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Honoré de Balzac: Seraphita - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleMystische Geschichten
titleSeraphita
publisherDiogenes
year1977
isbn5257208995
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Seraphitus

Der Winter von Siebzehnhundertneunundneunzig auf Achtzehnhundert war einer der härtesten, dessen man sich in Europa erinnern kann. Norwegens Meer war selbst in den Fjords festgefroren, eine Erscheinung, die gewöhnlich durch die unaufhörlichen Strömungen gehindert wird. Furchtbarer Sturm hatte allen Schnee vom Eise des Stromfjords in das innerste Ende des Golfs zusammengeweht. Seit vielen Jahren war es den Bewohnern von Jarvis nicht vergönnt gewesen, im Winter den großen Spiegel ihrer Gewässer die Farben des Himmels widerstrahlen zu sehen, ein seltnes Schauspiel im Schoße dieser Gebirge, deren Unebenheiten unter den vielen aufeinander folgenden Schneelagen verborgen waren, wo die höchsten Gipfel gleich den tiefsten Schlünden in dem unermeßlichen, von der Hand der Natur über diese Landschaft geworfenen weißen Gewande sich nur als schwache Erhöhungen zeigten; jetzt ein traurig glänzender monotoner Anblick. Die mächtigen plötzlich erstarrten Wasserfälle der Sieg bildeten eine ungeheure Wölbung, unter der die Einwohner, geschützt vor den Schneewirbeln, hätten durchgehen können, wenn irgend einer verwegen genug gewesen wäre, sich so weit in das Land hinein zu wagen. Die Gefahren, selbst des kleinsten Weges hielten aber die kühnsten Jäger in ihren Wohnungen zurück, weil sie fürchten mußten, unter den dicken Schneedecken weder die schmalen am Rande der Abgründe hinführenden Fußpfade treffen, noch die tiefen Klüfte und Schlünde vermeiden zu können. Auch belebte kein lebendiges Geschöpf diese weiße Wüste, wo nur der vom eisigen Pole herstreichende Nordwind zuweilen die öde Stille unterbrach. Der fast unaufhörlich grau behängte Himmel ließ den See wie matten Stahl erscheinen. Vielleicht zog hin und wieder ein alter Eidervogel durch die Wüste, geschützt durch seinen wärmenden Flaum, unter den die Träume der Reichen schlüpfen, nicht bedenkend, mit welchen Gefahren diese Feder erkauft wird; aber gleich dem Beduinen, der einsam Afrikas Sandwüste durchzieht, wurde auch der Vogel weder gehört noch gesehen, denn die starre, ihrer elektrischen Kommunikation beraubte Atmosphäre tönte weder seinen Flügelschlag noch sein fröhliches Geschrei wider. Welches Auge wäre auch im Stande gewesen, den Glanz dieses von schimmernden Kristallen eingefaßten Abgrundes zu ertragen und den grellen Widerschein des Schnees, der kaum auf den höchsten Gipfeln von den Strahlen einer bleichen Sonne getönt wurde, die hin und wieder gleich einem Sterbenden, der ungern vom Leben scheidet, auf kurze Momente zum Vorschein kam! Oft, wenn graue Wolkenmassen in Schwaden über Berg und Wald jagten und den Himmel verschleierten, leuchtete die Erde, des Himmelslichtes ermangelnd, von selbst auf.

Hier herrscht die ganze Majestät der ewigen, um den Pol gelagerten Kälte, deren Hauptcharakter ein tiefes, ernstes Schweigen ist. Wie aber jedes Extrem die Wahrscheinlichkeit der Verneinung, die Kennzeichen des Todes in sich trägt, – denn Leben ist der Kampf zweier Kräfte – so herrscht auch hier keine Spur des Lebens, nur eine Macht, die unfruchtbare Macht des Eises herrscht hier mit unbestrittener Gewalt. Selbst das Brüllen der anlaufenden Flut im offenen Meere gelangte nicht bis in diese stille, in den drei kurzen Jahreszeiten, in denen sich die Natur beeilt, kärgliche Ernten dem geduldigen Volke zu spenden, sonst so tobende Bai. Einzelne hohe Tannen erhoben ihre schwarzen schneebekränzten Pyramiden und das Bartgehänge ihrer Äste machte das Bild dieser Gipfel, auf die sie in dunklen Tupfen verstreut waren, noch trübseliger.

Jede Familie blieb ruhig am warmen Herde in den wohlverwahrten Häusern, mit hartem Brote, eingesalzner Butter, gedörrten Fischen und andern im voraus für die sieben strengen Wintermonate eingesammelten Vorräten gut versehen. Kaum sieht man leichten Rauch von diesen Wohnungen aufsteigen. Alle liegen fast gänzlich unter dem Schnee begraben, gegen dessen Druck sie noch überdies durch lange vom Dach heruntergehende und von starken Balken gehaltene Dielen geschützt werden, die rings um das Haus einen bedeckten Gang bilden. Während der furchtbaren Winterzeit verfertigen und färben die Frauen die ihnen zur Kleidung dienenden wollenen oder leinenen Zeuge; die meisten Männer beschäftigen sich unterdessen mit Lesen oder hängen ernsten, wundervollen Betrachtungen nach, aus denen jene tiefen Theorien, jene mystischen Träume des hohen Nordens entstanden sind, jene nur auf einen, wie mit einer Sonde erforschten Punkt der Wissenschaft gerichteten Studien: – jene halb mönchischen, dem beschaulichen Leben gehörenden Gebräuche, die den Geist zwingen, bei sich selbst einzukehren und aus sich selbst seine Nahrung zu schöpfen, und die aus dem norwegischen Bauer ein in der übrigen europäischen Gesellschaft ganz isoliert stehendes Wesen machen.

