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Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Kapitel.

Auf dem Hause des Porphyrius lastete nach Konstantin's Aufbruch Sorge und Beklemmung.

Bote auf Bote war erschienen, um Olympius zu rufen. Ein heidnischer Schreiber des Statthalters Evagrius hatte verrathen, was im Werke sei, und der Philosoph sich sogleich zum Aufbruch bereit gemacht.

Der Kaufherr selbst gab den Befehl, die Pferde an seine geschlossene Harmamaxa zu spannen, und übernahm es, Waffen und Feldzeichen in das Serapeum zu schaffen. Der Speicher, in welchem dieselben aufbewahrt wurden, lag auf einem seiner Grundstücke in der Rhakotis im Hintergrunde eines Holzplatzes, der von zwei Straßen her zugänglich war und durch Schuppen und Bauholz den Blicken der Vorübergehenden entzogen wurde.

Der alte Aquädukt, welcher auch die Opferhöfe und die für die Mysterien des Serapis bestimmten unterirdischen Räume des Tempels mit Wasser versorgt hatte, war hart an seiner Hinterwand vorübergegangen. Seit seiner Verlegung unter dem Kaiser Julianus lag der alte unterirdische und gut ausgemauerte Kanal trocken und gestattete Männern, in gebückter Haltung ungesehen in den Tempel zu gelangen.

Dieser versteckte Gang war erst vor Kurzem und ganz im Geheimen wieder eröffnet worden und sollte nun benützt werden, um die Waffen in den Tempel zu schaffen.

Damia hatte der eifrigen, aber kurzen Unterredung zwischen ihrem Sohne und dem Philosophen als lauschende Zeugin beigewohnt und nur bisweilen ein bedenkliches: »Ernst, schwerer Ernst!« oder ein lebhaftes: »Recht so; nur keine Schonung!« in das Gespräch der Männer geworfen.

Der Abschied schien dem Olympius diesmal besonders schwer zu werden; und als der Kaufherr ihm die Hände entgegenstreckte, zog er ihn an die Brust und sagte in tiefer Bewegung: »Dank, Freund; Dank für Vieles! Wir haben gelebt, und wenn wir unterliegen, so geschieht es für die Lebensfreude der Enkel. Was soll uns Beiden ein Dasein mit Geißel und marternden Skrupeln! Die Vorzeichen sind übel, und wenn nicht Alles trügt, stehen wir vor der Schwelle des Endes. Was jenseits liegt, – wir Philosophen sehen ihm gleichmüthig entgegen. Das ewige Denken über uns hat das All so schön geordnet, daß es wohl auch das für unsern Geist Unfaßbare auf's Beste eingerichtet haben wird. Die Schwingen der Seele regen sich leichter und freier, nun ich der Zeit gedenke, in der sie erlös't sein wird von der Wucht dieses lastenden Leibes!«

Dann hob der Oberpriester die Arme empor, als fühle er sich aufwärts gezogen, und sprach mit hinreißender Begeisterung ein Gebet, in dem er den Göttern vorhielt, was er und die Seinen für sie gethan, und ihnen Opfer gelobte.

Das Alles klang so erhaben und floß in so schöner, reiner Sprache dahin, daß der Kaufherr, dem der lange Aufenthalt des Führers seiner Sache peinlich und unzuträglich erschien, ihn doch nicht zu unterbrechen wagte.

Als der jugendlich erregbare Greis endlich schloß, hatte manche Thräne seinen weißen Bart benetzt, und da er auch der Greisin und Gorgo's Augen feucht schimmern sah, hätte er gern noch einmal zu reden begonnen, aber Porphyrius ließ ihm nur Zeit, Damia's Hand an die Lippen zu ziehen und Gorgo zuzumurmeln: »Du bist in erregter Zeit, aber unter guten Zeichen geboren. Zwei Welten prallen auf einander. Welche wird siegen? Für Dich, mein Liebling, hab' ich nur den einen Wunsch: werde glücklich!«

Olympius hatte die Halle verlassen; der Kaufherr aber schritt sinnend auf und nieder, und als sein Blick dabei das Auge der Mutter traf, welches ihm ungeduldig folgte, sagte er, ohne die Greisin anzuschauen, halb vor sich hin: »Wenn er schon so an das Ende denkt, er; wer darf wohl noch hoffen?«

