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Gutenberg > Georg Ebers >

Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Kapitel.

Die Pferdeliebhaber im Hippodrom wußten keine Nachricht über Dada's Verbleiben zu geben, denn sie war keinem leichtfertigen jungen Herrn gefolgt.

Kurz nachdem die Sklavin fortgegangen war, um Schuhe für sie zu holen, hatte der Sänger Medius auf dem Schiffe vorgesprochen, um mit Karnis zu reden.

Er war auf seinem Esel gekommen und ließ das aufgebrachte Mädchen nicht vergebens bitten, sie mit sich zu nehmen.

Er hatte sich nur eingestellt, um Karnis und sein Weib zu bereden, ihm Dada für einige Vorstellungen des Posidonius zu überlassen. Seine Hoffnung auf Erfolg war gering gewesen; aber nun ordnete sich das Alles von selbst, und Dada's Wunsch, die Ihren für's Erste nichts von ihrem Verbleiben wissen zu lassen, kam ihm sehr gelegen.

Während Karnis das Theater von Tauromenium geleitet hatte, war Medius an demselben als Chorführer beschäftigt gewesen und hatte damals viel Gutes von dem Oheim des Mädchens entgegengenommen. Das konnte er, sagte er sich, nun heimzahlen, denn es gieng ja dem Alten kümmerlich genug, und was es mit einem so seltenen Schaustücke wie Dada zu verdienen gab, das wollte er redlich mit seinem Wohlthäter theilen. Dem Mädchen sollte nichts Übles angethan werden, und Gold, dachte er, bleibe blank und behalte seinen Werth, auch wenn es gegen unsern Willen für uns verdient worden sei.

Da Medius ein umsichtiger Mann war, veranlaßte er Dada, auch das neue Rosengewand und den dazu gehörenden Schmuck mitzunehmen, und seine geschickten Hände packten Alles sauber zusammen, was sie ihm reichte. In den Korb, welchen er dazu benützte, legte er noch »für die Kinder zu Hause« Zuckerwerk, Orangen und Granatäpfel und beruhigte das Mädchen schnell über die mangelnden Schuhe. Er wollte den Esel führen, sie sollte ihn reiten. Ein Schleier bedeckte ohnehin ihr Gesicht, und die kleinen Füßchen ließen sich leicht unter dem Gewande verstecken. Zu Hause sollte es sein Erstes sein, ihr ein Paar »süße Sandälchen« von demselben Schuster machen zu lassen, bei dem die Gattin des Comes und die Töchter des Alabarchen arbeiten ließen.

Der Aufbruch sammt den Verhandlungen, die man dabei pflog, nahm nur wenige Minuten in Anspruch, und bei dem hastigen Hantiren und Reden kam es zu einem so drolligen Durcheinander, daß Dada wieder munter wurde und lachend mit den nackten Füßchen über die Straße trippelte.

In übermüthiger Laune schwang sie sich auf das kleine Grauthier, und als es dann vorwärts gieng und sie das Körbchen mit ihren Sachen, welches Medius zwischen sie und den Hals des Esels gestellt hatte, festhielt, sagte sie, daß man sie für das junge Weib eines alten, garstigen Mannes halten werde, das mit Einkäufen für die Küche vom Markte komme.

Mit besonderem Behagen malte sie sich das Gesicht Frau Herse's aus, wenn sie bei der Heimkehr finden werde, daß es möglich sei, auch ohne Schuhe den Weg in's Weite zu finden.

»Laß sie sich nur um mich sorgen!« rief sie vergnügt. »Warum trauen sie mir immer Alles zu, was albern und schlecht ist! Aber das sage ich Dir im Voraus: wenn es mir bei euch nicht gefällt und der Spuk, den ich treiben soll, sagt mir nicht zu, dann trennen wir uns gerade so schnell, wie wir zusammengekommen sind. Warum führst Du mich durch so elende Gassen? Ich will etwas sehen und durch die Hauptstraßen reiten!«

Aber Medius durfte diesen Wunsch nicht erfüllen, denn in den großen Verkehrsadern der Stadt gieng es heute sehr stürmisch her, und er konnte froh sein, daß sie unangefochten zu seinem Häuschen gelangten.