Im ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts und um die Mitte des Mais war dies ungefähr der Zustand dieser Gegend. Eines Morgens, als die Sonne durch ihre Strahlen alle die flimmernden, aus den Schnee- und Eiskristallisationen hervorbrechenden Diamanten hell erglänzen ließ, glitten zwei Gestalten über den Meerbusen und flogen längs dem Fuße des Falbergs hin, gegen dessen Gipfel sie von Höhe zu Höhe hinauf eilten. Waren es zwei lebende Wesen, waren es zwei Pfeile? Wer sie so gegen diese unzugängliche Höhe aufsteigen sah, hätte sie leicht für zwei Eidervögel halten können, die in Gesellschaft die Wolken durchsegelten. Weder der abergläubigste Fischer, noch der verwegenste Jäger würde menschlichen Geschöpfen die Macht beigemessen haben, die steilen Granitwände zu ersteigen, an denen jenes Paar mit der grausenerregenden Sicherheit der Somnambulen hinfuhr, die mit Hintansetzung aller Gesetze der Schwere und aller durch die geringste Abweichung unaufhaltsam einbrechenden Gefahren, auf schmalem Rande der Dächer laufend, ihr Gleichgewicht unter dem Gebote einer unbekannten Gewalt zu behaupten wissen.

»Halte mich, Seraphitus,« sprach ein blasses junges Mädchen, »und laß mich Atem schöpfen. Nur dich vermochte ich anzublicken, während wir am Rande dieses Abgrundes hineilten; was wäre aus mir geworden? Ich bin ja nur ein schwaches Geschöpf. Ermüde ich dich?«

»Nein,« entgegnete das Wesen, auf dessen Arm sie sich lehnte, »nur vorwärts, Minna! Die Stelle hier ist nicht sicher genug, um auszuruhen.«

Und abermals glitten die langen, an ihren Füßen befestigten Schneeschuhe hell klingend vorwärts; dann gelangten sie auf die erste Platte, die der Zufall kühn aus der Wand dieses Abgrundes hatte hervortreten lassen.

Die Gestalt, die Minna Seraphitus genannt, stemmte sich fest auf ihre rechte Ferse, um das ungefähr eine Klafter lange, aber nur wie ein Kinderfuß breite Brettchen aufzurichten, das mit zwei Riemen von Seehundsfell an ihrem Halbstiefel befestigt war. Das Renntierfell, mit dem die untere Seite des sehr schmalen Brettchens besetzt war, sträubte sich gegen den Schnee und brachte Seraphitus plötzlich zum Feststehen. Er zog seinen linken, mit einem noch längeren Schneeschuh versehenen Fuß heran, schwenkte sich leicht um seine eigene Achse, umfaßte seine furchtsame Gefährtin, hob sie ungeachtet der langen, auch an ihren Füßen befestigten Schneeschuhe empor und setzte sie auf ein Felsstück, das er zuvor vom Schnee mit seinem Pelze gereinigt hatte.

»Hier, liebe Kleine, bist du in voller Sicherheit; nun magst du ganz nach Gefallen zittern.«

»Fast haben wir schon die Hälfte der Eismütze erstiegen,« entgegnete sie und sah an dem Pik empor, den sie mit dem unter dem Volke gebräuchlichen Namen benannte. »Ich glaube es noch gar nicht.«

Zu atemlos aber, um weiterreden zu können, blickte sie lächelnd zu Seraphitus auf, der ohne zu antworten sie in seinen Armen hielt und durch seine auf ihrem Herzen ruhende Hand die hörbaren und wie bei einem eingefangenen Vögelchen ängstlichen Schläge desselben zu zählen schien.

»Ohne daß ich gelaufen bin, schlägt es oft ebenso schnell,« sprach sie.

Seraphitus schüttelte sein Haupt, doch weder mit verächtlicher noch kalter Miene, ungeachtet aber der dieser Bewegung aufgedrückten Anmut, verriet sie doch nichts, um so weniger eine gewisse Verneinung, die, von einer Frau angewendet, die köstlichste Koketterie gewesen sein würde. Feurig drückte Seraphitus das Mädchen an sich. Lautlos nahm sie diese Liebkosung an, fuhr fort, ihn zu betrachten, und als er den Kopf zurückbog, um durch eine fast ungeduldige Bewegung seine goldenen Locken aus der Stirn zu schütteln, sah er in Minnas Augen ihr volles Glück.