Da richtete Damia sich lebhaft auf und rief feurig: »Ich! Ich darf es und kann es und hoff' und vertraue! Soll denn Alles zu Grunde gehen, was die Vorfahren gedacht und gebildet? Soll sich der finstere Aberglaube, wie der Lavastrom auf die vesuvischen Städte, über die ganze Welt ergießen und begraben, was licht ist und schön? Nein, tausendmal nein! Vielleicht ist unser verkommenes, feiges Geschlecht, das aus Furcht vor dem künftigen Nichts den Muth eingebüßt hat, das Leben auszugenießen, dem Untergange erlesen wie in Deukalion's Tagen. Wohl denn, wohl! Was kommen muß, komme! Aber eine Welt wie jene sie wollen, sie kann, sie wird nicht bestehen! Mag ihnen das Ungeheure gelingen, mögen sie den Tempel der Tempel, das Haus unseres Serapis in Asche legen und das Bild des Großen zertrümmern. Wohl! Und noch einmal wohl! Dann wird es aus sein, zu Ende mit uns, mit Allem, aber auch mit ihnen, mit ihnen!«

In finsterem Haß ballte sie die Faust und fuhr dann aufathmend fort: »Ich weiß, was ich weiß . . . es gibt untrügliche Winke, und ich, ich verstehe sie zu deuten und sage: wahr, untrüglich wahr ist, was jedes Alexandriner Kind schon von der Amme erfährt, die es aufsäugt: mit dem Sturz des Serapis fällt die Erde in sich zusammen wie eine zusammengeballte, trockene Staubscholle, auf die der Huf eines Rosses schlägt. Das haben hundert Orakel verkündet, das steht so verzeichnet in der Schrift der Sterne am Himmel und im Buche des Schicksals. Laßt, laßt sie! Vorwärts, immer nur vorwärts! Der endet süß, der scheidend mit zusieht, wie sich dem Feinde das eigene Schwert in die Brust bohrt!«

Außer sich, röchelnd, nach Athem ringend sank die Greisin zurück, aber sie erholte sich schnell in Gorgo's stützenden Armen, und sobald sie die Augen wieder aufgeschlagen, rief sie ihrem Sohne mit kräftigem Unwillen zu: »Immer noch hier? Ist die Zeit denn so billig? Warten werden sie, warten! Du hast den Schlüssel, und sie brauchen Waffen!«

»Ich kenne meine Pflicht,« entgegnete der Kaufherr gelassen. »Eins nach dem Andern. Bevor die Jünglinge sich versammeln, bin ich längst auf dem Platze. Syrus bringt die verabredeten Zeichen, ich fertige die Boten ab, und dann wird es Zeit sein zum Aufbruch.«

»Boten? An wen?« fragte die Greisin.

»Au Barkas. Er gebietet über mehrere tausend libysche Bauern und Sklaven. Der Andere soll zu dem Ägypter Pachomius, der unter den biamitischen Fischern und dem Landvolk im östlichen Delta Anhänger wirbt.«

»Ich weiß, ich weiß. Zwanzig Talente – Pachomius braucht Geld – zwanzig Talente aus meiner Kasse, wenn sie zu rechter Zeit hier sind!«

»Das Zehn-, das Dreißigfache gäb' ich, wären sie jetzt in der Stadt!« rief der Kaufherr und verlieh zum ersten Male der starken Empfindung, welche auch ihn durchdrang, einen lebhafteren Ausdruck. »Als ich in's Leben trat, hat mich der eigene Vater dem Aberglauben verschrieben. Noch trag' ich die Kette; aber jetzt, in diesen entscheidenden Stunden, fühl' ich lebhafter als sonst, will ich auch zeigen, daß ich den alten Göttern Treue zu halten verstehe. An uns soll's nicht fehlen; und doch gibt es keine Rettung, wenn die Kaiserlichen nicht zaudern. Gehen sie an's Werk vor der Ankunft des Barkas, dann ist Alles verloren; kommt Barkas dagegen, kommt er zur Zeit, so dürfen wir hoffen, so wendet sich vielleicht noch Alles zum Besten. Was vermögen die Mönche? Zu den beiden Legionen der Besatzung sind nur noch die Panzerreiter unseres Konstantin gekommen.«

