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Serapis

Georg Ebers: Serapis - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleSerapis
authorGeorg Ebers
firstpub1885
year1885
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleSerapis
pages1-450
created20070305
sendergerd.bouillon
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Zehntes Kapitel.

Olympius suchte Agne im Garten auf und fand sie dort an dem mit Marmor umsäumten Ufer eines kleinen Teiches, wie sie ihrem Brüderchen Brod reichte, um die Schwäne zu füttern.

Der Philosoph begrüßte sie freundlich, hob das Kind zu sich empor und wies ihm die Kugel, welche sich mit dem Strahl des Springbrunnens bald hoch schwang, bald senkte.

Papias fürchtete sich nicht vor dem großen Manne mit dem mächtigen weißen Barte, denn aus den hellen Augen desselben strahlte ein sonnig heiterer Glanz; auch klang seine Stimme weich und liebreich, wie er ihn fragte, ob er auch einen Ball habe und so gut mit ihm zu spielen verstehe wie das Wasser des Springquells.

Papias verneinte dies, und nun wandte sich Olympius an Agne und sagte: »Schaffe dem Kinde doch einen Ball; es giebt kein besseres Spielzeug, denn Spiel soll anmuthige Bewegung sein, die sich selbst Zweck und Ziel ist. Spiel ist des Kindes Arbeit, und der Ball, den es wirft, dem es folgt, den es fängt, schärft sein Auge, macht seinen Körper gelenk und lehrt ihn Zweierlei, was der Mensch auf allen Stufen des Lebens üben soll: zu der Erde niederschauen und den Blick nach oben richten.«

Agne dankte ihm mit einem beistimmenden Nicken; Olympius aber stellte den Knaben wieder auf den Boden und schickte ihn zu dem Gehäge mit den zahmen Gazellen. Dann ging er gerade auf sein Ziel los und sagte: »Ich höre, daß Du Dich weigerst, im Tempel der Isis zu singen: man hat Dich gelehrt, die Göttin, an die sich doch viele gute Menschen vertrauensvoll wenden, für einen bösen Unhold zu halten; aber weißt Du denn auch, was sie bedeutet?«

»Nein,« entgegnete Agne und schlug die Augen nieder; aber sie erhob sie schnell wieder und fügte muthig hinzu: »Und ich will es nicht wissen, denn ich bin eine Christin, und eure Götter sind nicht die meinen.«

»Wohl, wohl, euer Glauben weicht von dem unsern in vielen Stücken ab; aber Du und ich, etwas haben wir, denk' ich, dennoch gemein. Wir gehören Beide zu Denen, welche das ›Nachobenschauen‹ – da hebt der Ball sich schon wieder – gelernt haben und mit Freudigkeit üben. Weißt Du, daß es viele Menschen giebt, welche glauben, daß die Welt in Folge mechanischer Vorgänge entstanden sei und sich weiter entwickle und daß es keine Gottheit gebe, die mit Macht und Liebe das Dasein des Menschen lenke, hüte und schmücke?«

»Doch! Ich habe in Rom so viel gräßliche Frevelreden mit anhören müssen!«

»Und sie sind von Dir abgelaufen wie das Wasser von dem silberweißen Gefieder des Schwanes, der dort untertaucht und nun wieder aufsteigt. Die Gottesleugner sind Dir thöricht, vielleicht auch verabscheuungswürdig erschienen?«

»Ich habe sie nur von Herzen bedauert.«

»Und das mit gutem Rechte. Du bist eine Waise, und was die Eltern für das Kind, das sind die Götter, das ist die Gottheit für Alles, was Mensch heißt. Darin empfinden Gorgo, ich und viele Andere, die Du Heiden nennst, gerade so wie Du; Du aber, hast Du Dich je gefragt, warum Du, der es doch im Leben recht übel ergangen ist, so fest überzeugt bist, daß es dennoch eine gütige Gottheit giebt, welche die Welt und Dein eigenes Schicksal freundlich regiert? Kurz, warum glaubst Du an Gott?«

»Ich?« fragte Agne und schaute dem Philosophen befremdet in die Augen. »Was könnte denn sein ohne Gott? Du stellst so seltsame Fragen; Alles, was ich sehe, der Vater im Himmel hat es erschaffen.«

»Aber es giebt auch Blindgeborene, die an ihn glauben.«

»Die fühlen ihn eben, wie ich ihn sehe.«

»Sage lieber: wie ich ihn zu sehen und zu fühlen glaube. Aber ich denke, daß dem Verstande das Recht zusteht, zu prüfen, was die Seele nur ahnt, und daß es erfreulich sein müßte, eben diese Ahnung durch wohl erwogene Gründe bestätigt und in Gewißheit verwandelt zu sehen. Hast Du einmal von dem Philosophen Plato gehört?«