»Ja, teures Kind,« sprach er mit väterlicher und bei einem so jugendlichen Wesen ganz anmutiger Stimme, »sieh mich nur an, schlage nicht die Augen nieder.«

»Warum?«

»Du willst es wissen? Nun, mache den Versuch!«

Schnell blickte Minna nach unten, aber ebenso plötzlich schrie sie laut auf, wie ein Kind, das auf einen Tiger stößt. Das furchtbare Gefühl des unvermeidlichen Sturzes in den Abgrund hatte sie ergriffen, ein einziger Blick hatte genügt, ihr den gefährlichsten Schwindel mitzuteilen. Der Fjord hatte eine mächtige Stimme, die dem Opfer, das er begehrte, betäubend in die Ohren dröhnte, sich zwischen das Leben und seine Beute einschiebend. Vom Scheitel bis zu den Fußspitzen durchrieselte sie ein eiskalter Schauder, der bald aber in eine ihren Nerven unerträgliche Hitze überging, in ihren Adern tobte und allen ihren Gliedern elektrische Schläge entströmen ließ. Zum Widerstande zu schwach, fühlte sie sich endlich durch unbekannte Gewalt in die vor ihr liegende grause Tiefe gezogen, aus der ihr ein scheußliches Ungeheuer mit magnetisch an sich ziehenden Augen und offenem, sie zu verschlingen drohendem Rachen sein Gift entgegen spie. »Ich sterbe, mein Seraphitus, nur dich allein habe ich geliebt auf Erden,« rief sie und machte von unbekannter Gewalt getrieben eine unwillkürliche Bewegung gegen den Abgrund.

Sanft berührte Seraphitus mit leichtem Atem ihre Stirn und Augen, und plötzlich, gleich einem durch ein Bad wundervoll gestärkten müden Reisenden, fühlte Minna kaum noch in der Erinnerung ihre gewaltigen schmerzhaften Beängstigungen, die schon verschwunden waren durch dieses liebliche und blitzschnell ihren Körper durchdringende und balsamische Wohlgerüche verbreitende Anhauchen.

»Wer bist du denn?« fragte sie mit einem Anflug von holdem Schrecken. »Ach, ich weiß es wohl, du bist ja mein Leben! – Wie vermagst du in diese grauenvolle Tiefe niederzusehen, ohne zu sterben?« fuhr sie nach einigem Zögern fort.

Seraphitus entfernte sich von Minna, die fest an den Granit sich klammerte, setzte sich, wie wenn er ein körperlicher Schatten gewesen wäre, auf den Rand der Platte und betrachtete höhnend den ihn angähnenden unergründlichen Fjord. Abgrund stand gegen Abgrund. Sein Körper schwankte nicht, seine Stirne blieb rein und teilnahmslos, wie wenn sie einer marmornen Statue angehört hätte.

»Wenn du mich liebst, Seraphitus, so verlaß jene Stelle,« schrie das Mädchen, »du gibst mir alle meine Schmerzen wieder. Wer bist du denn aber mit dieser für dein Alter übermenschlichen Stärke?« frug sie und fühlte sich von Neuem in seinen Armen.

»Aber, mein Kind,« entgegnete Seraphitus, »du schaust ja ohne furchtsamen Schwindel in noch unendlich größere Räume!«

Und mit erhobenem Finger deutete dieses seltsame Wesen auf den blauen in den Wolken über ihnen schwebenden Luftkreis, in welchem kraft geheimnisvoller atmosphärischer Gesetze mitten am Tag die Sterne sichtbar waren.

»Ein großer Unterschied!« sprach sie lächelnd.

»Du hast recht,« antwortete er, »wir sind geboren, nach dem Himmel zu trachten. Gleich den Gesichtszügen der Mutter schreckt das Heimatland niemals das Kind.«

Seine Stimme tönte im Innern seiner ihm lautlos zuhörenden Gefährtin nach.

»Fort! weiter!« setzte er endlich hinzu.

Und von neuem eilten beide auf schmalen kaum sichtbaren Fußpfaden empor zum Gebirge, die Entfernungen gleichsam verschlingend, von Absatz zu Absatz weiter hinauffliegend mit der Schnelle eines arabischen Rosses, des Vogels der Wüste. Nach wenigen Augenblicken gelangten sie an ein grünes, mit Kräutern, Moos und Blumen geschmücktes Plätzchen, auf dem noch niemand geruht hatte.

»Der liebliche Söller!« rief Minna und belegte dies grüne Fleckchen mit dem im Lande gebräuchlichen Namen; »wie mag er aber nur in solcher Höhe noch gedeihen?«

»Hier hört allerdings die Vegetation der norwegischen Flora auf,« erwiderte Seraphitus. »Stoßen wir so hoch auf einige Kräuter und Blumen, so verdanken wir sie nur diesem Felsen, der sie gegen des Nordens Kälte schützte. Verwahre dieses Pflänzchen an deinem Busen, Minna,« fuhr er fort und brach eine Blume ab. »Nimm diese liebliche Schöpfung der Natur, die keines Menschen Auge noch erblickt, und behalte diese einzige Blume zum Gedächtnisse dieses in deinem Leben auch einzigen Morgens; keinen Führer wirst du mehr finden, der dich zu diesem Söller bringt!«