Das lag auf einem Platze zwischen der Griechenstadt und der Rhakotis, dem Viertel der Ägypter, der Marcuskirche gerade gegenüber, und enthielt Raum genug für Medius, seine Frau, seine verwittwete Tochter und deren fünf Kinder, obgleich es von oben bis unten mit allerlei wunderlichen Gegenständen vollgestellt und -gehängt war. Dada's Neugier kam hier nirgends zur Ruhe, und die hübschen Enkelkinder des Medius hiengen schon nach wenigen Stunden mit aller Zärtlichkeit an ihr.

Der Christin Agne war es nicht beschieden, so schnell und leicht ein neues Heim zu finden.

Ohne Beschützer, unverschleiert, ganz auf sich selbst angewiesen, eilte sie mit ihrem Brüderchen an der Hand ziellos weiter.

Sie wollte fort, nur fort von Denen, welche ihr ewiges Heil bedrohten.

Sie wußte, daß Karnis sie für Geld gekauft habe, daß sie sein Eigenthum sei und ihm wie eine Sache gehöre. Der Sklave sollte auch nach der Christenlehre dem Herrn Gehorsam leisten, aber sie fühlte sich nicht als Sklavin, und war sie es dennoch, so durfte ihr Herr wohl ihren Leib zu Grunde richten, aber nicht ihre Seele.

Und doch, das Gesetz stand auf Seiten des Sängers, und er durfte sie verfolgen und einfangen lassen.

Dieser Gedanke verließ sie nicht, und aus Furcht vor den Häschern mied sie die belebteren Straßen und drückte sich an den Häusern hin durch Gassen und Gäßchen.

Sie war einmal in Antiochia Zeuge gewesen, wie ein entlaufener Sklave, dem es gelungen war, das Standbild des Kaisers zu erreichen und es zu berühren, Schutz vor seinen Verfolgern gefunden hatte. Es mußte auch hier ein solches geben; aber wo war es? Ein Weib, welches sie befragte, wies sie in eine größere Gasse. Der möge sie folgen bis an die kanopische Straße; die müsse sie durchschneiden, und die erste Querstraße links werde sie auf den großen Platz im Bruchium führen, wo vor der Präfektur, neben der Residenz des Bischofs, die neue Bildsäule des Theodosius stehe.

Diese Auskunft und die in derselben enthaltene Erwähnung des Bischofs gab ihrem Verhalten eine neue Richtung.

Ihrem Herrn zu trotzen und ihm zu entweichen, war Unrecht; ihm zu gehorchen, wäre schwere Sünde gewesen.

Was sollte sie thun, was lassen?

Es gab hier nur Einen, der Rath ertheilen, sie aus der Angst, die sie quälte, erlösen konnte: der Seelenhirte dieser Stadt, der Bischof.

Auch sie war ein Schaf seiner Heerde; an ihn, nur an ihn konnte, mußte sie sich wenden!

Dieser Gedanke fiel wie ein Lichtstrahl in ihr von Furcht und Zweifeln umwölktes Herz. Tief aufathmend zog sie ihr Brüderchen, welches wissen wollte, wohin sie es führe, und weinerlich zu Dada zurückverlangte, an sich und sagte ihm, sie giengen jetzt zu einem guten, guten Manne, der sie auch lehren werde, den Weg zu den Eltern zu finden.

Aber das Kind wollte zu Dada und immer zu Dada zurück, und nicht zu dem Manne.

Bald gewaltsam, bald mit Versprechungen und Bitten mußte sie den Knaben fortziehen, bis sie in die kanopische Straße gelangten.

Hier wimmelte es von erregten Menschen, hier gab es Soldaten zu Fuß und zu Roß, welche sich bemühten, die Ruhe aufrecht zu erhalten, und das Alles erregte die Neugier des Kindes und zerstreute sein Heimweh nach der alten Umgebung.