»Ja; Karnis nennt ihn wohl manchmal, wenn er mit Orpheus über Dinge redet, von denen ich nichts verstehe.«

»Nun, dieser Plato hat mit dem Verstande die Probe auf das Exempel geliefert, welches das Gemüth für sich allein so richtig zu lösen versteht. Höre nur zu. Wenn Du auf einer Landspitze am Eingange des Hafens stehst und Du siehst von Weitem ein Schiff, das sich ihr nähert, ein Schiff, welches sorgsam alle Klippen vermeidet und in gerader Richtung auf die schützende Rhede zufährt, bist Du dann nicht berechtigt zu glauben, daß es auf diesem Schiffe einen Steuermann gebe, der es lenkt und leitet? Gewiß! Du darfst nicht nur, Du mußt annehmen, ein solches Fahrzeug werde von der Hand eines Piloten regiert. Und wenn Du nun gen Himmel schaust und den wohlgeordneten Lauf der Gestirne betrachtest, wenn Du siehst, wie Alles auf Erden, das Große und Kleine, ewigen Gesetzen folgt und gewissen, vorher bestimmten Zielen unentwegt zustrebt, so darfst und mußt Du wiederum an die Hand am Steuer glauben, und wer anders ist der Pilot des Weltalls wie die allmächtige Gottheit. Gefällt Dir mein Gleichniß?«

»Sehr! Aber es bestätigt doch nur, was ich ohnehin weiß.«

»Und doch, meine ich, muß es Dich freuen, es so schön bestätigt zu finden.«

»Ganz gewiß.«

»Und Du achtest den klugen Mann, der das Gleichniß erdacht hat. Ja? Nun wohl, dieser Mann war einer von Denen, die Du Heiden nennst, war unser Glaubensgenosse, und hat doch auch für Dich die Bestätigung der Grundlage des eigenen Glaubens gefunden. Aber wir, wir neueren Jünger des Plato, sind noch weiter gegangen als er, wir stehen euch Christen jetzt in vielen Stücken näher, als Du wohl glaubst. Daß wir uns ebensowenig wie ihr das Dasein der Welt und das Schicksal der Menschen ohne die Gottheit vorstellen können, nicht wahr, das leuchtet Dir ein? Doch Du glaubst gewiß immer noch, daß Deine Gottheit von der unsern verschieden sei, himmelweit verschieden. Aber kannst Du mir auch sagen, worin diese Verschiedenheit besteht?«

»Ich weiß nicht,« versetzte Agne beängstigt. »Ich bin ein armes, unwissendes Mädchen, und eure vielen Götter, wer kann auch nur ihre Namen behalten?«

»Ja, ja,« fuhr Olympius fort. »Da ist der große Serapis, dessen Tempel Du gestern gesehen hast, da ist der Apollon, dem Karnis wohl am liebsten opfert, da wäre auch die freundliche Isis und ihre Schwester Nephthys, deren Klage Du so herzerschütternd mit meiner jungen Freundin gesungen, und außer ihnen wüßte ich noch so viele Unsterbliche zu nennen, daß Gorgo, die dort Dein Brüderchen an den See führt, zehnmal zwischen dem Ufer und uns hin und her wandeln könnte, bevor ich damit fertig geworden wäre, und doch, und doch, liebes Kind: unsere Gottheit ist die eure, eure die unsere.«

»Nein, nein, sie ist es nicht!« rief Agne mit wachsender Angst.