Und er reichte ihr eine seltsame Pflanze dar, die sein Adlerblick unter den stengellosen Silenen und Saxifragen erspähet hatte, ein wahres unter dem Hauche der Engel erblühtes Wunder. Mit kindlicher Hast ergriff Minna ein Sträußchen, das aus den zierlichst gerollten im Anfange hellbraunem Blättchen bestand, die dann von Tinte zu Tinte in durchsichtig grüne, wie Smaragd glänzende Spitzen übergingen und sich in wundersam gefiederte und die artigsten Figuren bildende Strahlen teilte. Auf diesem Grunde erhoben sich hin und wieder weiße, mit goldnen Streifen eingefaßte Sterne, aus deren Mitte purpurfarbige Staubfäden ohne Pistill emporstiegen. Ein flüchtiger, lieblich aus Rosen und Orangeblüten zusammengesetzter Geruch trug nicht wenig dazu bei, dieser geheimnisvollen Blume einen gewissen überirdischen Anflug zu geben, denn auch Seraphitus betrachtete sie mit schwermütigen Blicken, als habe gleichsam ihr aufsteigender Duft trübe Gedanken ausgedrückt, deren Sprache er wohl verstehe. Minna sah in dieser unerhörten Erscheinung nichts weiter als irgend eine Laune der Natur, die sich in diesem Falle erlaubt habe, auf einige edeln Steine die Frische, die Weichheit und den Geruch der Pflanze zu übertragen. »Warum soll diese Blume einzig sein? Pflanzt sie sich denn nicht fort?« fragte unbefangen das Mädchen den errötenden Seraphitus, der schnell das Gespräch auf einen andern Gegenstand leitete.

»Setzen wir uns,« fing er an, »und blicke jetzt hier hinunter. Auf dieser Höhe zitterst du wohl nicht mehr? Die vor uns liegenden Abgründe erscheinen nun so tief, daß du ihre Tiefe nicht mehr zu unterscheiden vermagst. Jetzt haben sie das gleichförmige Ansehen des Meeres, des unbestimmten Gewölbes erhalten. Solche Abgründe gefallen dir. Das Eis des Fjords gleicht einem hübschen Türkis, die Tannenwälder zeigen sich dir nur gleich dünnen braunen Linien; so müssen für uns die Abgründe geschmückt sein.«

Seraphitus warf diese Worte mit der Salbung in Ton und Haltung hin, die nur denjenigen bekannt ist, welche die Gipfel der höchsten Gebirge der Erde erstiegen haben, und die auch den gewalttätigsten Herrn unwillkürlich zwingt, seinen Führer wie einen Bruder zu behandeln, und sich nur dann über ihn erhaben glaubt, wenn er sich zu den von Menschen bewohnten Tälern hinab beugt.

Zu Minnas Füßen niedergekauert, schnallte er ihre Schneeschuhe ab, ohne daß das jugendliche Geschöpf es bemerkte, so sehr war sie versunken in den mächtigen Anblick über diesen von ihren Augen umfaßten Teil Norwegens; so sehr war sie bewegt von der dauernden kalten Feierlichkeit dieser Gipfel, die sich mit Worten nicht ausdrücken läßt.

»Nicht allein durch menschliche Kraft haben wir diese Stelle erreicht,« sprach sie, die Hände faltend.

»Gewiß, ich träume nur.«

»Du nennst nur übernatürlich die Wirkungen, deren Ursachen du nicht siehst,« antwortete er.

»Deine Antworten,« entgegnete sie, »tragen stets das Gepräge eines eigenen tiefen Sinnes. In deiner Nähe begreife ich alles ohne Mühe. Ach! wie frei fühle ich mich . . .«

»Du bist deiner Schneeschuhe entledigt, das ist alles.«

»O!« rief sie, »ich, die ich dir die deinigen hätte abnehmen sollen, um dir die Füße zu küssen . . .«

»Spare deine Worte für Wilfrid,« unterbrach sie Seraphitus sanft.

»Wilfrid!« wiederholte Minna mit aufwallendem Zorn, der sich aber legte, als sie ihrem Gefährten in die Augen sah.

»Du wirst nie heftig,« fuhr sie fort und versuchte vergeblich seine Hand zu fassen, »und bei allen Gelegenheiten zeigst du eine zum Verzweifeln hohe Vollkommenheit.«

»Hieraus schließest du also auf meine Unempfindlichkeit?«

Minna erschrak über einen in ihre Gedanken so hell hineinleuchtenden Blick.

»Du gibst mir den Beweis, daß wir uns verstehen,« antwortete sie mit aller weiblichen Anmut.

Unmerklich schüttelte Seraphitus den Kopf und sah sie sanft – traurig an.

»Du, der du alles weißt,« fuhr Minna fort, »erkläre mir, warum die Schüchternheit, die ich da unten stets in deiner Nähe fühle, hier ganz verschwunden ist! Warum wage ich hier, zum erstenmale, dir gerade ins Gesicht zu blicken, während ich dich unten kaum verstohlen anzusehen wage?«

»Vielleicht haben wir hier die Kleinigkeiten der Erde von uns geworfen,« antwortete er und knüpfte einige Schnüre an seinem Pelze auf.

»Noch nie erschienst du mir so schön,« sprach Minna, setzte sich ihm gegenüber auf ein bemoostes Felsstück und verlor sich in die Betrachtung des Wesens, welches sie auf einen für unersteiglich gehaltenen Teil des Gebirges geführt hatte.

