

Die Raben, die schwarzen Raben begannen wieder vor Damia's Augen zu flattern, und ein herrlicher Griechenjüngling jagte sie froh mit dem Thyrsusstab auseinander.

Sein kraftvoller, geschmeidiger Leib glänzte noch von dem Salböl aus der Timagetischen Ringbahn, dem Schauplatz seiner Siege in allen Übungen der Jugend. Er trug die Züge, er hatte das Lockenhaar ihres Sohnes Apelles; und nun verwandelte er sich und nahm die abgezehrte Gestalt eines Büßers an, und die Kniee brachen ihm unter der Last eines schweren Kreuzes zusammen: Maria, seine Wittwe, hatte ihn, den Liebling der Götter, zum Märtyrer für die Sache des gekreuzigten Juden gestempelt und sein Andenken im Gedächtniß des eigenen Sohnes und aller Menschen verfälscht.

Damia ballte die bebenden Hände, und nun erschienen die Raben wieder und umkreis'ten mit wildem Flügelschlag den gefallenen Büßer.

Da trat ihr sorglos, ohne der Unglücksvögel zu achten, der eigene Gatte entgegen. So war er vor vielen, vielen Jahren zu ihr gekommen und hatte lachend gerufen: »Das beste Geschäft meines Lebens! Um eine Schale Wasser die Kornlieferungen für Thessalonica und Konstantinopel; hundert goldene Solidi jeder Tropfen!«

Glücklicher Kaufherr! Der Gewinn dieses Tages hatte sich verzehnfacht, und Wasser, schlichtes Wasser aus dem Nil – »Taufwasser« nannt' es der Priester – hatte auch dem Sohne die Kassen gefüllt, und aus der Hufe Grundbesitz weite Flächen gemacht; aber dies Wasser, dies einfache Wasser, es stellte stillschweigend eine Gegenforderung für seine Geschenke, und diese hatten Vater wie Sohn zu leisten versagt. Durch seine Kraft verwandelte sich in Gold, was sie berührten, aber auf das Glück und den Frieden des Hauses war es wie Mehlthau gefallen.

Der eine Zweig, welcher ihrem alten macedonischen Stamme entwachsen, war getrennt von dem andern, zwischen ihm und dem Stammhause in der kanopischen Straße braus'te wie ein tiefes, mit ätzendem Haß gesalzenes Meer die große Lüge ihres verstorbenen Gatten.

Diese Lüge, sie hatte ihrem Sohne tausend Stunden vergiftet und den Stolzen gezwungen, sich der Würde des freien, edel denkenden Mannes zu begeben. Mit den alten Göttern im Herzen, hatte er sich in jedem Jahr mehr als einmal demüthigen und mit den verhaßten Bekennern eines andern Glaubens in der christlichen Kirche die Kniee vor dem Gekreuzigten beugen und sich öffentlich zu ihm bekennen müssen. Das Wasser, das furchtbare, goldspendende Wasser, es haftete fester an ihm wie das Brandmal an dem Arme eines gezeichneten Sklaven. Es ließ sich nicht abtrocknen und abreiben, denn wenn der falsche Christ und begeisterte Freund der olympischen Götter sich offen zu diesen bekannte und den verabscheuten neuen Glauben abschwor, so fiel das Geschenk des übermächtigen Wassers, fiel des alten Hauses ganzer Besitz dem Staat und der Kirche anheim und des Porphyrius Kinder, der reichen Damia Enkel, wurden zu Bettlern.

Und das Alles, Alles um des gekreuzigten Juden willen!

Lob und Dank den Göttern! Das Ende dieses Elends war nahe.

Ein Wonneschauer durchrieselte ihr Blut, als sie bedachte, daß mit ihr und den Ihren auch Alles, was Christ hieß, zerschmettert, vernichtet werden sollte.

Sie hätte laut aufgelacht, wenn ihr der Schlund nicht ausgedörrt, die Zunge nicht so trocken gewesen wäre; aber aus ihren Zügen sprach triumphirender Hohn, und mitten unter den Raben, die sie dichter und dichter umschwärmten, sah sie Marcus, den Sohn der Maria, mit dem heidnischen Sängerdirnchen Dada durch die kanopische Straße fahren, und ihre verhaßte Schwiegertochter schaute ihnen nach und schlug sich jammernd die Stirn.

Von berauschender Lust ergriffen, wiegte sie sich auf dem Armstuhl hin und her; aber nicht lange, denn die schwarzen Vögel schienen das ganze Gemach zu erfüllen und beschrieben in raschem, endlosem Zuge einen schnell bewegten Kreis um sie her. Sie hörte sie nicht, aber sie sah sie, und der wirbelnde Luftzug, welcher ihnen folgte, umstrudelte sie, und sie mußte ihm mit dem Haupte folgen, bis sie der Schwindel ergriff und sie zwang, nach einem festen Halt zu suchen.

In sich zusammengekauert, die Hände um die Armstützen des Lehnstuhls gekrampft, saß die Greisin da wie ein Reiter, den das durchgehende Roß in der Arena im Kreise umherreißt, bis die Sinne ihr schwanden und sie, aufgerieben von Überspannung und Erschöpfung, starr und wie leblos zu Boden sank.

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