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Honoré de Balzac: Seraphita - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleMystische Geschichten
titleSeraphita
publisherDiogenes
year1977
isbn5257208995
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120411
modified20180411
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Der Abschied

Gemüter, die sich gern mit tieferm Nachdenken beschäftigen, die zum Beispiel im Gange der menschlichen Gesellschaften einer gewissen Richtung nachzuforschen und Gesetze für die fortschreitende Bewegung der Intelligenz aufzufinden suchen, solchen Gemütern begegnet im Menschen eine Erscheinung, die ihnen unendlich viel zu schaffen macht. Wie ernst auch eine Tat, und gäbe es Wunder, wie grandios auch immer ein Wunder sein möchte, der Besitz dieser Tat, der Donner dieses Wunders werden alsbald von dem geistigen Ozean verschlungen, dessen leichtgekräuselte Oberfläche nur durch ein leichtes Aufwallen das Hineinstürzen fremder Dinge verrät.

Erschallt die Stimme, um besser vernommen zu werden, aus dem Rachen des Tieres? Schreibt die Hand die fremden Zeichen an die Wand des Saales, in dem der Hof schlemmt? Erhellt das Auge den Schlaf des Königs? Tritt der Prophet auf, um den Traum auszulegen? Erhebt sich der herauf beschworne Tod in die lichten Regionen, in denen kräftige Eigenschaften wieder aufleben? Vernichtet der Geist die Materie am Fuße der mystischen Stufenleiter zu den sieben spiritualistischen, im ewigen Raume aufeinander getürmten Welten, die durch die glänzenden, kaskadenartig von den Stufen des himmlischen Eingangs herabrollenden Wellen offenbart wird? Mag auch die innere Offenbarung noch so tief eingedrungen, mag die äußere Offenbarung noch so sichtbar gewesen sein, am andern Morgen zweifelt Bileam an seiner Eselin und an sich selbst, Belsazar und Pharao lassen durch zwei Seher, durch Daniel und Moses, das Wort auslegen. Der Geist kommt, entrückt den Menschen weit über die Erde, läßt ihn den Grund des Meeres erschauen, zeigt ihm die verschwundenen Geschlechter, belebt ihm die vertrockneten Gebeine, deren Moder das große Tal ausfüllt, und der Apostel schreibt die Apokalypse. Nach zwanzig verflossenen Jahrhunderten erkennt die Menschenwissenschaft die Größe des Apostels an und übersetzt seine Hieroglyphen in Axiome. Was nützt es übrigens? Die große Masse lebt fort, wie sie gestern, wie sie bei der ersten Olympiade, wie sie am zweiten Tage der Schöpfung, am Vorabende der Sündflut lebte. Alles bedeckt der Zweifel mit seinem schwankenden Unglauben. Gleiche Wellen peitschen mit gleichem Wogenschlage den Menschengranit, der dem Ozean der Intelligenz zum Wogenbrecher dient. Hat der Mensch sich selbst die Frage vorgelegt, ob er das von ihm Gesehene auch wirklich erschaut, ob er gesprochene Worte gut verstanden habe, ob Tat wirklich Tat, Idee wirklich Idee sei, dann nimmt er seine gewöhnliche Haltung wieder an, denkt an seine Geschäfte, und gehorcht einem stets dem Tode nachfolgenden Knechte, dem Sinken in Vergessenheit, das mit seinem schwarzen Mantel eine alte Menschheit bedeckt, von der der neuen keine Erinnerung blieb. Bis zu dem Tage, an dem ihn endlich selbst die Todesaxt trifft, hört der Mensch nicht auf, tätig zu sein und pflanzenartig emporzutreiben. Wenn diese Wogenkraft, wenn dieser Hochdruck der bittern Gewässer auch jedem Fortschritt hemmend entgegentritt, so verhindert er ohne Zweifel ebenso das Absterben. Nur die zum Glauben unter den höhern Wesen vorbereitenden Geister schauen allein Jakobs mystische Leiter.