Als Agne die Straße gefunden, welche auf den Platz der Präfektur führte, wurde sie von dem Strom der vorwärts drängenden Menge mit fortgerissen. Umkehren würde hier unmöglich gewesen sein; und sie mußte Alles, was ihr an Kraft und Besonnenheit verblieben war, aufbieten, um nicht von dem Knaben getrennt zu werden.

Gedrängt, gestoßen, von Männern geneckt und beschimpft, von Frauen mit harten Worten gescholten, ein Kind in solchen Tumult mitzuschleppen, gelangte sie endlich auf den Platz, den sie suchte.

Ein häßliches Durcheinander von widrigen Geräuschen braus'te ihr fort und fort vor den verwöhnten Ohren. Sie hätte weinen und in die Erde sinken mögen; aber ihre Augen blieben trocken und sie hielt sich aufrecht, denn von ferne sah sie über einem hohen Portale ein großes goldenes Kreuz; das winkte ihr wie ein Gruß aus der Heimat, und unter seinem Schutz mußte sie Beruhigung, Trost und Rettung finden.

Aber wie sollte sie zu ihm gelangen?

Der weite Platz war so voll von Menschen wie ein voller Köcher mit Pfeilen. Einer drängte sich an den Andern. Sich vorwärts bewegen hieß hier sich Bahn brechen, und neun Zehntel von denen, durch welche es sich hindurch zu zwängen galt, waren Männer, erregte, tobende Männer, Männer, deren wildes, wunderliches Aussehen Grauen und Entsetzen erregte.

Die Meisten, Mönche, welche aus den nitrischen Klöstern, aus den Lauren und Klausen bei Kolzum am rothen Meere und selbst aus dem oberägyptischen Tabenna auf den Ruf des Bischofs herbeigeströmt waren, vereinten die rauhen Stimmen zu dem leidenschaftlichen Rufe: »Nieder mit den Götzen, nieder mit dem Serapis, Tod allen Heiden!«

Diese Heerschaar des Erlösers, dessen Wesen Güte, dessen Empfinden Liebe gewesen war, schien von seiner lichten und freundlichen Fahne zu der blutigen Standarte des würgenden Hasses übergelaufen zu sein. Ihr verwildertes Haupt- und Barthaar umrahmte gewaltsam aufgeregte Gesichter mit glühenden Augen. Die Blöße ihrer abgemagerten oder gedunsenen Körper wurde spärlich von rohen Schaf- und Ziegenfellen bedeckt; an ihren dürren Gliedern drängten sich Narben und Striemen, welche die Geißel an ihrem Gürtel geschlagen. Von der Stirn des Einen, »des Kronenträgers«, rann rothes Blut, denn er hatte sich den Dornenkranz, welchen er, gemäß seinem Gelübde, Tag und Nacht nicht ablegen durfte, um die Leiden des Heilands ohne Unterlaß an sich selbst zu empfinden, gerade heute mit prahlerischem Eifer in's Fleisch gedrückt. Ein Anderer, den sie in seinem Kloster »das Ölkrüglein« nannten, stützte sich auf seine Nebenmänner, denn seine abgemagerten Beine vermochten den hochaufgedunsenen Leib, welcher nun schon im zehnten Jahr keine andere Nahrung als Kürbis, Schnecken, Heuschrecken und Nilwasser empfangen, kaum mehr zu tragen. Ein Dritter war durch eine schwere Kette mit seinem Nachbar verbunden. Sie bewohnten zusammen die gleiche Höhle in den Kalkbergen bei Lykopolis und hatten einander gelobt, sich gegenseitig des Schlafes zu berauben, damit ihre Bußzeit sich verdoppele und ihnen für das schwerste Entbehren diesseits zwiefacher Genuß in einer andern Welt zufalle. Sie Alle fühlten sich als Kampfgenossen in gleichem Streite. Derselbe Gedanke, derselbe heiße Wunsch bewegte sie Alle.