»Höre mich nur,« fuhr Olympius immer gleich gütig und doch mit überlegener Würde fort, »und antworte mir offen und einfach auf meine Fragen. Nicht wahr, darin sind wir schon einig, daß Du die Gottheit in den Werken, die sie erschaffen und auch durch ihr Wirken in Deinem eigenen Innern erkennst? Gut denn! Welche Erscheinungen in der Natur sind es denn wohl, bei denen Dir ihre Nähe besonders fühlbar erscheint? Du schweigst? Ja, ja, die Jungfrau ist der Schule entwachsen und braucht dem unberufenen Dränger nicht Rede zu stehen. Und doch! Was ich von Dir zu hören verlange, ist schön und Deinem Herzen theuer, und wolltest Du die weichen Lippen nicht so fest zusammenpressen und mir lieber die Antwort ertheilen, um die ich Dich bat, so würdest Du Dich jetzt an viel Hohes und Herrliches erinnern. Du würdest mir von dem jungen Lichte des Morgens, von der zarten Röthe, welche die Wolken färbt, wenn sich der glänzende Ball des Tagesgestirns aus dem Meere erhebt, von dem Glanzlicht der Sonne, welches so hell ist wie die Wahrheit und so warm wie die ewige Liebe, erzählen. Du würdest sagen: in den tausend Blüten, die sich am Morgen erschließen, in dem Thau, der sie tränkt und mit Diamantenschmuck ziert, in den reifenden Halmen auf dem Felde, in der schwellenden Frucht an den Bäumen erkenne ich das Walten der Gottheit. Ich fühle ihre unendliche Größe, wenn sich die unermeßliche Weite des Meeres in wundervoller Bläue vor mir ausdehnt, ich empfinde sie, wenn ich bei Nacht meinen Blick erhebe und über mir die schimmernden Sternschaaren dahinziehen sehe. Wer hat ihre Unzahl geschaffen, wer leitet sie, daß sie in schöner Harmonie aneinander vorbeigleiten und auf und nieder wallen in wohlgemessenen Minuten und Sekunden, schweigend und doch voll tiefer Bedeutung, in unermeßlicher Ferne und doch in engem Zusammenhange mit dem Geschick des einzelnen Menschen? Ja, das, das Alles legt Zeugniß ab für das Dasein der Gottheit, und wenn Du es anschaust und es dankbar bewunderst, dann fühlst Du Dich dem Allmächtigen nahe. Doch wärest Du auch taub und blind und lägest mit gefesselten Gliedern in dem dumpfen Raume einer fest verschlossenen Höhle gefangen, Du fühltest sie dennoch, wenn Liebe, wenn Mitleid, wenn Hoffnung Dein Herz berührt. Aber freue Dich, Kind! Die Himmlischen haben Dich mit schönen Gaben gesegnet und mit gesunden Sinnen darfst Du die Schönheit alles Geschaffenen genießen. Du übst eine Kunst, die Dich wie durch eine Brücke mit der Gottheit verbindet, und wenn Deiner vollen Seele ein Lied entströmt, so redet sie selber aus Dir, wenn Du edle Musik ertönen hörst, so berührt ihre Stimme Dein Ohr. Um Dich her und in Dir selbst spürst Du ihr Walten, wie wir es empfinden – überall und zu jeder Stunde. Und diese unermeßliche, unendliche, unbedingte, gütige und unfehlbar weise Kraft, welche das Leben der Welt wie die Herzen der Menschen durchdringt und leitet, sie heißt bei verschiedenen Völkern verschieden, aber sie ist dieselbe für alle Nationen, wo sie auch hausen, wie sie auch heißen, was sie auch glauben. Ihr Christen nennt sie euren himmlischen Vater, wir haben ihr den Namen des Ureinen gegeben. Auch zu euch spricht euer Gott aus dem ewigen Meere, aus dem wogenden Kornfelde, aus dem reinen Lichte der Sonne, auch ihr nennt die Musik, welche euer Herz entzückt, und die süße Liebe, welche