»Unseres?« kreischte die Alte. »Wessen, frage ich, wessen? Wir, wir haben nichts mit den blöden Christianer zu schaffen!«

Da unterbrach Gorgo die vor Zorn bebende Greisin und rief: »Doch, Großmutter, doch! Bedenke, was er uns war! Er ist Soldat und muß seine Pflicht thun; aber er liebt uns!«

»Uns, uns?« lachte die Alte. »Hat er Dir vorhin Liebe geschworen? Hat er's? Und Du? Glaube ihm nur, Närrin! Ich kenne ihn, kenn' ihn! Für einen Brocken Brod und einen Schluck Wein aus der Hand seines Priesters stürzt er uns Alle und Dich mit uns in's Elend! Ah! – ah, da wären die Boten!«

Porphyrius fertigte die jungen Männer, welche in die Halle getreten waren, eilig ab, schloß Gorgo dann ernst und innig in die Arme und neigte sich endlich – er hatte es lange nicht gethan – zu der Mutter nieder, um sie zu küssen.

Da ließ Damia die Krücke sinken, preßte die Hände fest und lange an die Schläfe des Sohnes und murmelte dabei viele Worte, die bald wie Herzensergüsse, bald wie magische Formeln klangen.

Die Frauen waren allein, und lange Zeit schwiegen Beide.

Die Alte saß in sich zusammengesunken in ihrem Armstuhl, Gorgo aber lehnte mit dem Rücken an dem Postament einer Büste des Plato und schaute sinnend zu Boden. Endlich unterbrach Damia die Stille und verlangte in das Frauengemach getragen zu werden.

Da wehrte ihr Gorgo mit der Hand, schritt auf sie zu und sagte ernst: »Noch nicht, Mutter. Erst sollst Du mich hören.«

»Dich hören?« fragte die Greisin und zuckte die Achseln.

»Ja, Mutter. Ich habe Dich niemals belogen: aber Eines hielt ich immer vor Dir verborgen, weil ich meiner selbst nicht gewiß war bis heute Morgen. Nun bin ich's. Jetzt weiß ich, daß ich ihn liebe.«

»Den Christianer?« fragte die Greisin und schob den Schirm mit einem heftigen Ruck von den Augen.

»Ja, ihn, den Konstantin; und ich will und darf nicht mehr hören, daß Du ihn schmähst.«

Da lachte die Greisin schrill auf und rief höhnisch: »Nicht? Dann halte Dir die Ohren zu, Täubchen, denn so lang diese Lippen sich regen . . .«

»Halt, Großmutter, halt!« fiel ihr das Mädchen in's Wort. »Muthe mir nicht zu, was ich nimmer ertrage. Eros hat mich später getroffen als andere Mädchen, und er hat es nur ein Mal gethan; aber Du weißt nicht, wie tief. Schmähst Du ihn, so schneidest Du in die Wunde, und so grausam darfst Du nicht sein. Thu' es nicht; ich bitte Dich, laß es, denn sonst . . .«

»Sonst?«

»Sonst geh' ich zu Grunde, Mutter, und Du hast mich doch lieb.«

Ernst und doch weich klangen diese Worte. Sie zielten auf die Zukunft, aber diese schien Gorgo sicher wie etwas Geschehenes vor Augen zu stehen; Damia aber warf einen raschen, verstohlenen Blick auf die Enkelin, und dabei überlief sie ein leiser Schauer; denn diese Jungfrau war des Gottes voll, und es überkam sie selbst eine Empfindung, als sei sie im Tempel und fühle der Himmlischen Nähe.

