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Honoré de Balzac: Seraphita - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleMystische Geschichten
titleSeraphita
publisherDiogenes
year1977
isbn5257208995
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120411
modified20180411
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Seraphita

Der alte David trat während des Abends wieder in das Zimmer.

»Ich weiß, wen du mir meldest,« sagte Seraphita zu ihm, aus dem Schlafe halb erwachend. »Wilfrid mag kommen.«

Ein Mann trat, diese Worte vernehmend, schnell ein und setzte sich zu ihr.

»Meine teure Seraphita, fühlen Sie sich nicht wohl? Ich finde Sie blasser als gewöhnlich.«

Langsam wendete sie sich zu ihm, nachdem sie ihre Locken, wie eine hübsche Frau, die vom Kopfweh geplagt nicht mehr Kraft zum Klagen hat, zurückgestrichen hatte.

»Ich habe,« sprach sie, »die Torheit begangen, mit Minna über den Fjord zu gehen. Kinderei! Wir haben den Falberg bestiegen.«

»Sie wollen sich folglich töten!« rief er mit dem Schrecken eines Liebenden.

»Fürchten Sie nichts, guter Wilfrid, ich habe Ihre Minna gut beschützt.«

Wilfrid schlug heftig mit der Hand auf den Tisch, sprang auf, machte unter schmerzlichem Ausruf einige Schritte gegen die Tür, kehrte dann wieder um und wollte seine Klagen beginnen.

»Warum dieser Lärm,« fragte Seraphita, »wenn Sie mich leidend glauben?«

»Verzeihung! Gnade!« flehte Wilfrid, sich ihr zu Füßen werfend. »Verfahren Sie streng gegen mich, fordern Sie alles, was Ihre grausame Frauenlaune nur irgend Hartes ersinnen kann, aber setzen Sie, Geliebteste, keinen Zweifel in meine Liebe. Sie brauchen Minna wie ein Beil, um mich mit tödlichen Schlägen zu treffen. Gnade!«

»Warum mir solche Worte sagen, mein Freund, wenn Sie deren Nutzlosigkeit kennen?« entgegnete sie und betrachtete ihn mit endlich so sanft werdenden Blicken, daß Wilfrid nicht mehr Seraphitas Augen sah, sondern ein flüssiges Licht, dessen Zittern den letzten verschwimmenden Tönen des weichsten Gesanges glichen.

»O! man stirbt nicht aus Angst!« stöhnte er.

»Sie leiden!« begann sie mit einer Stimme, deren Innigkeit im Herzen des Hörers gleiche Wirkung wie die Blicke hervorbrachte. »Was kann ich für Sie tun?«

»Lieben Sie mich, wie ich Sie liebe!«

»Arme Minna!« versetzte sie.

»Ich trage nie Waffen bei mir!« rief Wilfrid.

»Sie sind heute in einer alles umbringenden Laune,« entgegnete lächelnd Seraphita. »Nun, habe ich das nicht gesagt, wie eine geborne Pariserin, von deren Liebesgeschichten Sie mir so viel erzählen?«

Die Arme übereinander geschlagen, setzte sich Wilfrid und betrachtete Seraphita mit finsterm Gesicht. »Ich verzeihe Ihnen,« sprach er endlich; »Sie wissen nicht, was Sie tun.«

»O!« erwiderte sie, »seit Eva hat jede Frau immer mit vollem Bewußtsein Gutes wie Schlechtes getan.«

»Ich glaube es!« war seine Antwort.

»Ich rede nach meiner innersten Überzeugung, Wilfrid. Unser Instinkt ist ja gerade die Ursache, die uns so vollkommen macht. Alles, was ihr Männer mühsam erlernen müßt, wird von uns empfunden.«

»Warum empfinden Sie nun aber nicht auch die unendliche Liebe, mit der ich Sie liebe?«

»Weil Sie mich nicht lieben.«

»O Gott!«

»Warum beklagen Sie sich doch über Ihre Herzensbeklemmungen?« fragte sie.