Was ihnen ein Gräuel war, was die Seele von Hunderttausenden mit Verderben bedrohte, was den Satan lockte, sein Reich in dieser Welt zu behaupten, es sollte nun fallen, sollte vernichtet werden für immer!

Die heidnische Welt war für sie eine feile Dirne, und wenn der Schmuck, den sie trug, auch schön war und Geist und Herz der Thoren erfreute, so mußte er ihr dennoch von dem geschminkten Leib gerissen werden, so wollten sie sie dennoch fortpeitschen von der erlös'ten Erde und der Verführerin die Wiederkehr auf immer verlegen.

»Nieder mit den Götzen! Nieder mit dem Serapis! Nieder mit den Heiden!« brüllte und donnerte es rings um Agne her; doch wenn die wüthende Menge am lautesten tobte, zeigte sich die Gestalt eines majestätischen, stolzen Mannes auf dem Altane über dem Kreuze und seine Hand winkte mit kühler, vornehmer Würde dem empörten Haufen einen Friedensgruß zu. Sobald er sie erhob, beugten die Anwesenden und mit ihnen Agne die Kniee.

Sie ahnte, sie wußte, daß der hohe Herr da oben der Bischof sei, den sie suchte; aber sie wies ihr Brüderchen nicht auf ihn hin, denn Theophilus glich weit eher einem stolzen Fürsten als dem »guten, freundlichen Manne«, von dem sie zu ihm gesprochen.

Zu diesem großen Herrn durfte sie nicht vorzudringen wagen. Wie hätte auch solch ein Herrscher über Millionen Seelen Sinn und Zeit für sie und ihr kleines Leid finden können?

Aber in seiner Umgebung mußte es doch manchen Presbyter und Diakonen geben, und an einen von diesen wollte sie sich wenden, wenn sich die Menge zerstreute und es ihr gelang, sich Bahn zu der Pforte mit dem Kreuze zu brechen.

Zwanzigmal hatte sie vorzudringen gesucht, aber mit wie geringem Erfolge! Die meisten Mönche stießen sie, wenn sie an ihnen vorbeischlüpfen wollte, mit Abscheu zurück. Der Eine, dem sie die Hand auf den Arm gelegt hatte, um ihn zum Ausweichen zu bewegen, war in ein Gezeter ausgebrochen, als habe ihn eine Schlange gebissen, und als sie die Menge an den »Kronenträger« drängte, stieß er sie fort und schrie:

»Fort, Weib! Rühr' mich nicht an, Du Satansfalle, Du Köder des Bösen; sonst tret' ich Dich nieder!«

Das Zurückkehren war ihr längst nicht weniger unmöglich als das Vordringen geworden, und so vergiengen Stunden, die ihr wie lange Tage erschienen. Und dennoch fühlte sie keine Ermüdung, nur Angst und Widerwillen, und stärker als jede andere Empfindung: Sehnsucht, brennende Sehnsucht in den Palast zu gelangen und mit einem Priester zu reden.

Die Sonne hatte die Mittagshöhe längst überschritten, als sich etwas ereignete, was den weinenden Papias als neu und ungewöhnlich anzog und zerstreute.

Auf dem Altan der Präfektur zeigte sich Cynegius, der Abgesandte des Kaisers, ein starker Mann von mittlerer Größe mit einem klugen, runden Advokatenkopfe. Der Würdenträger, Konsul und Präfekt des gesammten Morgenlandes trug nicht mehr die wollene Toga der Großen des alten Rom, welche sich in schönen Falten um den Körper schmiegte, sondern ein kaftanartiges, langes Gewand von seidenem Purpurbrokat mit goldenen Blumen. An seiner Schulter prangte das Ehrenzeichen der höchsten Beamten, ein kreisförmiger Zierat von eigenartigem, sehr starkem und kunstvollem Gewebe. Er begrüßte die Menge mit einer herablassenden Verneigung, und nachdem ein Herold dreimal in die Tuba gestoßen, wies Cynegius auf seinen Geheimschreiber, welcher ihm gefolgt war; dieser öffnete sofort eine Rolle und rief mit lauter, weithin schallender Stimme: »Ruhe im Namen des Kaisers!«

Ein vierter Trompetenstoß erscholl, und nun wurde es auf dem weiten Platze so still, daß man die Rosse der Sicherheitswächter vor der Präfektur schnauben hörte.