Als Wilfrid die Antwort vernommen, in welcher die so ernst befragte Seraphita, ähnlich einer angeschlagenen Orgel, die, mit ihren tiefen Bässen die Kirche erfüllend, eine musikalische Welt offenbart und mit ihren gewaltigen Tönen die höchsten Gewölbe durchbebend gleich leichten Lichtblumen die Säulenkapitelle umspielt, die ganze göttliche Größe enthüllt hatte, trat er in sein Gemach, durchschauert von dem Gedanken, die Welt in Trümmern und auf diesen Trümmern unbekannte Klarheiten erblickt zu haben, die mit vollen Händen von diesem furchtbaren Mädchen ausgestreut wurden. Noch am folgenden Morgen vermochte er nichts anderes zu denken, allein der Schrecken hatte sich gelegt, er fühlte sich weder vernichtet noch verändert; seine Leidenschaften, seine Gedanken brachen frisch und kräftig hervor. Er begab sich, um sein Frühstück einzunehmen, zum Pfarrherrn und traf ihn ganz vertieft in die »Abhandlung über Bezauberungen«, die er seit frühem Morgen durchblättert hatte, um seinen Gast beruhigen zu können. Mit kindlicher Treuherzigkeit eines Gelehrten hatte der Alte die Seiten aufgeschlagen, auf welchen Johannes Wier wahrhafte Geschichten erzählte, welche die Möglichkeit der gestern Abend stattgefundenen Ereignisse bewiesen, denn Gelehrten sind Gedanken gleichbedeutend mit Ereignissen, während ihnen das größte Ereignis kaum einen Gedanken bedeutet. Bei der fünften von unsern beiden Philosophen getrunkenen Tasse Tee kam ihnen der rätselhafte Abend ganz natürlich vor; himmlische Wahrheiten wurden ihnen mehr oder minder wichtige und einer kritischen Untersuchung zu unterwerfende Redensarten; Seraphita erschien ihnen als ein mit größerer oder geringerer Beredsamkeit ausgestattetes Mädchen, der ein bezauberndes Organ, eine verführerische Schönheit zu Hilfe kam, und die alle diese ihr zu Gebote stehenden Künste wie ein geschickter Schauspieler zu benutzen verstand, der unter hochtönenden, dem Anscheine nach höchst tiefgedachten Phrasen eigentlich nur ganz gewöhnliche Dinge sagt.

»Bah!« meinte endlich der gute Pastor, machte dabei ein philosophisches Gesicht, während er sein Brot mit gesalzener Butter bestrich, »das letzte Wort zu allen diesen hübschen Rätseln liegt sechs Fuß tief unter dem Boden.«

»Demungeachtet,« entgegnete Wilfrid und warf Zucker in seinen Tee, »begreife ich nicht, wie ein junges sechzehnjähriges Mädchen so vielerlei Dinge wissen kann, denn gleich einem Schraubstocke preßte ihr Wort alles zusammen.«

»Lesen Sie doch,« versetzte der Pfarrherr, »die Geschichte jener Italienerin, die in einem Alter von zwölf Jahren zweiundvierzig alte und neue Sprachen redete, und die Historie von jenem Mönche, der durch den Geruch Gedanken erriet! Im Johannes Wier und in einem Dutzend anderer Abhandlungen, die ich Ihnen mitteilen kann, kommen tausend Beweise statt eines . . .«

»Einverstanden, bester Pastor, für mich bleibt aber Seraphita ein Weib, dessen Besitz göttlich sein muß.«

»Sie ist durch und durch lauter Intelligenz!« entgegnete der alte Becker zweifelhaft.

So verflossen einige Tage, während der Schnee der Täler nach und nach verschmolz; das Grün der Wälder und Wiesen brach schimmernd durch, die norwegische Natur bereitete ihren Schmuck zu der kurzen Hochzeitfeier. In diesen kurzen Momenten, wo die sanfte Luft wohl Ausgänge verstattet hätte, blieb Seraphita einsiedlerisch daheim, und Wilfrids Leidenschaft mußte daher durch die Aufregung, welche die Nähe eines geliebten, aber nicht zugänglichen Weibes erzeugt, immer stärker werden. Minna erhielt endlich Erlaubnis, das seltsam göttliche Wesen zu besuchen.