den Menschen zum Menschen zieht, seine Gaben; wir aber, wir gehen nur einen Schritt weiter und ertheilen jeder Erscheinung in der Natur und jeder erhabenen Regung des Herzens, in der wir das unmittelbare Walten des Höchsten erkennen, besondere Namen und heißen die gewaltige Meerflut Poseidon, das Ährenfeld Demeter, den Zauber der Musik Apollon, und die Wonne der Liebe nennen wir Eros. Siehst Du uns vor einem Bildwerk von Marmor opfern, so mußt Du nicht denken, daß unsere Andacht dem unbeseelten, vergänglichen Steine gilt. Die Gottheit kommt nicht in das Bild herab, aber das Bild ist nach der Idee gearbeitet, welche die Gottheit, die es darstellen soll, uns veranschaulicht, und durch diese Idee hängt es gerade so mit der Gottheit zusammen, wie durch das Band der Seele alles andere Sinnliche mit den Erscheinungen der übersinnlichen Welt. Aber das geht für Dich zu weit. Es genüge Dir, wenn ich versichere: die Statue der Demeter mit der Garbe in der Hand soll uns nur an den Dank erinnern, welchen wir der Gottheit für das tägliche Brod schulden, das sie uns schenkt; ein Loblied, welches dem Apollon erklingt, dankt dem Einen für die aus Tönen gewobenen Flügel, auf denen sich die Seele emporschwingt, bis sie die Nähe des Höchsten empfindet. Namen, nur Namen sind es, die uns scheiden, und wenn Du nicht Agne hießest, sondern Ismene oder Eudoxia, würdest Du darum etwas Anderes sein, als Du bist? Und nun – nein, bleib hier sitzen – nun sollst Du noch hören, daß Isis, die viel verlästerte Isis, nichts ist und nichts Anderes bedeutet, als das gütige Walten der Gottheit in der Natur und im menschlichen Dasein. Was wir uns unter ihr denken, nennst Du die Güte des Höchsten, welche sich durch freundliche Gaben kundgiebt, wohin wir auch schauen. Das Isisbild erinnert uns in derselben Weise an die verschwenderische Güte des Schöpfers, wie euch das Kreuz, der Fisch und das Lamm an euren Christus erinnert. Isis ist die Erde, aus deren mütterlichem Schooße der Wille Gottes Speise und Labsal hervorgehen läßt für Menschen und Vieh, sie ist die süße Neigung, welche Gott in die Herzen des Liebenden und der Geliebten legt, sie ist die zärtliche Empfindung, welche die Gattin mit dem Gemahl, den Bruder mit der Schwester verbindet, welche der Mutter mit dem Kind an der Brust Glückseligkeit spendet und sie zu jedem Opfer für den holden Liebling, den sie geboren, willig und stark macht. Sie leuchtet als Stern am nächtlichen Himmel, sie gießt Trost in die leidenden Herzen, sie, die sich selbst in Schmerzen gesehnt hat, kühlt die Seelenwunden der Bekümmerten und Verlassenen und verleiht mit sanfter, heilender Hand den Kranken Genesung. Wenn der Natur in der Zeit des Winters und in den Tagen der Dürre die Kraft versagt, neues Leben keimen zu lassen, wenn das Licht sich verfinstert, wenn Lüge und böse Lust die Seele ihrem reinen Urquell entfremden, dann erhebt Isis ihre Klage und ruft den verlorenen Gatten Osiris zurück, daß er sie wieder in seine Arme nehme und sie mit frischer Kraft erfülle, Gottes Güte an der Erde und an uns Menschen neu zu bewähren. Du hast ihre Klage vernommen, und wenn Du an ihrem Feste in sie einstimmen wirst, so denke, Du stündest mit der schmerzensreichen Mutter Deines gekreuzigten Gottes vor seinem offenen Grabe und schrieest gen Himmel, daß er ihn auferstehen lasse vom Tode!«