Gorgo wartete vergeblich auf eine Antwort, und als die Großmutter schwieg und immerfort schwieg, zog sie sich wieder zu dem Postamente zurück. Endlich erhob Damia das faltige Antlitz, schaute sie gerade an und fragte: »Und was soll daraus werden?«

»Ja, was soll daraus werden?« wiederholte das Mädchen dumpf und schüttelte das Haupt. »Ich frage es mich selbst und kann die Antwort nicht finden, denn sein Bild ist mir ganz nahe, und dennoch erhebt es sich zwischen uns wie Mauern und Berge. Das Bild, sein Bild – vielleicht gelingt es mir noch, es zu zertrümmern, aber verstümmeln und schänden laß ich es nicht!«

Da verfiel die Greisin in neues Brüten, und ihre Lippen wiederholten mechanisch das letzte Wort Gorgo's, und in immer längeren Zwischenräumen und zuletzt ganz tonlos murmelte sie: »nicht« und »nicht« und wiederum »nicht.«

Entrückt der Gegenwart und Allem, was sie umgab, fühlte sie längst vergessene Schmerzen neu erwachen. Sie erinnerte sich der grausamen Tage, in denen der junge Freigelassene, der edle Astronom und Philosoph, den man ihr zum Lehrer gegeben und den sie mit aller Leidenschaft ihres feurigen Herzens geliebt hatte, um ihretwillen und weil er die Kühnheit gehabt, nach ihrem Besitze zu streben, von Sklaven aus dem Hause ihres Vaters gestoßen worden war.

Sie hatte ihn aufgeben müssen, und nachdem sie das Weib eines Andern, er aber ein berühmter Mann geworden war, hatte sie ihm kein Zeichen ihres Gedenkens gegeben. Zwei Drittel eines Jahrhunderts lagen zwischen der Gegenwart und jenen seligen und entsetzlichen Tagen. Er war längst dahingegangen, und doch hatte sie ihn nicht vergessen, und auch jetzt dachte sie seiner. Ein seltsames Doppelgesicht zeigte ihr die eigene Person, wie sie damals gewesen, und das Bild ihrer Enkelin Gorgo, welche sie, obwohl sie ihr gegenüber stand, mit den leiblichen Augen nicht sah. Beide verschwammen in einander, und derselbe Schmerz, welcher der Einen die Seele verbittert hatte, bedrohte nun auch die Andere. Aber sie, Damia, hatte den ihren durch lange Jahrzehnte mit sich geschleppt, wie die Kette mit der eisernen Kugel, welche den Sträfling an der Ruderbank festhält und ihn wie ein körperhafter, schwer lastender Schatten begleitet, wohin er auch geht: Gorgo's Leid konnte nicht lange währen, denn das Ende aller Dinge, sie sah es kommen; langsam, aber mit unabwendbarer Sicherheit kam es näher und näher.

Wo hatten sich begeisterte Jünglinge und zusammengelaufenes Landvolk jemals auf die Dauer gegen die römische Kriegsmacht zu behaupten vermocht?

Sie, die noch vor Kurzem ihrem Sohne so zuversichtlich in die Rede gefallen war, sah nun die Legionen des Kaisers den Olympius, die Libyer des Barkas und des Pachomius Biamitengesindel zu Paaren treiben und den Tempel des Serapis belagern und stürmen. Feuerbrände flogen in die heiligen Hallen, die Decken barsten, die Gewölbe brachen zusammen; von schweren Quadern getroffen, sank das edle Werk des Bryaxis, des Gottes erhabenes Standbild, in den qualmenden Staub. Und nun, nun erhob die gesammte Natur eine Klage, als habe jeder Stern am Firmament, jede Woge des Meeres, jedes Blatt an den Bäumen, jeder Halm auf dem Felde, jeder Fels am Ufer, jedes Sandkorn in der unermeßlichen Wüste eine Stimme gewonnen, und dieses »Wehe! wehe!« der Welt ward übertönt von Donnerschlägen, wie sie kein menschliches Ohr je vernommen, kein irdisches Wesen zu ertragen vermochte.

Der Himmel öffnete sich, und aus dem schwarzen Schlunde todbringender Wolken ergossen sich Feuerströme, aus dem geborstenen Schooße der Erde drangen zehrende Flammen und lohten auf bis zur Höhe des Himmels. In Feuer und Asche verwandelte sich Alles, was Luft war, in schwerem Falle troff das Silber und Gold der Gestirne von der fernen Glocke des Himmels, und nun bog und neigte sich auch diese und krachte zusammen und begrub die in tausend Splitter zerschellende Erde. Asche, Asche, flatternde, graue, staubige Asche erfüllte den Weltraum, und nun erhob sich ein Orkan und jagte auch diese wild auseinander und lös'te sie auf, und das Nichts öffnete seinen gigantischen, unersättlichen Schlund und sog in durstigen, gewaltigen Zügen ein, was noch da war, und an Stelle der Welt und der Götter und Menschen und ihrer Werke gab es nur noch Eins: das entsetzliche, grauenerregende, unfaßbare Nichts. Und in, um und über ihm – aber welche Dimension hatte wohl das Nichts? – waltete in kühler, theilnahmloser Selbstgenügsamkeit jenseits alles Wirklichen und selbst des Denkens, welches immer eine Vielheit voraussetzt, die undenkbare Einheit des Urwesens der neuplatonischen Schule, zu der sie sich bekannte.