»Sie haben sie gesehen?« fragte Wilfrid, der, ungeduldig das Schwedenschloß umkreisend, Minnas Rückkunft erwartete.

»Wir werden ihn verlieren!« antwortete Minna mit Tränen in den Augen, denn Seraphitas Züge schienen von einem Feuer angegriffen. Ihre Stimme war tiefklingend, ihre Farbe gelblich-weiß geworden, und hätten Dichter bis jetzt ihre Weiße mit Diamanten verglichen, so würden sie jetzt den Topas zum Bilde gewählt haben.

»Fräulein,« schrie Wilfrid mit durch Wut erstickter Stimme. »Treiben Sie keinen Scherz mit mir. Sie können Seraphita nur lieben, wie ein junges Mädchen ein anderes liebt, nicht aber mit der Liebe, die sie mir einflößt. Sie kennen nicht die Gefahr, in der Sie schweben würden, wäre meine Eifersucht gegründet. Warum darf ich nicht zu ihr? Sollten Sie mir Hindernisse in den Weg werfen?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Minna ruhig dem Äußern nach, innerlich aber eine Beute des tiefsten Schreckens, »mit welchem Rechte Sie so mein Herz erforschen wollen? Ja, ich liebe ihn,« fuhr sie fort und fand die ganze Kühnheit ihrer Überzeugung wieder, um die Religion ihres Herzens zu bekennen, »aber meine der Liebe so natürliche Eifersucht fürchtet hier niemand. Ich bin eifersüchtig auf ein ihn verzehrendes verborgenes Gefühl; zwischen ihm und mir liegt ein Raum, den ich nicht zu überschreiten vermag. Gern möchte ich wissen, wer ihn mehr liebt, ob die Gestirne oder ich, wer von uns sich schneller seinem Glücke aufopfern würde! Warum soll es mir nicht freistehen, offen meine Neigung zu ihm zu erklären? Im Angesicht des Todes dürfen wir unsere Vorliebe gestehen, und . . . Seraphitus, mein Herr, wird bald sterben.«

»Sie irren, Minna, die Sirene, die ich so oft mit heißem Verlangen umfaßt habe, die sich so gefallsüchtig, auf ihren Divan anmutig hingegossen, schwach und hingehend zeigte, ist kein junger Mann . . .«

»Derjenige aber, mein Herr,« entgegnete Minna betroffen, »derjenige, dessen Hand mich auf den Falberg leitete, auf jenen von der Eismütze dort geschützten Söller,« fuhr sie fort und deutete dabei auf den steilen Gipfel, »ist ebensowenig ein schwaches junges Mädchen. Ach! Hätten Sie doch seine weissagenden Worte vernommen, seine Poesie war die Musik des Gedankens! Ein Mädchen hätte nicht in so ernst tiefen, meine Seele erschütternden Tönen gesprochen.«

»Welche Gewißheit besitzen Sie aber . . .« fragte Wilfrid.

»Keine andere als die des Herzens,« fiel Minna hastig den Fremden unterbrechend ein.

»Wohlan, ich!« rief Wilfrid, auf Minna den furchtbaren Blick der tötenden Lust werfend, »ich, der auch weiß, wie mächtig seine Herrschaft auf mich wirkt, ich werde Ihnen Ihren Irrtum beweisen.«

In diesem Augenblicke, wo die Worte ebenso rasch Wilfrids Lippen entströmten, als seine Gedanken in seinem Kopfe sich kreuzten, sah er Seraphita in Davids Begleitung aus dem Schwedenschlosse treten, und diese Erscheinung stillte plötzlich seine Aufregung.

»Sehen Sie,« sprach er, »nur ein Weib kann solche weiche Anmut besitzen.«

»Er leidet und macht seinen letzten Spaziergang,« entgegnete Minna.