»Im Namen des Kaisers!« wiederholte der zum Vortrag der kaiserlichen Botschaft erlesene Beamte.

Cynegius verneigte sich, wies abermals auf den Geheimschreiber und dann auf die Bilder des Cäsar und seiner Gemahlin, welche zu beiden Seiten des Altans an der Spitze vergoldeter Stangen den Anwesenden entgegenschauten, und der Beamte fuhr fort:

»Theodosius Cäsar grüßt durch seinen getreuen Botschafter und Diener Cynegius das Volk der edlen und großen Stadt Alexandria. Er weiß, daß die guten und getreuen Bürger derselben sich fromm und unabwendlich zu dem heiligen Glauben bekennen, welchen der Apostelfürst Petrus von Anfang an den Gläubigen überliefert hat, es ist ihm bekannt, daß sie auch rechtgläubige Christen sind und der Lehre anhängen, welche der heilige Geist den Vätern der Kirche zu Nicäa diktirte. Theodosius Cäsar, der sich mit Demuth und Stolz das Schwert und den Schild, den Vorkämpfer und Wall des einzig rechten Glaubens nennt, beglückwünscht die guten Bürger der edlen und großen Stadt Alexandria, daß sie sich in ihrer Mehrheit von den teuflischen Irrlehren des Arius ab und dem rechten nicänischen Glauben zugewandt haben, und verkündet ihnen durch seinen treuen und edlen Diener Cynegius, daß dieser und kein anderer Glaube, wie in seinem ganzen Reiche, so auch in Alexandria, der herrschende sein soll. – Wie in all seinen Staaten, so wird hinfort auch in Ägypten jede Lehre, welche diesem theuren Glauben widerspricht, verfolgt werden; diejenigen also, welche einer andern Lehre anhängen, sie verkündigen und verbreiten, sollen als Ketzer angesehen und behandelt werden.«

Der Geheimschreiber mußte innehalten, denn laute Jubelrufe der versammelten Menge unterbrachen ihn wieder und wieder.

Kein Laut des Mißfallens ließ sich vernehmen, und wer es gewagt hätte, ihn zu erheben, wäre in dieser Versammlung sicher nicht straflos geblieben.

Erst nachdem der Herold mehrere Male in die Tuba gestoßen, gelang es ihm, das Folgende weiter zu lesen:

»Zur tiefen Bekümmerniß des christlichen Herzens eures Cäsar ist es ihm zu Ohren gekommen, daß die alte Abgötterei, welche die Menschheit so lange mit Blindheit geschlagen und von den Pforten des Paradieses fern gehalten hat, in dieser edlen und großen Stadt immer noch durch die Macht des Teufels Anhänger, Tempel und Altäre besitzt. Weil es nun dem gnadenreichen und christlichen kaiserlichen Herzen widerstrebt, die Verfolgung und den Tod, welche so viele heilige Märtyrer durch blutdürstige und grausame Heiden erduldet haben, an den Nachkommen, Mitschuldigen und Irrthumsgenossen der wüthenden Feinde unseres heiligen Glaubens zu rächen, da ja der Herr sagt, ›mein ist die Rache,‹ so hat Theodosius Cäsar nur verordnet, daß in dieser großen und edlen Stadt Alexandria die Tempel der heidnischen Götzen geschlossen, ihre Bilder zerstört und ihre Altäre umgestoßen werden sollen. Wer sich mit blutigen Opfern befleckt, wer ein unschuldiges Opferthier schlachtet, wer einen Götzentempel betritt, wer daselbst eine religiöse Handlung verrichtet oder die von Menschenhand gemachten Bilder der Götzen verehrt, ja, wer in einem Tempel auf dem Lande oder in der Stadt betet, soll sofort eine Strafe von fünfzehn Pfund Gold erlegen, und wer von solchem Verbrechen Kenntniß besitzt, ohne es zur öffentlichen Anzeige zu bringen, soll derselben Strafe verfallen.«Codex Theodosianus XVI, 10, 10.