Nie hatte aber auch Seraphitus in einem solchen hellen Glanze gestrahlt, – der einzige passende Ausdruck für seine Züge und seine ganze Gestalt: war nun dieser Glanz der von der reinen Gebirgsluft hervorgebrachten Durchsichtigkeit des Teints zuzuschreiben, oder jener innern Aufregung, die den Körper in jenem Augenblicke belebt, wo er sich von einer langgedauerten Anstrengung ausruht? Entstand er durch den plötzlichen Kontrast der jetzt hellstrahlenden Sonne mit den dunkeln Wolken, welche eben erst unser schönes Paar durchschritten hatten? Zu diesen Ursachen muß man vielleicht noch die Wirkungen einer der schönsten Erscheinungen hinzufügen, die jemals in der menschlichen Organisation angetroffen werden können.

Wenn irgend ein geschickter Naturkundiger dieses Geschöpf genau betrachtet hätte, das in diesem Augenblicke, nach seiner stolzen Stirn und seinen blitzenden Augen zu urteilen, als ein ungefähr siebzehnjähriger Jüngling erschien, wenn er ferner gesucht hätte, die geheime Schwungkraft dieses blühenden Lebens unter der weißesten Bedeckung zu erforschen, mit der die nordische Natur ihre Kinder ausstattet, so würde er ohne Zweifel zu der Ansicht gelangt sein, diese Erscheinungen entweder irgend einem in den Meeren verbreiteten phosphorischen Fluidum, das unter der äußern Haut hervorleuchte, zuzuschreiben, oder der immerwährenden Anwesenheit eines innern Leuchtens, welches Seraphitus stets so kräftig und doch so anmutig färbte, und gewiß würde er seine ganze Erscheinung mit einer alabasternen Vase verglichen haben, durch welche das darin bewahrte Licht durchschimmert. So zierlich schmal sich auch seine Hände darstellten, die er, um Minnas Schneeschuhe loszumachen, von den Handschuhen befreit hatte, so schienen sie doch mit der Stärke begabt zu sein, die der Schöpfer in die zangenartigen Scheren des Hummers gelegt hat. Das seinen Augen entströmende Feuer wetteiferte sichtbar mit den Strahlen der Sonne und schien nicht von ihr Licht zu empfangen, sondern vielmehr mitzuteilen. Seine feine, schlanke, der weiblichen ähnliche Gestalt bezeichnete eine jener dem Anscheine nach schwachen Naturen, deren Kraft aber stets ihrem Willen gleicht, und die zu rechter Zeit stark, im normalen Zustand fast schwächlich erscheinen. Von gewöhnlicher Größe, schien Seraphitus, wenn er seine Stirn empor richtete, sichtbar größer zu werden, als wolle er empor schweben. Seine wie von Feenhand gekräuselten und von einem Lichthauche empor schwebenden Locken vermehrten die durch seine ätherische Stellung hervorgebrachte Illusion; aber diese von jeder Kraftanstrengung weit entfernte schwebende Haltung war mehr das Ergebnis eines moralischen Phänomens als einer körperlichen Gewohnheit. Minnas Phantasie unterstützte nicht wenig diesen fortwährenden Zauber, dessen Herrschaft jeder erlegen sein würde, und der Seraphitus als das Gebilde irgend eines glücklichen Traumes erscheinen ließ. Nichts wäre imstande gewesen, auch nur eine schwache Idee von dem Bilde zu geben, das diese für Minna majestätisch männliche Gestalt darbot, die aber in den Augen eines Mannes durch ihre weibliche Anmut die schönsten Köpfe Raffaels verdunkelt haben würde. Beständig hat dieser Maler der Himmel seine Engelsschönheiten mit einer Art ruhiger Freude, lieblicher Anmut begabt; welcher Geist wäre aber imstande gewesen, den Schleier von mit Hoffnung gepaarter Traurigkeit zu erfinden, der die unaussprechlichen in Seraphitus' Zügen herrschenden Gefühle auszudrücken vermocht hätte? Wer hätte selbst im freien Spiele der künstlerischen Phantasie, der alles möglich ist, den Schatten nachbilden können, den ein geheimnisvoller Schrecken über diese so verständige Stirn verbreitete, welche die höhere Sphären zu befragen und stets die Erde zu beklagen schien? Dieses Haupt vereinte den schwebenden Stolz des Raubvogels, dessen Schrei die Luft erschüttert, mit der Sanftmut der Turteltaube, deren Stimme die stillen Waldtiefen mit Zärtlichkeit erfüllt. Seraphitus' Farbe war auffallend weiß; rote Lippen, braune Augenbrauen und seidene Wimpern unterbrachen allein die Blässe eines Gesichts, dessen vollendete Regelmäßigkeit nicht im mindesten dem Abglanz der Leidenschaften schadete, die sich auf demselben nicht heftig und aufbrausend, sondern mit jenem natürlichen Ernste abspiegelten, den wir so gern den höhern Wesen beilegen. Alles drückte in diesem marmorgleichen Gesichte Kraft und Ruhe aus.

Minna erhob sich, um Seraphitus' Hand in der leisen Hoffnung zu ergreifen, ihn an sich zu ziehen und auf seine verführerische Stirn einen mehr von Bewunderung als Liebe entrissenen Kuß drücken zu können, allein ein Blick des Jünglings, ein Blick, der sie wie der Sonnenstrahl das Prisma durchdrang, machte die Jungfrau erstarren; sie fühlte ohne das Wie zu begreifen, einen Abgrund zwischen sich und ihm aufgetan, sie wendete den Kopf abseits und weinte. Plötzlich fühlte sie sich von mächtiger Hand umfaßt und eine Stimme voller Anmut sprach zu ihr: »Komm!«

Sie gehorchte, lehnte ihr schnell erfrischtes Haupt an die Brust des Jünglings, der sie, mit zarter Aufmerksamkeit seinen Schritt dem ihrigen anpassend, zu einer Stelle führte, von der sie die strahlenden Dekorationen der Nordlandsnatur ganz übersehen konnten.