Über den Leib der Greisin flog es kalt und heiß bei diesen Gedanken, aber sie glaubte an sie und wollte an sie glauben. Das »Nicht«, welches sie vor sich hin gemurmelt hatte, wandelte sich unmerklich und wurde auf ihren Lippen zu einem deutlichen und immer lauteren »Nichts«.

Gorgo hielt wie gebannt den Blick auf die Großmutter geheftet.

Was war über sie gekommen?

Was bedeutete ihr irrer Blick, ihr röchelnder Athem, das schauererregende Spiel ihrer Züge, die krampfhafte Bewegung ihrer Füße und Hände?

War sie wahnsinnig geworden?

Was sollte das Nichts, das gräßliche Nichts, das sie immerfort wiederholte?

Das Mädchen ertrug es nicht länger, und von marternder Angst getrieben, eilte sie auf die Greisin zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und rief: »Mutter, Großmutter, erwache! Was willst Du mit dem schrecklichen Nichts?«

Da fuhr Damia zusammen, schüttelte sich fröstelnd und fragte, erst dumpf und dann mit einer erzwungenen Heiterkeit, vor der Gorgo graute: »Das Nichts? Von dem Nichts hab' ich also gesprochen, mein Täubchen? Du bist klug. Das Nichts! He? Du hast ja auch denken gelernt; bist Du im Stande, den Inhalt des Begriffes ›Nichts‹ – aber das Ungethüm hat ja keinen Kopf und keinen Schwanz, kein Hinten und Vorn – bringst Du es fertig, den Begriff ›Nichts‹ scharf zu begrenzen?«

»Was soll das, Mutter?« fragte Gorgo mit erneuter Besorgniß.

»Sie faßt und begreift ihn auch nicht,« lächelte die Greisin trüb vor sich hin. »Und dennoch sagte Melampus noch gestern, Du seiest ihm bei den Vorträgen über die Kegelschnitte leichter gefolgt als mancher Student. Ja, Herzchen; ich habe auch einmal Mathematik getrieben, und wie viel rechne ich noch täglich auf meiner Warte; aber es wird mir immer noch sauer, zu fassen, was ein mathematischer Punkt sei. Er ist Nichts, und doch ist er Etwas. Aber das große, das letzte Nichts! Wie närrisch das klingt, denn das Nichts kann ja weder groß, noch klein sein, kann weder früher eintreten, noch später. So ist es doch, Täubchen? Nichts denken, wer könnte es nicht; doch das Nichts denken ist schwer, das bringen wir Beide nicht fertig. Selbst der Ureine hat in dem Nichts keinen Raum. Aber warum zerbrechen wir uns die Köpfe? Warten wir nur bis morgen oder übermorgen; dann tritt etwas ein, was unsere eigenen lieben Personen und diese vortreffliche Welt gerade dazu machen wird, was wir heute noch nicht begreifen. Das Nichts wird kommen; ich höre von ferne den ehernen Schritt des luftigen Ungethüms ohne Füße und Leib. Ein drolliger Riese, der noch kleiner ist als der mathematische Punkt, von dem wir da sprachen, und dennoch ist er groß über die Maßen. Ja, ja! Unser Geist hat lange Polypenarme und kann auch das Ungeheure umfassen; aber das Nichts, das erreicht er noch schwerer als das ›Unbegrenzt‹ und ›Unendlich‹. Und dieses ›Nichts‹, hat mir geträumt, kommt nun zur Herrschaft und öffnet den weiten Kiefer, den zahnlosen Rachen und schlingt uns Alle in den Magen ein, den es nicht hat, uns Alle: Mich und Dich und Deinen Präfekten sammt dieser schönen, nichtswürdigen Stadt, sammt Himmel und Erde. Warte nur, warte! Noch leuchtet das hehre Bild des Serapis, aber das Kreuz wirft einen gar mächtigen Schatten; es hat ja schon das Licht auf der halben Erde verdunkelt! Der Kaiser – ihm sind unsere Götter ein Gräuel. – Cynegius macht nur seine Wünsche zu Thaten . . .«