Auf ein Zeichen seiner Herrin entfernte sich David, und Wilfrid nebst Minna gingen ihr entgegen.

»Lassen Sie uns bis zu den Wasserfällen der Sieg gehen,« ließ dies Wesen sich vernehmen und drückte dadurch einen der Wünsche kranker Personen aus, denen man schnell gehorcht. Leichter weißer Nebel lag jetzt auf den Tälern und Bergen des Fjords, deren Gipfel funkelnd wie Sterne ihn überragten und ihm das Ansehen wandelnder Milchstraßen verliehen. Die Sonne blickte gleich einer glühenden Kugel durch diesen irdischen Dampf herab. Der letzten Launen des Winters ungeachtet umsäuselten die Kranke und ihre Gefährten einige warme Lufthauche, beladen mit dem Dufte der eben aufbrechenden Birkenknospen und dem wollüstigen, von den zarten seidenen Lärchenschößlingen ausgeströmten Wohlgerüchen, und diese gelinden Luftströmungen verkündeten den schönen nordischen Frühling, die kurze Wonne der allertraurigsten Natur. Der Wind begann den Nebelschleier zu lüpfen, der bis jetzt nur eine unvollkommene Aussicht auf den Golf erlaubt hatte. Vögel sangen, die Rinde der noch feuchten Bäume, an denen die Sonne die herablaufenden Reifstreifen noch nicht zu trocknen imstande gewesen war, ergötzte den Blick durch ihre phantastischen Gestalten.

Schweigend schritten alle drei dem Gestade entlang. Wilfrid und Minna betrachteten allein dieses für sie so magische Schauspiel und verglichen es mit dem monotonen Bilde dieser Landschaft während des Winters. Ihre Gefährtin setzte nachdenkend ihren Weg fort, als lausche sie auf eine einzige Stimme in diesem vollen Konzerte.

So gelangten sie zum Rande der Felsen, zwischen denen die Sieg am Ende eines langen, mit alten Fichten eingefaßten und in den Wald schlangenförmig eingerissenen, von Wipfeln wie von Kathedralenpfeilern überwölbten Durchbruchs herabdonnerte. Von hier überblickte man den Fjord in seiner ganzen Ausdehnung, und weit am Horizonte glänzte das weite Meer gleich einer Stahlklinge. In diesem Momente schwand der Nebel und ließ den blauen Himmel frei herabschauen. Überall schwebten noch in den Tälern und in den Bäumen schimmernde Tropfen, Staub der vom frischen Windhauche weggewehten Diamanten, der Bergstrom rauschte unter ihnen. Hinunterstürzend entwickelten sich aus seinem Gewässer aufsteigende, in alle Abstufungen des Lichts durch die Sonne gefärbte Dünste, deren Strahlen sich brachen, siebenfarbige Bogen bildeten und in unendlicher Verschiedenheit erglänzten. Dieser wilde Uferrand war durch vielerlei Moose und Flechten geschmückt, und gleich einem prächtigen seidenen Teppich durch die herrschende Feuchtigkeit mit allen Abstufungen von Grün geziert. Blühendes Gesträuch bekränzte die Felsen mit ihren zierlichen Blumengehängen, freudig strebte das durch die Nähe des Wassers erfrischte Laubwerk empor, Lärchen liebkosten mit ihren feinen Zweigen die greisen verdrießlichen Tannen. Dieser reiche Schmuck hatte sein Gegenstück in dem Ernste der alten Säulengänge, die von den an den Bergen staffelweis übereinander hinziehenden und in der vor den Füßen der drei Zuschauer weit ausgebreiteten Wasserfläche des Fjords sich abspiegelnden Bergen gebildet wurden; in der Ferne endlich rahmte das Meer dieses von dem größten Meister, dem Zufalle, verfertigte Bild ein, eine dem Anscheine nach sich selbst überlassene Schöpfung. Jarvis verlor sich gänzlich in dieser unermeßlichen Aussicht, welche die jäh erscheinende Erhabenheit und Vollkommenheit des Vergänglichen zeigte. Bestimmt doch ein Gesetz, das nur unser Sinn furchtbar findet, für alle vollkommen erscheinende Schöpfung, dies Labsal unserer Augen und Herzen, einen einzigen Frühling auf Erden. Auf der Höhe dieser Felsen konnten sich die uns wohlbekannten drei Gestalten leicht als allein auf der Welt stehend betrachten.