»Heute Abend, Seraphita, sind Sie schrecklich. Sie sind ein wahrer Dämon.«

»Nichts weniger! Ich bin ein armes Geschöpf, das mit dem Unglück begabt ist, die Menschen zu verstehen. Der Schmerz, Wilfrid, ist ein Licht, das uns das Leben erhellt.«

»Warum stiegen Sie auch auf den Falberg?«

»Lassen Sie sich die Ursache von Minna sagen, ich bin zu angegriffen, um zu erzählen. Sie müssen sprechen, Sie, der alles weiß, der alles kann, der nichts vergißt, der so lange in so manchen gesellschaftlichen Verhältnissen gelebt hat . . . Vertreiben Sie mir angenehm die Zeit . . . ich bin ganz Ohr!«

»Was könnte ich Ihnen erzählen, das Sie nicht schon wüßten? Ihr Wunsch soll mich überdies auch nur verhöhnen. Sie lassen ja nichts gelten, was irgend einigen Wert auf dieser Erde hat, Sie verachten alle Benennungen, Sie vernichten alle Gesetze, alle Gebräuche, alle Gefühle, alle Wissenschaft, denn Sie führen alles auf die Verhältnisse zurück, in welche alle diese Dinge sich zusammenziehen würden, wenn man sie von einem außerhalb unsres Erdballs liegenden Punkte betrachten könnte!«

»Hieraus müssen Sie auf den Schluß geleitet werden, daß ich kein Weib bin, und dann, Wilfrid, haben Sie unrecht, mich zu lieben. Wie! Ich verlasse die ätherischen Regionen meiner mutmaßlichen Macht, ich mache mich demütig klein, ich erniedere mich nach Art der weiblichen Geschöpfe jeder Gattung, und sogleich erheben Sie mich wieder? Endlich fühle ich mich vernichtet, zertrümmert, rufe Sie zu Hilfe, bedarf Ihres Arms, und Sie stoßen mich zurück! – Wir verstehen uns nicht.«

»Sie sind heute Abend viel abscheulicher mutwillig, viel boshafter, als ich Sie noch je sah . . .«

»Boshaft!« fiel sie ein und sah ihn mit einem Blicke an, der alle seine tief verletzten Empfindungen in ein himmlisches Gefühl auflöste, »nein, ich bin nur leidend, das ist alles. Nun verlassen Sie mich nur, mein Freund; würden Sie dann nicht von Ihrem Rechte als Mann Gebrauch machen? Wir sollen euch nur stets gefallen, euch zur Erholung dienen, immer munter sein und niemals andere als euch belustigende Launen haben. Was soll ich tun, mein Freund? Und lägen wir im Todeskampfe, so sollen wir euch, ihr Herren, noch zulächeln! Ihr nennt das, glaube ich, herrschen! Die armen Frauen, wie dauern sie mich! Nicht wahr, Wilfrid, ihr verlaßt sie, wenn sie alt werden; besitzen sie denn kein Herz, keinen Geist? Denken Sie also, Wilfrid, ich sei über hundert Jahre alt! Gehen Sie also, eilen Sie zu Minnas Füßen!«

»O! meine ewige Liebe!«

»Wissen Sie, was Ewigkeit heißt? Schweigen Sie, Wilfrid. Ich habe nur Verlangen in Ihnen aufgeregt, – und Sie lieben mich nicht. Sagen Sie aufrichtig, ruft mein Anblick Ihnen nicht vielleicht das Bild einer koketten Frau ins Gedächtnis?«

»Ja! Gewiß! In Ihnen erkenne ich heute nicht mehr das unschuldige, himmlische Kind, das ich einst zum erstenmale in der Kirche von Jarvis erblickte.«

Seraphita fuhr bei diesen Worten mit der Hand über die Stirne, und Wilfrid erstaunte über den nun auf derselben ruhenden heiligen und religiösen Ausdruck. »Sie haben recht, Freund! Ich handle stets nicht gut, wenn ich meine Füße auf Eure Erde setze.«

»Ja, teuerste Seraphita, bleiben Sie mein leitendes Gestirn und verlassen Sie nicht die Stelle, von der Sie auf mich so helle Lichtstrahlen warfen.«

Mit diesen Worten suchte er die Hand des Mädchens zu ergreifen, die sie ihm aber sanft und ohne Zorn entzog. Wilfrid sprang rasch auf, eilte an das Fenster und stellte sich so, daß Seraphita nicht die Tränen sehen sollte, die ihm in die Augen traten.

»Warum weinen Sie?« fragte sie. »Sie sind kein Kind mehr, Wilfrid. Kommen Sie wieder her zu mir, ich befehle es. Sie zürnen mir, wenn ich böse werden sollte. Sie sehen, wie krank ich bin, und doch zwingen Sie mich durch Ihr seltsames Betragen zum Denken, zum Reden, oder doch wenigstens in mich ermüdende Ideen einzugehen. Wäre Ihnen das Verständnis meiner Natur eröffnet, so würden Sie mir Musik gemacht, und den mich drückenden Unmut verscheucht haben, Sie aber lieben mich nur Ihret- und nicht um meinetwegen.«

Der Wilfrids Busen wild durchtobende Sturm legte sich plötzlich bei diesen Worten, und langsam trat er näher, damit er um so ungestörter das verführerische Geschöpf betrachten könne, das, anmutig den Kopf auf die Hand gestützt, in der reizendsten Stellung vor ihm lag.