Hier wurde Damia unterbrochen, denn der Hausmeister stürzte athemlos in das Zimmer und rief:

»Verloren, verloren! Ein Edikt des Theodosius verschließt alle Tempel der Götter, und die Panzerreiter haben die Unseren auseinander gesprengt!«

Da kreischte die Greisin hell auf: »Nun siehst Du's! Jetzt kommt es! Der Anfang des Nichts hat begonnen. Ja, ja; Deine Panzerreiter sind eine wackere Truppe! Sie graben ein großes, großes Grab! Es wird darin Raum geben für Viele: für Dich, für mich und auch für sie selbst und ihren Präfekten. Rufe den Argos, Mann, und tragt mich in die Gynäkonitis; da erzähle uns, was es gegeben.«

Im Frauengemach theilte der Hausmeister mit, was er wußte. Es klang traurig genug; aber Eins schien ihm tröstlich: Olympius befand sich im Serapeum und hatte sich dort mit einer großen Schaar von Getreuen zu verschanzen begonnen.

Damia wollte nicht mehr hoffen, und darum achtete sie kaum auf diese Nachricht; aber auf Gorgo's Seele übte dieselbe eine erschütternde Wirkung. Sie liebte Konstantin mit der ganzen Leidenschaft einer ersten, einzigen, lang zurückgehaltenen Liebe. Ihr kleinliches Mißtrauen hatte sie längst bereut, und es würde sie wenig gekostet haben, ihren Stolz zu demüthigen, zu ihm zu eilen und Abbitte zu thun. Aber die Treue gegen die Götter, um derentwillen er sie zürnend verlassen, die wollte sie halten um jeden Preis, die durfte sie jetzt, wo Alles auf dem Spiel stand, nicht brechen. Das wäre feiges Überlaufen gewesen. Ja, wenn Olympius siegte, dann konnte sie hingehen und sagen: Bleibe Du Christ und laß mir den Glauben der Kindheit oder öffne meine Seele dem Deinen. Aber jetzt, jetzt galt es, das Herz zu bezähmen und treu auszuharren auf dem verlorenen Posten. Sie war Griechin durch und durch; sie wußte es, sie empfand es, und dennoch hatte ihr Auge bei der Erzählung des Hausmeisters stolz aufgeleuchtet, und es war ihr gewesen, als sehe sie Konstantin vor sich, wie er an der Spitze seiner Reiter in die Heiden einstürmte, um sie wie eine Heerde Schafe in alle Winde zu treiben. Ihr Herz hatte wärmer für den Feind als für die unglücklichen Freunde geschlagen. Diese waren ihr wie schwankendes Rohr erschienen, in Jenem hatte sich für sie Alles verkörpert, was stark ist.

Dieser Zwiespalt der Empfindungen peinigte sie, aber die Großmutter hatte ihr den Weg gezeigt, auf dem er geschlichtet werden konnte.

Wo er befahl, da kam es zum Siege, und wenn es den Christen gelang, das Bild des Serapis zu stürzen, dann brachen die Fugen der Welt, dann stürzte die Erde zusammen. Auch sie kannte die Schriften und die Orakel, welche dies wie mit einer Stimme voraussagten, sie hatte es wiederholen hören von ihrer Amme, von den Sklavinnen am Webstuhl, von würdigen Männern und scharfsinnigen Philosophen, und für sie schloß das Entsetzliche, was da bevorstand, die Lösung jeden Widerspruches, die bittersüße Hoffnung in sich, mit Ihm vereinigt zu Grunde zu gehen.

Als es dämmerte, erschien der Moschosphragist des Serapis, welcher täglich die Eingeweide eines Thieres für Damia zu prüfen hatte, und die Schau war so übel ausgefallen, daß er sich zu berichten scheute, was er gefunden.