»Bevor ich zu dir aufblicke und deinen Worten lausche, sage mir, Seraphitus, warum stößest du mich von dir? Mißfalle ich dir? Sprich. Nichts möchte ich mein nennen; alle meine irdischen Besitztümer möchte ich dein wissen, wie schon meines Herzens ganzer Reichtum dir gehört. Nur aus deinen Augen möchte ich Licht saugen, wie mein Gedanke nur in deinem Gedanken entspringt; dann würde ich nicht mehr dich zu beleidigen fürchten, wenn ich dir so den Widerschein deiner Seele, die Worte deines Herzens, das Leben deines Lebens zurückgebe, wie wir Gott die Betrachtungen zurückgeben, mit denen er unsern Geist nährt. Ich möchte du selbst sein!«

»Nun gut, armes Kind, ein unaufhörliches Verlangen ist ein uns von der Zukunft gemachtes Versprechen! Hoffe immer! Willst du aber rein bleiben, so mische immer den Gedanken an das höchste Wesen in deine irdische Liebe, dann wirst du alle Geschöpfe lieben, und dein Herz wird allumfassend werden.«

»Gern gehorche ich deinen Geboten,« antwortete sie, die Augen furchtsam gegen ihn aufschlagend.

»Ich darf nicht dein Gefährte werden,« sprach traurig Seraphitus.

Er unterdrückte seine weiteren Gedanken, streckte den Arm gegen Kristiania aus, das wie ein Punkt am äußersten Horizonte erschien, und sagte: »Sieh, Minna!«

»Wie sehr klein sind wir,« entgegnete sie.

»Ja, aber wir werden groß durch Gefühl und Verstand,« versetzte Seraphitus. »Bei uns allein, Minna, fängt die Erkenntnis der Dinge an; das wenige, was wir aus den Gesetzen der sichtbaren Welt erlernen, läßt uns die Unendlichkeit der höhern Welt entdecken. Ich weiß nicht, teure Minna, ob es an der Zeit ist, so zu dir zu reden, allein ich wünschte, dir die Glut meiner Hoffnung einzuflößen. Vielleicht werden wir eines Tages vereinigt in der Welt, wo Liebe nicht aufhört.«

»Warum nicht jetzt und für immer?« flüsterte sie leise.

»Nichts ist hienieden beständig,« entgegnete er verächtlich. »Die flüchtige Glückseligkeit der irdischen Liebe ist ein falscher Schimmer, der manchen Seelen die Morgenröte viel beständigerer Glückseligkeit entzieht. Ist unser gebrechliches Glück hienieden nicht Zeugnis eines andern vollkommenen Glücks, gleich der Erde, die als Bruchstück der Welt Zeugnis gibt vom ganzen Weltgebäude? Wir vermögen nicht den unermeßlichen Kreis des göttlichen Gedankens zu messen, von dem wir nur ein unendlich kleiner Teil sind, wir können aber dessen Ausdehnung ahnen, uns niederwerfen, anbeten, harren. Die Menschen trügen sich stets in ihren Wissenschaften, weil sie nicht einsehen wollen, daß alles auf ihrem Erdballe in irgend einer Beziehung steht und auf ihm einer allgemeinen Umwälzung einer fortwährenden Schöpfung untergeordnet ist, die notwendig ein Fortschreiten und ein endliches Ende nach sich ziehen muß. Der Mensch selbst ist keine beendigte Schöpfung, denn sonst könnte Gott nicht Gott sein.«

»Wie hast du nur die Zeit zur Erlernung so vielerlei Dinge gefunden?« fragte das Mädchen.

»Ich erinnere mich nur,« antwortete er.

»Schöner erscheinst du mir als alles, was ich erblicke,« fuhr sie fort, wahrscheinlich ohne seine tiefe Antwort verstanden zu haben.

»Wir sind eines der größten Werke Gottes. Verlieh uns nicht seine Gnade die Fähigkeit über die Wunder der Natur nachzudenken, sie in uns durch den Gedanken zu erweitern und sie als eine Stufe zu gebrauchen, um uns zu ihm empor zu schwingen? Wir lieben uns in dem Verhältnis des mehr oder weniger in unsern Seelen enthaltenen Lichts. Sei aber nicht undankbar, Minna, blicke auf das zu deinen Füßen ausgebreitete Schauspiel. Der Ozean entrollt sich gleich einem Teppiche, die Gebirge gleichen den Mauern eines Zirkus, der Himmel schwebt über dieser Schaubühne, wie ein ungeheurer runder Vorhang, und hier atmet man wie einen Balsamhauch die Gedanken Gottes ein. Sieh, Stürme, welche die mit Menschen beladenen Schiffe vernichten, erscheinen uns hier nur wie ein leichtes Aufsprudeln der Wasser, und hebst du dein Haupt himmelwärts, so blickst du in das große Sternendiadem. Hier verschwinden die Nuancen irdischer Worte. Hier, wo sich alles in weiten Raum auflöst, fühlst du nicht auch in dir mehr Tiefe als Geist? Mehr Größe als Begeisterung? Mehr Kraft als Begehren? Fühlst du nicht Regungen, für die in uns selbst kein Dolmetsch lebt? Fühlst du nicht Flügel? Laß uns beten.«

Und Seraphitus beugte das Knie, kreuzte seine Arme über die Brust, und Minna fiel auch weinend nieder. So verharrten sie einige Momente lang, und während dieser Zeit vergrößerte sich der in dem Himmel über ihnen schwebende blaue Lichtkreis, und leuchtende Strahlen hüllten sie ein, ohne daß sie es wußten.