»Welche Wollust!« rief Wilfrid.

»Die Natur hat ihre Lobgesänge!« begann endlich Seraphita. »Ist diese Musik nicht köstlich? Gestehen Sie, Wilfrid, keine der von Ihnen gekannten Frauen vermochte sich einen so bezaubernden Sitz zu schaffen. Hier bemächtigt sich meiner ein Gefühl, das man nur selten beim Anblick der Städte empfindet, und was den Wunsch in mir rege macht, mitten unter dieser so rasch aufgeblühten Pflanzenwelt für immer zu ruhen. Hier, die Augen gen Himmel gerichtet, mit offenem Herzen am Busen der Unermeßlichkeit geschmiegt, würde ich mich ganz hingeben, den Seufzer der Blume, die, kaum aufgebrochen, forteilen möchte, und das Geschrei des Eidervogels zu belauschen, der gern mehr als Flügel haben möchte; ich würde mir alle Wünsche des nach allem strebenden Menschen zurückrufen! Dies aber, Wilfrid, ist nur Frauenpoesie. Sie finden nur einen wollüstigen Gedanken in dieser dampfenden Aussicht, in diesem Schleiergewölk, mit dem die Natur gleich einer anmutigen Braut spielt, und in dieser von Wohlgerüchen zu ihrer Hochzeitfeier durchwürzten Atmosphäre. Sie möchten die Gestalt einer Najade aus jenen Dunstschleiern aufsteigen sehen, ich aber sollte, Ihrer Ansicht nach, der männlichen Stimme des Bergstromes lauschen.«

»Wohnt hier nicht Liebe gleich der Biene im Blumenkelche?« entgegnete Wilfrid, der, zum erstenmale die Spur eines irdischen Gefühls in ihr wahrnehmend, den Augenblick für günstig hielt, um seine feurige Zärtlichkeit laut werden zu lassen.

»Immer dasselbe Thema!« antwortete Seraphita, während Minna sie verlassen hatte, um von einem Felsen eine blaue Saxifraga zu pflücken.

»Immer dasselbe!« wiederholte Wilfrid. »Hören Sie mich,« fuhr er fort, sie mit einem Herrscherblicke ansehend, der aber wie von einem diamantenen Harnisch abprallte, »hören Sie mich! Sie wissen nicht, wer ich bin, was ich kann, was ich will! Verwerfen Sie nicht mein letztes Flehen! Werden Sie mein zum Glück der Welt, die Sie im Busen tragen, werden Sie mein, damit mein Gewissen rein werde, damit eine Stimme des Himmels mein Ohr treffe und mich bei dem großen, von mir beschlossenen und aus Haß gegen die Völker eingegebenen Vorhaben zum Guten begeistere, ein Vorhaben, das ich aber dann zu ihrem Glücke vollbringen dürfte, wenn Sie mich begleiten! Welch herrlichen Auftrag könnten Sie der Liebe verleihen? Welch schönere Rolle könnte ein Weib auch nur träumen? Ich betrat diese Gegenden, um einen mächtigen Plan auszuführen.«

»Und dessen gewaltige Größe,« versetzte sie, »Sie einem einfältigen, von Ihnen geliebten Mädchen opfern wollen, die Sie auf eine sehr ruhige Bahn leiten wird.«