Die letzten Worte hatte Olympius in hoher Erregung und als sei er der Zustimmung des Mädchens sicher gesprochen; aber ihre Wirkung war anders ausgefallen, als er erwartet, denn während Agne ihm bis dahin mit wachsender Verwirrung zugehört und sich seinen Gründen entgegengeneigt hatte, wie der Vogel, den der Blick der Schlange fesselt und anzieht, fiel in Folge der letzten Sätze des Philosophen der Bann seiner bestrickenden Rede von ihr wie die Herbstblätter von der Krone eines Baumes, den ein Windstoß getroffen, denn sie stellten sie wieder unmittelbar ihrem Heiland und seinem Leid gegenüber und erinnerten sie an den Seelenkampf, welchen sie in dieser Nacht durchgefochten, und den Entschluß, mit dem sie in das Haus des Porphyrius gekommen. Vergessen, fortgeblasen wie leichter Staub von felsigen Wegen waren all die bestechlichen Sätze, die sie vernommen, und ihre Stimme klang abweisend und fest, als sie dem Philosophen versetzte:

»Deine Isis hat nichts mit unserer Mutter Gottes gemein, und wie magst Du euren Osiris mit Demjenigen vergleichen, der die Welt vom Tode erlös't hat?«

Überrascht von der Entschiedenheit dieses Einwurfes erhob sich Olympius und entgegnete schnell und als habe er ihn erwartet: »Das eben will ich Dir zeigen! Osiris – setzen wir ihn, den ägyptischen Gott, an Stelle unseres Serapis, in dessen Mysterien Du Vieles finden würdest, was auch ein christliches Herz zu erheben vermag – Osiris hat wie Dein Meister den Tod freiwillig auf sich genommen, um die Welt – wiederum ganz so wie Christus – vom Tod zu erlösen. Was erloschen, gestorben und hingewelkt ist, er, der Auferstandene, verleiht ihm neues Licht, neues Leben, neues Blühen und Grünen. Was auch dem Tode anheimgefallen zu sein scheint, er erweckt es zu einem schöneren Dasein. Der Auferstandene weiß auch die abgeschiedene Seele zur Auferstehung zu führen, und wenn sie sich hohen Fluges vor dem befleckenden Staube des Sinnlichen bewahrt hat, und er, der Richter, findet, daß sie sich würdig gehalten ihres lauteren Urquells, so gestattet er ihr die Rückkehr zu dem ewigen, ungetrübt reinen Weltgeist, dem sie entflossen. Ringt ihr nicht auch nach Läuterung, damit eure Seele in reinem Lichte eine ewige Heimat finde? Wieder, immer wieder begegnen uns die gleichen Ideen, nur tragen sie verschiedene Formen und Namen. Versuche nur, den Sinn meiner Rede recht zu erfassen, und Du wirst gern in die sehnsüchtige Klage einstimmen, die den Erhabenen zurückruft. Wie sehr gleicht er doch Deinem Meister! Und ist er nicht auch wie dieser ein Auferstandener und ein Erlöser? Tempel oder Kirche, beide sind Wohnungen der Gottheit. An dem mit Epheu umrankten Altar der trauernden Göttin, am Fuße der hohen Cypressen, die ihre Schatten dunkel und heimlich auf das schneeige Weiß der marmornen Stufen werfen, welche die Bahre des Gottes tragen, wirst Du von jenen heiligen Schauern erfüllt werden, die jede reine Seele ergreifen, sobald sie sich nahe fühlt der Gottheit – heiße sie, wie sie auch wolle. Isis, die Du nun kennst, und die ja nichts ist als das Abbild der göttlichen Güte, wird Dir zu danken wissen, wird Dir die volle Freiheit zurückgeben, nach der Du Dich sehnst. Sie wird Dich durch uns, erkenntlich für den Dienst, den Du nicht ihr, sondern dem Glauben an die göttliche Güte, leistest, in ein christliches Haus einführen lassen. Dort magst Du frei und nach Deines Herzens Begehr mit Deinem Brüderchen leben. Morgen folgst Du Gorgo in den Tempel der Göttin . . .«

Da unterbrach Agne den Philosophen und rief: »Aber ich will ihr nicht folgen!«

Ihre Wangen hatten sich hoch geröthet und ihr Busen hob und senkte sich in stürmischer Bewegung, während sie fortfuhr:

»Ich will nicht, ich darf nicht, ich kann nicht! Macht mit mir, was ihr wollt. Verkauft mich und meinen Bruder, laßt uns die Handmühle drehen: ich singe nicht in dem Tempel!«

Olympius zog bei diesem Ausruf die Brauen zusammen und die bärtige Lippe hob sich zu einem zornigen Worte, aber er bezwang sich, trat Agne näher, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte mit dem tiefen, gemessenen Tone eines väterlichen Berathers:

»Besinne Dich, Kind; überdenke noch einmal, was Du von mir vernommen – beherzige auch, was Du dem lieben Knaben dort schuldig bist, und ertheil' uns morgen Deinen wohlüberlegten Bescheid. Deine Hand, meine Tochter; der alte Olympius ist Einer, der es gut mit Dir meint!«

Damit wandte er Agne den Rücken und begab sich in das Haus zurück. Vor demselben standen die Sänger und Porphyrius in lebhafter Verhandlung. Die Nachricht, daß die Mutter des jungen Marcus sein Weib zu sich berufen, war zu Karnis gelangt, und seine lebhafte Einbildungskraft zeigte ihm Herse von tausend Gefahren umgeben, von der Wittwe bedroht und im Verhör vor den Richtern. Der Kaufherr sowie die alte Damia und Gorgo, welche das laute Gespräch der Männer herbeigeführt hatte, riethen ihm, abzuwarten: er aber ließ sich nicht halten, sondern eilte mit Orpheus fort, um seinem Weibe Hülfe zu bringen.

Agne blieb mit ihrem Brüderchen allein in dem weiten Garten zurück, und sobald sie wahrnahm, daß Keiner Acht auf sie gab, warf sie sich auf die Kniee, zog den Knaben fest an sich und flüsterte ihm zu: »Bete mit mir, Papias, bete, bete, daß uns der Heiland beschütze und daß wir den Weg nicht verlieren, der uns zu den Eltern zurückführt. Bete, bete jetzt mit mir!«

Minutenlang blieb sie mit dem Knaben am Boden liegen. Dann erhob sie sich plötzlich, nahm das Kind bei der Hand und zog es mit fliegendem Athem hinter sich her durch die offene Thür des Gartens in's Freie auf den Weg am See und in die erste in die Stadt führende Straße.

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