»Sie glauben, ich liebe Sie nicht,« fing sie wieder an. »Sie täuschen sich. Hören Sie mir zu, Wilfrid. Sie fangen an, viel zu begreifen; Sie haben viel gelitten. Ich will Ihnen Ihre Gedanken enträtseln. Sie streben nach meiner Hand.«

Sie richtete sich auf ihrem Lager auf; alle ihre zierlichen Bewegungen schienen von einem lichten Schimmer umflossen.

»Gibt ein Mädchen, mit ihrer Hand, nicht ein stillschweigendes Versprechen? Und muß sie das gegebene nicht halten? Sie wissen wohl, daß ich nie Ihnen angehören kann. Zwei Gefühle bestimmen vorherrschend die Wahl der irdischen Frauen, sie opfern sich entweder leidenden, verdorbenen, verbrecherischen Männern, um sie zu trösten, zu bessern, zu reinigen, oder sie weihen ihre Liebe höher stehenden, starken, erhabenen Gemütern, um sie anzubeten und sich zu denen emporzuschwingen, von welchen sie aber nur zu oft zermalmt werden. Sie, Sie sind hochgestellt und verdorben, aber durch das Feuer der Reue gereinigt: ich – ich bin zu schwach, um Ihrer Größe nachzufliegen, und zu gottesfürchtig, um mich vor einer andern als der höchsten Macht zu beugen. So läßt Ihr Leben sich erklären, mein Freund: wir sind im Norden, zwischen den Wolken, wo die Abstraktionen hausen!«

»Sie töten mich, Seraphita, wenn Sie so reden,« entgegnete er. »Immer empfinde ich es schmerzlich, wenn ich sehe, wie Sie Ihre ungeheure Wissenschaft, mit der Sie alle menschlichen Dinge ihrer ihnen von Zeit, Raum und Form verliehenen Eigentümlichkeiten berauben, dazu anwenden, um sie, unter irgend einen reinen Ausdruck gebracht, mathematisch zu betrachten, wie es die Geometrie mit den Körpern macht, die sie aller Eigenschaft entkleidet hat.«

»Gut, Wilfrid, ich will Ihnen gehorchen. Lassen wir aber das. – Wie gefällt Ihnen die Bärendecke, die mein armer David dort hingebreitet hat?«

»Sehr gut.«

»Was halten Sie von jenem mit Zobel gefütterten Kaschemir? Glauben Sie, daß ein Fürst an irgend einem Hofe einen ähnlichen Pelz habe?«

»Er ist unschätzbar, und seiner Besitzerin würdig.«

»Und die Sie überdies sehr schön finden.«

»Menschenworte gelten ihr nichts, das Herz muß zum Herzen bei ihr sprechen.«

»Es gelingt Ihnen recht gut, Wilfrid, meine Schmerzen mit sanften Worten einzuschläfern, . . . die . . . Sie schon andern gesagt haben.«

»Leben Sie wohl!«

»Bleiben Sie. Ich liebe Sie und Minna, glauben Sie mir! Allein ich verschmelze Sie beide in ein Wesen, und so vereint, sind Sie für mich ein Bruder oder auch eine Schwester. Heiraten Sie, damit ich Sie vor meinem Scheiden von dieser Sphäre der Prüfungen und Trübsale noch glücklich sehe. Mein Gott, ganz einfache Frauen haben alles über ihre Liebhaber vermocht! Sprachen sie zu ihnen: ›Schweige!‹ so waren sie stumm; ›stirb!‹ so waren sie tot. ›Liebe mich nur von weitem!‹ so hielten sie sich in weiterer Entfernung als Höflinge von ihrem Könige. ›Heirate!‹ so vermählten sie sich. Ich, ich will ja weiter nichts, als Sie glücklich wissen, und das verweigern Sie mir! Folglich habe ich keine Macht! Doch hören Sie, Wilfrid; kommen Sie näher heran! Ja, es würde mich betrüben, müßte ich sehen, wie Sie sich mit Minna vermählen, sehen Sie mich aber einst nicht mehr, . . . dann – versprechen Sie mir, sich ihr zu vereinen; euch hat der Himmel für einander bestimmt.«

»Ich habe Ihnen mit Wärme zugehört, Seraphita. So unverständlich auch Ihre Worte waren, so sehr bezauberten sie mich. Was wollten Sie aber mit allem sagen?«