Die letzten Worte blieben ungehört; denn ein Jubelgeschrei, so laut und maßlos, wie es selbst an dieser Stätte der Volksaufläufe noch niemals vernommen worden war, erschütterte die Luft.

Es nahm kein Ende und ließ sich durch keinen Tubaruf dämpfen und pflanzte sich fort durch die Straßen und Gassen und über die Plätze der Stadt. Es erreichte die Schiffe auf dem Meere, es drang in die Häuser der Reichen und in die Hütten der Armen, ja, es war dumpf vernehmbar für den Wächter, welcher auf der Spitze des Pharus in der Nacht die fernhin sichtbaren Flammen schürte, und in unglaublich kurzer Zeit wußte ganz Alexandria, daß der Kaiser den Diensten der Heiden das Urtheil gesprochen.

Auch in das Museum und in das Serapeum war die große, verhängnißvolle Kunde gedrungen: nun noch einmal raffte sich die Jugend zusammen, welche in den hohen Schulen der Stadt in heidnischer Weisheit groß geworden und an dem edlen Born der griechischen Philosophie den Geist geübt und geklärt und das Herz mit Begeisterung für das Schöne und Gute im Sinne des alten Griechenthums erfüllt hatte: sie folgte dem Rufe ihres Lehrers Olympius und stürzte unter Führung des Grammatikers Orestes – denn der Oberpriester selbst hatte Vorbereitungen für die Vertheidigung des Serapeums zu treffen – und stürzte mit den Waffen, welche Olympius für sie bereit gehalten, unter Feldzeichen, welche er hergestellt hatte, auf den Platz vor der Präfektur, um die Mönche zu verjagen und Cynegius mit den Forderungen, die er an die Heiden gestellt hatte, zu seinem Kaiser zurückzusenden.

Jugendliche, edle Gestalten, angethan wie die Hellenen der Blütetage Athens, eilten hier in den Kampf. Es tönte dabei von ihren Lippen ein Schlachtlied des Kallinus, welches unter ihnen – Niemand wußte, durch wen – für das Bedürfniß des Tages leichte Änderungen erfahren:

»Wie lang', ihr Jünglinge, schlummert ihr noch?
Will der Muth in der Brust nicht erwachen?
Erdrückt euch die Scham nicht? Ihr sehet ja doch
Wie die Christen spotten und lachen!«

Was sich ihnen entgegenstellte, warfen sie nieder. Zwei Manipeln Fußvolk, welche die durch das Bruchium führende Königsstraße besetzt hielten, wollten ihnen wehren; aber sie konnten dem Andrang der begeisterten Schaaren nicht widerstehen, und so gelangten diese auf die Cäsareumsstraße und an den Platz vor der Präfektur.

Hier sangen sie die letzten Verse des Aufrufes zum Kampfe:

»Wen feige zu Hause das Schicksal besiegt,
Um den wird das Volk nicht klagen;
Doch wer im Kampfe dem Tode erliegt,
Von dem wird die Nachwelt sagen:
Er stand uns im Schlachtensturme
Zum Schutze gleich einem Thurme.«Aus Brandes' griechischem Liederbuche.

Hier, vor der weiten Öffnung des Platzes stießen die bekränzten Jünglinge mit den feinen Griechenköpfen, den denkenden Stirnen, dem duftenden Lockenschmuck und den gesalbten, im Gymnasium schön entwickelten Gliedern mit den finsteren Männern im Schaffell, den ascetischen Schwärmern, den unter Fasten, Geißelhieben und Kasteiung ergrauten Büßern zusammen.