»Warum weinst du nicht, wenn ich weine?« fragte Minna schluchzend.

»Geister weinen nicht,« antwortete Seraphitus, sich erhebend. »Warum sollte ich Tränen vergießen? Ich sehe nichts mehr vom menschlichen Elend, hier strahlt nur das Gute in voller Majestät; drunten hör ich banges Flehen auf der Harfe der Leiden unter den Fingern des gefangenen Geistes beben; hier hör ich den Einklang aller Harfen. Drunten habt ihr die Hoffnung, den schönen Keim des Glaubens; hier herrscht der Glaube, in dem sich die Hoffnung verwirklicht!«

»Nie wirst du mich lieben, ich bin zu unvollkommen und dir verächtlich.«

»Minna, das am Fuße der Eiche verborgene Veilchen denkt für sich: die Sonne liebt mich nicht, denn sie kommt nicht; die Sonne aber spricht: wenn ich scheine, so stirbt das arme Blümchen. Und als Freundin der Blume blicken ihre Strahlen nur verstohlen durch die Blätter der Eiche, und dämpfen ihr Feuer, um den Kelch der Geliebten anmutig zu färben. Ich glaube und fürchte, mich dir zu sehr entschleiert gezeigt zu haben. Du würdest zittern, kenntest du mich mehr. Höre! ich bin auf der Erde ohne Geschmack für eure Früchte, ohne Gemüt für eure Freuden. Leider verstehe ich alles, und bin, wie jene entnervten Kaiser des weltlichen Roms, so weit gekommen, daß alles mir nur Ekel verursacht. Denn ich habe die Gabe der Vision empfangen. Verlaß mich,« rief schmerzlich Seraphitus, setzte sich auf ein Felsstück und ließ das Haupt auf seine Brust sinken.

»Warum stürzest du mich so in Verzweiflung,« rief Minna.

»Geh,« fuhr Seraphitus auf; »ich besitze nichts von dem, was du von mir begehrst. Deine Liebe ist zu irdisch für mich. Warum liebst du nicht Wilfrid? Wilfrid ist ein Mann, ein durch Leidenschaften gestählter Mann, der wird dich in seine kraftvollen Arme schließen, der wird dich eine breite, starke Hand fühlen lassen. Er hat schöne schwarze Locken, Augen voller menschlicher Gedanken, ein Herz, das in den seinem Munde entströmenden Worten Lavaströme ergießt. Seine Liebkosungen werden dich vernichten. Er wird dein Geliebter, dein Gatte werden. Für dich paßt Wilfrid.«

Minna vergoß heiße Tränen.

»Wagst du zu behaupten, du liebtest ihn nicht?« fuhr er fort mit einer dolchartig zum Herzen dringenden Stimme.

»Barmherzigkeit, Barmherzigkeit, mein Seraphitus!«

»Liebe ihn, armes Erdenkind«, entgegnete der furchtbare Jüngling und leitete sie, von seinem Arme umfaßt, an den Rand des Söllers, wo eine so ausgebreitete Szene sich vor ihnen entfaltete, daß ein junges so aufgeregtes Mädchen wie Minna sich unschwer gänzlich der Welt entrückt glauben konnte. »Ich wollte dir dieses Stück des Erdenschmutzes zeigen, noch sehe ich dich aber an demselben hängen. Bleibe in ihm, genieße durch die Sinne, gehorche deiner Natur, erblasse mit Männern, erröte mit Frauen, spiele mit Kindern, bete mit Schuldigen, hebe deine Augen gen Himmel in deinen Schmerzen, zittere, hoffe, bebe; dir wird dein Gefährte zur Seite stehen, du wirst noch weinen, geben und empfangen können. Ich, ich gleiche einem von der Erde verjagten Ungeheuer. Mein Herz klopft nicht, ich lebe nur durch mich und für mich. Ich empfinde durch den Geist, ich atme durch die Stirn, ich sehe durch den Gedanken, ich sterbe aus Ungeduld und aus Verlangen. Kein Mensch hienieden hat die Macht, meine Wünsche zu erhören, meine Ungeduld zu dämpfen, ich habe Weinen verlernt. Ich ergebe mich und warte.«

Seraphitus schlug den Blick nieder zur blumigen Erde, auf die er Minna geführt hatte; dann wendete er sich gegen die schroffen Gebirge, deren wolkenbedeckten Gipfeln er den Rest seiner Gedanken zuzuwerfen schien.