»Was liegt daran?« fuhr er fort, »ich begehre nur Sie! Vernehmen Sie mein Geheimnis! Den ganzen Norden, jene mächtige Werkstatt, in der die neuen Stämme geschmiedet werden, die sich gleich Menschenströmen über die Erde ergießen, um die alten Zivilisationen aufzufrischen, diese Werkstätte habe ich durchstreift. Mein Wille war, auf einem dieser Punkte zu beginnen, durch Stärke und Intelligenz Herrschaft über irgend einen dieser Stämme zu erringen, ihn zum Kampfe zu gewöhnen, Krieg anzufangen, gleich einer Feuersbrunst verheerend Europa zu durchziehen, diesen Freiheit zuzurufen, jenen Plünderung zu verheißen, Ruhm dem einen, Lust dem andern zu versprechen, während ich selbst unversöhnlich und grausam, ein Bild des eisernen Schicksals, wie ein Orkan alles mit mir fortreißend und mich mit Menschen fütternd gleich einer raubgierigen Seuche, alles leitete. So hätte ich Europa erobert, denn es schwebt in einer Zeit, wo es einen neuen Messias erwartet, der die Welt verwüsten, die Gesellschaften neugestalten soll. Nur an den wird Europa glauben, der es unter seinen Füßen zermalmt. Einst würden Dichter, Geschichtsschreiber mein Leben gerechtfertigt, mich in den Himmel erhoben, mir Gedanken untergeschoben haben, zum Lohne dafür, daß diese furchtbare, mit Blut geschriebene Posse nichts als Rache von mir war. Meine Beobachtungen aber, teure Seraphita, haben mir den Norden gänzlich zuwider gemacht, seine Kraft ist zu blind. Ich dürste nach Indien! Kampf zwischen mir und einer feigen, egoistischen, kaufmännischen Regierung reizt mich weit mehr. Die Phantasie der am Fuße des Kaukasus wohnenden Völker ist viel reizbarer. Daher bin ich entschlossen, Rußlands Steppen zu durchwandern, und von Asiens Grenzen aus siegend mit meiner Menschenflut zum Ganges vorzudringen und Englands Macht niederzuwerfen. Schon sieben Männern gelang es, diesen Plan zu verwirklichen! Gleich den von Mohamed auf Europa losgelassenen Sarazenen werde ich Kunst und Wissenschaft erneuern! Ich werde keinem der geizigen Könige Europas gleichen, die heutigen Tages die Provinzen des römischen Reichs regieren und mit ihren Untertanen über elendes Zollwesen markten. Nein, nichts soll weder den Blitz meiner Blicke, noch den Donner meiner Worte hemmen! Gleich Dschingis Khan sollen meine Füße ein Drittel der Erde bedecken; meine Faust soll Asien packen, wie Aureng-Zeb es einst tat. Werden Sie meine Genossin! Setzen Sie sich, schöne, holdselige Gestalt, auf einen Thron! Nie noch habe ich an gutem Erfolge gezweifelt, sind Sie aber in meinem Herzen, so bin ich dessen gewiß!«

»Ich habe schon regiert!« war Seraphitas Antwort.

Gleich dem Axthiebe eines geschickten Holzfällers, der einen jungen Baum auf einen Streich niederstreckt, wirkten diese Worte. Nur Männer vermögen zu ermessen, welche Wut ein Weib in der Seele des Geliebten erregt, wenn die Eigensinnige den Kopf schüttelt und zu ihm, der alle Kräfte aufbietet, um seiner Herrin seine Macht, seine Stärke, seinen Verstand oder seine sonstigen Vorzüge zu beweisen, spricht: »Das ist nun grade nichts besonderes!« Wenn er höchlich sich rühmt und sie sagt: »Das weiß ich schon längst!« Kurz, wenn sie seine Macht verächtlich behandelt!

»Wie,« rief Wilfrid außer sich, »aller Reichtum der Künste, alle Schätze der Welt, der Glanz eines Hofes . . .«

Durch eine leise Bewegung ihrer Lippen tat sie seinen Ausbrüchen Einhalt und sprach: »Weit mächtigere Wesen als Sie haben mir weit mehr geboten.«

»Wohlan, dann besitzest du keine Seele, wenn dich nicht der Gedanke verführen kann, die Trösterin eines großen Mannes zu werden, der dir alles opfern will, nur um mit dir in kleiner Hütte am Ufer eines Sees zu leben!«

»Ich werde aber«, entgegnete sie, »schon mit einer grenzenlosen Liebe geliebt.«

»Von wem?« schrie Wilfrid und stürzte gegen Seraphita mit wahnsinniger Hast, um sie in die schäumenden Fälle der Sieg zu schleudern.