Diese stellten sich dem Ansturm der von enthusiastischer Hingabe für Freiheit des Denkens und Forschens, für Kunst und Schönheit berauschten Jugend entgegen.

Beide traten ein für das, was ihnen das höchste Gut war, Beiden war es gleich ernst mit ihrer Überzeugung, Beiden war das, was sie verfochten, werthvoller und theurer als die kurze Spanne des Lebens.

Aber die heidnische Jugend führte Schwerter, die Mönche besaßen nur eine Waffe, die Geißel, und sie waren gewohnt, sie nicht gegen Andere, sondern nur gegen ihr eigenes, aufrührerisches Fleisch zu schwingen.

Ein wildes, ungeordnetes Balgen und Ringen begann; in das Schlachtlied der Heiden mischten sich Beschwörungen und Psalmengesänge.

Hier stürzte ein verwundeter, dort ein getöteter Mönch zu Boden, da ein zarter, schön gestalteter Jüngling, den die schwere Faust eines Büßers getroffen. Brust an Brust rang ein Klausner mit dem jungen Gelehrten, welcher noch gestern vor begeisterten Zuhörern des Plotin neuplatonische Lehre zu erläutern begonnen.

Und mitten in diesem Gewühl stand Agne mit ihrem Brüderchen, das sich fest an sie geschmiegt hatte und vor Entsetzen keine Thräne und keinen Klagelaut fand.

Die Jungfrau zog sich fest in sich selbst zusammen, und die Angst beherrschte sie so ganz, daß sie nicht einmal zu beten vermochte.

Die Angst, die furchtbare Angst verwirrte ihr die Sinne und peinigte sie dabei wie ein körperlicher Schmerz, der in der Brust begann und bis in ihr tiefstes Innere hinunterstrahlte.

Sie hatte schon, ganz von Furcht beherrscht, die kaiserliche Botschaft nur an ihr Ohr klingen hören, ohne ihren Inhalt auch nur halb zu erfassen. Jetzt hielt sie die Augen fest geschlossen und sah und vernahm in ihrer Betäubung nichts von Allem, was um sie her vorgieng, bis ganz in ihrer Nähe neue Geräusche und Töne ihr Ohr berührten: Hufschlag, Trompetengeschmetter und immer lauteres Schreien und Zetern.

Endlich, endlich wurde es stiller, und als sie es wagte, die Augen wieder zu öffnen, war der Platz rings um sie her menschenleer und wie ausgekehrt von unsichtbaren Händen. Nur hier und da lag ein menschlicher Körper und in der Cäsareumsstraße gab es noch ein dichtes Gedränge; aber auch dies zog sich vor dem Andrang gepanzerter Reiter weiter und weiter zurück.

Nun athmete sie auf und lös'te den Kopf des Knaben aus den Falten ihres Gewandes, in die er ihn angstvoll eingewühlt hatte. Aber noch war das Ende des Schrecknisses nicht gekommen; denn über den Platz hin jagte in wilder Flucht eine Schaar von jungen Gelehrten, und hinter diesen her eine Abtheilung der Panzerreiter, welche die kämpfenden Heiden und Christen auseinander gesprengt hatte.

Die Verfolgten jagten gerade auf sie zu, und wieder schloß sie die Augen und erwartete, von den Hufen der nacheilenden Rosse zertreten zu werden. Ein Fliehender riß den Knaben zu Boden. Da schwanden ihr zum ersten Mal völlig die Sinne, die Kraft, sich aufrecht zu halten, verließ sie, und leise stöhnend sank sie leblos auf das staubige Pflaster. Hart an ihr vorbei, über sie hin jagten Verfolger und Verfolgte; dann als sie endlich – sie wußte nicht, nach wie langer Zeit – die Augen wieder aufschlug, war es ihr, als ob sie schwebe, und endlich nahm sie wahr, daß ein Krieger sie aufgehoben hatte und sie auf den starken Armen trug wie ein Kind.