»Sie haben recht, ich vergaß, das törichte, arme Geschöpf zu sein, dessen Schwachheit Sie nur allein lieben. Ich quäle Sie, und Sie sind in diese wilde Gegend doch nur deshalb gekommen, um Ruhe in ihr zu finden, Sie, dessen Kraft durch die unbändigen Ausbrüche eines mißkannten Genies gebrochen ist, Sie, erschöpft durch langwierige Arbeit in den Wissenschaften, Sie, dessen Hände sich im Verbrechen befleckt und die Fesseln der Gerechtigkeit getragen haben . . .!«

Halb tot war Wilfrid auf den Teppich gesunken, allein ein Hauch Seraphitens auf seine Stirne reichte hin, ihn sanft zu ihren Füßen schlafen zu lassen.

»Schlafe sanft und erhalte dich,« sprach sie und erhob sich.

Jetzt legte sie ihre Hände auf Wilfrids Stirn, und nun entströmten ihren Lippen in abgemessenen Pausen die folgenden Reden, jede in verschiedenen aber melodischen und von hohem Wohlwollen durchdrungenen Tönen, die wie dunstartige Wellen ihrem Haupte zu entquellen schienen, gleich den Strahlen, mit denen jene keusche Göttin den Schlaf ihres geliebten Hirten umgab.

»Wohl darf ich mich dir, teuerer Wilfrid, in meiner eigentlichen Gestalt zeigen, denn du bist stark.

»Die Stunde ist gekommen, die Stunde, in welcher glänzendes Licht der Zukunft zurückstrahlt auf die Seelen, die Stunde, in der die Seele sich frei bewegt.

»Jetzt ist mir vergönnt, dir zu gestehen, wie sehr ich dich liebe. Siehst du nicht, wie groß meine Liebe ist, eine ganz rücksichtslose Liebe, ein nur von dir erfülltes Gefühl, eine lange Liebe, die dir bis in das Jenseits folgt. Begreifst du jetzt, wie feurig ich wünschte, dich des so schwer auf dir lastenden Lebens entledigt zu wissen, und dich jener Welt, in der man ewig liebt, noch weit näher zu wissen, als du ihr schon bist? Nur für ein Leben zu lieben, heißt nichts weiter als leiden. Hast du nicht das Vorgefühl einer ewigen Liebe empfunden? Verstehst du jetzt, zu welchen Entzückungen ein vollendetes Geschöpf sich erhebt, wenn es in doppelter Gestalt denjenigen lieben darf, der niemals die Liebe verrät, denjenigen, vor dem man sich anbetend niederwirft!

»Hätte ich doch Flügel, Wilfrid, um dich zu schirmen, besäße ich doch die Macht, um dich schon jetzt in jene Welt zu führen, in der die reinsten Freuden, die reinste auf dieser Erde zu empfindende Neigung nur wie ein Schatten gegen den Tag erscheinen, der unaufhörlich die Herzen erhellt und erfreut.

»Verzeihe selbst der befreundeten Seele, dir das Gemälde deiner Fehler in der liebevollsten Absicht, die brennenden Schmerzen des Gewissens zu mildern, auch nur mit einem Worte vorgeführt zu haben. Vernimm die Melodien der Verzeihung. Erfrische deine Seele mit dem Atem der Morgenröte, die sich dir jenseits der Finsternis des Todes auftun wird. Ja, dein Leben ist jenseits.

»Möchten doch meine Worte als helle Träume dir erscheinen und mit Blumen geschmückt glänzend auf dich niedersteigen. Erklimme, erklimme den Gipfel, von dem aus alle Menschen sich deutlich sehen, obgleich klein und zusammengedrängt, gleich dem Sande am Ufer des Meeres. Hat sich die Menschheit entrollt, ähnlich einem einfachen Bande? Betrachte die verschiedenen Farbenmischungen jener Blüte der himmlischen Gärten. Siehst du jene, denen noch das Verständnis fehlt, jene, deren Färbung beginnt, jene, die schon geprüft sind, jene, die in der Liebe sind, jene, die in der Weisheit sind und trachten nach dem Lichte? Begreifst du durch diesen sichtbaren Gedanken die Bestimmung des Menschengeschlechts, woher es kommt, wohin es gehe? Beharre in deinem Wege! Am Ziele deines Pilgerlaufes wirst du vernehmen die Posaunen des Allmächtigen, das Jauchzen des Siegs und die Jubeltöne, deren ein einziger die Erde würde erbeben machen, die aber in eine Welt ohne Aufgang und Niedergang sich verlieren.