Die Greisin hatte das voraus gewußt, nahm es gleichmüthig hin und ließ sich auf die Warte tragen, um dort nach dem Aufgang der Sterne zu sehen.

Gorgo blieb im Frauengemache lange allein. Aus den Räumen, welche sich an dasselbe schlossen, klang das eintönige Geklapper der Webstühle, an denen heute wie immer viele Weiber die Hände regten.

Plötzlich hörte es auf.

Damia hatte den Sklavinnen von der Warte herunter sagen lassen, sie möchten die Arbeit einstellen und auch morgen ausruhen, wenn sie wollten. In dem großen Gesindesaale sollte auf ihren Befehl Wein vertheilt werden, und zwar so reichlich wie an den großen dionysischen Festen.

Nun ward es ganz still in der Gynäkonitis. Da lagen die Blumenguirlanden, welche sie selbst mit ihren Freundinnen geflochten, um morgen den Tempel der Isis damit zu schmücken. Der Hausmeister hatte mitgetheilt, das ehrwürdige Heiligthum sei geschlossen und von Soldaten besetzt worden.

So war es denn vorbei mit dem Feste, und das hätte sie freuen können, weil es sie der Nothwendigkeit enthob, Konstantin zu trotzen; aber nun gedachte sie wieder mit stiller Wehmuth der freundlichen Göttin, in deren schönem Tempel sie so oft Trost und Erhebung gefunden. Sie erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen die ersten Blumen von ihren eigenen Beetlein gebrochen und sie im Heiligthum der Göttin neben dem Brunnen, aus dem man das Wasser für die Libationen schöpfte, in die Erde gesteckt hatte. Von den Geschenken der Ihren hatte sie duftende Essenzen gekauft, um den Altar der Isis zu salben, und wenn das Herz ihr schwer geworden war, hatte sie vor dem Marmorbilde der Göttin im Gebete Erleichterung gefunden. Wie herrlich waren die Feste der Isis gewesen, wie gern und aus wie voller Brust hatte sie bei denselben gesungen. Das Meiste, was ihre Kindheit ihr an Poesie und Gemüthserhebung geboten, war mit der Isis und ihrem Tempel verbunden gewesen, und nun hatte man ihn geschlossen, und das Bild der Himmlischen lag vielleicht schon zertrümmert im Staube.

Gorgo kannte all die hohen Ideen, welche dem Kult der Göttin zu Grunde lagen, aber an sie hatte sie sich niemals im Gebete gewandt, sondern nur an das Bild, auf dessen mystische Kraft sie vertraute.

Was man der Isis und ihrem Heiligthum angethan hatte, konnte bald auch dem Serapis und dem seinen begegnen.

Ihr graute, denn sie war gewohnt, den Tempel dieses Gottes für das Herz der Welt, für den Schwerpunkt zu halten, welcher das Gleichgewicht des gesammten kosmischen Lebens bedinge, und Serapis selbst war von seiner ganz mit magischen und mystischen Kräften erfüllten Wohnung untrennbar.

Alle Voraussagungen, alle sibyllinischen Sprüche, alle Orakel logen, wenn der Sturz seines Bildes ungestraft blieb, wenn ihm nicht der Untergang der Erde so sicher folgte, wie die Überflutung des Landes dem Bruche eines Dammes. Und wie konnte es auch anders sein nach der Deutung, welche ihr ihre neuplatonischen Lehrer von dem Wesen des Gottes gegeben?

Wie ein überströmendes Gefäß goß nicht Serapis, sondern der große, unnahbare, über allem Sein und Begreifen erhabene Eine, für dessen Größe jeder Name zu klein war, goß der Übergute, Überschöne, in dem Alles war und sein wird, was da ist, die Quintessenz dessen, was göttlich heißt, aus, und aus diesem Überschwang entstand das göttliche Denken, der reine Gedanke, der sich zu dem Einen verhielt, wie das Licht zu der Sonne.

Dies Denken mit seinem Leben – auch dies noch nicht in der Zeit, sondern in der Ewigkeit – es konnte nach Begehr sich regen oder ruhen; es schloß in sich eine Vielheit, während das Eine nur Eins war und, völlig untheilbar, nur Eins bleiben konnte.