Sie schaute ihn an, erhob ihren Arm und deutete auf Minna, die blühend wie die Blumen in ihrer Hand herbei eilte.

»Kind!« sprach Seraphitus und ging ihr entgegen.

Unbeweglich wie eine Bildsäule blieb Wilfrid auf der Höhe des Felsens in seine Gedanken verloren und überlegte, ob er sich nicht auch dem raschen Falle der Sieg gleich einem der gewaltigen Bäume überlassen sollte, die, vor seinen Augen hinabgerissen, im Fjord verschwanden.

»Für Sie habe ich sie gepflückt«, sprach Minna und reichte dem angebeteten Wesen ihre Blumen. »Gleicht nicht diese da«, fuhr sie fort und wählte eine aus den übrigen, »der von uns auf dem Falberg gefundenen?«

Wechselweise blickte Seraphitus auf die Blume und auf Minna.

»Warum legst du mir diese Frage vor? Zweifelst du an mir?«

»Nein!« entgegnete das Mädchen, »mein Vertrauen auf Sie ist unermeßlich. Ebenso wie Sie mir weit schöner erscheinen als diese herrliche Natur, ebenso halte ich Sie für weit verständiger als das gesamte Menschengeschlecht. Als ich Sie sah, glaubte ich zu Gott gebetet zu haben; ich wünschte . . .«

»Was?« fragte Seraphitus, sie mit einem Blicke betrachtend, der dem Mädchen den ganzen unermeßlichen, sie trennenden Raum offenbarte.

»Ich wünschte, für Sie zu leiden . . .«

»Das ist das gefährlichste Geschöpf!« sprach Seraphitus zu sich selbst und schlug die Arme übereinander, gleich einem Feldherrn, der im Gewühl der Schlacht einen Entschluß fassen soll; »sollte der Gedanke ein Verbrechen sein, sie dir, o mein Gott, zuzuführen!«

»Erinnerst du dich nicht mehr, was ich dir da oben sagte?« fuhr er laut fort und deutete auf den Gipfel der Eismütze.

»Wie er wieder furchtbar geworden ist!« dachte Minna.

Die Stimme der Sieg begleitete die Gedanken dieser drei Wesen, die während einiger Momente auf einem von Abgründen umstarrten Felsenvorsprung standen.

»Nun, so lehren Sie mich, Seraphitus,« begann endlich Minna wieder, mit einer perlengleichen Stimme und sanft wie die Bewegung der zarten Sinnpflanze, »so lehren Sie mich das Geheimnis, Sie nicht zu lieben! Wer würde Sie nicht bewundern? Liebe ist aber nur unermüdende Bewunderung.«

»Armes Kind!« entgegnete Seraphitus blaß werdend, »so kann man nur ein einziges Wesen lieben!«

»Wen . . .?« fragte Minna.

»Du sollst es erfahren«, antwortete er mit der schwachen Stimme eines Menschen, der sich zum Sterben niederlegt.

»Hilfe! Er stirbt!« schrie Minna.

Wilfrid eilte herbei, und als er dies Wesen anmutig ruhend fand auf einem Stücke Gneis, das die Zeit mit ihrem Samtmantel von glänzenden Steinflechten und gelben, in der Sonne flimmernden Moosen bekleidet hatte, sprach er: »Wie schön ist sie.«

»Mein letzter Blick auf diese sich entfaltende Natur!« hauchte sie und erhob sich mit Aufbietung aller ihrer Kräfte. Dann trat sie vor an den Rand des Felsens, von wo aus sie die ganze blühende und aufbrechende, vor kurzer Zeit noch in tiefes Schneegewand gehüllte Natur umfassen konnte.