»Begreifst du, armer, teurer Geprüfter, daß ohne den starren Schleier des Schlafs solche Schauspiele deinen Verstand zerreißen würden, gleichwie der Sturm ein schwaches Segel emporwirbelt und zerreißt, und für immer den Menschen um seinen Verstand bringen müßte? Begreifst du, daß nur die zur höchsten Kraftanstrengung gesteigerte Seele kaum im Traume der verzehrenden Mitteilungen des Geistes zu widerstehen vermag? Durchfliege noch die lichtglänzenden Sphären, bewundere und eile. So fliegend erquickst du dich, du gehst ohne Beschwerde, und gleich allen Menschen wirst du wünschen, immer in solchen Wogen von Wohlgerüchen, von Strahlen versenkt zu sein, in welchen du wandelst, ohne von der Last deines in Ohnmacht liegenden Körpers gedrückt zu sein, und in welchen du nur durch den Gedanken redest.

»Eile, fliehe, freue dich einen Augenblick lang der Schwingen, die du bald tragen wirst, wenn die Liebe in dir so vollendet ist, daß du keiner Sinne mehr bedarfst, und wenn du ganz Erkenntnis und Liebe bist! Schaue den, der zu dir spricht, der dich aufrecht erhält über dieser Welt, in der die Abgründe sind, denn je höher du steigst, um so unbegreiflicher werden dir die Abgründe! In den Himmeln gibt es keine Tiefen. Betrachte mich noch einen Moment, denn später wirst du mich nur unvollkommen erblicken, so wie es die blasse Erdensonne erlaubt.«

Da richtete sich Seraphita empor und blieb mit sanft gesenktem Haupte, mit wallenden Locken in jener hoch ätherischen Stellung, in der die erhabensten Maler die Boten des Höchsten dargestellt haben. Die Falten ihres Gewandes fielen mit jener unbeschreiblichen Anmut, die den Künstler vor den köstlichen Linien des Schleiers der antiken Polyhymnia fesselt.

Dann streckte sie ihre Hand aus, und Wilfrid stand langsam auf, und als seine erwachenden Blicke auf Seraphita fielen, lag das Mädchen, den Kopf auf ihre Hand gestützt, mit ruhigem Gesichte und strahlenden Augen, wie vorher auf ihrer schwarzen Bärendecke. Mit ernstem Schweigen betrachtete sie Wilfrid, aber ein unbestimmter Schrecken, eine achtungsvolle Furcht belebten seine Züge und verrieten sich in einer schüchternen Haltung.

»Ja, Teure,« begann er endlich nach langer Pause, als antworte er auf eine Frage, »ganze Welten liegen zwischen uns. Ich füge mich dem Verhängnisse und beschränke mich darauf, Sie anzubeten . . . was wird aber aus mir Armem, Einsamem werden?«

»Bleibt Ihnen nicht Ihre Minna, Wilfrid?«

Er ließ sein Haupt sinken.

»Sehen Sie nicht so geringschätzig auf meine Frage herab, alles begreift die Frau durch Liebe! Versteht sie nicht, so empfindet sie; empfindet sie nicht, so sieht sie; und wenn sie weder sieht, noch empfindet, noch versteht – nun? – so legt sich der irdische Engel auf das Erraten und verbirgt seine schützende Gönnerschaft unter der Anmut der Liebe.«

»Nur Sie allein, Seraphita, könnten mich verstehen; ich bin nicht wert, einer anderen Frau anzugehören.«

»Sie sind plötzlich sehr bescheiden geworden! Wollen Sie mich durch diese künstliche Schlinge fangen? Eine Frau wird immer gerührt, wenn sie ihre Schwäche gepriesen sieht! Wie? – Kommen Sie morgen abend zum Tee zu mir, der gute Becker kommt auch, und Sie werden Minna treffen, das reinste Geschöpf, das ich auf dieser Welt kenne. Verlassen Sie mich jetzt, mein Freund, ich muß heute abend noch lange und sehr ernst beten, denn ich habe mir einige Fehler zuschulden kommen lassen.«

»Wie ist es möglich, daß Sie sündigen?«

»Armer lieber Wilfrid! Wer seine Macht mißbraucht, verfällt in hochmütigen Stolz, nicht wahr? Ich glaube heute zu hochmütig gewesen zu sein. – Doch fort! Gehen Sie! Morgen mehr!«

»Morgen!« wiederholte mit matter Stimme Wilfrid und warf einen langen Blick auf dies Wesen, dessen unauslöschliches Bild er mit sich forttragen wollte.

Und er ging.

*

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