»Hörst du nicht, Minna?« begann er endlich mit seiner Taubenstimme, denn der Adler hatte genug sich vernehmen lassen. »Möchte man nicht behaupten, man höre das Säuseln der Äolsharfen, die Eure Dichter in Wälder und Berge versetzen? Siehst du jene in den Wolken vorüberziehenden nebelhaften Gebilde? Diese Töne erquicken die Seele, bald wird der Himmel die Blüten des Frühlings herabschütteln, ein Lichtglanz ist dem Pole entströmt. Laß uns eilen, es ist Zeit.«

In einem Augenblicke waren ihre Schneeschuhe wieder angelegt, und beide eilten die steilen Hänge des Falbergs da hinab, wo er sich an die Täler der Sieg anschließt. Eine wunderbare Vorsicht leitete ihren Lauf, oder besser gesagt, ihren Flug. Stießen sie auf einen schneegefüllten Schlund, so umfaßte Seraphitus die zagende Minna und eilte blitzschnell so leicht wie ein Vogel über die dünne den Abgrund bergende Decke. In rascher Bewegung lenkte er sich oft ohne sichtbare Ursache mit seiner Gefährtin seitwärts, um einem Absturze, einem Baume, einem Felsstücke, die er unter dem Schnee zu erspähen schien, auszuweichen, wie manche dem Meere vertraute Seeleute verborgene Klippen an der Farbe, den Wirbeln des Wassers und anderen unbedeutend scheinenden Ursachen zu erraten wissen. Als sie endlich die Nähe der bewohnten Gegend erreichten und sie nun ohne Gefahr in gerader Richtung des Stromfjords bald erreicht hatten, hielt Seraphitus plötzlich.

»Du sagst mir nichts mehr, Minna?« fragte er das Mädchen.

»Ich glaubte,« antwortete sie ehrfurchtsvoll, »du wolltest ungestört deinen Gedanken nachhängen?«

»Laß uns eilen, meine Minetta, die Nacht bricht an,« entgegnete er.

Eisiger Schauer durchbebte Minna, als sie diese ganz fremde Stimme ihres Führers vernahm, die der klaren und feinen Stimme eines jungen Mädchens glich. Diese Töne verscheuchten gänzlich den phantastischen Traumglanz, in welchem sie sich bis jetzt befunden hatte, Seraphitus verlor allmählich seine männliche Kraft, und seinen Blicken entschwand der zu hohe Geist. Bald glitten die beiden zierlichen Gestalten über den Fjord, landeten an der Schneewiese, die sich zwischen dem Gestade des Meerbusens und den ersten Häusern von Jarvis hinlagerte, und eilten, von der hereinbrechenden Dunkelheit getrieben, zu dem Pfarrhause hinauf, als erklömmen sie die Rampe einer gewaltigen Auffahrt.

»Mein Vater wird unruhig sein,« meinte Minna.

»Nein!« entgegnete Seraphitus.

In diesem Augenblicke trat das Paar in die Pforte der demütigen Wohnung, in welcher der ehrwürdige Becker, Pfarrherr von Jarvis, in der Bibel lesend, seine Tochter zum Abendessen erwartete.

»Hier, lieber Herr Pastor,« sprach Seraphitus, »liefere ich Ihnen Ihre Minna frisch und gesund zurück.«

»Großen Dank, Fräulein,« antwortete der Greis und legte seine Brille auf das Buch. »Sie werden müde sein!«

»Keineswegs,« entgegnete Minna, die in diesem Augenblicke den küssenden Hauch ihrer Gefährtin auf der Stirne fühlte.

»Wollen Sie nicht morgen Abend, liebe Kleine, mit Ihrem Vater Tee bei mir trinken?«

»Sehr gerne, Liebe.«

»Sie bringen sie mir, Herr Pastor?«

»Ja wohl, Fräulein.«

Mit zierlicher Neigung des Hauptes grüßte Seraphitus den Alten, entfernte sich und langte in wenigen Augenblicken im Hofe des Schwedenschlosses an.

Ein fast achtzigjähriger Diener erschien mit einer Laterne unter dem ungeheuern Wetterdache. Mit anmutiger weiblicher Geschicklichkeit entledigte sich Seraphitus seiner Schneeschuhe, eilte in das geräumigste als Salon dienende Gemach des Schlosses, sank auf seinen großen mit Pelzwerk bedeckten Divan und legte sich nieder.

»Was wollen Sie genießen?« fragte der Greis und zündete die ungewöhnlich langen, in Norwegen gebräuchlichen Lichter an.

»Nichts, David, ich bin zu ermüdet.«

Seraphitus zog seinen Marderpelz aus, wickelte sich in ihn und entschlief. Der alte Diener betrachtete liebevoll noch einige Momente lang das vor seinen Augen ruhende sonderbare Wesen, dessen Geschlecht niemand zu enträtseln imstande gewesen wäre. Erblickte man diese hingegossene, in ihre gewöhnliche Kleidung gehüllte Gestalt, eine Kleidung, die ebensowohl einem Frauengewande als einem Männermantel glich, so hätte man darauf geschworen, die unter der Decke hervorschauenden Füße gehörten einem Mädchen, die dieses von der Natur empfangene zierliche Geschenk sehen lassen wolle, aber die Stirne, das Profil des Kopfs, schien dagegen wieder das Symbol der am höchsten ausgebildeten männlichen Stärke zu sein.

»Sie leidet und will mir es nicht vertrauen,« dachte der Alte; »sie stirbt gleich einer von einem zu heißen Sonnenstrahle getroffenen Blume.«

Und er weinte, der alte Mann!

*

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