Die Idee jedes lebenden Wesens gieng von dem Zweiten, dem ewigen Denken aus, und diese allbelebende und bewegende denkende Kraft schloß sämmtliche Urbilder der mit Leben begabten Wesen, und so auch die der unsterblichen Götter in sich zusammen; ihre Idee, ihre Urbilder nur, nicht sie selber. Und wie das ewige Denken dem Einen entströmt war, so entströmte ihm als Drittes die Seele der Welt, deren Doppelnatur sich hier mit dem ewigen, hohen Denken, dort mit der niederen Körperwelt berührte. Sie war die himmlische Aphrodite, welche sich selig im reinen Glanze der lichten Gedankenwelt wiegte und sich doch nicht loszulösen vermochte von dem Staube des Körperlichen, der Materie, an welcher die Sinne haften, und in der sich die Sünde verbarg.

Das Haupt des Serapis war das ewige Denken, in seiner breiten Brust ruhte die Seele des Alls und die Fülle der Urbilder alles Geschaffenen. Die Erscheinungswelt diente seinen Füßen zum Schemel. Ihm, der gewaltigen Urkraft, welche nach oben hin an den unfaßlichen und undenkbaren Einen ragte, dienten auch die untergeordneten Kräfte. Er war die Summe des Alls, die Gesammtheit des Geschaffenen und zugleich auch die Kraft, welche es beseelte und belebte, die es durch ewige Neubildung vor dem Untergang bewahrte. Seine Macht hielt das vielfach gegliederte Gebäude der sinnlichen und übersinnlichen Welt in harmonischem Einklang.

Was belebt war: die beseelte Natur wie der beseelte Mensch, hiengen mit ihm untrennbar zusammen.

Wenn er, wenn Serapis fiel, so sprang die Ordnung der Welt in Stücke, und mit ihm, der »Summe des Alls«, hörte das All selbst auf zu sein.

Was blieb, das war nicht das Nichts, von dem die Großmutter gesprochen, das war der Eine, der kalte, wesenlose, unfaßbare Eine.

Mit dem Sturz des Serapis gieng die Welt in Trümmer, und vielleicht gefiel es Jenem, aus seinem Überschwang eine andere in's Leben zu rufen, eine andere Welt für andere, künftige, fremde Wesen.

Ans solchen Gedanken wurde Gorgo durch einen wüsten Lärm gerissen, der laut vernehmbar aus dem weit abgelegenen Saale der Sklaven bis in das Frauengemach drang. Hatte die Großmutter den Weinspeicher zu weit geöffnet; waren die Unglücklichen schon jetzt sinnlos berauscht? Aber nein! So klang es nicht, wenn die Sklaven, von Dionysus gebändigt, die Gegenwart vergaßen und ihre Lust zügellos austobten.

Sie lauschte; und nun erkannte sie klägliches Geheul und leidenschaftliches Jammergeschrei. Etwas Schreckliches mußte geschehen sein. War dem Vater ein Unglück begegnet?

Tief besorgt eilte sie über den Hof in das Sklavenhaus.

Die schwarze und weiße Dienerschaft geberdete sich dort wie von Sinnen. Den Weibern floß das aufgelös'te Haar über das Antlitz, und sie schlugen heulend die Brust; die Männer saßen in sich zusammengesunken vor den unberührten Krügen und wimmerten leise.

Was hatte sie, was das Haus betroffen?

Gorgo rief ihre Amme und erfuhr nun, der Moschosphragist habe mitgetheilt, Soldaten seien vor das Serapeum gezogen und der Kaiser habe dem Präfekten des Orients den Befehl ertheilt, Hand an den Tempel des Königs der Götter zu legen. Heute oder morgen werde das Ungeheure geschehen. Sie sollten beten und ihrer Sünden gedenken, denn zugleich mit dem Untergang des heiligsten aller Heiligthümer werde die Erde in den Abgrund versinken. Die Eingeweide des Opferthieres der Damia seien schwarz und brandig gewesen, und aus der Brust des Gottes im Allerheiligsten sei ein grausiger Klageruf gedrungen. Die Säulen im großen Hypostyl hätten gebebt und die drei Köpfe des Cerberus zu Füßen des Serapis die Rachen geöffnet.

Gorgo hörte der Alten schweigend zu und entgegnete ihr nur: »Laß sie klagen!«

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