Da erfaßte sie Scham und neue Furcht, und sie suchte sich ihm zu entwinden; er aber ließ sie willig nieder, und als sie auf den Füßen stand und fühlte, daß sie zu stehen vermochte, schaute sie mit wirren Blicken ringsum, und plötzlich kreischte sie heiser, denn Mund und Zunge waren ihr wie verdorrt: »Jesus Christus, wo ist mein Bruder?«

Mit diesem Schrei strich sie sich das volle Haar mit beiden Händen aus der Stirn und durchmaß ihre Umgebung athemlos und mit fieberhaft forschenden, langen Blicken.

Sie befand sich immer noch auf dem Platze dicht vor dem Thor der Präfektur; ein Reiter, wohl der Diener ihres Retters, führte dicht hinter ihm ein lediges Pferd am Zügel, auf dem Pflaster lagen stöhnende Verwundete, gepanzerte Streiter bildeten bei der Cäsareumsstraße ein langes, doppeltes Spalier; – aber von dem kleinen Papias war nichts, nichts zu sehen.

Da rief sie wieder, und diesmal mit so tiefem Jammer in der ihres Schmelzes beraubten Stimme, daß der Krieger neben ihr sie mitleidvoll ansah: »Papias, mein kleiner Bruder! O mein Heiland, mein Heiland! Wo ist das Kind?«

»Wir werden es suchen,« entgegnete der Soldat, und seine tiefe Stimme klang mild und tröstend. »Du bist jung und schön; was hat Dich bei solchem Aufruhr unter die Menge geführt?«

Da erröthete sie tief, schlug das Auge nieder und versetzte hastig und leise: »Ich war auf dem Wege zum Bischof.«

»Zu schlimmer Stunde,« entgegnete Konstantin, der Präfekt, welcher sie leblos auf dem Platze gefunden und es für räthlich gehalten hatte, die Sicherung des jungen, anmuthigen Geschöpfes keinem seiner Krieger anzuvertrauen. »Danke Gott, daß Du so glimpflich davongekommen bist. Ich muß zu meinen Reitern zurück. Du kennst die Wohnung des Bischofs? Dort ist sie; und was Dein Brüderchen angeht . . . Warte! Bist Du hier in Alexandria zu Hause?«

»Nein, Herr,« entgegnete sie zaghaft.

»Aber Du wohnst doch hier bei Verwandten oder Freunden?«

»Nein, Herr, nein. Ich bin – ich habe . . . Ihr wißt, ich wollte nur zu dem Herrn Bischof.«

»Seltsam. So versuche Dein Heil! Meine Zeit ist gemessen; aber später, gleich nachher, habe ich mit den Hauptleuten der Sicherheitsmannschaft zu reden. Wie alt ist der Knabe?«

»Noch nicht ganz sechs Jahre.«

»Schwarzhaarig wie Du?«

»Nein, Herr, blond,« und dabei traten ihr Thränen in's Auge. »Er hat blondes, lockiges Haar und ein so schönes, liebes Gesichtchen.«

Da nickte der Präfekt ihr lächelnd zu und fragte weiter: »Wenn man ihn findet – Papias heißt er – wohin soll man ihn bringen?«

»Ich weiß nicht, Herr; denn – oder dennoch! Mein Kopf, mein armer Kopf! – Wenn ich nur wüßte . . . Ja, wenn Ihr ihn findet, so führt ihn hieher zu dem Herrn Bischof.«

»Zu Theophilus?« fragte der Krieger verwundert.

»Ja, ja, eben zu ihm,« entgegnete sie rasch. »Oder – wartet – bringt, bringt ihn zu dem Thorhüter des Bischofs.«

»Das ist weniger vornehm, aber es möchte rathsamer sein,« entgegnete der Krieger, winkte dem Diener, wickelte die Mähne seines Rosses um die Hand, schwang sich auf, grüßte sie mit der Hand und sprengte, ohne auf ihr: »Ich danke Euch, Herr!« zu achten, zu seiner Truppe zurück.

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