»Lebewohl,« sprach sie, »du feuriger Herd der Liebe, wo alles vom Mittelpunkte gierig nach außen strebt, und dann wieder sich zusammendrängt gleich dem reichen weiblichen Lockenschmuck, um jenes unbekannte Geflecht zu bilden, wodurch du dich in dem unermeßlichen Äther, an dem göttlichen Gedanken, befestigst!

»Erblickt ihr ihn, wie, er niedergedrückt von den Strömen seines Schweißes, sich einen Augenblick aufrichtet, um den Himmel zu befragen? Erblickt ihr sie, wie sie die Kinder um sich her versammelt, um sie mit ihrer Milch zu tränken? Sehet ihr ihn, wie er mitten im Sturm das Tauwerk befestigt? Sehet ihr sie, wie sie, in der Felsenhöhle kauernd, den Vater erwartet? Erschaut ihr alle, wie sie, nach einem von mühseliger Arbeit aufgeriebenen Leben, die Hand demütig bieten? . . . Allen Friede und Mut! Allen ein Lebewohl!

»Vernehmt ihr den Todesschrei des auf fremder Erde sterbenden Kriegers! Vernehmt ihr die Wehklage des in der Wüste verirrten jammernden Menschen? Allen Friede und Mut, allen ein Lebewohl! Ihr, die ihr für die Könige der Erde euch opfert, lebt wohl! Aber auch euch, ihr Völker ohne Vaterland, ihr Länder ohne Völker, die ihr gegenseitig das euch Fehlende wünscht, ein Lebewohl! Lebe wohl auch du vor allen, der du nicht weißt, wohin dein Haupt legen, erhabener Verbannter! Lebt wohl, liebe Unschuldige, und weil ihr zu viel geliebt, Mißhandelte! An dem Sterbelager eurer Söhne sitzende Mütter, lebt wohl! Heilige, tief verwundete Frauen, lebt wohl! Lebewohl euch Armen! Lebewohl euch Schwachen und Leidenden, deren Schmerzen ich so oft geteilt habe! Lebt wohl ihr alle, die ihr in der Sphäre des Naturtriebes herumirrt, und in ihr für andere leidet!

»Lebt wohl, kühne Schiffer, die ihr den Orient sucht, mitten in den dichten Finsternissen eurer gewaltigen Abstraktionen! Lebt wohl, Märtyrer der Wahrheit, und doch durch sie zum wahren Lichte geleitet! Lebt wohl, emsige Kreise, aus denen mir die Klage des verkannten Genies, der Seufzer des zu spät erleuchteten Gelehrten entgegen tönt!

»Hört ihr die Harmonie der Engel, empfindet ihr den Hauch der Wohlgerüche, den Weihrauch des Herzens, ausgeatmet von denen, die, betend, tröstend, göttliches Licht und himmlischen Balsam in betrübte Seelen träufelnd, umhergehen! Mut, Mut, ihr Chöre der Liebe! Mut und Lebewohl euch, zu denen die Völker rufen: ›Tröstet uns! Schützet uns!‹

»Lebe wohl, Granit, denn du wirst Blume! Lebe wohl, Blume, denn du wirst als Taube entfliegen! Lebe wohl, Taube, denn du wirst Weib! Lebewohl, Weib, denn du wirst Leiden! Lebe wohl, Mann, denn du wirst Glaube! Lebet wohl, ihr alle, denn alle werdet ihr Liebe und Gebet!«

Erschöpft von der Anstrengung stützte sich zum ersten Male dies unerklärbare Wesen auf Wilfrid und Minna, um seine Wohnung zu erreichen, und wundersam ergriffen fühlten sich beide durch diese Berührung.

Kaum hatten sie wenige Schritte zurückgelegt, als David ihnen weinend entgegen trat: »Gott, sie stirbt, warum haben Sie sie so weit fortgeführt?« rief er schon von ferne.

Mit der ganzen wiedergefundenen Kraft seiner Jugend umfaßte sie der Greis und eilte mit ihr, gleich dem Adler, der ein weißes Lamm seinem Horste zuträgt, zu der Pforte des Schwedenschloßes hinan.

*

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